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"content": "Bayerischer Landtag 16. Wahlperiode Drucksache 16/1982 02.09.2009 Schriftliche Anfrage Antwort des Abgeordneten Dr. Hans Jürgen Fahn FW des Staatsministeriums für Unterricht und Kultus vom 24.06.2009 vom 28.07.2009 Längere gemeinsame Schulzeit Zu 1.: Grundsätzlich ist festzuhalten, dass Studien bzw. For- In einem Brief an den Abgeordneten Dr. Hans Jürgen Fahn schungsprojekte zu bestimmten wissenschaftlichen, pädago- vom 02.04.2009 schrieb Kultusminister Ludwig Spaenle: gischen oder (entwicklungs-)psychologischen Fragestellun- „Am erfolgreichen bayerischen Schulsystem wird auch gen durchgeführt werden. Die dabei gewonnenen Ergebnis- zukünftig festgehalten, da unabhängige Studien ergeben ha- se lassen dann auch Aussagen zu möglichen Einflüssen der ben, dass die in Bayern und den meisten anderen Bundeslän- Schulstruktur auf Lern- und Entwicklungsstände zu. Wenn dern praktizierte Differenzierung in unterschiedliche Bil- dennoch angesichts der Ergebnisse dieser Studien eine kon- dungsgänge nach Jahrgangsstufe 4 eine wichtige Vorausset- krete bildungspolitische Maßnahme gefordert wird, ist das zung dafür ist, dass Kinder möglichst begabungsgerecht ge- darauf zurückzuführen, dass ein Kausalzusammenhang zwi- fördert werden.“ schen Rahmenbedingungen und Ergebnissen postuliert wird, den es nach Aussagen der verantwortlichen Wissenschaftler Weiter schreibt Kultusminister Spaenle: „Zahlreiche empiri- nicht gibt, weil allenfalls Korrelationen vermutet werden sche Bildungsforscher weisen seit Jahren darauf hin: Wenn können. ungleiche individuelle Lernvoraussetzungen schulisch Ein tabellarischer Überblick über diejenigen Studien, die Ar- gleich behandelt werden, führt das eher zu einer weiteren gumente für eine frühe, begabungsgerechte Förderung der Vergrößerung unerwünschter Leistungsunterschiede.“ Schülerinnen und Schüler in unterschiedlichen Bildungsgän- gen liefern, findet sich in der Anlage. Es muss jedoch festge- Ich frage die Staatsregierung: stellt werden, dass auch die in dem tabellarischen Überblick aufgeführten Studien keine expliziten bildungspolitischen 1. Um welche Studien handelt es sich? Wer ist der jeweili- Forderungen oder Aussagen enthalten; denn das ist nicht ge Autor und welches ist der konkrete Inhalt der Studien Aufgabe eines Forschungsvorhabens und wäre auch kaum im Überblick? mit der gebotenen wissenschaftlichen Objektivität vereinbar. 2. Sind dem Staatsministerium für Unterricht und Kultus Zu 2.: auch Studien bekannt, die zu einem anderen Ergebnis Auch die Ergebnisse der in den letzten Jahren international kommen und eine gemeinsame Schulzeit von 6 Jahren durchgeführten Schulleistungsstudie PISA liefern keine Be- oder länger fordern? Wenn ja, welche? Wie bewertet das lege für einen positiven Zusammenhang zwischen der Dauer Staatsministerium für Unterricht und Kultus dann diese der in einem Bildungssystem vorgesehenen gemeinsamen Studien? Schulzeit und dem von den Schülerinnen und Schülern er- reichten durchschnittlichen Leistungsniveau. Daran ändern 3. Wie heißen die Bildungsforscher, die der Kultusminister auch die ständig von interessierter Seite wiederholten Aussa- im Schreiben vom 02.04.2009 erwähnt hat, und in wel- gen zu vermeintlichen Vorteilen bei stärker integrierender chen Studien sind diese Hinweise veröffentlicht worden? und längerer gemeinsamer Beschulung nichts. Staaten wie Finnland, die bei PISA 2006 sehr gut abgeschnitten haben, 4. Sind dem Kultusministerium auch Studien bekannt, die weisen in der Tat stärker integrierende Systeme mit einer zu anderen Ergebnissen wie in 3. kommen? Wenn ja, späteren Differenzierung in unterschiedliche Bildungsgänge welche, und warum werden diese dann vom KM abge- auf. Dies ist aber kein Beleg für eine grundsätzlich höhere lehnt? Leistungsfähigkeit von stärker integrierenden Schulsyste- men: vielmehr gibt es eine Vielzahl von Staaten mit integrie- rendem Schulsystem (z. B. Luxemburg, Norwegen, Frank- reich), die bei PISA 2006 in allen drei getesteten Kompe- tenzbereichen (Lesen, Mathematik und Naturwissenschaf- ten) wesentlich schlechtere Ergebnisse erzielt haben als Staaten mit stärker gegliedertem Schulsystem. Die Spit- zenergebnisse von Staaten wie Finnland bei PISA lassen sich also ganz offensichtlich nicht in erster Linie durch die äuße- ren Strukturen der dortigen Schulsysteme erklären. Beim innerdeutschen Vergleich im Rahmen von PISA 2003 und ______ Drucksachen, Plenarprotokolle sowie die Tagesordnungen der Vollversammlung und der Ausschüsse sind im Internet unter www.bayern.landtag.de - Parlamentspapiere abrufbar. Die aktuelle Sitzungsübersicht steht unter www.bayern.landtag.de - Aktuelles/Sitzungen/Tagesübersicht zur Verfügung.",
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"content": "Seite 2 Bayerischer Landtag · 16. Wahlperiode Drucksache 16/1982 2006 haben die Länder, die ein klar gegliedertes Schulsystem Zu 3. und 4.: haben, wie z. B. Bayern, sogar deutlich bessere Leistungen Konkrete Beispiele finden sich in dem als Anlage beigefüg- erzielt als Länder mit hohem Gesamtschulanteil: ten Überblick. Im Aufsatz „Bildungsgang und Schulstruktur“ von Professor PISA-E (Ländervergleich) 2003: Jürgen Baumert und Dr. Cordula Artelt (Pädagogische Führung 4/2003) werden die wesentlichen Aspekte der Testbereich Mittelwert Mittelwert Mittelwert Mittelwert Mittelwert „Schulstrukturdiskussion“ dargestellt. Dort heißt es: „In Bayern Berlin Brandenburg Nieder- Deutsch- Deutschland wird die Frage der pädagogischen Gestaltung sachsen land der Schule immer neu überlagert von der Diskussion über die Mathematik 533 488 492 494 503 Organisationsstruktur des allgemeinbildenden Schulwesens. (OECD-Mittel- wert 500) Kontrovers ist, wie lange alle Schüler in der Grundschule und darüber hinaus gemeinsam lernen sollen und zu wel- Lesen 518 481 478 481 491 (OECD-Mittel- chem Zeitpunkt eine horizontale Schulstruktur durch die ver- wert 494) tikale Gliederung nach Schulformen abgelöst werden kann. Natur- 530 493 486 498 502 In diesem dogmatisch geführten Strukturstreit gerät nicht nur wissenschaften regelmäßig die Dialektik von innerer und äußerer Schulre- (OECD-Mittel- wert 500) form aus dem Blick, sondern es geht jedes Verständnis für die Anschlussfähigkeit von Traditionen für Reformmaßnah- PISA-E (Ländervergleich) 2006: men verloren – ja, es werden sogar sich faktisch vollziehen- de Modernisierungsprozesse systematisch übersehen.“ Testbereich Mittelwert Mittelwert Mittelwert Mittelwert Mittelwert Bayern Berlin Brandenburg Nieder- Deutsch- sachsen land Und an anderer Stelle heißt es: „Behält man die generelle Entwicklung moderner Schulsysteme nach dem Zweiten Mathematik 522 495 500 489 504 Weltkrieg im Blick und vergegenwärtigt sich das Zusam- (OECD-Mittel- wert 498) menspiel von Strukturreform und daran anschließender Mo- Lesen 511 488 486 484 495 dernisierung, lässt sich aus den internationalen Leistungsver- (OECD-Mittel- gleichen kein wirklich zwingendes Argument für oder gegen wert 492) Strukturentscheidungen gewinnen. Es gibt – je nach Domä- Natur- 533 508 514 506 516 ne unterschiedlich – Beispiele für hervorragende und weni- wissenschaften ger hervorragende Leistungsergebnisse sowohl in früh als (OECD-Mittel- auch in spät differenzierenden Systemen. Auch der inner- wert 500) deutsche Systemvergleich bestätigt dies. Das Einheitsschul- Für das Staatsministerium liefern die angeführten Studien In- system der (ehemaligen) DDR wies in den jetzigen Ländern formationen, die immer sehr differenziert und im Blick auf Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt in der Mit- das Forschungsziel hin betrachtet werden müssen. Dies ge- telstufe zwar bessere mittlere Leistungen in Kernfächern bei schieht einerseits im Bereich der Wissenschaft durch Reana- zugleich geringerer Streuung auf als das gegliederte System lysen von Studien bzw. vertiefende Studien zu einem in Nordrhein-Westfalen, ohne damit aber das Leistungsni- Aspekt. veau Bayerns oder Baden-Württembergs zu erreichen – ge- schweige denn einen internationalen Spitzenplatz.“",
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"content": "Anlage: Anfrage MdL Dr. Hans Jürgen Fahn, längere gemeinsame Schulzeit Überblick über die wichtigsten Studien, die dem differenzierten Schulsystem eine hohe Wirksamkeit bescheinigen: Drucksache 16/1982 Titel der Studie Autor/en Laufzeit/ Inhalt Ergebnisse Ersch.jahr BiJu-Studie Prof. Baumert / 1991 - Untersuchung von Bildungsverläufen Die fachspezifische Leistungsentwicklung an den „Bildungsverläufe und Prof. Köller 1998 und der psychosozialen Entwicklung einzelnen Schulformen verläuft unterschiedlich. Die psychosoziale im Jugend- und Erwachsenenalter stärksten Leistungszuwächse zeigen Jugendliche Entwicklung im auf dem Gymnasium, gefolgt von der Realschule, der Jugendalter“, Gesamtschule und der Hauptschule. Kooperationsprojekt Max- Planck-Institut für Bildungsforschung und Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) Entwicklung im Prof. Weinert, Prof. 1997 Entwicklungsstand von Viertklässlern Nachweis, dass sich spätestens ab der 4. Grundschulalter Helmke Jahrgangsstufe die individuelle Leistungsfähigkeit im Vergleich zur gleichaltrigen Bezugsgruppe bei der Mehrzahl der Schüler nur noch unwesentlich verändert. Bayerischer Landtag LAU-Studie (Aspekte der Prof. Lehmann 1996- Vergleich von Schülern der Klassen 5, Lernstandsunterschiede von bis zu 2 Jahren Lernausgangslage und 2004 7, 9, 1 und 13 an Gymnasien und zugunsten des Gymnasiums · der Lernentwicklung von Gesamtschulen Schülern an Hamburger Schulen) TOEFL-Test (Test of Prof. Baumert / 2004 Vergleich von Oberstufenschülern in Die Chance, einen TOEFL-Wert von 500 zu erreichen English as a foreign Prof. Köller Ba-Wü und NRW (also ein sehr gutes Sprachniveau) ist auf einem language) Gymnasium 17mal so hoch wie auf einer Gesamtschule 16. Wahlperiode LIFE-Studie Prof. Fend 2008 Untersuchung von Lebensverläufen Leistungsheterogenität einer Lerngruppe wirkt sich von der späten Kindheit ins frühe nicht positiv auf sozial benachteiligte Schüler aus. Erwachsenenalter Vielmehr ist die Qualität der schulischen Arbeit entscheidend. Fend fordert „pragmatische Lösungen“: Von jedem Standpunkt in einem Bildungssystem muss jeder Abschluss möglich sein. Seite 3",
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