Der braune Adel und die Nazis: Wir veröffentlichen die Briefe von Kronprinz Wilhelm an Hitler

Das Adelsgeschlecht der Hohenzollern fordert Millionen Euro vom deutschen Staat, um für Enteignungen vor Jahrzehnten entschädigt zu werden. Dabei setzte sich Kronprinz Wilhelm zuvor für die Nazis ein. Wir veröffentlichen Briefe des Adligen an Hitler, die die Unterstützung Wilhelms für die Nationalsozialisten zeigen.

Adolf Hitler und Kronprinz Wilhelm im Jahr 1933 beim "Tag von Potsdam" –

„Gott schütze Sie und unser Deutsches Vaterland! Sieg Heil!“ Als der deutsche Kronprinz Wilhelm, Sohn des abgedankten Hohenzollern-Kaisers Wilhelm II, im Juni 1940 vom Sieg der Nazi-Truppen gegen Holland, Belgien und Frankreich erfuhr, überschlug er sich vor Begeisterung für den Feldzug – und den Oberbefehlshaber dahinter. In einem Schreiben ans Führerhauptquartier lobte er Adolf Hitler in höchsten Tönen. Dank seiner „genialen Führung“, der „unvergleichlichen Tapferkeit unserer Truppen“ und „ihrer erstklassigen Bewaffnung“, sei es gelungen, die anderen europäischen Ländern zur Kapitulation zu zwingen.

Der Zuspruch des Hauses Hohenzollern für die nationalsozialistische Diktatur ist in diesen Tagen wieder ein Thema in der deutschen Öffentlichkeit. Der Grund: Die Adligen wollen Geld vom deutschen Staat. Und das nicht zu knapp. Der Hohenzollern-Erbe Georg Wilhelm fordert vom Land Brandenburg 1,2 Millionen Euro sowie Kunstwerke und ein Wohnrecht im Schloss Cecilienhof als Entschädigung dafür, dass die Adelsfamilie zu DDR-Zeiten enteignet wurde.

Bewunderung zu jedem Führergeburtstag

Um die Entschädigungsforderungen streiten sich Adlige und Staat inzwischen vor Gericht. Die Kernfrage dabei ist vor allem: Hat das Haus Hohenzollern seinen Anspruch auf Entschädigungen verwirkt, weil es das Naziregime unterstützt hat?

Wir veröffentlichen Korrespondenz des Kronprinzen Wilhelm mit Hitler und der Reichskanzlei aus den Jahren 1933 bis 1940, die in der Berliner Dependance des Bundesarchivs zu finden sind (Aktenzeichen: BAB, R 43/40-3). Die Briefe belegen, dass Wilhelm ein überzeugter Nationalsozialist war, der Hitler wiederholt seine Hilfe anbot.

So gratulierte Wilhelm dem Diktator jährlich zu seinem Geburtstag und zu Neujahr. Auch zum Tod des „Vaters der SS“ und Leibwächter Hitlers, Julius Schreck, kondolierte Wilhelm Hitler „[i]n unveränderter Gesinnung“. Über die Jahre blieben Wilhelms Grußschreiben tatsächlich unverändert euphorisch. Im Dezember 1936 etwa übermittelte Wilhelm an Hitler seine „aufrichtigsten Wünsche“ für Hitlers „segensreiche Tätigkeit zum Wohle unseres geliebtes Volkes und Vaterlandes“.

Geburtstagsgrüße von Wilhelm an Hitler 1936

Geburtstagsgrüße von Wilhelm an Hitler 1936
Wiederum nach der Teilnahme an der Propagandaveranstaltung zum "Heldengedenktag" gratuliert Wilhelm Hitler euphorisch zum Geburtstag.

Damit knüpfte Wilhelm an eine lange gemeinsame Geschichte mit den Nazis an. Bereits im Jahr 1926 – also sieben Jahre vor der Machtübergabe an die Nationalsozialisten – hatte er Hitler auf seinem (später von den Sowjets enteigneten und jetzt im Mittelpunkt der Entschädigungsverhandlungen stehenden) Schloss Cecilienhof empfangen. Während eines weiteren Besuchs 1932 schlug Wilhelm Hitler vor, dass Wilhelm Reichspräsident werden könne und Hitler „unter ihm“ Kanzler. Nachdem dies aufgrund eines Verbots durch seinen Vater scheiterte, rief Wilhelm zur Wahl Hitlers auf. In der Folge brüstete er sich damit, den Nazis zwei Millionen Stimmen eingebracht zu haben. Auch nach der Machtübergabe an die Nazis 1933 zeigte er sich bei Propagandaveranstaltungen der NSDAP, unter anderem am 21. März beim „Tag von Potsdam“.

Glückwunsch zum Krieg

Dass Wilhelm nicht nur eine Unterstützung vorgab, um Schlimmeres abzuwenden – wie derzeit das Haus Hohenzollern in den Entschädigungsverhandlungen argumentiert – ergibt sich auch aus späteren Schreiben Wilhelms. Nach dem Überfall auf Böhmen und Mähren und der anschließenden Annexion der Gebiete an Nazideutschland im Jahr 1938 übermittelte Wilhelm Hitler seine „Gefühle der Bewunderung“ und „aufrichtigen Glückwünsche“.

Glückwunschschreiben zum Überfall auf Böhmen und Mähren

Glückwunschschreiben zum Überfall auf Böhmen und Mähren

Kurz nach Kriegsbeginn im September 1939 bat er Hitler, an „militärischer Stelle“ im Krieg „verwandt zu werden“. In Bezug auf seinen Sohn, der ebenfalls Wilhelm hieß, geschah dies tatsächlich. Er starb im Mai 1940 bei Kämpfen während des Überfalls auf Frankreich. Der Chef der NS-Reichskanzlei und spätere Kriegsverbrecher Hans Lammers kondolierte Wilhelm daraufhin schriftlich.

Der Tod seines Sohnes tat der Nazi-Begeisterung des Kronprinzen allerdings keinen Abbruch. Schon einen Monat später gratulierte Wilhelm Hitler dazu, dass Deutschland dank der „genialen Führung“ seine Feinde zur Kapitulation gezwungen habe. Jetzt sei der Weg frei für die „endgültige Abrechnung mit dem perfiden Albion“, wie Nationalsozialisten den „britischen Feind“ nannten.

Glückwunsch zum Krieg

Glückwunsch zum Krieg
Nur einen Monat nach dem Kriegstod seines Sohnes gratuliert Wilhelm Hitler zum Sieg über Holland, Belgien und Frankreich. Zudem hofft er, dass die „endgültige Abrechnung" mit dem „perfiden Albion“ - gemeint ist Großbritannien - bevorsteht.
Hervorhebung von uns

Keine Distanzierung, keine öffentlichen Quellen

Wilhelm überlebte den Krieg. In den darauffolgenden Jahren distanzierte er sich nicht von den Nationalsozialisten – auch nicht bis zu seinem Tod im Jahr 1951. Zwar fand zu Wilhelm nach dem Krieg vermutlich ein Entnazifizierungsverfahren in der ehemaligen Residenzstadt Hechingen statt. Trotzdem finden sich die dazugehörigen Akten und Beweise nicht im zuständigen Staatsarchiv Sigmaringen. Hinweise darauf, wo diese Unterlagen verblieben sind, liegen dem Archiv nicht vor.

Eine kontroverse Diskussion über die Rolle Wilhelms fand im Nachkriegsdeutschland nicht statt. Neben einigen wohlwollenden apologetischen Veröffentlichungen zu Wilhelm gibt es bis heute kaum systematische Forschungen zur Rolle der Adelsfamilie im Nationalsozialismus, was auch die Klärung der Klage um die Entschädigungsforderungen erschwert. Gegen kritische Berichterstattung gehen die Hohenzollern zudem teils strafrechtlich vor.

Die Quellenlage ist ein weiteres Problem: Während das Bundesarchiv – wie im Fall der von uns veröffentlichten Briefe – einige Dokumente zu Wilhelm bereithält, liegt ein großer Teil des adligen Nachlasses in Privatarchiven der Hohenzollern, die nicht öffentlich zugänglich sind. Eine unabhängige Forschung zu den Hohenzollern ist also kaum möglich, weil ein großer Teil des adligen Besitzes nicht enteignet wurde.


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→ Die Dokumente zum braunen Adel

Reichskanzlei
Sehr verehrter Herr Staatssekretär!
Lieber Lammers!

Seine Kaiserliche Hoheit der Kronprinz, zurzeit in Oels, hat mich wissen lassen, dass er sich in der vorigen Woche an Sie zwecks Herbeiführung einer Zusammenkunft mit dem Herrn Reichskanzler gewandt und vorbehaltlich des noch zu bestimmenden Zeitpunktes eine grundsätzlich zusagende Antwort erhalten habe. Der Kronprinz hat gebeten, dass ich dieser Zusammenkunft beiwohnen soll. Er würde sich ungemein freuen, wenn der Herr Kanzler Sie mitbringen würde. Falls es Ihre stark besetzte Zeit ermöglichen sollte, wäre ich Ihnen, lieber Lammers, sehr dankbar, wenn ich Sie vor dieser Zusammenkunft einmal kurz spreche dürfte. Vielleicht haben Sie die Liebenswürdigkeit, mich wissen zu lassen, wo ich Sie einmal aufsuchen darf.
Mit herzlichen Grüssen in alter 51er Kameradschaft und der Bitte um Empfehlungen an Ihre sehr verehrte Frau Gemahlin
Ihr  Foerster
Auffassung Seiner Königlichen Hoheit des Herzogs von Coburg trifft also insoweit zu, als es sich um Orden handelt, die von ehemaligen Landesherren vor dem 17. November 1935 verliehen worden sind.
Heil Hitler!
Ihr sehr ergebener
Sehr verehrter Herr Reichskanzler!
Mein Führer!
Ihnen auch zu diesem Jahreswechsel meine herzlichsten und aufrichtigsten Wünsche für Ihr persönliches Wohlergehen und für das Wohl unseres geliebten Vaterlandes übermitteln zu können, ist mir ein Bedürfnis.
In der Hoffnung, Anfang des Jahres die Freude zu haben, Sie wiederzusehen, verbleibe ich mit herzlichen Grüssen

Ihr getreuer Wilhelm
Der Staatssekretär und Chef der Reichskanzlei 
Berlin, den 24. April 1935.

Berlin, den 18. April 1935. Unter den Linden 36. 
An den Führer und Reichskanzler des Deutschen Reiches Herrn Adolf Hitler

Sehr verehrter Herr Reichskanzler!

Zu Ihrem Geburtstage sende ich Ihnen meine aufrichtigsten und herzlichsten Glückwünsch! Möge das neue Lebensjahr Ihnen beste Gesundheit und vollen Erfolg auf allen Gebieten, besonders aber in aussenpolitischer, wirtschaftlicher und innerpolitischer Beziehung bringen. Die dem deutschen Volke durch Sie wiedergegebene Wehrfreiheit hat uns alle glücklich gemacht und freudigen Herzens wird jeder deutsche Mann am weiteren Aufbau unseres Vaterlandes mitarbeiten. 

Dankbar der Aussprache gedenkend, bei der verschiedene Mißverständisse ausgeräumt werden konnten, möchte ich dem Wunsche Ausdruck geben, bei gegebener Gelegenheit mich wieder einmal mit Ihnen unterhalten zu können.
Die Zusammentreffen gelegentlich des Heldengedenktages und bei der Eröffnung der Ausstellung über die polnische Kunst waren mir eine große Freude!

In besonderer Verehrung verbleibe ich mit nochmaligen Wünschen und besten Grüssen

Ihr getreuer Wilhelm
Der Staatssekretär und Chef der Reichskanzlei 

Reichsdiensttelegramm:
Seine Kaiserliche Hoheit Kronprinz Wilhelm von Preußen 

Ce c i 1 i e n h o f bei Potsdam. 
Der Führer und Reichskanzler hat mich beauftragt, Euer Kaiserlichen Hoheit seinen aufrichtigen Dank für das gütige Glückwunschschreiben vom 18.d.Mts. zu übermitteln. Staatasekretär und Chef der Reichskanzlei Dr.Lammers.
Carl Eduard
Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha

Berlin, den 27. November 1935
Privat!

Lieber Lammers!
Nord erzählt mir von Ihrer gestrigen Unterhaltung über den Hohenzollernschen Hausorden. Erlauben Sie mir hierzu einige private Worte:

ich bin über den Genehmigungsantrag der Königlichen Verwaltung ehrliche erstaunt. Nachdem ich unter dem 7. Dezember 1932 an den Kaiser den Antrag auf Beleihung meiner damaligen Mitarbeiter Friedrichs, Hildebrandt, Nord gestellt und der Kaiser mir denselben unter dem 17. Dezember 1932 nicht nur genehmigt, sondern bereits auch den 27. Januar 1933 als Verleihungstermin schriftlich festgelegt hatte, war der Königlichen Verwaltung ja reichlich Zeit gegeben, die Aushändigung der Insignien vorzunehmen.

Wieso es einer nachträglichen Genehmigung bedarf, einen Hohenzollernschen Hausorden zu verleihen, der nach einem mir gegebenen Kaiserlichen Wort unter dem 27. Januar 1933 ausgefertigt werden sollte, verstehe ich nach dem Wortlaut des neuesten Gesetzes nicht. Ich weiss aber, dass weder mich noch die oben genannten Herren ein anderes Verleihungsdatum interessiert.

Ich hielt mich für verpflichtet, Ihnen, lieber Lammers, diese meine Stellungnahme darzulegen, damit keine falschen Bilder entstehen. Ich bedauere es, offen gestanden, dass die Königliche Verwaltung Sie durch einen mir nach jeder Richtung hin unverständlichen Antrag in die zwangsläufig sich ergebende Situation eines ablehnenden Bescheids bringt.

In der angenehmen Hoffnung, dass Ihnen der gestrige Abend gut bekommen ist, verbleibe ich mit der Bitte um Empfehlung an Ihre sehr verehrte Frau Gemahlin

Ihr Ihnen stets getreuer
Berlin W 8, den 29.Dezember 1935.

Sehr verehrter Herr Reichskanzler! Zum Beginn des Jahres 1936 möchte ich Ihnen die herzlichsten Wünsche für Ihr persönliches Ergehen und für eine weitere segensreiche Tätigkeit zum Wohle unseres geliebten Volkes aussprechen. Das vergangene Jahr war reich an Mühe und Arbeit. Dankbar gedenkt das Deutsche Volk Ihres Verdienstes, Deutschland durch alle Wirnisse der Zeit mit Erfolg hindurchgesteuert zu haben. Stolz aut die wiedererlangte Wehrhoheit und Wehrfreiheit bringen alle national gesinnten Deutschen den Wunsch Ausdruck, auch Ihre weitere Arbeit möge von Gottes Segen begleitet sein. 
Mit herzlichen Grüssen Ihr getreuer Wilhelm
Der Staatssekretär und Chef der Reichskanzlei 

Seiner Kaiserlichen Hoheit Kronprinz Wilhelm von Preußen 
Unter den Linden 36 
Berlin W8

Der Führer und Reichskanzler hat mich beauftragt Euer Kaiserlichen Hoheit seinen aufrichtigen Dank für die Glückwünsche zum Jahreswechsel zu übermitteln Punkt Für die mir ausgesprochenen Wünsche danke ich ehrerbietigst ich bitte Eure Kaiserliche Hoheit auch meine aufrichtigen Glückwünsche zum Jahreswechsel gütigst entgegennehmen zu wollen

Der Staatssekretär und Chef der Reichskanzlei Dr. L a m m e r s
Bild des Autors

Arne Semsrott

Arne ist Journalist und Projektleiter von FragDenStaat.

E-Mail: arne.semsrott@okfn.de (PGP)

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