Baden-Württemberg: Eine KZ-Gedenkstätte als Viehweide

Seit 2014 gibt es in Radolfzell am Bodensee eine Gedenkstätte für ein Außenlager des KZ Dachau. Teile der Fläche werden allerdings als Viehweide genutzt – nach Aussage der Stadtverwaltung, damit das Gelände nicht verwildert.

1941 entstand in der Stadt Radolfzell in Baden-Württemberg ein Außenlager des KZ Dachau. 113 Menschen mussten dort unter anderem den Bau eines Schießstandes vollenden, der anschließend von den Einheiten der Waffen-SS der Radolfzeller Unterführerschule genutzt wurde.

Von den Häftlingen wurde schwerste körperliche Arbeit gefordert, während sie unter unmenschlichen Bedingungen in einem Pferdestall untergebracht waren. Zwischen 1941 und 1943 kam es zudem zu mehreren Morden an den Zwangsarbeitenden. Zwei der ermordeten Häftlinge sind namentlich bekannt: Jacob Dörr und Fritz Klose.

Auf anhaltenden Druck der Zivilgesellschaft wurde das Areal des ehemaligen Schießstandes 2014 vom Land Baden-Württemberg als Gedenkstätte anerkannt. Die Stadtverwaltung Radolfzell hinderte das allerdings nicht daran, die nördliche Hälfte des Langbahn-Areals ab 2017 als Viehweide zur Verfügung zu stellen. Seitdem weiden u.a. Ziegen auf dem Gelände. Es besteht kein Nutzungsvertrag mit dem Landwirt.

Teil der Fläche mit Elektrozaun abgegrenzt

Wie die Antwort der Stadtverwaltung auf eine Anfrage nach dem Informationsfreiheitsgesetz zeigt, sieht sie dies als „natur-, umwelt- und klimafreundlichen Weg“, um zu verhindern, dass die im Wald gelegene Gedenkstätte verwildert.

Dabei nehmen die Verantwortlichen offenbar in Kauf, dass ein erheblicher Teil der Gedenkstätte über längere Zeiträume im Jahr mit einem Elektrozaun abgegrenzt ist, wodurch ein Begehen dieses Teils unmöglich ist. „Damit wird ein auch nur im Ansatz würdiges Gedenken verhindert“, sagt einer der Aktiven der Initiative für Offenes Gedenken in Radolfzell gegenüber FragDenStaat.

Auch um andere Aspekte der Gedenkpolitik in Radolfzell gibt es seit Jahren Auseinandersetzungen. Auf dem städtischen Luisenplatz steht noch heute ein 1938 errichtetes NS-Ehrenmal. Es zeigt zwei überlebensgroße bewaffnete Soldaten in Uniform und trug bis 1958 die Inschrift: „Die Stadt Radolfzell ihren im Weltkriege 1914-1918 gefallenen Helden“.

Auf Tafeln, die 1958 zusätzlich in Gedenken an die Toten des zweiten Weltkrieges angebracht wurden, finden sich nicht etwa die Namen der ermordeten Häftlinge des KZ-Außenlagers oder getöteter Zivilist*innen, sondern die Namen mehrerer hundert Wehrmachtsoldaten sowie von rund hundert Angehörigen der Waffen-SS, darunter der Kriegsverbrecher Joachim Rumohr sowie der erste SS-Kasernenkommandant Heinrich Koeppen. 2011 wurde über diesen Namen folgende Inschrift angebracht: „Radolfzell gedenkt der Opfer der Gewaltherrschaft und der Toten aller Kriege.“ Eine Differenzierung der „Opfer“ erfolgte nicht.

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Arne Semsrott

Arne ist Journalist und Projektleiter von FragDenStaat.

E-Mail: arne.semsrott@okfn.de (PGP)

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