Zwischenbilanz beim Klima-Gebäude-Check: 87 Prozent der Gebäude erhalten eine Rote Karte

Der Klima-Gebäude-Check der Deutschen Umwelthilfe (DUH) gemeinsam mit FragDenStaat zeigt in einer ersten Zwischenbilanz alarmierende Ergebnisse beim Klimaschutz öffentlicher Gebäude.

Bei dem Klima-Gebäude-Check können Bürgerinnen und Bürger die Energieausweise von öffentlichen Gebäuden abfragen. Von bisher 2226 gestellten Anfragen liegen aktuell nur 253 Energieausweise vor. Davon erhalten 87 Prozent der Gebäude eine Rote Karte, knapp 10 Prozent eine Gelbe Karte und nur 3 Prozent sind mit einer Grünen Karte auf einem guten Weg, die Klimaziele zu erreichen.

Gebäude mit Roten Karten konnten entweder nur die kaum aussagekräftigen Verbrauchsweise vorgelegen, sodass eine Beurteilung gar nicht erst möglich ist oder sie besitzen einen massiven Energiebedarf. Auch Gebäude mit Gelben Karten haben deutlichen Sanierungsbedarf. Erschwerend kommt hinzu, dass für viele Gebäude gar keine Ausweise vorgelegt wurden und bei mehr als 20 Prozent der angefragten Gebäude die Ausweise abgelaufen sind.

Bund und Länder behandeln Klimaschutz stiefmütterlich

„Mich erschrecken die Ergebnisse unseres Klimagebäudechecks zutiefst, denn sie legen schonungslos offen, wie stiefmütterlich der Bund und die Länder mit den Klimaschutzanforderungen in Gebäuden umgehen. Die Stichproben zeigen, dass nur ein Bruchteil unserer Schulen, Rathäuser, Schwimmbänder und Co. in einem Zustand ist, der mit den Klimazielen kompatibel ist. Wir wollen erreichen, dass für alle öffentlichen Gebäude die Energieausweise vorgelegt werden. Deshalb richten wir unseren Appell an die Bürgerinnen und Bürger, weiter nachzufragen. Wir brauchen noch 2021 Sanierungsfahrpläne für die Bundes- und Landesliegenschaften mit einem konkreten Zeitplan, der gewährleistet, dass der klimaneutrale Gebäudebestand bis 2050 für die öffentlichen Gebäude sichergestellt wird“, so Barbara Metz, Stellvertretende Bundesgeschäftsführerin bei der DUH.

Problematisch ist außerdem, dass in Deutschland zwei Formen von Energieausweisen zugelassen sind, der aussagekräftige Bedarfsausweis und der Verbrauchsausweis. Bedarfs-Energieausweise geben den energetischen Standard eines Gebäudes vergleichbar und aussagekräftig an. Verbrauchsausweise dagegen basieren nur auf alten Verbrauchsdaten und lassen keinen Vergleich mit anderen Gebäuden zu. Von den 253 vorgelegten Energieausweisen sind 71 Prozent Verbrauchsausweise. Die DUH fordert deshalb den zuständigen Bundesminister Peter Altmaier auf, diesen bekannten Missstand aufzulösen und die Erstellung von Bedarfsausweisen für alle öffentlichen Gebäude, aber auch alle privaten und gewerblich genutzten Gebäude verpflichtend vorzuschreiben.

Rathäuser schneiden schlecht ab

Keines von den über 40 Rathäusern, die einen Energieausweis vorlegen konnten, ist aktuell mit den Klimazielen kompatibel. Für die denkmalgeschützten Rathäuser in München und Köln veröffentlichten die Behörden lediglich Verbrauchsausweise. Das Hamburger Rathaus besitzt überhaupt keinen gültigen Energieausweis.

Das Rote Rathaus konnte zwar einen gültigen Bedarfsausweis vorlegen, zeigt mit einem Primärenergiebedarf von 140 kWh/m2 im Jahr allerdings einen viel zu hohen Energiebedarf. Teilweise wiesen die vorgelegten Energieausweise Werte von über 500 kWh/m² im Jahr aus, wie das Stadthaus in Bonn mit sogar 524 kWh/m² im Jahr. Katastrophal ist die Situation auch bei Schulen, von denen Energieausweise vorliegen: Von 65 Schulen sind 30 Prozent der Energieausweise ungültig, nur 1,5 Prozent der Schulen erhalten eine Grüne Karte.

Ohne Transparenz und Vergleichbarkeit keine Orientierung

Die Ergebnisse legen nahe, dass sowohl die Bundesregierung als auch die Landesregierungen in weiten Teilen der energetische Zustand der eigenen Gebäude unbekannt ist. Dies ist problematisch, weil sich die Bundesregierung auf den klimaneutralen Gebäudebestand im Jahr 2050 geeinigt hat und die Sanierungen für öffentliche Gebäude auch im Klimaschutzgesetz verankert wurden. Ohne Kenntnisse über die Sanierungsnotwendigkeiten ist ein geplantes Vorgehen für mehr Klimaschutz im Gebäude nicht möglich.

„Ohne Transparenz und Vergleichbarkeit fehlt es der Bundesregierung an Orientierung für eine deutschlandweite energetische Sanierungsoffensive. Unsere europäischen Nachbarn sind hier deutlich besser aufgestellt mit öffentlichen Energiedatenbanken und klaren Sanierungszielen im öffentlichen Bestand. Damit droht Deutschland im Gebäudebereich klimapolitisches Schlusslicht der EU zu werden. Das ist nicht nur schlecht für das Klima, sondern auch ungerecht, weil die Bürgerinnen und Bürger die hohen Energiekosten öffentlicher Gebäude mit ihren Steuern finanzieren müssen. Wir fordern die Behörden dazu auf, eigenständig ihre Energieausweise transparent und frei zugänglich zu veröffentlichen“, meint Arne Semsrott, Projektleiter bei FragDenStaat.

zur Klimacheck-Kampagne

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Judith Doleschal

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