Wo ist VERA: Unboxing Bildungspolitik

Die meisten Bundesländer halten Daten zum Bildungssystem unter Verschluss. Eine neue Plattform bringt Transparenz in die Blackbox Bildungspolitik – und eine Klage ist auch auf dem Weg.

In Deutschland wird Bildungspolitik in einer Blackbox gemacht. Es gibt kaum Länder, die so wenig über ihr Schulsystem wissen, wie Deutschland. Dabei werden durchaus Daten erhoben und das schon seit Jahren. Die sogenannten VERgleichsArbeiten (kurz VERA) sind weitestgehend standardisierte Kompetenztests - ähnlich der PISA-Tests, die im Rahmen der OECD durchgeführt werden. Mit ihnen werden Grundkompetenzen erhoben, wie Lesefähigkeit, Schreibfähigkeit oder mathematische Grundkenntnisse.

Doch diese Daten halten die Bundesländer weitestgehend unter Verschluss. Wie problematisch das ist, zeigt sich besonders jetzt: Alle reden über pandemiebedingte Lernrückstände, aber inwiefern die existieren, weiß niemand so genau - weil die Daten nicht öffentlich vorliegen. Wie sollen so effektive Maßnahmen ergriffen werden? 

Das Zurückhalten von VERA-Daten ist undemokratisch 

Auf Wo-ist-VERA.de veröffentlicht die Open Knowledgde Foundation gemeinsam mit Bildungswissenschaftlern zum ersten Mal vorhandene Daten an einem zentralen Ort. Außerdem macht die Plattform über ein Ranking sichtbar, welche Länder blockieren.

Auch wenn Deutschland für einen kooperativen Föderalismus bekannt ist, wird der Wettbewerb der guten Ideen positiv hervorgehoben. Doch wie soll Wettbewerb oder ein Lernen aus Fehlern gelingen, wenn niemand weiß, was die Ergebnisse bildungspolitischer Maßnahmen sind? Fehlt Transparenz in Bezug auf die Ergebnisse von Bildungspolitik, so hat dies vielfältige Nachteile. Erstens kann sie nicht evidenzbasiert weiterentwickelt werden. Zweitens fehlt allen Beteiligten, wie Eltern, Lernenden und Hochschulen eine verlässliche Informationsbasis. Einerseits um unabhängige Forschung zu betreiben, andererseits um die Arbeit der Landespolitik bewerten und informierte Wahlentscheidungen treffen zu können. Das macht das Zurückhalten von Informationen wie VERA undemokratisch. 

Andere Länder zeigen, wie es geht

Dabei zeigen zahlreiche Länder, wie es gehen kann. In den skandinavischen Ländern können umfangreiche Registerdaten genutzt werden. Der Zugang zu diesen Daten und ihre Verknüpfung mit Informationen über Bildungseinrichtungen ermöglichen eine umfassende Erforschung der Wirkung bildungspolitischer Maßnahmen. Auch im Vereinigten Königreich, den USA oder Niederlanden wurden in den letzten Jahrzehnten öffentlich zugängliche Datensätze aufgebaut und erlauben die Erforschung bildungspolitischer Maßnahmen.

Im Gegensatz dazu behindern die Kultusbehörden in Deutschland seit vielen Jahren die  systematische Erforschung von bundeslandspezifischen Bildungsinitiativen und die Bereitstellung von Vergleichsgrößen, indem sie den Zugang zu relevanten Informationen  verweigern. Vorhandene Informationen werden nicht bekannt gemacht und die Erhebung neuer Daten wird eingeschränkt. Entsprechende Beispiele haben Regina T. Riphahn und Ludger Wößmann in einem gemeinsamen Papier veröffentlicht. 

Bundesländer blockieren

Dabei wäre es eigentlich ganz leicht: Die Daten liegen den Ländern weitestgehend vor und könnten einfach veröffentlicht werden. Das geschieht zum Teil auch, Baden-Württemberg, Brandenburg, Berlin, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein veröffentlichen eigenständig Daten, allerdings nur aggregiert auf Landesebene. Das ist unzureichend, denn damit sind nur sehr allgemeine Aussagen möglich. Systemische Bildungsungerechtigkeiten lassen sich damit nicht aufzeigen. Was es braucht, sind Daten, die bis zur Kreis oder Bezirksebene hinunterreichen sowie Informationen über sozioökonomische Gruppen beinhalten. Nur so kann strukturelle Benachteiligung effektiv bekämpft werden.

Doch die Bundesländer sträuben sich und die Argumente sind immer gleich. Die VERA-Ergebnisse seien in erster Linie für Lehrkräften und Schulen zur Feststellung fachlicher Kompetenzen der Lernenden bestimmt. Die Veröffentlichung der Ergebnisse, so die Begründung, würde das Verfahren der Selbstevaluation untergraben, da es Schulen unter öffentlichen Druck in Hinsicht auf das Abschneiden ihrer Lernenden setzt. Diese Begründung findet sich auch in einem Beschluss der KMK und ist schwer nachvollziehbar. Denn - wie gezeigt - veröffentlichen viele Bundesländer jährlich landesweite VERA-Ergebnisse. Hier scheint die Sorge vor den möglichen negativen Folgen der Veröffentlichung von aggregierten Ergebnisse auf die Teilnahmebereitschaft und die Testvalidität also gering zu sein. Es ist zudem technisch problemlos möglich, die Daten vollständig zu anonymisieren (ohne ihre Qualität zu kompromittieren). Rückschlüsse auf die Ergebnisse einzelner Schulen können damit ausgeschlossen werden, was den Druck von den Schulen nimmt. Der Verdacht liegt hier nahe, dass es den Ländern weniger um die Schulen geht, sondern darum, Bildungspolitik auf anekdotische Evidenz zu reduzieren.

Als weiteres Argument gegen die Veröffentlichung von VERA-Ergebnissen bezieht sich die KMK auf die landesspezifischen Implementationsstrategien von VERA. So sei die Durchführung und Auswertung der Tests weniger stark standardisiert, als es bei anderen Kompetenz Erhebungen, wie etwa dem IQB-Bildungstrend oder der PISA Studie, der Fall sei. Beispielsweise können Bundesländer selber auswählen, welche Kompetenzbereiche sie zusätzlich zum Basismodul testen wollen. Auch das ist fadenscheinig. Denn so lange diese Informationen vorliegen, können solche Unterschiede leicht herausgerechnet werden.

Die erste Klage ist raus

Es ist also nicht hinzunehmen, dass Daten, die mit öffentlichen Mitteln erhoben werden und Rückschlüsse auf den Erfolg politischer Maßnahmen ermöglichen, unter Verschluss gehalten werden. Das gilt insbesondere jetzt, in einer Zeit, in der hoher Handlungsbedarf in Bezug auf die Reformierung des Bildungssystems existiert. Und obwohl manche Länder Daten veröffentlichen, blockieren Hessen, Bremen und das Saarland hartnäckig, indem sie nicht auf Anfragen im Rahmen des Informationsfreiheitsgesetzes reagieren oder fadenscheinige Argumente vorbringen. Aus diesem Grund geht in dieser Woche die erste Untätigkeitsklage nach Hessen.

Wo-ist-VERA.de ist eine Plattform, mit der wir zukünftig auf diese Probleme aufmerksam machen und ein Umdenken herbeiführen möchten. Du möchtest dich beteiligen? Dann wende dich an die Verantwortlichen in deinem Bundesland und frage Daten an. Die entsprechenden Stellen findest du auf den Steckbriefen der Bundesländer auf Wo-ist-VERA.de.

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Maximilian Voigt

Maximilian Voigt arbeitet für die Open Knowledge Foundation an Bildungsprojekten. Zudem engagiert er sich in offenen Werkstätten, beschäftigt sich mit Physical Computing und setzt sich für freie Bildung sowie Open Hardware ein.

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