Bildungspolitik: Klage zeigt gewollten Blindflug

Die Bildungspolitik in Deutschland leidet unter fehlenden und schlechten Daten. Oft wissen Behörden nicht einmal, ob Daten vorliegen – das zeigt jetzt auch unsere Klage in Hessen.

Wenn es um Daten im Bildungsbereich geht, ist Deutschland ein Entwicklungsland. Das gilt insbesondere für den Bereich der Schule: Deutschland weiß kaum etwas über das, was in Schulklassen passiert und ob bildungspolitische Maßnahmen greifen. "Wo ist VERA: Unboxing Bildungspolitik" möchte auf diesen Umstand aufmerksam machen. Denn die sogenannten VERA-Erhebungen (VERgleichsArbeiten) werden weitestgehend standardisiert und jährlich Durchgeführt. Aber die Daten stehen zu großen Teilen unter Verschluss und werden kaum genutzt. 

Hessen: Planlosigkeit oder geplante Blindheit?

Besonders zeigt das der Fall Hessen. Durch das Projekt Wo-ist-VERA.de haben einige Bundesländer nach Anfragen im Rahmen des Informationsfreiheitsgesetzes Daten bereitgestellt. Hessen weigerte sich, woraufhin wir das Land verklagten. Aus der Verwaltungsakte geht hervor, wie wenig das Ministerium in den Sachverhalt selbst involviert ist, obwohl es sich im Rahmen eines Beschlusses der Kultusministerkonferenz zur Bereitstellung von VERA-Daten an das IQB-Institut verpflichtet hat (Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 06.03.2012 i.F.v. 15.03.2018, Seite 5). Unklar scheint dem Ministerium selbst zu sein, wie ihr eigenes Verfahren im Falle VERA aussieht. Zuständig sei die Hessische Lehrkräfteakademie, diese wiederum habe die Universität Jena beauftragt, die wiederum mit hessischen Schulen zusammenarbeitet.

Unklar ist, wieso Hessen eine Forschungseinrichtung in Thüringen beauftragt. Unklar ist auch, welche Daten am Ende in Hessen selbst landen. Das Kultusministerium stellt sich blind, die Universität Jena antwortete auf eine Mail, selbst auch nicht über die Daten zu verfügen, da sie bei den Schulen verbleiben. Wie kann das Ministerium also dem KMK-Beschluss nachkommen? Ein Anfrage an die Hessische Lehrkräfteakademie läuft.

Dabei ist diese Planlosigkeit nur konsequent. Denn man habe sich ja darauf geeinigt, dass ein Vergleich von Regionen und die Aggregierung von Daten zur Analyse struktureller Sachverhalte nicht erfolge. Es gehe ja um ein „Instrument der Unterrichtsentwicklung“, daher würde man die Daten nur den Schulen zur Verfügung stellen. So zumindest argumentieren die Kultusministerien, wenn sie gefragt werden. Also keine Planlosigkeit, sondern geplante Blindheit? 

VERA: reformieren oder einstampfen?

Fragt man Lehrende, werden die Vergleichsarbeiten in erster Linie als Belastung wahrgenommen und irgendwie in den Unterricht eingebaut – denn dazu sind sie verpflichtet. Das führt zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen: So müssen die Lernenden in der einen Klasse eine zusätzliche Prüfung schreiben, die aber nicht relevant für ihre Schulnote ist. In einer anderen Klasse, vielleicht an der gleichen Schule, wird VERA als notenrelevante Klausur durchgeführt. Dass hier eine extreme Verzerrung stattfindet, ist offensichtlich.

Die Daten sind also sogar auf der Schulebene zum Teil so schlecht, dass sie dort nicht einmal die Ziele erfüllen können, die von den Kultusministerien vorgegeben werden: die Kompetenzen von Lernenden im Verhältnis zu gleichaltrigen einzuschätzen, evidenzbasierte Schulentwicklung zu betreiben. Hinzu kommt, dass die Ergebnisse nach Angaben von Lehrenden kaum genutzt werden, weil die Kompetenzen fehlen, die Daten nicht zu den Lehrenden durchdringen oder einfach keine Zeit da ist – das zeigen Studien und eigene Umfragen.

In einer Zeit, in der Schulen ohnehin mit zahlreichen Aufgaben und Reformen überlastet sind, ist es schwer nachvollziehbar, dass ein Instrument wie VERA zusätzlich Ressourcen im immensen Umfang – insbesondere auf der Seite von Lehrenden – bindet, ohne nachweislich sinnvoll eingesetzt zu werden.

Dabei braucht es mehr Daten über die Entwicklung und den Zustand von Schule – aber darum scheint es bei VERA nicht zu gehen. Wie wollen wir feststellen, welche konkreten, aber auch strukturellen bildungspolitischen Maßnahmen funktionieren? Wie sollen sinnvolle Entscheidungen getroffen werden, insbesondere im Bereich von Fördermaßnahmen, wenn gar nicht klar ist, wie diese wirken? Wie sollen Bürger*innen entscheiden, wie gut die Bildungspolitik ist, die ihnen ein Politiker oder eine Politikerin verspricht? 

VERA muss dringend reformiert und Daten müssen anonymisiert bereitgestellt werden, um Transparenz für Bürger und Bürgerinnen zu schaffen sowie eine unabhängige Forschung und evidenzbasierte Bildungspolitik zu ermöglichen, die nicht im Dunkeln ihrer eigenen Maßnahmen tappt. Der aktuelle Zustand ist schlicht und einfach eine riesige Ressourcenverschwendung.

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Maximilian Voigt

Maximilian Voigt arbeitet für die Open Knowledge Foundation an Bildungsprojekten. Zudem engagiert er sich in offenen Werkstätten, beschäftigt sich mit Physical Computing und setzt sich für freie Bildung sowie Open Hardware ein.

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