Was hat die „sanfte Agrarwende“ für Erzeuger und Verbraucher gebracht? (Teil 6)
Niedersächsischer Landtag – 17. Wahlperiode Drucksache 17/8842 23. Wie hoch schätzt die Landesregierung die Mehrausgaben für eine vierköpfige Familie bei einem deutlich veränderten Konsumverhalten ein? Zu 22 und 23: Öko-Lebensmittel sind in der Regel teurer als konventionelle Lebensmittel. Welchen Einfluss ein verstärkter Kauf von Bio-Lebensmitteln auf die Mehrausgaben hat, hängt wesentlich vom Ernäh- rungsverhalten und von den Produkten ab. Um dieses abzuschätzen, kann eine Studie des Öko- Institutes Freiburg von 2014 herangezogen werden. Im Rahmen eines von diesem Institut durchge- führten Projektes „Ist gutes Essen wirklich teuer? - ‚Versteckte Kosten‘ unserer Ernährung in Deutschland“ wurden u. a. die realen Kosten verschiedener Ernährungsstile verglichen. Demnach ist eine durchschnittliche deutsche Ernährung auf Basis von Bioprodukten um 31 % teurer als der gleiche Essensstil mit konventionellen Lebensmitteln. Wenn Verbraucher ihre Essgewohnheiten je- doch so weit ändern, wie es die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt, reduzieren sich die Mehrkosten auf 3 % - und damit auf rund 80 Euro pro Jahr oder knapp sieben Euro pro Monat. Grund ist der deutlich geringere Fleischkonsum. Die DGE rät aus gesundheitlichen Gründen zu 70 %weniger Fleisch, dafür zu mehr frischem Gemüse und Obst. Das heißt, durch eine Umstel- lung des „durchschnittlichen Ernährungsstiles in Deutschland“ auf einen fleischreduzierten Ernäh- rungsstil entsprechend den DGE-Empfehlungen können die Mehrkosten, die durch den Einkauf von Bio- und fair gehandelten Produkten entstehen, weitgehend kompensiert werden. 24. Welcher Anteil dieser Mehrausgaben kommt nach Einschätzung der Landesregierung bei dem Produzenten an, bzw. wie hoch ist der Anteil, den das verarbeitende Gewerbe, Handel und Logistik für sich beansprucht? Hierzu sind der Landesregierung keine konkreten Informationen zugänglich. Höhere Preise kom- men tendenziell sowohl den Produzenten als auch der gesamten Kette zugute. Dabei ist die Vertei- lung der Anteile innerhalb der Wertschöpfungskette auch von den Produkten und dem jeweiligen Veredlungsgrad abhängig. 25. Sind der Landesregierung aktuelle Studien bekannt, zu wessen Lasten in Bezug auf die Verwendung der Geldmittel in privaten Haushalten die Mehrausgaben für ökologisch erzeugte Lebensmittel gehen? Höhere Ausgaben für Biolebensmittel stärken die Ländlichen Räume und die Landwirtschaft. Die Mehrausgaben für Ernährung gehen zulasten anderer Ausgaben wie Reisen, Kleidung oder Luxus- güter. 26. Haben sich die Mehrausgaben für ökologisch erzeugte Lebensmittel in den privaten Haushalten in den letzten fünf Jahren erhöht oder gesenkt und, wenn ja, um wie viel (bitte Angaben pro Jahr tätigen)? Verbraucher haben in den vergangenen Jahren stetig mehr Bioprodukte gekauft (siehe Tabelle 12). Tabelle 12: Pro-Kopf-Ausgaben für Ökoprodukte in Deutschland Jahr Pro-Kopf-Ausgaben Erhöhung gegenüber in Euro Vorjahr in Euro 2011 82,70 2012 86,60 3,9 2013 91,80 5,2 2014 95,60 3,8 2015 105,90 10,3 2016 116,40 10,5 (Quelle: AMI Markt Bilanz Öko-Landbau 2017; Berechnungen der AMI auf Basis des Statistischen Landes- amts und der Arbeitskreises Biomarkt). 11
Niedersächsischer Landtag – 17. Wahlperiode Drucksache 17/8842 27. Wie hat die rot-grüne Landesregierung die Land- und Ernährungswirtschaft in den ver- gangenen fünf Jahren gefördert, um Agrarland Nummer eins zu bleiben? Durch welche Steuerungsinstrumente hat die Landesregierung sichergestellt, dass die nach den Vor- gaben der klassischen ökologischen Verbände, wie Demeter oder Bioland, wirtschaf- tenden Betriebe nicht durch eine zunehmende Entwicklung von Öko- bzw. Bioproduk- ten auf niedrigem Anforderungsniveau als Massenware in ihrer Existenz gefährdet wer- den? Die Landesregierung hat die Land- und Ernährungswirtschaft verstärkt auf Qualität, Nachhaltigkeit, Arbeitsplätze und Regionalität ausgerichtet. Niedersachsen ist nach wie vor das Agrarland Num- mer 1 in Deutschland und überflügelt beim landwirtschaftlichen Produktionswert und den Verkaufs- erlösen alle anderen Bundesländer. Zu den Einzelheiten der Förderung wird auf die Antworten der Landesregierung auf die Kleinen Anfragen zur schriftlichen Beantwortung in den Drs. 17/8628 bis 17/8632 sowie 17/8634 bis 17/8642 verwiesen. Die Landesregierung hat das Interesse, die Verbände dabei zu unterstützen, das im Vergleich zur europäischen Ökoverordnung höhere Anforderungsniveau weiterzuentwickeln und zu stärken. Sie setzt sich weiterhin dafür ein, die EU-Bio-VO dahin gehend zu verändern, dass ein ökologischer landwirtschaftlicher Betrieb nicht gleichzeitig auch konventionelle Betriebsteile bewirtschaften darf. Außerdem fördert Niedersachsen Ökobetriebe nur, wenn sie ihren gesamten Betrieb ökologisch bewirtschaften, was deutlich über das Niveau der EU-Bio-VO hinaus geht und damit dem Anforde- rungsprofil der wichtigsten Ökoverbände entgegenkommt. Im Rahmen des Niedersächsischen Bei- rats zur Förderung des ökologischen Landbaus entwickelt die Landesregierung in direktem Dialog mit allen Beteiligten Zukunftsstrategien für die Weiterentwicklung des qualitätsorientierten Ökoland- baus in Niedersachsen, d. h. „Verbands-Bio“ spielt hier eine wichtige Rolle. Zudem stärkt die Lan- desregierung die Arbeit des Kompetenzzentrums Ökologischer Landbau Niedersachsen (KÖN) durch die Förderung zahlreicher Projekte. Auch dieses dient der Sicherung und Weiterentwicklung hoher Standards. 28. Welche Steigerungsraten gab es im konventionellen Bereich während der vergangenen fünf Jahre in der Vermarktungsschiene („Regionale Produkte“), und in welchem Ver- hältnis standen diese Steigerungsraten zu denen im Ökobereich? Zur Beantwortung der Frage liegt keine amtliche Statistik vor. Der Begriff „regionale Produkte“ ist unbestimmt und wird von verschieden Marktteilnehmern unterschiedlich interpretiert und umge- setzt. Es werden in diesem Marktsegment nur punktuell Daten im Rahmen von Einzelerhebungen und Studien festgestellt, die untereinander häufig nicht vergleichbare Erhebungsansätze verfolgen. Quantitative Informationen zu Steigerungsraten in der Vermarktung „regionaler Produkte“ liegen deshalb ebenso nicht vor. Aus den vorgenannten Gründen kann die Frage nicht konkret, sondern nur näherungsweise beantwortet werden. Es ist in Fachkreisen unstrittig, dass die Bedeutung regionaler Herkunft beim Verkauf von Lebens- mitteln unabhängig von Anbietern und Vertriebsform zugenommen hat. Nach einer Studie des Nestlé-Konzerns (zitiert nach test, Nr. 7/2013, „Ein Stück Heimat bitte“) kauften seinerzeit 37 % der Deutschen regionale Produkte. Nach einer Studie der Marketinggesellschaft der niedersächsischen Land- und Ernährungswirtschaft („Direktvermarktung - quo vadis 2020“) wird der Stellenwert regio- naler Erzeugnisse nach mehrheitlicher Einschätzung (62,1 %) befragter landwirtschaftlicher Direkt- vermarkter in den kommenden Jahren weiter zunehmen. Verbraucherbefragungen lassen darauf schließen, dass für 50 bis 80 % der Verbraucher die regionale Herkunft von Lebensmitteln ein posi- tives Kriterium beim Einkauf darstellt (SGS-Verbraucherstudie 2014 „Vertrauen und Skepsis: Was leitet die Deutschen Beim Lebensmitteleinkauf“, BMEL-Ernährungsreport 2016 „Deutschland - wie es isst“). Die Entwicklung des bundesweiten Umsatzes mit Öko-Lebensmitteln in den letzten fünf Jahren ist der folgenden Tabelle zu entnehmen. 12
Niedersächsischer Landtag – 17. Wahlperiode Drucksache 17/8842 Tabelle 13: Umsatz von Öko-Lebensmitteln in Deutschland (in Milliarden Euro; ohne Außer-Haus- Verzehr) Jahr Umsatz Steigerung gegen- über Vorjahr 2011 6,64 2012 7,04 6,0 2013 7,55 7,2 2014 7,76 2,8 2015 8,62 11,1 2016 9,48 10,0 Quelle: AMI; Arbeitskreis Biomarkt auf Basis von GfK, Nielsen, Klaus Braun, BioVista 29. Wie hat sich in den vergangenen fünf Jahren der Export von konventionell und ökolo- gisch erzeugten landwirtschaftlichen Produkten entwickelt (bitte Angaben pro Jahr tä- tigen)? Tabelle 14 zeigt die Entwicklung der niedersächsischen Exporte von Gütern der Ernährungswirt- schaft. Das Exportvolumen hat sich in allen vier Bereichen gesteigert. Inwieweit die monetäre Zu- nahme des Exportes durch Preissteigerungen verursacht worden ist, kann nicht differenziert be- antwortet werden. Tabelle 14: Ausfuhr Niedersachsens von Gütern der Ernährungswirtschaft in Millionen Euro 1) Jahr Lebende Tiere Nahrungsmittel Nahrungsmittel Genussmittel tierischen Ur- pflanzlichen Ur- 2) sprungs sprungs 2011 383,4 4 681,7 3 108,0 642,0 2012 443,8 5 217,0 3 234,8 874,9 2013 545,4 5 532,5 3 485,8 853,1 2014 480,8 5 525,7 3 573,3 945,4 2015 501,0 5 137,2 3 731,3 939,3 Änderung 2011 -> 2015 (%) 31 % 10 % 17 % 46 % 1) einschl. lebende Tiere zu anderen als Ernährungszwecken 2) einschl. lebende Pflanzen und Erzeugnisse der Ziergärtnerei Quelle: LSKN, Statistische Berichte Niedersachsen, Außenhandel Die Entwicklung des Exports ökologischer landwirtschaftlicher Produkte ist nicht bekannt, da die Außenhandelsstatistik nicht zwischen konventionellen und ökologischen Produkten differenziert. Al- lerdings ist Deutschland aufgrund der großen, das Angebot in vielen Bereichen übersteigenden Bio-Nachfrage bei vielen Produkten vor allem ein Bio-Importland. So betrug z. B. der Importanteil 2015/2016 bei Bio-Möhren 48 %, bei Bio-Weizen 30 % (Quelle: Auswertung der AMI, 2017, im Auf- trag des BMEL). Das heißt, Deutschland ist in vielen Bereichen bei Bio von einem Selbstversor- gungsgrad von 100 % deutlich entfernt, sodass angesichts der hohen Binnennachfrage nach Bio- produkten das Wachstumspotenzial eher im Inland als im Ausland gesehen wird. Das schließt aber nicht aus, dass hochwertige Bioprodukte aus Niedersachsen zunehmend auch im Ausland gefragt sind. 13
Niedersächsischer Landtag – 17. Wahlperiode Drucksache 17/8842 Anlage (zu Frage 3) 14 (Ausgegeben am 07.11.2017)