Weilheim-Schongau
KLIMASCHUTZKONZEPT FÜR DEN LANDKREIS WEILHEIM SCHONGAU 27 Motivation Gesamtverbrauchs umzusetzen sind. Neben der Substitution von alten durch neue Techniken bedarf es auch einer Begrenzung der Bedürfnisse nach immer vielfältiger werdenden Anwendungsmöglichkeiten neuer Technologien. Vor allem im Verkehrsbereich zeigte sich, dass trotz reduziertem spezifischem Kraftstoff verbrauch der Fahrzeuge gegenüber 1990 der Gesamtverbrauch und damit die Emissionen weiterhin angestiegen sind. Dieses Dilemma der Klimapolitik – einerseits wird die Technologie immer besser, andererseits wird dadurch kaum der Gesamtverbrauch reduziert – liegt vor allem in dem widersprüchlichen Charakter der Zielsetzungen: Einerseits fordern wir umweltschonendes Verhalten, andererseits aber ist umweltschädliches Verhalten kurzfristig attraktiver, weil wirtschaftliches Wachstum weitgehend auf Mengenwachstum von energieverbrauchen den Produkten beruht, aber auch weil der steigende Konsum neuer Produkte auch in neuen Anwendungsbereichen wirtschaftspolitisch erwünscht ist und durchaus mit den Bedürfnissen vieler Menschen einhergeht. Vor dem Hintergrund ist es naiv anzunehmen, dass klimapolitische Ziele nur durch freiwillige Beschränkungen und Verzichtserklärungen in der Masse erreichbar wären. Dieses Dilemma ist in Abbildung 2 3 skizziert. Mtoe/a (Mio. Tonnen Öläquivalent/Jahr) 20000 Weiter so: notwendig für 15000 Wachstum 10000 Sonst. Kohle 5000 Emissions- Gas reduktion: Öl notwendig für Klimaschutz 0 1920 1940 1960 1980 2000 2020 2040 Jahr Datenquelle: BP Statistical Review of World Energy Abbildung 2 3: Der Weltenergieverbrauch zeigt das Dilemma der Klimapolitik: Aus umweltpolitischen Gründen sollen die Emissionen weltweit bis 2050 gegenüber 1990 nach neueren Erkenntnissen um fast 80 Prozent reduziert werden, aus wirtschaftspolitischen Gründen aber wollen wir ein weiteres Wachstum der bislang billigen (fossilen) Energiequellen.
28 KLIMASCHUTZKONZEPT FÜR DEN LANDKREIS WEILHEIM SCHONGAU Motivation Dieses Dilemma wird sich vermutlich erst auflösen lassen, wenn die wirtschaftlichen und monetären Anreize mit klimapolitischen Zielsetzungen konform gehen und gesellschaftliche Leitbilder direkt oder indirekt nicht mehr mit ungezügeltem Energieverbrauch assoziiert werden. Ein Versuch, diesen Einklang zu erreichen, bestünde in der Besteuerung des Energie verbrauchs oder in der Beaufschlagung fossiler Energieträger mit Emissionszertifikaten. Doch dieser Weg ist mühsam und langsam, da oft genug die unterschiedlichsten Interessengruppen versuchen, bei der Politik entsprechende Ausnahmen für ihren Bereich durchzusetzen. Er bedarf eines ethisch moralischen Konsenses aller Akteure. Die Randbedingung „Energie ist billig und reichlich verfügbar“ war der Antrieb für die zunehmende Substitution von menschlicher Arbeitskraft durch fossilen Energieeinsatz. Sie prägte und prägt bis heute die Innovations und Rationalisierungsbestrebungen der Industrie. So entspricht beispielsweise der Energieinhalt von 1 Liter Erdöl der mensch lichen Arbeitskraft von 100 Stunden oder 2 ½ Wochen. Angesichts dieser Relation ist Erdöl auch heute noch mit 50 – 100 ct/Liter wesentlich billiger. In den vergangenen Jahren ist eine deutlicher werdende Begleiterscheinung des Substitutionsprozesses von menschlicher Arbeit durch mit Fremdenergie angetriebene Maschinen auch die steigende Arbeitslosigkeit, da freigesetzte Arbeitskräfte bei fehlendem Wirtschaftswachstum nicht schnell genug wieder in den Arbeitsprozess eingegliedert werden können. Unabhängig von den Klimaschutzbestrebungen ist genau diese Randbedingung ins Wanken gekommen. Wenn fossile Energieträger und daraus produzierter Strom teuer werden, dann unterstützt dies die Bemühungen einer Umgestaltung der Energieversorgung. Daher wird im folgenden Abschnitt kurz reflektiert, warum seit einigen Jahren ein struktureller und weitreichender Wandel im Gange ist, der in der Öffentlichkeit durch steigende Energiepreise wahrgenommen wird, und warum sich dieser Wandel sehr schnell beschleunigen wird. 2.2 Verfügbarkeit fossiler Energieträger Abbildung 2 4 zeigt die Entwicklung des Rohölpreises als wichtige Kenngröße über die vergangenen 50 Jahre. In den Jahren 1973 und 1979 erfolgten die großen Preissprünge, die auf Verknappungsängste (OPEC Embargo und Sturz des Schahs in Persien mit nachfolgenden Machthabern, die den Industriestaaten eher neutral bis ablehnend gegenüberstanden) zurückzuführen waren. Dass diese Situationen damals solche Auswirkungen auf die Preise hatten, hat vor allem zwei Gründe: 1. Die USA, bis dahin weltgrößtes Ölförder und Ölverbrauchsland, hatten im Jahr 1970 das Maximum der heimischen Ölförderung erreicht. Seit dieser Zeit geht dort die
KLIMASCHUTZKONZEPT FÜR DEN LANDKREIS WEILHEIM SCHONGAU 29 Motivation Ölförderung wieder zurück und liegt heute auf dem Niveau wie letztmals in den 1930er Jahren. Ab diesem Zeitpunkt konnten die USA einen drohenden Engpass der Ölimporte nicht mehr durch verstärkte heimische Förderung ausgleichen. 2. Parallel dazu wurden die bereits seit längerem bekannten Regionen in Alaska und in der europäischen Nordsee erschlossen. Dieses Öl ist wesentlich teurer in der Erschließung als die alten Ölfelder der USA, weshalb die gestiegenen Preise Voraussetzung für deren Erschließung waren. Auch wenn der Ölpreis bald wieder fiel, so blieb er dennoch mehr als doppelt so hoch wie vor 1973. Der erste Golfkrieg im Jahr 1991 zeigte einen kurzzeitigen Preisanstieg. 150 120 US First Purchase Price (nominal) US First Purchase Price (inflationsbereinigt) Nymex Monatsendwerte (nominal) 90 $/Barrel real($2007) 60 30 nominal 0 1960 1970 1980 1990 2000 Jahr Quelle: Die Monatswerte des „US First Purchase Price“ wurde den Internetseiten des US DoE entonommen. Die Daten vor 1974 wurden durch Anpassung der Datensätze für 1974 aus BP Statistical Review of World Energy errechnet. Die näherungsweise Umrechnung in reale Preise erfolgte durch die LBST anhand von jährlichen US-Inflationsraten aus http://inflationdata.com Die Nymex Monatsendwerte wurden http://futures.tradingcharts.com/chart/CO/M/?saveprefs=t&xshowdata=t&xCharttype=b&xhide_specs=f&xhide_analysis=f&xhide_survey=t&xhide_news=f entnommen Abbildung 2 4: Der Ölpreis ist seit dem Jahr 2000 deutlich gestiegen. Dieser Anstieg wurde nur durch die Rezession gebremst. Sobald die Wirtschaft wieder wachsen und mehr Öl verbrauchen wird, werden auch die Preise wieder steigen. Im Jahr 1999 erreichte der Ölpreis wieder einen Tiefstand, getrieben durch die weltweite Wirtschaftskrise. In dieser Zeit fanden viele Firmenzusammenschlüsse von Ölfirmen statt (BP mit Amoco und Arco, Exxon mit Mobil zu ExxonMobil, Total mit Fina und Elf, Chevron mit Texaco, Conoco und Phillips etc.). Diese Zusammenschlüsse läuteten eine neue Phase
2 10 KLIMASCHUTZKONZEPT FÜR DEN LANDKREIS WEILHEIM SCHONGAU Motivation der Ölförderung ein. Sie wurden notwendig, da die neuen Funde zurückgingen und es immer schwieriger und teurer wurde, neues Erdöl zu explorieren und zu fördern. In der Folge stiegen seit dem Jahr 2000 die Erdölpreise in immer kürzeren Abständen an – von 10 Dollar pro Fass Erdöl im Dezember 1998 bis auf über 140 Dollar pro Fass im Juli 2008. Der folgende Zusammenbruch der Wirtschaft führte zu einem deutlichen Einbruch der Ölnachfrage und entsprechend wieder zu niedrigeren Preisen, obwohl diese während der Rezessionsphase mit 50 70 Dollar pro Fass immer noch deutlich höher lagen als während der Phase wirtschaftlichen Wachstums drei Jahre zuvor. Eine wesentliche Ursache dieser Preissteigerungen waren die schwieriger werdenden Förderbedingungen, wie man in Abbildung 2 5 interpretieren kann. Die Grafik ordnet die Ölförderung der einzelnen Staaten in der Reihenfolge des Überschreitens des jeweiligen regionalen Fördermaximums. Jede Ölfirma sortiert die bekannten Ölfelder hinsichtlich ihrer Qualität und ökonomischen Eigenschaften. Die lukrativsten Felder werden zuerst erschlossen. Erst wenn diese zur Neige gehen oder die Nachfrage wächst, werden sukzessive die weniger attraktiven Felder erschlossen. Dieser stetige Wechsel von leichter zu schwieriger werdender Ölförderung ist die Ursache für einen steigenden Gesamtaufwand zur Aufrechterhaltung der Förderung. Sobald nicht mehr schnell genug ausreichend große Ölfelder erschlossen werden können, geht die Ölförderung der entsprechenden Region in den unvermeidlichen Förderrückgang. In Deutschland geht die Ölförderung seit 1968 zurück. Global bedeutend war aber erst das Überschreiten des Fördermaximums der USA im Jahr 1970, wie oben bereits angesprochen. In Indonesien – bis vor wenigen Jahren OPEC Mitglied – geht die Förderung seit 1977 zurück. Seit wenigen Jahren liegt sie unter dem Bedarf von Indonesien, so dass dieses vom Ölexport zum Ölimportstaat wurde. Im Jahr 1999 erreichten Großbritannien und kurz darauf im Jahr 2001 Norwegen das Fördermaximum. Die Förderung dort geht so schnell zurück, dass England bereits wenige Jahre später Erdöl importieren musste. Seit dem Jahr 2001 geht im Oman, seit 2004 auch in Dänemark und Mexiko die Förderung zurück. Im Jahr 2005 folgte Nigeria. 2007 konnte Russland trotz großer Investitionen und steigender Nachfrage die Förderung nicht mehr erhöhen – sie ging um 1 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurück. Aufgrund der gestiegenen Ölpreise profitieren die Ölexportstaaten von diesem Wandel. Das wiederum führt zu steigendem Ölverbrauch im eigenen Land – so konnte Russland 2007 zwei bis drei Prozent weniger Öl exportieren als im Vorjahr. Die weitere Entwicklung der Ölförderung dieser Staaten ist weitgehend vorgegeben und kann recht genau vorhergesehen werden. Bis zum Jahr 2015 werden sie etwa 20 – 25 Prozent weniger Öl fördern als im Jahr 2007. Um dieses Defizit auszugleichen, müssen die restlichen Staaten ihre Förderung deutlich ausweiten. Doch auch dort sind die meisten Ölfelder bereits lange bekannt, neue Felder werden immer seltener entdeckt, zudem sind
KLIMASCHUTZKONZEPT FÜR DEN LANDKREIS WEILHEIM SCHONGAU 2 11 Motivation sie meistens kleiner als früher. Die eingehende Analyse zeigt, dass vor allem die Staaten im Mittleren Osten (Saudi Arabien, Qatar, Abu Dhabi, Kuwait, Irak, Iran) ihre Förderung deutlich ausweiten müssten. Heute wird von der Fachwelt sehr bezweifelt, dass dies überhaupt noch möglich ist. Doch selbst wenn dort die Förderung noch um einige Prozent ausgeweitet werden könnte, würde wegen des Förderrückgangs in den anderen Regionen die weltweite Förderung deutlich zurückgehen. Vermutlich hat die weltweite Erdölförderung im Jahr 2008 ihren Höhepunkt überschritten. Regionen evtl. nach Mb/Tag Fördermaximum: Russische Föd. 07 90 Nigeria 05 Angola 08 Mexiko 04 VAE 06 Dänemark 04 80 Jemen 01 Kuwait 06 Saudi Norwegen 01 Arabien 05 : um Oman 01 70 ax im Australien 2000 Großbritannien 99 erm 60 Fö rd Ekuador 99 Kolumbien 99 na Venezuela 98/68 50 en ch Argentinien 98 Malaysia 97 Re Gabun 97 40 gion Syrien 95 Indien 95 Ägypten 93 30 Alaska 89 Indonesien 77 20 Rumänien 76 Kanada (konv.) 74 USA 70 10 Deutschland 67 Österreich 55 20 30 40 50 60 70 80 90 0 10 Jahr Datenquelle: historische Daten IHS-Energy 2006;soweit verfügbar, wurden Daten von Firmen und nationalen Institutionen benutzt (z.B. PEMEX, Petrobras ; Abare, NPD, DTI, ENS(Dk), NEB, RRC, US-EIA, Saudi Aramco, OPEC),Mai 2008 Analyse and Daten für 2007 :soweit möglich auf obigen Quellen basierend, Werte für kleine Staaten geschätzt, LBST, Juni 2008 Abbildung 2 5: Die Grafik zeigt den Beitrag jedes Landes zur Ölförderung. Die Länder sind nach dem Zeitpunkt des Überschreitens des Fördermaximums geordnet. Die weltweite Erdölförderung hat im Jahr 2008 vermutlich den Höhepunkt überschritten. [EWG 2008] Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Erdölpreise wieder deutlich steigen werden, sobald die Weltwirtschaft sich erholt hat und wieder mehr Erdöl verbrauchen möchte. Inzwischen warnt die Internationale Energieagentur mit Sitz in Paris in immer deutlicheren Worten. „Wir sollten das Erdöl verlassen, bevor das Erdöl uns verlässt!“, wurde vor einem Jahr Fatih Birol, der Chefökonom der IEA, zitiert. Im jüngsten Bericht zur Weltenergie versorgung heißt es in der Zusammenfassung: „Die Probleme der weltweiten
2 12 KLIMASCHUTZKONZEPT FÜR DEN LANDKREIS WEILHEIM SCHONGAU Motivation Energieversorgung sind enorm, sie sind viel größer als die meisten Menschen er kennen.“[WEO 2009] Die Wahrscheinlichkeit, dass im Jahr 2020 wesentlich weniger Erdöl als heute in Deutschland verfügbar sein wird und dieses sehr teuer eingekauft werden muss, ist sehr hoch – viel größer als die umgekehrte Hoffnung, dass es in zehn Jahren billiger als heute und reichlicher verfügbar sein wird. Aber auch für andere fossile Energieträger zeichnen sich Erschöpfungstendenzen ab. Dem ökonomischen Prinzip „Das Leichte und Profitable zuerst“ folgend wurden auch hier zuerst die leicht erschließbaren großen Erdgasfelder oder Kohleminen erschlossen. Auch hier hat beispielsweise Großbritannien den Förderhöhepunkt schon längst überschritten, bei Kohle um das Jahr 1920 und bei Erdgas im Jahr 1999. Heute muss England Erdgas importieren. Abbildung 2 6 zeigt die Entwicklung der Gasverfügbarkeit in Europa. Die Gasförderung in Europa geht seit etwa 5 Jahren zurück, sie wurde vor allem durch schnell steigende Schiffsimporte von verflüssigtem Erdgas aus Nordafrika, dem Mittleren Osten oder anderen Staaten ausgeglichen. Die Importe über Ferngasleitungen aus Nordafrika oder Russland reichten dazu nicht aus. Auch hier zeigt eine eingehende Analyse, dass die derzeitigen und zu erwartenden Fördermöglichkeiten in Russland oder anderen Staaten wahrscheinlich nicht ausreichen werden, um den Gasverbrauch in Europa lange auf dem heutigen Niveau zu sichern. Auch hier muss erwartet werden, dass im Jahr 2020 weniger Erdgas in Europa verfügbar ist als heute. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist jedenfalls wesentlich höher als die Hoffnung darauf, dass der heutige Verbrauch von Erdgas noch über Jahrzehnte aufrechterhalten werden kann.
KLIMASCHUTZKONZEPT FÜR DEN LANDKREIS WEILHEIM SCHONGAU 2 13 Motivation Mrd. m /Jahr 3 800 0 8) E O 20 a rf ( W B e d 600 zu s ät zli LN c he G s LN 400 Erdgasimporte aus GUS, Nordafrika Im po rte G ? ko ns ta nt Sonst. Länder No 200 Deutschland rwe gen Italien Niederlande UK 0 1960 1980 2000 2020 Jahr Historische Daten: OECD 2008, DTI 2009, NPD 2009, BP 2008; Prognose: LBST 2009 Abbildung 2 6: Die Grafik zeigt die Gasversorgung in Europa. Eingezeichnet sind der Beitrag der europäischen Staaten zur Gasförderung sowie der Beitrag des über Gasleitungen und als verflüssigtes Erdgas über Schiffe importierten Gases. Sollten die Importe nicht deutlich ausgeweitet werden, so wird Europa in 20 Jahren nur noch halb so viel Gas zur Verfügung stehen wie heute. Sicher scheint, dass das bei Erdöl und Erdgas entstehende Defizit nicht in vollem Umfang durch den erhöhten Beitrag von Kohle ausgeglichen werden kann. So deutet sich z. B. an, dass in den USA, dem Staat mit den weltweit größten Kohlereserven, die Qualität der Kohle immer schlechter wird und seit dem Jahr 2000 die Produktivität der Erschließung nachlässt. Vor dem Jahr 2000 wurde sie von Jahr zu Jahr günstiger, seitdem geht sie Jahr für Jahr zurück. Abgesehen davon zwingt uns auch die Klimaproblematik zunehmend, die verbleibenden Kohlevorräte im Boden zu belassen.
2 14 KLIMASCHUTZKONZEPT FÜR DEN LANDKREIS WEILHEIM SCHONGAU Motivation 2.3 Verfügbarkeit erneuerbarer Energien Die Potenziale zur Nutzung erneuerbarer Energien sind groß, auch wenn dies viele Jahre umstritten war. Heute besteht weitgehender Konsens darüber, dass eine vollständig auf erneuerbaren Energien aufgebaute Energieversorgung machbar, wünschenswert und langfristig auch bezahlbar ist. Allerdings hat eine Energieversorgungsstruktur, die weitgehend auf erneuerbaren Energien beruht, andere Eigenschaften als eine auf fossilen Energieträgern basierende Energieversorgung. Die wichtigste Eigenschaft der fossilen Energieträger war und ist die Möglichkeit, sie zu lagern, zu transportieren und damit Energie zu speichern. Erst bei Bedarf wird die Energie bereitgestellt. Das kann z. B. an einer Tankstelle sein, wo ein großer Benzinspeicher im Boden liegt, das kann am Fahrzeug der Benzintank sein, oder aber der Öltank im Heizungskeller, den man im Sommer auffüllt, um im Winter genügend Wärme erzeugen zu können. Mit Erdgas funktioniert das im Prinzip ähnlich, wenn auch im Detail durchaus unterschiedlich. Die Nutzung erneuerbarer Energien besteht im Wesentlichen aus der Nutzung von Sonnenenergie zur Erzeugung von Strom oder Wärme, von Wind oder Wasserkraft zur Erzeugung von Strom, von Biomasse zur Erzeugung von Strom und Wärme oder aber von Erdwärme. Die Nachfrage und die Erzeugung von Strom müssen immer im Einklang sein, sonst fallen Stromspannung oder Stromfrequenz aus dem erlaubten Rahmen und Stromausfälle können drohen. Daher muss eine vollständig auf erneuerbarer Energie basierende Stromversorgung über ausreichende Speichermöglichkeiten verfügen. Die Möglichkeiten, Strom zu speichern, sind heute noch sehr begrenzt. Mittel und langfristig stellt dies die größte Herausforderung dar. Weil Sonne und Wind zwar berechenbar, aber stark schwankend Energie liefern, ist ein Umbau der Energieversorgungsstrukturen notwendig. Dieser Umbau ist dann am wirtschaftlichsten, wenn er stetig durch Ersatz alter Leitungen oder Regelungseinheiten erfolgt und dem steigenden Anteil der erneuerbaren Energieerzeugung folgend Netzstrukturen, Speichermöglichkeiten und Anpassungen über die Nachfrage ausgebaut werden. Beispielsweise hat sich der Anteil der Stromerzeugung mit erneuerbaren Energien seit 1990 deutlich erhöht (siehe Abbildung 2 7). Im Jahr 1991 führte das erste Strom einspeisegesetz in Deutschland dazu, dass die Einspeisung von Strom aus Windkraft werken wirtschaftlich wurde und sich ein stabiler Markt entwickelte. Die dadurch entstandene Planungssicherheit wiederum erlaubte den Herstellern der Anlagen den Einstieg in die großtechnische Produktion mit der Folge sinkender Herstellungskosten.
KLIMASCHUTZKONZEPT FÜR DEN LANDKREIS WEILHEIM SCHONGAU 2 15 Motivation Beitrag der erneuerbaren Energien zur Stromerzeugung in Deutschland 1990 - 2008 120.000 EEG 2009 Wasserkraft Windenergie Biomasse * Photovoltaik ab 1. Januar 2009 100.000 neues EEG 1. August 2004 80.000 EEG 1. April 2000 [GWh] 60.000 Anteil Novelle BauGB am November 1997 EEV 40.000 15,1 % StrEG 1. Januar 1991 20.000 0 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 * feste, flüssige, gasförmige Biomasse, biogener Anteil des Abfalls, Deponie- und Klärgas; Strom aus Geothermie auf Grund geringer Strommengen nicht dargestellt; StrEG: Stromeinspeisungsgesetz; BauGB: Baugesetzbuch; EEG: Erneuerbare-Energien-Gesetz; EEV Endenergieverbrauch; Quelle: BMU Publikation "Erneuerbare Energien in Zahlen – nationale und internationale Entw icklung", KI III 1; Stand: Juni 2009; Angaben vorläufig Quelle: BMU 2009 Abbildung 2 7: Der Anteil der erneuerbaren Energien zur Stromerzeugung ist in Deutschland seit 1990 von 20 TWh auf über 90 TWh bzw. 15% im Jahr 2008 angestiegen. Bis zum Jahr 2020 sollen mindestens 20% des Stromes aus erneuerbaren Energien kommen. Auch die Erzeugung von Solarstrom wurde über das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) gestützt und konnte so einen schnell wachsenden Markt erobern. In etwa 10 Jahren wird die Solarstromerzeugung in Deutschland mengenmäßig den Anteil des Windenergie stromes von heute erreichen. Vermutlich ab dem Jahr 2013 wird selbst erzeugter Solarstrom kostengünstiger werden als Strom vom Energieversorger (sog. „grid parity“). Daneben hat sich auch der Anteil von Biomasse zur kombinierten Strom und Wärme erzeugung deutlich erhöht. Heute bildet Biomasse einen wichtigen Bestandteil, da es der einzige leicht speicherbare erneuerbare Energieträger ist. 2.4 Strukturwandel Die oben beschriebenen Veränderungen bilden die Basis für einen unvermeidlichen Struk turwandel weg von fossilen hin zu regenerativen Energieträgern und effizienterer Nutzung der verfügbaren Energiemengen. Dies ist einerseits eine erwünschte Veränderung, da sie
2 16 KLIMASCHUTZKONZEPT FÜR DEN LANDKREIS WEILHEIM SCHONGAU Motivation mit den Forderungen nach einer klimaneutralen Energieversorgung einhergeht. Allerdings geht sie bisher nicht schnell genug, da hemmende Kräfte zu einer Verzögerung führen. Es darf erwartet werden, dass dieser Strukturwandel sehr bald an Fahrt aufnimmt, wenn die Nachfrage nach Erdöl und damit dessen Preis wieder steigen wird. Daher ist es sinnvoll, sich planend auf diesen Wandel vorzubereiten und einzustellen. Wie dieser Strukturwandel vermutlich aussehen wird, ist in Abbildung 2 8 skizziert. Da die Verfügbarkeit von billigem Erdöl die bisherige wirtschaftliche Entwicklung voran getrieben hat, muss erwartet werden, dass dieser Strukturwandel von wirtschaftlichen Verwerfungen begleitet sein wird und viele heute gültige Sichtweisen und Rand bedingungen verändern wird. Darauf gilt es, sich vorzubereiten. Wir stehen am Beginn eines Strukturwandels der Energieversorgung, der zu einer Neuorientierung der gesamten Wirtschaft führen wird Energieverbrauch Erneuerbare + Erneuerbare Energie Erdgas Kohle Energie Erdöl 1930 1970 2010 2050 2090 1990 2030 2070 1950 1990 2030 2070 Quelle: AWEO 2006, LBST Abbildung 2 8: Der Strukturwandel von fossilen Energieträgern hin zu regenerativen Energien hat bereits begonnen und wird sich in den kommenden Jahren weiter verstärken. Dies ist ein erzwungener weltweiter Trend, der durch physische Verknappung angetrieben wird.