Dioxinhaltige Produkte und Umweltchemikalien in Schleswig-Holstein
m SCHLESWIG-HOLSTEINISCHER LANDTAG 10. Wahlperiode Drucksache 10/421 19. 03. 84 Kleine Anfrage des Abg. Dr. Hinz (SPD) und Antwort der Landesregierung - Minister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten - Dioxinhaltige Produkte und Umweltchemikalien in Schleswig- Holstein Mit dem Begriff Dioxine werden im allgemeinen 75 Varianten ch.lor- haltiger Dibenzodioxine mit sehr unterschiedlicher Toxizität bezeich- net. Allein von dem Tetrachlordibenzo-dioxin, zu dem das selten vor- kommende 2,3,7,8-Tetrachlordibenzo-p-dioxin - TCDD - (Seveso- gift} als gefährlichste Sustanz gehört, gibt es 22 Varianten. Das dage- gen häufig vorkommende Octachlordibenzo-dioxin hat eine um den Faktor 10 000 geringere Toxizität. 1. Sind der Landesregierung Umweltdlemikalien bekannt, die ggf. spurenweise Dioxine enthalten können? Wenn ja, um welche Umweltchemikalien handelt es sich? Ja. Das Umweltbundesamt hat in seinem Beridlt "Sadlstand Dioxineu eine entsprechende Ubersicht veröffentlicht, die als Anlage beigefügt ist. Die Landtagsdrucksachen alnd fortlaufend und einzeln beim Verlag Schmidt & Klaunlg, RingstraBe 19, 2300 Klei. Fernruf 6 20 95.196, zu be:tlehen.
Drucksache 10/421 Sdlleswig-Holsteinischer Landtag -10. Wahlperiode 2. Wo werden wieviel Chemikalien gemäß Frage l eingesetzt? Der Landesregierung liegt eine umfassende Ubersicht nicht vor. Hin- sichtlich der Pflanzenbehandlungsmittel wird auf die Antwort der Landesregierung auf die Große Anfrage der Fraktion der CDU betr. Umweltsituation und künftige Umweltpolitik der schleswig-holsteini- schen Landesregierung vom 20. I. 1984 (Dr. 10/236), Abschnitt D, ver- wiesen. 3. Welche Maßnahmen hat die Landesregierung ergriffen, um den Einsatz von diesen Umweltchemikalien zu verringern bzw. zu unterbinden? Der Einsatz von Umweltchemikalien ist durch das Gesetz zum Schutz vor gefährlichen Stoffen (Chemikaliengesetz) vom 16. Sept. 1980 - BGBI. I S. 1718- umfassend geregelt. Die zuständigen Behörden kontrollieren den sachgerechten Umgang mit Umweltchemikalien und wirken auf den Einsatz geeigneter Er- satzprodukte hin. Hinsichtlich der Pflanzenbehandlungsmittel gilt hier ebenfalls der bereits in der Antwort zu Frage 2 gemachte Quellen- verweis. 4. Ist der Landesregierung bekannt, daß das Produkt "Tormona" in Schleswig-Holstein eingesetzt wird? Sind der Landesregierung Fälle bekannt, in denen "Tormona" in Vermischung mit Mineralölen zur Anwendung gebracht wird? Tormona 80 und Tormona 100 sind zugelassene Pflanzenbehandlungs- mittel mit dem Wirkstoff 2,4,5-T. Tonnona 100 wird vom Hersteller nicht mehr vertrieben. Lediglich zur Einzelbehandlung von Stöcken, Sträuchern und Laubbäumen sowie zur Laubholzläuterung darf auf- grund der Zulassung Tormona augemischt in Dieselöl verwendet wer- den. Die Anwendung von Tormona ist weder anzeige- noch genehmigungs- pflichtig. Der Landesregierung ist daher nicht bekannt, ob Tormona in Schleswig-Holstein _in Mischung mit Dieselöl angewandt wird. Nach Angaben des Handels werden in Schleswig-Holstein nur geringe Men- gen Tormona abgesetzt. 5. Liegen der Landesregierung Informationen vor, wonach die Bil- dung von Dioxinen aus ~Clophen" und DDT nachgewiesen wurde? Wenn ja, unter welchen Bedingungen können sich Dioxine bil- den? Die Bildung von Dioxinen aus "Clophen" ist der Landesregierung bekannt. Das thermodynamisch äußerst stabile Dioxin kann sich be- vorzugt bei Temperaturen zwischen 300° C und 600° C unter Sauer- stoffmanget (z. B. unvollständige Verbrennung) bilden. Das Ausmaß der PCDD- und PCDF-Bildung wird wesentlich von den Pyrolyse- bzw. 2
Schleswig-Holsteinischer Landtag -10. Wahlperiode Dru<ksadle 10/421 Verbrennungstemperaturen bestimmt, wobei nach heutigem Erkennt- nisstand davon ausgegangen wird, daß ab lOOOc C - 1200c C PCDD und PCDF vollständig oxidiert werden. 6. Welche Möglichkeiten sieht die Landesregierung, um "Clophen" und zu gleichen Zwecken eingesetzte clophenverwandte Ver- bindungen aus der Umwelt zu entfernen? Mit Datum vom 31. 1. 1984 hat die Landesregierung den Kreisen, kreisfreien Städten und den Elektrizitätsversorgungsunternehmen die Empfehlungen der Länderarbeitsgemeinschaft Abfall zur l3eseitigung PCB-haltiger Abfälle - Clophen ist die Markenbezeichnung für ein bestimmtes PCB - mitgeteilt mit der Aufforderung, diese an die Be- troffenen - Transformatoren- und Kondensatorenbesitzer - weiter- zuleiten. Diese Empfehlungen zeigen den Weg der geordneten PCB- Beseitigung im Rahmen der zur Verfügung stehenden, für PCB zuge- lassenen Beseitigungskapazitäten auf. Im übrigen unterstützt die Lan- desregierung die Einführung eines Verwendungsverbotes für PCB in der Bundesrepublik Deutschland. PCB wird in der Bundesrepublik Deutschland nicht mehr hergestellt. Auf diese Weise ist eine kontrol- lierte und damit umweltunschädliche Beseitigung der vorhandenen PCB-Mengen gewährleistet. 7. Werden in Schleswig-Holstein Umweltchemikalien produziert oder konfektioniert, die ggf. spurenweise Dioxine enthalten oder aus denen sich Dioxine ggf. in geringen Anteilen bilden können? Wenn ja, um welche Firmen und Produkte handelt es sich? Nein. 8. Sind der Landesregierung Chlorakne-Erkrankungen im Bereich des Landes Schleswig-Holstein bekanntgeworden? Wenn ja, worauf werden diese Erkrankungerr zurückgeführt? Nein. Eintrag von PCDD und PCDF in die Umwelt (Emission) durdl Erzeu- gung und Anwendung chemisdter Produkte Erzeugung Bei der Herstellung polyhalogenierter Phenole und bei der Herstel- lung von o-halogenierten Phenylethern wird die Bildung von PCDD so begünstigt, daß diese mit hoher Wahrscheinlichkeit im Rohprodukt als Verunreinigung auftreten. Die Herstellung dieser Produkte (Liste 1) erfolgt normalerweise unter Reaktionsbedingungen wie hoher Temperatur im alkalischen Medium oder in Anwesenheit von freiem Halogen. Diese Reaktionsbedingun- gen sind für die Bildung polyhalogenierter Dioxine förderlich. 3
Drucksache 10/421 Schleswig-Holsteinischer Landtag -10. Wahlperiode In Liste 1 werden diejenigen Chemikalien aufgeführt, die während der letzten 10 Jahre weltweit entweder in größerer Menge als 500 kg/a oder im Wert von über 1000,- $/a hergestellt wurden. Liste 1: Organische Chemikalien, bei deren Herstellung polyhalo- genierte Dibenzodioxine gebildet werden 4-Brom-2,5-dichlorphenol 2-Chlor-4-fluorphenol Decabromphenoxybenzol 2,4-Dibromphenol 2,3-Dichlorphenol 2,4-Dichlorphenol 2,5-Didllorphenol 2,6-Dichlorphenol 3.4-Didllorphenol Pentabromphenol 2,4,6-Tribromphenol 2,4,5-Trichlorphenol Bromphenetol o-Bromphenol 2-Chlor -1 ,4-diethoxy -5-nitrobenzol 5-Chlor-2,4-dimethoxyanilin Chlorhydrochinon o-Chlorphenol 2-Chlor-4-phenylphenol 4-Chlorresorcin 2,6-Dibrom-4-nitrophenol 3,5-Dichlorsalicylsäure 2,6-Dijod-4-nitrophenol 3,5-Dijodsalicylsäure o-Fluoranisol o-Fluorphenol Tetrabrombisphenol A Tetrachlorbisphenol A Mit geringerer Wahrscheinlichkeit als bei den in Liste 1 aufgeführten Stoffen können bei der Herstellung weiterer 55 Stoffe PCDD gebildet werden (Liste 2 zählt die wichtigsten Stoffe auszugsweise auf). Liste 2·: OrganisdJ.e Chemikalien, bei deren Herstellung Dioxine ge- bildet werden können o-Anisidin Benzaldehyd 3,4-Dichloranilin 3,4-Dichlorbenzaldehyd Fumarsäure Maleinsäure o-Nitrophenol Phthalsäureanhydrid Chlorbenzole 4
Sdlleswig-Holsteinisdler Landtag- 10. Wahlperiode Drucksadle I 0/421 Anwendung Die aufgeführten Stoffe werden im allgemeinen in der chemischen Industrie zur Weiterverarbeitung oder in anderen Idustriezweigen als Ausgangsstoffe eingesetzt. So werden insbesondere die halogen- ierten Chlorphenole zu halogenierten Phenoxycarbonsäuren, sowie deren Salzen und Estern weiterverarbeitet Diese finden als Biozide Anwendung und enthalten oder können PCDD enthalten. In Liste 2 werden diejenigen Biozide aufgeführt, bei deren Herstel- lung (nicht aber bei deren Formulierung, Lagerung, Verteilung und Verwendung) halogenierte Dibenzodioxine gebildet werden, weil in der Reaktionskette o-halogenierte Phenole bei höherer Temperatur (~ 145' · C) und alkalischem Medium oder freiem Halogen auftreten. Liste 3: Biozide, in denen PCDD enthalten sind Methyl-5-(2,4-did:tlorphenoxy)-2-nitrobenzoat (Bifenox) 2,3,5,6-T etrad:tlor-2,5-cyclohexadien-1 ,4-dion (Chloranil) 2,4-Dichlorphenoxyessigsäure, deren Ester und Salze (2,4-D) *) 2,4-Did:tlorphenoxybuttersäure und deren Salze (2,4-DB) 3,6-Dichlor-2-methoxybenzoesäure (Dicamba) 0,0-Dimethyl-0- (2-d:tlor -4-nitrophenol)- thiophosphat (Dicapthon) 0,0-Diethyl-0-(2,4-did:tlorphenyl)-thiophosphat (Dichlofenthion) 2,4-Did:tlorphenoxymethylsulfat Natriumsalz (Disul sodium) 2-(2,4-Did:tlorphenoxy)-propionsäure (2,4-DP) 2- (2,4,5-Trid:tlorphenoxy) -ethy 1-2,2-did:tlorpropiona t (Erbon) 2,2'-Methylen bis (3,4,6-trid:tlorphenol) (Hexachlorophen) 2,4-Did:tlorphenyl-p-nitrophenylether (Nitrophen) Pentad:tlorphenol und dessen Salze (PCP) 0, 0-Dimeth y 1-0- (2,4,5-trid:tlorphen yl) -thiophospha t (Ronnel, Fend:tlorphos) 2-(2,4,5-Trichlorphenoxy)-propionsäure, deren Ester und Salze (Silvex) 2,4,5-Trichlorphenoxyessigsäure,deren Ester und Sahe (2,4,5- T) 2 ,3,4,6-T etrad:tlorphenol 2,4,5-Trichlorphenol Bei der Herstellung weiterer 19 Biozide können ebenfalls Dioxine gebildet werden. •1 Bei den chlorphenolfreien Herstellungsverfahren entstehen keine PCDD. 5