Zukunft der Ethnologischen Museen in Sachsen
STAATSMINISTERIUM FÜR WISSENSCHAFT KULTUR UND TOURISMUS STAATSMINISTERIUM FÜR WISSENSCHAFT, KULTUR UND TOURISMUS Postfach 10 09 20 | 01079 Dresden Präsidenten des Sächsischen Landtages Herrn Dr. Matthias Rößler Bernhard-von-Lindenau-Platz 1 01067 Dresden Kleine Anfrage des Abgeordneten Franz Sodann (DIE LINKE) Drs.-Nr.: 7/1774 Thema: Zukunft der Ethnologischen Museen in Sachsen Sehr geehrter Herr Präsident, namens und im Auftrag der Sächsischen Staatsregierung beantworte ich die Kleine Anfrage wie folgt: Frage 1: Welche konzeptionellen Überlegungen liegen der Umstruktu- rierung und Neuprofilierung der SES zugrunde? Die Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen (SES) mit ihren Standorten in Leipzig (GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig), Dres- den (Museum für Völkerkunde Dresden) und Herrnhut (Völkerkundemuseum Herrnhut) gehören zum Verbund der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD). Der konzeptionellen Weiterentwicklung der SES liegen aktuelle grundlegende ethnologische, museologische und gesellschaftliche Diskurse zugrunde. Der Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten, die Bewahrung, Erfor- schung und Präsentation immateriellen Kulturerbes sowie Fragestellungen im Bereich Audience Development und die damit verbundenen notwendigen Transformationsschritte in der Museumsarbeit, spielen für die Neuprofilierung der SES eine besondere Rolle. In allen drei Häusern steht die weitere Öffnung und Aktivierung breiter Besu- chergruppen im Fokus. Darunter fällt als Querschnittsaufgabe beispielsweise die Verbesserung der Zugänge nach den aktuellen Richtlinien für Inklusion und Barrierefreiheit. Wichtige Punkte sind hier beispielhaft die Umsetzung Einfacher Sprache und die Etablierung des Museums als sogenannten „Drit- ten Ort“ für gesellschaftliche Teilhabe. Im Umgang mit dem kolonialen Erbe und dem Postkolonialismus spielt die Multiperspektivität, die Einbindung von und nachhaltige Vernetzung mit den Herkunftsgemeinschaften eine herausragende Rolle. Zu den weiterführenden konzeptionellen Umstrukturierungsmaßnahmen gehören im Einzelnen: Freistaat SACHSEN Die Staatsministerin für Kultur und Tourismus Aktenzeichen (bitte bei Antwort angeben) KT-L-1053/10/16-2020/15297 Dresden, CS’ März 2020 Ar Zertifikat seit 2007 audit berufundfamilie Hausanschrift: Staatsministerium für Wissenschaft, Kultur und Tourismus Wigardstraße 17 01097 Dresden (Straßenbahnlinien 3, 6, 7, 8, 13) Staatsministerin für Kultur und Tourismus Königsbrücker Straße 29 01099 Dresden (Straßenbahnlinien 7, 8) Für Besucher mit Behinderungen stehen Parkplätze am jeweiligen Hintereingang zur Verfügung. www.smwk.sachsen.de Der Empfang von elektronisch signierten und verschlüsselten Dokumenten ist via DE-Mail möglich: ministerium@smwk-sachsen.de-mail.de
STAATSMINISTERIUM FÜR WISSENSCHAFT KULTUR UND TOURISMUS GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig Unter dem Projektnamen (Re)inventingGrassi 2023 soll das GRASSI Museum für Völ- kerkunde zu Leipzig mit innovativen Formaten neu und zukunftsweisend aufgestellt wer- den. Das Programm wird experimentelle Werkstatt- und Laborausstellungen sowie das sogenannte „Postlabor“ beinhalten. Die Idee des Netzwerkmuseums, das Menschen, Orte und Zeiten mit den Sammlungen verbindet, wird dabei im Vordergrund stehen. Die Gesamtheit der geplanten Maßnahmen wie die Schaffung eines reflexiven Schaudepots, die Errichtung eines Kindermuseums, die Auseinandersetzung mit der deutsch-deut- schen Ethnografie als historischen Schwerpunkt sowie weitere Teilprojekte im Themen- feld des Postkolonialismus, sollen in ihrer Gesamtheit zum Netzwerkmuseum führen. Museum für Völkerkunde Dresden Mit der Sonderausstellung „Sprachlosigkeit - Das laute Verstummen“ (2021) wird das Völkerkundemuseum Dresden erstmals seit längerer Zeit wieder mit einer eigenen Son- derausstellung im Japanischen Palais in Dresden vertreten sein. Die Ausstellung möchte einen interkulturellen Dialog initiieren und wird den strukturellen Gemeinsamkeiten der Verbrechen des Kolonialismus des 19. und des Rassismus des 20. Jahrhunderts, die bis in die Gegenwart fortwirken, nachgehen. Als Plattform für eine intensive ethnologische und künstlerisch-geisteswissenschaftliche Auseinandersetzung mit Trauma, Sprachlosigkeit und kollektiver Erinnerung soll die Son- derausstellung der Profilschärfung des Museums als Ort des Dialoges zwischen den Herkunftsgemeinschaften und der Stadtgesellschaft dienen. Völkerkundemuseum Herrnhut Die Museumsarbeit in Herrnhut liegt weiterhin auf dem konkreten Ausbau der regionalen Vernetzung und der Stärkung des Standortes als wichtiger Bildungs- und Vermittlungs- einrichtung. Geplant sind die Intensivierung des „Outreach-Programmes“ und die Neu- gestaltung der Dauerausstellung. Im Rahmen des Stadtjubiläums „300 Jahre Herrnhut“ plant das Völkerkundemuseum eine Jubiläumsausstellung mit regionalen Kooperations- partnern und unter Einbeziehung der Bürger der Stadt zu entwickeln und zu präsentieren. Frage 2: Welche konkreten Schritte zur Umstrukturierung und Neuprofilierung wurden bereits in den Einrichtungen der SES unternommen? Im Folgenden werden wesentliche, konkrete Schritte zur Umstrukturierung und Neupro- filierung der SES in den letzten 5 Jahren ausgeführt. Unter der Leitung der Direktorin Nanette Snoep wurde mit Umsetzung eines stringenten neuen Grafikdesigns eine modernisierte Ausstellungsästhetik geschaffen. Auf der Grundlage allgemeiner ethischer Erwägungen unter Berücksichtigung der Kultur der Herkunftsländer bzw. Herkunftsgesellschaften fand 2017 erstmalig eine Repatriie- rung menschlicher Überreste aus dem Bestand des Museums für Völkerkunde Dresden statt. Es wurden Sonderausstellungsprojekte realisiert, die sich gezielt mit aktuellen ge- sellschaftlichen Diskursen auseinandersetzen und neue Formate in Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstler aus unterschiedlichen Herkunftsgemeinschaften erprobt. Beispielsweise wurde durch die Ausstellung „Prolog“ des Museums für Völkerkunde Dresden im Japanischen Palais insbesondere die Fachwelt auf den ethnologischen Mu- seumsstandort Sachsen aufmerksam. Seite 2 von 5 Freistaat SACHSEN
STAATSMINISTERIUM FÜR WISSENSCHAFT KULTUR UND TOURISMUS Die bereits unter Nanette Snoep begonnene Digitalisierung der Bestände der SES im Rahmen des Daphne-Projektes, die Provenienzforschung und der partnerschaftliche Austausch mit den Herkunftsgesellschaften sowie die Öffnung für breite Besuchergrup- pen wurde und wird unter der derzeitigen Direktorin Leontine Meijer-van Mensch fortge- führt und intensiviert. Beispielsweise fanden 2019 Repatriierungen menschlicher Über- reste an Australien statt (auf die Kleine Anfrage Drs. 7/952 wird verwiesen). Die auf der ersten Kultur-Ministerkonferenz beschlossenen „Ersten Eckpunkte zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“ und der „Leitfaden zum Umgang mit Samm- lungsgut aus kolonialen Kontexten" (2019) wurden auf die spezifischen Kontexte der SES hin analysiert und mündeten inhaltlich in der Erarbeitung der Teilprojekte für „(Re)in- venting Grassi 2023“ und in der Beantragung von Drittmitteln aus der Initiative für Ethno- logische Sammlungen der Kulturstiftung des Bundes. Die Objektdigitalisierung im Rahmen des Daphne-Projektes wurde und wird in allen drei Museen vorangebracht. Seit Juli 2019 hat die SES eine eigene Daphne-Koordinations- stelle und es wurde eine weitere spezielle Kamera zur Objektfotografie angeschafft. Des Weiteren wurden Maßnahmen zur Erhöhung der Sichtbarkeit umgesetzt. Mit einem „Outreach-Programm“ verankert sich das Völkerkundemuseum Herrnhut verstärkt in der Region der Oberlausitz und etabliert sich als wichtige Bildungs- und Kulturinstitution der Region. Der Social Media Auftritt der SES wurde ausgebaut. Auf Facebook wird zusätz- lich auch auf Englisch informiert und das Völkerkundemuseum Herrnhut hat einen eige- nen Facebook-Auftritt bekommen. Auf Ziff. 4, Drs. 6/16966 wird verwiesen. Nach Jahren ohne Sammlungstätigkeit konnten seit 2019 wichtige zeitgenössische und historische Objekte in die Sammlungen der SES integriert werden. Beispielhaft stehen hier die Ergänzungen zur Leipziger Sammlung Zentral-Afrikas mit Kunstwerken der kon- golesischen Künstler Serge Diakota, Eunice Kamanda oder Fransix Tenda, welche neue Perspektiven auf die historischen Objekte werfen und diese in einen globalen Kontext erscheinen lassen. Die Holzskulptur des kongolesischen Künstlers Hilary Balu — „Nkisi Mouse“, in Anlehnung an „Micky Mouse“, stellt einen herausragenden Erwerb dar, da damit die historische Minkisi-Sammlung dynamisiert wird. Zudem konnten Objekte die in Verbindung zur Repatriierung nach Australien stehen in die Leipziger Sammlung aufge- nommen werden. Die Dresdner Äthiopien-Sammlung konnte durch historische Doku- mente und Objekte ergänzt werden, wie beispielsweise einem historischen Fotoalbum Arthur Schuberts von 1908 — 1910 sowie seinen Tagebüchern oder einem Liturgie- und Gebetsbuch aus dem 19. Jh. zusammen mit Sistrum, Halsketten, einem Armband oder beschnitzten Elfenbeinutensilien. Insgesamt wurden in 2019 zahlreiche Einzelmaßnahmen realisiert, die u. a. den Aus- tausch zwischen den drei Museen der SES, die Realisierung von Barrierefreiheit und die Zusammenarbeit mit den Herkunftsgesellschaften, lokalen Initiativen und der Stadtge- sellschaft voranbrachten. Seite 3 von 5 Freistaat SACHSEN
FÜR WISSENSCHAFT STAATSMINISTERIUM KULTUR UND TOURISMUS Frage 3: Welcher Zeitplan liegt den Vorhaben zugrunde? Grassi Museum für Völkerkunde zu Leipzig Meilensteine der Entwicklung im Zeitraum 2020 bis 2023 sollen die Eröffnung der Teil- projekte (Re)inventingGrassi 2023 werden. Von 2020 bis 2021 steht die wissenschaftli- che, gestalterische und planerische Vorbereitung der konkreten Umsetzungen der Teil- projekte im Vordergrund. Der grobe Zeitplan bis 2023 sieht wie folgt aus: «e 2021 bis 2023: Schaffung eines reflexiven Schaudepots «e 2021 bis 2022: Kindermuseum «e 2022: Auseinandersetzung mit der deutsch-deutschen Ethnografie als histori- scher Schwerpunkt «e 2022: Fragestellungen des Postkolonialismus e 2022 bis 2023: Schwerpunkt auf immersive Museumserfahrungen (Sound und Performanz) Museum für Völkerkunde Dresden Die nächste Sonderausstellung „Sprachlosigkeit — Das laute Verstummen“ öffnet am 26.02.2021. Völkerkundemuseum Herrnhut Die Jubiläumsausstellung „300 Jahre Herrnhut“ öffnet im Februar 2022. Die Neugestaltung der Dauerausstellung soll nach jetzigem Stand im Jahr 2023 erfolgen. Frage 4: Wie hoch werden die finanziellen und personellen Aufwendungen ver- schlagt und wie erfolgt die Bereitstellung der Mittel? Die finanziellen und personellen Aufwendungen der SES werden mit dem Budget der SKD im Haushaltsplan der sächsischen Staatsregierung veranschlagt. Der Doppelhaus- halt 2021/2022 wird aktuell aufgestellt. Zur Höhe der Veranschlagung kann aus diesem Grund aktuell keine Aussage getroffen werden. Die Bereitstellung der Mittel erfolgt nach Verabschiedung des Doppelhaushalt 2021/2022 durch Zuweisung der Haushaltsmittel durch das SMWK an die SKD in Kapitel 12 85. Frage 5: Wie werden die bürgerschaftlichen Initiativen und Fördervereine einbezo- gen? Um die Häuser der SES in der jeweiligen Stadtgesellschaft zu vernetzen sowie die För- derkreise in die Prozesse der Neupositionierung und Umstrukturierung einzubinden, wur- den zahlreiche gemeinsame Maßnahmen angebahnt bzw. umgesetzt. Beispielsweise er- folgte eine Zusammenarbeit mit dem Freundeskreis des Grassi Museum für Völkerkunde zu Leipzig im Rahmen der der Jubiläumsfeierlichkeiten 150 Jahre Völkerkundemuseum. Die Zusammenarbeit mit dem Freundeskreis Herrnhut soll anlässlich des Stadtjubiläums 300 Jahre Herrnhut weiter ausgebaut werden und es wurden Gesprächsrunden zur zu- künftig stärkeren Einbindung initiiert. Der Freundeskreis unterstützte das Museum für Völkerkunde Dresden beim Erwerb von Objekten, bei der Schenkung der Sammlung Ko- rolnik und wird die kunsthistorische Veröffentlichung zum Damaskuszimmer im Sommer Seite 4 von 5 Freistaat SACHSEN
FÜR WISSENSCHAFT STAATSMINISTERIUM KULTUR UND TOURISMUS 2020 unterstützen. Die Stadtgesellschaften in Dresden, Leipzig und Herrnhut werden durch den Austausch mit und Beteiligung von zivilgesellschaftlichen Akteuren im Rah- men von Ausstellungsbeteiligungen, Veranstaltungen, Vorträgen und Tagungen sowie im Rahmen von Kooperationen einbezogen. Aufgrund der aktuell geltenden Leitlinien zum einheitlichen Vorgehen zur weiteren Beschränkung von sozialen Kontakten im öf- fentlichen Bereich angesichts der Corona-Epidemie in Deutschland, die die Bundesre- gierung und die Regierungschefs der Bundesländer am 16. März 2020 vereinbart haben, der Allgemeinverfügung (Vollzug des Infektionsschutzgesetzes; Maßnahmen anlässlich der Corona-Pandemie; Ausgangsbeschränkungen, Bekanntmachung des Sächsischen Staatsministeriums für Soziales und Gesellschaftlichen Zusammenhalt vom 22. März 2020, Az. 15-5422/10), der Allgemeinverfügung Vollzug des Infektionsschutzgesetzes Maßnahmen anlässlich der Corona-Pandemie Verbot von Veranstaltungen Bekanntma- chung des Sächsischen Staatsministeriums für Soziales und Gesellschaftlichen Zusam- menhalt vom 20. März 2020 Az.: 15-5422/5 bleiben die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden jedoch bis einschließlich 20. April 2020 geschlossen und alle Veranstaltungen wurden bis auf Weiteres abgesagt. Auch das für Ende März 2020 geplante strategische Klausurtreffen der Freundeskreise in Herrnhut wurde aus gegebenem Anlass auf unbe- stimmte Zeit verschoben. Mit freundlichen Grüßen cW/2 Barbara lepsch/ Seite 5 von 5 Freistaat SACHSEN