Integriertes Maßnahmenprogramm zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels im Freistaat Thüringen - IMPAKT II

Dieses Dokument ist Teil der Anfrage „Klimaschutz- und Klimaanpassungskonzepte

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Forschungen zu Extremereignissen und deren Folgen im Wald                                                                                                       FW_06 Die Herausforderung Extremereignisse werden mit dem Klimawandel in Häufigkeit und Intensität zunehmen. Dies wird Folgen für den Wald haben. Forschungen dienen daher dem Ziel, die Risiken für die Waldöko­ systeme und die Forstwirtschaft besser abschätzen zu können sowie mögliche Handlungsansätze und konkrete Maßnahmen zu entwickeln. Das FFK Gotha forscht im Themenkomplex „Anpassung von Waldökosystemen an sich verändernde Umweltbedingungen, insbesondere Klimawandel“ mit den Kernelementen Forstgenetik, Waldbau, Waldumbau sowie Boden- und Waldschutz unter ande­ rem zu Extremereignissen und deren Folgen für den Wald. Im Fokus stehen Winter- und Sommerstürme, Hitze und Trockenheit sowie Aus der Forschung zu den Folgen von Extremereignissen für den Wald resul­ Starkregen und Hagel.                                             tieren wichtige Hinweise für die waldbauliche Praxis. Wer ist aktiv und was wird getan? Klimafolgenmonitoring: I-FW-3 Schadholzaufkommen nach Schadensursachen Im Rahmen eines von der Landesforstanstalt unterstützten und mit betreuten Dissertationsprojekts der TU-Dresden wurde auf Schadflächen aus dem Wintersturm Kyrill (2007) systematisch       die Anlage von Gräben) und für die Sommerschadholzprognose untersucht, wie sich kostspielige Pflanzungen der Buche entwi­    genutzt werden können. ckeln, wenn der darüber stehende, qualifizierende Fichtenschirm   Die Landesforstanstalt beauftragt außerdem anlassbezogen Spezi­ verloren gegangen ist (2011 bis 2014). Erkenntnisse sind bereits  alisten, um durch Jahrringanalysen die Wuchsreaktion ausgewähl­ in Handlungsanweisungen eingeflossen, ergänzende Schulungen       ter Waldbäume auf Witterungsbedingungen und Extremereignisse dazu in den Thüringer Forstämtern wurden sehr gut angenommen.     (sogenannte Weiserjahre) zu analysieren. Das FKK Gotha betreute danach bis 2017 das von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt finanzierte Doktorandenprojekt zur „erfolg­ Was wurde erreicht und wie geht es weiter? reichen Wiederbewaldung von Schadflächen durch Pionierbaum arten zur Kalamitätsvorsorge im Fichtenwald“. Es wurde in den     Trotz knapper werdender Mittel forscht das FFK zu Extremereignis­ Hochlagen des Thüringer Waldes untersucht und inzwischen auch     sen im Wald. Teilweise werden sogenannte Drittmittelforschungen geschult, wie Pionierbaumarten strukturarme Nadelbaumbestände     erfolgreich beantragt. Einen Schwerpunkt bildet dabei das Erken­ ökologisch verbessern und die Folgen der Freiflächenwirkungen     nen von Hagelschäden, Sturmwürfen und Hitze- sowie von Trocken­ nach Kalamitäten eindämmen können.                                schäden und nachfolgendem Borkenkäferbefall durch Drohnen-, Im Rahmen des EU INTERREG IVb Projekts HABIT-CHANGE wurde         Luft- und Satellitenbilder der neuesten Generation (zum Beispiel geprüft, wie schleichende klimatische Veränderungen und Extreme   Sentinel-Satelliten im Projekt SenThIS). wie Sturm, Schädlingsbefall, Hitzewellen, Blitzschlag und Wald­     Publikationen ausschließlich zu Extremereignissen im Wald brand auf FFH-Lebensraumtypen einwirken. Projektergebnisse          aus Forschungsaktivitäten bei der Landesforstanstalt: auch aus Thüringen wurden 2014 in einer renommierten wissen­                Buchkapitel   Zeitschriftenbeiträge   (gedruckte) Tagungsbände schaftlichen Buchreihe aufgelegt.                                   2013                                                      1 In Zusammenarbeit mit der Thüringer Klimaagentur an der TLUG        2014        2                   2                         1 konnte am FFK Gotha 2014 bis 2016 erstmals im bundesweiten          2015                            2 Vergleich das regionale Sommerunwetterpotenzial ausgewertet         2016        1                   1                         4 werden. Durch moderne Blitzortung und das Niederschlagsradar 2017                            2                         1 entstehen neue Klimazeitreihen, die in Thüringen beispielsweise zur Waldwegeoptimierung (unter anderem Wasserdurchlässe und       Informationen zu Forschungsarbeiten:  83
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Wald und Forstwirtschaft Optimiertes Schadensmanagement nach Windwurf und -bruch                                                                                                              FW_07 Die Herausforderung Für Veränderungen der Sturmgefahr liegen zwar international kaum belastbare Informationen vor, allerdings ist bereits die jetzige Wiederkehrhäufigkeit von großen Sturmereignissen in Mitteleuropa besorgniserregend hoch (circa alle zehn Jahre). Hinzu kommen allgemeine Veränderungen der Großwetterlagen und thermischer Antriebskräfte in einer anthropogen erwärmten Atmosphäre. Trotz Waldumbau und anderen präventiven Maßnahmen lässt sich nicht ausschließen, dass eine erhöhte Menge an Schadholz anfällt. Das Schadholz muss dann rasch geborgen werden, und Schadflächen müssen nach den Regeln des ThürWaldG wieder­ bewaldet werden. Im Schadensfall muss rasch und zielorientiert gehandelt werden. Hierzu Nach dem Wintersturm Kyrill 2007 hat die Landesforstverwaltung        bedarf es eines effektiven Schadensmanagements. im Zusammenspiel mit privaten und körperschaftlichen Wald­ besitzenden bereits ein gutes Schadensmanagement bewiesen. Die Landesforstanstalt hat die Erfahrungen kontinuierlich für eine       Klimafolgenmonitoring: weitere Verbesserung genutzt.                                            I-FW-3 Schadholzaufkommen nach Schadensursachen Wer ist aktiv und was wird getan? Thüringen im Ernstfall umsetzbar. Die Anlage weiterer Standorte Bei der Landesforstverwaltung erfolgte die „Wiederbewaldung           wird genehmigungsseitig vorbereitet, projektiert und kalkuliert. im Team“ nach Kyrill auf Grundlage von fachlichen Expertisen,         Technische Ausrüstung (Pumpen, Leitungen, Schläuche, Regner) Vor-Ort-Terminen und Fallgruppenentscheidungen in einem ei­           ist fachgerecht eingelagert und kann zeitnah aktiviert werden. gens dafür installierten Arbeitsprozess. Die Erfahrungen aus der      Im Auftrag des Thüringer Rechnungshofs wurden 2014 die Erfah­ Bewältigung des Großschadensereignisses gingen in Konzepte            rungen aus der Bewältigung des Großschadensereignisses Kyrill und Empfehlungen der Landesforstverwaltung ein. So wurden in          nochmals analysiert. der sogenannten „Inforeihe Kyrill“ zwölf Merkblätter zu diffe­ renzierten Wiederbewaldungsmaßnahmen für Waldbesitzer zur             Was wurde erreicht und wie geht es weiter? Verfügung gestellt. Zudem wurde die Konzeption zur Bewältigung von Großschadens­          Die Konzeptionen, Berichte für den Rechnungshof und diverse ereignissen überarbeitet. Sie gliedert sich in die alles integrieren­ Merk- und Infoblätter liegen vor. Die Maßnahme ist abgeschlos­ den Schwerpunkte: Sofortmaßnahmen, Schadensermittlung und             sen. Natürlich muss das optimierte Schadensmanagement inklu­ -analyse, Holzaufarbeitung, Holzeinlagerung, Wiederbewaldung          sive aller Teilarbeitsschritte für den Ernstfall weiterhin einsatz­ inklusive Bedarf und Einsatz von Saatgut. Die Konzeption regelt       fähig gehalten werden. Dies erfordert regelmäßige Prüfungen auf die kurz-, mittel- und langfristige Zusammenarbeit relevanter         Aktualität beziehungsweise eventuelle Anpassungen, aber auch Akteure in Zusammenarbeit mit der Unfallkasse Thüringen.              stabile Organisationsstrukturen, Personal- und Finanzmittel. Enthalten ist außerdem ein Nasslagerkonzept. Dessen Ziel ist          Im Bericht für den Rechnungshof wird neben den genannten es, eine Holzlagerkapazität in der Größenordnung eines regu­          Maßnahmen empfohlen, die zeitnahe Schadflächenermittlung lären Fichtenjahreshiebsatzes von etwa 600.000 Festmetern             mittels Drohnen-, Luft- und Satellitenbildern voranzutreiben. aufzubauen, um Sturmholz bis zu drei Jahre ohne erheblichen           Nach Thüringer Projekten zu diesem Thema (ANDROMEDA, EUFO­ Qualitätsverlust einlagern zu können, da der Holzmarkt bei            DOS, SenThIS) sind geeignete Anwendungen inzwischen praxis­ Schadenseintritt die anfallenden Holzmengen nicht ohne                reif. Ein reibungsloser Ablauf im Ereignisfall erfordert allerdings Weiteres aufnehmen kann. Derzeit ist eine Lagerkapazität von          einen dauerhaften Input in die Technik, die Bildarchivierung und rund 305.000 Fest­metern an acht verschiedenen Standorten in          in Spezialisten in diesem hochdynamischen Wissenschaftszweig. 84
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Daueraufgaben Vorbeugender Waldschutz gegen Schaderreger                      Das Waldschutzmeldewesen ist in seiner angepassten und fach­ lich erprobten Differenziertheit aus derzeitiger Sicht auch für Nach dem ThürWaldG (§ 11) ist es Aufgabe jedes Waldbesitzen­ bereits beobachtbare und in Zukunft mögliche Veränderungen den, die Wälder Thüringens vor bestandsbedrohenden Schäden durch den Klimawandel gerüstet. Es darf deshalb jedoch nicht zu schützen und zu bewahren. Das ThürWaldG regelt Einzelhei­ vernachlässigt werden. (s. Teil 4, S. 145) ten zum Waldschutz, der unter anderem auch auf neue Schad­ erreger und neue Möglichkeiten des Pflanzenschutzes reagieren   Waldbrandvorsorge muss. Der mit dem Klimawandel einhergehende Anstieg der witte­ Im Dienste aller Waldbesitzarten übernimmt die Landesforst­     rungsbedingten Waldbrandgefährdung legt nahe, dass Maß­ anstalt im Auftrag des TMIL wesentliche Aufgaben der Über­      nahmen der Waldbrandvorsorge zukünftig zu intensivieren sind. wachung, Diagnose und Prognose von Schadorganismen und          Derzeit bestätigen die geringe Anzahl und Fläche von Waldbrän­ Schadereignissen. Informationen der Waldbesitzer, unter ande­   den in Thüringen, dass die Waldbrandvorsorge sehr erfolgreich rem auch der Thüringer Forstämter, werden an der Hauptstelle    betrieben wird – trotz prinzipiell zunehmender klimatisch Waldschutz im FFK Gotha gebündelt und analysiert.               bedingter Waldbrandgefährdung. Der Waldschutz schafft die Voraussetzungen, um präventi­        Die Waldbrandvorsorge und -überwachung gehört laut ve Maßnahmen ergreifen und im Falle eines Befalls zeitnah       ThürWaldG (§12) zu den Pflichten jedes Waldbesitzers. Gemäß reagieren zu können. Zentrales Element der Überwachungs­        der Dienstordnung 2.2 Waldbrandschutz (02/2014) obliegen maßnahmen ist der Waldschutzmeldedienst inklusive sehr          der Landesforstanstalt beim Waldbrandschutz fiskalische und spezieller mehrstufiger Monitoringverfahren für die wichtigsten hoheitliche Aufgaben. Die Waldbrandvorsorge umfasst vorbeu­ Forstschädlinge. Das Monitoring erfolgt beispielsweise über     gende forstliche Maßnahmen, organisatorische Maßnahmen Pheromonfallen, die Winterbodensuche, die Leimringprognose      (wie Waldbrandalarmplan, Rettungs- und Löschwasserentnah­ oder die Suche nach Eigelegen und über Mäusefänge.              mekarte), die Aufklärung der Bevölkerung, Waldbrandschutz­ übungen und die alljährliche Waldbrandüberwachung, die Als Konsequenz positiver Befunde bei der Überwachung werden     jeweils am 1. März beginnt und bis Ende Oktober dauert. dann je nach überschrittenem Schwellenwert differenzierte Maßnahmen der Vorbeugung und Bekämpfung empfohlen.              Das bei der Waldbrandüberwachung eingesetzte Waldbrandpro­ Außerdem werden intern die seit Anfang 2013 geforderten         gnoseverfahren arbeitet mit fünf Waldbrandgefahrenstufen, die regelmäßigen Schulungen zum „Sachkundenachweis Pflanzen­        täglich durch den DWD nach Regionen differenziert aktualisiert schutz“ angeboten, ohne die Pflanzenschutzmittel inzwischen     werden. Das Prognoseverfahren ist inzwischen bundesweit im nicht mehr erworben und angewendet werden dürfen.               Einsatz bewährt. Hinzu kommen abgestimmte Verfahren zum Brandberichtswesen und zur eigentlichen Waldbrandbekämp­ Das Meldewesen wird kontinuierlich verbessert, zuletzt bei­     fung. Für Letztere ist vor Ort nicht das Forstamt, sondern gemäß spielsweise über den Aufbau von Meldungsroutinen direkt in      Thüringer Brand- und Katastrophenschutzgesetz der Einsatzlei­ Datenbanklösungen. Außerdem wird das Meldewesen stetig an       ter der zuständigen öffentlichen Feuerwehr zuständig. neue Bedrohungen angepasst. Diese stehen allerdings nicht immer im spezifischen Zusammenhang mit den neuen Heraus­        Steigt die Waldbrandgefahrenstufe, können durch das Forst­amt forderungen durch den Klimawandel.                              zur Früherkennung von Waldbränden Kontrollgänge durchge­ führt und Aussichtpunkte besetzt werden. Zum Maßnahmenpa­ Die Hauptstelle Waldschutz informiert Waldbesitzende bezie­     ket gehören außerdem Fahrverbote in Wäldern, gegebenenfalls hungsweise Waldbewirtschaftende regelmäßig. Dies geschieht      Sperrungen öffentlich zugänglicher Grillplätze und Feuerstellen unter anderem durch die neunmalig im Jahr erscheinende Wald­    sowie Sperrungen von extrem gefährdeten Waldgebieten. schutz-Information, einen Waldschutzsammelbericht inklusive jährlicher Kurzfassung als Bundeslandbericht in der wichtigsten Das verfügbare Instrumentarium der Waldbrandvorsorge ist aus deutschsprachigen Forstzeitschrift, durch acht Daten- und Zah­  Sicht der Thüringer Landesverwaltung derzeit ausreichend, um lenberichte zu den Meldeperioden im Jahr für Spezialisten in    in Phasen erhöhter Waldbrandgefahr agieren und reagieren zu den Forstrevieren sowie durch zehn derzeit aktive Waldschutz­   können. Zusätzliche oder anders gestaltete Maßnahmen der merkblätter.                                                    Prävention, Früherkennung und Bekämpfung von Waldbränden 85
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Wald und Forstwirtschaft werden mit Blick auf den Klimawandel derzeit nicht für erforder­ Im Hinblick auf Witterungsextreme und langfristige klimatische lich erachtet. Gleichwohl erfordert das abgestimmte Verfahren    Veränderungen werden die Daten besonders intensiv analysiert. mit vielen externen Mitwirkenden wie den zuständigen Land­       Daraus resultierende Empfehlungen werden systematisch an rätinnen und Landräten, Bürgermeisterinnen und Bürgermeis­       die Revierförsterinnen und -förster übermittelt. Diese sind zu­ tern sowie Feuerwehren auch innerhalb der Landesforstver­        gleich die wichtigsten Multiplikatoren für die Waldbesitzenden waltung eine ausreichende Personal- und Mittelausstattung,       und -interessierten. die im Rahmen der jeweils zur Verfügung stehenden Mittel und Ressourcen sicherzustellen ist.                                  Das FFK Gotha erstellt quartalsweise, basierend auf den tagesgenauen Messungen zur Bodenfeuchte- und -temperatur­ Forschungen zu den Auswirkungen des Klima­                       dynamik, einen forstlichen Witterungsbericht. Er beschreibt die wandels auf wichtige Standortfaktoren im Wald                    aktuellen und langfristigen Auswirkungen der Witterung auf die Vegetation, auf die Entwicklung forstlicher Schadinsekten und Im Rahmen internationaler Verpflichtungen (ICP Forests) und auf betriebliche Belange (wie die Möglichkeiten und Grenzen für nach § 41a Bundeswaldgesetz führt die Landesforstanstalt Pflanzungen und Holzernten oder Forstsaatguternte). beziehungsweise das FFK Gotha seit 1991 in Abstimmung mit dem TMIL ein Forstliches Umweltmonitoring durch. Dieses Außerdem wird jährlich ein umfassender Waldzustandsbericht Monitoring ist langfristig angelegt und beinhaltet die jährliche erstellt, der neben den aktuellen Waldzustandsdaten auch Waldzustandserhebung (WZE), die periodische BZE und ein Aussagen zur Entwicklung der Baumarten im Hinblick auf das permanentes Intensiv-Monitoring an den Wald- und Hauptmess­ Witterungsgeschehen, den Klimawandel und die Luftschadstoff­ stationen. situation beinhaltet. Im Rahmen der WZE wird an 353 dauerhaft markierten Eine spezifische Anpassungsmaßnahme an den Klimawandel WZE-Punkten (im 4 x 4 km-Raster) der aktuelle Gesundheitszu­ stellt das forstliche Umweltmonitoring nicht dar. Allerdings stand von Bäumen insbesondere anhand von Einschätzungen ist das Monitoring unverzichtbar, um die Auswirkungen des der Kronen begutachtet. Die BZE-Untersuchungen zum Zustand Klimawandels langfristig zu dokumentieren und damit wert­ des Waldbodens erfolgen an 98 Punkten (im 8 x 8 km-Raster) volle Informationen für die Ausarbeitung gezielter Maßnahmen alle 15 Jahre. An den 14 repräsentativen Wald- und Hauptmess­ bereitzustellen. stationen werden in hoher zeitlicher Auflösung sowohl meteo­ rologische Parameter erfasst als auch Luftschadstoffkonzentra­ tionen und Stoffeinträge mit dem Niederschlag gemessen.          Weiterführende Links Das Monitoring liefert wertvolle Daten und konsistente Zeitrei­   Waldumbauportal: hen zur Entwicklung des Wald- und Bodenzustands sowie zu         www.thueringenforst.de/waldumbauportal Art, Stärke und Auswirkung von Klima- und Umwelteinflüssen. Die Beobachtungen an ausgewählten Punkten fließen seit vielen Jahren vor allem auf Bundes- und europäischer Ebene in     Informationen zu Forschungsarbeiten: zahlreiche Berichte und umweltpolitische Maßnahmenplanun­        www.thueringenforst.de/ueber-thueringenforst/ gen ein.                                                         forstliches-forschungs-und-kompetenzzentrum/ forschungs-mediathek Ein wichtiges Kriterium zur Beurteilung der Auswirkungen des Klimawandels auf Waldökosysteme ist der Bodenwasserhaus­ halt. An acht Wald- und Hauptmessstationen wurde deshalb eine spezielle Bodenfeuchte-Messtechnik installiert, die Aussa­ gen zur langfristigen Entwicklung des Bodenwassergehalts und der Bodensaugspannung in verschiedenen Bodentiefen zulässt und zur Einschätzung regionaler oder baumartenspezifischer Trockenstressgefahren genutzt wird. Die Untersuchungs- und Messergebnisse sind eine wichtige Grundlage, um Risiken und Chancen für die Entwicklung der Waldökosysteme zu beurteilen und daraus Empfehlungen für die künftige forstliche Bewirtschaftung abzuleiten. 86
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3.6 	Naturschutz Beobachtbare Klimawandelfolgen Die Natur mit ihren landschaftstypischen Arten und Biotopen        und die Tageszeitenlänge. Diese sogenannten phänologischen unterlag schon immer einer gewissen Dynamik. Mit sich verän­       Abläufe verschieben sich aufgrund des Klimawandels. Sie wer­ dernden Umweltbedingungen, die sich auch natürlicherweise          den seit vielen Jahren unter der Regie des DWD erfasst. vollziehen, wandeln sich oder verschwinden Lebensräume, und die an sie gebundenen Arten können verloren gehen. An ihre         Der phänologische Winter, dessen Beginn durch den Blattfall Stelle treten andere Lebensgemeinschaften.                         der Stieleiche markiert wird und der mit dem Blühbeginn des Huflattichs endet, hat sich seit Mitte des letzten Jahrhunderts in Die Gefährdung von Arten, Artengemeinschaften und Ökosyste­        Thüringen um mehr als zwei Wochen verkürzt. Der Frühling setzte men gegenüber klimawandelbedingten Veränderungen ergibt            entsprechend früher im Jahr ein, wurde aber ähnlich schnell, in sich daher weniger durch eine Klimaveränderung an sich,            der Tendenz sogar schneller durchlaufen. Deutlich verlängert hat sich hingegen der Frühherbst. Er setzte mit der Reife der Früchte des Schwar­ zen Holunders früher ein und wurde erst später im Jahr von der beginnen­ den Blattverfärbung der Hängebirke beendet. Diese Veränderungen in den phänolo­ gischen Jahreszeiten sind zum einen Ausdruck der Anpassung von Pflanzen und auch Tieren an die sich verändern­ den Klima- und Witterungsbedingun­ gen. Zum anderen können sie aber auch nachteilige Auswirkungen auf viele Wechselbeziehungen zwischen Arten in Ökosystemen haben. Klimafolgenmonitoring: I-NA-2 „Community Temperature Index für Libellen“ Die infolge des Klimawandels geän­ sondern vielmehr durch die Geschwindigkeit, in der sich diese      derten Lebensbedingungen können regional zum Verlust von vollzieht. Hinzu kommen in relevantem Umfang, manchmal auch        Arten führen; es können gleichzeitig aber auch andere Arten dominierend, zusätzliche Belastungen wie beispielsweise eine       einwandern. In Thüringen spielen – den Beobachtungen in den hohe Intensität der Landnutzung, die Versiegelung von Flächen      letzten 25 Jahren zufolge – wärmebedürftige Arten in der Arten­ mit dem Verlust von Böden und die Zerschneidung von Lebens­        gemeinschaft der Libellen eine immer bedeutendere Rolle. Ein räumen sowie der Eintrag von Nähr- und Schadstoffen. Arten         steigender „Community Temperature Index“ (s. Indikator I-NA-2) und Artengemeinschaften von Tieren und Pflanzen können dann        weist darauf hin, dass wärmeliebende Libellen-Arten heute eine überleben, wenn sie die Möglichkeit haben, sich kontinuierlich     bedeutendere Rolle spielen als früher. Darunter können auch an sich verändernde Standortbedingungen anzupassen oder an­        Arten sein, die bisher im Land nicht heimisch waren. So profitiert dere Räume aufzusuchen, die ihren Ansprüchen besser gerecht        beispielsweise die Feuerlibelle, die ursprünglich aus Südafrika werden.                                                            stammt und bis vor rund 20 Jahren vor allem im Mittelmeerraum beheimatet war, von der inzwischen wärmeren Witterung in Die Geschwindigkeit, mit der sich der Klimawandel vollzieht,       Thüringen. überfordert oft die natürliche Anpassung. Dies führt zum Verlust von Arten und Lebensräumen, die bisher den Charakter der thü­      Bisher fehlt es an umfassenden und systematischen Unter­ ringischen Landschaft und Artenausstattung ausgemacht haben.       suchungen zur Entwicklung klimasensibler Arten und Lebens­ räume in Thüringen, daher lassen sich die Untersuchungen zu Im Verlauf eines Jahres verändern viele Tiere und Pflanzen in cha­ den Libellen nicht verallgemeinern. Auch zu den Konsequenzen rakteristischer Weise ihr Erscheinungsbild und ihre Lebensvor­     für die in Thüringen bestehenden Schutzgebiete lassen sich noch gänge. Sie reagieren damit auf die Veränderungen von Witterung     keine gesicherten Aussagen treffen. 88
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Maßnahmen Zielsetzung des Naturschutzes in Thüringen ist es, die biolo­              auf den Klimawandel eines besonderen Schutzes bedürfen oder gische Vielfalt zu erhalten und gleichzeitig die Leistungs- und            welche Entwicklungspotenziale und Notwendigkeiten es unter Funktionsfähigkeit sowie die nachhaltige Nutzungsfähigkeit der             den veränderten Klimabedingungen gibt, um die künftigen Naturgüter zu sichern. Da der Klimawandel nur einer von vielen             Anstrengungen gut fokussieren zu können. Diese Untersuchun­ nachteilig wirkenden Einflussfaktoren auf die Arten und Lebens­            gen ließen sich bisher aber nicht durchführen. In den weiter räume ist, ist es dementsprechend schwierig, Maßnahmen                     zu strukturierenden Maßnahmenfeldern wird daher erneut auf festzulegen, die spezifisch auf die Minderung von Klimawandel­             diese Notwendigkeit hingewiesen. folgen hin ausgerichtet sind. Auch die nun im IMPAKT II weitergeführten Maßnahmen zur Grundsätzlich muss es darum gehen, bestehende negative                     Weiterentwicklung des Schutzgebietssystems, zur Wiederver­ Einflüsse und Beeinträchtigungen aus Nähr- und Schadstoff­                 nässung von Feuchtgebieten sowie zur Beseitigung anthropo­ einträgen, der direkten Zerstörung von Lebensräumen, der                   gener Barrieren in Fließgewässern sind nicht ausschließlich von Intensivierung der Landnutzung beziehungsweise der Aufgabe                 der Anpassung an den Klimawandel motiviert. Sie machen aber biotop- und artenerhaltender Landnutzungsformen zu verrin­                 deutlich, dass der Klimawandel die Dringlichkeit von Schutz- gern, um so die Gefährdung von Arten und Lebensgemeinschaf­                und Entwicklungsmaßnahmen erhöhen kann und dass bei der ten zu reduzieren.                                                         Maßnahmenumsetzung weitergehende Aspekte zu berücksich­ tigen sind. Das IMPAKT von 2013 beinhaltete eine Reihe dieser eher allge­ mein gehaltenen Maßnahmen. Aufgrund einer fehlenden Präzi­                 Wichtige Schnittstellen gibt es zwischen dem Naturschutz sierung lässt beziehungsweise ließe sich zu deren Umsetzung                und der Forstwirtschaft. Letztere zielt darauf ab, in den bewirt­ auch nur sehr allgemein berichten. Hinzu kommt, dass solche                schafteten Wäldern die Widerstandsfähigkeit und Stabilität zu Maßnahmen zum Schutz und zur Erhaltung von Arten und                       erhöhen, um den dauerhaften Bestand des Waldes zu sichern. Biotopen nicht neu sind. Vielmehr strebt der Naturschutz deren             Die wesentliche Strategie der Forstwirtschaft besteht darin, eine Umsetzung bereits seit vielen Jahren auch unabhängig vom                   möglichst hohe Vielfalt von Strukturen und standortgerechten Klimawandel an. Eine direkte Zuordnung dieser Maßnahmen zur                Baumarten zu schaffen und damit das Risiko besser zu streuen Klimawandelanpassung erscheint vor diesem Hintergrund nicht                (s. Kap. 3.5). gerechtfertigt. Sie werden daher auch nicht weiter im Maßnah­ menprogramm geführt.                                                       Auch in der Wasserwirtschaft werden Anpassungsmaßnah­ men ergriffen, die zugleich auch naturschutzfachlichen Zielen Um spezifische Anpassungsmaßnahmen konzipieren zu kön­                     dienen. Hierzu gehören vor allem Maßnahmen zur Entwicklung nen, bedarf es systematischer und detaillierter Untersuchun­               naturnaher Gewässerstrukturen und zum Wasserrückhalt in der gen. Es müsste klar sein, welche Arten und Biotope mit Blick               Fläche (s. Kap. 2.2). Maßnahmen des IMPAKT II Maßnahmen des Integrierten Maßnahmenprogramms im Handlungsfeld Naturschutz: Sicherung beziehungsweise Schaffung einer ausreichenden Anzahl von Schutzgebieten mit ausgepräg­ NA_01                                                                                                                in Umsetzung ten standörtlichen Gradienten NA_02       Wiedervernässung von Feuchtgebieten                                                                      in Umsetzung NA_03       Beseitigung anthropogener Barrieren in Fließgewässern                                                    in Umsetzung 89
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Naturschutz Sicherung beziehungsweise Schaffung einer ausreichenden Anzahl von Schutzgebieten mit ausgeprägten standörtlichen Gradienten                                                                                                         NA_01 Die Herausforderung Zu den vielfältigen Belastungen, denen wildlebende Tiere und Pflanzen und ihre Lebensräume in den intensiv vom Menschen geprägten Landschaften ausgesetzt sind, kommen nun noch die Einflüsse des Klimawandels hinzu. Rückzugsräume, in denen die Belastungen für Tiere und Pflanzen möglichst gering sind, gewin­ nen unter diesen Bedingungen an Bedeutung. Schutzgebiete in ausreichender Größe und Qualität und mit einer günstigen räumli­ chen Verteilung und Vernetzung (für den Biotopverbund) werden zu wichtigen Instrumenten der Anpassung an den Klimawandel. Wer ist aktiv und was wird getan? Der Schutz von Feuchtbiotopen in Schutzgebieten wie hier im Pöllwitzer In der Thüringer Biodiversitätsstrategie von 2011 wurde zur Siche­ Wald gewinnt im Klimawandel an Bedeutung. rung der biologischen Vielfalt die Erstellung einer Konzeption zur Weiterentwicklung des Schutzgebietssystems vorgesehen. Bereits     Konkrete Einzelmaßnahmen für das Schutzgebietssystem zur die Diskussionen der ersten Jahre zur Entwicklung einer solchen    Klimawandelanpassung lassen sich derzeit noch nicht beschrei­ Konzeption widmeten sich der Frage, welche Konsequenzen aus        ben. Die oben genannten konzeptionellen Maßnahmen sind dem Klimawandel für die Erweiterung und Neuausweisung von          vielmehr als Vorsorgemaßnahmen mit Blick auf den Klimawandel Schutzgebieten zu ziehen sind.                                     zu verstehen. Die neue Schutzgebietskonzeption mit dem Titel „Fachliche Grund­   Die aus fachlicher Sicht entwickelte Schutzgebietskonzeption ist lagen für die Weiterentwicklung des Schutzgebietssystems und die   eine Grundlage (Säule) der mittelfristigen Arbeitsplanung für die Bestimmung von Kernflächen des Biotopverbundes in Thüringen“       Ausweisung von Naturschutzgebieten und Landschaftsschutz­ wurde im Januar 2016 vorgelegt. Ihr liegt eine umfassende Analyse  gebieten in Thüringen. Die beiden weiteren Säulen der Arbeits­ der räumlichen Verteilung von Zielarten und -biotopen, Geotopen    planung sind die Verpflichtungen aus landespolitischer Sicht zur sowie Fließgewässerstrecken guter Struktur- und Gewässergüte in    Ausweisung von Gebieten sowie der Novellierungsbedarf beste­ bestehenden Schutzgebieten und außerhalb derselben zugrunde.       hender Rechtsverordnungen für Schutzgebiete. Außerdem wurden Naturräume mit einem unterrepräsentierten Schutzgebietsanteil in den Blick genommen, innerhalb derer zu­     Was wurde erreicht und wie geht es weiter? sätzliche Schutzgebietsflächen ausgewiesen werden sollten. Aus den Analysen wurden Aussagen zu Räumen abgeleitet, in de­      Basierend auf der Schutzgebietskonzeption aus dem Jahr 2016 nen schützenswerte und schutzbedürftige Arten und Lebensräume      werden sukzessive bestehende Schutzgebiete erweitert und neue in besonderer Weise konzentriert sind und die daher unter Schutz   eingerichtet. gestellt werden sollten. Wichtige konzeptionelle Vorgaben sind     Ein Beispiel ist der zwischen Zeulenroda, Neuärgerniß und Pöllwitz außerdem, dass die Gebiete ein möglichst breites Spektrum von      gelegene Pöllwitzer Wald im Naturraum Vogtland. Das Gebiet ist Lebensraumtypen abdecken sollen. Damit lässt sich zum einen die    geprägt von großflächigen Fichten- und Kiefernforsten. Auf nähr­ Vielfalt der in einem Gebiet geschützten Arten und Lebensräume     stoffärmeren, zum Teil wechselfeuchten Standorten befinden sich erhöhen. Zum anderen ermöglichen ausreichend große Gebiete         trockene Heiden, Übergangs- und Schwingrasenmoore, Relikte von mit klimatisch unterschiedlichen Standortkomplexen (wie Höhen-     subkontinentalen Moorbirkenwäldern, Stillgewässer, naturnahe und Feuchtegradienten oder verschiedenen Expositionen), dass       Fließgewässer sowie kleinere Buchenwaldreste. Wichtige Entwick­ Wuchsort- und Lebensraumverlagerungen von Tieren und Pflanzen      lungsziele sind die Renaturierung der Moor-, Bruch-, Sumpfwälder innerhalb der geschützten Gebiete möglich werden. Letzteres        und Auwälder, die unter Klimawandelbedingungen als besonders gewinnt bei einem sich ändernden Klima an Bedeutung, um Indi­      schutzwürdig gelten. Der Pöllwitzer Wald ist bereits FFH-und viduen und Arten die Anpassung an sich verändernde Standort­       Vogelschutzgebiet und befindet sich im Ausweisungsverfahren als bedingungen zu ermöglichen.                                        Naturschutzgebiet bei der oberen Naturschutzbehörde. 90
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Wiedervernässung von Feuchtgebieten NA_02 Die Herausforderung Natürliche und naturnahe Feuchtgebiete und Moore können gro­ ße Mengen an Wasser speichern und damit wichtige Pufferfunk­ tionen im Landschaftswasserhaushalt übernehmen. Dies spielt vor allem bei zunehmenden Witterungsextremen (Starknieder­ schlägen und Trockenheit) eine bedeutende Rolle. Größere Feuchtgebiete entfalten außerdem Kühlwirkung auf ihr Umfeld. Zugleich müssen Feuchtgebiete unter den Bedingungen des Klimawandels in besonderer Weise geschützt werden, da sie einerseits klimasensiblen Arten Lebens- und Rückzugsraum bie­ ten, andererseits aber auch einem wachsenden Trockenstress ausgesetzt sind. (s. Teil 4, S. 148) Die im Klimawandelzusammenhang immer wieder diskutierte Im Alperstedter Ried werden die Feuchtflächen durch robuste ganzjährig Leistung der Moore für die CO2-Speicherung ist für den Klima­   weidende Tiere offengehalten, um den natürliche Wasserhaushalt aufrecht schutz relevant, nicht aber für die Klimawandelanpassung.       zu erhalten. Wer ist aktiv und was wird getan?                               extensive Beweidung. Das Maßnahmengebiet selbst setzt sich aus dem Naturschutzgebiet mit rund 101 Hektar und einer Puf­ In Thüringen werden seit fast 20 Jahren Projekte zur Renaturie­ ferfläche zu den umliegenden ackerbaulich genutzten Landwirt­ rung von Mooren und Feuchtgebieten durchgeführt. Im Waldbe­     schaftsflächen von circa 55 Hektar zusammen. Diese Pufferflä­ reich wurden durch die Landesforstverwaltung in Abstimmung      chen erweitern als neuangelegtes, artenreiches Grünland die mit den Naturschutzbehörden sowohl großflächige Hochmoore       Beweidungsfläche und lösen die klimaschädliche Ackernutzung wie das Saukopf-, Schützenberg- und Beerbergmoor sowie die      auf entwässerten Niedermoorböden ab. Schneekopfmoore entlang des Rennsteigs als auch Hangver­ sumpfungsmoore wie Marktal und Morast bei Frauenwald und        Was wurde erreicht und wie geht es weiter? der Kerngrundsumpf bei Oberhof renaturiert. In den renaturier­ ten Mooren werden nun neben kleineren Nachbesserungsar­         Im Projekt „Moorlandschaft Alperstedter Ried“ der Stiftung beiten regelmäßig Pflegemaßnahmen und ein Monitoring zur        Naturschutz Thüringen wird nach langjährigen Vorarbeiten Erfolgskontrolle durchgeführt.                                  seit 2015 die Wiedervernässung des Riedes im Rahmen eines Außerhalb des Waldes gilt die Renaturierung des im Thüringer    Flurbereinigungsverfahrens umgesetzt. Künstlich angelegte Becken im Landkreis Sömmerda gelegenen Alperstedter Rieds       Entwässerungsgräben wurden geschlossen, eine regulierbare durch die Stiftung Naturschutz Thüringen als das ambitionier­   Stauanlage installiert, Feuchtmulden für Wiesenbrüter und teste Naturschutzprojekt Thüringens, das einen bedeutenden      Amphibien angelegt sowie Weideinfrastruktur errichtet. Beitrag zum Natur-, Klima- und Hochwasserschutz leistet. Auf­   Im Oktober 2015 startete die extensive Ganzjahres-Beweidung grund seiner räumlichen Ausdehnung von über hundert Hektar      zur Offenhaltung des wiedervernässten Moores mit Exmoor- spielt es für den Landschaftswasserhaushalt und das lokale      Ponys. Später kamen karpatische Wasserbüffel sowie Rotes Klima eine auch für den Anpassungsprozess wichtige Rolle.       Höhenvieh als robuste Rinderrasse hinzu. Getragen wird das Be­ Das Alperstedter Ried ist das größte Durchströmungs- und        weidungsprojekt durch einen Zusammenschluss der örtlichen Kalkflachmoor Thüringens. Durch Entwässerungsmaßnahmen          Landwirtschaftsbetriebe. in den letzten Jahrzehnten und den Wegfall der Grünlandnut­     Die Stiftung Naturschutz Thüringen trägt und begleitet das zung gingen wichtige naturschutzfachliche Qualitäten verloren.  Vorhaben und investiert hier rund 540.000 Euro aus Mitteln der Ziel des Naturschutzprojekts war die möglichst weitgehende      Ausgleichsabgabe. Wiederherstellung der natürlichen hydrologischen Verhältnisse und die dauerhafte Offenhaltung von Gehölzbewuchs durch         Informationen zum Alperstedter Ried:  91
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Naturschutz Beseitigung anthropogener Barrieren in Fließgewässern                                                                                                   NA_03 Die Herausforderung Mit der Verbesserung des Biotopverbunds werden wichtige Grundlagen geschaffen, um Arten, deren bevorzugte Lebens­ räume sich infolge des Klimawandels räumlich verschieben, die Ausbreitung beziehungsweise das Ausweichen in andere Regionen zu ermöglichen. Der Biotopverbund verbessert zudem grundsätzlich die Lebensbedingungen und leistet damit einen Beitrag zur Stressbewältigung. In Fließgewässern spielt die Sicherung beziehungsweise Wieder­herstellung der Durchgängigkeit insofern eine wichti­ ge Rolle für die Anpassung an den Klimawandel, als sich die Gewässerlebensräume bei steigenden Wassertemperaturen im Gewässerverlauf verschieben. Arten müssen die Möglichkeit Nach dem Rückbau des Wehrs in Gispersleben wurde ein Rauhgerinne ange­ erhalten, über Wanderungsbewegungen die von ihnen bevor­         legt, das den Höhenunterschied überwindet und gleichzeitig die Durchgän­ zugten Gewässerabschnitte aufzusuchen und zu besiedeln.          gigkeit sicherstellt. Wer ist aktiv und was wird getan? Die Umsetzung der Maßnahmen zur Verbesserung der Durch­ Um das in der EU-WRRL vorgegebene Ziel eines guten ökolo­        gängigkeit dient sowohl wasserwirtschaftlichen als auch na­ gischen Zustands der natürlichen Gewässer beziehungsweise        turschutzfachlichen Zielen. Der Naturschutz bringt daher seine des guten ökologischen Potenzials bei erheblich veränder­        fachlichen Anforderungen in die Konzeption und Umsetzung der ten Gewässern zu erreichen, sind vor allem Maßnahmen zur         wasserwirtschaftlichen Maßnahmen ein, führt aber in der Regel Wiederherstellung der ökologische Durchgängigkeit der Flüsse     keine eigenständigen Projekte durch. erforderlich. Das Thüringer Landesprogramm Gewässerschutz        Die naturschutzfachliche Beurteilung für den Rückbau von 2016-2021 sieht vor, die ökologische Durchgängigkeit wieder­     Querbauwerken muss jeweils differenziert ausfallen, da die herzustellen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Vernetzung     Aufhebung von Querverbauungen auch dazu führen kann, dass wichtiger Laichgewässer und Fischregionen.                       sich die Bedingungen für die Ausbreitung invasiver Neozoen Das Landesprogramm fasst die thüringischen Maßnahmen aus         verbessern. den Maßnahmenprogrammen der Flussgebiete Elbe, Weser und Rhein, an denen Thüringen Anteil hat, zusammen. Es umfasst       Was wurde erreicht und wie geht es weiter? rund 1.700 Maßnahmen, mit denen die Durchgängigkeit wieder­ hergestellt werden soll. Hierbei geht es vor allem um die Besei­ Insgesamt wurden für den ersten Bewirtschaftungszyklus der tigung von Querbauwerken wie beispielsweise Wehre, Sohlstu­      EU-WRRL (2009-2015) rund 600 Maßnahmen zur Herstellung fen, Abstürze und unpassierbare Durchlässe. Diese wurden seit    der Durchgängigkeit in die Maßnahmenprogramme der Flussge­ dem 12. Jahrhundert häufig zum Zweck der Wasserkraftnutzung,     biete mit Thüringer Anteil aufgenommen. Ende des Jahres 2015 später auch zur Bewässerung, zum Hochwasserschutz und            waren davon 200 Maßnahmen umgesetzt. zur Stromerzeugung errichtet und hindern Fische und an der       Die verbleibenden 400 Maßnahmen wurden mit weiteren 1.300 Gewässersohle lebende wirbellose Tiere daran, flussauf- und      Durchgängigkeitsmaßnahmen aus dem zweiten Bewirtschaf­ flussabwärts zu wandern.                                         tungszyklus der EU-WRRL (2015-2021) in das Landesprogramm An den Gewässern erster Ordnung ist das Land für die Durch­      Gewässerschutz 2016-2021 aufgenommen. Mit Stand Ende des führung der Maßnahmen zur Herstellung der Durchgängigkeit        Jahres 2017 waren 34,5 % dieser Maßnahmen in Planung, im verantwortlich, sofern sich die Querbauwerke nicht im Eigentum   Bau oder bereits umgesetzt. Dritter befinden. Für die Gewässer zweiter Ordnung liegt die Zuständigkeit bei den Gemeinden. Sie erhalten hierfür wichtige fachliche Grundlagen vom TLUBN. 92
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