Konzept

Dieses Dokument ist Teil der Anfrage „MRI-Studie zu Nährwertkennzeichnung

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1. Einleitung In Deutschland sind nicht-übertragbare Erkrankungen wie beispielsweise Herz- Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs die Haupttodesursachen [1]. Die Ernährung stellt einen modifizierbaren Risikofaktor dar, welcher das Erkrankungsrisiko aktiv senken sowie erhöhen [2] und somit die Gesundheit der Bevölkerung günstig bzw. ungünstig beeinflussen kann. Hieran anknüpfend verfolgt die Nationale Reduktions- und Innovationsstrategie in Deutschland derzeit zwei Handlungsstränge: Zum einen sollen die Reformulierungs- bestrebungen der Produkthersteller bezüglich der Nährstoffe Zucker, Salz und Fett in verarbeiteten und vorverpackten Produkten (im Folgenden vorgefertigte Produkte ge- nannt) unterstützt werden. Zum anderen wird die Nährwertkennzeichnung der ge- nannten Produkte als eine Möglichkeit gesehen, den Absatz von ernährungsphysiolo- gisch günstiger bewerteten Produkten zu steigern bzw. von ungünstiger bewerteten Produkten zu senken und so Anreize für Reformulierungsbestrebungen der Ernäh- rungswirtschaft zu geben. Die Weiterentwicklung eines Kennzeichnungsmodells für vorgefertigte Produkte wurde in den Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD der 19. Legislaturperiode aufgenommen. Demnach soll sich das Kennzeichnungsmodell an bereits bestehende Modelle anlehnen. Neben den nach Artikel 35 der Verordnung (EU) Nr. 1169/2011 (Lebensmittelinformati- onsverordnung, LMIV [3]) verpflichtenden Angaben zu Brennwert, Fett, gesättigten Fettsäuren, Kohlenhydraten, Zucker, Eiweiß und Salz auf der Rückseite einer Verpa- ckung („back-of-pack“) besteht nach derzeit geltendem EU-Recht für die Hersteller von vorgefertigten Produkten die Möglichkeit einer zusätzlichen, freiwilligen Nährwertkenn- zeichnung auf der Vorderseite einer Lebensmittelverpackung, einer sogenannten „front-of-pack“ (FoP) Kennzeichnung. Mit dieser zusätzlichen Nährwertkennzeich- nung soll den VerbraucherInnen die Auswahl ernährungsphysiologisch günstiger Pro- dukte erleichtert werden. Weltweit existieren viele unterschiedliche Nährwertkennzeichnungsmodelle, im Fol- genden NWK-Modelle genannt. Gegenwärtig wird in einigen Ländern, wie auch in Deutschland, diskutiert, mit welchem NWK-Modell die Zielsetzungen in den jeweiligen Ländern am besten erfüllt werden können. Die diskutierten NWK-Modelle werden von verschiedenen Verbrauchergruppen in unterschiedlicher Weise wahrgenommen, inter- pretiert bzw. auch fehlinterpretiert [4]. So unterscheiden sich die Präferenzen der deut- schen VerbraucherInnen von denen anderer Mitgliedsstaaten der Europäischen Union. Deutsche VerbraucherInnen präferieren beispielsweise den Bezug pro 100 g bzw. 100 ml, britische VerbraucherInnen den Bezug pro Portion [5]. Im Rahmen der geplanten Weiterentwicklung eines NWK-Modells hat das Bundesmi- nisterium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) das Max Rubner-Institut (MRI) 1
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beauftragt, eine Bewertung verschiedener europäischer NWK-Modelle vorzuneh- men. Die zu bewertenden NWK-Modelle umfassen folgende Modellgruppen: - Darstellung einzelner Nährstoffe britische Nährwertampel Evolved Nutrition Label italienisches System ehemaliges 1+4 System des BMELV - Positivkennzeichnungen Keyhole® Choices finnisches Heart Symbol finnisches „low salt content“ Label - Warnhinweise finnischer Salz-Warnhinweis - Mischformen Nutri-Score® Darüber hinaus sollten, soweit aus wissenschaftlicher Sicht sinnvoll, weitere potentielle NWK-Modelle berücksichtigt werden. Basierend auf der gesichteten Literatur wurde in der Folge das zur Kategorie der Mischformen gehörende und in Australien und Neu- seeland genutzte NWK-Modell „Health Star Rating“ zusätzlich in die Bewertung aufge- nommen. Der finnische Salz-Warnhinweis und das „low salt content“ Label wurden aus der Be- wertung ausgeschlossen. Dies begründet sich darin, dass beide NWK-Modelle lediglich einen einzelnen Nährstoff bewerten. Der gesundheitliche Nutzen einer ausgewogenen Ernährung ergibt sich jedoch aus dem Wirken der Ernährung als Ganzes und somit mehrerer Nährstoffe als Bestandteile der konsumierten Lebensmittel. NWK-Modelle, welche lediglich aus der Bewertung eines einzigen Nährstoffs hervorgehen, sind daher aus Sicht des MRI nicht geeignet, den VerbraucherInnen eine klare Orientierung zu einer gesünderen Ernährung zu bieten. In der vorliegenden Stellungnahme werden die vereinfachenden Begriffe „günstige“ und „ungünstige“ Nährstoffe verwendet. Unter dem Begriff „ungünstige Nährstoffe“ werden hier die Nährstoffe Salz, Fett und Zucker verstanden, die nicht per se ungüns- tig sind, für die jedoch in der Bevölkerung häufig eine zu hohe Zufuhr vorliegt, welche 2
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wiederum mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko verbunden ist. Unter „günstigen Nähr- stoffen“ werden Nährstoffe verstanden, für die ein gesundheitlicher Nutzen belegt ist, wie z. B. Ballaststoffe. Ihre Zufuhr wird als wünschenswert, d. h. günstig, angesehen. 2. Vorgehensweise Die Bewertung der o. g. NWK-Modelle wurde sowohl unter ernährungsphysiologischen als auch unter sozialwissenschaftlichen Gesichtspunkten durchgeführt. Für die zu be- wertenden NWK-Modelle wurde zunächst eine erste grobe Literatursichtung vorge- nommen. Wie bereits in der Einleitung aufgeführt, wurden die NWK-Modelle „Salz- warnhinweis“ und „Low salt content“ aus der Bewertung ausgeschlossen und das in Australien und Neuseeland genutzte NWK-Modell „Health Star Rating“ aufgrund seiner überwiegend günstigen Untersuchungsbefunde in die Bewertung mit eingeschlossen. Auf Basis der verfügbaren Datenlage und der Expertise der beteiligten Wissenschaftle- rInnen des MRI wurden sogenannte „Optimumkriterien“ für verschiedene Aspekte ei- nes NWK-Modells angesetzt. Für jedes der neun NKW-Modelle wurde die aus der ge- sichteten Literatur verfügbare Erkenntnisse mit dem jeweiligen Optimum je Kriterium (vgl. Tabelle 1) abgeglichen. Eine entsprechende Bewertung wurde mit folgenden Ant- wortmöglichkeiten durchgeführt: -   Ja              (Optimumkriterium erfüllt) -   Nein            (Optimumkriterium nicht erfüllt) -   Bedingt         (Studienlage nicht eindeutig) -   Nicht bekannt. Aufbauend auf den Bewertungsergebnissen in Kapitel 4 erfolgt eine zusammenfassen- de Gesamtbewertung der NWK-Modelle in Kapitel 5. Die Gesamtbewertung erfolgt gegliedert nach den drei Modellgruppen „Darstellung einzelner Nährwerte“, „Positiv- kennzeichnungen“ und „Mischformen“, da innerhalb der Modellgruppen jeweils ähnli- che Bewertungen der einzelnen NWK-Modelle vorliegen. Die NWK-Modelle wurden weiter dahingehend bewertet, ob die im Folgenden aufge- führten Anforderungen des Artikels 35 Absatz 1 der LMIV als erfüllt anzusehen sind: „a) sie beruhen auf fundierten und wissenschaftlich haltbaren Erkenntnissen der Verbraucherforschung und sind für Verbraucher nicht irreführend im Sinne des Artikels 7 b) ihre Entwicklung ist das Ergebnis der Konsultation einer Vielzahl von Gruppen betroffener Akteure c) sie sollen Verbrauchern das Verständnis dafür erleichtern, welchen Beitrag das Lebensmittel für den Energie- und Nährstoffgehalt einer Ernährungsweise leistet oder welche Bedeutung es für sie hat d) es gibt wissenschaftlich haltbare Nachweise dafür, dass diese Formen der Anga- be oder Darstellung vom Durchschnittsverbraucher verstanden werden 3
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e) sie basieren, im Falle anderer Formen der Angabe, entweder auf den in An- hang XIII genannten harmonisierten Referenzmengen oder, falls es solche nicht gibt, auf allgemein akzeptierten wissenschaftlichen Empfehlungen in Bezug auf die Zufuhr von Energie und Nährstoffen f) sie sind objektiv und nicht diskriminierend g) ihre Anwendung beeinträchtigt nicht den freien Warenverkehr“ [3]. Die Anforderungen f) und g) bedürfen aus Sicht des MRI einer juristischen Bewertung, sowie der Aspekt aus Anforderung a) hinsichtlich der `Irreführung im Sinne des Artikels 7´. Die Bewertung dieser Anforderungen ist daher in der vorliegenden Bewertung nicht enthalten. Die übrigen Anforderungen b) bis e) und ein Teil von a) sind inhaltlich weitgehend über die zur Bewertung der NWK-Modelle festgelegten Optimumkriterien abgedeckt. An die Bewertung eines jeden NWK-Modells in Kapitel 4 schließt sich daher eine Auflistung aller Anforderungen des Artikels 35 Absatz 1 mit entsprechenden Verweisen in der Beantwortung der Optimumkriterien an. 3. Optimumkriterien einer FoP-Nährwertkennzeichnung Zur Bewertung der einzelnen NWK-Modelle wurde eine Reihe von Kriterien erarbeitet. Diese wurden jeweils in Form eines Optimums formuliert, an dem die zu bewertenden NWK-Modelle gemessen werden (s. Kapitel 4). Die Optimumkriterien werden im Fol- genden erläutert und in Tabelle 1 im Überblick dargestellt. Konsultation betroffener Akteure: Ein NWK-Modell sollte in Anlehnung an Art. 35 der LMIV von verschiedenen Gruppen an Akteuren (u. a. Regierung, Industrie, Ge- sundheits- und Verbraucherorganisationen) gemeinsam initiiert bzw. entwickelt wer- den. Die Konsultation verschiedener Akteursgruppen in der Entwicklung wird daher als Optimumkriterium angesetzt. Eignung zur Kennzeichnung aller vorgefertigten Produkte: Für die VerbraucherIn- nen ist es hilfreich, wenn die Kennzeichnung auf allen vorgefertigten Produkten präsent ist und nicht nur auf ausgewählten Produkten, die bestimmte Bedingungen erfüllen [5- 7]. Beispielsweise ist aufgrund der freiwilligen FoP-Kennzeichnung bei Produkten ohne Kennzeichnung ansonsten nicht erkennbar, ob das betreffende Produkt die Bedingun- gen nicht erfüllt oder ob das Herstellerunternehmen nicht an der Kennzeichnung teil- nimmt. Ob ein NWK-Modell geeignet ist, alle vorgefertigten Produkte zu kennzeichnen, wird deshalb als Optimumkriterium angelegt. Differenzierbarkeit: NWK-Modelle lassen sich nach zwei grundsätzlich verschiedenen Bewertungsformen unterscheiden, Stufenmodelle sowie Schwellenwertmodelle [8]. Schwellenwertmodelle nutzen beispielsweise Grenzwerte für Nährstoffgehalte, um Produkte und Nährstoffe in günstig und ungünstig zu kategorisieren [9]. Stufenmodel- le hingegen nehmen eine Einstufung in mehrere Kategorien (bzw. kontinuierlich) auf 4
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Basis übergeordneter Beurteilungskriterien vor. Ein solches übergeordnetes Kriterium kann beispielsweise eine Summe aus Einzelbewertungen von günstigen (z. B. Ballast- stoffe) und ungünstigen Inhaltsstoffen (z. B. Fett, Zucker, Salz) darstellen, sodass Pro- dukte anhand dieser übergeordneten Summe bewertet werden können. Dies ermög- licht eine differenziertere Bewertung als ein Schwellenwertmodell [9]. Das Stufenmodell wird deshalb als Optimumkriterium angelegt. Vergleichbarkeit: Ein NWK-Modell sollte die Vergleichbarkeit von vorgefertigten Pro- dukten innerhalb derselben Produktgruppe gewährleisten und damit den Verbrau- cherInnen beim Kauf eine Orientierung über ernährungsphysiologisch günstige und ungünstige Produkte bieten. So kann aus ernährungsphysiologischer Sicht durch eine günstigere Wahl in jeder Produktgruppe die gesamte Lebensmittel-Auswahl in der Summe verbessert werden [10-12]. Die Vergleichbarkeit der Produkte innerhalb der- selben Produktgruppe wird daher als Optimumkriterium angesetzt. Bezugsgröße: Ein weiteres Kriterium für eine differenzierte Bewertung und Vergleich- barkeit der Produkte ist die Bezugsgröße (pro Portion oder pro 100 g bzw. 100 ml). Da sich die Portionsgrößen innerhalb einer Produktgruppe oftmals unterscheiden, gewähr- leistet eine einheitliche Bezugsgröße pro 100 g bzw. 100 ml den VerbraucherInnen die Vergleichbarkeit von Produkten. Zudem wird so Transparenz in der Produktzu- sammensetzung ermöglicht. Eine Studie zeigt darüber hinaus, dass deutsche Verbrau- cherInnen den Bezug pro 100 g bzw. 100 ml bevorzugen [5]. Die Bezugsgröße pro 100 g bzw. 100 ml wird als Optimumkriterium angesetzt. Eine nährstoffübergreifende, zusammenfassende Kennzeichnung reduziert nach- weislich die für VerbraucherInnen hohe Komplexität der Nährwertangaben [13, 14]. Eine zusammenfassende Kennzeichnung wird daher als Optimumkriterium angesetzt. Günstige und ungünstige Inhaltsstoffe: Produkte bestehen aus vielen Inhaltsstoffen mit unterschiedlicher ernährungsphysiologischer Wirkung. Um die Bedeutung der Pro- dukte für die Gesundheit umfassend zu verstehen, ist eine gleichzeitige Berücksichti- gung potenziell ungünstiger („nutrients-to-limit“) sowie potenziell günstiger Nährstoffe („nutrients-to-increase“) sinnvoll. NWK-Modelle mit dem Ziel, die Ernährungssituation und dadurch die Gesundheit der Bevölkerung zu verbessern, sollten deshalb wichtige als relevant identifizierte Nährstoffe erfassen und ein Produkt auf dieser Basis klassifi- zieren [8]. Eine Bewertung günstiger und ungünstiger Inhaltsstoffe durch ein NWK- Modell wird daher als Optimumkriterium angesetzt. Eine ernährungsphysiologische Bewertung eines Produkts durch ein NWK-Modell soll- te immer auf Basis wissenschaftlich fundierter Referenzmengen erfolgen. Dies wird als Optimumkriterium angesetzt. Interpretativ versus reduktiv: Sogenannte interpretative NWK-Modelle mit aggregier- ten Informationen und Bewertungen zum Gesundheitswert erleichtern den Verbrauche- rInnen in jeder Einkaufssituation die Entscheidung zu gesundheitlich günstigeren Pro- dukten. Sie sind damit im Vorteil gegenüber neutralen, sogenannten reduktiven NWK- 5
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Modellen, die sich auf die reine Auflistung von einzelnen Nährstoffen beschränken [15, 16]. Ein interpretatives NWK-Modell wird daher als Optimumkriterium angesetzt. Adressatengruppe: Allgemein sollte ein optimales NWK-Modell der Breite der Be- völkerung als Orientierung dienen. Ein NWK-Modell sollte ohne fundiertes Ernäh- rungswissen und ohne hohe kognitive Anforderungen für alle VerbraucherInnen unab- hängig von Geschlecht, Bildungsstand oder Einkaufssituation interpretierbar sein [6, 8]. Ein sich an die Breite der Bevölkerung richtendes NWK-Modell wird somit als Opti- mumkriterium angesetzt. Informationen für VerbraucherInnen und ExpertInnen: Welche Kriterien fließen in ein NWK-Modell ein? Welche Algorithmen liegen zugrunde, so dass beispielsweise ein Produkt mit Gelb und nicht mit Grün bewertet wird? Diese Hintergrundinformationen zu den jeweiligen NWK-Modellen müssen ExpertInnen und interessierten VerbraucherIn- nen frei zugänglich gemacht werden. Auch für die „DurchschnittsverbraucherInnen“ sind Informationen in Form von Flyern, Websites oder Apps für eine größtmögliche Transparenz und eine (barrierefreie) Offenlegung der angewandten Kriterien sehr wich- tig [4, 17]. Damit können die VerbraucherInnen in ihrer Souveränität beim Lebens- mitteleinkauf bestmöglich unterstützt und gestärkt werden. Ohne Transparenz fassen VerbraucherInnen nur schwer Vertrauen in das NWK-Modell und beziehen dessen Informationen nicht in ihre Kaufentscheidung ein [18]. Der freie Zugang zur Bewertung sowie die Verfügbarkeit von Informationsmaterial zu einem NWK-Modell für Verbrau- cherInnen und ExpertInnen werden daher als Optimumkriterien angesetzt. Verbraucherfreundlichkeit: Ein NWK-Modell sollte verbraucherfreundlich sein, d. h. die VerbraucherInnen sollten es leicht wahrnehmen und seine Botschaft eindeutig und leicht verstehen können. Der „Flaschenhals“ dafür, dass ein NWK-Modell genutzt wird, ist, dass dieses die Aufmerksamkeit der VerbraucherInnen auf sich zu ziehen vermag [19]. Dies gelingt beispielsweise gut mit farbigen NWK-Modellen [20]. Die opti- sche Gestaltung des NWK-Modells, und hierbei insbesondere ein klares und schlichtes Design mit eindeutigen Botschaften zum gesundheitlichen Wert des Produktes, hat darüber hinaus eine hohe Bedeutung dafür, ob das NWK-Modell von VerbraucherInnen tatsächlich verstanden wird [12]. Als Optimumkriterien für Verbraucherfreundlichkeit werden daher leichte Wahrnehmung sowie eindeutige und leichte Verständlichkeit an- gesetzt. Günstiger Einfluss auf… … die Produktauswahl: Ein optimal gestaltetes NWK-Modell gibt eine klare Orientie- rung und beeinflusst die Produktauswahl so, dass mehr ernährungsphysiologisch günstiger bewertete Produkte bzw. weniger ungünstiger bewertete Produkte gekauft werden. Als Optimumkriterium wird festgelegt, dass ein NWK-Modell zu einer gesund- heitsförderlichen Produktauswahl führen sollte. 6
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… die Nährstoffzufuhr bzw. den Ernährungsstatus/ Gesundheitsstatus: Es wird von folgender Wirkkette ausgegangen: Ein NWK-Modell hat über eine ernährungsphy- siologisch günstigere Produktauswahl einen günstigen Einfluss auf die Nährstoffzufuhr der VerbraucherInnen in Form einer verringerten Aufnahme an beispielsweise Energie, gesättigten Fettsäuren, Zucker und Salz bei gleichzeitig höherer Aufnahme an günsti- gen Nährstoffen, wie beispielsweise Ballaststoffen. In der Folge werden der Ernäh- rungs- und der Gesundheitsstatus günstig beeinflusst, was wiederum ein reduziertes Risiko für ernährungsbedingte Erkrankungen zur Folge haben kann. Wenn der Einfluss eines NWK-Modells auf die Nährstoffzufuhr kausal nachgewiesen ist, kann von einer Verbesserung des Ernährungs- und Gesundheitsstatus ausgegangen werden [2, 21]. Diese Verknüpfung setzt jedoch grundlegend voraus, dass die Produktauswahl durch das NWK-Modell beeinflusst wird. Ein günstiger Einfluss auf die Nährstoffzufuhr bzw. ein günstiger Einfluss auf den Ernährungs- und Gesundheitsstatus wird als Optimum- kriterium angesetzt. … die Produktzusammensetzung (Reformulierung): Um bei der Produktauswahl mehr in den Fokus der VerbraucherInnen zu geraten, könnten Hersteller vorgefertigter Produkte ermutigt werden, die Zusammensetzung ihrer Produkte zu überarbeiten und diese gesundheitsorientierter zu reformulieren [8, 10]. Aufgrund von Reformulierung könnten Produkte durch ein NWK-Modell günstiger bewertet werden, wodurch diese von den VerbraucherInnen eher gewählt werden. Als Optimumkriterium wird somit ein günstiger Einfluss auf die Produktzusammensetzung angesetzt. 7
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Tabelle 1: Übersicht der Optimumkriterien Punkt                 Optimumkriterium A           Konsultation betroffener Akteure Mehrere Akteursgruppen waren bei der Entwicklung involviert. B           Erfassung vorgefertigter Produkte Eignet sich zur Kennzeichnung aller vorgefertigten Produkte. C           Differenzierbarkeit und Vergleichbarkeit C.1                   Es handelt sich um ein Stufenmodell. C.2                   Die Vergleichbarkeit innerhalb derselben Produktgruppe ist gewährleistet. D           Bezugsgröße D.1                   Das NWK-Modell nutzt als Bezugsgröße 100 g bzw. 100 ml. D.2                   Nährstoffe werden zusammengefasst bewertet. D.3                   Günstige und ungünstige Inhaltsstoffe werden bewertet. D.4                   Die Bewertungsgrundlage ist wissenschaftlich fundiert. E           Interpretativ versus reduktiv Das NWK-Modell ist interpretativ. F           Adressatengruppe Die Breite der Bevölkerung wird adressiert. G           Informationen für VerbraucherInnen und ExpertInnen G.1                   Die Bewertungen sind frei zugänglich. G.2                   Es gibt Informationsmaterial für VerbraucherInnen. H           Verbraucherfreundlichkeit H.1                   Das NWK-Modell wird leicht wahrgenommen. H.2                   Das NWK-Modell ist eindeutig und leicht verständlich. I           Günstiger Einfluss auf… I.1                   …die Produktauswahl. I.2                   …die Nährstoffzufuhr bzw. den Ernährungsstatus/ Gesundheitsstatus. I.3                   …die Produktzusammensetzung (Reformulierung). 8
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4.     Beschreibung und Einzelbewertung der NWK-Modelle 4.1    Modellgruppe „Darstellung einzelner Nährwerte“ 4.1.1     Britische Nährwertampel Die britische Nährwertampel (Abb. 1) ist ein NWK-Modell, welches als freiwillige ein- heitliche Kennzeichnung u. a. seit 2013 im Vereinigten Königreich genutzt wird. Das Design dieses NWK-Modells besteht aus einer Kombination aus Zahlen und Farben und stellt eine Erweiterung der Reference Intakes dar. Die Ampelfarben Rot, Gelb und Grün sollen verdeutlichen, ob die im Produkt enthaltenen Mengen an Fett, gesättigten Fettsäuren, Salz und Zucker hoch, mittel oder niedrig sind. Einzig der Energiegehalt ist nicht farblich ausgewiesen. Abbildung 1: Britische Nährwertampel [22] Zu den einzelnen Kriterien: A      Ist die Entwicklung des NWK-Modells das Ergebnis der Konsultation ver- schiedener Gruppen betroffener Akteure? Ja, das NWK-Modell wurde initiiert bzw. entwickelt durch Vertreter aus  Regierung  Industrie  Gesundheitsorganisationen  Verbraucherorganisationen. B      Eignet sich das NWK-Modell zur Kennzeichnung aller vorgefertigten Pro- dukte? Ja, das NWK-Modell kann zur Kennzeichnung aller vorgefertigten Produkte ge- nutzt werden. C      Differenzierbarkeit und Vergleichbarkeit C.1    Handelt es sich um ein Stufenmodell? 9
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Nein, es handelt sich um ein Schwellenwertmodell. Die zur Bewertung angesetz- ten Schwellenwerte unterscheiden sich hierbei zwischen festen Lebensmitteln und Getränken. C.2 Ist die Vergleichbarkeit der Produkte innerhalb derselben Produktgruppe gegeben? Bedingt. Die Farbcodierung, d. h. der Farbumschwung von Grün zu Gelb und von Gelb zu Rot orientiert sich an Schwellenwerten mit Bezugsgrößen pro 100 g bzw. 100 ml. Die dargestellten Nährwertinformationen beziehen sich je- doch auf die Portionsgröße [22], welche im Fall der britischen Nährwertampel nicht harmonisiert ist. Im Falle harmonisierter Portionsgrößen sind die Portions- größen innerhalb einer Produktgruppe gleich. Eine Ausnahme bildet hier der Energiegehalt, welcher mit beiden Bezugsgrößen dargestellt wird. Die Ampelfarben sind somit durch einheitliche Bezugsgrößen vergleichbar, im vorliegenden Fall nicht harmonisierter Portionsgrößen sind die Angaben in Zah- len für jeden Nährstoff aber nur dann direkt vergleichbar, wenn die Portionsgrö- ßen zweier Produkte übereinstimmen. D   Bezugsgröße D.1 Verwendet das NWK-Modell als Bezugsgröße 100 g bzw. 100 ml? Bedingt, wie bereits unter C.2 thematisiert, verwendet dieses NWK-Modell für die Farbcodierung jedes Nährstoffs Kriterien pro 100 g bzw. 100 ml des jeweili- gen Produkts [22]. Darüber hinaus gibt dieses NWK-Modell für jeden dargestell- ten Nährstoff den prozentualen Anteil einer Portion an den in Anhang XIII der LMIV genannten harmonisierten Referenzmengen (siehe Anhang) an. D.2 Werden mehrere Nährstoffe zusammenfassend bewertet? Nein, das NWK-Modell bewertet jeden Nährstoff einzeln und unabhängig von den anderen Nährstoffen des Produkts. D.3 Werden günstige und ungünstige Inhaltsstoffe berücksichtigt? Nein, es werden keine günstigen Nährstoffe berücksichtigt. Die britische Nähr- wertampel bewertet Gesamtfett, gesättigte Fettsäuren, Zucker und Salz im Pro- dukt. D.4 Erfolgt die Bewertung anhand von wissenschaftlich fundierten Referenz- mengen? Ja, die Bewertung orientiert sich an den in Anhang XIII der LMIV genannten harmonisierten Referenzmengen (siehe Anhang) und der Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 (Health Claim-Verordnung) des Europäischen Parlaments. E   Ist das NWK-Modell interpretativ? Ja, es beinhaltet aggregierte Informationen und Bewertungen zum Gesundheits- wert einzelner Nährstoffe. 10
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