Microsoft Outlook - Memoformat
Dieses Dokument ist Teil der Anfrage „E-Mails vom Kreativbeauftragten Dieter Gorny“
nur unzureichend in der Lage, die dafür benötigten Ressourcen aufzubringen. Entsprechend empfeh- len wir bei Vorliegen von Markt- und Systemversagenstatbeständen in dieser Phase Maßnahmen zu nutzen, die den Zugang zu Infrastrukturen (wie z.B. Gründerzentren) und Pioniernutzern erleich- tern und gleichzeitig die wirtschaftlichen Kompetenzen der Unternehmen in Bezug auf ihre Märkte stärken. Bei (z.B. aufgrund eines Technikbezugs) komplexen nichttechnischen Innovationen können in dieser Phase auch traditionelle Förderkonzepte hilfreich sein, die an die existierende Technologieför- derung anknüpfen. Bei nichttechnischen Innovationen besteht in den Markteinführungsphasen (Pioneering und Kommerzialisierung) aufgrund ihrer besonderen Eigenschaften (z.B. fehlender objektivierbarer Pro- dukteigenschaften) die besondere Herausforderung von Informationsasymmetrien zwischen Innova- tor und potenziellem Kunden oder Investor. Diese Problematik erschwert es, den Mehrwert überzeu- gend zu kommunizieren, um Marktanteile oder Kapitalgeber zu gewinnen. Entsprechend empfehlen wir bei Vorliegen von Markt- und Systemversagenstatbeständen in dieser Phase Maßnahmen zu nut- zen, die die Transparenz über den Mehrwert der nichttechnischen Innovation fördern und gleichzeitig die Akzeptanz bei den Nutzern steigern. Darüber hinaus sind in dieser Phase sowohl die Marktkompetenzen der Unternehmen zu stärken und ihren Zugang zu Finanzierung insbesondere in der Wachstumsphase zu unterstützen. Neben den innovationsphasenspezifischen Handlungsempfehlungen ist das Augenmerk auf die Ver- zahnung der Maßnahmen über die Phasen hinweg zu richten, um Synergieeffekte zu generieren. Wir empfehlen deshalb, wo es sinnvoll und in der Umsetzung möglich ist, Instrumente und damit einhergehende Kompetenzen zur Förderung von nichttechnischen Innovationen phasenübergreifend zu bündeln, um zusätzliche Hebelwirkungen zu erreichen. Eine solche Bündelung bietet sich insbe- sondere im Rahmen von Innovationsinfrastrukturen wie Informations- und Demonstrations- zentren (Orte zum Kennenlernens und Erfahren von Innovationen) oder bei Innovation-Hubs (Orten, an denen gezielt verschiedene innovationsunterstützende Maßnahmen zusammengeführt wer- den) an. Ergänzt werden diese innovationsphasenspezifischen und -übergreifenden Handlungsempfehlungen durch solche, die sich auf die Ausgestaltung der Maßnahmen beziehen. Allgemein muss die Ausgestal- tung einer Förderung von nichttechnischen Innovationen den besonderen Eigenschaften und hohen Dynamiken von nichttechnischen Innovationen Rechnung tragen. So ist bei der Ausgestal- tung der Maßnahmen darauf zu achten, dass diese flexibel, einfach und praktikabel ausgestaltet sind. Gleichzeitig müssen sie aber auch den speziellen Anforderungen des Innovationsprozesses bei nicht- technischen Innovationen genügen, was sich z.B. in den Bewertungsabläufen bei der Bewilligung von Förderanträgen (etwa Wettbewerbe mit Einbindung einer Jury aus Akteuren mit verschiedenen Hin- tergründen; „Pitches“ im Antragsgeschehen statt komplexer Anträge; Voucher-Formate mit geringem administrativem Aufwand) widerspiegeln muss. Die Förderung von nichttechnischen Innovationen selbst kann ebenfalls als ein nichttechnisches Innovationsprojekt (im Sinne einer „Public Sector Innovation“) angesehen werden. Aus dieser Sicht muss sich auch der Fördergeber selbst (Ministerium, Projektträger) in einen lernenden Pro- zess begeben. Dies beinhaltet sowohl Experimentiermaßnahmen einzuleiten sowie auch umfassende Analysen dieser Maßnahmen durchzuführen, um anschließend funktionierende Maßnahmen in einem größeren Maßstab effizient implementieren zu können. Ökonomische und verwaltungs-technische Grundlagen einer möglichen öffentlichen Förderung von 9 nichttechnischen Innovationen
1 Einführung Die Stärke der deutschen Wirtschaft basiert zu großen Teilen auf der Marktführerschaft deutscher Industriegüterhersteller. Anbieter deutscher Autos, deutscher Maschinen- oder Industrieanlagen oder auch deutscher Medizintechnik gehören weltweit zu den wettbewerbsstärksten Mitbewerbern. Sie tragen dabei in großem Umfang zum wirtschaftlichen Wohlstand in Deutschland bei. So machten diese Branchen zusammen beispielsweise rund die Hälfte der Gesamtexporte in 2015 aus (Statistisches Bundesamt, 2016).1 In anderen Bereichen des Wirtschaftslebens wie etwa in digital industries im Bereich Business-to- Consumer (B2C) können jedoch andere Beobachtungen gemacht werden: So wird der Markt für sozia- le Medien durch amerikanische Anbieter wie Facebook getragen. Deutsche Anbieter wie StudiVZ und andere sind heute kaum mehr am Markt für soziale Medien vertreten. Auch in Bereichen der Kreativ- wirtschaftsbranche wie etwa der Musikindustrie werden Innovationen wie Streaming-Services von Unternehmen wie Spotify und Napster getragen, die außerhalb Deutschlands angesiedelt sind. Ähnli- ches ist in der Gaming- oder Filmbranche bei innovativen Entwicklungen wie z.B. Social oder Serious Gaming, oder Virtual Reality Applikationen in Filmen zu beobachten. Und der derzeit dynamische Wandel in der Mobilitätswirtschaft wird vor allem durch die amerikanische Unternehmung UBER oder auch das israelische Unternehmen Gett getragen, deutsche Anbieter spielen eher eine unterge- ordnete Rolle. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach den Ursachen für eine möglicherweise gegebene deutsche Schwäche in diesen Märkten. Warum gelingt es deutschen Unternehmen nicht so gut wie ihren Wettbewerbern in den USA oder in anderen Ländern sich auf den angesprochenen Wachstums- märkten zu etablieren? Liegt es vielleicht an den Innovationsprozessen in diesen Märkten, bei denen nicht eine Lösungsfindung für technische Herausforderungen im Vordergrund steht, sondern oftmals „state of the art“ Technologien zwar verbessert, aber nicht grundlegend verändert werden. Die vorliegende Studie setzt hier an. Sie erörtert Fragestellungen wie diese: • Welche Eigenschaften hat dieser Typus von Innovation, der nicht mehr durch die Entwicklung neuer Technologien gekennzeichnet ist, sondern durch nichttechnische Faktoren? • Gibt es Besonderheiten im Entstehungsprozess von nichttechnischen Innovationen, durch die aufgrund von Marktversagen oder durch Merkmale des deutschen Innovationssystems Hemmnisse bei der Innovationsdynamik entstehen? • Können und sollten diese Faktoren durch eine adjustierte Innovationspolitik gemildert oder gar beseitigt werden? Wie könnten derartige Ansätze der Innovationspolitik aussehen? Die Bearbeitung dieser Fragen stellt einen hohen analytischen Anspruch an diese Untersuchung. So intuitiv der Unterschied zwischen technischen und nichttechnischen Innovationen auf den ersten Blick sein mag, so schwierig ist er jedoch analytisch zu fassen. Dies gilt nicht zuletzt weil, wie in dieser Stu- die gezeigt wird, der Unterschied zwischen technischen und nichttechnischen Innovation keineswegs eindeutig ist. Vielmehr wird in der Studie zu zeigen sein, was die Unterschiede zwischen technischen und nichttechnischen Innovationen sind, obwohl beide Arten von Innovationen in Teilen sowohl tech- nische als auch nichttechnische Aspekte aufweisen können. Es muss hierfür also eine Definition erar- beitet werden, die eine analytische Betrachtung der unterschiedlichen Anteile von technischen und nichttechnischen Faktoren an einer Innovation ermöglicht und damit eine Einordnung in die Katego- rien technische bzw. nichttechnische Innovation ermöglicht. Verstärkt wird die Herausforderung der Analyse von nichttechnischen Innovationen auch durch eine gewisse Begriffsverwirrung. Verschiedenste Bezeichnungen wie nichttechnische, nichttechnologische 1 Die in den Anteil an den Gesamtexporten miteinbezogen Warenklassifikationen sind: Maschinen, Apparate und mechanische Geräte (84), Elektrische Maschinen, Bild- und Tonwiedergabegeräte (85), Zugmaschinen, Kraftwagen, Krafträder, Fahrräder (87), Optische, fotographische Instrumente; medizinische Instrumente (90); Bezugsjahr 2015 Ökonomische und verwaltungs-technische Grundlagen einer möglichen öffentlichen Förderung von 10 nichttechnischen Innovationen
oder soziale Innovationen werden in der politischen Diskussion verwendet, ohne dass sich bisher ein einheitliches Verständnis dieser Begriffe herausgebildet hätte. Die begriffliche Auseinandersetzung mit den verschiedenen Arten von Innovationen ist jedoch vor allem deshalb zentral für diese Studie, da sie auch darauf abzielt, Tatbestände für Markt- und System- versagen im Bereich der nichttechnischen Innovationen zu analysieren. Ist also die mögliche deutsche Schwäche im Bereich der nichttechnischen Innovationen auf ökonomisch erklärbare Tatbestände ei- nes nur bedingt funktionsfähigen Marktmechanismus zurückzuführen? Analysen von Markt- und Sys- temversagenstatbeständen sind aus der wissenschaftlichen Diskussion über technische Innovationen bestens bekannt. Aber gelten für nichttechnische Innovationen dieselben Probleme wie bei den techni- schen oder können andere Schwächen des Marktmechanismus identifiziert werden? Mit der Identifikation möglicher Schwächen des marktwirtschaftlichen Allokationsmechanismus bei nichttechnischen Innovationen einher geht die Suche nach möglichen innovationspolitischen Instru- menten zur Milderung bzw. Überwindung der möglicherweise identifizierbaren Schwächen. Kann der Staat durch innovationspolitische Interventionen die deutschen Unternehmen bei der Schaffung und Implementierung von nichttechnischen Innovationen unterstützen, die ohne seinen Beitrag nicht rea- lisiert würden? Im Rahmen dieser Studie soll also auch untersucht werden, welche Form der innovati- onspolitischen Intervention besonders geeignet ist, wenn ein Versagen des Marktmechanismus’ oder des Innovationssystems identifiziert wird. Die vorliegende Studie arbeitet vor allem in ihren ersten Kapiteln in einem hohen Maße theoretisch. Um diese theoretischen Analyseergebnisse zu ergänzen, wird im Rahmen dieser Studie auch eine em- pirische Erhebung durchgeführt. Hierbei muss sich die empirische Befragung aus forschungsprakti- schen Gründen notwendigerweise einen engeren Fokus setzen. Sie legt dabei ihren Schwerpunkt auf Innovationsprozesse in der Kultur- und Kreativwirtschaft (KKW), insbesondere KKW-Teilbranchen wie die Software- und Game-Industrie und Designwirtschaft (insb. Produkt- oder Industriedesign). Darüber hinaus werden datenbasierte nichttechnische Innovationen aus den Bereichen Energie sowie digital health betrachtet. Dieser Branchenfokus ist auch darauf zurückzuführen, dass die Kultur- und Kreativwirtschaft, aber auch digitale und datenbasierte Geschäftsmodelle wie z.B. internetbasierte Marktplätze, digitale Intermediäre wie UBER oder MyTaxi oder Ansätze des „Big Data Analytics“ wie z.B. Social Media Monitoring von besonderer Relevanz für den Auftraggeber dieser Studie sind. Es ist dennoch der Anspruch dieser Studie, nicht auf den Aussagen zu den empirisch analysierten Branchen zu verharren. Vielmehr will die Studie die Erkenntnisse aus den empirisch untersuchten Bereichen der KKW sowie der anderen Branchen auf nichttechnische Innovationen insgesamt übertragen und damit einen möglichen branchenübergreifenden innovationspolitischen Ansatz zur Steigerung der Innovati- onsaktivitäten im nichttechnischen Bereich ins Auge fassen. Ökonomische und verwaltungs-technische Grundlagen einer möglichen öffentlichen Förderung von 11 nichttechnischen Innovationen
2 Projektablauf, Arbeitspakete und Methoden 2.1 Ablauf und Arbeitspakete des Projektes Die Durchführung des Projektes gliederte sich in drei aufeinander aufbauende inhaltliche Ar- beitspakete. Im ersten Arbeitspaket dieser Untersuchung lag der Schwerpunkt auf der Definition und Ab- grenzung des Begriffs nichttechnische Innovationen. Dabei wurde insbesondere auf die für nicht- technische Innovationen spezifischen Innovationsprozesse eingegangen. Zudem wurden mit Ziel einer sinnvollen Verschränkung aller Arbeitspakte bereits zu diesem Zeitpunkt in Interviews auf erste mögliche Ansatzpunkte für eine Förderung von nichttechnischen Innovationen eingegangen. Ziel dieses Arbeitspaketes war es somit, eine eindeutige Begriffsbestimmung von nichttechni- schen Innovationen und eine Abgrenzung zu technischen Innovationen zu erarbeiten. Konkret be- inhaltete das Arbeitspaket 1 folgende Schritte: • Umfangreiche Analyse der wissenschaftlichen und angewandten Literatur • Identifikation von Kriterien zur Definition und Abgrenzung von nichttechnischen Innovatio- nen • 18 explorative Experteninterviews mit Schwerpunkt auf dem Verständnis von nichttechni- schen Innovationen Im Rahmen des zweiten Arbeitspaketes wurde untersucht, ob und in welchen Bereichen es ökonomisch begründbaren Handlungsbedarf für eine öffentliche Förderung nichttechnischer In- novationen gibt. Konzeptionell stützte sich das Arbeitspaket dabei auf eine Analyse der wissen- schaftlichen Literatur zu Markt-und Systemversagenstatbeständen. Die wesentliche empirische Informationsquelle stellten hier Interviews mit Unternehmen aus relevanten Branchen dar. Dabei wurde sich der Frage gewidmet, welche Markt- und Systemversagenstatbestände vorliegen können und welche Relevanz diese jeweils besitzen. Somit wurde in Arbeitspaket 2 wie folgt vorgegangen: • Konzeptionelle Arbeiten auf Basis der wissenschaftlichen Literatur zu Markt- und Systemver- sagenstatbeständen • 19 explorative Experteninterviews mit dem Fokus auf System- und Marktversagen • Drei kurze Fallstudien zu ausländischen Fördersystemen • Fachgespräch mit Experten aus der Förderpraxis Darauf basierend wurde in Arbeitspaket 3 geprüft, ob und ggf. welche Förderinstrumente einge- setzt werden sollten, um die identifizierten Hemmnisse zu beheben. Dieses Arbeitspaket umfasste: • Aufstellung vorhandener innovationsfördernder Maßnahmen und Zusammenführen mit er- mittelten Handlungsbedarfen in einer Coverage-Matrix • Fachworkshop mit Experten aus der Förderpraxis sowie Unternehmen aus einschlägigen Branchen • Interviews mit Vertretern von Verbänden Ökonomische und verwaltungs-technische Grundlagen einer möglichen öffentlichen Förderung von 12 nichttechnischen Innovationen
Die folgende Tabelle stellt einen Überblick über die Arbeitspakete dar. Abbildung 2 Überblick über die Arbeitspakete Arbeitspaket Zielsetzung Vorgehen Resultate 1. Literaturanalyse • Definition und Abgrenzung Begriffsdefinition von NTIs und 2. Identifikation von Kriterien zur Definition und AP 1 Abgrenzung von technischen Abgrenzung von NTIs • von NTIs Ergebnisse über Innovationen 3. 18 Explorative Experteninterviews mit Schwerpunkt Innovationsprozesse bei NTIs auf dem Verständnis von NTIs • Identifikation relevanter 1. 19 Explorative Experteninterviews mit dem Fokus auf Marktversagenstatbestände Identifikation und Analyse eines und spezifischen System- und Marktversagen ökonomisch begründbaren Innovationshemmnissen bei AP 2 Handlungsbedarfes für die 2. Drei kurze Fallstudien zu ausländischen Fördersystemen NTIs und mögliche Gründe für öffentliche Förderung von NTIs eine staatliche Intervention 3. Fachgespräch mit Experten aus der Förderpraxis • Erstellung eines Zwischenberichtes Analyse bestehender 1. Aufstellung vorhandener innovationsfördernder Maßnahmen und Zusammenführen mit ermittelten • Coverage Matrix Förderinstrumente und AP 3 Erstellung neuer/optimierter Handlungsbedarfen in einer Coverage-Matrix 2. Fachworkshop mit Experten aus der Förderpraxis • Entwicklung eines Implementierungsansatzes Ansatzpunkte für die sowie Unternehmen aus einschlägigen Branchen • Erstellung des Endberichtes Fördermöglichkeiten von NTI 3. Interviews mit Vertretern von Verbänden Quelle: Technopolis Dieser Bericht stellt die Analyse und deren Ergebnisse zusammen. Die Projektresultate wurden zudem im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung des BMWi am 8. Dezember 2016 vorgestellt. 2.2 Eingesetzte Methoden Das Thema nichttechnischer Innovationen stellt sowohl in der wissenschaftlichen als auch in der Dis- kussion in der Zivilgesellschaft ein relativ neues Themengebiet dar. Vor diesem Hintergrund wurde für die Bearbeitung des Projektes ein methodisch vielfältiger Ansatz gewählt, um eine möglichst breite Informationssammlung zu erreichen. Das Methodenspektrum umfasste dabei: • Literaturanalyse • Explorative Experteninterviews • Drei kurze Fallstudien ausländischer Fördersysteme • Fachgespräch mit Experten aus der Förderpraxis • Mapping bestehender Fördermaßnahmen • Fachworkshop mit Experten aus der Förderpraxis sowie Unternehmen aus einschlägigen Branchen Literaturanalyse Im Rahmen der Literaturanalyse wurden zunächst die wesentlichen Konzepte, die technischen und nichttechnischen Innovationen zu Grunde liegen, gegenübergestellt. Mit diesem Arbeitsschritt wurden die theoretischen Anknüpfpunkte für eine Abgrenzung der beiden Innovationsarten identifiziert, die dann in einem späteren Schritt mit den praktischen Erkenntnissen aus den Experteninterviews zu einer einheitlichen Definition von nichttechnischen Innovationen zusammengefügt wurden. In einem zweiten Schritt der Literaturanalyse wurden Ursachen für Markt- und Systemversagen her- ausgearbeitet. Dabei wurde sich im Rahmen der Literaturanalyse auf solche Arten der Markt- und Systemversagenstatbestände konzentriert, die für die hier genannte Aufgabenstellung der nichttechni- schen Innovationen als relevant identifiziert wurden. Basierend auf der Gegenüberstellung der theore- Ökonomische und verwaltungs-technische Grundlagen einer möglichen öffentlichen Förderung von 13 nichttechnischen Innovationen
tischen und empirischen Ergebnisse, die durch die Expertenbefragungen und Sekundäranalysen ge- wonnen wurden, wurden mögliche Eingriffs- und Handlungsfelder herausgearbeitet. Die Ergebnisse der Markt- und Systemversagensanalyse wurden dazu genutzt, Implikationen für einen möglichen Förderbedarf aufzustellen. Dabei wurden auch die Anregungen der Interviewpartner mit- einbezogen. Explorative Experteninterviews Die explorativen Experteninterviews erfolgten in drei Runden. Zum einen wurden Experten zum Ver- ständnis nichttechnischer Innovationen befragt. Zum anderen wurden Experten zu Hemmnissen im Innovationsprozess von nichttechnischen Innovationen interviewt. Des Weiteren wurden in einer drit- ten Runde konkretere Fördermaßnahmen mit Verbandsvertretern diskutiert. Im Rahmen dieser Studie wurde keine im statistischen Sinne repräsentative Erhebung durchgeführt. Es wurde deshalb versucht ein möglichst weites Spektrum an verschiedenen „Arten“ von nichttechni- schen Innovationen über die Experteninterviews abzudecken, wobei der „Technisierungsgrad“ und die Branchenzugehörigkeit die zwei wesentlichen Dimensionen für die Auswahl der Experten darstellten. Auf der anderen Seite wurde versucht, die Variation möglichst gering zu halten um im Rahmen der limitierten Anzahl an Interviews noch generalisierbare Aussagen treffen zu können. Im Rahmen der empirischen Arbeiten wurden Experten der Kultur- und Kreativwirtschaft, der digita- len Gesundheitswirtschaft, der Energiewirtschaft sowie von weiteren digital industries eingebunden. Die Auswahl der Experten basierte auf im Rahmen dieser Studie durchgeführten Internetrecherchen und Empfehlungen durch das BMWi. Zudem wurden Verbandsfunktionäre gebeten, geeignete Exper- ten aus der durch sie vertretenen Branche zu benennen.2 Die folgende Tabelle stellt die Branchenverteilung in den jeweiligen Interviewrunden dar: Tabelle 1 Anzahl und Zuordnung der Interviews Digital Digitale KKW Energiewirtschaft Sonstige3 Health Wirtschaft Runde 1 (Fokus auf Verständnis von nicht–technischen Innovatio- 8 3 2 2 3 nen): Runde 2 (Fokus auf Markt- und 9 3 4 2 1 Systemversagen) Runde 3 (Fokus auf Förderinstru- 1 0 0 2 4 mente) Quelle: Technopolis Die Interviewpartner in der ersten Runde setzten sich aus Unternehmern, Verbandsfunktionären und Wissenschaftlern zusammen, wobei die Gespräche im Wesentlichen das praktische Verständnis von nichttechnischen Innovationen und die Charakteristika des Innovationsprozesses eruieren sollten. Die Interviews wurden, wie bei Expertenbefragungen üblich, semi-strukturiert durchgeführt, sodass eine hohe Flexibilität bestand, um umfassend das Wissen der Experten zu erheben. In der zweiten Runde lag der Schwerpunkt der Interviews auf den Hemmnissen, die der Entwicklung nichttechnischer Innovationen im Wege stehen. Dabei wurden die Interviewpartner zunächst gebeten die größten Hemmnisse, welche sie bei der Entwicklung nichttechnischer Innovationen sahen, aufzu- 2 Bei der Bewertung der Aussagen der empirischen Analyse muss beachtet werden, dass hierdurch eine gewisse Verzerrungs- problematik angelegt ist, da tendenziell Unternehmen ausgewählt wurden, die bereits einen gewissen Erfolg oder Bekanntheits- grad besitzen. Unter anderem deswegen kann die empirische Befragungsgrundlage für diese Studie nicht als repräsentativ im statistischen Sinne angesehen werden. 3 Unter diese Punkte fallen Interviewpartner, die sich keiner der Branchen zuordnen lassen wie beispielsweise mit Wissenschaft- lern oder Vertretern von Business Angels. Ökonomische und verwaltungs-technische Grundlagen einer möglichen öffentlichen Förderung von 14 nichttechnischen Innovationen
zählen, um ein implizites Ranking zu erreichen. Dann wurden soweit möglich im Gesprächsverlauf noch einzelne vorab aufgesetzte Markt- und Systemversagenstatbestände angesprochen und disku- tiert. Die Interviews aus der dritten Runde konstituieren sich aus Gesprächen mit Verbandsvertretern. Ge- genstand dieser Diskussionen waren die im Laufe des Projektes entwickelten Förderinstrumente und deren mögliche Ausgestaltung. Drei kurze Fallstudien ausländischer Förderansätze zu nichttechnischen Innovationen Ergänzend zur empirischen Arbeit für den deutschen Fall integriert der Bericht drei kurze Fallstudien ausländischer Fördersysteme. Hintergrund hierfür ist, dass die Wichtigkeit von nichttechnischen In- novationen, insbesondere in der Kultur- und Kreativwirtschaft nicht nur in Deutschland debattiert wird. Vielmehr wurden in einigen europäischen Ländern dahingehend bereits Strukturen etabliert, die eventuell als Anregung dienen können. Die Erkenntnisse der Fallstudien waren damit vor allem für die Ideenentwicklung zu Förderansätzen relevant. Die Fallstudien zu Dänemark, Österreich und dem Ver- einigte Königreich sind im Anhang dieser Studie zu entnehmen. Fachgespräch mit Experten aus der Förderpraxis Im Rahmen der Analyse zu existierenden und möglichen zukünftigen Ansätzen zur Förderung von nichttechnischen Innovationen führte das Projektteam zusammen mit dem BMWi am 14. Juli 2016 in Berlin ein Fachgespräch mit sechs Experten aus der Förderpraxis durch. Die Teilnehmer umfassten beispielsweise unter anderem Vertreter der KfW, des DLR oder lokale Wirtschaftsförderer wie Berlin Partner. Zudem nahmen – neben dem Projektteam – weitere sieben interne Teilnehmer aus dem BMWi teil. Diese Erkenntnisse des Workshops flossen insbesondere in die Erarbeitung des Kapitels zu möglichen Förderansätzen zu nichttechnischen Innovationen ein. Fachworkshop mit Experten aus der Förderpraxis sowie Unternehmen aus einschlägigen Branchen Ziel dieses Workshops mit 14 externen (Unternehmern sowie Förderexperten) und 14 BMWi-internen Teilnehmern war es, das entwickelte Instrumenten-Portfolio, welches auf Basis der ersten beiden In- terviewrunden entwickelt wurde, kritisch im Plenum zu diskutieren. Dabei wurden Optimierungs- und Anpassungsbedarfe bei bereits bestehenden Instrumenten mit Blick auf eine mögliche Förderung von nichttechnischen Innovationen eruiert und Ansatzpunkte für neue Fördermöglichkeiten diskutiert. Ökonomische und verwaltungs-technische Grundlagen einer möglichen öffentlichen Förderung von 15 nichttechnischen Innovationen
3 Innovation – Konzepte, Begriffsdifferenzierungen und eine Definition von nichttechnischen Innovationen Im folgenden Kapitel zeigen wir – ausgehend von zentralen Definitionen des Innovationsbegriffs – auf, wie sich der Innovationsbegriff in einer breiten, auf nichttechnische Aspekte erweiterten Perspek- tive verstehen lässt. Dabei stellen wir sowohl Erkenntnisse aus der Literaturanalyse sowie aus Inter- views mit Praktikern dar. Anschließend erarbeiten wir Möglichkeiten der Differenzierung verschiede- ner Innovationsarten. Als Ergebnis stellen wir die in diesem Projekt erarbeitete Definition von nicht- technischen Innovationen vor und erläutern diese anhand verschiedener Ausprägungen von nicht- technischen Innovationen. 3.1 Zentrale Definitionen des Begriffs „Innovation“ 3.1.1 Innovation im Verständnis der OECD In der innovationspolitischen Praxis, der Analyse und Messung von Innovationstätigkeit und der sich daraus ergebenden Förderpolitik werden insbesondere das Oslo-Manual (OECD, 2005) sowie das Frascati-Manual (OECD , 2015) als Grundlagen herangezogen, um Innovationen in ihren vielfältigen Formen identifizieren, messen und bewerten zu können. Diese beiden Dokumente bilden für Ent- scheidungsträger in Förderinstitutionen eine wichtige Grundlage, um die Entscheidungen für eine entsprechende Innovationspolitik und -förderung zu treffen. Auf diese wird etwa auch im Unionsrah- men für staatliche Beihilfen zur Förderung von Forschung, Entwicklung und Innovation bzw. im des- sen Vorgängerdokument, dem Gemeinschaftsrahmen für staatliche Beihilfen zur Förderung von For- schung, Entwicklung und Innovation von 2006, Bezug genommen. Die zentralen Argumentationslinien des Oslo-Manuals stehen für ein Innovationsverständnis, das sowohl hinsichtlich der aktuellen Innovationsdynamiken in der Gesellschaft als auch bezogen auf den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Reflexion bewertet werden muss. Insbesondere wenn sich für die Innovationspolitik die Frage nach einer verbesserten Förderung nichttechnischer Innovationen stellt, bedarf es sowohl eines erweiterten Verständnisses von Innovation als ein ubiquitäres Phänomen der Gesellschaft (vgl. Braun-Thürmann 2005) als auch der vielfältigen Formen, in denen Innovationen in der Gesellschaft realisiert werden (vgl. Rammert 2014). Um dies zu leisten, werden im Folgenden in einem ersten Schritt die zentralen Aspekte des Innnovationsverständnisses des Frascati- und vor allem des Oslo-Manuals herausgearbeitet. In einem zweiten Schritt werden sie einer kritischen Betrachtung unterzogen, um zu verdeutlichen, welche Anpassungen im Hinblick auf eine verstärkte Förderung nichttechnischer Innovationen not- wendig sind. Das Kernziel des Frascati Manuals ist die statistische Erfassung von Innovationsprozessen anhand von FuE-Aktivitäten. Innovationen werden also im Frascati Manual als direktes Ergebnis eines FuE- Prozesses verstanden. Die verschiedenen Auflagen des Frascati-Manuals liefern die konzeptionelle Grundlage zur Messung und zum Vergleich von FuE-Aktivitäten und damit einhergehenden Innovati- onsdynamiken in Volkswirtschaften. Das Frascati Manual definiert FuE wiederholt als „(...) creative and systematic work undertaken in order to increase the stock of knowledge – including knowledge of humankind, culture and society – and to devise new applications of available knowledge” (OECD, Frascati Manual 2005, S. 30 und 2015, S. 44) Mit Blick auf nichttechnische Innovationen ist zunächst folgende Problematik festzuhalten: Das Fra- scati-Manual legt bei seiner Definition von FuE implizit den Fokus auf technologische FuE-Prozesse. Die Konzentration auf FuE-Tätigkeiten und Aufwendungen als Basis für Innovationen (Grundlagen- und angewandte Forschung sowie experimentelle Arbeiten (vgl. OECD 2015: 60ff.)) werden jedoch der tatsächlichen Ausprägungsvielfalt des Innovationsgeschehens nicht gerecht, da gerade nichttechnische Ökonomische und verwaltungs-technische Grundlagen einer möglichen öffentlichen Förderung von 16 nichttechnischen Innovationen
Innovationen sich vielfach durch keine FuE-Basierung auszeichnen (siehe weiter unten). Das Frascati- Manual bietet zudem mit der Engführung auf firmenbezogene FuE-Aktivitäten keine Orientierung für die Analyse etwa sozialer Innovationen, die tendenziell außerhalb des gewerblichen Kreises entstehen. Im Oslo-Manual (OECD, 2005), das sich gegenüber dem Frascati-Manual durch seine Output- Orientierung auszeichnet, werden differenziertere Kriterien zur Bestimmung von Innovationen prä- sentiert und auch einige Formen nichttechnischer Innovationen berücksichtigt. Im Wesentlichen werden vier Arten von Innovationen unterschieden: • “A product innovation is the introduction of a good or service that is new or significantly improved with respect to its characteristics or intended uses. This includes significant im- provements in technical specifications, components and materials, incorporated software, user friendliness or other functional characteristics. (vgl. ebd.: 48). • “A process innovation is the implementation of a new or significantly improved production or delivery method. This includes significant changes in techniques, equipment and/or soft- ware.” (vgl. ebd.: 49). • “A marketing innovation is the implementation of a new marketing method involving sig- nificant changes in product design or packaging, product placement, product promotion or pricing.” (vgl. ebd.). • “An organisational innovation is the implementation of a new organisational method in the firm’s business practices, workplace organisation or external relations.” (vgl. ebd.: 51). Allerdings reichen auch diese begrifflichen Unterscheidungen alleine nicht aus, um die Vielfalt von technischen und nichttechnischen Innovationen adäquat zu erfassen. So unterscheidet das Oslo- Manual auf der einen Seite zwischen technischen Innovationen, die sowohl als Produkt als auch als Prozess realisiert werden können und nichttechnischen Innovationen, welche als organisationale und Marketinginnovationen verstanden werden auf der anderen Seite (vgl. ebd.: 3). Zwar wird hier die nichttechnische Dimension von Innovation mitreflektiert, doch zugleich greift diese Differenzie- rung zu kurz und vereinfacht (wenngleich aus nachvollziehbaren Gründen der statistischen Datenla- ge und Messbarkeit) die Innovationsdynamiken in der Gesellschaft und in Organisationen zu stark. Darum können in Branchen (wie z.B. Teile der Kultur- und Kreativwirtschaft oder der Sozialen Ar- beit), deren Innovationsgeschehen sich vom eher traditionellen Innovationsbegriff des Oslo-Manuals unterscheidet, auch Innovationen durchaus nichttechnischer Natur existieren, die von der Definition des Oslo-Manual nur am Rande erfasst werden. In der wissenschaftlichen Diskussion in Deutschland wird schon seit Längerem die spezifische Eng- führung des Innovationsverständnisses intensiv und kritisch diskutiert (vgl. u.a. Zapf 1989; Gillwald 2000; Howaldt & Schwarz 2010; Rammert, W. 2010; John 2013).4 Dabei wird deutlich, dass eine klare Trennung von einerseits technischen und andererseits nichttechnischen Innovationen der Vielfalt des Innovationsgeschehens und der differenzierten Formen, in denen Innovationen in der Gesellschaft auftreten, nicht gerecht werden kann. So fallen unter den Begriff der nichttechnischen Innovationen des Oslo-Konzeptes nur Innovationen, die in keinem Zusammenhang mit technischen Elementen ste- hen. Es wird also implizit eine klare Dualität in technische und nichttechnische Innovationen sugge- riert. Innovationen hingegen, deren zentrales Nutzenversprechen für den Anwender nicht von der technischen Komponente ausgeht, die aber gleichzeitig technische Elemente besitzen (wie z.B. Face- book oder auch Designinnovationen, die auf neuen technischen Möglichkeiten basieren), werden von dieser Definition hingegen vernachlässigt. Im Rahmen des Oslo-Manuals wird nicht untersucht, wel- chen Beitrag die technischen und welchen die nichttechnischen Aspekte zum erwarteten Wertschöp- 4 Eine ähnliche Öffnung zeigt sich auch auf politischer Ebene, etwa wenn etwa im Rahmen von „Horizon 2020“ eine verstärkte Förderung nichttechnischer Innovationen als soziale Innovationen praktiziert wird oder in der Hightech Strategie der Bundes- regierung von 2014 soziale Innovationen als eine Erweiterung des technologisch geprägten Innovationsbegriffs adressiert wer- den. Ökonomische und verwaltungs-technische Grundlagen einer möglichen öffentlichen Förderung von 17 nichttechnischen Innovationen
fungsbeitrag leisten. Vielmehr sorgen diese kategorialen und definitorischen Grundlagen des Oslo- Manuals für eine Perspektive, die den technischen Aspekt in den Vordergrund rückt und so den Blick auf das nichttechnische Element im Innovationsprozess trübt. 3.1.2 Erweiterte Definitionen von Innovationen in der wissenschaftlichen Literatur Für eine stärkere innovationspolitische Fokussierung nichttechnischer Innovationen müssen die kate- gorialen Definitionen des Oslo-Manuals zwar nicht in toto aufgegeben werden. Doch in einem generel- leren Kontext eingeordnet, ist dieses Verständnis zu erweitern, um die Besonderheiten nichttechni- scher Innovationen herauszuarbeiten. Dieser müsste zeigen, in welchen Hinsichten die für die statisti- sche Erfassung von Innovation oftmals maßgebliche OECD-Definition im Grunde nur einen Teil- bereich der Vielfalt sozialer und gesellschaftlicher Innovationen abdeckt. Dann könnten auch die besonderen Spezifika nichttechnischer Innovationen und die Unterscheidungskriterien mit Blick auf technische Innovationen dargestellt werden. Über diesen Differenzierungsvorschlag hinaus geht es auch darum, auf Basis eines unterscheidungsfähigen Begriffs nichttechnischer Innovationen die viel- fältigen und komplexen Wirkungszusammenhänge zwischen der technischen und nichttechnischen Seite von Innovationen sowie deren organisationale Dimension zu betonen. Denn auch organisationale Veränderungen haben nicht allein nichttechnischen Charakter, sondern hängen aufs Engste mit tech- nischen Veränderungen zusammen, basieren auf diesen oder werden von diesen angestoßen. Eine Definition von Innovation, die auch die vielfältigen Aspekte der nichttechnischen Innovationen inkludieren soll, muss also einem erweiterten Ansatz folgen. Werner Rammert (2010) schlägt zur Be- urteilung von als Innovation bezeichneten Phänomenen vor, drei grundlegende Aspekte zu beachten: • Erstens muss der Gegenstand, etwa ein Produkt, ein Verfahren, eine organisationale Verände- rung oder weitere Wandlungsprozesse ganzer Industrien und Marktsegmente, in zeitlicher Dimension als neuartig gegenüber älteren Produkten und Strukturen erkannt werden (vgl. ebd.: 29 f.). Das Smartphone ist von den einzelnen technischen Komponenten nicht völlig neu, vielmehr wird gerade die Neukombination vorhandener Techniken verknüpft mit neuen Nut- zungsmöglichkeiten für Mobiltelefone. Dies wird als neuartig registriert (vgl. Groys 1992; Svetlova 2008) und so als gelungene Innovation verstanden, da Kunden diese neue Technolo- gie angenommen haben. Schon hier wird deutlich, wie wichtig der nichttechnische Aspekt für den Erfolg von Innovationen ist, denn ohne die Akzeptanz durch den Kunden, welcher dann auch neue Nutzungskontexte und Anwendungsformen für sich entdeckt, wäre das Smartphone einfach wieder in der langen Liste gescheiterter Innovationen verschwunden. • Zweitens muss eine Innovation in sachlicher Hinsicht als andersartig gegenüber vorhandenen Produkten erkannt werden (vgl. John 2012: 77). Wenn etwa der Computer die Schreibmaschi- ne ablöst und darüber hinaus die gesamte Art der Organisationskontrolle verändert, ist dies eine vollkommen andere und neue Arbeitsumgebung, welche dann auch wieder durch den entsprechenden Umgang mit dieser Technik, also nichttechnischen Neuheiten und Innovatio- nen, einhergeht (vgl. Müller 2012). • Drittens muss eine neuartige Technik oder ein neues Arbeitsverfahren, wie auch ein neuer An- satz zur Steuerung von Computer- und Videospielen in sozialer Hinsicht als abweichend ge- genüber dem erkannt werden, was bis dahin normal und gängig erschien. Nur wenn diese drei Aspekte erfüllt sind, lässt sich von einem innovativen Phänomen sprechen. Dabei gilt dies sowohl für technische als auch für nichttechnische Innovationen. Innovative Phänomene als bestimmte Formen des Wandels werden zugleich von sozialen Akteuren als neuartig, andersartig und abweichend gegenüber vorigen Zuständen erkannt. Grundsätzlich kann jede Art des Wandels von Strukturen als Innovation aufgefasst werden, wenn diese Kriterien erfüllt sind. Oft ergänzen und verknüpfen sich dabei technische wie nichttechnische Aspekte in solchen Konstella- tionen.5 Schließlich müssen etwa auch Computer und Smartphones oder Videospiele erst in der Nut- 5 Beispielsweise bezieht sich Ulrich Dolata (2008) in der Analyse technikinduzierter Transformationsimpulse sektoralen Wan- dels auf die Rolle nichttechnischer Innovationen. Am empirischen Beispiel der Musikindustrie untersucht Dolata (2008) die Ökonomische und verwaltungs-technische Grundlagen einer möglichen öffentlichen Förderung von 18 nichttechnischen Innovationen