Microsoft Word - 51. Sitzung_2019-05-09_I_endg_öff.docx
Stenografisches Protokoll 19/51 I 1. Untersuchungsausschuss Zeuge Martin Kurzhals: - es muss ja jetzt keine viele Fälle hatten Sie, die - - Sie haben das letzte Person sein, sondern kann ja auch eine Aliasper- Mal gesagt: herausragend, bemerkenswert, hohe sonalie einer anderen Person sein - - Bewertung. - So, aber wie viele Fälle hatten Sie wie Amri, die krasser oder gravierender waren? Martina Renner (DIE LINKE): Das ist nicht aus- zuschließen, kann ja Namensgleichheit sein. Das Und im Nachhinein ist es ja so: Irgendwie ist er können wir ja so nicht sehen. ja doch durchgerutscht. Also, man hat dann ge- sehen, er wollte einen Anschlag wie Paris ma- Zeuge Martin Kurzhals: Ja - - dann gehe ich da- chen, irgendwie ähnlich. Und am Ende stellt man von aus, dass das natürlich alles ausgetauscht fest: Mit C und B - ich meine, das wurde und dass man dem nachgegangen ist. habe ich jetzt auch alles erst im Nachhinein ge- lesen - gab es eben direkt Kontakte auch zu die- Vorsitzender Armin Schuster: Dann sind wir bei sen Zellen und so. Was hat denn da Ihrer Mei- Bündnis 90/Die Grünen. nung nach nicht funktioniert? Also, vielleicht diese zwei Komponenten mal. Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- NEN): Danke, Herr Vorsitzender. - Guten Abend, Zeuge Martin Kurzhals: Gut, also, eine Zahl kann Herr Kurzhals! ich Ihnen jetzt nicht nennen, wie viel Fälle schlimmer oder - - sind. Aber ich kann inhalt- Zeuge Martin Kurzhals: Guten Abend! lich - das hatte ich beim letzten Mal auch schon vorgetragen - ein Beispiel nennen. Wir hatten in Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- 2016 ja den Fall auch mit Albakr, Chemnitz, und NEN): Ich knüpfe an dem Punkt noch mal an und den verhinderten Anschlag mutmaßlich hier in schicke trotzdem vorweg: Es ist eben unsere Auf- Berlin. Das war ein Fall - das hatte ich beim gabe, das im Nachhinein zu verstehen, und es letzten Mal auch gesagt -, der mit „zwei“ eben wirkt natürlich immer besserwisserisch, aus der dann - - Die Frage kam ja hoch: Was muss Aktenlage sozusagen schlau alle Dinge, die pas- eigentlich passieren, damit jemand eine Eins hat? siert sind, die Sachen zu reflektieren, und es ist immer die bequemere Situation. Trotzdem finde Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- ich, dass die Kollegin Renner einen Punkt hat, NEN): Der hat mit Amri übrigens nichts zu tun? vor allen Dingen wenn man sich zurückversetzt Die Frage wollte ich schon immer mal stellen. in die Zeit. Also, Paris war ja am 13.11.2015. Und justament um dieses Datum herum fängt ja dieser Zeuge Martin Kurzhals: Ja, die wurde beim letz- Anis aus Dortmund an, zu erzählen, er kann ir- ten Mal gestellt, aber da waren Sie vielleicht gendwie Kalaschnikows in Neapel oder in Paris nicht zugegen. besorgen, und damit würde er gerne das Gleiche in Deutschland machen. - Also, ich meine, das Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- muss ja schon irgendwie ein krasser Case sein, NEN): Ah, okay. wenn man das mitschneidet und mitbekommt. Und ich frage mich eben: Beim GTAZ - jetzt ohne Zeuge Martin Kurzhals: Der hat mit Amri nichts da ins - - Also, wir kritisieren ja seit langem, dass zu tun gehabt. das keine gesetzliche Grundlage hat, und Sie ha- ben jetzt erläutert, wie das funktioniert mit den Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- Protokollen usw. Und die Frage ist eben, ob das NEN): Nicht zu tun. nicht einen gesetzlichen, verlässlichen Rahmen hat, der Verantwortlichkeiten verteilt. Das muss Zeuge Martin Kurzhals: Nein. die Politik entscheiden, und diese Frage will ich jetzt gar nicht auf Ihre Schultern legen. Aber: Wer Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- ist denn tatsächlich zu einer gravierenderen Ein- NEN): Okay. stufung seinerzeit gekommen als Anis Amri? Wie 19. Wahlperiode Deutscher Bundestag - Stenografischer Dienst Seite 101 von 140
Stenografisches Protokoll 19/51 I 1. Untersuchungsausschuss Zeuge Martin Kurzhals: Und es gab einige andere Zeuge Martin Kurzhals: - das hatte ich beim letz- Fälle, wo wir in dem Bereich eine Vier, vielleicht ten Mal ja auch gesagt, dass wir - - auch mal eine Drei gegeben haben; aber zu dem Zeitpunkt eine Fünf - und das ist so -: Das kam Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- nicht alle naselang vor. NEN): Eines - - Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- Zeuge Martin Kurzhals: Dieses Risikobewer- NEN): Ja. tungsinstrument mit RADAR-iTE steht uns heute zur Verfügung und hätte uns seinerzeit einen so Zeuge Martin Kurzhals: Natürlich waren alle hohen Punktwert bei dem Amri geliefert, dass sensibilisiert, weil die Lage national und inter- wir natürlich alarmiert nach anderen Möglichkei- national war, wie sie war, - ten auch weiter noch gesucht hätten. Davon bin ich fest überzeugt. Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- NEN): Klar. Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- NEN): Ja. - Denn er ist ja nachher einfach - wenn Zeuge Martin Kurzhals: - was dann natürlich man die Geschichte so nimmt, wie sie uns erzählt auch bedeutet, dass wir versuchen, das möglichst wird - rausdiffundiert aus dem Schirm, und im umfassend abzuklären zu dem Zeitpunkt. Aber es Grunde in der Zeit, in der er besonders proble- - bleibt dabei: Welches Szenario haben wir bewer- in der er, wie wir jetzt neunmalklug wissen im tet, oder welchen Gefährdungssachverhalt haben Nachhinein, hier am Gesundbrunnen einen wir eigentlich die ganze Zeit über im GTAZ be- Sprengstoffanschlag machen wollte und den wertet? Und das war, wie Sie schon gesagt haben: Sprengstoff auch schon hatte und nur durch Amri - inspiriert möglicherweise durch Bataclan einen Zufall davon abgehalten wurde, genau in etc. - will einen Raubüberfall begehen, um Gelder dem Moment, in dem er dazu ansetzte, mit Leu- zu generieren, um damit dann entweder - ten, die Verbindungen nach Paris hatten, ist er eben vom Radar gehuscht. Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- NEN): … Waffen zu kaufen. Zeuge Martin Kurzhals: Aber das war - - Also, ich kenne - - Ich habe die Ermittlungen ja nicht Zeuge Martin Kurzhals: - in Neapel oder - er hat geführt, und ich weiß jetzt nicht genau - - Die An- Freunde in der Nähe von Paris, die noch mal so klage kenne ich auch nicht im Wortlaut. Ich einen Anschlag machen wollen - dort vielleicht kenne auch nicht die Beweislage, die dafür zu- eine Kalaschnikow zu besorgen. Und dann grunde liegt, dass man jetzt davon ausgeht. Sie komme ich darauf zurück, was der Herr Strasser stellen es ja so dar, dass das schon bewiesen gesagt hat: Im weiteren Verlauf war dann noch wäre. Also, die Hauptverhandlung beginnt ja jetzt mal eine Variante: Sprengstoffgürtel und ein erst. Selbstmordattentat in Deutschland zu begehen. Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- NEN): Ja, das - - klar. NEN): Genau, ja. Zeuge Martin Kurzhals: Also, von daher - - Zeuge Martin Kurzhals: Aber diese Szenarien ha- ben wir bewertet, also diese Gefährdungssachver- Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- halte. Und davon hat sich ja auch keiner manifes- NEN): Aber die Anklage, genau, liest sich so ganz tiert, sondern es war ein anderer. Und da gebe substanziell. - Aber ja, genau. ich Ihnen recht. Aber es ist die gleiche Person - Zeuge Martin Kurzhals: Aber auch das ist ja Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- schon im Oktober gewesen. Und wir haben - das NEN): Ja. ist meiner Meinung nach eine Zäsur in diesem 19. Wahlperiode Deutscher Bundestag - Stenografischer Dienst Seite 102 von 140
Stenografisches Protokoll 19/51 I 1. Untersuchungsausschuss Sachverhalt - Ende Juli diese FlixBus-Fahrt - - wir im Nachhinein festgestellt haben, begangen Diese Geschichte, die ja auch durch die Presse hat. Und da spricht halt sehr, sehr viel dafür. ging, mit der gescheiterten Gefährderansprache - Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- NEN): Sie sagten eben bei dieser Frage „Nizza NEN): Ja. und Ben Ammar“, dass mehr Gründe dagegen- sprechen würden, dass er in Nizza war. Und da Zeuge Martin Kurzhals: - in der Wohnung wollte ich jetzt noch mal konkret fragen: Welche C ,- Gründe sprechen denn dagegen? Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- Zeuge Martin Kurzhals: Also, wir haben durch NEN): Genau. die Ermittlungen keinen Beweis gefunden, dass er überhaupt geflogen wäre. Wir wussten aus den Zeuge Martin Kurzhals: - was dann dazu führte, Ermittlungen, dass er vorher schon mal in Frank- dass ja - so liest man jedenfalls - der Tatplan reich gewesen ist, dass er auch dort Kontakte hat, dann aufgegeben worden ist - - Für mich jetzt allerdings - was wir sicher sagen konnten - fami- auch nicht ganz stringent, - liärer Natur. Es gab sogar, glaube ich auch, ir- gendwie bei der Auswertung seines Mobiltele- Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- fons mal ein Foto mit Eiffelturm im Hintergrund. NEN): Nee. Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- Zeuge Martin Kurzhals: - mit dem Zeitungswis- NEN): Mit Taxi und Eiffelturm. Ja, genau. sen. Aber auch das war im Oktober. Und wir ha- ben in dem Sachverhalt Amri meiner Meinung Zeuge Martin Kurzhals: Also, das war schon nach eine gewisse Zäsur. Diese Zäsur ist diese ge- klar, dass er - - Das liegt auch nahe - also, in scheiterte Ausreise nach den Streitigkeiten in der Europa reist man ja ohne Probleme von einem Neuköllner Shisha-Bar. Land zum anderen -, wenn er dort Verwandte, Bekannte hat, dass er dann auch in Paris mal Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- gewesen ist. NEN): Ja. Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- Zeuge Martin Kurzhals: Und das ist auch - - NEN): Das stimmt, aber da würde ich jetzt - Frei- Also, die Indizienlage, die wir danach dann er- zügigkeit verfechte ich also ganz, ganz stark - mittelt haben, die deutet ja tatsächlich darauf hin, dass er Ende Oktober/Anfang November die- Zeuge Martin Kurzhals: Ich auch. sen Tatentschluss dann gefasst hat. Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- NEN): - ein leichtes Störgefühl anmerken, wenn NEN): Wegen des Videos. sozusagen die Topgefährder - - Also, ich meine, ich habe die Frage ja x-mal gestellt: Ist Amri denn Zeuge Martin Kurzhals: Wegen des Videos, weil mal nach Paris gereist? Und ich meine, das ist ja das Ausspähen begonnen hat - auch naheliegend, oder? Der findet bestimmt auch, dass Paris eine schöne Stadt ist. Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- NEN): Ja. Zeuge Martin Kurzhals: Ja, aber wäre mir nicht bekannt. Zeuge Martin Kurzhals: - bestimmter Tatorte, die, wie wir hinterher wissen, dann zu Tatorten Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- wurden, weil er Vorbereitungshandlungen, wie NEN): Ja. - Also, Auslandsaufenthalte von Amri 19. Wahlperiode Deutscher Bundestag - Stenografischer Dienst Seite 103 von 140
Stenografisches Protokoll 19/51 I 1. Untersuchungsausschuss während seines Aufenthalts in Deutschland sind Zeuge Martin Kurzhals: Und also wir als BKA nicht bekannt? haben ja darüber erst Kenntnis erlangt, als er quasi schon in Zuständigkeit der Bundespolizei Zeuge Martin Kurzhals: Also, wir können sicher- dann festgenommen worden war. Ich wüsste lich nicht jeden Tag abdecken. nicht, wer - - Es ist mir nicht bekannt, wer beim BfV dann irgendwie angerufen hat. Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- NEN): Nein, aber - - Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- NEN): Hat aber jemand angerufen. - Könnte es Zeuge Martin Kurzhals: Sie wissen ja, dass die sein, dass es in der Ausschreibung oder so, in Maßnahmen in Berlin hier ab Sommer dann auch seiner Datei, irgendwie so einen Hinweis gab: sporadischer wurden bzw. dann irgendwann ab „Wenn er festgenommen wird, bitte einmal hier September eingestellt wurden. Das heißt, wir ha- beim BfV anrufen“, oder so? ben natürlich ein Zeitfenster, wo wir jetzt nicht hundertprozentig sagen können: Ist er da viel- Zeuge Martin Kurzhals: Das kann ich jetzt - - leicht noch mal irgendwann im Ausland gewe- sen? Wir haben allerdings auch bei der Aufarbei- Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- tung und bei allem, was wir an Zeugen befragt NEN): Also, ist es nicht einfach so - ich versuche haben, bei allem, was wir an Datenträgern aus- es jetzt mal ganz geradeaus - : Der Abu Walaa ist gewertet haben, keinen Hinweis darauf gefunden. irgendwie - - Also, die Zugänge, die man hat, die Jedenfalls ist der mir nicht bekannt. Leute, die man beobachtet, die in der Szene un- terwegs sind, die unheimlich interessante Kon- Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- takte haben - und das hatte Amri ja zweifelsohne; NEN): Bis auf diesen Ausreiseversuch. wenn man die Liste anguckt, dann hatte der ein- fach mit jeder Menge gefährlicher Leute zu tun, Zeuge Martin Kurzhals: Ja. und man hatte ihn irgendwie auf dem Schirm -, hält man nicht diesen Blinker, den man durchs Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- Wasser zieht, so gerne - - Also, ist das nicht ein NEN): Ich versuche es ein letztes - - eine letzte interessantes Beobachtungsobjekt, das man ver- Frage, die vielleicht - - Also, als Amri ausreisen sucht im Spiel zu halten, - wollte - - Man konnte ihn nicht abschieben und so, aber er wollte ja nun das Land verlassen. Da Zeuge Martin Kurzhals: Nein - - ist ja - - Nachdem man ihn festgesetzt hat und aufwendig auf der Reise begleitet hat bis zur Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- Grenze oder in die Grenznähe, hat ja tatsächlich NEN): - um den Zugang zu behalten, Informatio- jemand dann im BfV angerufen, ne? nen zu bekommen? - Ich könnte es nachvollzie- hen. (Der Zeuge schüttelt den Kopf) Zeuge Martin Kurzhals: Ja. - Also, ich könnte es nicht nachvollziehen. Ist Ihnen nicht bekannt? Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- Zeuge Martin Kurzhals: Das wäre mir - - Also, NEN): Mhm. die Bundespolizei hatte ja den Fahndungshin- weis vom LKA Nordrhein-Westfalen erhalten. Zeuge Martin Kurzhals: Mir ist es erstens nicht bekannt, dass es diesen Wunsch gegeben haben Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- könnte aufseiten des BfV, dass das BfV über Amri NEN): Ja. Zugänge zu bestimmten anderen Hochwertper- sonen, Hochwertzielen hätte generieren oder bei- behalten können. Das ist mir gänzlich unbekannt 19. Wahlperiode Deutscher Bundestag - Stenografischer Dienst Seite 104 von 140
Stenografisches Protokoll 19/51 I 1. Untersuchungsausschuss und hat sich auch für mich in der Befassung kein Tunesien ist ja angesichts der Bemühungen, Hinweis - - Also, während - - Amri abzuschieben, hochinteressant. Also, im Prinzip ist es ja daran gescheitert, dass man ihn Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- in Tunesien angeblich nicht identifizieren NEN): Trotz libyscher IS-Nummern und dem konnte. Und jetzt reisen Sie - - Muss ich gerade Bombardement und so nicht? gucken. - Das war 2015, ne? Zeuge Martin Kurzhals: Also, die libyschen IS- Zeuge Martin Kurzhals: Nein, also ich bin zwei- Nummern, die hatten wir ja auf Wunsch des mal in Tunesien gewesen. Diese eine Reise, die LKAs Nordrhein-Westfalen im Februar an die im Oktober 2015 stattfand, hat mit Amri über- Tunesier auch schon übermittelt, mit der Bitte haupt nichts zu tun gehabt. um Überprüfung. Und da kam ja dann leider, ich glaube, im September erst auch eine Rückmel- Vorsitzender Armin Schuster: Das war 16. dung, was jetzt Malekisis, Achrefa - - wer denn da vermutet wurde dahinter, nämlich zwei Zeuge Martin Kurzhals: Es gab am - - 28. oder weitere Tunesier, die sich in Libyen aufhalten, 29. April muss das gewesen sein, Tunesien. Das oder zumindest einer, glaube ich. Da gab es noch war eine kombinierte Dienstreise, wo wir vorher einen, Abo Hothaifa, oder so ähnlich. Also, das erst in Marokko gewesen sind. war ja jetzt nicht Herrschaftswissen des BfV. Der BND hatte das sicherlich in seinen Datenbanken Vorsitzender Armin Schuster: So, also, ange- überprüft, aber möglicherweise auch Partner sichts dessen, was ich aus den Akten entnehme, schon angesteuert, also diese Information war ja gab es ja doch immer wieder Bemühungen - und schon zum Zeitpunkt des Anschlages … im Sommer 2016 ja verschärft -, ihn nach Tune- sien abzuschieben; das war ja das Hauptziel. Nun Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- reisen Sie nach Tunesien und übergeben den NEN): … unterwegs. tunesischen Behörden biometrische Daten zum Zwecke seiner Identifizierung. Erste Frage: Ist Zeuge Martin Kurzhals: Sie sprechen es ja an: diese Reise von Ihnen unternommen worden dass im Februar - - Oder wann ist das gewesen, wegen dieser Übergabe der Daten, oder sind Sie dieser Anschlag, dieses - sowieso nach Tunesien gereist und haben die Ge- legenheit genutzt? Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- NEN): Bombardement. Zeuge Martin Kurzhals: Letzteres. - Also, dieses Treffen oder diese Dienstreise nach Marokko und Zeuge Martin Kurzhals: - Bombardement? Tunesien war Ausfluss einer Reise meiner Amts- leitung im Oktober 2015, an der ich teilgenom- Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- men hatte, mit dem Vizepräsidenten Henzler. NEN): Ja. Und es war strategisch von sehr großer Bedeu- tung - in der Situation ohnehin, aber auch gene- Zeuge Martin Kurzhals: Das ist ja dann schon ein rell -, mit Marokko und Tunesien strategisch sich Jahr alt gewesen, diese Information. auszutauschen und eine gewisse Bindung auch im Erkenntnisaustausch herbeizuführen oder zu Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- halten. Und das war quasi dann eine Reise, die NEN): Vielen Dank. vorher geplant war. Und da ich ja nun der Mode- rator dieser Info-Boards auch gewesen bin, habe Vorsitzender Armin Schuster: So, wir haben bei ich das aktiv angeboten Nordrhein-Westfalen, der Union noch Fragen. Ich würde noch zwei aber auch natürlich Kenntnis nach Berlin, ob das stellen. - Herr Kurzhals, ich bin mir nicht sicher, gewünscht ist, ob ich diesen Sachverhalt dort zur ob wir sie beim letzten Mal nicht schon hatten, Person sensibilisieren soll bei den entsprechen- aber ich - - Sie erinnern mich. - Ihre Reise nach den Behörden, damit wir als ersten Schritt schon 19. Wahlperiode Deutscher Bundestag - Stenografischer Dienst Seite 105 von 140
Stenografisches Protokoll 19/51 I 1. Untersuchungsausschuss mal die Identifizierung hinbekommen. Alles wei- Zeuge Martin Kurzhals: Na, also spätestens in tere - Passersatzpapiere - ist ja dann sowieso dem Info-Board am 15. oder 16. April, hatten wir noch mal ein anderer „Schnack“, hätte ich fast ja ein Info-Board, habe ich das noch mal aktiv an- salopp gesagt. gesprochen, dass das bitte geprüft werden sollte, dass das ein Angebot des BKAs ist, diese Ge- Vorsitzender Armin Schuster: Und jetzt noch sprächsplattform zu nutzen, um diesen Fall dort mal: Das war im Frühjahr 2016. auch vorzutragen, und darum zu bitten, schnellstmöglich als ersten Schritt eine Identi- Zeuge Martin Kurzhals: Ende April 2016, ja. fizierung dieser Person hinzubekommen. Vorsitzender Armin Schuster: Damit waren Sie Vorsitzender Armin Schuster: Und dann haben ja extrem - mit Ihrem Gedanken, wenn Sie es Sie eine Antwort aus NRW abgewartet, oder ha- selbst angeboten haben - früh unterwegs, weil die ben die das spontan entschieden: „Ja, mach!“? Absicht, den Amri jetzt - - Also, den Fokus da- Oder wie ist das gelaufen? rauf zu legen, ihn abzuschieben, den gab es ja erst im Frühsommer. BAMF hatte entschieden, Zeuge Martin Kurzhals: Na, die haben signali- ermittlungsseitig haben Sie keine Anfasser ge- siert, dass sie dem wohl zustimmen werden. Das funden, und dann hieß es - ja, ich verkürze jetzt Ganze ist dann im Nachgang über den Sachbe- alles -: Den müssen wir jetzt abschieben, um das arbeiter bei uns, über den zuständigen, und die Problem loszuwerden. - Ihr Gedanke ist ja schon EK „Ventum“ natürlich auch noch mal per for- Monate früher. Wie kommt es dazu? meller Kommunikation zugeliefert worden, was denn dort besprochen werden soll: also seine Zeuge Martin Kurzhals: Na, „Monate früher“ Personalien, die uns bekannt waren; darunter würde ich jetzt nicht sagen. Aber - der Herr befanden sich dann ja auch, wie wir wissen, die Özdemir hatte die Frage ja auch schon gestellt -: Echtpersonalien. Die biometrischen Daten waren 17.02., ausländerrechtlich, wie ist das denn zu uns ja über INPOL ebenfalls natürlich verfügbar; sehen in den Folge-Info-Boards? - Also, es war ja denn er war ja neben Freiburg dann auch schon von Anfang an, wenn wir mit so einer Person, die im Februar in Berlin noch mal ED-behandelt wor- hier mit so einer Asylvita auftaucht, wo wir rela- den. Plus die Erkenntnisse, die aus den Überwa- tiv sicher sein können, dass das kein Asylgrund chungsmaßnahmen, also TKÜ-Maßnahmen, zu sein wird und er hier deshalb auch keinen Auf- seiner Herkunft in Tunesien, zu seiner Familie enthalt ausbauen wird, keinen Status aufbauen usw. bestanden. wird - - dass wir natürlich parallel mitdenken: Was passiert denn eigentlich, wenn wir da nicht Also, das Paket haben wir eigentlich - wie soll genug drankriegen? ich sagen? - mundgerecht den Tunesiern aufge- liefert, und das wäre, also, ich möchte jetzt nicht Und das hat sich eigentlich entwickelt, und als übertreiben, aber eine Sache von wenigen Tagen spätestens - - Ich will es jetzt nicht beschreien, gewesen, den zu identifizieren. aber wahrscheinlich auf der letzten Februarsit- zung wusste ich schon, dass ich im April dann in Vorsitzender Armin Schuster: Bevor wir dazu Richtung Tunesien reisen werde, hatte ich das kommen, noch mal zurück nach Deutschland. auch schon angekündigt, das sollte dann bitte Also, Sie konnten in der GTAZ-Sitzung nicht ein- schön überlegt werden bei den zuständigen Be- fach gemeinsam entscheiden: „Das machen wir“, hörden. sondern NRW musste das rückkoppeln zu Hause. Vorsitzender Armin Schuster: Können Sie das Zeuge Martin Kurzhals: Nein, das ist - - Das noch mal genau sagen: Wem haben Sie dann in hätten wir sicherlich auch schon da entscheiden welchem Format angeboten, das zu tun? können, aber da setzt man ja niemandem die Pistole auf die Brust. Und wenn da, sage ich mal, 19. Wahlperiode Deutscher Bundestag - Stenografischer Dienst Seite 106 von 140
Stenografisches Protokoll 19/51 I 1. Untersuchungsausschuss nicht unbedingt der Dezernatsleiter mit zuge- Ausländerbehörde, oder Köln irgendwie noch schaltet ist aus Nordrhein-Westfalen, dann wird mit einbezogen war? der Sachbearbeiter das natürlich auch mit seinem Chef noch mal rückkoppeln und sagen: Haben Zeuge Martin Kurzhals: Nein, das weiß ich nicht. wir irgendwas bedacht, was jetzt dagegenspre- chen könnte? - Da will ich ja den Kollegen, die Vorsitzender Armin Schuster: Wie ist es dann in die operativen Maßnahmen - - ich will die auch Tunesien gelaufen? Wem haben Sie bei welchem nicht vorführen. Anlass das übergeben? Vorsitzender Armin Schuster: Nein, nein. Darum Zeuge Martin Kurzhals: Also, wir haben uns mit geht es mir ja auch jetzt nicht. Ich möchte einfach dem zuständigen Dienst dort getroffen. Der zu- nur wissen: Wer wusste in NRW von Ihrer Reise ständige Dienst für die Entgegennahme der Infor- und diesem hervorragenden Angebot? Weil in mationen, die auch aus Deutschland herrühren, NRW lang genug behauptet wurde, es lägen gar die dann über unseren BKA-Verbindungsbeam- keine biometrischen Daten vor, - ten an die tunesischen Behörden übergeben wer- den, sogenannter Single Point of Contact, ist die Zeuge Martin Kurzhals: Ja. DSE. Das ist der Auslandsnachrichtendienst dort. Und dort haben wir uns getroffen mit - - Da war Vorsitzender Armin Schuster: - während Sie ein der Abteilungsleiter „Extremismus“ zugegen, da All-inclusive-Paket anbieten, direkt in Tunesien waren - aus meiner Sicht schon recht hochrangig abgegeben, vor Ort, mit allem, was dazugehört. vertreten - weitere Kollegen, die auch dann in Deswegen ist es schon interessant, zu wissen: dem Austausch sehr tief in der Thematik drin- Wie weit wurde das in NRW eigentlich nach hin- standen. ten rückgekoppelt, bis Sie dann die Zustimmung bekamen, das tun zu dürfen? Man muss ja dabei berücksichtigen, zu dem Zeit- punkt: Tunesien hatte ja selber eine arge Last mit Zeuge Martin Kurzhals: Also, ich gehe davon Gefährdern, mit Personen, die in Richtung aus, die Ebene, die im Minimum da eingebunden Kampfgebiete - also nicht nur Syrien, Irak, son- gewesen ist, ist die Dezernatsleitung. Das wäre dern eben auch Libyen - ausgereist sind. Und es damals gewesen das Dezernat 21 im LKA Nord- gab diesen Vorfall Ende des Jahres 2015, Ben rhein-Westfalen. Ich weiß aber - das hatte ich Guerdane, dieser Grenzort, wo man versucht hat eben auch schon gesagt -, dass darüber hinaus seitens Kämpfern aus Libyen, IS-affinen Kämp- auch zum Beispiel im Februar, 17./19., der Abtei- fern, diesen Ort einzunehmen und man da nur lungsleiter mit zugeschaltet war auf der anderen mit starkem Militär und auch unter Zuhilfen- Seite bei der Krypto-Schaltung. ahme der Bevölkerung diesen Angriff zurück- schlagen konnte. Also, das Interesse in Nordrhein-Westfalen war ja entsprechend hoch, da zu Ergebnissen zu kom- Also, die Tunesier an sich hatten - das war die men. So wäre meine Schlussfolgerung, dass das Grundhaltung, die wir wahrgenommen hatten - möglicherweise auch über den Dezernatsleiter auch ein starkes Maß an Kooperationswunsch. hinaus bekannt geworden ist, aber da kann ich Deswegen war es für mich umso verwunder- Ihnen jetzt - - licher, dass - - wie gesagt, das ein Einfaches ge- wesen wäre, den zu identifizieren, dass das dann Vorsitzender Armin Schuster: Aber Sie haben eben erst im Oktober erfolgen konnte. jedenfalls ein „Go“ gekriegt. Vorsitzender Armin Schuster: Haben denn die Zeuge Martin Kurzhals: Genau. tunesischen Behörden Ihnen gegenüber oder Ihrer Delegation, Zusagen gemacht, also, wie es Vorsitzender Armin Schuster: Und Sie wissen jetzt weitergehen wird? nicht, ob Kleve in diese Entscheidung, also die 19. Wahlperiode Deutscher Bundestag - Stenografischer Dienst Seite 107 von 140
Stenografisches Protokoll 19/51 I 1. Untersuchungsausschuss Zeuge Martin Kurzhals: Ja, sie haben gesagt, das einen hoch und schalten andere Stellen ein, um ist hochinteressant für sie. Sie werden das den Druck weiter zu erhöhen, war eigentlich - - schnellstmöglich prüfen und dann uns schnellst- Nachdem ich im April, Ende April da gewesen möglich eine Antwort zukommen lassen. bin, waren wir frohen Mutes, dass alsbald dann auch eine Antwort kommt. Vorsitzender Armin Schuster: So, da das erst im Oktober passierte, was passierte zwischen April Vorsitzender Armin Schuster: Ist es schon mal und Oktober, ich sage mal, an Nachfragen, Bitten vorgekommen, dass Sie einen Fall hatten, wo Sie etc., von wem in Deutschland? sich so sicher waren, dass die heiße Kartoffel dringend aus Ihrer Hand muss, wo Sie gesagt ha- Zeuge Martin Kurzhals: Also, noch schlimmer ben: „Wenn wir behördentechnisch nicht weiter- aus meiner Sicht ist ja die Tatsache, dass wir im kommen, dann gehen wir eine diplomatische April da gewesen sind, aber es ja vorher schon Ebene höher“? Sprich: Haben Sie schon mal das eine Übermittlung zu der Person gab, nämlich Ministerium um Hilfe gebeten, um auf der Ebene schon im Februar - Anfragen, die wir über den einen solchen Fall zu lösen? Bei Amri, weiß ich, Verbindungsbeamten im Auftrage Nordrhein- war es nicht so. Gab es das überhaupt schon mal? Westfalens gehalten hatten - und dass dann - das habe ich mir von dem zuständigen Sachbearbei- Zeuge Martin Kurzhals: Also, wir haben ja mit ter bei uns dann auch noch mal schildern lassen, der AG „Status“ im GTAZ ebenfalls ein Gre- habe es dann auch zum Teil mitgelesen, wenn mium, was sich genau bund-/ländermäßig um wiederum über den VB nachgefragt wurde, nach- solche Fälle auch kümmert, und der Amri war ja gehalten wurde - - Wir haben ja zwei Stellen so- ab Juli, meine ich, auch mehrfach Gegenstand gar genutzt, Interpol und die DSE, und dass das dort. Und da gab es, soweit ich mich erinnern zu keinem Erfolg führte, war aus meiner Sicht kann, ja sogar auch das Angebot seitens des BMI verwunderlich, muss ich sagen, und das war - - nach Nordrhein-Westfalen: Sollen wir euch hel- Offensichtlich wollten sie es zu dem Zeitpunkt fen? Braucht ihr dort Unterstützung? - Und Nord- nicht. Das war vielleicht eine Schlussfolgerung, rhein-Westfalen hat es, soweit ich mich erinnern die ich für mich da gezogen hatte. Aber wir ha- kann - ich war ja bei den Sitzungen selber, „Sta- ben insistiert und insistiert, bis es dann im Ok- tus“, nicht dabei; aber so wurde es erzählt -, das tober letztendlich irgendwann so weit war. abgelehnt, dieses Angebot. Vorsitzender Armin Schuster: Und was heißt: Also, das BMI war ja im Prinzip mit der zustän- „Wir haben insistiert und insistiert“? Wer war digen Stelle schon auch damit befasst. Und wenn das? wir den Zeitraum betrachten: Ich war Ende April da. Dann haben wir den Mai, Juni - - Also, spätes- Zeuge Martin Kurzhals: Na, der Verbindungs- tens acht Wochen danach war das BMI ohnehin beamte hat ja ohnehin seine Jours fixes, dass er damit befasst und hat ja auch Unterstützung an- einmal die Woche mindestens vor Ort ist bei der geboten. DSE, um Sachstände zu erfragen. Und wir haben uns versichern lassen, glaubhaft: Ich bin wieder Vorsitzender Armin Schuster: Waren Sie da da gewesen, ich habe es noch mal vorgetragen, es Augenzeuge, oder kommt das jetzt vom Hören? liegen noch keine Ergebnisse vor. Man vertröstet. Zeuge Martin Kurzhals: Nein, vom Hörensagen, Vorsitzender Armin Schuster: Aber oberhalb der also - - Und ich habe es dann hinterher in den Ebene Verbindungsbeamter nicht. Akten im Nachlesen dann auch natürlich noch mal gesehen. Zeuge Martin Kurzhals: Nein, weil die Informa- tionen sind ja schon auf zwei verschiedenen Vorsitzender Armin Schuster: Okay. - Letzte Wegen geflossen. Also, dass wir jetzt Grund ge- Frage von mir, Herr Kurzhals, letzter Fragekom- habt hätten, zu sagen: Wir gehen jetzt noch mal plex. Meine Kollegen nehmen es genau. - Ich will 19. Wahlperiode Deutscher Bundestag - Stenografischer Dienst Seite 108 von 140
Stenografisches Protokoll 19/51 I 1. Untersuchungsausschuss da gar nicht drauf eingehen, auf das ganze Thema Aber das ist ja leider dann nicht - - das habe ich BtM-Möglichkeiten, Al-Capone-Prinzip etc. Was auch erst erfahren, als der Anschlag schon pas- mich interessiert: Ist das bei Ihnen im GTAZ je- sierte. Das letzte Info-Board im November hat ja mals Thema gewesen, dass man versucht - weil ein Kollege von mir moderiert. Da weiß ich nicht, man ihn auf der Hauptschiene nicht festgesetzt ob das überhaupt Gegenstand wurde. Ich war bekommt -, ihn auf eine andere Art in Haft zu nach dem Anschlag überrascht, als ich das dann kriegen? Ist das bei Ihnen im GTAZ ein Entschei- später erfuhr, dass es diese Tat beispielsweise dungskriterium gewesen? Wurde vielleicht sogar gab. Aber das wäre für mich ein klassischer - - die Entscheidung gefällt: Ihr müsst das jetzt über Das war ja im Milieu, eine Dealergruppe gegen BtM versuchen, oder wir müssen ein Sammelver- die andere Dealergruppe, wie sich dargestellt hat. fahren anstreben etc.? Das wäre ideal gewesen, um da den Aufhänger zu haben, eigentlich. Zeuge Martin Kurzhals: Na ja, also, wir hatten schon ja im Februar, als sich das entwickelte mit Vorsitzender Armin Schuster: Wo ist Ihrer Mei- der Brisanz, mit der Gefährdung in dem Sachver- nung nach die Schwachstelle, dass man das nicht halt - - war so ein Stück weit ein Hilfsanker, dass genutzt hat? Ich meine nicht, wer? wir gesagt haben, Sozialleistungsbetrug könnte da etwas sein, wie wir ihn von der Straße bekom- Zeuge Martin Kurzhals: Hm. Das ist schwer zu men. Deswegen Nordrhein-Westfalen, Staatsan- sagen, also - - waltschaft Duisburg, der Versuch, Ablehnung dringender Tatverdacht, oder es reichte nicht Vorsitzender Armin Schuster: Zu lange kein aus, jedenfalls für einen Haftbefehl. Natürlich Austausch oder in einer entscheidenden Sitzung denken wir das immer mit, weil das wäre ja fahr- nicht so zugegriffen, wie Sie es gerade geschildert lässig, wenn wir sagen: Gefährdung sehen wir haben? jetzt nicht mehr so, jetzt ist das Thema für uns vorbei. Zeuge Martin Kurzhals: Ich glaube, es ist eine Mischung aus beidem. Also, dieser Abstand von Ich habe ja im Juni dieses Info-Board dann - das Juni bis November war in der Nachbetrachtung - letzte, was ich moderiert hatte - - da kam das ja das ist meine persönliche Bewertung - viel zu durch, dass auch Berlin gesagt hat: Also, der ist lang. Spätestens - das hatte ich, glaube ich, bei hier im Drogenmilieu unterwegs, relativ stark meiner letzten Zeugenaussage auch schon so verhaftet. Seine Moscheebesuche hat er ausge- gesagt - wäre für mich der Punkt gewesen Fried- setzt oder sind weniger geworden. Wir können richshafen, diese FlixBus-Fahrt. nicht erkennen, dass der jetzt Tatpläne da voran- treiben würde, sondern der ist mich sich selbst Und wir haben das auch schon gemacht: Wir beschäftigt - um das mal salopp auf den Punkt zu sind am Wochenende auch schon reingekommen, bringen. wir haben uns zu Nachtzeit, hätte ich fast gesagt, auch schon zum Info-Board verabredet. Das ist Hätte ich zu dem Zeitpunkt schon gewusst, was alles möglich, man kann auch Sondersitzungen dann Anfang Juli passierte - nämlich diese ge- machen. Also, das wissen die Länder auch. Und meinschaftliche Tat, Körperverletzung in der da hätte das Signal meiner Meinung nach kom- Shisha-Bar - - das wäre uns in den Schoß gefal- men können: „Jetzt müssen wir noch mal; der len. Also, da hätte ich auf jeden Fall starken sitzt jetzt da irgendwo, aber das wird nicht hal- Druck ausgeübt oder Forderungen gestellt, dass ten“ - wie sich ja dann herausstellte. Und da wir jetzt aber mal alles zusammenschmeißen im hätte man noch mal alles zusammenlegen müs- Topf und die Frage stellen: Was muss noch hin- sen. Und da wäre dann möglicherweise ja - - weil zukommen, damit wir den jetzt endlich von der das ja in der Nachbetrachtung die Motivation für Straße kriegen? Der beschäftigt uns ja schon ein ihn war, auszureisen, wäre man auch auf diese halbes Jahr oder länger. Tat gekommen. 19. Wahlperiode Deutscher Bundestag - Stenografischer Dienst Seite 109 von 140
Stenografisches Protokoll 19/51 I 1. Untersuchungsausschuss Das wäre ein idealer Zeitpunkt gewesen, jetzt in Man hatte die Voraussetzungen ja geschaffen; der Nachbetrachtung. Das lässt sich natürlich dann lagen die doch drei, vier Wochen später jetzt einfach immer sagen; aber das muss ich so auch noch vor. feststellen, ja. Zeuge Martin Kurzhals: Ja, aber wenn Sie jeman- Vorsitzender Armin Schuster: Dann höre ich den in Abschiebehaft nehmen wollen - darauf jetzt auf. - Herr Seif. wollen Sie ja, glaube ich, hinaus -, - Detlef Seif (CDU/CSU): Ja, ich möchte noch mal Detlef Seif (CDU/CSU): Ja. zurückkehren zur Abschiebung von Bilel Ben Ammar am 1. Februar 2017. Der Herr Schuster Zeuge Martin Kurzhals: - auch da müssen Sie ja hatte in einer der jüngsten Vernehmungen dem einen Haftgrund haben, also auch da wird ja ge- Herrn Glorius schon vorgehalten, dass ihm so ein prüft. Also, ein Richter prüft ja da auch, und bisschen, ich glaube, der Jagdtrieb fehlte, auszu- möglicherweise wird der vielleicht zu der glei- ermitteln. Er hat vorhin auch gesagt, schmoren chen Auffassung kommen wie der Richter, der lassen hätte man ihn ja können. - Ich denke mal, den Haftbefehl - - das ist beides richtig. Wir haben eines der größ- ten Anschlagsgeschehen, oder das größte seit Detlef Seif (CDU/CSU): Ich meinte jetzt die In- dem Anschlag auf das Oktoberfest. Wir haben gewahrsamnahme für die Durchführung der un- eine Person, die möglicherweise tatbeteiligt ist. mittelbar bevorstehenden Abschiebung. Und dann stellt sich für mich die Frage, ob dann der 1. Februar 2017 der dringende und letzte Zeuge Martin Kurzhals: Na, Ingewahrsamnahme Zeitpunkt gewesen ist, um diese ausländerrecht- ist da nicht möglich, sondern Sie müssen ja dann liche Abschiebung vorzunehmen. Wir haben den in Abschiebehaft nehmen, und da braucht es einen Haftbefehl gehabt - ich meine, er war schon auch einen Richter, der Ihnen quasi diese frei- vorbestraft: sieben Monate auf Bewährung -; es heitsentziehende Maßnahme dann auch anordnet gab Leistungsbetrug; AG Tiergarten hat einen oder bestätigt. Haftbefehl erlassen wegen Fluchtgefahr. Deshalb stellt sich für mich die erste Frage: War denn ir- Detlef Seif (CDU/CSU): Ja, und man hätte doch gendwie zu erwarten, dass ein Haftprüfungs- die Abschiebung sofort durchführen können. termin dazu führen wird, dass Bilel Ben Ammar dann im Bereich Anfang Februar, Ende Februar Zeuge Martin Kurzhals: Ja, es gab ja - - Es waren auf freien Fuß kommt? - Das ist die erste Frage. doch alle Stellen involviert, Herr Seif. Zeuge Martin Kurzhals: Ja. Also, es gab die klare Detlef Seif (CDU/CSU): Ja. Befürchtung, möchte ich sagen, die auch seitens der Generalstaatsanwaltschaft vorgetragen wurde, Zeuge Martin Kurzhals: Also, die zuständige dass es dort zur Haftprüfung kommen kann und Stelle war ja die in Sachsen, glaube ich, die quasi dass es nicht sicher ist, ob der Ben Ammar wegen das Abschiebeverfahren dann betrieben hat, und dieses Leistungsbetruges dann auch in Haft es waren alle involviert, und es ist ja nicht so, bleibt. dass wir - - Detlef Seif (CDU/CSU): Hätten denn dann die Detlef Seif (CDU/CSU): Sie wissen, worauf ich Behörden in intelligenter Weise so zusammen- hinauswill. arbeiten können, dass für den Fall, dass ein Haft- prüfungstermin ergeben hätte, dass hier Flucht- Zeuge Martin Kurzhals: Ich weiß. gefahr nicht weiter aufrechtzuerhalten ist und dass der Haftbefehl aufgehoben wird, dann die Detlef Seif (CDU/CSU): Meine Frage ist: Wenn Ingewahrsamnahme ausländerrechtlich erfolgt? ein Haftprüfungstermin negativ verlaufen wäre Oder sprach irgendwas dagegen, dass man - - 19. Wahlperiode Deutscher Bundestag - Stenografischer Dienst Seite 110 von 140