KP1817478010-20180427092954

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Deutscher Bundestag 1. Untersuchungsausschuss Alexander Ritzmann                                      der 19, Wahlperiode Ausschussdrucksache 23.04.2018 1.9(tim)J3,564 Deutscher Bundestag 1. Untersuchungsausschuss 0,.#4 2 7. April 2018 724 Stellungnahme zur Beweisaufnahme des 1. Untersuchungsausschusses der 19. Wahlperiode ("Terroranschlag Breitscheidplatz") Thema "Gewaltbereiter Islamismus und Radikalisierungsprozesse" COUNTER BIG BRANDENBURGISCHES INSTITUT für GESELLSCHAFT und SICHERHEIT Ewt~n Avvarenes. Network EXTREMISii PROJECT 1 Alexander Ritzmann
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Gliederung Einleitung                                                                            S. 3 Zusammenfassung                                                                      5. 5 Handlungsempfehlungen                                                                S. 6 1) Welche gemeinsamen Merkmale liegen Zuordnungen von Organisationen, Aktionen und Haltungen zu islamistischen Strömungen und der Abgrenzung von muslimischen Verbänden zugrunde?                                         S. 7 -    Die Rolle und Funktion von Ideologien bei der Radikalisierung           S. 7 2) Welche Ausgangsbedingungen begünstigen organisierten gewaltbereiten Islamismus und Radikalisierungsprozesse?                                     S. 9 -    Das Internet, Radikalisierung und biologische Algorithmen               5. 9 Der (angeblich) fehlende Pluralismus in „Online-Echokammern"            S. 10 Die Rolle von Rekrutierungsnetzwerken und „Radikalisierungshochburgen"  S. 11 Rechtliche und technologische Maßnahmen zur Extremismusprävention       S. 13 3) Welche Ansätze und Konzepte sind im Blick auf islamistische Strömungen und insbesondere organisierten gewaltbereiten Islamismus —für Staat und Zivilgesellschaft — beispielhaft erfolgversprechend zur Prävention sowie zur Deradikalisierung und Unterstützung des Aussteigens?                         S. 14 Biographische Information des Sachverständigen                               5. 15 Quellenverzeichnis                                                           S. 16 2 Alexander Ritzmann
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Einleitung Der Auftrag des 1. Untersuchungsausschusses der 19. Wahlperiode ("Terroranschlag Breitscheidplatz") besteht unter anderem darin zu „prüfen und Empfehlungen (zu) geben, inwiefern und gegebenenfalls welche Schlussfolgerungen für die Prävention durch Angebote im Bereich gewaltbereiter Islamismus gezogen werden können und sollen."' Extremismus ist per Definition politisch. Insbesondere terroristische Gewalt2 ist die extremste Form der politischen Kommunikation und kann als eine Art blutiges politisches Theater' verstanden werden, in dem Mord ein Mittel zum Zweck ist. Terrorismus funktioniert zumindest auf einer strategischen Ebene nur, wenn es Zuschauer gibt und diese ihrerseits extrem reagieren. Eskalation, Polarisierung, das schüren der „Angst vor dem Nachbarn', sind bevorzugte strategische Mittel im Werkzeugkasten von Extremisten, die die freiheitlich-demokratische Grundordnung durch ein Utopia, beispielsweise ein Kalifat, ersetzen wollen. Angst und Hass sollen die Gesellschaft spalten und Regierungen zur Überreaktion provozieren. Die Reaktion auf extremistische Gewalt durch Medien, Staat und Gesellschaft ist damit entweder eskalierend oder deeskalierend. Sie spielt Terroristen entweder (unbewusst) in die Hände oder lässt deren Strategie ins Leere laufen. Historisch gesehen werden Ideologien nicht besiegt oder widerlegt, „sondern obsolet, ignoriert, langweilig, vergessen'. Daraus ergibt sich auch, dass kluge Präventions- und Gegenmaßnahmen Extremisten und deren Propaganda die kleinstmögliche Bühne bieten. Dieser Stellungnahme liegen vom Untersuchungsausschuss formulierten Fragestellungen zu Grunde. Auf die kursiv/unterstrichenen hervorgehoben Fragestellungen wird direkt Bezug genommen. Sämtliche personenbezogenen Bezeichnungen sind geschlechtsneutral zu verstehen. „Erläuternde Fragestellung zur Anhörung „Gewaltbereiter Islamismus und Radikalisierungsprozesse" 1. Welche gemeinsamen Merkmale liegen der Zuordnung von Organisationen, Aktionen und Haltungen zu islamistischen Strömungen und der Abgrenzung von muslimischen Verbänden zugrunde? - Hinsichtlich der Ideologie, der Feindbilder und der politischen Ziele - Hinsichtlich der Berufung auf bestimmte islamische Autoritäten - Hinsichtlich typischer Aktions- und Handlungsformen - Hinsichtlich typischer Organisationsformen - Welche wichtigen Wandlungen und Entwicklungen des Islamismus sind für den Zeitraum zwischen 2011 und 2017 hervorzuheben? 2. Wie haben sich zentrale islamistische Strömungen in Deutschland mit Blick auf ihr Personen- und Gewaltpotential entwickelt? - Wie ordnet sich die Entwicklung in Deutschland ein in die Entwicklungen in den europäischen Partnerländern? - Wie sind islamistische Strömungen in Deutschland eingebunden in internationale Netzwerke? - Welche Unterstützung erfahren islamistische Strömungen in Deutschland und Europa aus anderen Staaten? 3 Alexander Ritzmann
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3. Welche Ausgangsbedingungen begünstigen organisierten gewaltbereiten Islamismus und Radikalisierungsprozesse? - Hinsichtlich der Persönlichkeit potentieller Anhänger oder Aktiver - Hinsichtlich der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Situation - Hinsichtlich von Kommunikationswegen (Internet und elektronische Kommunikation, Schriften und Musik; Umfeld bestimmter Moscheen) - Hinsichtlich der Zuwanderung von Menschen aus muslimisch geprägten Ländern - Hinsichtlich der Finanzierung 4. Welche Ansätze und Konzepte sind mit Blick auf islamistische Strömungen und insbesondere organisierten gewaltbereiten Islamismus — für Staat wie Zivilgesellschaft — beispielhaft erfolgversprechend zur Prävention sowie zur Deradikalisierung und Unterstützung des Aussteigens? 4 Alexander Ritzmann
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Zusammenfassung ➢ Bei der großen Mehrheit von Radikalisierungsverläufen sind enge soziale (offline) Kontakte mit bereits radikalisierten Personen ausschlaggebend, weniger die Qualität des (online) Propagandamaterials.' Die Wirkungswahrscheinlichkeit von Propaganda nimmt also erst zu, wenn man dem Überbringer der Information (Messenger) vertraut. Das notwendige Zusammenwirken von Propaganda und Messenger erklärt auch die „Radikalisierungs- hochburgen", also geographische Häufungen von Radikalisierungsfällen in bestimmten Stadtteilen oder Dörfern, statt derer gleichmäßigen Verteilung. ➢ Islamistische Rekrutierer wie „Abu Walaa" wurden verhaftet, nachdem Dutzende, in vielen Fällen über 100 ihrer Anhänger sich dem „Islamischen Staat" angeschlossen hatten. Dies lag unter anderem daran, dass die Rekrutierung sehr unterwellig erfolgte und somit zu spät strafrechtlich verfolgt werden konnte. In genau dieser Lücke, zwischen Anwerbung (Grooming) und Rekrutierung (Recruitment), ist der Staat machtlos. ➢ Präventiv handeln kann jedoch die Zivilgesellschaft. Dort wo Extremisten für ihre Überzeugungen werben gibt es auch Menschen aus der gleichen Community oder Nachbarschaft, die für Demokratie und Pluralismus eintreten oder dies tun wollen. Diesen Demokratinnen fehlt jedoch oft das, was Extremisten haben: Kapazitäten, ein Netzwerk und finanzielle Mittel. Sie sind gelebte und glaubwürdige Alternativen zu extremistischer Propaganda und Teil des Konzepts der „wehrhaften Demokratie". ➢ Der Erfolg von Demokratieförderung und Extremismusprävention in Deutschland sollte deswegen auch daran orientiert und gemessen werden, inwieweit lokale demokratisch- pluralistische Akteure konkret gefördert und unterstützt werden. > Die Förderung legalistischer islamistischer Organisationen mit Steuergeldern, oder eine bevorzugte Behandlung durch politische Akteure, sendet verheerende Signale in Communities, in denen Mitglieder mit demokratisch-pluralistischen Überzeugungen bereits eine Minderheit sind. Im Bereich der Rechtsextremismusprävention schlägt niemand vor, zum Beispiel die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD), also legalistische, (in der Regel) nicht gewaltbereite Rechtsextremisten, mit staatlich geförderter Präventions- oder Deradikalisierungsarbeit für gewaltbereite Neo-Nazis oder potentiell radikalisierungsanfällige Jugendliche zu beauftragen. > Ideologien sind die Grundlage der Propaganda und Rekrutierung. Propaganda soll zunächst die eigenen Anhänger aktivieren und motivieren. Außerdem sind extremistische Ideologien ein wirksames Mittel zur Selbsthilfe, zur Aufwertung der eigenen Existenz. ➢ Die oft bemühte „Gehirnwäsche" durch Extremisten mag es im Einzelfall geben. Häufiger jedoch sind Radikalisierungsprozesse „Koproduktionen", eine Art „Radikalisierungs-Tango", bei denen einer führt und der andere bewusst folgt. In einigen Fällen führt nicht etwa der Rekrutierer, sondern die Person, die sich von der „Radikalisierung" ein „upgrade" oder gar ein völlig neues, besseres Leben verspricht. Alexander Ritzmann
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Handlungsempfehlungen Ansätze und Konzepte zur Prävention sowie zur Deradikalisierung, die parallel verfolgt werden sollten: 1) Kompetenzen stärken: Als Mittel der primären Prävention (Resilienzsteigerung) muss stärker in die kritische Medienkompetenz der Bevölkerung investiert werden. Insbesondere Kinder und Jugendliche (Digital Natives) müssen für den Umgang mit Medien und Propaganda besser vorbereitet werden. Dazu gehören Trainings zum politisch-zivilgesellschaftlichen Engagement, zur kritischen Medienkompetenz sowie eine offene Diskussionskultur in Schulen, die kontroverse Themen aufgreift. Demokratinnen werden nicht geboren, sondern gefördert und gemacht. Das kostet Zeit und Geld und erfordert eine Anpassung der Lehrpläne und Lehrkräfteausbildung. Ohne dies werden die Herausforderungen einer offenen Gesellschaft und (Neue) Mediendemokratie im 21. Jahrhundert kaum zu meistern sein. 2) Propaganda stören: Illegale bzw. gegen die Nutzungsbedingen sozialer Medien verstoßende Propaganda und dahinterstehende Nutzer-Profile müssen wirksamer und unter stärkerer Nutzung künstlicher Intelligenz gelöscht werden. Insbesondere FotoDNA/Hashing- Algorithmen wie eGLYPH,1 die bereits einmal identifizierte rechtswidrige Inhalte beim re- upload melden oder löschen können, sind hier hilfreich. Die notwendige gesellschaftliche Diskussion um die Abwägung von Sicherheitsbedürfnissen, Freiheitsrechten und Geschäftsinteressen kann jedoch weder durch technologische noch gesetzliche Lösungen (z.B. NetzDG) ersetzt werden. 3) Demokratinnen fördern: Alternative Narrative' und Angebote von glaubwürdigen, lokalen Akteuren erhöhen die Resilienz gegenüber extremistischer Propaganda und Rekrutierung. Insbesondere bei für bestimmte Zielgruppen hoch emotionalen Themen geht es darum, diese aufzugreifen und frühzeitig konkrete alternative Handlungsmöglichkeiten (Call-to-Action) aufzuzeigen. Die jeweilige Zielgruppe soll dabei explizit dazu befähigt werden, etwas Konstruktives zu tun. Extremistische Propaganda, die häufig mit der Aussage „niemand tut etwas außer uns" argumentiert, hätte damit weniger Anknüpfungspunkte. Durch diesen „Peer to Peer" Ansatz wird auch das Risiko von Stigmatisierung bestimmter Bevölkerungsgruppen reduziert. 4) Extremisten herausfordern: Gegen-Narrative (Counter Narratives)9 zeigen Widersprüche und Lügen extremistischer Organisationen auf. Da sie jedoch Propaganda zunächst einmal wiederholen und ihr damit eine Plattform bieten, sollten sich Gegen-Narrative ausschließlich an klar definierte und durch Propaganda und Rekrutierung konkret gefährdete Zielgruppen richten, die sich im online oder offline Umfeld von Rekrutierern bewegen. Ein Seminarformat scheint dafür am geeignetsten zu sein." Zwar kann man Überzeugungen, die nicht auf rationalen Argumenten beruhen, nicht schlüssig widerlegen. Aber man kann sie untergraben, indem man auf für die jeweilige Zielgruppe glaubwürdige Art und Weise auf Diskrepanzen zwischen Propaganda und Realität hinweist. Den harten Kern der Anhänger wird das zunächst nicht erschüttern. Für diejenigen, die bisher nur mit der Ideologie sympathisieren oder sich im Zweifel darüber befinden, ob der gewählte Weg der Richtige für sie ist (kognitive Öffnung), kann ein zielgerichtetes Gegen-Narrativ Wirksamkeit entwickeln. 6 Alexander Ritzmann
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1) Welche gemeinsamen Merkmale liegen Zuordnungen von Organisationen, Aktionen und Haltungen zu islamistischen Strömungen und der Abgrenzung von muslimischen Verbänden zugrunde (Fragestellung 1)? Islamistische Organisationen in Deutschland streben die Überwindung der bestehenden Gesellschafts- und Staatsordnung an. Die freiheitlich-demokratische Grundordnung (FDGO) und die sie tragende pluralistische Gesellschaft soll durch einen „Islamischen Staat", der auf fundamentalistisch interpretierten „göttlichen" Gesetzen basiert, ersetzt werden. Über die genaue Ausgestaltung dieses zukünftigen „Islamischen Staats" gibt bei den verschiedenen islamistischen Strömungen und Gruppierungen genau so wenig Einigkeit wie bei der Wahl der Strategien und Mittel. Diese reichen von langfristigen Missionierungsstrategien bis hin zur Anwendung terroristischer Gewalt. Wesentliche Merkmale islamistischer Organisationen und Ideologien sind: •    Anti-pluralistische bzw. totalitäre Ausrichtung •    Forderung nach Einheit von Staat, Religion und Gesellschaft •    „Göttliches Recht" steht über dem Grundgesetz •    Ungleichbehandlung der Geschlechter •    Patriarchale interne Strukturen •    Anti-Amerikanismus •    Anti-Zionismus •    Antisemitismus •    Anti-Liberalismus •    Homophobie Zentrale Organisationen im legalistischen Islamismus sind beispielsweise die türkisch geprägte Milli- Görüs Bewegung (MGB/IGMG) und die Islamische Gemeinschaft in Deutschland e.V. (IGD).11 Bei der Präventions- und Deradikalisierungsarbeit im Bereich Islamismus wird immer wieder die Frage diskutiert, ob man mit legalistischen, (in der Regel) nicht-gewaltbereiten Islamisten, wie etwa der Muslimbruderschaft (MB) oder mit ihr affiliierten Organisationen, zusammenarbeiten und diese finanziell fördern soll.' Befürworter argumentieren, dass die kulturelle, ideologische oder religiöse Nähe (Peer to Peer Ansatz) zwischen legalistischen Islamisten und radikalisierten, bzw. sich im Prozess der Radikalisierung befindlichen Menschen, die Erfolgswahrscheinlichkeit der Intervention erhöht. Im Bereich der Rechtsextremismusprävention schlägt niemand vor, zum Beispiel die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD), also legalistische, (in der Regel) nicht gewaltbereite        Rechtsextremisten,       mit      staatlich geförderter     Präventions-      oder Deradikalisierungsarbeit für gewaltbereite Neo-Nazis oder potentiell radikalisierungsanfällige Jugendliche zu beauftragen. Natürlich sind NPD und MB nicht direkt miteinander vergleichbar. Beides sind jedoch ideologisch motivierte Organisationen, die liberale und pluralistische Demokratien durch anti-pluralistische und in der Konsequenz totalitäre politische Systeme ersetzen wollen. So wie Rechtsextreme einen Führerstaat anstreben und sich NPD und Neo-Nazis über den Weg dorthin uneinig sind, wollen Muslimbrüder und der so genannte Islamische Staat (IS) ein Kalifat. MB Organisationen arbeiten auf eine langfristige Evolution hin, bei der die Gesellschaft aus dem gegenwärtigen Stadium der „Ignoranz" erwachen soll. Die Anhänger des IS wollen ihr islamistisches Utopia jetzt und mit Gewalt. 7 Alexander Ritzmann
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Solange das Bestreben zur Überwindung der freiheitlich-demokratische Grundordnung nicht aktiv kämpferisch betrieben wird bzw. keine Aussicht auf Erfolg hat,' sind Aktivitäten anti-pluralistischer Akteure zwar legal. Eine Förderung solcher Organisationen mit Steuergeldern, oder eine bevorzugte Behandlung durch politische Akteure, sendet jedoch verheerende Signale in Communities, in denen Mitglieder mit demokratisch-pluralistischen Überzeugungen bereits eine Minderheit sind. Die Rolle und Funktion von Ideologien bei der Radikalisierung Insbesondere zur Legitimierung von Gewalt benötigen Extremisten eine Ideologie, also große Erzählungen (Narrative), die eine aus Werten und Ritualen bestehende verbindliche Weltanschauung schaffen. Diese großen Narrative machen beispielsweise den Unterschied zwischen dem IS und mexikanischen Drogenkartellen aus.' Beide setzen ihre Ziele und Interessen mit teils extremer Gewalt durch. Gleiches gilt für den Unterschied zwischen Rechtsextremisten, Linksextremisten und kriminellen Biker-Gangs. Ohne Ideologie gibt es keinen Extremismus oder Terrorismus, sondern nur Kriminalität. Die jeweilige Ideologie ist auch die Grundlage der Propaganda und Rekrutierung. Propaganda, bei der Hassrede in Form der Abwertung der „Anderen" („out-groups") oft ein wichtiger Bestandteil ist, hat operativ gesehen für Extremisten dabei mehrere Funktionen. Zunächst sollen die eigenen Anhänger („in-group") aktiviert und motiviert werden. Extremistische Propaganda kann somit auch als gruppenbezogener „Ruf zu den Waffen"' bezeichnet werden. Außerdem wird Propaganda zur Rekrutierung, zur Erweiterung der „in-group" eingesetzt. Wesentliche Bestandteile sind a) Krisen- und Opfernarrative („Wir werden angegriffen!"), b) Lösungsszenarien („Nur ein Kalifat/Führerstaat/Arbeiterstaat kann uns Schutz bieten!") und c) Projektionsflächen für individuelle Bedürfnisse („Werde ein Held/eine Mutter der Nation!"). Die Ideologie ist dabei das verbindende Element von Extremisten mit sehr verschiedenen Biografien. Was sonst haben, wie im Fall des „Islamischen Staats", Kleinkriminelle, Ärzte, Busfahrer, Studenten, Arbeitslose, Ingenieure, Barbetreiber und Einser-Schülerinnen gemeinsam?' Sie alle folgen einer bestimmen Ideologie, die sie anspricht und aus der sie zugleich einen konkreten Nutzen für sich ziehen. Aber verstehen Islamisten denn überhaupt etwas von den Inhalten des politischen Islams? Haben die Sunniten unter ihnen Sayed Qutb gelesen und sich mit Ibn Tayimiyas Schriften auseinandergesetzt? Kann jedes Hisbollah-Mitglied die wichtigsten Schriften der Ayatollahs Khomeini und Khamenei zitieren? Genauso wenig wie man Alfred Baeumler oder Martin Heidegger gelesen haben muss, um Rechtsextremist zu werden, muss man in die Tiefen islamistischer Ideologie eintauchen, um Mitglied oder Anhänger in einer islamistischen Organisation zu sein. Ideologien haben mehrere Funktionen. Wie oben beschrieben dient Ideologie zunächst zur Bestimmung und Motivation der „in-group" und zur Abgrenzung und Legitimation von Gewalt gegenüber „out-groups". Außerdem sind extremistische Ideologien ein wirksames Mittel zur Selbsthilfe, zur Aufwertung des eigenen Lebens. Teil einer selbsterklärten Elite zu sein, die sich im Besitz der „Wahrheit" befindet und sich „männlich" gegen deren Feinde verteidigt, kann ein starkes Gefühl von Relevanz und Kontrolle über das eigene Leben vermitteln. Extremist zu sein gibt so dem Leben einen klaren Sinn und Zweck, erhöht den Status und das Prestige. Die gewählte Ideologie bietet die gewünschte Identität. 8 Alexander Ritzmann
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2) Welche Ausgangsbedingungen begünstigen organisierten gewaltbereiten Islamismus und Radikalisierungsprozesse (Fragestellung 3)? Seit 2014 haben Millionen Menschen in Europa von den Taten und Forderungen des sogenannten Islamischen Staates (IS) gehört. Auch in Deutschland haben Hundertausende die IS-Propaganda gesehen, deren Medienformate und Strategie unter Kommunikationsexperten als „State of the Art" gelten» Geschätzt mehr als 40.000 ausländische Kämpfer (Foreign Fighters) sind dem Ruf des 15 gefolgt. Mindestens 5000 von ihnen kommen aus Ländern der EU, darunter bis zu 30% Frauen. Die Kern-Narrative des IS zu den Hochzeiten der Rekrutierungsbewegungen waren:' • Der Islam werde angegriffen, sunnitische Muslime würden von Ungläubigen ermordet, es sei die Pflicht jedes Sunniten, zu helfen und ins „Kalifat" auszuwandern. Das „Kalifat" sei die attraktive, menschliche und das Seelenheil versprechende Utopie und eine Alternative zur so unmenschlichen und materialistischen westlichen Gesellschaft. • Ein neues Leben, eine neue Familie, der Kampf für eine gerechte Sache und ein direktes Ticket ins Paradies für sich, die Familie und Freunde. • Eine „Dschihadi-cool"-Jugendkultur, die insbesondere abenteuerlustige junge Männer anspricht. Basierend auf den Analysen von Aussagen und Online-Postings von IS-Kämpfern lassen sich diese grob in drei Gruppen einteilen:19 Zunächst sind da die Suchenden, die eine Verbesserung ihres bisherigen Lebens möchten. Sie streben nach neuer Identität, Prestige, Abenteuer und Heldentum und wollen ihre Sexualität mit mehreren Ehefrauen und Sklavinnen ausleben. Die zweite Gruppe kann man als Beschützer bezeichnen, denen es darum geht, sunnitische Muslime, insbesondere Frauen und Kinder, zu verteidigen oder zu rächen. Die dritte Gruppe besteht aus den Mit- und Nachläufern, die ihren Freunden aus Gruppe eins oder zwei folgen. Für weibliche IS-Anhänger scheint die Utopie einer gerechten islamischen Gesellschaft und das Image des rechtschaffenen, gottesfürchtigen und „echten" Mannes, der im Gegensatz zu den materialistischen und oberflächlichen Muslimen im Westen stehen soll, ein Hauptanziehungspunkt zu sein. Hinzu kommt, dass sich im IS-Land angeblich nicht nur Frauen, sondern eben auch Männer an die extrem strengen IS-Schariaregeln halten müssen. Für einige Muslima, die zuhause unter patriarchalischen Strukturen leiden, ist dies eine Art von Gerechtigkeit. Warum sind also so viele Europäer dem Ruf des IS gefolgt? Das ist eine wichtige Frage, an der intensiv geforscht wird. Eine jedoch genau so wichtige Frage ist: Wenn die IS Propaganda so präsent und professionell ist, warum sind nur so wenige? Das Internet, Radikalisierung und biologische Algorithmen Das Internet, und insbesondere Soziale (online) Medien, werden teilweise als für Radikalisierungs- prozesse ausschlaggebend oder als „Brandbeschleuniger" bezeichnet. Wie groß der direkte Einfluss von Propaganda auf die Zielgruppen ist, kann jedoch nur im Einzelfall ermittelt werden.' Dabei ist auch umstritten, ob Propaganda extremistische Ansichten und Verhaltensweisen initiieren kann oder ob sie vorhandene Sympathien oder Überzeugungen nur verstärkt.' 9 Alexander Ritzmann
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Insbesondere die Rolle von „online-Filterblasen",22 also von Algorithmen vorsortierten Medien- inhalten, und den daraus entstehenden „Echokammern" als Foren von Gleichgesinnten, wird problematisiert. In der aktuellen Diskussion über „online-Filterblasen", geht oft verloren, dass diese nicht nur technologische Konstruktionen sind, sondern Abbildungen menschlicher Bedürfnisse und biologischer Algorithmen.'        Angefangen von „Denk-Abkürzungen" (Heuristiken) über „motivierte Wahrnehmung"' (motivated reasoning), funktioniert das menschliche Gehirn auf Basis einer bis heute nur teils bekannten Anzahl von „biologischen Programmen". Der „Bestätigungsfehler" (Confimation Bias) und gedankliche Deutungsrahmen (Cognitive Frames) selektieren Ihformationen vor und präferieren jene, die zu unseren bestehenden Überzeugungen passen.' Informationen, die unsere Überzeugungen und „Wahrheiten" in Frage stellen, werden dagegen relativiert und abgewertet. Unsere biologischen Filter sind also Bestandteil weitgehend unbewusste Prozesse; vieles geschieht permanent, offline und bereits ohne die Unterstützung der Algorithmen von Facebook oder Google. Psychologie und Neurowissenschaften zeigen damit, dass Erwachsene über ausgeprägte Verteidigungsmechanismen' gegen externe Manipulation verfügen. Ohne diese biologischen Filter würden Menschen, je nach Qualität der Narrative, Propaganda und persönlichen Beziehungen, permanent politische oder religiöse Identitäten wechseln. Erwachsene sind also nur eingeschränkt Herr oder Herrin ihrer einmal gefassten Kernüberzeugungen und.Identität. Diese drastisch zu ändern, erfordert einen Kraftakt, eine bewusste Manipulation unserer selbst. Eine Motivation zu einer solchen Selbstmanipulation kann beispielsweise durch eine persönliche Krise hervorgerufen werden, etwa eine extreme emotionale Belastung, die das bisher als gut und richtig geltende massiv in Frage stellt. Der damit verbundene Drang nach Neuorientierung kann die notwendige kognitive Öffnung schaffen und empfänglich für Propaganda in Form von „Heilsversprechen" machen. Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die sich in der Persönlichkeitsentwicklung befinden und auf der Suche nach Wahrheiten und ihrer Rolle in der Gesellschaft sind, deren Filterblase also noch nicht entwickelt ist, sind dementsprechend potentiell anfälliger für Manipulationen. Die Wahrscheinlichkeit zur Übernahme extremistischer Narrative steigt, wenn man bereits an weltweite Verschwörungen glaubt» Ähnlich wie der Glaube an eine Ideologie, insbesondere eine extremistische, hat auch der Glaube an universelle Verschwörungen einen individuellen emotionalen Mehrwert. Verschwörungstheoretiker sehen sich als die wenigen „Sehenden", also eine elitäre „in- group", die im Besitz der Wahrheit ist. Damit ist einerseits die eigne Aufwertung verbunden, die automatisch zur Abwertung.der „blinden und dummen" „Anderen" führt. Der (angeblich) fehlende Pluralismus in „Online-Echokammern" Menschen haben generell die Tendenz, sich mit Gleichgesinnten zu umgeben und das als „wahr und richtig" zu halten, was ihre bereits bestehenden Grundwerte und -überzeugungen untermauert.' Online-Echokammern29, also virtuelle Foren, in denen sich (durch Software unterstützt) hauptsächlich Gleichgesinnte austauschen, können jedoch den „Effekt des bloßen Kontakts" (Mere Exposure Effect) 3°verstärken, dem zufolge die wiederholte Wahrnehmung einer anfangs neutral beurteilten Sache ihre positivere Bewertung zur Folge hat. Der Effekt scheint jedoch nicht aufzutreten, wenn die Bewertung beim ersten Kontakt negativ ausfiel. 10 Alexander Ritzmann
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