09.09.05.III.pdf

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Unklare Lage Bei Kundus hat die Bundeswehr zwei Tanklaster bombardieren lassen. War dieser Einsatzgerechtfertige VoN RoBERT BIRNBAUM, FRANK TANSEN           ein Sprecher des Verteidigungsministeri- UND SARAH KRAMER                  ums in Berlin, seien "Unbeteiligte" "ver- Was auch immer in der Nacht zu Freitag      mutlich" nicht beeinträchtigt worden. in der Nähe des deutschen Feldlagers        Was genauman unter "Unbeteiligten" zu Kundus passiert ist, eins ist sicher: So    verstehen hat, blieb im Wortnebel; auch viele Tote hat es im deutschen              der Halbsatz, dass die Toten "fast alle" Kommandobereich in Nordafghanistan          feindliche Kämpfer gewesen seien, ließ noch bei keiner Militäraktion gegeben.      Raum für Spekulationen. Dem Parlament Unklar aber bleibt zunächst, wer die To-    ging es nicht besser als den Journalisten: ten waren. Und für Öffentlichkeit und       Die Obleute der Fraktionen im Bundes- Medien nicht zu beurteilen ist vorerst, ob  tag bekamen nach 15 Stunden eine ihr Tod zu rechtfertigen war - oder ob       16-Zeilen-Mitteilung - "hanebüchen" durch die neue, härtere Gangart gegen       nennt der Grüne Winfried Nachtwei der- Taliban und andere Irreguläre zum ers-      lei lnformationspolitik. ten Mal auch die Bundeswehr für un-            Tatsächlich waren von afghanischer schuldig Gestorbene verantwortlich ist.      Seite von Anfang an sehr viel höhere Op- Die nächtlichen Abläufe, wie sie sich    ferzahlen genannt worden. Aufbis zu 90 nach amtlichen und informellenAngaben        Opfer bezifferte der Provinzgouverneur aus der Bundeswehr darstellen, sind in       die Zahl, die meisten davon Irreguläre - groben Zügen inzwischen klar. Etwa           aber eben rund 40 Personen aus der Zivil- sechs Kilometer südöstlich des deutschen     bevölkerung, teils Tote, teils Verletzte. Feldlagers richtete ein Trupp Taliban-       In Krankenhäusern in Kundus wurde kämpfer in der Nacht einen vorgetäusch-      mindestens ein Dutzend Menschen be- ten Kontrollpunkt ein. Gegen 1.50 Uhr        handelt, meist mit Brandverletzungen; Ortszeit stoppten sie zwei Tanklasterund     ein schwer verletzter Zehnjähriger war brachten sie in ihre Gewalt. Bei dem Ver-    darunter. such, den Fluss Kundus zu überqueren,          Wie es dazu kam, erklärt ein Taliban- fuhren sie die Laster auf einer ausgedehn-   Sprecher so, dass seine Kämpfer Treib- ten Sandbank fest. Zu dem Zeitpunkt wa-     stoff aus den Tanks abgelassen hätten, ren die Deutschen schon alarmiert - an-     um die festgefahrenen Laster wieder flott- geblichhatten sich die Fahrer der Tankwa-   zukriegen. Leute aus der Nachbarschaft gengewehrt und auf die Wegelagerer ge-      seien dazugekommen und hätten sich das schossen. In Kundus gehen Gerüchte um,      Benzin holen wollen - und das, obwohl die Taliban hätten die Männer geköpft.      seine Kämpfer vor einem drohenden An- Eine Luna-Drohne verfolgte die Laster;      griff der Nato gewarnt hätten. Einheimi- das fliegende Aufklärungsgerät kann mit     sche erzählen einem Reporter der Nach- einer Infrarotkamera auch nachts sehen      richtenagentur AFP eine etwas andere und überträgt seine Bilder direkt. Die Auf- Geschichte, in der die Aufständischen klärer, heißt es in Bundeswehrkreisen in    nicht so gut wegkommen: Die Taliban Kundus, zählten 67 feindliche Kämpfer.      selbst seien es gewesen, die die Dorfbe- Daraufhin forderte der deutsche Kom-        wohner mit dem Versprechen aufkosten- mandeur bei der Isaf-Spitze in Kabul Luft-  losen Treibstoffherbeigelockt hätten. Je- unterstützung an. 40 Minuten nach der       der im Dorf habe sich Töpfe und Eimer Entführung, gegen 2.30 Uhr, griffen die     gegriffen und sei losgelaufen, einige Bau- Kampfjets an. Die Tanklaster detonierten    ern hätten sogar ihre Traktoren herange- in einem Feuerball.                         fahren. Als die US-Jets kamen, brach das Wer dabei starb, ist unklar und umstrit- Inferno aus. ten. Das Einsatzführungskommando in            Den Hergang zweifelsfrei bis ins letzte Potsdam vermeldete am Morgen zu-            Detail zu ermitteln, wird so oder so nächst, 56 Irreguläre seien getötet wor-    schwierig. Als am Morgen danach ein den, zivile Opfer oder verletzte Soldaten   deutscher Erkundungstrupp am Schau- gebe es nicht. Am Vormittag wurde die       platz ankommt, findet er die ausgebrann- amtliche Sprachregelung vorsichtiger: "Nach derzeitigem Kenntnisstand", sagte Der Tagesspiegel, Berlin, 05.09.2009 Deutscher Bundestag - Pressedokumentation
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ten Wracks der Tanklaster, aber keine      ten, die diese von ihnen so lange selbst einzige Leiche. Die afghanisehe Polizei    geforderte Linie konterkarieren würde. habe die Toten sichergestellt, heißt es.      Die Frage, ob der Luftangriff gerecht- Fotos von Nachrichtenagenturen aus         fertigt und angemessen war, wird in je- Kundus zeigen später Beerdigungssze-       dem Fall noch zu Debatten führen. Im- nen und Verletzte mit Brandverletzun-      merhin kann die Bundeswehr darauf ver- gen in Krankenhäusern.                     weisen, dass Tanklastwagen neuerdings Ausschließen, dass bei dem AngriffUn-    zu bevorzugten Zielen der Aufständi- beteiligte zu Schaden kamen, mag das       schen zählen. Die Hauptversorgungs- Isaf-Oberkommando in Kabul denn auch       route der Nato verläuft seit kurzem über von Anfang an ebenso wenig wie             Kundus, erst neulich haben Taliban 20 Nato-Generalsekretär Anders Fogh Ras-      Kilometer südlich einen Tanklaster in mussen. "Es besteht auch die Möglich-      die Luft geschossen. Und auch für ein an- keit ziviler Opfer", sagte der Däne. "Wie  deres Szenario, das Bundesverteidigungs- wir alle wissen, können in Konflikten wie  minister Franz Josef Jung (CDU) am diesen natürlich Fehler passieren." Ras-   Abend als denkbares Motiv für den Tan- mussensetzte ein eigenes Nato-Untersu-     kerraub einstufte, gibt es ein Vorbild: Am chungsteam unter Führung eines Admi-       28. August hatten Taliban in der südaf- rals in Gang: "Das afghanisehe Volk muss   ghanischeu Stadt Kandahar einen Tank- wissen, dass uns alles daran liegt, es zu  laster als rollende Bombe benutzt. Die schützen", betonte der Nato-Chef. Auch     Detonation im Stadtzentrum riss 45 Men- der stellvertretende UN-Gesandte Peter     schen in den Tod. Galbraith in Kabul zeigte sich "sehr be-      Ein ähnlicher Anschlag im deutschen sorgt" und kündigte seinerseits eigene Er- Kommandogebiet oder auf deutsche Sol- mittlungen der UN- Mission an.             daten kurz vor der Bundestagswahl wäre Diese Reaktion hängt mit den neuen      für die Taliban ein riesiger Propagandaer- Richtlinien zusammen, die der neue         folg- mit völlig unabsehbaren Folgen am Isaf-Oberkommandierende gerade erst        Wahltag in Deutschland selbst. Dass sich erlassen hat. Der Amerikaner Stanley       der schwere Zwischenfall in Dschahar McChrystal steht für einen neuen Geist     Dara ereignete, einer Region südwestlich des gesamten Einsatzes: Zählt nicht zu-    der Stadt Kundus, sei übrigens kein Zu- erst die toten Taliban, sondern bemüht     fall, betont ein Sicherheitsexperte. Dort euch um die Herzen der anderen, lautet      starben im Oktober 2008 bei einem seine Linie- und vermeidet um fast jeden    Selbstmordanschlag zwei deutsche Solda- Preis zivile Opfer. Das oft rücksichtslose ten und ftinf afghanisehe Kinder - vier Bombardement aus der Luft, bei dem         Tage, nachdem der Bundestag das Man- viele Zivilisten umkamen, soll aufhören.    dat für die Bundeswehr verlängert hatte. Es wäre eine böse Ironie, wenn jetzt aus-   In der Region genießen die Taliban star- gerechnet die bisher so zurückhaltenden    ken Rückhalt: Dort dominieren ihre Stam- Deutschen die erste Aktion ausgelöst hät-   mesverwandten, die Paschtunen. Der Tagesspiegel, Berlin, 05.09.2009 Deutscher Bundestag - Pressedokumentation
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