WD 2 - 062/21 Der Afghanistan-Einsatz 2001-2021. Eine sicherheitspolitische Chronologie
Auswärtiges, Völkerrecht, Verteidigung, Menschenrechte
Wissenschaftliche Dienste Ausarbeitung Seite 311 WD 2 - 3000 - 062/21 Fast 200 Polizisten wurden des Mordes angeklagt und etwas mehr als 4.600 waren an Verbrechen in 3.026 separaten Fällen beteiligt, für das Jahr das im März 2010 [anfing]. (…) Die Polizei steht auch im Verdacht, Gruppenvergewaltigungen zu begehen, aber die Festnahme der Täter fällt ihren Kollegen zu, die die Fälle oft einfach 1175 ignorieren oder diejenigen einschüchtern, die Gerechtigkeit suchen.“ Im Jahr 2014 meldete die Nichtregierungsorganisation Transparency International, dass 51 Prozent der Afghanen eine Gefälligkeitszahlung an die Nationalpolizei geleistet hatten. Der Forscher Parag R. Dharmavarapu kommt zum folgenden Schluss: „Sowohl die dezentralisierte als auch die zentralisierte Korruption belastet die Afghanische Nationalpolizei: Lokale Strafverfolgungsbehörden nehmen Bestechungsgelder an und machen gemeinsame Sache mit Kriminellen, während hochrangige Beamte internationale Hilfleistungen veruntreuen und in die 1176 eigene Tasche wirtschaften“. 8.2.5.5. Korruption der Eliten und des Staates Die allgegenwärtige Korruption der Eliten wird durch kaum eine andere Affäre besser illustriert als im Skandal um die Kabul Bank. Die Kabul Bank wurde 2004 von Khalilullah Ferozi und Sherkhan Farnood als erste Privatbank überhaupt aus der Taufe gehoben. Doch schon kurz nach Beginn ihrer Tätigkeit wurde sie mit Betrugsvorwürfen konfrontiert. Im Jahr 2010 wurde ein Verlustbetrag in Höhe von 910 Millionen US-Dollar festgestellt und die Bank kollabierte. In einem Land mit einem Bruttoinlandsprodukt von nur 12 Milliarden US-Dollar ist das eine geradezu surreale Summe. Zu den Hintergründen des Skandals schrieb der britische „Guardian“: „Afghanistan, eines der ärmsten Länder der Welt, muss eine Rettungsaktion der Bank in Höhe von 820 Millionen US-Dollar finanzieren, und das Finanzministerium verstärkt seine Bemühungen zur Steuererhebung, um diese Summe zu erbringen. Das Vertrauen der Öffentlichkeit in das Bankensystem, das unter den Taliban nicht existierte, ist erschüttert. (…) 1175 Billions spent on Afghan police but brutality,corruption prevail, Mirwais Harooni, 24 August 2011, Reuters, abgerufen am 30. Dezember 2021 unter https://www.reuters.com/article/us-afghanistan-police-crime-i- dUSTRE77N10U20110824#hGzDRWghi03l3VFF.97 1176 Corruption and Graft in Post-Conflict Afghanistan, Parag R. Dharmavarapu, Inquiries Journal/Student Pulse, 2015, Band 7 Nr. 07, abgerufen am 30. Dezember 2021 unter http://www.inquiriesjournal.com/artic- les/1057/corruption-and-graft-in-post-conflict-afghanistan
Wissenschaftliche Dienste Ausarbeitung Seite 312 WD 2 - 3000 - 062/21 Die berüchtigtsten ‚Investitionen‘ der Kabul Bank sind in Dubai, wo laut Ferozi [einem der Gründer, A.d.R.] 160 Millionen US-Dollar für 35 Luxusvillen auf der Palm Jumeirah ausgegeben wurden, den künstlichen Sandbänken, die in das Arabische Meer ragen. Viele der Häuser wurden auf Farnoods Namen [einen der beiden Gründer der Bank, A.d.R.] registriert und an andere Bankaktionäre vergeben. In einem der skandalösesten Kreditgeschäfte der Kabul Bank wurden 22 Millionen US-Dollar an Mahmoud Karzai, einen der Brüder des Präsidenten und ehemaligen Restaurantbesitzer aus Maryland, ausgezahlt. Mit diesem zinslosen Darlehen kaufte Karzai selbst Anteile an der Bank. Damit wurde der Bruder des Präsidenten der drittgrößte Aktionär der größten Bank des Landes, ohne einen Cent seines eigenen Geldes ausgegeben zu haben. Dann waren noch die vier Millionen Dollar an Bankgeldern, die für Karzais Wahlkampf 2009 geflossen sind. ‚Wir haben [die 4 Millionen Dollar] nicht umsonst gegeben‘, sagt (…) Ferozi. ‚Dafür haben wir 430.000 Regierungskonten bekommen und von diesen Konten hat die Bank einen Gewinn von 4 Millionen US-Dollar im Monat gemacht‘. Wenn wir es nicht getan hätten, wären andere Banken bereit gewesen, 20 Millionen US-Dollar zu geben, um die Konten zu bekommen.“ (…) Obwohl sie einige paschtunische Aktionäre hatte, war die Kabul Bank ein Eckpfeiler des tadschikischen Establishments im Norden Afghanistans, mit engen Verbindungen zu führenden Warlords, darunter Marschall Fahim, den Karzai – zum Entsetzen der Vereinten Nationen – 2009 zu seinem Vizepräsidenten ernannte. Fahims Bruder und seine Familie erhielten Kredite der Kabul Bank in Höhe von mindestens 78 Millionen US-Dollar (…) Ein forensisches Audit in Höhe von 10 US-Millionen US-Dollar, das teilweise vom britischen Ministerium für internationale Entwicklung bezahlt wird, sollte bei der Wiedererlangung von Vermögenswerten und bei der Strafverfolgung 1177 1178 1179 helfen, aber es ist bis dahin noch ein langer Weg.“ 1177 The financial scandal that broke Afghanistan's Kabul Bank, Jon Boone, 16. Juni 2011, The Guardian, abgerufen am 30. Dezember 2021 unter https://www.theguardian.com/world/2011/jun/16/kabul-bank-afghanistan-finan- cial-scandal 1178 Hervorhebungen durch den Autor dieser Arbeit. 1179 Übersetzung durch den Autor dieser Arbeit.
Wissenschaftliche Dienste Ausarbeitung Seite 313 WD 2 - 3000 - 062/21 1180 Eine Bestrafung der Beteiligten fand de facto nicht statt. In einem anderen Artikel des „Guardian“ werden die negativen sicherheitspolitischen Implikationenen der Korruption auf den Punkt gebracht: „Diese Art von Korruption verschärft indirekt den Konflikt in Afghanistan. Da Korruption konsequent ungestraft bleibt, fühlen sich die Afghanen von ihren Führern betrogen – und die Aufständischen wiederum haben sich von dieser 1181 1182 weit verbreiteten Enttäuschung genährt.“ Tatsächlich sind Bestrebungen der Kabuler Regierung, um die Korruption zu bekämpfen, geradezu inexistent. In einem Bericht stellt die Nachrichtenagentur Reuters im Jahr 2012 fest: 1183 „Nach Angaben des US-amerikanischen Wissenschaftlichen Dienstes flossen 2011 schätzungsweise 4,5 Milliarden US-Dollar aus Afghanistan ab. Beamte des US-Finanzministeriums berichteten, dass dem Personal des afghanischen Zollamts am Flughafen Kabul im Jahr 2010 etwa 1,3 Milliarden US-Dollar an Bargeld gemeldet wurden, darunter etwa 482 Millionen US-Dollar. Im März schätzte Afghanistans stellvertretender Zentralbankgouverneur in einem Interview mit Reuters, dass noch mehr Bargeld das Land verlassen würde – etwa 8 Milliarden Dollar pro Jahr (…). 1180 Afghanistan's corruption epidemic is wasting billions in aid, Jamil Danish, 3.November 2016, The Guardian, abgerufen am 30. Dezember 2021 unter https://www.theguardian.com/global-development-professionals-net- work/2016/nov/03/afghanistans-corruption-epidemic-is-wasting-billions-in-aid ; Kabul Bank fraud: Ghani reopens Afghan corruption case, BBC, 1. Oktober 2014, abgerufen am 30. Dezember 2021 unter https://www.bbc.com/news/world-asia-29450821 ; Afghan Businessman Convicted in Kabul Bank Fraud Is Still Freee to Make Money, 4. November 2015, New York Times, abgerufen am 30. Dezember 2021 unter https://www.nytimes.com/2015/11/05/world/asia/afghan-businessman-convicted-in-kabul-bank-fraud-is-still- free-to-make-money.html (Betzahlschranke) 1181 Afghanistan's corruption epidemic is wasting billions in aid, Jamil Danish, 3. November 2016, abgerufen am 30. November 2021 unter https://www.theguardian.com/global-development-professionals-net- work/2016/nov/03/afghanistans-corruption-epidemic-is-wasting-billions-in-aid 1182 Übersetzung durch den Autor dieser Arbeit. 1183 Congressional Research Service (CSR).
Wissenschaftliche Dienste Ausarbeitung Seite 314 WD 2 - 3000 - 062/21 Ein Beamter des Heimatschutzes sagte, die afghanischen Zollbeamten am Flughafen hätten ‚negative Auswirkungen‘ seitens der afghanischen Regierung befürchtet, wenn Devisenausfuhrkontrollen eingeführt worden wären. Für VIPs, die sich keiner Zoll- oder Sicherheitskontrolle unterziehen müssen, war auch kein Währungszähler verfügbar. ‚Eine neue Lounge für sehr wichtige Personen (VVIP) wurde gebaut, um hochrangigen Beamten den Zugang zum Boarding zu erleichtern und den Transit ohne Zollkontrollen oder unter Umgehung eines Währungszählers‘ zu ermöglichen. Es ist illegal, mehr als 20.000 US-Dollar aus Afghanistan heraus zu 1184 1185 1186 transportieren.“ Im Jahr 2020 gab es zwar Zollkontrollen des VIP-Zugangs, der VVIP-Zugang wurde jedoch 1187 weiterhin von jedweden Kontrollen befreit. Wenig überraschend kommt Andrea Spalinger Anfang August 2021 in der „Neuen Zürcher Zeitung“ zu folgendem Schluss„Machtgier und Korruption der politischen Elite erklären, warum 1188 die Taliban in Afghanistan so schnell vorrücken“. „The Economist“ schloß sich dieser Meinung wenige Tage später mit dem Artikel: „The Afghan government was undone by its own 1189 1190 corruption“ an. Tatsächlich wurde der Einmarsch der Taliban weitestgehend gekauft, wie die „Washington Post“ es in einem Artikel am 16. August 2016 beschrieb: 1184 Despite U.S. aid, little progress in monitoring Kabul airport cash flow, Susan Cornwell, 11. Dezember 2012, abgerufen am 30. November 2021 unter https://www.reuters.com/article/afghanistan-usa-currency-i- dUSL1E8NA72P20121211 ; 1185 Hervorhebungen durch den Autor dieser Arbeit. 1186 Übersetzung durch den Autor dieser Arbeit. 1187 Money Smugglers Use VIP Routes to Evade Inspection at Kabul Airport, Mohammad Haroon Alim, 25 Januar 2021, The Khaama News Agency, abgerufen am 30. November 2021 unter https://www.khaama.com/money-smugglers-use-vip-routes-to-evade-inspection-at-kabul-airport-223322/ 1188 Machtgier und Korruption der politischen Elite erklären, warum die Taliban in Afghanistan so schnell vorrücken, Andrea Spalinger, 10. August 2021, abgerufen am 30. November 2021 unter https://www.nzz.ch/meinung/afghanistan-der-vormarsch-der-taliban-zeigt-duestere-perspektiven-ld.1639677 1189 Zu Deutsch in etwa: „Die afghanische Regierung wurde durch die eigene Korruption gestürzt.“ (Übersetzung des Autors dieser Arbeit). 1190 The Afghan government was undone by its own corruption, 28. August 2021, The Economist, abgerufen am 30. November 2021 unter https://www.economist.com/asia/2021/08/26/the-afghan-government-was-undone-by- its-own-corruption
Wissenschaftliche Dienste Ausarbeitung Seite 315 WD 2 - 3000 - 062/21 „Der spektakuläre Zusammenbruch des afghanischen Militärs, der es Taliban- Kämpfern ermöglichte – trotz zwanzigjähriger Ausbildung und amerikanischer Hilfe in Milliardenhöhe – am Sonntag in die afghanische Hauptstadt einzumarschieren, begann mit einer Reihe von Abmachungen bzw. Geschäften. Diese wurden in den ländlichen Gebieten zwischen den Vertretern der militanten Gruppen und einigen der rangniedriegsten Vertreter der afghani- schen Regierung vor Ort ausgehandelt. Die ab Anfang letzten Jahres abgeschlossenen Abmachungen wurden von afghanischen Regierungsbeamten oft als Waffenstillstand beschrieben, aber die Taliban-Führer boten laut einem afghanischen Offizier und einem US-Beamten tatsächlich Geld für die Übergabe der Waffen an. Im Laufe der nächsten anderthalb Jahre eskalierten diese Verhandlungen auf Distriktebene und dann weiter in den Provinzhauptstädten. Diese Vorgehenweise gipfelte schließlich in einer atemberaubenden Reihe von ausgehandelten Kapitulationen seitens der Regierungstruppen. (…) Einige Regierungssoldaten und -polizisten erkannten, dass sie bald nicht mehr auf die amerikanische Luftwaffe und andere wichtige Gefechtsunterstützungs- fähigkeiten zählen konnten, so dass sie empfänglich für das Vorgehen der Taliban wurden. Andere wollten nur das Geld. (…) Afghanische Polizisten, die vor dem Fall der Stadt in Kandahar, an vorderster Front standen, sagten, sie seien seit sechs bis neun Monaten nicht besoldet worden. Die Auszahlungen der Taliban wurden daher immer verlockender. (…) Mehrere Beamte der Polizei von Kandahar sagten, Korruption hätte mehr 1191 1192 als Inkompetenz zum Zusammenbruch beigetragen.“ 8.2.5.6. Korruption im Alltag Laut einem Bericht der Vereinten Nationen zahlten im Jahr 2012 die Hälfte der Afghanen Bestechungsgeld anlässlich eines öffentlichen Dienstgangs. 1191 Bribery detailed in Afghans' fall – Officials say Taliban bought complicity from government, Aziz Tassal, 16. August 2021, The Wahington Post, abgerufen am 30. Dezember 2021 über Arkansa Democrate Gazette unter https://www.arkansasonline.com/news/2021/aug/16/bribery-detailed-in-afghans-fall/ 1192 Hervorhebungen durch den Autor dieser Arbeit.
Wissenschaftliche Dienste Ausarbeitung Seite 316 WD 2 - 3000 - 062/21 Die Gesamtkosten der gezahlten Bestechungsgelder an Amtsträger beliefen sich laut VN auf 3,9 Milliarden US-Dollar, was einer Steigerung von 40 Prozent zwischen 2009 und 2012 entsprach. Das Verhältnis der Bestechungskosten zum BIP blieb relativ konstant: 23 Prozent im 1193 Jahr 2009 beziehungsweise 20 Prozent des BIP im Jahr 2012. Im Jahr 2019 ergab eine Studie der Asia Foundation, dass 81,5 Prozent der Befragten Korruption als großes Problem in und für Afghanistan bewerten. Diese Angabe war identisch mit dem Vorjahr. Befragte in Panjshir (96,8 Prozent), Helmand (95,0 Prozent), Nangarhar (93,1 Prozent) und Kabul (92,9 Prozent) gaben am häufigsten an, dass Korruption ein großes Problem in Afghanistan sei. 67,9 Prozent der befragten Afghanen sagen, Korruption sei ein großes Problem in ihrem 1194 persönlichen täglichen Leben. 8.2.6. Opium 8.2.6.1. Opiumproduktion Laut Angaben der Vereinten Nationen hat sich die Opiumproduktion 2020 im Vergleich zum Jahr 2000 (vor der Taliban Herrschaft) verdoppelt. Im Vergleich zu 2001 (Taliban-Herrschaft) fiel die Opiumproduktion sogar 34-mal höher aus. Opium wurde 2020 in 22 der 34 Provinzen Afghanistans angebaut. Die VN gehen für 2020 von einem Durchschnittseinkaufspreis beim Produzenten von 55 US-Dollar pro Kilo getrocknetem Opium aus. Bei einer vermuteten Produktion von 6.300 Tonnen handelt es sich um einen Markt vor Ort von insgesamt 350 Millionen 1195 US-Dollar. 1193 Corruption in Afghanistan – Recent patterns and trends, Dezember 2012, United Nations Office On Drugs And Crime (UNODC) & Islamic Republic of Afghanistan High Office of Oversight and Anti-Corruption, S. 5, abgerufen am 30. Dezember 2021 unter https://www.unodc.org/documents/mexicoandcentralamerica/publica- tions/Corrupcion/CCorruption_in_Afghanistan_FINAL.pdf 1194 A Survey of the Afghan People – Afghanistan in 2019, Tabasum Akseer and John Rieger (Hrsg.) The Asia Foundation, 2019, S. 138, abgerufen am 30. November 2021 über Relief Web / OCHA Services unter https://reliefweb.int/sites/reliefweb.int/files/resources/2019_Afghan_Survey_Full-Report.pdf 1195 Afghanistan Opium Survey 2020, Cultivation and Production ‒ Executive Summary, April 2021, United Nations Office on Drugs and Crime & Islamic Republic of Afghanistan, 19 S., abgerufen am 17. November 2021 unter https://www.unodc.org/documents/crop-monitoring/Afghanistan/20210503_Executive_summary_Opium_Sur- vey_2020_SMALL.pdf sowie Geschätzte Produktion von Opium in Afghanistan in den Jahren 1990 bis 2020, Grafik, Statista mit Zahlen aus Afghanistan Opium Survey 2020, UNO, Seite 7, abgerufen am 17. November 2021 unter https://de.statista.com/statistik/daten/studie/36697/umfrage/produktion-von-opium- in-afghanistan-seit-1990/
Wissenschaftliche Dienste Ausarbeitung Seite 317 WD 2 - 3000 - 062/21 Opiumproduktion in Tonnen laut den Vereinten Nationen (Zahlen abgerundet) 1990: 1.570t 2000: 3.270t 2001: 185t 2002: 3.400t 2003: 2.600t 2004: 4.200t 2005: 4.100t 2006: 5.300t 2007: 7.400t 2008: 5.900t 2009: 4.000t 2010: 3.600t 2011: 5.800t 2012: 3.700t 2013: 5.500t 2014: 6.400t 2015: 3.300t 2016: 4.800t 2017: 9:000t 2018: 6.400t 2019: k.A. 2020: 6.300t 2021: 6.800t 1196 Zur Lage im Jahr 2021 stellt der neueste VN-Bericht fest: „Die Opiumproduktion in Afghanistan und die Preise für den Heroin-Rohstoff sind nach Angaben der Vereinten Nationen gestiegen. In der Erntesaison, die im Juli endete, wurden 6800 Tonnen eingebracht – acht Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. (…)Afghanisches Opium dominiert den illegalen Weltmarkt. 1196 Drug Situation in Afghanistan 2021 – Latest findings and emerging threats, November 2021, United Nations Of- fice on Drugs, 24. S. abgerufen am 17. November 2021 unter https://www.unodc.org/documents/data-and-analy- sis/Afghanistan/Afghanistan_brief_Nov_2021.pdf
Wissenschaftliche Dienste Ausarbeitung Seite 318 WD 2 - 3000 - 062/21 Die militant-islamistischen Taliban, die im August die Macht in Afghanistan übernommen hatten, gelten als Profiteure des Drogengeschäfts. Mit Opium wurden laut UNDOC dieses Jahr zwischen 1,8 Milliarden und 2,7 Milliarden US-Dollar (1,6 Milliarden und 2,4 Milliarden Euro) in Afghanistan umge- setzt. Rund ein Zehntel der afghanischen Wirtschaftsleistung beruht auf 1197 Opium.“ Opium aus Afghanistan versorgt laut VN-Angaben ungefähr 25 Millionen Drogen- 1198 konsumenten (d.h. 80 Prozent aller Nutzer) weltweit. Darüber hinaus gilt Afghanistan 2021 als der zweitgrößte Haschisch-Produzent der Welt nach 1199 Marokko. 8.2.6.2. Opiumkonsum 1200 Im Jahr 2015 konsumieren laut UNODC 2 bis 2,5 Millionen Menschen Opium in Afghanistan. 1197 UN-Bericht: In Afghanistan wird wieder mehr Opium produziert, 17. November 2021, UNRIC, abgerufen am 18. November 2021 unter https://unric.org/de/afghanistan17112021/ (Hervorhebung durch den Redakteur dieser Arbeit). 1198 Drug Situation in Afghanistan 2021 – Latest findings and emerging threats, November 2021, United Nations Of- fice on Drugs, S. 14, abgerufen am 17. November 2021 unter https://www.unodc.org/documents/data-and-analy- sis/Afghanistan/Afghanistan_brief_Nov_2021.pdf 1199 Drug Situation in Afghanistan 2021 – Latest findings and emerging threats, November 2021, United Nations Of- fice on Drugs, S. 12, abgerufen am 17. November 2021 unter https://www.unodc.org/documents/data-and-analy- sis/Afghanistan/Afghanistan_brief_Nov_2021.pdf 1200 The situation – West and Central Asia, Office on Drugs and Crime, United Nations, undatiert, abgerufen am 20. September 2021 unter https://www.unodc.org/unodc/en/drug-trafficking/central-asia.html
Wissenschaftliche Dienste Ausarbeitung Seite 319 WD 2 - 3000 - 062/21 8.2.7. Arbeitslosenquote Laut Daten der Weltbank liegt die Arbeitslosenquote in Afghanistan zwischen 2010 und 2020 1201 kontinuierlich zwischen elf und zwölf Prozent. Ob diese Zahl aussagekräftig ist, ist in einem agrarwirtschaftlichen Land, in dem die Verwaltung nicht funktioniert und die Schattenwirtschaft einen erheblichen Anteil an die Wirtschaftsleistung hat, fragwürdig. Es ist daher zu vermuten, dass die reale Arbeitslosigkeit beziehungsweise Minderbeschäftigung um ein vielfaches höher ist. 8.3. Entwicklungsindikatoren 8.3.1. Bevölkerungsentwicklung Bevölkerungsentwicklung Afghanistans zwischen 1979 und 2020 laut Daten der Weltbank 1202 (ausgesuchte Jahre). 1979: 13,4 Millionen Einwohner (Einmarsch der sowjetischen Truppen) 1989: 11,8 Millionen Einwohner (Abzug der sowjetischen Truppen) 1996: 18,8 Millionen Einwohner (Gründung des Emirates durch die Taliban) 2001: 21,6 Millionen Einwohner (Intervention der Koalition) 2011: 30,1 Millionen Einwohner (Zehn Jahre Afghanistaneinsatz) 2014: 33,3 Millionen Einwohner (Ende der ISAF-Mission) 1203 2020: 38,9 Millionen Einwohner (Letzte verfügbare Zahlen) 1201 Afghanistan: Unemployment rate from 2010 to 2020, Aaron O'Neill, Statista mit Daten der Weltbank, 17. Juni 2021, abgerufen am 28. September 2021 unter https://www.statista.com/statistics/808214/unemploy- ment-rate-in-afghanistan/ 1202 Population, total – Afghanistan, Weltbank, abgerufen am 18. Januar 2022 unter https://data.worldbank.org/indi- cator/SP.POP.TOTL?locations=AF 1203 International Security Assistance Force (ISAF).
Wissenschaftliche Dienste Ausarbeitung Seite 320 WD 2 - 3000 - 062/21 8.3.2. Zugang zu Medizin 8.3.2.1. Ärzte pro Einwohner 1989: 0,1 Arzt pro 1.000 Einwohner 1204 2001: 0,2 Arzt pro 1.000 Einwohner 2011: 0,3 Arzt pro 1.000 Einwohner 2016: 0,3 Arzt pro 1.000 Einwohner Im Vergleich dazu zählt Deutschland 4,5 Ärzte pro 1.000 Einwohner im Jahr 2021, 1205 das Fünfzehnfache. 8.3.2.2. Krankenhausbetten pro Einwohner 1990: 0,25 Bett pro 1.000 Einwohner 1206 2000: 0,30 Bett pro 1.000 Einwohner 2011: 0,44 Bett pro 1.000 Einwohner 2012: 0,53 Bett pro 1.000 Einwohner 2017: 0,39 Bett pro 1.000 Einwohner Im Vergleich dazu zählt Deutschland 8 Krankenhausbetten pro 1.000 Einwohner im Jahr 2017, 1207 das Zwanzigfache. 1204 Physicians (per 1,000 people) – Afghanistan, Weltbank, (World Health Organization's Global Health Workforce Statistics, OECD ergänzt mit landesbezogenen Daten, Zahlen abgerundet), abgerufen am 20. September 2021 unter https://data.worldbank.org/indicator/SH.MED.PHYS.ZS 1205 4,5 Ärzte pro 1000 Einwohner, Süddeutsche Zeitung, 28. Juni 2021, abgerufen am 20. September 2021 unter https://www.sueddeutsche.de/politik/gesundheitswesen-4-5-aerzte-pro-1000-einwohner-1.5335878#:~:text=Ge- sundheitswesen4%2C5%20%C3%84rzte%20pro%201000%20Einwohner 1206 Hospital beds (per 1,000 people) – Afghanistan, Weltbank, (World Health Organization's Global Health Workforce Statistics, OECD ergänzt mit landesbezogenen Daten), abgerufen am 20. September 2021 unter https://data.worldbank.org/indicator/SH.MED.BEDS.ZS?locations=AF 1207 Basistabelle Krankenhausbetten, Destatis, Statistisches Bundesamt, abgerufen am 20. September 2021 unter https://www.destatis.de/DE/Themen/Laender-Regionen/Internationales/Thema/Tabellen/Basistabelle_Kranken- haus.html