WD 2 - 062/21 Der Afghanistan-Einsatz 2001-2021. Eine sicherheitspolitische Chronologie
Auswärtiges, Völkerrecht, Verteidigung, Menschenrechte
Wissenschaftliche Dienste Ausarbeitung Seite 331 WD 2 - 3000 - 062/21 8.3.5.3. Zugang zum Internet Anteil der afghanischen Bevölkerung mit Zugang zum Internet laut Daten der Weltbank im 1249 Vergleich zu Deutschland. Afghanistan Deutschland 2001: 0,005% 31,6% 2005: 1,2% 68,7% 2010: 4,0% 82,0% 2015: 8,2% 87,5% 8.3.6. Rechtspflege Eine zufriedenstellende Rechtspflege im Sinne eines funktionierenden Rechtsstaates hat es in Afghanistan in den Jahren 2001 bis 2021 nie gegeben. Die Korruption war stets omnipräsent und in vielen Distrikten waren Justizbehörden nicht einmal vertreten. Im Jahr 2019 stellte die Asia Foundation dazu fest: „Afghanistans derzeitiges Rechtssystem ist bekannt für langwierige Verfahren, Korruption und Einflussnahme durch Politiker. In vielen Gegenden des Landes greifen die Menschen [deshalb] noch immer auf informelle Streitbeilegungsverfahren zurück, um ihre Probleme zu lösen. (…) Die neuesten Berichte deuten darauf hin, dass Gerichte des Staates in nur 232 der 378 1250 1251 1252 Bezirke Afghanistans ihrer Aufgabe nachgehen.“ 1249 Individuals using the Internet (% of population) – Afghanistan, Weltbank, abgerufen am 24. November 2021 unter https://data.worldbank.org/indicator/IT.NET.USER.ZS?locations=AF ; Individuals using the Internet (Percent of population) – Germany, Weltbank, abgerufen am 24. November 2021 unter https://data.world- bank.org/indicator/IT.NET.USER.ZS?locations=DE 1250 A Survey of the Afghan People – Afghanistan in 2019, Tabasum Akseer and John Rieger (Hrsg.) The Asia Foundation, 2019, S. 143, abgerufen am 30. November 2021 über Relief Web / OCHA Services unter https://reliefweb.int/sites/reliefweb.int/files/resources/2019_Afghan_Survey_Full-Report.pdf 1251 Hervorhebungen durch den Autor dieser Arbeit. 1252 Übersetzung durch den Autor dieser Arbeit.
Wissenschaftliche Dienste Ausarbeitung Seite 332 WD 2 - 3000 - 062/21 Dieses Versagen des Rechtsstaates öffnete den Taliban Tür und Tor für die Verbreitung und konsequente Implementierung einer alternativen Rechtspflege, die weitestgehend von der Bevölkerung gut angenommen wurde, zumal sie nicht korrupt war. Diese „Dienstleistung“ stärkte nachhaltig das Ansehen der Taliban – zumal sie die Deutungshoheit über das Alltagsleben der Menschen zurückgewinnen konnten – und schwächte den Zentralstaat bis zur faktischen 1253 Macht- und Bedeutungslosigkeit. 8.3.7. Pressefreiheit Im Jahr 2008 gab es in Afghanistan laut Bundesregierung 80 Radio- und 30 Fernsehstationen landesweit. Das Informationsangebot deckt laut dem Auswärtigen Amt ein breites Spektrum ab und ist durchaus regierungskritisch und kontrovers. Eine wesentliche Unterstützung erhielt die 1254 Medienlandschaft durch EU-Zuwendungen in Höhe von 50 Millionen Euro. Um das Jahr 2015 gibt es laut der Nichtregierungsorganisation Freedom House insgesamt 174 Radiokanäle und 90 lokale und regionale Fernsehkanäle, 200 Printmedien und zwölf Nachrichtenagenturen in Afghanistan. Die Friedens- und Konfliktforscherin Frangis Dadfar Spanta schreibt dazu in der Studie Umstrittene Regierungsführung in Afghanistan allerdings: „Die Kehrseite der Medaille der verfassungsrechtlich verankerten Meinungsfreiheit ist, dass die Mehrheit der Radio- und Fernsehsender nicht um eine objektive oder neutrale Berichterstattung 1255 bemüht ist. Sie werden von einflussreichen religiösen und politischen Eliten finanziert.“ Dem Artikel In Kabul wird man für ein Smartphone und ein wenig Kleingeld ermordet von Emran Feroz, publiziert auf „Spiegel Online“ am 13. März 2021 kann man folgende Alltagssituation für Journalistinnen und Journalisten entnehmen: „Afghanistan gehört seit Jahren zu den tödlichsten Ländern für Journalisten. Allein im vergangenen Jahr wurden mindestens acht Medienschaffende ermordet. (...) 1253 Vgl.: Judging in the Midst of Civil War – The Taliban Courts in Afghanistan (2001–2013), Adam Baczko, Politix, Band 104, Ausgabe 4, 2013, Seiten 25 bis 46, abgerufen am 17. September 2021 unter https://www.cairn-int.info/article-E_POX_104_0025--judging-in-the-midst-of-civil-war.htm (Original in französischer Sprache: Juger en situation de guerre civile, Les cours de justice Taleban en Afghanistan (2001-2013), Adam Baczko, Politix, Band 104, Ausgabe 4, 2013, Seiten 25 bis 46, abgerufen am 17. September 2021 unter https://www.cairn.info/revue-politix-2013-4-page-25.htm 1254 Frieden und Entwicklung in Afghanistan – Sicherheit für uns (Deutschland hilft Afghanistan), Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Media consulta, August 2008, abgerufen am 18. Januar 2022 unter https://www.auswaertiges-amt.de/blob/204850/dadcad1a4d1dc194d322d3c76f68a580/af- ghanistan-data.pdf 1255 Umstrittene Regierungsführung in Afghanistan – Kulturelle und politische Ordnungsvorstellungen der afghanischen Eliten, Frangis Dadfar Spanta, Transcript Global Studies, Fachinformationsdienst Politikwissenschaft POLLUX, 2019, 491 S., abgerufen am 18. Januar 2022 unter https://www.transcript-ver- lag.de/media/pdf/49/f8/e9/oa97838394469287zDyuRiQIcgBV.pdf
Wissenschaftliche Dienste Ausarbeitung Seite 333 WD 2 - 3000 - 062/21 Anfang März wurden in der östlichen Stadt Jalalabad drei Journalistinnen kurz nach deren Feierabend ermordet. Sie waren für den TV-Sender Enikass tätig. Schon im Dezember war Malala Maiwand, eine Journalistin des Senders, getötet worden. Die afghanische IS-Zelle bekannte sich zu den jüngsten Tötungen. ‚Die Medien werden weiterhin von allen Seiten bedroht. Während die Taliban und Gruppen wie der Islamische Staat für die meisten Drohungen und Tötungen verantwortlich sind, sollte auch darauf hingewiesen werden, dass die Regierung Verantwortung trägt‘, meint Patricia Gossman, stellvertretende Asien-Direktorin von Human Rights Watch. Sie kritisiert Regierungsvertreter und Warlords, die sich intolerant gegenüber kritischer Berichterstattung zeigten und Mordanschläge kaum untersuchten. Doch auch der afghanische Sicherheitsapparat trägt eine Mitverantwortung – allen voran der Inlandsgeheimdienst NDS, sowie afghanische CIA-Milizen wie die Khost Protection Force (KPF) im Südosten des Landes. Beide Akteure sind bekannt für ihr brutales Vorgehen gegen Journalisten. Und 1256 dafür, dass sie Straffreiheit genießen.“ 1256 In Kabul wird man für ein Smartphone und ein wenig Kleingeld ermordet, Emran Feroz, Der Spiegel, 13. März 2021, abgerufen am 25. Dezember 2021 unter https://www.spiegel.de/ausland/pressefreiheit-in-afgha- nistan-berichterstattung-aus-der-hoelle-a-3bdb71fd-1efa-4c31-b755-f8add0b4d57e
Wissenschaftliche Dienste Ausarbeitung Seite 334 WD 2 - 3000 - 062/21 1257 Die Nichtregierungsorganisation „Reporter sans Frontières“ veröffentlicht seit 2001 eine 1258 jährliche Rangliste der Pressefreiheit. Für Afghanistan zeichnet sich folgende Entwicklung ab: Pressefreiheit in Afghanistan (2002) 1259 . Rang: 104 von 139. Pressefreiheit in Afghanistan (2005) 1260 . Rang: 125 von 166 Pressefreiheit in Afghanistan (2010) 1261 . Rang: 147 von 178 Pressefreiheit in Afghanistan (2015) 1262 . Rang: 128 von 180 Pressefreiheit in Afghanistan (2020) 1263 . Rang: 122 von 180 1257 Im deutschsprachigen Sprachraum auch „Reporter ohne Grenzen“. 1258 Rangliste der Pressefreiheit, Reporter ohne Grenzen, Archiv seit 2002, abgerufen am 6. November 2021 unter https://www.reporter-ohne-grenzen.de/rangliste/archiv 1259 Für 139 Staaten lagen laut Bericht verlässliche Informationen vor. Berücksichtigt wurden Ereignisse zwischen September 2001 und Oktober 2002. Vgl. Index zur Situation der Pressefreiheit weltweit – 2002, Reporter ohne Grenzen, 23. Oktober 2002, abgerufen am 6. November 2021 unter https://www.reporter-ohne-gren- zen.de/fileadmin/Redaktion/Downloads/Ranglisten/Rangliste_2002/Reporter_ohne_Grenzen__Rang- liste_2002.pdf 1260 Für 166 Staaten lagen laut Bericht verlässliche Informationen vor. Berücksichtigt wurden Ereignisse zwischen September 2004 und August 2005. Vgl. Index zur Situation der Pressefreiheit weltweit – 2005, Reporter ohne Grenzen, 20. Oktober 2005, abgerufen am 6. November 2021 unter https://www.reporter-ohne-gren- zen.de/fileadmin/Redaktion/Downloads/Ranglisten/Rangliste_2005/Rangliste_2005.pdf 1261 Für 178 Staaten lagen laut Bericht verlässliche Informationen vor. Vgl. Index zur Situation der Pressefreiheit weltweit – 2010, Reporter ohne Grenzen, 20. Oktober 2010, abgerufen am 6. November 2021 unter https://www.reporter-ohne-grenzen.de/fileadmin/Redaktion/Downloads/Ranglisten/Rangliste_2010/Rang- liste_2010_PDF.pdf 1262 Für 180 Staaten lagen laut Bericht verlässliche Informationen vor. Vgl. Index zur Situation der Pressefreiheit weltweit – 2015, Reporter ohne Grenzen, 12. Februar 2015, abgerufen am 6. November 2021 unter https://www.reporter-ohne-grenzen.de/rangliste/archiv 1263 Für 180 Staaten lagen laut Bericht verlässliche Informationen vor. Vgl. Index zur Situation der Pressefreiheit weltweit – 2015, Reporter ohne Grenzen, 21. April 2020, abgerufen am 6. November 2021 unter https://www.re- porter-ohne-grenzen.de/fileadmin/Redaktion/Downloads/Ranglisten/Rangliste_2020/Rangliste_der_Pressefrei- heit_2020_-_RSF.pdf
Wissenschaftliche Dienste Ausarbeitung Seite 335 WD 2 - 3000 - 062/21 1264 8.3.8. Weltglücksindex Der World Happiness Report des mit den Vereinigten Nationen assoziierten Netzwerkes Development Solutions Network versucht seit 2013 einen „Weltglücksindex“ zu berechnen. Dafür werden Daten herangezogen, die auf die Lebenszufriedenheit der Bevölkerung schließen lassen können. Afghanistan wurde im ersten Bericht nicht bewertet. In den darauffolgenden Berichten erreichte das Land folgende Positionen in der Weltrangliste: „Ranking of Happiness 2012-2014“ (Bericht von 2015) 1265 Platz 153 von 158 bewerteten Ländern mit 3.575 Punkten (Zum Vergleich: Platz 1: Schweiz (7.587 Punkte); Platz 26: Deutschland (6.750 Punkte) „Ranking of Happiness 2018-2020“ (Bericht von 2021) 1266 Platz 149 von 149 bewerteten Ländern mit 2.523 Punkten (Zum Vergleich: Platz 1: Finnland (7.842 Punkte); Platz 13: Deutschland (7.155 Punkte) 1264 UN World-Happiness-Report. 1265 World Happiness Report 2015, Helliwell, John F., Richard Layard, Jeffrey Sachs & Jan-Emmanuel De Neve, Sustainable, Development Solutions Network, (https://worldhappiness.report/), abgerufen am 20. September 2021 unter https://s3.amazonaws.com/happiness-report/2015/WHR15_Sep15.pdf 1266 World Happiness Report 2021, Helliwell, John F., Richard Layard, Jeffrey Sachs & Jan-Emmanuel De Neve, Sustainable, Development Solutions Network, (https://worldhappiness.report/), abgerufen am 20. September 2021 unter https://happiness-report.s3.amazonaws.com/2021/WHR+21.pdf
Wissenschaftliche Dienste Ausarbeitung Seite 336 WD 2 - 3000 - 062/21 9. Kosten des Krieges 9.1. USA 9.1.1. Lobby-Arbeit von Privatfirmen des Verteidigungssektors Die Firmen des amerikanischen Verteidigungssektors gaben seit 2001 über 2,4 Milliarden US-Dollar für Lobby-Arbeit im Kongress aus und unterstützten die meisten Kongress-Mitglieder 1267 mit direkten Kampagnenspenden. 9.1.2. Kosten des Krieges für den amerikanischen Staat 9.1.2.1. Missmanagement und Misswirtschaft Die Fälle von Missmanagement, Misswirtschaft und Überteuerung von Leistungen sind in den 20 Jahren des US-Engagements chronisch und omnipräsent. 9.1.2.1.1. Fallbeispiel #1: Transportflugzeuge Ein besonders krasser Fall wurde im Februar 2021 vom amerikanischen Sondergeneralinspekteur 1268 für den Wiederaufbau Afghanistans (SIGAR) exemplarisch recherchiert und öffentlich 1269 gemacht: Die USA beschaffen für die afghanische Luftwaffe 20 Transportflugzeuge zum Gesamtpreis von einer halben Milliarde US-Dollar – kaum ausgeliefert, werden die Flugzeuge verschrottet: 1267 Where did the $5tn spent on Afghanistan and Iraq go? Here’s where, Linda J Bilmes, 11. September 2021, The Guardian, abgerufen am 23. November 2021 unter https://www.theguardian.com/commentis- free/2021/sep/11/us-afghanistan-iraq-defense-spending 1268 Special Inspector General for Afghanistan Reconstruction (SIGAR). 1269 G.222 Aircraft Program in Afghanistan: About $549 Million spent on faulty aircraft and no one held accountable, Special Inspector General for Afghanistan Reconstruction, Februar 2021, SIGAR-21-21-SP, S. 37, abgerufen am 23. November 2021 unter https://www.sigar.mil/pdf/special%20projects/SIGAR-21-21-SP.pdf
Wissenschaftliche Dienste Ausarbeitung Seite 337 WD 2 - 3000 - 062/21 Zwischen November 2009 und März 2013 liefert die italienische Firma Alenia 20 generalüberholte Aeritalia G.222-Transportflugzeugen (ähnlich der deutsch-französischen Transall der Luftwaffe) für die afghanische Luftwaffe an die Amerikaner aus. Zwischen August und September 2014 werden 16 davon, die in Kabul stationiert sind, aufgrund von Defekten und Fluguntauglichkeit ausgemustert und für nur 40.257 US-Dollar an einen lokalen Schrotthändler veräußert. Die restlichen vier gekauften und nicht in Dienst gestellten Maschinen verbleiben auf dem Luftwaffenstützpunkt Ramstein in Deutschland. 1270 Im Mai 2020 teilt das US-Justizministerium (DOJ) dem SIGAR mit, dass es zu keinem Straf- und Zivilverfahren im Zusammenhang mit dem gescheiterten G.222-Flugzeugprogramm kommen wird. Infolgedessen wird niemand für die Fehlallokation von 549 Millionen US-Dollar verantwortlich gemacht, die für den Erwerb und die Instandhaltung der zwanzig Transportflugzeuge angefallen sind. 9.1.2.1.2. Fallbeispiel #2: Uniformen 2007 wurden neue Uniformen für die afghanische Armee bestellt. Grund für den Wechsel war, dass die bisher standardisierte Uniform der afghanischen Armee, das US-amerikanische M81 „Woodland“-Tarnmuster, von Aufständischen auf dem freien Markt leicht gekauft werden konnte, was wiederum die Einschleusung von Innentätern erheblich vereinfachte. Darüber hinaus galt das Tarnmuster M81, das vorwiegend für europäische Waldgebiete entwickelt wurde, als Notlösung, denn in Afghanistan gibt es nur 2,1 Prozent Wald. Der afghanische Verteidigungsminister Wardak entschied sich ohne Ausschreibung, Feldprüfung oder sachliche Bewertung vor der Einführung für das kommerzielle, für bewaldete Gebiete entwickelte Tarnmuster „Spec4ce Forest“ der kanadischen Firma HyperStealth. Diese Entscheidung führte kurz darauf zur Vergabe eines Vertrages in Höhe von 93 Millionen Dollar für insgesamt 1,3 Millionen Uniformsätze. Jeder Satz kostete knapp 80 US-Dollar und war somit erheblich teurer als die Uniformen der 1271 Nationalpolizei (ca. 18 bis 25 Dollar in 2007) oder die des Grenzschutzes (ca. 55 US-Dollar pro Satz). 1270 Department of Justice (DoJ). 1271 Die Uniformen des afghanischen Grenzschutzes werden auch von der Firma HyperStealth geliefert. Vgl. Afghan Border Police Adopt Ghostex Pattern, 19. Oktober 2011, Soldier Systems Industry Daily, abgerufen am 28. Dezember 2021 unter https://soldiersystems.net/2011/10/19/afghan-border-police-adopt-ghostex-pattern/
Wissenschaftliche Dienste Ausarbeitung Seite 338 WD 2 - 3000 - 062/21 1272 Der Sondergeneralinspekteur für den Wiederaufbau Afghanistans (SIGAR) 1273 geht in seinem Bericht von einer Steuerverschwendung von ca. 27 bis 28 Millionen US-Dollar zwischen 2008 und 2017 aus. Dabei besaß die US-Regierung bereits Rechte an mehreren Tarnmustern, die 1274 von den US-Streitkräften nicht verwendet wurden , und von den afghanischen Sicherheitskräften kostenlos hätten genutzt werden können. Im Nachgang ergab eine Prüfung von sieben Tarnmustern, dass das gekaufte Muster von HyperStealth das teuerste und das in Afghanistan am 1275 1276 schlechtesten wirkende war. 9.1.2.2. Gesamtkosten Michael O'Hanlon, ein Verteidigungsanalyst der Brookings Institution schätzt die Gesamtkosten für die Stationierung eines einzelnen US-Soldaten in Afghanistan um das Jahr 2009 auf bis zu einer Million US-Dollar pro Jahr. Laut dem US-amerikanischen Verteidigungsministerium liegen 1277 die Kosten bei etwa der Hälfte. Todd Harrison, ein Finanzexperte vom Center for Strategic and International Studies kommt im Jahr 2013 zu dem Schluss, dass die Kosten pro Soldat bei 1,3 Millionen liegen, und dass Fixkosten von sechs Milliarden pro Jahr hinzukommen, ungeachtet der Mannstärke. Die Entsendung einer etwaigen Verstärkung von 5.500 US-Soldaten nach 1278 Afghanistan wird für das Jahr 2017 auf etwa 13 Milliarden US-Dollar taxiert. 1272 Special Inspector General for Afghanistan Reconstruction (SIGAR). 1273 Afghan National Army: DoD may have spent up to $28 million more than needed to procure camouflage uniforms that may be inappropriate for the afghan environment, Office of Special Inspector General for Afghanistan Reconstruction 20. July 2017, SIGAR-17-48-SP, 19 S., abgerufen am 28. Dezember 2021 unter https://www.sigar.mil/pdf/special%20projects/SIGAR-17-48-SP.pdf 1274 Aus taktischen Gründen, ist es wichtig, eigene von allierten Kräften leicht unterscheiden zu können. 1275 Afghan army picked the camo pattern most likely to get its troops shot and we paid for it, Tom Vanden Brook, 3. April 2019, USA Today, abgerufen am 28. Dezember 2021 unter https://eu.usatoday.com/story/news/poli- tics/2019/04/03/afghan-army-uniform-proves-most-expensive-ineffective-camouflage/3353993002/ 1276 Zu der erheblichen Kostenerhöhung hat, laut Fachpresse, auch der neue Schnitt vom Typ ACU (Army Combat Uniform) anstatt BDU (Battle Dress Uniform) beigetragen. Vgl. z.B. Afghanistan's Controversial Woodland Camouflage Pattern: Spec4ce Afghan Forest, Kanal Uniform History, YouTube, 30. Juni 2020, abgerufen am 20. Januar 2022 unter https://www.youtube.com/watch?v=UNBHYxhfZDY 1277 Calculating The Cost Of The War In Afghanistan, Mary Louise Kelly, 29. Oktober 2009, NPR, abgerufen am 29. November 2021 unter https://www.npr.org/templates/story/story.php?storyId=114294746 1278 Cashing In on the Decision to Keep U.S. Troops in Afghanistan, Kate Brannen, 30. Oktober 2010, abgerufen am 29. November 2021 unter https://foreignpolicy.com/2015/10/30/cashing-in-on-the-decision-to-keep-u-s-troops- in-afghanistan/
Wissenschaftliche Dienste Ausarbeitung Seite 339 WD 2 - 3000 - 062/21 Laut dem Costs of War -Projekt des Watson Institute for International and Public Affairs der US-amerikanischen Brown University haben die USA von der Invasion in Afghanistan im Jahr 1279 2001 bis zum Abzug im August 2021 etwa 2,3 Billionen US-Dollar für den Krieg ausgegeben. Diese Zahlen umfassen sowohl die Operationen in Afghanistan als auch in Pakistan. Weitere Kosten werden trotz Abzuges in den nächsten Jahren hinzukommen, vor allem Zinsen auf 1280 Anleihen und Betreuungskosten im Rahmen der Unterstützung von Veteranen. Die bisherigen Kosten der Veteranenbetreuung belaufen sich schon jetzt auf 233 Milliarden 1281 US-Dollar. Eine sehr hohe Anzahl von „Post-9/11“ Veteranen – heute 40 Prozent, in den 1282 kommenden Jahren über 50 Prozent – hat jedoch ein Anrecht auf lebenslange 1283 Invaliditätszahlungen, die die amerikanische Staatskasse mit 2,2 und 2,5 Billionen US-Dollar bis zum Jahr 2050 belasten dürfte. Diese Entwicklung ist schon heute spürbar: Die Ausgaben der US-Regierung für die Versorgung von Veteranen verdoppelten sich von 2,4 Prozent des Budgets im Fiskaljahr 2001 auf 4,9 Prozent des Budgets im Fiskaljahr 2020, obwohl die Gesamtzahl der 1284 lebenden Veteranen aller US-Kriege von 25,3 Millionen auf 18,5 Millionen sank. 9.2. Deutschland Nach Angaben der Bundesregierung beliefen sich die einsatzbedingten Zusatzausgaben für die Bundeswehr in Afghanistan von 2001 bis zum 31. August 2021 auf 12,3 Milliarden Euro. Hinzu 1279 Angabe nach amerikanischer Zählweise: $2.313 trillion oder 2.313,000,000,000. 1280 Costs of War, Watson Institute for International and Public Affairs, US-amerikanischen Brown University, August 2021, abgerufen am 23. November 2021 unter https://watson.brown.edu/costsofwar/figures/2021/hu- man-and-budgetary-costs-date-us-war-afghanistan-2001-2022 1281 Costs of War, Watson Institute for International and Public Affairs, US-amerikanischen Brown University, August 2021, abgerufen am 23. November 2021 unter https://watson.brown.edu/costsofwar/figures/2021/hu- man-and-budgetary-costs-date-us-war-afghanistan-2001-2022 1282 Das ist ungefähr die doppelte Inzidenz im Vergleich zu früheren Kriegen. Korea, Vietnam, Zweiter Golfkrieg bzw. Erster Irakkrieg von 1991. (Grund dafür sind: 1. die hohe Prävalenz von psychologischen und seelischen Verletzungen im Zuge der asymmetrischen Kriegführung und der Omnipräsenz der Gefahr, zum Beispiel durch Sprengfallen; 2. die Verbesserung des Körperschutzes der Soldaten zusammen mit den enormen Fortschritten der Notfallmedizin, die dazu führen, dass viele Verletzte, die früher nicht überlebt hätten, heute gerettet werden können. Allerdings erfolgt das Überleben nicht selten unter Inkaufnahme von Maßnahmen, wie Amputationen, die eine lebenslange medizinische und/oder sozialstaatliche Betreuung des Betroffenen nötig macht. A.d.R.) 1283 Angabe nach amerikanischer Zählweise: $2.2 - $2.5 trillion. 1284 The long-term costs of united states care for veterans of the Afghanistan and Iraq wars, Linda J. Bilmes, 18. August 2021, Costs of War –Project, Watson Institute for International and Public Affairs, Brown University, 19 S., abgerufen am 25. November 2021 unter https://watson.brown.edu/costsofwar/files/cow/imce/pa- pers/2021/Costs%20of%20War_Bilmes_Long-Term%20Costs%20of%20Care%20for%20Vets_Aug%202021.pdf
Wissenschaftliche Dienste Ausarbeitung Seite 340 WD 2 - 3000 - 062/21 kommen noch Wiederaufbau- und Entwicklungshilfe in Höhe von etwa 5 Milliarden Euro (jeweils 1285 1286 zur Hälfte vom Auswärtigen Amt und vom Entwicklungsministerium getragen. 1285 12,5 Milliarden Euro für Bundeswehreinsatz, Kai Küstner, 17. April 2021 Tagesschau, ARD, abgerufen am 23. November 2021 unter https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/verteidigung-kosten-101.html 1286 Deutscher Afghanistan-Einsatz kostete über 17,3 Milliarden Euro, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5. Oktober 2021, abgerufen am 23. November 2021 unter https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/deutscher- einsatz-in-afghanistan-kostete-17-3-milliarden-euro-17569971.html (Bezahlschranke)