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Dieses Dokument ist Teil der Anfrage „Interne Weisungen & Dokumente zum Umgang mit Rassismus“
Identitäre Bewegung Gießen Die Facebook-Gruppe Identitäre Bewegung Gießen, die sich ebenso am 28. Oktober 2012 gegründet hat, existiert zwar noch, faktisch wurde jedoch von den BetreiberInnen seit dem 06. Dezember 2012 nichts mehr 58 gepostet. Lediglich zwei User haben auch in 2013 Beiträge gepostet (das letzte Mal im Juni 2013) . Insge- samt hat die Seite 65 ‚Likes‘. Inhaltlich positioniert sie sich in typischer Weise gegen „Multikulti- 59 Wahn[…]“ Dass im Landkreis Gießen gleich drei Gruppen der IB existieren, ergibt sich daraus, dass die IB in erster Linie ein Internetphänomen ist. Eine Facebook-Seite lässt sich ohne großen Aufwand einrichten. Auch ist die Gründung einer real existierenden lokalen Gruppe nicht notwendig. Für die Erstellung und Pflege eines sol- chen Facebook-Profils reicht die Aktivität einer einzigen Person. Der Vergleich der drei Gruppen lässt je- doch die Vermutung zu, dass ein solches Facebook-Profil v.a. dann Bestand hat, wenn es Anschluss an einen realen lokalen Personenkreis oder ähnlich ausgerichtete Strukturen hat. Wahrscheinlich ist dieser Faktor auch bedeutsam für die Frage nach der (zukünftigen) Relevanz der IB in der Bundesrepublik. Auch wenn aus den Gruppen der IBD keine relevante politische Praxis hervorgehen sollte, so sollte das Phänomen nicht ignoriert werden. Durch das Aufgreifen von in der Gesellschaft weit verbreiteten ressentimentbeladenen Denkweisen und Stimmungen, welche die IB, nicht ganz ungeschickt, in moderate und modernisierte Ausdrucksformen packt, stellt die IB auch als Internetphänomen eine Gefährdung demokratischer Grundwerte dar. 3. Black-Metal-Label und Online-Shop Supremacy through Intolerance Mit dem Online-Shop Supremacy through Intolerance (STI) existiert im Landkreis Gießen ein Musikprodu- zent und Versandhändler, der Anhänger des Musik-Genres Black Metal (BM) bedient. Die Produktionen und das Verkaufsangebot zeigen, dass es sich um einen BM-Shop handelt, der neonazistischen Bands ein Forum bietet und für die Verbreitung von extrem menschenverachtenden Gedankenwelten Mitverantwortung trägt. Die schwerpunktmäßige Ausrichtung auf extrem rechten BM brachte STI einen Eintrag im hessischen Ver- 60 fassungsschutzbericht von 2010 ein. Warum der Versandhandel im Folgejahr nicht mehr erwähnt wird, ist angesichts der Ergebnisse der hier vorgelegten Analyse unverständlich. Kurz vor Redaktionsschluss fanden Hausdurchsuchungen bei STI sowie einigen seiner KundInnen statt, bei denen mehr als 2.000 Tonträger beschlagnahmt wurden. Die Ermittlungen wegen illegaler Verbreitung von volksverhetzenden und gewalt- 61 verherrlichenden Tonträgern wurden aufgenommen. Was ist Black Metal? Um die Entstehung des extrem rechten Flügels im BM verstehen und einordnen zu können, wird hier zu- nächst die Geschichte des Musik-Stils knapp skizziert. Black Metal (BM) ist eine Musikrichtung, die in den 62 1980er Jahren als „eine der extremsten Spielarten des Heavy Metal“ entstand. Schnelle Gitarrenriffs, trei- bende Schlagzeugrhythmen und kreischender Gesang charakterisieren die Musik. Daneben zeichnet sich der 58 Siehe: https://www.facebook.com/pages/Identit%C3%A4re-Bewegung-Gießen/398199383581672? fref=ts (Stand 13.07.2013). 59 Siehe: ebd.; Eintrag vom 09.11.2012 (Stand 13.07.2013). 60 Vgl. Hessisches Ministerium des Innern und für Sport (2011): Verfassungsschutz in Hessen. Bericht 2010, 106. 61 Vgl. „Schlag gegen Handel von Nazi-Musik“, in: Gießener Allgemeine vom 22.08.2013; siehe auch: http://www.giessener-allgemeine.de/Home/Stadt/Uebersicht/Artikel,-Schlag-gegen-Handel-mit-Nazi-Musik- _arid,441067_regid,1_puid,1_pageid,113.html (Stand: 24.08.2013). 62 Lohmann, Johannes/Wanders, Hans (2002): Evolas Jünger und Odins Krieger. Extrem rechte Ideologien in der Dark- Wave- und Black-Metal-Szene, in: Christian Dornbusch/Jan Raabe: Rechtsrock, Bestandsaufnahme und Gegenstrate- gien, Münster, 269. 78
BM durch eine bestimmte inhaltliche Ausrichtung und eine martialische Ästhetik (insbesondere durch ‚war paint‘ – Kriegsbemalung und/oder ‚corpse paint‘ – Leichenbemalung sowie Attribute wie schwarze Klei- dung, Patronengurt, Nieten und historische Waffen) aus. Der extrem rechte US-amerikanische Dark-Wave- Musiker Michael Moynihan beschreibt BM folgendermaßen: „Black Metal bedient sich des extremen Heavy 63 Metal und zerreißt ihn zu giftigen, scharfkantigen Splittern hörbaren Hasses“ . Thematisch unterscheidet sich der BM von anderen Heavy Metal-Richtungen durch satanistische, okkultistische und antichristliche Inhalte. Während dieses Image von Bands der ersten Generation (bspw. die Namensgeber des BM Venom sowie Slayer oder Possessed) auch immer wieder ironisch gebrochen wurde, so fehlte diese Selbstironie den sich radikalisierenden Nachfolgern. Den Ausgangspunkt dieser sich Anfang der 1990er Jahre etablierenden zweiten Generation bildeten die nor- wegischen Bands Mayhem, Burzum, Emperor und Immortal: „Sie versuchten zu leben, wovon sie sangen. Sie wollten das absolut ‚Böse‘ verkörpern. ‚Böse‘ bedeutete nicht nur die Verehrung der Negation des ‚christlich 64 Guten‘ – des Satans – sondern allgemein der positive Bezug auf Hass, Gewalt, Krieg und Tod.“ Menschen- verachtung und Geringschätzung des Lebens sind seitdem zentrale Merkmale des BM. Dass es sich hierbei nicht immer nur um ‚Kunst‘ handelt, sondern daraus durchaus blutige Realität werden kann, haben Kristian (Varg) Vikernes (Burzum) aus Norwegen sowie die Band Absurd um Hendrik Möbus aus Deutschland 1993 gezeigt: Vikernes tötete mit über 20 Messerstichen seinen ehemaligen Weggefährten Øystein (Euronymous) 65 Aarseth (Sänger der Band Mayhem) ; Möbus ermordete gemeinsam mit seinen Bandkollegen Sebastian Schauseil und Andreas Kirchner den 15-jährigen Schüler Sandro Beyer. Durch diese Taten erhielten beide Bands Kultstatus in weiten Teilen der BM-Szene. Die BM-Fans dieser zweiten Generation hielten den Tätern zugute, „nicht nur über Satanismus, Hass und Mord zu singen, sondern den Worten auch Taten folgen zu 66 lassen.“ Beide Beispiele zeigen, dass die den BM charakterisierenden Inhalte aufgrund ihrer menschenverachtenden, ‚das Böse‘ und den Tod verherrlichenden Grundhaltung kompatibel mit extrem rechtem Gedankengut sind. Menschenverachtung, das offene Bekenntnis zu Intoleranz, die strikte Ablehnung demokratischer Werte und der positive Bezug zum Elitarismus sind in dieser Szene weit verbreitet. Zur nochmaligen Veranschaulichung ein Zitat von Varg Vikernes: „Menschliche Wesen sind wertlos und dumm. Sie sollten nicht denken. Sie sollten einem Gott oder Führer folgen. Ich unterstütze alle Diktaturen, Hitler, Stalin, Ceaucescu … und ich will selbst Diktator von Skandinavien werden. Ich bin ein Wikinger; man erwartet von uns, dass wir kämp- 67 fen. Make war, not love“ . So verwundert es kaum, dass Vikernes nach seiner Verhaftung die extrem rechte völkisch-heidnische Organisation Allgermanische Heidnische Front (AHF) gründete. Bei dem 1998 gegrün- 68 deten deutschen Ableger der AHF, der Deutschen Heidnischen Front (DHF) , die offen den Nationalsozia- 69 lismus glorifizierte, war Hendrik Möbus ‚Reichsführer‘. Das Beispiel AHF/DHF zeigt die Kompatibilität der den BM begründenden antichristlichen Grundhaltung mit heidnischen Mythen und völkischen Vorstel- lungen vom ‚Germanischen‘ bzw. einer ‚arischen Rasse‘. Ebenso verbreitet ist die Kombination des Anti- christlichen mit Antijudaismus. Antisemitische Inhalte sind im BM vermutlich auch aus diesem Grund weit verbreitet. 63 Michael Moynihan, zitiert nach: Fromm, Rainer (2003): Genese der Black Metal-Subkultur und des Neosatanismus in der Rockmusik, in BPjM-Aktuell, H. 4, 7. Siehe: http://www.bundespruefstelle.de/ bpjm/redaktion/PDF- Anlagen/bpjm-aktuell-genese-der-black-metal-subkultur-und-neosatanismus-in-der-rockmusik-aus-04- 03,property=pdf,bereich=bpjm,sprache=de,rwb=true.pdf (Stand: 15.07.2013). 64 Lohmann/Wanders a.a.O., 298. 65 Zudem beteiligte sich Vikernes bei einigen der über 30 Kirchenbrände in Norwegen Anfang der 1990er Jahre sowie an Grabschändungen. 66 Dornbusch, Christian/Killguss, Hans-Peter (2005): Unheilige Allianzen. Black Metal zwischen Satanismus, Heidentum und Neonazis, Münster, 148. 67 Varg Vikernes, zitiert nach: Lohmann/Wanders a.a.O., 298. 68 Laut Wikipedia-Eintrag sei die Organisation nach Eigenangaben seit 2005 nicht mehr aktiv (vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Heidnische_Front, Stand: 15.07.2013). 69 Vgl. Dornbusch/Killgus a.a.O., 158. 79
Was ist NSBM? NS-Black-Metal (NSBM) ist zum einen eine Selbstbezeichnung extrem rechter, den Nationalsozialismus (NS) und/oder die Shoa verherrlichender BM-Bands. Zum anderen kennzeichnen jedoch auch KritikerInnen bzw. AntifaschistInnen – unabhängig von der Eigenbezeichnung – BM-Bands mit extrem rechten Bezügen und Inhalten als NSBM. NSBM-Bands stellen die BM-typische Terminologie von Zerstörung, Krieg, Hass, Apokalypse und dem Antichristlichen in einen pro-nazistischen Kontext. Die Grenzen zwischen ‚unpoliti- schen‘ BM- und NSBM-Bands sind fließend. Das Internetportal Netz-gegen-Nazis.de charakterisiert NSBM folgendermaßen: "Die NS-Zeit wird okkult-esoterisch verklärt. Nordische Mythologie und Blut-und-Boden- Ideologie spielen eine wichtige Rolle und werden zu einem Konstrukt der ‚arischen Vorherrschaft‘ zusam- mengefügt. Die Attribute dieser Philosophie sind Stärke und Härte, der oder das Schwache gilt als minder- wertig. Aber auch allgemeine Misanthropie ist ein wichtiges Merkmal. Die anti-kirchliche, anti-christliche Haltung bestimmter Metal-Subkulturen wird übernommen. Gleichzeitig werden Elemente aus dem Germani- schen Neuheidentum (Asatru) entlehnt und zu einer rechtsextremen Ideologie der starken Germanen bzw. Arier, denen die Herrschaft über die Christen und alle anderen Menschen zusteht, vermengt." Schwarze Sonne Sinnbildlich für das Bekenntnis zum NS steht die Verwendung der Schwarzen Sonne. Das Symbol, das als zwölfarmiges Hakenkreuz oder als Rad aus zwölf Sig-Runen gedeutet werden kann, taucht im BM 70 immer wieder auf. Der SS diente die Schwarze Sonne als „Sinnbild einer nordisch-heidnischen Religion und eines vorgeblich uralten geheimen Wissens“ . Das Symbol ist kein historisches, germanisches Symbol, wie 71 gerne von rechten Kreisen behauptet wird, sondern ein von der SS geschaffenes Kunstsymbol. In der SS-Kultstätte Wewelsburg ist das Symbol als Mosaik im Boden des ‚Obergruppenführersaals‘ eingelassen. Erst nach 1945 wurde es als Schwarze Sonne bezeichnet. Das Symbol ist nicht verboten und wird daher in der Neonaziszene gerne als Ersatz für das verbotene Hakenkreuz verwendet. Charakterisierung von Supremacy through Intolerance Der Plattenproduzent und Vertrieb STI tritt mit einer eigenen Homepage und einer Facebook-Seite als Internet-Shop auf. Bereits der Name (dt.: Vorherrschaft durch Intoleranz) zeigt die für den BM typische menschen- verachtende, demokratiefeindliche Haltung an. STI steht jedoch nicht nur für diese den BM kennzeichnende Grundhaltung. Durch die Verwendung der Schwarzen Sonne (siehe Kasten) im Logo des Shops wird der Bezug zum NS hergestellt (Abb. 9). Damit wird bereits deutlich, dass es sich hier nicht um einen unpolitischen BM-Versand handelt. Die eingehende Betrachtung der Veröffentlichungen und des Verkaufsangebots bestätigt, dass es sich bei STI um ein Label und einen Online-Shop handelt, dem deutliche Bezüge zum NSBM nachgewiesen werden können. Abb. 9: Logo des Internet- Shops Supremacy through Intolerance. 70 Die Sig-Rune (ϟ) geht zurück auf das von dem völkischen Autor Guido von List erfundene Runenalphabet (das er „Armanenfuthark“ nannte). Zum Bedeutungsgehalt der Sig-Rune erklärte von List in seinem Buch Das Geheimnis der Runen von 1907: „sal und sig (Heil und Sieg)! Dieser vieltausendjährige urarische Gruß- und Kampfruf... ist in der ‚Sig-Rune‘ (Siegrune), dem elften Zeichen des Futharks zum Symbol geworden: Der Schöpfergeist muss siegen!“ Im Nationalsozialismus wurde die Sig-Rune zum politischen Symbol: Neben dem Deutschen Jungvolk verwendete die SS die Sig-Rune. In der Bundesrepublik ist die Verwendung des Symbols strafbar. 71 Kulick/Staud 2009: 277. 80
Supremacy through Intolerance als Musikproduzent Im Folgenden werden beispielhaft drei Bands vorgestellt, deren Tonträger STI veröffentlicht. Weitere Bei- spiele finden sich in einer ausführlicheren Dokumentation im Anhang an diesen Aufsatz (S. 88-90). Hinsichtlich der Produktionen des Labels sticht insbesondere die NSBM-Band Eisenwinter aus der Schweiz hervor. STI veröffentlicht seit 2007 Tonträger der Band, der positive Bezüge zum NS nachgewie- sen werden können. So widmet Eisenwinter bspw. das Demotape Reichswinter von 1999 „with pride to the uprising helvetic Aryan Black Metal – resistance! Sieg Heil to the Kameraden from Tarihan, Helvete, 72 73 Hordak, Diviko [? ]! 88 !“ (Abb. 10). Auch eine Split- 74 Veröffentlichung von 2001 mit der hessischen NSBM-Band Aryan Blood verdeutlicht den positiven NS-Bezug von Eisenwinter (Abb. 11). Abb. 10: Inlet der MC Aryan Blood sind auf dieser Split-Platte mit einer Rock-Version des Eisenwinter: Reichswinter HJ-Liedes Unsere Fahne flattert uns voran vertreten. Dazu passend enthält das Begleitheft ein Zitat des verurteilten Rechtsterroristen Manf- red Roeder. Hakenkreuzverwendungen und Plattentitel wie Verkom- men, entartet und verreckt (2007) oder Armee der arischen Untoten (2012) sowie Songtitel wie Auschwitzer Grimmigkeit legen nahe, dass Eisenwinter von der nationalsozialistischen Ideologie und Vernichtung fasziniert ist. Zwischen Eisenwinter und STI scheint eine enge Freund- schaft zu bestehen. Über den STI-Betreiber sagt die Band, dass dieser 75 „schon fast zu EW [Eisenwinter, Anm. d. Verf.]“ gehöre. Adoria aus Österreich können ebenso dem NSBM zugerechnet werden. Abb. 11: Cover der Split-Platte Im Bandlogo findet sich eine Schwarze Sonne. STI veröffentlichte die Aryan Blood/Eisenwinter. 76 MC Für Was Wir Stehen…, die u.a. das Demo Germaniens Stimme von 2011 beinhaltet (Abb. 12). Auf diesem befindet sich, neben dem Cover- song Für Germanien von Absurd, auch eine Cover-Version des Titels Lenker der Schlacht der als kriminelle Vereinigung verbotenen Neona- ziband Landser, deren Mitglieder sich selbst als „Terroristen mit E- Gitarre“ bezeichnen. Daneben befinden sich Songs wie Germaniens Werwölfe oder Heil dir, mein Vaterland. In letztgenanntem Song besin- gen die Österreicher ihren Stolz, deutsch [!] zu sein. Neben Bands aus dem angrenzenden Ausland produziert STI auch Tonträger von Bands aus anderen Kontinenten (insbesondere aus Australien, den USA und Kanada). Abb. 12: Cover Adoria: Germaniens Stimme 72 Der Bandname ist aufgrund des verwendeten Schrifttyps schwer zu entziffern. Die Band könnte auch Viviko, Didiko o.ä. heißen. 73 Die Zahl ‚88‘ ist ein gängiger Zahlencode in der Neonaziszene. Die Zahl 8 steht für den 8. Buchstaben im Alphabet, das H. Der Code steht für HH, ‚Heil Hitler‘. 74 Die Split-Veröffentlichung Aryan Blood/Eisenwinter ist nicht bei STI erschienen. 75 Siehe Eisenwinter-Interview: http://sturmglanz.de/bands146.php (Stand 07.08.2013). 76 MC steht für Music Cassette. 81
STI unterstützt jedoch auch regionale Gruppen. So kündigt STI derzeit an, das Demo der hessischen Band Grabschänder (aus Weimar/Lahn) mit dem Titel Masturbation Of The Undead als Vinylplatte zu veröffentli- 77 chen . Die Band verherrlicht mit ihren Alben (bspw. Leichenduft oder Verfaultes Fleisch), Songtiteln und Platten-Covers Tod, Leichen und Verwesung. Auf dem Album Mas- turbation Of The Undead befindet sich jedoch auch ein Lied, das den Titel Leichenzug der Totenkopfdivision trägt. Damit bezieht sich die Band positiv auf die SS. So verwundert es auch nicht, dass Grab- schänder eine Split-Platte unter dem Titel Vereint im Glauben, ver- eint im Kampfe mit den hessischen Bands Hati und Katharkh veröf- 78 fentlicht hat (Abb. 13). Hati führt ein Keltenkreuz im Schriftzug und muss als extrem rechte Band eingestuft werden. Auf die Frage, was Grabschänder-Bandmitglied Seigor (der zugleich auch Mitglied bei Hati ist) vom NSBM hält, antwortet dieser in einem Interview: „Dass der NS Black Metal so nieder gemacht wird, ist einzig und allein auf die Vergangenheit von Deutschland zurückzuführen. In keinem anderen Land der EU ist das so extrem. Mehr will ich dazu 79 auch nicht sagen, da dieses Thema mir zum Hals raus hängt.“ Abb. 13: Cover der Split-Platte Hati/Katharkh/Grabschänder. Supremacy through Intolerance als Vertrieb 80 Neben den eigenen Produktionen verkauft STI zahlreiche Veröffentlichungen anderer BM-Bands. Eine ein- gehende Betrachtung des Verkaufsangebots verdeutlicht, dass STI mehrere dutzend Bands aus dem In- und Ausland vertreibt, die dem NSBM zuzuordnen sind oder zumindest extrem rechte Denkmuster vertreten. Texte, Layout sowie Lied- und Albentitel von Bands wie bspw. Totenburg (Gera), Der Stürmer (Athen) (Abb. 14/15), Holocaust Storm (Krakau), Wolfnacht (Korfu) (Abb. 16/17), Aryan Blood (Hessen), Eugenik (Thüringen), Sunwheel (Warschau) (Abb. 18) sind geprägt durch NS- und Holocaust-Verherrlichung, Ras- sismus und eliminatorischen Antisemitismus. Zahlreiche weitere Bands aus dem Verkaufsangebot von STI sowie ausführlichere Beschreibungen befinden sich im Anhang an diesen Aufsatz (S. 88-90). Abb. 14: Inlet der MC Der Stürmer: Europa erwache. Abb. 15: Cover der Platte Der Stürmer: Transcedental Racial Idealism. 77 Siehe: http://shop.supremacy-through-intolerance.org/ (unter Label-News, Stand 07.08.2013). 78 Das Keltenkreuz steht in der extremen Rechten weltweit für die ‚Vormachtstellung der weißen Rasse‘. Die öffentliche Verwendung des ‚White-Power-Symbols‘ ist seit 2008 strafbar. 79 Siehe: http://www.oocities.org/de/damned_child_666/Interviews/grabschaender.htm (Stand 07.08.2013). 80 Nach der Hausdurchsuchung bei STI (20.08.2013) hat der Vertrieb zahlreiche der hier genannten Produkte aus dem Verkaufsangebot genommen. 82
Abb. 16: Wolfnacht. Abbildung 17: Abb. 18: Logo von Sunwheel. Cover der MC Wolfnacht: Blut und Ehre. Dass sich im Black Metal so viele Bands mit extrem rechter Ausrichtung finden lassen, wird an einer Aussa- ge von ‚Skatval‘ von Nordreich deutlich: „Für mich bedeutet Black Metal Krieg gegen alles Fremdartige, Kranke, Schwache und Falsche, welches versucht mein Volk, mein Land und meine Kultur zu blenden und 81 zu vergiften“ . Die NSBM-Band Wehrhammer aus Oberhausen äußert sich in ähnlicher Weise: „Wehrham- mer ist Black Metal, eine alles hassende Form der Kriegsmusik. […] Wehrhammer ist wahr und wird niemals ein Trend sein, denn Hass ist rein und nur den erlesenen Kriegern gewidmet, die für die Zerstörung leben. 82 Heil Black Metal!“ Dass dieser Hass nicht willkürlich ist, sondern sich in völkischer Weise artikuliert, wird im Nachsatz deutlich: „ich denke, dass wir Deutschen die eigentliche ‚Herrenrasse‘ sind. Wir sind ein starkes 83 Volk mit starken Kriegern und klugen Köpfen“ . Dass der Vertrieb STI sehr genau weiß, was er verkauft, wird daran deutlich, dass einige Bands unmissver- ständlich als NSBM bezeichnet werden. Jedoch nicht alle Bands mit eindeutigem NS-Bezug oder antisemiti- schen, rassistischen Einstellungen werden als solche gekennzeichnet. Während bspw. die griechische NSBM- Band Der Stürmer nur als „Elite Black Metal“ oder Wolfnacht schlicht als „Pure Black Metal“ angepriesen 84 werden, werden ebenso eindeutige Bands wie Galgenberg (Polen), Blutrache (Sachsen-Anhalt) oder Flammentod (Hessen) als das beschrieben, was sie sind: NSBM. Explizit wird die Zustimmung von STI zu extrem rechten Denkweisen auch in der Beschreibung des NSBM-Fanzines Der Blutadler. Auf seiner Face- book-Seite wirbt STI: „Deutsches Black Metal Heft für Freunde der politisch inkorrekten Unterhaltung! Zwiegespräche mit Eisenwinter, Totenburg, Vogelsang, Paganblut und Feuernacht auf 42 DinA4-Seiten. 85 86 Limited auf 88 handnummerierte Exemplare!“ An der Art und Weise, wie STI Aufnäher der Band Ampü- tator bewirbt, wird darüber hinaus deutlich, dass auch im BM rechtsextreme und neonazistische Einstellun- gen mit antifeministischen Denkweisen einhergehen. Auf dem Facebook-Profil von STI heißt es: „support 87 the war against feminism, buy ampütator patches“ . Auch wenn die SzeneanhängerInnen selten politisch aktiv werden oder ihrem Gedankengut Taten folgen lassen, so sollte die Wirkung der Texte und Musik auf ihre Fans nicht unterschätzt werden. Die Friedhofs- 81 Skatval, zitiert nach: Dornbusch/Killguss 2005: 184. 82 Thorsten Kunz, zitiert nach: Dornbusch/Killguss 2005: 190. 83 Ebd. 84 Die Band gründete Absurd-Mitglied Sebastian Schauseil 2004 nach seiner Haftentlassung. 85 Die Limitierung auf 88 Exemplare ist kein Zufall, steht die 88 in Neonazikreisen für HH (Heil Hitler); siehe auch Fußnote 73. 86 Siehe: https://www.facebook.com/pages/Supremacy-Through-Intolerance/166608836748972?fref =ts; Eintrag vom 14.03.2012 (Stand 07.08.2013). 87 Siehe https://www.facebook.com/pages/Supremacy-Through-Intolerance/166608836748972?fref=ts Eintrag vom 24.02.2012 (Stand 07.08.2013). 83
schändungen um die Jahreswende 2011/12 im Landkreis Gießen, bei der umgedrehte Kreuze und Haken- kreuze auf Grabsteine gesprüht würden, könnten von Anhängern der BM-Szene stammen; die szenetypische Kombination von Antichristlichem mit der Verherrlichung des NS finden sich in dieser Deutlichkeit in kaum einem anderen rechtsextremen Spektrum. Die Gefahr, dass die teilweise extrem menschenverachtenden Tex- te Einstellungen verfestigen und daraus schwerwiegendere Taten folgen können, besteht selbstverständlich. 4. Burschenschaft Dresdensia Rugia zu Gießen Mit der Homepage und Facebook-Seite der Dresdensia-Rugia zu Gießen (DR) ist zudem auch eine extrem rechte Burschenschaft in der virtuellen Welt Gießens vertreten. Die 1951 wiedergegründete Burschenschaft ist eine so genannte pflichtschlagende Studentenver- bindung , die in der extrem rechten Dachorganisation Was ist die Deutsche Burschenschaft (DB)? 88 Deutsche Burschenschaft (DB) organisiert ist. Mit dieser teilt sie die Losung „Ehre, Freiheit, Vaterland“. Die Deutsche Burschenschaft (DB) ist ein Klickt man auf die Homepage der DR wird man mit Dachverband von Studentenverbindungen am eben diesen Worten begrüßt, die, so heißt es weiter rechten Rand des Korporationswesens. Derzeit gehören der 1881 gegründeten DB siebzig 90 auf der Startseite, „[f]ür uns keine Phrase, sondern 89 Burschenschaften aus Deutschland und Öster- täglicher Auftrag – heute mehr denn je!“ darstellen. reich an. Bereits ab 1920 beteiligte sich die DB an der völkischen Bewegung. Im gleichen Jahr Überregional bekannt wurde die DR 2004, als die beschloss sie, keine Juden aufzunehmen. Die NPD mit zwölf Abgeordneten in den sächsischen Machtübergabe an die Nazis wurde von der Landtag einzog: Einer von ihnen war Jürgen W. Gan- Führung der DB begrüßt, weswegen sie nach sel, ‚Alter Herr‘ der DR. Gansel, der in Gießen und 1945 von den Alliierten verboten wurde. 1950 Marburg studierte, radikalisierte sich während seiner wurde dieses Verbot aufgehoben, sodass sich Zeit als aktiver Bursche in der DR und trat in die NPD die DB wiedergründen konnte. ein. Er bekleidete zahlreiche Spitzenpositionen auf Sie vertritt bis heute völkisch-nationalistische, Landes- und Bundesebene der NPD, gilt als Chefideo- gebietsrevanchistische, geschichtsrevisionisti- loge der Partei und wird vom hessischen Landesamt sche sowie sexistische Positionen. Nach dem für Verfassungsschutz als Neonazi eingestuft. Gan- 92 Austritt von zahlreichen Burschenschaften seit 2008 können mindestens zwei Drittel der DB- sel ist nicht der einzige Burschenschafter der DR, der Verbindungen (aufgrund ihrer Kontakte, Akti- NPD-Mitglied ist (oder war): Auch der sächsische vitäten und Einstellungen) als extrem rechts NPD-Landtagsabgeordnete Arne Schimmer und der bezeichnet werden. Der Versuch, einen „Arier- ehemalige Bundesvorsitzende der Jungen National- paragraphen“ (der vorsieht, dass nur so ge- 93 demokraten (JN), Stefan Rochow , durchliefen die nannte ‚Volksdeutsche‘ Mitglied in einer DB- verschiedenen Stadien burschenschaftlicher Sozialisa- Verbindung werden dürfen) einzuführen, tion in der DR. Mit Michael Hahn befindet sich auch scheiterte nur knapp. 91 ein Vorstandsmitglied des Landesverbandes der NPD 88 Eine ‚schlagende‘ Studentenverbindung führt Mensuren (streng reglementierte Fechtkämpfe) durch, in dem sich zwei Duellanten messen. Es geht allerdings weniger um das Gewinnen, als vielmehr „darum, dass die Schlagenden […] Schmerz und Angst aushalten lernen und symbolisch ‚stehen bleiben‘“ (Schuld, Karsten [2010]: Burschenschaften – Bildungseinrichtungen einer heteronormativen, soldatischen Quasi-Elite, in: Robert Claus/Esther Lehnert/Yves Müller [Hrsg.]: „Was ein rechter Mann ist…“. Männlichkeiten im Rechtsextremismus, 192). Über die Mensur soll der einzel- ne Bursche stärker an die Gemeinschaft, den Lebensbund, gebunden werden. Geprüft werden soll dabei, ob der Einzel- ne – unter Inkaufnahme von Narben – dazu bereit ist, für die Gemeinschaft einzustehen. Wer ‚Manns genug ist‘ diese Prüfung zu bestehen, wird in den elitären Kreis aufgenommen. „[A]uf dem Mensurboden, im Angesichte des Gegen- paukanten trennt sich schlussendlich die Spreu vom Weizen“ (http://b-dresdensia-rugia.de/pages/dresdensia- rugia/mensur.php, Stand: 16.08.2013). 89 Siehe: http://www.dresdensia-rugia.de/ (Stand: 15.08.2013). 90 Erst seit 1902 trägt sie ihren heutigen Namen. 91 Siehe: http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/rechtsruck-im-dachverband-burschenschafter-hetzen-gegen-nicht- arier-a-781273.html (Stand: 16.08.2013). 84
Niedersachsen auf der Liste der ‚Alten Herren‘. Darüber hinaus bietet die DR nicht nur NPD-Mitgliedern, sondern auch Personen aus anderen Teilen der extremen Rechten ein Zuhause. So ist bspw. auch ein Mitglied der Lumdataler Neonazi-Szene aktives Mitglied der DR. DR-Mitglied Gansel sorgte im Januar 2005 für bundesweites Aufsehen: Nachdem die gesamte NPD-Fraktion den sächsischen Plenar-Saal verlassen hatte, um nicht an einer Gedenkminute für die Opfer des Nationalsozi- alismus teilzunehmen, bezeichnete Gansel die Bombardierung Dresdens im Februar 1945 als „Bomben- Holocaust“. Zudem negierte er einen Zusammenhang zwischen der Bombardierung der Alliierten und der 94 Machtübernahme der Nationalsozialisten bzw. dem Angriffskrieg der Deutschen. Der Aufruf zum Geden- ken „der Opfer des Dresdenerbombenterrors [sic!]“ auf der Facebook-Seite der DR legt nahe, dass Gansels 95 Perspektive auch 2013 in der DR konsensfähig zu sein scheint. Dass die DR zahlreiche NPD-Mitglieder hervorgebracht hat und sich in ihren Reihen weitere Personen aus der extremen Rechten finden, ist kein Zufall. Ein Blick auf die Geschichte sowie die Analyse der Internetprä- senz der DR zeigen, dass die Studentenverbindung zum extrem rechten Rand des Verbindungswesens ge- 96 hört. Das Selbstverständnis auf der Homepage der DR verdeutlicht die reaktionäre, antidemokratische und 97 völkisch-nationalistische Ausrichtung der Burschenschaft. Dies wird bspw. in der einseitigen und diffamie- 98 renden Darstellung der Französischen Revolution als „blutige Revolution“ deutlich. Es wird ein direkter Zusammenhang hergestellt zwischen der Losung „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ und der Phase des 99 Grande Terreur. Hieran wird deutlich, welche Skepsis, respektive Ablehnung, die DR Demokratie und Menschenrechten entgegenbringt. Dieser Ablehnung stellt sie die „Sehnsucht nach einem Leben im Einklang 100 mit der Schöpfung, nach Rechtssicherheit und Geborgenheit in der alten Reichseinheit“ als positives Ideal, das sich im Wahlspruch „Ehre, Freiheit, Vaterland“ ausdrücke, gegenüber. Die völkisch-nationalistische Geisteshaltung der DR wird auch in Äußerungen zum kritischen Umgang mit dem Nationalsozialismus deutlich. Obwohl die DR formuliert, dass sie sich „zu allen Facetten unserer Ge- schichte“ bekenne, heißt es weiter: „Eine einseitige Geschichtsbetrachtung, wie sie sich beispielsweise im Terminus von der ‚Befreiung‘ niederschlägt, und den daraus resultierenden Schuldkult lehnen wir jedoch ab, da er zu nationalem Selbsthaß [sic!] führt und unsere Jugend ihrer Zukunft beraubt.“ Das heißt im Klartext: Auf eine kritische Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus und die sich daraus ergebende Beurteilung soll zugunsten eines positiven Nationalgefühls verzichtet werden. Die Bewertung des 08. Mai 1945 als Tag 101 der Befreiung vom Nationalsozialismus wird ebenso abgelehnt. Nicht nur diese Infragestellung, sondern auch die hier benutzte Terminologie („Schuldkult“ oder „nationaler Selbsthaß [sic!]“) und inhaltliche Argu- mentation sind typisch für die extreme Rechte. Auf der Homepage der NPD heißt es in ganz ähnlicher, je- doch zugespitzter Weise: „Wir Nationaldemokraten erteilen dem staatlich verordneten Schuldkult, der […] deutschen Selbsthaß [sic!], vor allem bei der Jugend, fördert, eine Absage. […] Zum Schutz der Ehre des deutschen Volkes sind das Ende der einseitigen Vergangenheitsbewältigung und die Freiheit von Forschung 92 Vgl. Hessisches Ministerium des Inneren und für Sport (2005): Verfassungsschutzbericht in Hessen. Bericht 2004: 81. 93 Rochow, der zudem im Bundesvorstand der NPD war, distanziert sich mittlerweile vom Rechtsextremismus. Von der DR wurde er bereits 2005 aufgrund interner Streitigkeiten (nicht aufgrund seiner politischen Ausrichtung!) ausge- schlossen. 94 Siehe: http://www.zeit.de/2005/04/npdsachsen (Stand: 15.08.2013). 95 Vgl. Eintrag vom 13.02.2013; siehe: https://www.facebook.com/dresdensia.rugia?fref=ts (Stand: 16.08.2013). 96 Eine ausführliche Darstellung der DR findet sich in: AStA der JLU Gießen (Hrsg.) (2013): Verbindungen kappen! Studentische Verbindungen in Gießen zwischen Konservatismus und der extremen Rechten. Ein Buch über die Deut- sche Burschenschaft und ihren Mitgliedsbund Dresdensia-Rugia, Gießen. 97 Siehe: http://b-dresdensia-rugia.de/pages/dresdensia-rugia/selbstverstaendnis.php (Stand: 15.08.2013). 98 Ebd. (Stand 15.08.2013) 99 Grande Terreur wird die Phase der Französischen Revolution im Juni/Juli 1794 bezeichnet. Sie stellt den Höhepunkt der seit Juni 1793 andauernden so genannten Schreckensherrschaft (anfangs angeführt von Georges Danton, später von Maximilien de Robespierre) dar. Mehrere tausend Personen, die im Verdacht standen, mit der Revolution nicht einver- standen zu sein, wurden durch die Guillotine umgebracht. 100 Siehe: http://b-dresdensia-rugia.de/pages/dresdensia-rugia/selbstverstaendnis.php (Stand: 15.08.2013). 101 Dies wird auch in einem Facebook-Eintrag vom 07.05.2013 deutlich; siehe: https://www.facebook.com/dresdensia.rugia?fref=ts (Stand: 22.06.2013; der Eintrag ist mittlerweile gelöscht). 85
und Lehre notwendig […]. Der 8. Mai 1945 war kein Tag der Befreiung, sondern der Niederlage und Beset- 102 zung unseres Landes.“ Auch wenn die DR dieser ausbuchstabierten Perspektive nicht in Gänze zustimmen sollte, so ist die hier zitierte Passage aus dem Selbstverständnis zumindest kompatibel mit den Aussagen der NPD. Angesichts dessen, dass aus der DR gleich mehrere NPD-Mitglieder hervorgegangen sind, ist diese inhaltliche Nähe keine Überraschung. Der unkritische Umgang mit dem Nationalsozialismus zeigt sich auch an anderer Stelle im Selbstverständnis. Voller Stolz berichtet die DR darüber, dass „zahlreiche Burschenschafter auch im Zweiten Weltkrieg ihren 103 Mut [bewiesen hätten] und […] dafür mit höchsten Ehren ausgezeichnet“ wurden. Als Beispiel wird Eh- renfried Boege, ‚Bundesbruder‘ aus der Greifswalder Burschenschaft Rugia, angeführt. Boege war Oberbe- fehlshaber der 18. Armee der Wehrmacht und Träger des Ritterkreuzes des Eisernen Kreuzes mit Eichenlaub – eine Auszeichnung, die im Nationalsozialismus ein großes Ausmaß an Ansehen mit sich brachte und den Träger zum Helden stilisierte. Folgerichtig kommentiert die DR anerkennend die Aktion Deserteure sind keine Helden der Hamburger Burschenschaft Germania von Anfang Mai 2013, die sich gegen die Errichtung 104 eines Denkmals für Wehrmachtsdeserteure richtete. In der Rubrik ‚Burschenschaft‘ auf der Homepage der DR wird darüber hinaus unter ‚Erbe und Auftrag‘ verdeutlicht, in welcher Tradition die DR sich verortet. Nach dem Ersten Weltkrieg – in den „sämtliche wehrfähige Burschenschafter begeistert zogen“ – engagierten sich zahlreiche Burschenschafter während der Weimarer Zeit für den „Schutz des Deutschtums in den bedrohten Grenzlanden“ der „fortan oberste Priorität“ hatte. Hochmütig wird berichtet, dass viele Burschenschafter „im Landesinneren auf Freikorpsseite gegen 105 den kommunistischen Feind“ kämpften. Unerwähnt bleibt, dass Freikorps darauf abzielten, die Weimarer Republik mit Waffengewalt abzuschaffen und Vertreter der Arbeiterbewegung sowie jüdische Politiker er- mordeten. Dass sich die DR explizit in die Tradition der Freikorps stellt, wird auch an einem der ersten Pos- tings auf ihrer Facebook-Seite, die seit Oktober 2012 existiert, deutlich. Gezeigt wird eine historische Abbil- 106 dung, die Burschenschafter dazu auffordert, sich als studentische Freikorps zu betätigen (Abb. 19). Die Facebook-Seite veranschaulicht zudem, dass die DR dem poli- tischen Feind nach wie vor mit Hetze und Kampfansagen begegnet. Ein am 10.08.2013 geteilter Link führt zur Homepage Links- Enttarnt, die von Hans-Helmuth Knütter, einem Denker und Akteur der so genannten ‚Neuen Rechten‘, betrieben wird. Knütter, für den sich „Linksextremisten“ u.a. in Gewerkschaften und der evangeli- 107 schen Kirche tummeln , wird seit Jahren nicht müde zu behaup- ten, dass „die wirkliche Gefahr für die Verfassungsordnung der 108 Bundesrepublik Deutschland von der politischen Linken“ ausge- he. An anderer Stelle wird der Satz von Fußballprofi Mehmet 109 Scholl „Hängt die Grünen, solange es noch Bäume gibt“ zitiert. Während Scholl sich von seinem Ausspruch kritisch distanzierte, kann die Verwendung des Zitats durch die DR vor dem Hintergrund der Aggressivität dem politischen Opponenten gegenüber als Auf- Abb. 19: Aufruf zur Beteiligung von forderung zum Mord verstanden werden. Burschen in Freikorps von der Fa- cebook-Seite der Dresdensia Rugia. 102 Siehe: http://www.npd.de/html/1939/artikel/detail/1698/ (Stand: 15.08.2013). 103 Siehe: http://b-dresdensia-rugia.de/pages/dresdensia-rugia/selbstverstaendnis.php (Stand: 15.08.2013). 104 Vgl. Eintrag vom 04. und 06.05.2013; siehe: https://www.facebook.com/dresdensia.rugia?fref=ts (Stand: 16.08.2013). 105 Alle Zitate siehe: http://b-dresdensia-rugia.de/pages/dresdensia-rugia/selbstverstaendnis.php (Stand: 15.08.2013). 106 Vgl. Eintrag vom 30.10.2012; siehe: https://www.facebook.com/dresdensia.rugia?fref=ts (Stand: 16.08.2013). 107 Vgl. Speit, Andreas (2002): Ideologischer Brandstifter; siehe: http://www.taz.de/1/archiv/archiv- start/?dig=2002/10/22/a0256. 108 Siehe: http://www.links-enttarnt.net/?link=startseite (Stand: 15.08.2013). 109 Vgl. Eintrag vom 20.01.2013; siehe: https://www.facebook.com/dresdensia.rugia?fref=ts (Stand: 16.08.2013). 86
An der Facebook-Seite lässt sich rekonstruieren, in welchen aktuellen Diskursen sich die DR bewegt und welche Sichtweisen sie teilt. Die von 611 Personen gelikte Seite (Stand 17.08.2013) weist zahlreiche Bezüge ins rechtsextreme Lager auf. Fast täglich werden neue Einträge und Verlinkungen gepostet. Diese führen vorrangig zu Zeitungen und Internetportalen der ‚Neuen Rechten‘: die Junge Freiheit, Blaue Narzisse, Zu- 110 erst!, die vom Institut für Staatspolitik herausgegebene Sezession etc. Auf der Homepage der DR sind zudem die extrem rechte Burschenschaftliche Gemeinschaft (BG) und das verschwörungstheoretische Inter- net-Nachrichtenportal Kopp-online (des Kopp-Verlags) verlinkt. Neben der oben beschriebenen Diffamierung und Hetze den politischen Widersachern gegenüber finden sich weitere typische Themen der extremen Rechten im Facebook-Auftritt der DR. So wird bspw. rechtsextreme 111 Gewalt, wie sie der NSU ausübte, als „vermeintliche Gefahr“, die staatlich inszeniert sei, beschrieben. Angesichts der eigenen rechtsextremen Einstellung verwundert dies kaum. Diese wird u.a. durch (antimusli- 112 113 mischen) Rassismus bspw. in Form von Positionierungen gegen Moscheebauten und ‚Multikultur‘ , 114 gebietsrevisionistischen Forderungen und sexistischen/antifeministischen Aussagen deutlich. Die Geistes- haltung der DR zeigt sich auch in einer mittlerweile gelöschten Selbstcharakterisierung, in der die Mitglieder 115 sich als ‚konservative Rebellen‘ inszenieren: „Im Großen Steinweg darfst Du rauchen, trinken, Fleisch in rauen Mengen verzehren, ‚Neger‘ sagen, trinken und als Kuss sogar essen! Nur eins ist verboten: 116 Gendern!!!“ . Bewusst spricht sich die DR hier gegen eine vermeintliche Political Correctness (PC) aus, die in der Bundes- republik vorherrsche. In diffamierender Absicht werden in rechten Kreisen mit ‚PC‘ gesellschaftliche Dis- kussionen und (begriffliche) Errungenschaften bezeichnet, die unterschiedliche Diskriminierungsformen berücksichtigen bzw. für diese sensibilisieren wollen. Anknüpfend an die Anti-PC-Kampagnen der DB und der Jungen Freiheit zielt auch die DR darauf ab, Rassismus, Sexismus etc. als ‚Hirngespinste‘ abzutun und gesellschaftliche Ungleichheiten aufrechtzuerhalten. Deutlich wird diese Haltung auch in folgender Aussage vom 13.08.2013: „Die Burschenschaft Dresdensia-Rugia zu Gießen distanziert sich nachdrücklich von jed- weder Form der Diskriminierung. Um solch gefährlichen Entwicklungen in unserer, anscheinend nach wie vor unbelehrbaren Gesellschaft entschlossen entgegen zu treten, setzen wir uns weiterhin vehement dafür ein, dass auch in Zukunft nur deutsche, männliche Stundenten [sic!] Zugang zu unserem Lebensbund haben und somit Mobbing und Hass in unseren Reihen keine Grundlage geboten wird!! Wir werden es nicht zulassen, dass Frauen, Kerle in Frauenkleidern, Zugereiste und Andersbegabte Diskriminierung und heterogene Zwie- 117 tracht säen!“ Damit wird behauptet, dass sich gesellschaftliche Probleme aus jenen Entwicklungen ergä- ben, die tradierte Strukturen im Sinne von Emanzipation, individueller Freiheit, Gerechtigkeit und Partizipa- tion aufbrechen (möchten). Resümierend lässt sich anhand des Internetauftritts der DR festhalten: Die DR steht auch aktuell für reaktionäre, völkisch-nationalistische, elitäre, sexistische und damit auch antidemokra- tische Positionen. 110 Das Institut für Staatspolitik ist eine private Einrichtung, die 2000 von Götz Kubitschek und Karlheinz Weißmann (beide sind prominente Vertreter der ‚Neuen Rechten‘) gegründet wurde. 111 Vgl. Eintrag vom 24.02.2013; siehe: https://www.facebook.com/dresdensia.rugia?fref=ts (Stand: 16.08.2013). 112 Vgl. Eintrag vom 02.03.2013; siehe: https://www.facebook.com/dresdensia.rugia?fref=ts (Stand: 16.08.2013). 113 Vgl. Eintrag vom 05.02.2013; siehe: https://www.facebook.com/dresdensia.rugia?fref=ts (Stand: 22.06.2013; der Eintrag ist mittlerweile gelöscht). 114 So fordert die DR: „Das ganze Deutschland soll es sein!“ Mit dem „ganzen Deutschland“ meint die DR das Gebiet des Deutschen Reiches in den Grenzen von 1871. Vgl. Eintrag vom 18.01.2013; siehe: https://www.facebook.com/dresdensia.rugia?fref=ts (Stand: 16.08.2013). 115 Das Haus der DR befindet sich in dieser Straße. 116 Siehe Eintrag vom 15.05.2013; siehe: https://www.facebook.com/dresdensia.rugia?fref=ts (Stand: 22.06.2013; der Eintrag ist mittlerweile gelöscht). 117 Siehe Eintrag vom 13.08.2013; siehe: https://www.facebook.com/dresdensia.rugia?fref=ts (Stand: 17.08.2013) 87