WD 1 - 171/06 Fragen zu Antisemitismus, Antizionismus, Islamismus, islamistischem Terrorismus (Definitionen, Ausprägungen und Zusammenhänge im Nahen Osten)

Geschichte, Zeitgeschichte, Politik

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- 20 - die Holocaust-Leugner aus aller Welt zusammenführte, u. a. den Franzosen Robert Fau- 52 risson, der für seine Holocaust-Leugnung schon zwei Mal verurteilt worden ist. 1.4.2.        Die Ablehnung der Existenzberechtigung Israels durch ultraorthodoxe Juden Der Vollständigkeit halber muss erwähnt werden, dass es unter den sehr frommen, den ultraorthodoxen Juden in Israel selbst und in den USA eine kleine Gruppe gibt, die den Staat Israel vehement ablehnt. Dies hat nichts mit Antisemitismus zu tun, sondern ge- schieht aus religiösen Gründen: „The pious Jews who publicly critizise Zionism believe that they are obliged to do so for reasons spelled out in Jewish tradition. The first of these is to prevent dese- cration of the name of god. And since the State of Israel often claims to be acting on behalf of all the world’s Jews, and even in the name of Judaism, these Jews feel they must explain to the public, and primarily to non-Jews, the falsehood of this pretention. The second commandement is to preserve human life. By exposing the Judaic rejection of Zionism, they hope to protect Jews from the outrage they be- lieve the State of Israel has generated among the nations of the world. They work to prevent turning the world’s Jews into hostages of Isreali policies and their con- sequences. They insist that the State of Israel be known as the „Zionist State“ and 53 not the „Jewish State“. Auch auf der Holocaust-Konferenz in Teheran im Dezember 2006 (siehe dazu weiter oben unter 1.4.1.) fanden sich einige Rabbiner der ultraorthodoxen Glaubensrichtung, darunter Rabbiner Moshe Ayre Friedman aus Österreich, der dort ausführte, Gott habe den Juden verboten nach Palästina zurückzukehren, denn die Juden müssten auf die Wiederkehr des großen Erlösers warten. Das Ziel der unabhängigen Juden sei der „Sturz 54 des zionistischen Regimes“ . Mit dieser Aussage wurde von einem Rabbiner einer win- zigen jüdischen Splittergruppe das Existenzrecht Israels massiv in Frage gestellt. 1.4.3.        Literatur Chimelli, Rudolph, Revisionisten unter sich. In Süddeutsche Zeitung vom 12.12.2006. Eine Konferenz, viele Rätsel. In Süddeutsche Zeitung vom 13.12.2006. Fürtig, Henner (2003). Die Bedeutung der iranischen Revolution von 1979 als Aus- gangspunkt für eine antijüdisch orientierte Islamisierung. In Jahrbuch für Antisemitis- musforschung. Jg. 12. 73-98. 52   Dazu u. a. die Artikel ‚Eine Konferenz, viele Rätsel’ in der Süddeutschen Zeitung vom 13.12.2006, und der Artikel von Rudolph Chimelli in der Süddeutschen Zeitung vom 12.12.2006. 53   Rabkin, Yakov M. (2006), 3. 54   Erste Übersetzungen von Wortbeiträgen der Holocaustkonferenz vom 11. bis 12. Dezember 2006 in Teheran unter: http://honestlyconcerned.info/bin/articles.cgi?ID=IR4306&Category, Stand vom 20.12.2006. Diese Art von Äußerungen, wie von Rabbiner Friedman oder Rabbiner Da - vid Weiß aus den USA, werden hier als „sekundärer Antisemitismus“ bezeichnet.
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- 21 - Küntzel, Matthias (2006). Die zweite Spaltung der Welt. Die Holocaust-Leugnung des iranischen Präsidenten hat Methode. In Internationale Politik. Jg. 61. Heft 4. 75-83. Kursawe, Janet (2005). Mahmud Ahmadinejad. Sechster Präsident der Islamischen Re- publik Iran. In Orient. Jg. 46. Heft 3. 345-358. Lerch, Wolfgang Günter, Ahmadineschad. In Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 13.12.2005. Rabkin, Yakov M. (2006). A Threat from Within. A Century of Jewish Opposition to Zionism. London: Fenwood Publishing. [Französische Originalausgabe 2004 bei Pres- ses de l’Université de Laval.] Schams, Mohammed und Whied Wahdat Hagh (2006). Der khomeinistische Antisemi- tismus. In Neu-alter Judenhass. Antisemitismus, arabisch- israelischer Konflikt und eu- ropäische Politik. Berlin: Verlag für Berlin- Brandenburg. 211-217. Taheri, Ahmad, In der Tradition Chomeinis. In Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 29.10.2005. „Wir sind entschlossen.“ Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad über den Holocaust. Die Zukunft des Staates Israel, über Fehler Amerikas und Teherans An- spruch auf Nuklearenergie. Interview. In Der Spiegel, Nr. 22 vom 29.5.2006. 1.5.          Welche Rolle spielen Antisemitismus und Israel für den Iran, für die Hamas und für die Hisbollah? Die Beziehungen zwischen dem Iran und Israel ebenso wie Existenz und Bedeutung des Antisemitismus im Iran sind unter 1.4.1 dargestellt. 1.5.1.        Welche Rolle spielen Antisemitismus und Israel für die Hisbollah? 55 Die schiitische Organisation Hisbollah (arabisch Hizb Allah = Partei Gottes) entstand im Libanon im Jahr 1982 und bildete damals ein Sammelbecken militanter libanesi- scher Schiiten. Ausgelöst wurde dieser Zusammenschluss durch die israelische Beset- zung des Südlibanon, die sich gegen die PLO (Palestine Liberation Organisation) und deren antiisraelische Aktionen richtete. Die Entstehung der Hisbollah, massiv unter- 55   Zur Hisbollah siehe Das Terrorismuslexikon (2006), 238-243, Thamm, Berndt Georg (2002), 284., und       die      Einträge       im      Brockhaus      unter     http://www.brockhaus- enzyklopaedie.de/be21_print.php?document, Stand vom 29.12.2006, und in Wikipedia, der freien Enzyklopädie, unter http://de.wikipedia.org/wiki/Hisbollah, Stand vom 18.12.2006.
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- 22 - stützt von der Islamischen Republik Iran, war zu diesem Zeitpunkt aber nur möglich aufgrund von drei Faktoren: -    Die Schiiten im Libanon waren zu fast einem Drittel der Bevölkerung ange- wachsen, -    Israels Feldzug gegen die PLO im Libanon hatte alte Machtstrukturen zerstört und -    im Libanon herrschte seit 1975 Bürgerkrieg und deshalb gab es keine funktio- 56 nierende Zentralregierung mehr. Von Anfang an war die Hisbollah gegen Israel gerichtet und verfolgte in diesen frühen 57 Jahren folgende politische Ziele : -    Die Errichtung einer Islamischen Republik Libanon nach dem Vorbild des Iran, -    die Befreiung aller besetzten Gebiete von den ‚Zionisten’ (i. e. die Israelis), be- sonders im Südlibanon, -    die Befreiung Jerusalems und -    die Vernichtung Israels. Die beiden letztgenannten Ziele wurden dabei als eher langfristige angesehen. Die jahrelang innerhalb der Hisbollah herrschende Vorstellung, dem Vorbild der Islami- schen Republik Iran mit einer vergleichbaren Islamischen Republik Libanon folgen zu wollen, ist inzwischen aufgegeben wo rden zugunsten einer pragmatischen Haltung, sich in das politische System im Libanon zu integrieren. Sichtbar wurde das im Wahlpro- gramm von 1996 und im Parteiprogramm von 1997, in dem der Begriff „Islamischer Gottesstaat“ bezüglich des Libanon nicht mehr auftauchte. Heute geht die Hisbollah eher von einer islamischen Gesellschaft aus, in der zwar die Mehrheit der Bevölkerung 58 dem Islam angehört, aber auch andere Religionen toleriert werden. Sichtbar wurde die veränderte Haltung einer politischen Integration in das bestehende libanesische System auch durch die Regierungsbeteiligung der Hisbollah, erstmals im Jahr 2005, nachdem schon seit 1992 bei den Wahlen immer wieder Mandate errungen worden waren. 56   So die Ausführungen von Thamm, Berndt Georg (2002), 284. 57   Siehe dazu in der Anlage die Kurzinformation WD 2 – 189/06 ‚Das Programm der Hisbollah von 1985’. 58   Das Terrorismus-Lexikon (2006), 239. Siehe dazu auch das Wahlprogramm der Hisbollah von 1996 in der Anlage.
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- 23 - Unverändert aber ist die israelfeindliche Einstellung der Hisbollah: Sie sah sich nicht nur nach dem Rückzug Israels aus dem Südlibanon im Mai 2000 als „Sieger über Isra- el“ und nutzte das zur Aufwertung ihres Images im Libanon, sondern löste im Sommer 2006 durch die Entführung von zwei israelischen Soldaten an der israelisch- libanesischen Grenze kriegsähnliche Auseinandersetzungen (12.07.2006 bis 14.08.2006) zwischen den beiden Ländern aus, die als ‚Libanonkrieg 2006’ bezeichnet 59 werden. In diesen jüngsten Auseinandersetzungen beschossen die Hisbollah-Milizen mit Raketen auch Städte im Norden Israels und vor allem die Hafenstadt Haifa. Auf allen Seiten kam es zu Toten, vielen Verletzten und zu Flüchtlingen. In dieser Auseinandersetzung wurde aufs Neue die Schlagkraft der Hisbollah durch ihre Zweiteilung in einen politischen Arm, die Partei und parlamentarische Kraft, und einen militärischen Arm, die Milizen, unter Beweis gestellt. Diese Milizen konnten bisher weder entwaffnet noch aufgelöst werden, obwohl es in der Resolution 1559 des UN- Sicherheitsrates vom September 2004 gefordert worden war. Diese militärischen Ein- heiten der Hisbollah, die im Libanonkrieg 2006 Raketen auf Israel feuerten, sind nur überlebens- und aktionsfähig aufgrund der finanziellen Unterstützung und Waffenliefe- rungen des Iran und Syriens. Vom Iran haben sie zudem den „Märtyrerkult“ der Selbs tmordattentäter übernommen, die mit ihren tödlichen Aktionen in Israel Angst 60 und Schrecken verbreiten. Israel war von Anfang an und ist bis heute der erste Feind der Hisbollah, gegen den sich die meisten Aktionen und ihre Politik richten. Da die Intentionen der Hisbollah auf die Vernichtung des Staates Israel hinauslaufen, können sie – unter den unter Punkt 1.2. entwickelten Überlegungen – als antisemitisch bezeichnet werden. Esther Webman hat die Rhetorik der Hisbollah in Verlautbarungen untersucht und folgende antisemitische Topoi zusammengetragen: -    die Juden als Ursprung des Bösen und der Korruption, als Verbreiter von Aids, Drogen, Prostitut ion und zersetzenden Ideen; -    die jüdisch-zionistische Weltverschwörung; -    der westlich-christlich-jüdische Bund gegen den Islam; 59   So etwa von Volker Perthes in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 26.08.2006, 8, in dem Artikel ‚Komplexe Konfrontationen’. – Siehe dazu auch in der Anlage den Sachstand WD 1-149/06 vom 15.09.2006 ‚Der Libanon – Von der Zedernrevolution zum jüngsten Nahostkrieg’ und den Ak- tuellen Begriff WD 1-148/06 vom 18.09.2006 ‚Der Libanon – Geschichte eines multikonfessionel- len Landes’. 60   In früheren Jahren kam es auch zu Geiselnahmen (bis etwa 1988) und zu Anschlägen auf ausländi- sche Einrichtungen, so z. B. 1983 gegen die US-Botschaft in Beirut. Dazu Thamm, Berndt Georg (2002), 284, und Das Terrorismus-Lexikon (2006), 242, mit weiteren Beispielen.
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- 24 - -    Bibel und Talmud als Quelle für jüdische/zionistische Persönlichkeiten; -    der Koran als wichtigste Quelle zum Verstehen und zur Entlarvung jüdischer Charaktermerkmale wie betrügerisch, blutrünstig, verräterisch oder geldgierig; -    die Juden als Mörder des Propheten, die danach streben Religionen und morali- 61 sche Werte zu zerstören. Zu diesem Repertoire von antisemitischen Versatzstücken ist auch die Leugnung des Holocaust hinzuzuzählen, so wie sie auch im Iran politisch eingesetzt wird (siehe Punkt 1.4.1). Auch wenn die Hisbollah in der Innenpolitik als aktive parlamentarische Partei nach dem islamischen „Prinzip der Notwendigkeit“ (arabisch dhurara) einen pragmati- 62 schen Kurs erkennen lässt , um bei möglichst vielen Libanesen Anklang zu finden, so bleibt der antiisraelische und antisemitische Diskurs doch konsequent unverändert. Eine Änderung der Einstellung zu Israel, dem Zionismus oder den Juden ist nicht zu erwar- 63 ten. 1.5.2.         Welche Rolle spielen Antisemitismus und Israel für die Hamas? Die islamistische Organisation Hamas (arabisch Harakat al Muqawama Islamiyya = Bewegung des Islamischen Widerstands) hat ihre Wurzeln in der ägyptischen Muslim- 64                                                                               65 brude rschaft und wurde 1987 als deren palästinensischer Ableger gegründet. Die schon in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts auf religiösem und sozialem Gebiet 66 tätige Organisation , damals auch noch unter dem Namen ‚Muslimbruderschaft’, durchlebte in den Jahren 1987/88 eine Politisierung und Radikalisierung, die verschie- dene Ursachen hatte: Die schlechten Lebensbedingungen in Gaza, der Hochburg der 67                68 Hamas, die Konkurrenzsituation zur PLO und zur Fatah , die in erster Linie politisch agierten, aber auch das Mitvollziehen eines Trends der Politisierung und Radikalisie- rung in der islamischen Welt. Die Hamas wurde zu einer militanten islamistischen Or- 61    Webman, Ester (2003). 46-47. Esther Webman hat auch zusammengetragen, zu welchen Anlässen diese Topoi besonders virulent sind. Siehe dazu 50-51. 62    Z. B. durch das Aufgeben der Idee eines islamischen Gottesstaates Libanon (siehe weiter oben). 63    Webman, Ester (2003), 51-55. 64    Zur Muslimbruderschaft Näheres unter 4.1. 65    Zur    Hamas     siehe    den    Artikel    im Brockhaus unter http://www.brockhaus- enzyklopaedie.de/be21_article.php , Stand vom 19.12.2006; Thamm, Berndt Georg (2002), 227-229; Das Terrorismus-Lexikon (2006), 148-155; Laqueur, Walter (2003), 157-172. 66    Dabei ging es u. a. um Religionsunterricht, Bau von Moscheen und Sozialarbeit. Laqueur, Walter (2003), 157. 67    Zur PLO siehe ‚Palästinensische Befreiungsorganisation’ unter http://www.brockhaus- enzyklopaedie.de/be21_article.php?documant_id=b24_16044702, Stand vom 5.01.2007. 68    Zur Fatah siehe unter http://www.brockhaus- enzyklopaedie.de/be21_article.php?document_id=b24_7013715, Stand vom 5.01.2007.
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- 25 - 69 ganisation, die sich dem Dschihad (Djihâd)                verpflichtete, in erster Linie dem Dschi- had gegen Israel. 70 Dies schlug sich in der Charta, dem Gründungsprogramm der Hamas von 1988 nieder , die den „Heiligen Krieg“ als Maxime vorgab: „Da Palästina bis zum Tag des Jüngsten Gerichts den Muslimen anvertraut worden sei, hätten kein Araber und nicht einmal alle arabischen Stämme zusammen das Recht, auch nur einen Teil des Landes aufzugeben. Der Dschihad gegen Christen und Juden sei, […], für jeden Muslim eine religiöse Pflicht, ebenso wie die palästi- nensische Sache, und die Jugend müsse für den Kampf ausgebildet werden. Auch 71 muslimische Frauen dürften sich am Dschihad beteiligen […]. Folgende Ziele verfolgt die Hamas bisher mit ihrer Politik: -    Die Behinderung des Friedensprozesses zwischen Israelis und Palästinensern, vor allem die Verhinderung eines end gültigen Friedensabkommens mit Israel, -    die Bekämpfung der israelischen Siedlungspolitik in den Autonomiegebieten und -    letztendlich die Zerstörung des Staates Israel. Mit diesem Programm steht die Hamas in deutlicher Konfrontation zur PLO, die sich keinem „Heiligen Krieg“ verpflichtet sieht, sondern politisch argumentiert und ein gleichberechtigtes Nebeneinander von Israel und Palästina in zwei unabhängigen Staa- ten anstrebt. Der Hisbollah hinsichtlich der Agitationsebenen nicht unähnlich, verfügt auch die Ha- mas über einen politischen Arm, mit dem sie als Partei agiert, und einen militärischen 72 Arm, die Issedin al-Kassam-Brigaden . Auf beiden Ebenen hat Hamas aus eigener Sicht Erfolge zu verzeichnen, die jedoch hinsichtlich einer Lösung des Nahostkonfliktes weitere Verwerfungen nach sich ziehen: 69   Siehe dazu, auch zur Bedeutung des Begriffs, in der Anlage den Aktuellen Begriff Nr. 23/01 vom 19.10.2001 „Dschihad“. Siehe dazu auch das Kapitel ‚Der Djihad der Hamas’ in Küntzel, Matthias (2002), 103-122. 70   Text der Charta in englischer Sprache ‚The Covenant of Hamas, Islamic Resistance Movement (1988)’ in Encyclopedia of World Terrorism. Documents (2003), 910-922 71   Laqueur, Walter (2003), 158. Laqueur weist hier auch darauf hin, dass in englischsprachigen Veröf- fentlichungen der Hamas ausgeführt wird, dass der Dschihad sich nicht gegen Israelis als Juden in ihrer Religionszugehörigkeit richten würde. Laqueur äußert daran jedoch Zweifel, da in Propagan- daschriften der Hamas durchaus antisemitisches Gedankengut auftauche, das sich teilweise auf nati- onalsozialistische antisemitische Versatzstücke stütze. 72   Diese „Streitkräfte“ sind benannt nach Issedin al-Kassam, einem der Protagonisten des palästinensi- schen Widerstandes gegen die jüdischen Siedler in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts. Vgl. dazu den Artikel über Hamas im Brockhaus, wie Fußnote 65.
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- 26 - Als Partei ging Hamas aus den Kommunalwahlen im Gazastreifen am 27.01.2005 als stärkste politische Kraft hervor, bei den zweiten Parlamentswahlen zum Autonomierat 73 am 25.01.2006 errang Hamas 44,4 Prozent der Stimmen und 74 der 132 Mandate , und somit die absolute Mehrheit. Der Hamas-Politiker Ismail Hanija (*1962, auch Ha- 74 niyeh geschrieben) , der als Pragmatiker gilt, führt seit März 2006 als Ministerpräsi- dent der palästinensischen Autonomiegebiete die Alleinregierung der Hamas an. Da sich diese Regierung weigerte, die von der PLO mit Israel 1993 abgeschlossenen Ver- träge anzue rkennen, kam es zu einem Boykott seitens Israels und einiger westlicher Länder (Verweigerung von Zoll- und Mehrwertsteuereinnahmen und von finanziellen Zuwendungen). Der Machtkampf zwischen Hamas und Fatah hat sich inzwischen dra- matisch zugespitzt bis zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Anhängern beider Organisationen im Gazastreifen und im Westjordanland am 15.12.2006, nachdem der Konvoi von Hanija beschossen worden war, was einen Leibwächter Hanijas das Leben kostete. Auf die Ankündigung von Präsident Abbas am 16.12.2006, Neuwahlen abha l- ten zu wollen, reagierte die Hamas mit vehementer Ablehnung und neuen Eskalationen, die nur mit einer fragilen Waffenruhe eingedämmt werden konnten. Die Positionen der Hamas, einschließlich der Verweigerung des Friedensprozesses und der Verweigerung der Anerkennung des Staates Israel, haben sich offenbar verhärtet. Selbst als Minister- präsident Hanija, um die Gesprächsblockade und den Finanzboykott zu beenden, seinen Rücktritt anbot, sah sich die Führung der Hamas veranlasst zu bekräftigen, dass sie als politische Bewegung – unabhängig vom Programm einer möglichen neuen palästinens i- 75 schen Regierung – auf der Ablehnung des Existenzrechts Israels beharren werde. Die Ismail al-Kassam- Brigaden (gegründet 1988) als militärischer Arm der Hamas sind in erster Linie für Terroranschläge und Selbstmordattentate verantwortlich, die an- fangs gegen Araber gerichtet waren, dann seit 1989 gegen Israel beziehungsweise Israe- lis. Waren es in den ersten Jahren vor allem Attacken mit Messern und Schusswaffen (z. B. aus fahrenden Autos), etablierten sich dann seit 1994 die Selbstmordattentate. Das erste davon, am 4. April 1994, wird als Reaktion gedeutet auf den Amoklauf eines jüd i- schen Siedlers in Hebron, der im Februar desselben Jahres in einer Moschee 29 betende 76                                                             77 Muslime erschossen hatte. Weitere Selbstmordattentate geschahen in rascher Folge. Bis zum Jahr 2002 gingen die meisten Selbstmordattentate in Israel auf das Konto der 73   Die         offiziellen        Wahlergebnisse         der         Wahlkommission       unter http://www.elections.ps/template.aspx?id=291, Stand vom 8.01.2007. 74   Zu Ismail Hanija siehe den kurzen Artikel im Brockhaus, unter http://www.brockhaus- enzyklopaedie.de/be21_article.php , Stand vom 5.01.2007, und den ausführlicheren Beitrag im Munzingerarchiv unter http://www.munzinger.de, Stand vom 5.01.2007. 75   Weitere Details dazu im Brockhaus-Artikel zu Hamas, wie Fußnote 65. 76   Küntzel, Matthias (2002), 119. 77   Auflistung der Daten und Opferzahlen siehe bei Laqueur, Walter (2003), 162 und 163.
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- 27 - 78 Hamas, seitdem traten auch Aktivisten der Fatah und der Volksfront zur Befreiung 79 Palästinas (Popular Front for the Liberation of Palestine = PFLP) mit Selbstmordan- schlägen in Erscheinung. Für die se Aktionen des militärischen Armes der Hamas aber kann das Resümee gezo- gen werden: „Der Selbstmordkrieg ist ein kühl kalkuliertes Mittel der Politik, deren taktische Ratio in der Hamas-Charta festgeschrieben ist: Kampf gegen jeden Versuch einer friedlichen Lösung des Konflikts. Der vordergründige Zweck der Anschläge be- steht somit darin, jeden noch so zaghaften Versuch eines israelisch-arabischen Dia- logs mit Vorsatz zu zerbomben und jede Gemeinsamkeit mit den Israelis, die ihrer- seits den Rückzug ihres Staates aus den besetzten Gebieten fordern, zu torpedie- 80 ren.“ Auch die Tatsache, dass der Mitbegründer und geistige Führer der Hamas, Scheich 81 Ahmed Jassin , am 22.3.2004 bei einem gezielten Raketenangriff der israelischen Luft- 82 waffe getötet wurde, ebenso wie sein Nachfolger, Abd al-Aziz Rantisi , am 17.4.2004, konnte die Ziele der Hamas damals nicht ins Wanken bringen. Diese blieben (bis 2006 in jedem Fall): die Torpedierung des Friedensprozesses, die Schwächung der palästi- nensischen Autonomiebehörde, letztendlich die Zerstörung Israels und „langfristig […] 83 die Übernahme der politischen Führung innerhalb der palästinensischen Gesellschaft“ . Dem zuletzt genannten Ziel, der Übernahme der politischen Führung in der palästinen- sischen Gesellschaft, ist die Hamas mit dem Wahlsieg von Anfang 2006 näher gekom- men. Es gibt Beobachter, die in den Dokumenten des Wahlkampfes 2005/2006 und der versuchten Regierungsbildung (März 2006) neue Akzente in den Positionen der Hamas wahrnehmen, die sich auf das Verhältnis zur PLO, zum Friedensprozess, vielleicht so- 84 gar zu Israel auswirken könnten. (Weiteres dazu unter Punkt 4.2: Hamas.) 78   Siehe Fußnote 63. Walter Laqueur führt aus, dass die Attentäter, die in der Regel jung, unverheiratet und von islamistischen Bildungseinrichtungen geprägt sind, auch zwischen den Gruppen wechseln. Laqueur, Walter (2003), 163. 79   Zur PFLP siehe die Informationen aus der Datenbank islamischer Gruppen der Universität Leipzig unter http://www.uni- leipzig.de/~orient/gruppen/pflp.htm, Stand vom 8.01.2006. 80   Küntzel, Matthias (2002), 120. Küntzel bezeichnet an dieser Stelle die damit verbundene Weltan- schauung als „islamfaschistisch“ und sieht diese verbunden mit einem „mythischen und projektiven Antisemitismus“. 81   Zu Scheich Ahmed Jassin (auch Achmed Yassin geschrieben) siehe im Brockhaus unter http://brockhaus-enzyklopaedie.de/be21_article.php , Stand vom 8.01.2007. 82   Zu    Abd    al-Aziz   ar-Rantisi    siehe  in   Wikipedia,    der freien Enzyklopädie         unter http://de.wikipedia.org/wiki/Abd_al-Aziz_ar-Rantisi, Stand vom 9.01.2007. 83 Das Terrorismus-Lexikon (2006), 153. 84   Hroub, Chaled (2006).
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- 28 - 1.5.3.      Literatur Hroub, Chaled (2006). A „New Hamas“ through its new documents. In The Journal of Palestine Studies. Jg. 35. Heft 4 (=140). 6-27. The Covenant of Hamas, Islamic Resistance Movement (1988). In Encyclopedia of World Terrorism. Documents. Armonk: Sharpe Reference. 910-922. „Dschihad“. Der Aktuelle Begriff Nr. 23/01 vom 19.10.2001. (Anlage) Küntzel, Matthias (2002), Djihad und Judenhass. Über den neuen antijüdischen Krieg. Freiburg: ça ira-Verlag. Besonders 103-118. Laqueur, Walter (2003). Krieg dem Westen. Terrorismus im 21. Jahrhundert. München: Propyläen. Besonders 157-172. Der Libanon – Geschichte eines multikonfessionellen Landes. Aktueller Begriff Nr. 38/06 vom 18.09.2006. (Anlage) Der Libanon – Von der Zedernrevolution zum jüngsten Nahostkrieg. Sachstand WD 1 – 149/06 vom 15.09.2006. (Anlage) Perthes, Volker, Komplexe Konfrontationen. In Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 26.08.2006. Das Programm der Hisbollah von 1985. Kurzinformation WD 2 – 189/06 vom 16.10.2006. (Anlage) Das Terrorismus- Lexikon. Täter, Opfer, Hintergründe (2006). Hrsg. von Wilhelm Dietl, Kai Hirschmann und Rolf Tophoven. Frankfurt am Main: Eichborn. Besonders 148- 155. Thamm, Berndt Georg (2002). Terrorismus. Ein Handbuch über Täter und Opfer. Unter Mitarbeit von Thomas Gandow, Rainer Glagow, Jutta Helmerichs und Klaus Neidhardt. Hilden: Verlag Deutscher Polizeiliteratur. Besonders: 227-229. Webman, Esther (2003). Die Rhetorik der Hisbollah: Die Weiterführung eines antisemi- tischen Diskurses. In Jahrbuch für Antisemitismusforschung. 12. Hrsg. von Wolfgang Benz für das Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin. 39-55.
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- 29 - 2.             Fragen zum Islamismus 2.1.           Was versteht man unter Islamismus in Abgrenzung zum Islam? Zum Islam, einer der großen Weltreligionen, bekennen sich weltweit (2005) 1,19 Milli- 85 arden Menschen , d.h. über 20 Prozent der Weltbevölkerung. Damit ist der Islam nach dem Christentum die zweitgrößte Glaubensgemeinschaft der Welt. Die islamischen Gesellschaften können – vereinfacht – drei kulturellen Ausprägungen zugeordnet wer- den: Die Rede ist vom arabische n Islam mit rund 180 Millionen Menschen, dem so genannten Indo-Islam, zu dem Pakistan, Bangladesh, Indonesien und Indien selbst ge- 86 hören, und schließlich dem so genannten Afro-Islam in Schwarzafrika. Durch die Zuwanderung von Arbeit suchenden Menschen in die industrialisierten Länder der „Ers- ten Welt“ ist der Islam in den vergangenen Jahrzehnten zu einer starken Minderheiten- religion in Europa und auch in Nordamerika geworden. In Deutschland leben heute 87 (2005) beispielsweise 3,3 Millionen Muslime. Für die zugewanderten Muslime ist zusätzlich der Begriff des Euro-Islam entstanden und wird in der wissenschaftlichen 88 und populärwissenschaftlichen Literatur diskutiert. Die Muslime der Welt leben aber nicht nur in unterschiedlichen kulturellen Zusammen- hängen und sehr verschiedenen politischen Systemen, sondern im Spannungsfeld des Ideals der Einheit (von Lehre, Denkweise und Zielen) und der Vielfältigkeit der Glau- 89 bensquellen und Auslegungen. Der Koran, die zentrale Glaubensschrift, und die Sun- na, die Überlieferung des Propheten, sind nicht nur vielschichtig, bedeutungsreich und auch nicht frei von Widersprüchen, sondern werden auch von unterschiedlichen Schulen und Richtungen verschieden interpretiert. Es gibt im Islam keine Institution mit zentra- ler Deutungshoheit, sondern eine große Auslegungsvielfalt, wenn auch einzelne Mo- scheen oder Lehranstalten, wie die al-Azhar-Universität in Kairo, die Zaituna- Hochschule in Tunesien oder Qarawijiin-Universität in Fes großes Ansehen und Ein- fluss haben. Es gibt in der muslimischen Welt eine große Bereitschaft, unterschiedliche Denk- und Lebensweisen nebeneinander bestehen zu lassen, es gibt aber auch kritische 90 muslimische Stimmen, die darin Zersplitterung und Schwächung der Einheit sehen. 85   Siehe     Artikel     ‚Islam’    im     Brockhaus     online   unter   http://www.brockhaus- enzyklopaedie.de/be21_article_php , Stand vom 10.01.2007. 86   Eine adäquate Bezeichnung für die Muslime in den asiatischen Nachfolgestaaten der früheren Sow- jetunion wurde noch nicht entwickelt. Weltreligion Islam (2000), 14. 87   Statistik der Religionen in Deutschland vom Religionswissenschaftlichen Medien- und Informati- onsdienst e. V., im Internet unter: http://www.remid.de, Stand vom 10.01.2007. 88   Z. B.: Euro-Islam: Eine Religion etabliert sich in Europa. Stand Perspektiven, Herausforderungen (2004), oder: Leggewie, Claus (2002). 89   Dazu Krämer, Gudrun (2002a), 18-25. 90   Krämer, Gudrun (2002a), 24.
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