WD 1 - 171/06 Fragen zu Antisemitismus, Antizionismus, Islamismus, islamistischem Terrorismus (Definitionen, Ausprägungen und Zusammenhänge im Nahen Osten)

Geschichte, Zeitgeschichte, Politik

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- 30 - Von der Religion Islam klar zu unterscheiden ist der islamische Fundamentalismus , auch Islamismus genannt. Fundamentalistische Tendenzen finden sich in nahezu allen 91 Religionen. Der Begriff Fundamentalismus wurde Ende des 19 Jahrhunderts/Anfang des 20 Jahrhunderts in den USA im Rahmen von innerprotestantischen Auseinanderset- 92 zungen um die unverrückbaren Grundwahrheiten („fundamentals“) entwickelt , in der Sache gab es den Fundamentalismus, lange vor der Prägung des Begriffs, schon seit dem frühen 19. Jahrhundert. Er hatte sich herausgebildet als Gegenpart zu modernen Positionen, die mit dem Eindringen der Aufklärung in (katholische und protestantische) Religion und Theologie entstanden waren: Die historische und literarische Bibelkritik, die kantische Begrenzung der Religion auf die Moral, die wissenschaftliche Theorie einer natürlichen Evolution des Menschen und sogar der Religionen selbst. Die seit dem 18. Jahrhundert zugleich voranschreitende Säkularisierung und die daraus resultieren- de Öffnung aller kulturellen Systeme für Alternativen zu den bisherigen religiösen und theologischen Gewissheiten erlebten nicht nur Zustimmung, sondern durch fundamenta- listische Bestrebungen auch massiven Widerspruch: „Der religiöse Fundamentalismus stellt den Versuch dar, die generalisierte Unge- wissheit aller Erkenntnisansprüche und die generelle Offenheit aller sozialen Sys- teme für Alternativen, die der Prozess der Modernisierung mit sich brachte, mit willkürlichen Dogmatisierungen aus der Religion fern zu halten und bestimmte Fundamente künstlich gegen alle Zweifel zu immunisieren. Fundamentalismus be- deutet daher zunächst einen willkürlichen Abbruch der gemeinsamen Deutungs- praxis religiöser Überlieferung, um selbst erkorene absolute Gewissheiten jeder of- 93 fenen Deutung und Infragestellung zu entziehen.“ Mit vergleichbaren Prozessen der Modernisierung waren, wenn auch in unterschiedli- cher Ausformung und Intensität und zu verschiedenen Ze itpunkten, seit dem 19. Jahr- hundert alle Weltreligionen konfrontiert. Überall hat es als Reaktion auf Öffnungspro- zesse das Aufkommen eines Fundamentalismus gegeben, der versucht die überkomme- ne Selbstauslegung einer Religion gegenüber neueren beziehungsweise „moderneren“ Auslegungen verbindlich zu halten. Auf der politischen Ebene geht es im Kern letztlich immer um die Trennung von Staat und Religion, was von Fundamentalisten in der Regel abgelehnt wird. Fundamentalistische Vo rstellungen über die Einheit vo n Religion und Staat gehen dabei unterschiedlich weit. Der Erfolg von fundamentalistischen Be- 91    Ein kurzer Überblick dazu im Brockhaus im Artikel ‚Fundamentalismus’ unter http://www.brockhaus-enzyklopaedie.de/be21_article.php , Stand vom 12.01.2007, und in Wikipedia, der freien Enzyklopädie unter http://de.wikipedia.org/wiki/Fundamentalismus, Stand vom 12.01.2007. Ausführlich u. a.: Meyer, Thomas (1989), Kienzler, Klaus (1996). 92    Die Auseinandersetzungen drehten sich u. a. um die Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift, die Geltung beziehungsweise Nichtgeltung von moderner Theologie und Wissenschaft, falls ihre Erkenntnisse der Bibel widersprechen, und um die Trennung von Kirche und Staat. Weiteres dazu siehe Brock- haus, wie Fußnote 91. 93    Brockhaus, wie Fußnote 91.
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- 31 - strebungen in den einzelnen Religionen fällt je nach historischem, politischem und kul- turellem Kontext sehr verschieden aus. Als erfolgreich, hinsichtlich Einfluss und/oder Anhängerzahl, können heute bezeichnet werden: Der protestantische Fundamentalismus in den USA, insbesondere seit dem Amtsantritt von Präsident George W. Bush, der is- lamische Fundamentalismus weltweit, und der jüdische Fundamentalismus zumindest insoweit, als er in seinen Anliegen auch durch mehrere religiöse Parteien in Israel ver- treten wird. 94 Der islamische Fundamentalismus, der Islamismus , teilt mit anderen Fundamentalis- men die Ablehnung der westlichen Moderne und ihrer zentralen Elemente wie Individu- alisierung, Pluralismus, Menschenrechte, Demokratie oder Säkularisierung, bejaht aber – im Gegensatz zu diesen – wissenschaftliche, naturwissenschaftliche und technische 95 Erkenntnisse und deren Nutzung. Auch wenn der Islamismus eine heterogene Er- 96 scheinung in der islamischen Welt ist, ebenso wie der Islam selbst , so lässt sich doch als sein zentrale s Anliegen festhalten, den Islam zur Grundlage und Richtschnur allen Denkens und Handelns zu machen. Die öffentliche Ordnung, Wirtschaft, Recht, Politik und Kultur ebenso wie das individuelle Verhalten sollen sich auf den Islam gründen. Eine „islamische Ordnung“ soll entstehen, in der Religion, Recht und Politik eine Einheit bilden, in der privates und öffentliches Leben ausschließlich auf islami- schen Normen und Werten beruhen sollen: Der „Gottesstaat“ ist das Ziel. Dazu gehört unabdingbar die Anwendung der Scharia, der aus Koran und Sunna abgeleiteten Rechtsordnung, die Familien-, Erb- und Strafrecht ebenso umfasst wie ganz alltägliche Regelungen (wie z. B. zur Kleidung oder zur Hygiene). An dieser Verbindung beziehungsweise Trennung von Islam, Recht und politischer 97 Ordnung lässt sich die Unterscheidung von Muslimen und Islamisten festmachen : Die Muslime in ihrer Mehrheit halten zwar die Gültigkeit von islamischen Werten hoch, wollen aber die Regelungen des islamischen Rechts aus lang vergangenen Epochen is- lamischer Herrschaft nicht auf die Gegenwart angewandt sehen. Sie lehnen es auch ab, dass Religions- oder islamische Rechtsgelehrte über die politische und gesellschaftliche Ordnung ihres Landes entscheiden sollen. Die große Mehrheit von ihnen wünscht sich eine auf islamische Werte gegründete Gesellschaft, aber keinen „islamischen Staat“ nach dem Vorbild der Islamischen Republik Iran oder Saudi-Arabiens. Genau dieses 94   Zur historischen Entwicklung des Islamismus siehe Punkt 4 (Muslimbruderschaft, Hamas, Hisbol- lah). 95   Darauf weisen sowohl Pfahl-Traughber, Armin (2001) als auch Fenske, Hans (2003) ausdrücklich hin. Das unterscheide den Islamismus von einfach traditionalistischen oder orthodoxen Vertretern anderer Religionen, und das zeige seine konkrete Zukunftsorientierung, die auf eine grundlegende Änderung der Gesellschaftsordnung abziele. 96   Dazu die Ausführungen bei Ghaussy, A. Ghanie (1989). 97   Dazu Krämer, Gudrun (2002b), 215-216.
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- 32 - Ziel aber verfolgen die Islamisten: Den islamische Staat mit umfassender Gültigkeit der Scharia. Nur eine Minderheit innerhalb der Islamisten möchte dieses Ziel unter Anwendung von 98 Gewalt erreichen. Die gewaltbereiten Islamisten sehen sich selbst in einer Situation, die sie mit übermächtigen Feinden konfrontiert: das jeweilige eigene politische System und die eigenen Eliten, „der Westen“, „die Juden“, oder eine Allianz von allen dreien. 99 In ihren Augen kann nur der bewaffnete Kampf, der Dschihad , ihrer Sache zum Durchbruch verhelfen: „Der Dschihad ist für diese radikale Minderheit legitim, unausweichlich und per definitionem defensiv; sie haben nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, sich mit der Waffe zu verteidigen. So argumentiert(e) beispielsweise […] Osama bin Laden, der zum Dschihad gegen die Feinde des Islam aufgerufen hat. Die Propagandisten des bewaffneten Dschihad aber, die mit Blick auf das große Ziel auch den Tod von Zivilisten, Frauen und Kindern in Kauf zu nehmen bereit sind, vertreten selbst in- nerhalb der islamistischen Strömung eine Minderheit, wenn auch eine hoch moti- 100 vierte und gut organisie rte.“ 101 Als wesentliche Merkmale des Islamismus werden folgende genannt                    : -    Ablehnung der Trennung von Religion und Staat -    Gestaltung des Staates nach islamischem Recht, der Scharia, und Alleingültig- keit der Scharia -    Berufung auf ein „Urmodell Medina“ als Vorbild für die Gestaltung des Ge- meinwesens -    eine überscharfe Wahrnehmung von Innenwelt und Außenwelt (von islamischer Welt und nicht- islamischer Welt) -    Israel-Kritik und Infragestellung des Existenzrechts von Israel -    Antijudaismus 98   Die evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen bezeichnet den gewaltbereiten Islamis- mus als einen „[eine] religiöse Ideologie missbrauchenden Terrorismus“. Siehe dazu: http://www.ekd.de/ezw/42787_42919.php?druck=ja, Stand vom 9.01.2007. 99 Siehe dazu Fußnote 69. 100 Krämer, Gudrun (2002b), 216. 101 Zusammenstellung von Ulrich Dehn von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfra- gen. Internetadresse siehe Fußnote 98.
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- 33 - -   keine Gleichberechtigung der Geschlechter und eine festgelegte Rollenvertei- lung für Mann und Frau -   Festlegung auf eine bestimmte (konservative) Koranauslegung Ob die Gewaltbe reitschaft, die Bereitschaft zu Terror und Dschihad, als ein dem Isla- mismus wesensmäßig zugehöriges Merkmal angesehen werden soll, darüber gehen die Vorstellungen auseinander. Es finden sich zustimmende Meinungen („[…] dass man also die Glaubensanstrengungen, den Dschihad, als Islam der Tat interpretiert mit der Folge einer unmittelbaren Legitimation der Anwendung von Gewalt, die dem Ziel 102 der Umsetzung und Verwirklichung des Islam dient.“ ) ebenso wie ablehnende („Die gewaltsame Interpretation des Begriffs djihad (besondere Anstrengung) und Gewaltbe- reitschaft sind keine notwendigen Merkmale des Islamismus , sondern Syndrome aus bestimmten politischen Krisensituationen, in denen religiöse Übermalungen politischer 103 Ideologien stattfinden.“ ). 2.1.1.       Literatur Euro-Islam: Eine Religion etabliert sich in Europa. Stand, Perspektiven, Herausforde- rungen (2004). Hrsg. von Zentrum für Türkeistudien, Essen. Fenske, Hans 2003). Politisches Denken von der Französischen Revolution bis zur Ge- genwart. In Geschichte der politischen Ideen. Hrsg. von Hans Fenske, Dieter Mertens, Wolfgang Reinhard und Klaus Rosen. Frankfurt am Main: Fischer. 379-577. Besonders 577-586: Blick auf die islamische Welt. Fundamentalismus in der modernen Welt. Die Internationale der Unvernunft (1989). Hrsg von Thomas Meyer. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Ghaussy, A. Ghanie (1989). Der islamische Fundamentalismus der Gegenwart. In Fun- damentalismus in der modernen Welt. Die Internationale der Unvernunft (1989). Hrsg von Thomas Meyer. Frankfurt am Main: Suhrkamp. 83-100. Kienzler, Klaus (1996). Der religiöse Fundamentalismus. Christentum, Judentum, Is- lam. München: Beck. 102 So z. B. Mayer, Tilman (2006), 182, 103 So die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. Internetadresse siehe Fußnote 98.
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- 34 - Krämer, Gudrun (2002a). Islam ist nicht gleich Islam – Einheit der Lehre, Vielfalt der Lebenswelten. In Dumonts Handbuch Islam. Hrsg. von Walter M. Weiss. Köln: Du- Mont monte Verlag. 18-25. Krämer, Gudrun (2002b). Islam, Islamismus, Gewalt. In Dumonts Handbuch Islam. Hrsg. von Walter M. Weiss. Köln: DuMont monte Verlag. 214-218. Leggewie, Claus (2002). Auf dem Weg zum Euro-Islam? Bad Homburg v. d. Höhe : Herbert-Quant-Stiftung. Mayer, Tilman (2006). Zeichen des Krieges – Krieg der Zeichen: Die islamistische Pro- vokation. In Krieg der Zeichen? Zur Interaktion von Religion, Politik und Kultur. Hrsg. von Michael Meyer-Blanck und Görge H. Hasselhoff. Würzburg: Ergon-Verlag. 181- 188. Meyer, Thomas (1989). Fundamentalismus. Aufstand gegen die Moderne. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt. Ohlig, Karl-Heinz (2000). Weltreligion Islam. Eine Einführung. Mainz: Matthias- Grünewald-Verlag. Pfahl- Traughber, Armin (2001). Isla mismus in der Bundesrepublik Deutschland. Ursa- chen, Organisation, Gefahrenpotenzial. In Aus Politik und Zeitgeschichte. B 51 vom 14.12.2001. 43-53. Im Internet unter: http://www.bpb.de/pzblikationen/KQ0NBA,1,0,Islamismus_in_der_bundesrepublik.htm , Stand vom 9.01.2007. 2.2.        Welche Rolle spielt der Antisemitismus für den Islamismus? Unter Punkt 1.1.4 (Ächtung nach 1945 und Wiederaufleben des Antisemitismus) wurde ausgeführt, dass es in der islamischen Welt (besonders in den arabischen und nichtara- bischen Ländern des Nahen Ostens und des Mittleren Ostens) in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem starken Anwachsen von Antisemitismus kam. Als Ursa- chen sind hierfür die Gründung Israels 1948, die Frage der palästinensischen Flüchtlin- ge und der daraus resultierende Nahost-Konflikt zu sehen, dessen Lösung noch immer aussteht. Insbesondere der Sechstagekrieg von 1967, mit dem Israel große Gebiete und Jerusalem eroberte, schockierte und traumatisierte die islamisch-arabische Welt. Dort ist heute Hass auf Israel und antisemitisches Gedankengut weit verbreitet. Zu dieser Zeit bildete sich verstärkt auch der Antisemitismus der Islamisten, der funda- mentalistischen Minderheit unter den Muslimen, heraus. Erwähnt werden sollte in die-
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- 35 - 104 sem Zusammenhang, dass dem Panarabismus                          der dreißiger Jahre und tendenziell der gesamten arabischen Welt dieser Zeit eine antisemitische Unterströmung attestiert wird, teilweise in Verbindung mit Bewunderung und Faszination für das nationalsozia- 105 listische Gedankengut und das Hitler-Regime.                    Auf den antisemitischen, aber auch antizionistischen, Feindbildern des arabischen Nationalismus als Basis habe der Ant i- semitismus der Nachkriegszeit dann aufbauen können. Bei den islamistischen Denkern der Nachkriegszeit ist insbesondere der bis heute ein- 106 flussreiche Ägypter Sayyid Qutb (1906-1966)                      als Wegbereiter des islamistischen Antisemitismus zu nennen. Sein 1950 veröffentlichter Essay ‚Our struggle against the 107 Jews’ erlebte, besonders nach 1967 , eine große Verbreitung in der islamischen Welt. In dieser Schrift wird die bis dahin für die islamische Tradition eher unwichtige Episode der Auseinandersetzung Mohammeds mit den Juden im 7. Jahrhundert aus dem histori- schen Kontext gelöst und als überzeitlich gültige Metapher für die Ziele der Juden bis in die Gegenwart dargestellt: „The Jews have confronted Islam with Enmity from the Moment the Islamic state was established in Medina. They plotted against the Muslim Community from the first day it became a community. […] This is a war which has not been extin- guished, even for one moment, for close on fourteen centuries, and which contin- 108 ues until this moment, its blaze raging in all corners of the world. Sayyid Qutb stellt die Juden als die Drahtzieher des Kampfes gegen den Islam dar und spricht ihnen ewige Bösartigkeit und Sündhaftigkeit zu, ebenso wie Verantwortung für Zerfall von Religion, Moral und Anstand. Als exemplarisch für den zersetzenden jüd i- schen Intellekt nennt er Karl Marx, Sigmund Freu und Emile Durkheim: „Behind the doctrine of atheistic materialism was a Jew; behind the doctrine of a- nimalistic sexualitiy was a Jew; and behind the destruction of the familiy and the 109 shattering of sacred relationship in society was a Jew.“ So werden bei Qutb die Versatzstücke des europäischen Antisemitismus, wie ein angeb- lich weltweiter Einfluss durch jüdische „Drahtzieher“, das Zersetzende der jüdischen 104 Siehe dazu den Artikel ‚Panarabische Bewegung’ im Brockhaus unter:        http://www.brockhaus- enzyklopaedie.de/be21_article.php , Stand vom 18.01.2007. 105 So Wistrich, Robert S. (2003), Pfahl-Traughber, Armin (2005) und Müller, Jochen (2006). 106 Zu Sayyid Qutb siehe u. a. Shepard, William E. (1996) und den Eintrag in Wikipedia, der freien Enzyklopädie, unter: http://www.wikipedia.org/wiki/Sayyid_Qutb, Stand vom 18.01.2007. 107 1970 ließ die Regierung Saudi-Arabiens den Essay nachdrucken und weltweit verbreiten. Pfahl- Traughber, Armin (2004), 1259. 108 Zitiert nach Puschnerat, Tanja (2005), 54. Die Autorin weist, an anderer Stelle (56), auch darauf hin, dass die von Qutb initiierte Enthistorisierung und Vergegenwärtigung des Kampfes von Mohammed mit den Juden im 7. Jahrhundert durchschlägt bis in heutige Verlautbarungen von islamistischen Or- ganisationen wie der Hamas in Formeln wie „Khaibar, Kaibhar, o Juden, Mohammeds Armee wird wiederkehren“. 109 Wie Fußnote 107.
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- 36 - Intellektualität oder schlicht die jüdische Bosheit und Sündhaftigkeit, mit einer vorder- 110 gründig rein islamischen Argumentation verbunden.                  Was dem islamistischen Ant i- semitismus, auch bei Qutb, hingegen fremd ist und bleibt, ist der europäische Rassis- mus. Dennoch werden den Juden kollektiv negative soziale, kulturelle, religiöse und 111 politische Eigenschaften zugesprochen. Unterstützt wurden die von Qutb vertretenen Inhalte und seine Intentionen durch die im Herbst 1968 veranstaltete Vierte Konferenz der Akademie für Islamforschung an der 112 Al-Azhar-Universität in Kairo.            Vor dem Hintergrund der schweren arabischen Nie- derlage im Sechstagekrieg 1967, mit dem Verlust von Gebieten und vor allem von Jeru- salem, charakterisierten die hier versammelten Religionsführer aus 33 islamischen Lä n- 113 dern die Juden pauschal als „Feinde Gottes“ und als „Feinde der Menschlichkeit“. Mohammed Taha Yahia beispielsweise, ein Gelehrter aus Indonesien, nannte die Juden 114 in seinem Vortrag „rücksichtslos, unbarmherzig, grausam, unehrlich“ . Oder: Abdel Aziz Kamil von der Al-Azhar-Universität sprach von der „angeborenen Lasterhaftig- keit“ der Juden und führte einen durchnummerierten Katalog von 25 jüdischen Lastern auf, der von „Lügen wider Gott“ (= Nr.1) bis „Ihre Fälschung der heiligen Bücher“ (= 115 Nr. 26) reicht.      In den meisten Vorträgen dieser Konferenz finden sich vergleichbare antisemitische Stereotype, die ebenso wie Qutbs Schrift, immer wieder auf kollektive negative und unve ränderbare, weil angeborene, Eigenschaften von Juden abheben. Der von Qutb propagierte Antisemitismus wurde von der 1968 in Kairo versammelten islamischen Geistlichkeit weiter getragen und quasi autorisiert. Die Nachwirkungen dessen bis heute lassen sich z. B. daran erkennen, dass sich das antisemitische Versatz- stück, die Juden seien „Feinde Gottes“, in islamistischen Verlautbarungen (z. B. der Hamas) oder auch in zeitgenössischen Internetforen oder Chatrooms immer wieder fin- det. Der religiös überformte Antisemitismus, den Qutb prägte, beeinflusste die Genera- tion der Islamisten nach 1967 nachhaltig. Auf eine Differenzierung zwischen Juden, 110 Genaueres dazu bei Puschnerat, Tanja (2005), 53-55. Puschnerat bezeichnet Qutbs Essay Our Struggle against the Jews als das „ideologische Verbindungsglied zwischen europäischem und isla- mistischem Antis emitismus“, ib idem. 111 Puschnerat, Tanja (2005), 58. 112 Auszüge der Konferenzpapiere in deutscher Übersetzung: Arabische Theologen über die Juden und Israel. Auszüge aus den Akten der vierten Konferenz der Akademie für islamische Forschung (1976). 113 D. F. Green nennt in seiner Einleitung zu den Konferenzpapieren dies als erstes der „sich wiederho- lenden Hauptthemen“ der Referenten der 4. Konferenz. Weitere Hauptthemen waren: Die in histori- scher Kontinuität immer schlechten Eigenschaften der Juden; die Juden als „zusammengewürfeltes Gesindel“, das keine Nation bilden könne; die notwendige Vernichtung Israels, da es auf Aggression gegründet sei; die Überlegenheit des Islam, die den Sieg der Araber bringen wird; die Schande der Araber, von Juden besiegt worden zu sein. Arabische Theologen über die Juden und Israel (1976), 8- 9. 114 Arabische Theologen über Juden und Israel (1976), 26. 115 Arabische Theologen über Juden und Israel (1976), 30-33.
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- 37 - Israelis und Zionisten verzichteten sie zunehmend und rückten ihren Glauben immer mehr in den Vordergrund: „In der Konsequenz führte dies zu einem noch stärkeren Anstieg des Hasses auf die angeblichen Akteure einer Verschwörung gegen den Islam und zur Stilisierung des Nahostkonfliktes zum Endkampf zwischen unversöhnlichen Kräften. Diese Einstel- lung hilft zu erklären, warum vom Antisemitismus geprägte islamistische Gruppie- 116 rungen wie Hamas in Kategorien der Vernichtung denken und handeln.“ 2.2.1.        Literatur Arabische Theologen über die Juden und Israel (1976). Auszüge aus den Akten der vier- ten Konferenz der Akademie für islamische Forschung. Hrsg. von D. F. Green. Genf: Editions de l’Avenir. Müller, Jochen (2006). Auf den Spuren von Nasser. Nationalismus und Antisemitismus im radikalen Islamismus. In Tribüne. Jg. 45. Heft 178. 124-136. Pfahl- Traughber, Armin (2004). Antisemitismus in der islamischen Welt. Externe und interne Ursachen in historischer Perspektive. In Blätter für deutsche und internationale Politik. Jg. 49. Heft 10. 1251-1261. Pfahl- Traughber, Armin (2005). Der Ideologiebildungsprozess beim Judenhass der Is- lamisten. Zum ideengeschichtlichen Hintergrund einer Form des „Neuen Antisemitis- mus“. In Jahrbuch öffentliche Sicherheit. Frankfurt am Main: Verlag für Polizeiwissen- schaft. 189-208. Puschnerat, Tania (2005). Antizionismus im Islamismus und Rechtsextremismus. In Feindbilder und Radikalisierungsprozesse. Elemente und Instrumente im politischen Extremismus. Hrsg. vom Bundesministerium des Inneren. Berlin. 42-73. Shepard, William E. (1996). Sayyid Qutb and Islamic activism. A translation and crit i- cal analysis of social justice in Islam. Leiden, Köln u. a.: Brill. Wistrich, Robert S. (2003). Der alte Antisemitismus in neuem Gewand. In Europäische Rundschau. Jg. 31. Heft 3. 7-21. 2.3.          Welche Rolle spielt Israel im Islamismus? Eine gesonderte Beantwortung dieser Frage erübrigt sich, da Israel im Zentrum des is- lamischen und islamistischen Antisemitismus steht. In den Punkten 1.4 („Hat es mit Antisemitismus zu tun, wenn Israel die Existenzberechtigung abgesprochen wird?“), 116 Pfahl-Traughber, Armin (2004), 1261.
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- 38 - 1.5 („Welche Rolle spielen Antisemitismus und Israel für den Iran, für Hamas und His- bollah?“) und 2.2 („Welche Rolle spielt der Antisemitismus für den Islamismus?“) wird darauf ausführlich eingegange n. 2.4.           Kann man Islamismus als Totalitarismus bezeichnen? Wie sieht die Diskussion zu diesem Thema aus? 2.4.1.         Begriff, Phänomen und Diskussion des Totalitarismus im 20. Jahrhundert Der Begriff des Totalitarismus entstammt dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts und wurde erstmals 1923 von dem italienischen liberalen Politiker und Journalisten Gio- vanni Amendola (1882-1926) geprägt. Er bezeichnete das vom damaligen Diktator Italiens Benito Mussolini (1883-1945) geschaffene Herrschaftssystem des Faschismus 117 als totalitäres System (sistema totalitario).            Die Bezeichnung „totalitär“ wurde bald auch auf das nationalsozialistische Deutschland und die kommunistische Sowjetunion zur Zeit Stalins (1879-1953, an der Macht 1924-1953) angewendet, unbeschadet ihrer völlig anderen ideologischen Grundlagen. Der umfassende Herrschaftsanspruch und der 118 Herrschaftsapparat beider Systeme wurden als totalitär angesehen.                     Auf dem ersten wissenschaftlichen Symposium über den totalitarian state im November 1939 ging es um beide Systeme und deren spezifische Merkmale. Der Amerikaner Carlton J. H. Hayes (1882-1964) fasste damals als spezifische Merkmale des Totalitarismus folgende zusammen: -    Aufhebung der Gewaltenteilung und Monopolisierung der Gewalten in einer Hand, und damit Ausschaltung des freien Spiels der politischen Kräfte -    Abstützung der Machthaber auf die Massen -    Einsatz neuer Mittel der Propaganda -    Missionarischer Eifer und dadurch große Anziehungskraft 117 Einführende Informationen zum Totalitarismus siehe Das Politiklexikon ((2006), 300, im Online Brockhaus: http://www.brockhaus-enzyklopaedie.de/be21_article.php , Stand vom 20.01.2007,         in        Wikipedia,        der         freien       Enzyklopädie          unter http://de.wikipedia.org/wiki/Totalitarismus, Stand vom 29.01.2007 und im Online-Lexikon der           Bundeszentrale             für          politische          Bildung             unter: http://www.bpb.de/popup/popup_lemmata.html?guid=JOGNZB ,                          Stand         vom 29.01.2007. 118 Backes/Jesse (1992) weisen darauf hin, dass die frühen Arbeiten zum Totalitarismus, noch in den zwanziger Jahren, mehr zeitkritische Reflexionen als theoretische Systematisierungen waren, dass aber in den dreißiger Jahren schon erste wissenschaftliche Studien erschienen sind, z. B. die Arbeit von Alfred Cobban.
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- 39 - -    Neuartige Methoden und Techniken zur Beeinflussung der Massen -    Ausübung von Gewalt und Macht um ihrer selbst willen -    Einstellung gegen die historisch gewachsene Kultur des Westens Auf der zweiten Tagung zum Totalitarismus, im Jahr 1953, war es dann Carl J. Fried- rich (1901-1984), der den „einzigartigen Charakter“ der totalitären Diktatur durch das 119 Herausarbeiten bestimmter Merkmale zu be- und ergründen suchte.                   In der Zeit des Kalten Krieges der fünfziger Jahre kam es insgesamt zu einer Intensivierung der Totali- tarismusforschung und -konzeption. Hier sind besonders zu nennen Carl J. Friedrichs ‚Totalitäre Diktatur’ (1957) und Hannah Arendts ‚Elemente und Ursprünge totalitärer 120 Herrschaft’ (dt. 1955; engl. Originalausgabe 1951 ‚The Origins of Totalitarism’) , die als folgenreichste Publikationen zur Analyse moderner totalitärer Diktaturen angesehen werden. Wenn auch ein Nachzeichnen der wechselvollen Weiterentwicklung der Diskussion um Totalitarismuskonzepte, -definitionen oder - merkmale im Rahmen der vorliegenden Ausarbeitung nicht möglich ist, so gilt es doch einige Wesensmerkmale festzuhalten: -    Von Anfang an, aber vor allem seit Beginn der sechziger Jahre, kam es zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der Totalitarismuskonzeption der Nach- kriegszeit und weiteren anderen, neuen, Ansätzen der Totalitarismusfor- 121 schung. -    Die „Kehren und Wendungen“ der Totalitarismusforschung waren einerseits ein Reflex auf den Wandel der totalitären Herrschaftssysteme (die Sowjetunion vor allem), andererseits reflektierten sie auch Veränderungen im politischen Koordi- 122 natensystem der westlichen Demokratien. -    Es gibt eine n weitgehenden Konsens, das nationalsozialistische Regime und die kommunistische Sowjetunion unter Stalin als totalitär anzusehen. Es ist umstrit- 123 ten, ob die DDR als totalitär bezeichnet werden kann. 119 Bei Backes/Jesse (1992), 3, Näheres dazu. Zu Friedrichs Merkmalen des Totalitarismus siehe auch weiter unten. 120 Der Brockhaus nennt als weitere Protagonisten der Totalitarismusforschung und -diskussion dieser Zeit: F. Borkenau, E. Fraenkel, G. Leibholz, Richard Löwenthal, Franz L. Neumann, Sigmund Neumann. 121 Ausführlich nachgezeichnet bei Lieber, Hans-Joachim (1993), 888-930. Auch Backes/Jesse (1992), 2-8. 122 Jesse/Backes (1992), 4. 123 Dazu z. B. Jesse, Eckhard (1994). War die DDR totalitär? In Aus Politik und Zeitgeschichte. Heft 40. 12-23.
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