WD 9 - 017/22 Zu den Auswirkungen der Coronapandemie auf queere Personen. Studien und weitere Veröffentlichungen

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Wissenschaftliche Dienste                   Deutscher Bundestag Dokumententyp: Dokumentation Dokumentation Titel: Zu   den ZuAuswirkungen den Auswirkungen  der Coronapandemie der Coronapandemie       auf queere auf queere Personen Personenund weitere Veröffentlichungen Studien Untertitel: Studien und weitere Veröffentlichungen © 2022 Deutscher Bundestag                                 WD 9 - 3000 - 017/22
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Wissenschaftliche Dienste                   Dokumentation                                                                 Seite 2 WD 9 - 3000 - 017/22 Zu den Auswirkungen der Coronapandemie auf queere Personen Studien und weitere Veröffentlichungen Aktenzeichen:                         WD 9 - 3000 - 017/22 Abschluss der Arbeit:                 24.03.2022 Fachbereich:                          WD 9: Gesundheit, Familie, Senioren, Frauen und Jugend Disclaimer:  Die Wissenschaftlichen Die Wissenschaftlichen    Dienste des Dienste DeutschendesBundestages Deutschen Bundestages unterstützenunterstützen   diedes die Mitglieder  Mitglieder desBundestages Deutschen    Deutschen bei ihrer mandatsbezogenen Bundestages                    Tätigkeit. IhreTätigkeit. bei ihrer mandatsbezogenen       ArbeitenIhre geben  nicht die Arbeiten     Auffassung geben  nicht diedes Deutschen Auffassung desBundestages,   eines sei­ Deutschen Bundes­ ner Organe  oder  der  Bundestagsverwaltung     wieder.  Vielmehr  liegen sie in der fachlichen Verantwortung tages, eines seiner Organe oder der Bundestagsverwaltung wieder. Vielmehr liegen sie in der fachlichen Verantwor­der Verfasse­ rinnen und Verfasser sowie der Fachbereichsleitung. Arbeiten der Wissenschaftlichen Dienste geben nur den zum Zeit­ tung  der Verfasserinnen   und Verfasser  sowie  der  Fachbereichsleitung.  Arbeiten   der Wissenschaftlichen  Dienste punkt der Erstellung des Textes aktuellen Stand wieder und stellen eine individuelle Auftragsarbeit für einen Abge­      geben nur  den zum ordneten  des Zeitpunkt Bundestagesderdar. Erstellung  des Textes Die Arbeiten  könnenaktuellen Stand wieder und stellen der Geheimschutzordnung            eine individuelle des Bundestages         Auftragsarbeit unterliegende,   ge­ schützte für einenoder  andere nicht Abgeordneten    deszur  Veröffentlichung Bundestages    dar. Diegeeignete ArbeitenInformationen     enthalten. Eine beabsichtigte können der Geheimschutzordnung                Weitergabe des Bundestages        oder unter­ Veröffentlichung   ist vorab liegende, geschützte         dem jeweiligen oder andere  nicht zur Fachbereich   anzuzeigen Veröffentlichung          undInformationen geeignete    nur mit Angabe   der Quelle enthalten.    zulässig. Eine          Der Fach­ beabsichtigte bereich berät über die dabei zu berücksichtigenden Fragen. Weitergabe oder Veröffentlichung ist vorab dem jeweiligen Fachbereich anzuzeigen und nur mit Angabe der Quelle zulässig. Der Fachbereich berät über die dabei zu berücksichtigenden Fragen.
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Wissenschaftliche Dienste        Dokumentation          Seite 3 WD 9 - 3000 - 017/22 Inhaltsverzeichnis 1.          Einleitung                                4 2.          Studien und weitere Veröffentlichungen    5
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Wissenschaftliche Dienste                  Dokumentation                                                        Seite 4 WD 9 - 3000 - 017/22 1.     Einleitung Die Coronapandemie und ihre Auswirkungen betreffen die gesamte Gesellschaft. Die Bundesstif­ tung Magnus Hirschfeld (BMH) macht in dem Zusammenhang darauf aufmerksam, dass diese Auswirkungen auch diskriminierende Strukturen und Probleme verstärken können. Durch die Pandemie und damit einhergehende politische und rechtliche Maßnahmen sowie gesellschaftli­ che Veränderungen seien daher u. a. queere Personen mit besonderen Herausforderungen und 1 Härten konfrontiert. Bei dem Begriff „queer“ handelt es sich um einen offen gefassten Begriff, welcher vielfältige Iden­ tifikationsmöglichkeiten bietet. Er umfasst – so eine Definition – das gesamte Spektrum derer, die nicht heteronormativen Vorstellungen von Sexualität oder von binärem Geschlecht (männ­ 2 lich/weiblich) entsprechen. Er wird auch als positiv besetzte Selbstbezeichnung von lesbischen, 3 schwulen, bisexuellen, transgeschlechtlichen (transsexuellen, transidenten, transgender) , inter­ geschlechtlichen und asexuellen Personen verwendet, wobei die Aufzählung von Identitäten da­ 4 mit nicht abgeschlossen ist. 1      BMH, Auswirkungen der Coronapandemie auf LSBTIQ*, S. 3, abrufbar unter https://mh-stiftung.de/coronapan­ demie/. Dieser sowie alle weiteren Links wurden zuletzt abgerufen am 24. März 2022. 2      Diversity Arts Culture bei der Stiftung für Kulturelle Weiterbildung und Kulturberatung, Wörterbuch queer, ab­ rufbar unter https://diversity-arts-culture.berlin/woerterbuch/queer sowie Bundesministerium für Familie, Seni­ oren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), Regenbogenportal, Glossar, Queer, abrufbar unter https://www.regenbogen­ portal.de/glossar?tx_dpnglossary_glossary%5B%40widget_0%5D%5Bcharac­ ter%5D=Q&cHash=1a1e9f5c8583fa7f53238130febd82b1. 3      Zu den Begriffen transsexuell, transident und transgender siehe Büro zur Umsetzung von Gleichbehandlung e.V., abrufbar unter https://www.bug-ev.org/themen/schwerpunkte/dossiers/diskriminierung-von-trans-perso­ nen/trans-geschlechtlichkeit-hat-viele-auspraegungen/identifikation-als-trans/transsexuell-transgender-und- transident. 4      Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, Bundesverband Trans*, Intersexuelle Menschen e. V., Lesben- und Schwu­ lenverband, Auswirkungen der Coronapandemie auf lesbische, schwule, bisexuelle, trans*, intergeschlechtli­ che, queere und asexuelle Personen in Deutschland, 2021, Glossar S. 38, abrufbar unter https://mh-stif­ tung.de/wp-content/uploads/BMH_Corona-Auswirkungen_Doppelseiten.pdf.
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Wissenschaftliche Dienste                Dokumentation                                                          Seite 5 WD 9 - 3000 - 017/22 Die vorliegende Dokumentation stellt auftragsgemäß Studien und weitere Veröffentlichungen vor, die sich mit den – vor allem gesundheitlichen und sozialen – Auswirkungen der Coronapan­ demie auf queere Personen befassen. Dabei steht im Folgenden LSBTIQA als Abkürzung für les­ 5 bisch, schwul, bisexuell, transgeschlechtlich, intergeschlechtlich, queer und asexuell. 2.    Studien und weitere Veröffentlichungen McNaghten, A.D./Brewer, Noel et al., COVID-19 Vaccination Coverage and Vaccine Confidence by Sexual Orientation and Gender Identity – United States, August 29 – October 30, 2021, in: Morbidity and Mortality Weekly, 2022, Report 71, S. 171-176, abrufbar unter https://www.cdc.gov/mmwr/volumes/71/wr/mm7105a3.htm?s_cid=mm7105a3_w. Dieser Analyse liegen Daten von rund 143.000 Befragten (davon knapp unter zehn Prozent nach eigenen Angaben LSBT) im Rahmen des National Immunization Survey Adult COVID Module 6 (NIS-ACM) zugrunde, die online und telefonisch zwischen dem 29. August und dem 30. Oktober 2021 erhoben wurden. Im Ergebnis seien sowohl die COVID-19-Durchimpfungsrate als auch das Impfvertrauen bei schwulen oder lesbischen Erwachsenen höher als bei heterosexu­ ellen Erwachsenen. Auch bisexuelle Erwachsene zeigten ein höheres Vertrauen in die Impfung als Heterosexuelle. Hudson, Nathan/Kersting, Felicity, The experiences of UK LGBT+ communities during the COVID-19 pandemic: A review of evidence, November 2021, abrufbar unter https://natcen.ac.uk/our-research/research/the-experiences-of-uk-lgbtplus-communities-during- the-covid-19-pandemic/. Das National Centre for Social Research, ein unabhängiges Institut für Sozialforschung in Groß­ britannien, führte zum einen eine Sichtung vorhandener Studien durch ein sog. Rapid Evidence 7 Assessment (REA) durch. Zum anderen wurden Daten aus Umfragen im Zeitraum von April bis 5     Das teilweise ergänzte Pluszeichen oder Sternchen steht dafür, dass die Aufzählung von Identitäten nicht abge­ schlossen ist. Im englischsprachigen Raum wird LGBT für lesbian, gay, bisexual and transgender verwendet. Näheres siehe Deutsches Jugendinstitut, Was bedeutet eigentlich LSBT*Q?, Eine Leseanleitung mit einem Glossar zu den wichtigsten Begriffen, abrufbar unter https://www.dji.de/themen/queere-jugend/glossar.html sowie BMFSFJ, Regenbogenportal, Glossar, LSBT, LSBTI, LSBTIQ, LSBTIQ, abrufbar unter https://www.regen­ bogenportal.de/glossar?tx_dpnglossary_glossary%5B%40widget_0%5D%5Bcharac­ ter%5D=L&cHash=34be7eba16aa387cbb3db3596eab1ac8#g2. Zur Problematik, die mit den Abkürzungen ver­ bunden ist, siehe Bundeszentrale für politische Bildung, Geschlechtliche Vielfalt - trans*, LSBTIQ / LGBTIQ, abrufbar unter https://www.bpb.de/themen/gender-diversitaet/geschlechtliche-vielfalt-trans/500939/lsbtiq-lgb­ tiq/. 6     Diese Daten werden von der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control and Preven­ tion erhoben, um die Datenlage zur Impfquote und Verlässlichkeit der Impfstoffe zu ergänzen. 7     Ziel eines REA ist es, eine aussagekräftige Datenlage innerhalt eines verkürzten Zeitrahmens zu ermitteln. Dies geschieht, indem der Umfang der Beweismittel reduziert wird und Einzelschritte eines vollen systematischen Reviews gekürzt, vereinfacht oder ausgelassen werden, vgl. im vorliegenden Fall die Ausführungen auf S. 6 der Studie.
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Wissenschaftliche Dienste          Dokumentation                                            Seite 6 WD 9 - 3000 - 017/22 Juni 2020 mit 1.745 Teilnehmenden (davon machten 1.705 Personen Angaben zu ihrer Sexuali­ tät/ihrem Geschlecht, drei Prozent davon bezeichneten sich als heterosexuell) aller Altersgrup­ pen analysiert. Diese Analyse unterteilt die Ergebnisse in neun Themenbereiche: –  mentale Gesundheit und Wohlbefinden, –  suizidale Gedanken und Selbstverletzung, –  Gebrauch von Drogen, –  Sicherheit, –  Wohnsituation und Obdachlosigkeit, –  Gesundheit und Zugang zur Gesundheitsversorgung, –  Finanzielle Situation, –  Erfahrungen mit LSBT+ Organisationen –  zusätzliche Erfahrungen der befragten Personen. Insgesamt zeige sich ein negativer Einfluss der Pandemie in sämtlichen Bereichen, weswegen sich die Personen verstärkt an LSBT+ Organisationen gewendet hätten. Hafford-Letchfield, Trish/Toze, Michael et al., Unheard voices: A qualitative study of LGBT+ older people experiences during the first wave of the COVID-19 pandemic in the UK, August 2021, abrufbar unter https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/hsc.13531. Diese Analyse untersucht die Auswirkungen von Social-Distancing-Maßnahmen im Rahmen der Pandemie auf das Leben von LSBT+ Menschen in Großbritannien, die älter als 60 Jahre sind. Sie stützt sich auf Interviews mit 17 älteren Menschen und sechs Organisationen aus dem Bereich LSBT+. Zum Zeitpunkt der Interviews lebten die Teilnehmenden in der ersten Welle und hatten drei Monate lang Lockdown-Beschränkungen erlebt, die sich zu lockern begannen. Wichtige The­ men waren: –  Risikofaktoren für die jeweiligen Personen und Organisationen, –  Pflege, –  Vernetzung, –  Politisierung von Fragen des Alterns –  Kommunikation, auch virtuell. Es sei von entscheidender Bedeutung, dass die Bedürfnisse und Anliegen älterer LGBT+ Men­ schen auch in Notsituationen anerkannt und berücksichtigt würden. Philpot, Steven/Holt, Martin et al., Qualitative Findings on the Impact of COVID-19 Restrictions on Australian Gay and Bisexual Men: Community Belonging and Mental Well-being, in: Qualita­ tive Health Research, August 2021, 31 S. 2414–2425, abrufbar unter https://jour­ nals.sagepub.com/doi/full/10.1177/10497323211039204. Ausgewertet wurden rund 490 Rückläufe von schwulen und bisexuellen Männern, die im April 2020 in Australien zu den Auswirkungen der Coronapandemie online befragt wurden. Im Ergeb­ nis entwickelten sich aus offenen Fragestellungen folgende zentrale Probleme:
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Wissenschaftliche Dienste          Dokumentation                                             Seite 7 WD 9 - 3000 - 017/22 – Verlust des Zugangs zur Community und entsprechender Freizeitaktivitäten innerhalb der Community, – Verlust sozialer und intimer Kontakte, – Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit. Woodhull, Jane, Impact of Covid-19 on LGBTQ people in Brighton and Hove, Switchboard (Hrsg.), 2021, abrufbar unter https://www.switchboard.org.uk/new-research-by-switchboard- highlights-inequalities-exacerbated-by-covid-19-for-lgbtq-communities-in-brighton-hove/. Die Wohltätigkeitsorganisation für LSBTQ-Personen Switchboard wurde beauftragt, die Auswir­ kungen der Pandemie auf LGBTQ-Gemeinschaften in Brighton und Hove zu untersuchen. Dazu wurden rund 600 Personen, die sich als LSBTQ bezeichnen, im März und April 2021 zu folgen­ den Themenbereichen befragt: –  psychische Gesundheit, –  Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen, –  Wohnsituation, –  Impfverhalten, –  Auswirkungen auf den LSBTQ Geschäftsbereich und auf die LSBTQ Community. Danach fühlten sich infolge der Pandemie 68 Prozent der Befragten einsam oder isoliert und 74 Prozent depressiv. Fast alle (98 Prozent) befürworteten die Impfungen gegen COVID-19. 60 Prozent der jungen Befragten unter 24 Jahre gaben an, eine unsichere Wohnsituation zu erle­ ben. 72 Prozent litten darunter, dass geschützte Räume für die LSBTQ-Community nicht zugäng­ lich waren. McGowan, Victoria/Lowther, Hayley et al., Life under COVID-19 for LGBT+ people in the UK: systematic review of UK research on the impact of COVID-19 on sexual and gender minority populations, in: British Medical Journal Open, Juli 2021; 11:e050092, abrufbar unter https://bmjopen.bmj.com/content/bmjopen/11/7/e050092.full.pdf. Diese systematische Übersichtsarbeit aus dem Vereinigten Königreich zur Gesundheit und zum Wohlbefinden von LSBT+ Personen während der Coronapandemie kritisiert, dass die hierzu be­ triebene Forschung nicht ausreichend und nicht valide sei. Einbezogen worden seien die im Ver­ einigten Königreich bis zum Zeitpunkt der Erstellung dieser Arbeit verfügbaren Analysen und Beiträge. Die Dokumente seien von geringer Qualität und hätten keine ausreichend große Stich­ probengröße aufgewiesen. Zudem seien sie meist mit wenigen finanziellen Mitteln von Wohltä­ tigkeitsorganisationen für LSBT+ Personen durchgeführt worden. Oftmals fehle auch eine Ver­ gleichsgruppe. Bei den vorhandenen Studien mit Vergleichsgruppen zeige sich aber eine ver­ stärkte negative Auswirkung der Pandemie auf LSBT+ Personen im Vergleich zu Nicht-LSBT+ Personen. Kneale, Dylan/Bécares, Laia, Discrimination as a predictor of poor mental health among LGBTQ+ people during the COVID-19 pandemic: cross-sectional analysis of the online Queeran­ tine study, in: British Medical Journal (BMJ) Open, Juni 2021, 11(6):e049405, abrufbar unter https://bmjopen.bmj.com/content/11/6/e049405.long.
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Wissenschaftliche Dienste          Dokumentation                                           Seite 8 WD 9 - 3000 - 017/22 Dieser Untersuchung liegen Daten aus einer Online-Befragung von 310 Personen im Zeitraum Ende April bis Mitte Juli 2020 zugrunde. Danach hätten rund 70 Prozent der befragten LSBTQ+ Personen während der Coronapandemie ein hohes Maß an depressiven Symptomen erlebt. Rund 17 Prozent der Befragten hätten von Diskriminierung aufgrund der Zugehörigkeit zur LSBTQ+ Community berichtet. In dem Zusammenhang sei auch der durchschnittliche Wert für wahrge­ nommenen Stress gestiegen. Buspavanich, Pichit/Lech, Sonia et al., Well-being during COVID-19 pandemic: A comparison of individuals with minoritized sexual and gender identities and cis-heterosexual individuals, PLOS ONE, Juni 2021, abrufbar unter https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/jour­ nal.pone.0252356. Diese zwischen dem 20. April und dem 20. Juli 2020 durchgeführte Online-Umfrage unter 2.332 Personen vergleicht das Wohlbefinden in verschiedenen Untergruppen (LSBTIQA+ sowie hetero­ sexuelle Personen). Berücksichtigt wurden dabei Alter, Wohnumfeld, Erwerbsstatus, Beziehungs­ status, Elternschaft und COVID-19-Status. Die Ergebnisse bestätigten ein geringeres Wohlbefin­ den in allen Gruppen während der COVID-19-Pandemie. Sie deuteten darüber hinaus auf ein ge­ ringeres Wohlbefinden bei LSBTIQA+ im Vergleich zu heterosexuellen Personen hin. Zudem zeige sich, dass das Leben in Städten sowie das Zusammensein in einer Beziehung mit einem hö­ heren Maß an Wohlbefinden in Verbindung gebracht werden könne. Pereira, Henrique/Pedro, Jéssica et al., Psychosocial Impacts of COVID-19 Pandemic on Lesbian, Gay, and Bisexual People Living in Portugal and Brazil – A Qualitative Study, in: Journal of Psy­ chosexual Health, Juni 2021, 3 (2), S. 146–159, abrufbar unter https://journals.sagepub.com/doi/full/10.1177/26318318211017466. Die Studie wertet Online-Interviews von 65 Teilnehmenden aus Portugal und Brasilien aus, die sich selbst als lesbisch, schwul oder bisexuell bezeichnen. Diese Personen seien während der Pandemie erhöhten emotionalen und sozialen Risiken ausgesetzt, die sich auf ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden negativ ausgewirkt hätten. Ihre Situation müsse in der Gesellschaft stärker berücksichtigt werden. Abgefragt wurden folgende Bereiche: –  psychische Gesundheit, –  Isolation, –  Beziehungen, –  Arbeit und Bildung, –  Finanzen, –  Verhaltensänderung und Krisenbewältigung, –  spezifische LSBTQI-Themen. Herrmann, Wolfram, Charité, Policy Briefing zur zweiten Erhebungswelle der Studie „Die Situa­ tion von Menschen in Deutschland während der Corona-Pandemie“, Stand: 4. März 2021, abruf­ bar unter https://allgemeinmedizin.charite.de/fileadmin/user_upload/microsites/m_cc01/allg­ med/DOCS/coronaleben2_policybriefing.pdf sowie Fachhochschule Münster, Wie geht es Men­ schen während der Corona-Pandemie?, 16. April 2020, abrufbar unter https://www.fh-muens­ ter.de/hochschule/aktuelles/pressemitteilungen.php?pmid=8229.
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Wissenschaftliche Dienste           Dokumentation                                           Seite 9 WD 9 - 3000 - 017/22 Ziel der noch nicht vollständig ausgewerteten Studie, die auf Online-Befragungen basiert, ist es, die Situation und das Befinden von Menschen in Deutschland während der Coronapandemie zu beleuchten. Damit sollten bessere Angebote zur Bewältigung der sozialen Einschränkungen er­ möglicht werden. Ein Schwerpunkt der Studie ist die Frage, ob LSBTIA+ Menschen in der aktu­ ellen Situation besondere Herausforderungen erleben. Bei der ersten Befragung im März und Ap­ ril 2020 hatten 2.641 Menschen einen Online-Fragebogen ausgefüllt, bei der zweiten Befragung im Januar und Februar 202 waren es 4.143 Personen. 80 Prozent der Teilnehmenden beider Be­ fragungen gaben demnach an, Teil der LSBTIA+ Community zu sein. Während nur ungefähr 15 Prozent der heterosexuellen Teilnehmenden angegeben hätten, sich einsam zu fühlen, seien es bei den asexuellen und trans Menschen circa 50 Prozent gewesen. Zudem zeigten vorläufige Er­ gebnisse eine höhere Einsamkeit in der zweiten Befragungswelle im Vergleich zur ersten Befra­ gungswelle. Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, Bundesverband Trans*, Intersexuelle Menschen e. V., Les­ ben- und Schwulenverband, Auswirkungen der Coronapandemie auf lesbische, schwule, bisexu­ elle, trans*, intergeschlechtliche, queere und asexuelle Personen in Deutschland, Februar 2021, abrufbar unter https://mh-stiftung.de/wp-content/uploads/BMH_Corona-Auswirkungen_Doppel­ seiten.pdf sowie Salden, Ska/Macioszek, Frede, LSBTIQ*-Communitystrukturen in der Corona­ pandemie Eine Online-Befragung unter LSBTIQ*-Organisationen und -Initiativen, Bundesstif­ tung Magnus Hirschfeld (Hrsg.), Mai 2021, abrufbar unter https://mh-stiftung.de/wp-content/up­ loads/Befragungsbericht_LSBTIQ-Community_Coronapandemie.pdf. Im Vorfeld einer vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend mitfinan­ zierten Publikation wurden Ende 2020 mehrere Gespräche mit Fachleuten aus verschiedenen Be­ reichen geführt. Außerdem wurden 255 Organisationen und Initiativen im Bereich LSBTIQ+ on­ line zu den Auswirkungen der Coronapandemie befragt. Dabei wurden wir vier Themenbereiche, die jeweils konkrete Empfehlungen aufführen, näher beleuchtet: –   Communitystrukturen, –   Gesundheit, –   Lockdown und Kontaktbeschränkungen sowie –   gesellschaftliche Debatten und Agenda Setting. Zu den Empfehlungen zählen insbesondere Forderungen, die Finanzierung der Initiativen lang­ fristig sicherzustellen, Schutzräume für die betroffenen Menschen zu ermöglichen, die Gesund­ heitsversorgung und Selbstbestimmung zu gewährleisten, Sexarbeit zu ermöglichen, sicheren Wohnraum insbesondere für obdachlose und geflüchtete Menschen aus dem Bereich zur Verfü­ gung zu stellen, niedrigschwellig Informationen zur Coronapandemie und den Maßnahmen zur Verfügung zu stellen und zu verbreiten sowie die Lebensrealitäten in politische Regulierungen einzuschließen. In der zweiten Publikation werden die Ergebnisse der Online-Befragung darge­ stellt. Sears, Brad/Conron, Kerith, The Impact of the Fall 2020 COVID-19 Surge on LGBT Adults in the US, Februar 2021, abrufbar unter https://williamsinstitute.law.ucla.edu/wp-content/up­ loads/COVID-LGBT-Fall-Surge-Feb-2021.pdf. Der Studie liegen Daten aus einer landesweiten US-amerikanischen Umfrage unter rund 12.000 Erwachsenen (davon identifizierten sich 842 als LSBT), die zwischen dem 21. August und dem
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Wissenschaftliche Dienste               Dokumentation                                                       Seite 10 WD 9 - 3000 - 017/22 21. Dezember 2020 durchgeführt wurde, zugrunde. Im Ergebnis seien LSBT-Menschen of Color eher von den gesundheitlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen von COVID-19 betroffen als nicht-LSBT-Weiße. Movement Advancement Project, The Disproportionate Impacts of COVID-19 on LGBTQ House­ holds in the U.S., Dezember 2020, abrufbar unter https://www.lgbtmap.org/policy-and-issue- analysis/2020-covid-lgbtq-households. 8 Das Movement Advanced Project (MAP) veröffentlicht einen Bericht, der sich mit dem Einfluss der Coronapandemie auf LSBTQ-Haushalte beschäftigt. Zugrunde liegen Daten aus Interviews, die mit 3.454 Erwachsenen (davon identifizierten sich 353 als LSBTQ) im Zeitraum vom 1. Juli bis 3. August 2020 durchgeführt wurden. Die Ergebnisse zeigten, dass LSBTQ-Haushalte eine überproportional höhere Wahrscheinlichkeit für den Verlust der Arbeitsstelle (64 Prozent im Ver­ gleich zu 45 Prozent bei nicht LSBTQ Haushalten), ernste finanzielle Probleme (66 Prozent im Vergleich zu 44 Prozent), Probleme beim Zugang zur Gesundheitsversorgung (38 Prozent im Ver­ gleich zu 19 Prozent) und stärkere Probleme bei der Erziehung und bildungsbezogenen Unterstüt­ zung ihrer Kinder aufwiesen als nicht LSBTQ-Haushalte (52 Prozent im Vergleich zu 38 Prozent). Zudem beschrieben sie eine stärkere soziale Isolation als nicht LSBTQ-Personen (44 Prozent im Vergleich zu 23 Prozent). Köhler, Andreas/Nieder, Timo, TransCare Hamburg des Universitätsklinikums Hamburg-Eppen­ dorf, Measuring the impact of the COVID-19 pandemic on trans health & trans health care, ab­ rufbar unter https://transcarecovid-19.com/ und länderbezogene Ergebnisse abrufbar unter https://transcarecovid-19.com/results/ (Datenauswertung noch nicht abgeschlossen); Köhler, An­ dreas/Motmans, Joz et al., How the COVID-19 pandemic affects transgender health care in up­ 9 per-middle-income and high-income countries – A worldwide, cross-sectional survey, Preprint vom Dezember 2020, abrufbar unter https://www.medrxiv.org/con­ tent/10.1101/2020.12.23.20248794v1.full sowie Bundesverband Trans*, Erste Zwischenergeb­ nisse der Trans-Covid-Studie liegen vor!, Mai 2020, abrufbar unter https://www.bundesverband- trans.de/transcovidstudie/. Die Online-Befragung des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf in Zusammenarbeit mit Verbänden wendete sich an Personen, die sich als trans oder transsexuell identifizieren, erleben oder beschreiben und mindestens 16 Jahre alt sind. Der Begriff trans wird hier als Sammelbegriff verwendet, der viele andere Begriffe umfasst, wie z. B. transgender, transident, transgeschlecht­ lich, nicht-binär, genderqueer und geschlechts-nonkonform. Die Studie verfolgt das Ziel, die Auswirkungen der COVID-19 Pandemie auf die Gesundheit und die Gesundheitsversorgung von den genannten Personengruppen zu erfassen. 8     Das MAP ist - nach eigener Darstellung - eine Denkfabrik zur Gewährleistung gründlicher Recherche und Er­ kenntnisse, um Gleichberechtigung zu beschleunigen. 9     Als Preprints werden Arbeiten bezeichnet, die vor dem sogenannten Peer Review, einer Begutachtung durch die Fachkollegschaft, und vor der Veröffentlichung in einem Fachmagazin, bereits auf entsprechenden Plattformen veröffentlicht werden.
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