WD 8 - 049/18 Braunbären in Europa

Umwelt, Bildung, Forschung

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Wissenschaftliche Dienste                  Dokumentation                                                            Seite 11 WD 8 - 3000 - 049/18 2.     Angriffe von Bären auf Menschen Im Jahr 2002 wurde vom Norsk institutt for Naturforskning, kurz NINA (Norwegisches Institut für Naturforschung) eine Studie mit dem Titel "The fear of wolves: A review of wolfs attacks on hu- mans" veröffentlicht. Unter der Federführung von J.D.C Linnell erarbeitete ein 18-köpfiges Team diese Studie mit der Fragestellung, wann und wo es Übergriffe von Wölfen auf Menschen welt- weit gab. Ziel dieser umfassenden Studie war es, existierende Berichte über Wolfsangriffe auf Menschen aus Skandinavien, dem kontinentalen Europa, Asien und Nordamerika zusammenzu- tragen und nach Mustern in diesen Fällen zu suchen. Neben den Angriffen von Wölfen untersuchten die Autoren auch die Angriffe anderer Wildtiere auf Menschen. Dazu gehörten auch die Angriffe von Bären. Die Angriffe von Bären wurden zwar nicht mit der gleichen Intensität untersucht wie die An- griffe von Wölfen. Gleichwohl aber bietet der Abschnitt über die Angriffe von Bären aussagefähi- ges Datenmaterial zur Abschätzung der Gefahren, die durch Angriffe von Bären auf Menschen ausgehen können. 3.     Ergebnisse der NINA-Studie          12 3.1. Braunbären „Swenson et al. fassten die Daten über tödlich verlaufende Angriffe von Braun- und Grizzlybä- 13 ren (Ursus arctos) auf Menschen in Nordamerika und Eurasien bis 1995 zusammen. Angriffe toll- wütiger Bären sind praktisch unbekannt. Daher müssen die Angriffe als defensiv oder räuberisch betrachtet werden (Herrero 1985). Swenson et al. extrapolierten ihre Daten, die alle aus dem 20. Jahrhundert stammen, und kamen bei ihrer Hochrechnung auf etwa 950 zu erwartende Todes- fälle pro Jahrhundert in Nordamerika und Eurasia (siehe Tabelle). Hinter dieser Zahl verstecken sich starke regionale Schwankungen, da die europäischen Bären ungefährlicher als die nordame- rikanischen und asiatischen sind (siehe Tabelle). Außerdem gibt es kleine regionale und zeitliche Variationen und Cluster, bedingt durch wechselndes Management. Trotzdem sind Bärenangriffe 14 12     Der nachfolgende Text in Kapitel 3 und 4 stammt von: Norsk institutt for Naturforskning (2002). Die Angst vor Wölfen: Eine Bewertung von Wolfsattacken auf Menschen. http://www.wolfcenter.de/Vision-Standpunkte-Men- schen-in-Gefahr-Studie-weltweit.html Englischer Originaltext unter: http://www.wolfcenter.de/documents/NINA_2002_The_fear_of_wolves__A_re- view_of_wolf_attacks_on_humans_3ab.pdf 13     Swenson, J. E., Sandegren, F., Heim, M., Brunberg, S., Sørensen, 0. J., Söderberg, A., Bjärvall, A., Franzén, R., Wikan, S., Wabakken, P. & Overskaug, K. 1996, Er den skandinavisk bjørnen farlig? - NINA Oppdragsmelding 404: 1-26. Swenson, J. E., Sandegren, F., Soderberg, A., Heim, M., Sørensen, 0. J., Bjarvall, A., Franzén, R., Wikan, S. & Wabakken, P. 1999. lnteractions between brown bears and humans in Scandinavia. - Biosphere Conservation 2: 1-9. 14     Herrero, S. & Fleck, S. 1990. Injury to people inflicted by black, grizzly or poar bears: recent trends and new in- sights. - International Conference an Bear Research and Management 8: 25-32.
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Wissenschaftliche Dienste                   Dokumentation                                                           Seite 12 WD 8 - 3000 - 049/18 auf Menschen zeitlich weit über das ganze 20. Jhd. verteilt. Connover schätzt, dass es in Nord- 15 amerika pro Jahr etwa 4 Bärenangriffe auf Menschen gibt; im Schnitt endet alle 2 Jahre ein An- griff tödlich.“  16 3.2. Schwarzbären „Schwarzbären (Ursus americanus) werden mit wesentlich mehr Verletzungen in Verbindung ge- bracht als Braun- / Grizzlybären in Nordamerika. Das kann natürlich daran liegen, dass die Popu- lation der Schwarzbären wesentlich größer ist und sie in Gebieten mit höherer Bevölkerungs- dichte leben als Braunbären. Herrero dokumentierte über 500 Angriffe von Schwarzbären auf 17 Menschen in den Jahren 1960 bis 1980. Die meisten dieser Angriffe waren unbedeutend; trotz- dem wurden 25 Menschen zwischen 1900 und 1989 von Schwarzbären getötet . Connover                      18 schätzt, dass es zu etwa 25 Schwarzbär-Attacken pro Jahr kommt; im Schnitt endet alle 3 Jahre ein Angriff tödlich.“     19 3.3. Eisbären „Eisbären (Ursus maritimus) sind nur selten in Attacken auf Menschen involviert, aber das ist nicht überraschend, wenn man bedenkt, wie selten ihr Lebensraum mit menschlichen Wohnstät- ten überlappt. Auf Spitzbergen gab es im Zeitraum von 1971 bis 1998 vier Angriffe, die die Opfer verletzt überlebten, und weitere 4, die tödlich endeten . In Nordkanada wurden zwischen 1965 20 und 1985 14 Personen von Eisbären verletzt und weitere 6 getötet (Fleck & Herrero 1989). Aus Alaska weiß man für den Zeitraum 1900 bis 1990 nur von einer Person, die von einem Eisbären verletzt wurde“ .   21 3.4. Lippenbären „Angriffe von Lippenbären (Melursus ursinus) wurden in der indischen Region Madhya Pradesh sehr genau untersucht. Die Bären leben dort in einem hochgradig veränderten Habitat mit hoher Bevölkerungsdichte . Innerhalb von 5 Jahren wurden 735 Angriffe auf Personen dokumentiert, 22 48 der Attacken endeten tödlich. Addiert man dazu die Angriffe von Lippenbären aus anderen Regionen Indiens, kommt es durchschnittlich zu 188 Lippenbärenangriffen auf Menschen pro 15     Conover, M. R. 2001. Resolving human-wildlife conflicts: the science of wildlife damage management. - CRC Press, Boca Raton, Florida. 16     NINA 2002: 33. 17     Herrero, S. 1985. Bear attacks: their causes and avoidance, -Nick Lyons Books, New York. 18     Fleck, 5, & Herrero, S. 1989. Polar bear conflicts with humans. ¬In Bromley, M., ed. Bear-people conflicts: pro- ceedings of a Symposium on management strategies. Northwest Territories Department of Renewable Resources, Yellow-knife, Northwest Territories. Pp. 201-202. 19     NINA 2002: 34. 20     Derocher, A. E., Wiig, Ø., Gjertz, I., Bøkseth, K. & Scheie, J. 0. 1998. Status of polar bears in Norway 1993-96. - In Derocher, A. E., Garner, G. W., J., L. N. & Wiig, Ø., eds. Polar bears: Proceedings of the 12th working meeting of the IUCN/SSC polar bear specialist group, 3-7 February 1997, Oslo, Norway. IUCN Publications, Gland, Switzer- land. Pp. 101-112. 21     Middaugh, J. P. 1987. Human injury from bear attacks in Alaska, 1900-1985. - Alaska Medicine 29: 121-126. Floyd, T. 1999. Bear-inflicted human injury and fatality. - Wilder-ness and Environmental Medicine 10: 75-87. Zit. nach NINA 2002: 34. 22     Rajpurohit, K. S. & Krausman, P. R. 2000. Human-sloth bear conflicts in Madhya Pradesh, India. - Wildlife Soci- ety Bulletin 28: 393-399.
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Wissenschaftliche Dienste        Dokumentation                                          Seite 13 WD 8 - 3000 - 049/18 Jahr. Betrachtet man nur die Daten der Region Madhya Pradesh, wird deutlich, dass man allein in diesem Gebiet mit 10 Todesopfern durch Lippenbären pro Jahr rechnen muss.“  23 (NENA 2002: 34) 23    NENA 2002: 34f.
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Wissenschaftliche Dienste                 Dokumentation                                                          Seite 14 WD 8 - 3000 - 049/18 4.     Fazit Angriffe von Braunbären in Europa sind selten, auch wenn die mediale Berichterstattung biswei- len ein anderes Bild in der Öffentlichkeit verbreitet.           24 Erinnert sei in diesem Zusammenhang an den „Problembär Bruno“, der, im Sommer 2006 von Italien nach Bayern eingewandert, wochenlang im Interesse der Medien stand und trotz seiner angerichteten Schäden nach seinem Abschuss auf viel Sympathie bei der breiten Öffentlichkeit stieß.25 Eine zuverlässige, aktuelle Statistik über Angriffe von Braunbären auf Menschen in Europa konnte nicht recherchiert werden. Die Autoren der NINA-Studie weisen jedoch darauf hin, dass eine realistische Gefahreneinschät- zung, das Opfer eines Bärenangriffs zu werden, nur im Vergleich mit anderen Wildtierarten mög- lich ist, da die tatsächliche Dimension der Gefahr lebensbedrohlicher Begegnungen mit einem Bär statistisch um ein vielfaches geringer ist als z.B. der Zusammenstoß oder Angriff mit einem Herbivoren. (Pflanzenfresser) „Deshalb sollte man die Angriffe großer Herbivoren wie Elefant, Elch und Bison nicht vergessen. Im Yellowstone National Park werden mehr Menschen durch Bisons (Bison bison) verletzt als durch Bären – zwischen 1978 und 1992 wurden lediglich 12 Personen von Grizzly- und Schwarzbären verletzt, für 56 Verletzte waren Bisons verantwortlich . Viele weitere Personen 26 werden durch Huftiere verletzt, wenn die Tiere in Verkehrsunfälle verwickelt sind. Connovers Schätzungen zufolge werden in den USA jedes Jahr 29.000 Menschen verletzt und 200 getötet, weil ihr Fahrzeug mit einem Hirsch (Gattung Odocoileus) kollidierte.“                    27 **** 24     Spiegel-online (2017). Wildtierplage in Karpaten. Die Bären sind los. 06.11.2017. http://www.spiegel.de/wissen- schaft/natur/rumaenien-braunbaeren-angriffe-auf-menschen-haeufen-sich-a-1176346.html 25     Welt.de (2016). Problembär Bruno. „Er war der Mahatma Gandhi der bayerischen Wälder“. 19.05.2016. https://www.welt.de/regionales/bayern/article155494589/Er-war-der-Mahatma-Gandhi-der-bayerischen-Wael- der.html 26     Conrad, L. & Balison, J. 1994. Bison goring injuries: penetrating and blunt trauma. - Journal of Wilderness Medi- cine 5: 371-381. 27     NENA 2002: 35.
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