Fachkräftemangel in Deutschland - Statistiken, Studien und Strategien

Arbeit, Soziales

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Wissenschaftliche Dienste               Infobrief                                                         Seite 11 WD 6 – 3010-189/11 Gemäß der EU-Richtlinie dürfen hochqualifizierte Arbeitskräfte aus Drittstaaten zunächst für mindestens ein bis maximal vier Jahre in der EU arbeiten, wenn sie über einen Hochschulab- schluss oder eine fünfjährige Berufsausbildung verfügen und einen Arbeitsvertrag oder die Zusa- ge eines Arbeitsplatzes vorweisen können. Ihr Bruttoeinkommen muss mindestens um 50 Prozent über dem jeweiligen Landesdurchschnitt liegen. Die Entscheidung, ob eine so genannte Blue Card ausgestellt wird, ist den einzelnen Mitgliedstaaten überlassen und jeder Mitgliedstaat ent- scheidet, ob er Arbeitsmigration zulässt. Das gilt auch dann, wenn ein Blue-Card-Inhaber bean- tragt, in einem anderen EU-Staat zu arbeiten, was nach frühestens 18 Monaten möglich ist.                 31 Durch die Einführung eines beschleunigten und einheitlichen Genehmigungsverfahrens für Hochqualifizierte aus Drittstaaten soll die Attraktivität der EU im internationalen Wettbewerb erhöht werden. Auf dem Arbeitsmarkt der EU werden seit dem Jahr 2000 vor allem Defizite im Bereich der Informationstechnologie beobachtet.          32 4.     Demografische Entwicklung bis 2060 Die 12. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2009 zeigt die Bevölkerungsentwicklung bis zum Jahr 2060. Die Vorausberechnung beruht auf Annahmen zur Geburtenhäufigkeit, zur Lebenserwartung und zum Saldo der Zuzüge nach und der Fortzüge aus Deutschland (Wanderungssaldo). Eine solche Bevölkerungsvorausberechnung kann zeigen, wie sich die Bevölkerungszahl und –struktur unter den getroffenen Annahmen ver- ändern würden. Die Annahmen zu den Komponenten Geburtenhäufigkeit, Sterblichkeit und Wanderungen beruhen auf Untersuchungen der Verläufe dieser Komponenten im Zeit- und Län- dervergleich sowie auf Hypothesen über die aus heutiger Sicht erkennbaren Entwicklungstrends. Diese langfristigen Berechnungen haben aber immer nur Modellcharakter, da der Verlauf der maßgeblichen Einflussgrößen mit zunehmender Vorausberechnungsdauer immer schwerer vor- hersehbar ist. Das Statistische Bundesamt hat zu den drei Komponenten der demografischen 33 Entwicklung jeweils unterschiedliche Annahmen getroffen und insgesamt 12 Varianten und drei Modellrechnungen aufgezeigt.       34 Gemäß den Schätzungen und Erhebungen des Statistischen Bundesamtes nimmt die Bevölkerung in Deutschland seit 2003 ab. Ende 2008 lebten ca. 82 Millionen Menschen in Deutschland. 2060 werden es, so die derzeitige Prognose, zwischen 65 und 70 Millionen Menschen sein, abhängig von der tatsächlichen jährlichen Zuwanderung. Auch bei steigender Geburtenhäufigkeit, einem hohen Anstieg der Lebenserwartung und einem jährlichen Wanderungssaldo von 200.000 Men- schen würden 2060 maximal 77 Millionen Menschen in Deutschland leben und damit rund fünf Millionen weniger als noch 2008. Die Bevölkerungszahl geht zurück, weil die Zahl der Gestorbe- nen die Zahl der Geborenen immer mehr übersteigt. Die Nettozuwanderung – der Saldo der Zu- züge nach und der Fortzüge aus Deutschland – kann die Lücke nicht schließen. 31     ANGENENDT, Steffen; PARKES, Roderick (2010). Blue Card – (noch) kein Erfolg?, SWP-Aktuell 34, S. 1. 32     ASENSIO, Cristina Martín (2010), Die „Blue Card“-Richtlinie. In: ZAR, 2010, 175 (177). 33     STATISTISCHES BUNDESAMT (2009). 12. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung, S. 9. 34     STATISTISCHES BUNDESAMT (2009), S. 23-38.
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Wissenschaftliche Dienste              Infobrief                                                          Seite 12 WD 6 – 3010-189/11 Die abnehmende Zahl der Geburten und das Altern der gegenwärtig stark besetzten mittleren Jahrgänge führt auch zu starken Veränderungen in der Altersstruktur der Bevölkerung. Die klassi- sche Alterspyramide mit starken jungen Jahrgängen und kleiner werdenden älteren Jahrgängen gibt es schon seit den 50er Jahren nicht mehr, was auf die beiden Weltkriege und die Wirt- schaftskrise Anfang der 30er Jahre zurückgeht. Bis 2060 werden die stark besetzten Jahrgänge weiter nach oben verschoben, dabei schließlich ausdünnen und von zahlenmäßig kleineren er- setzt. Damit gehen deutliche Verschiebungen in der Relation der einzelnen Altersgruppen einher. Heute besteht die Bevölkerung zu 19 Prozent aus Kindern und jungen Menschen unter 20 Jahren, zu 61 Prozent aus 20- bis unter 65-Jährigen und zu 20 Prozent aus 65-Jährigen und Älteren. Im Jahr 2060 wird bereits jeder Dritte (34 Prozent) mindestens 65 Jahre alt sein und es werden dop- pelt so viele 70-Jährige leben, wie Kinder geboren werden.           35 Die Bevölkerung im Erwerbsalter von 20 bis 65 Jahren ist von der Schrumpfung und Alterung besonders stark betroffen. Heute gehören knapp 50 Millionen Menschen dieser Altersgruppe an. Die Zahl wird nach 2020 deutlich zurückgehen und im Jahr 2030 bei etwa 42 bis 43 Millionen Menschen liegen. 2060 werden rund 36 Millionen Menschen im Erwerbsalter sein – also 27 Pro- zent weniger als heute - wenn jährlich 200.000 Menschen zuwandern. Fällt die Zuwanderung nur halb so hoch aus, beträgt das Erwerbspersonenpotenzial (EPP) nur 33 Millionen Menschen – das sind 34 Prozent weniger als 2008. Die Höhe der Zuwanderung beeinflusst das Ausmaß der Schrumpfung der Bevölkerung im Erwerbsalter. Zurzeit gehören 20 Prozent der Menschen im erwerbsfähigen Alter zur jüngeren Gruppe der 20- bis unter 30-Jährigen (9,9 Millionen), 49 Prozent zur mittleren Altersgruppe von 30 bis unter 50 Jahren (24,3 Millionen) und 31 Prozent zur älteren von 50 bis 65 Jahren (15,5 Millionen). Wäh- rend die junge Gruppe zahlenmäßig auf etwa 6 bis 7 Millionen schrumpfen wird, bleibt ihr An- teil an allen Personen im Erwerbsalter fast konstant. Eine besonders einschneidende Verände- rung wird es in zehn Jahren geben, zwischen 2017 und 2024. Das EPP wird jeweils zu 40 Prozent aus den 30- bis unter 50-Jährigen und aus den 50- bis unter 65-Jährigen bestehen. „Um das Jahr 2035, wenn die stark besetzten 1960er Jahrgänge das Rentenalter erreichen, wird die Zahl der Personen im Erwerbsalter um 9 bis 10 Millionen geringer als heute sein“. Die Zahl der Personen 36 im erwerbsfähigen Alter wird weiter sinken und in jedem Fall wird das EPP der Zukunft zu ei- nem erheblichen Teil aus Menschen bestehen, die älter als 50 Jahre sind.             37 Zum zukünftigen Wanderungssaldo werden vom Statistischen Bundesamt zwei Annahmen ge- troffen. Mittel- bis langfristig geht es von einer allmählichen Erhöhung des Saldos der Zu- und Fortzüge aus. Nach der ersten Annahme steigt der jährliche Wanderungssaldo bis zum Jahr 2014 auf 100.000 Personen und verharrt dann auf diesem Niveau. Nach der zweiten Annahme wird ein Anstieg des jährlichen Saldos auf 200.000 Personen bis 2020 und anschließende Konstanz 35     STATISTISCHES BUNDESAMT (2009), S. 12-14. 36     EGELER, Roderich (2009). Statement anlässlich der Pressekonferenz „Bevölkerungsentwicklung in Deutschland bis 2060“ am 18. November 2009 in Berlin, S. 12. 37     STATISTISCHES BUNDESAMT (2009), S. 17-18.
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Wissenschaftliche Dienste             Infobrief                                            Seite 13 WD 6 – 3010-189/11 unterstellt. Daraus ergibt sich ein Korridor, in dem sich das Wanderungsgeschehen nach Ein- schätzung des Statistischen Bundesamtes abspielen dürfte.    38 5.    Prognosen und Handlungsempfehlungen 5.1. Position der Bundesregierung Die Bundesregierung hat in ihrer Antwort auf die Kleine Anfrage der Bundestagsfraktion DIE LINKE. zu „Fakten und Positionen der Bundesregierung zum so genannten Fachkräftemangel“ erklärt, dass bereits heute in manchen Branchen und Regionen sowie in Bezug auf spezifische Qualifikationen und Unternehmensgrößen Fachkräfteengpässe auftreten. Diese Schwierigkeiten der Personalrekrutierung könnten sich angesichts des demografischen Wandels, der wirtschaftli- chen Erholung und des Strukturwandels der Wirtschaft mittel- bis langfristig weiter verschärfen. „Erste Priorität haben (…) Bildung und Qualifikation sowie die Aktivierung von Menschen, die in Deutschland leben. Darüber hinaus sind die Verlängerung der Lebensarbeitszeit, die bessere Vereinbarkeit von Familienleben und Beruf sowie die Integration von Migrantinnen und Migran- ten von entscheidender Bedeutung, um Fachkräftemangel zu verhindern. Neben der Ausschöp- fung inländischer Potenziale wird die Bundesregierung verstärkt auf qualifizierte Zuwanderung setzen. Die Bundesregierung wird dazu den Anpassungsbedarf im Zuwanderungsrecht prüfen.“         39 Einzelne Berufsfelder, die am stärksten von einem Fachkräftemangel betroffen sind, nennt die Bundesregierung nicht: „Es gibt eine Vielzahl von Studien und Methoden zum Thema Fachkräf- temangel, die aufgrund des unterschiedlichen Untersuchungsdesigns und der Verwendung ver- schiedenster Methoden zu nicht immer unmittelbar vergleichbaren Ergebnissen kommen.“ Für sinnvoll erachtet die Bundesregierung die Studie „Beruf und Qualifikation in der Zukunft“, in die auch Informationen und Annahmen über die berufliche Flexibilität und Mobilität eingeflos- sen sind. Allerdings weist die Bundesregierung in ihrer Stellungnahme darauf hin, dass sie es für geboten halte, weitere Analysen in diesem Bereich zu erstellen.  40 Die diskutierte Untersuchung wurde vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer Insti- tut (FIT) und der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung (gws) durchgeführt. Einzelne Ergebnisse werden im Folgenden ausführlicher dargestellt. 5.2. Studie des IAB und BIBB Grundsätzlich weisen die Wissenschaftler darauf hin, dass die wissenschaftliche Methode der Prognose, also der Vorhersage der Zukunft, immer „Wenn-Dann“-Aussagen sind. Das heißt, eine Vorhersage kann nur eintreffen, wenn bestimmte, klar definierte Bedingungen gelten und über den prognostizierten Zeitraum Bestand haben. Das Instrument Prognose könne also nur mit Vor- 38    STATISTISCHES BUNDESAMT (2009), S. 7. 39    BT-Drs. 17/4784 vom 15. Februar 2011, S. 2. 40    BT-Drs. 17/4784, S. 8.
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Wissenschaftliche Dienste            Infobrief                                               Seite 14 WD 6 – 3010-189/11 behalten und Einschränkungen genutzt werden, denn selbst die aufwändigste wissenschaftliche Methodik zur Erstellung einer Prognose berge Unsicherheiten und Unschärfen.               41 In der Untersuchung des IAB und BIBB werden die Entwicklungen für zwölf Berufshauptfelder, die sich in die drei Berufsoberfelder „Produktionsbezogene Berufe“, „Primäre Dienstleistungsbe- rufe“ und „Sekundäre Dienstleistungsberufe“ einteilen lassen, prognostiziert. Demnach wird sich der Fachkräftebedarf in dem Berufsoberfeld „Produktionsbezogene Berufe“ wie Ernten, Fördern, Be- und Verarbeiten, Instandsetzen bzw. Steuern und Warten von Maschi- nen und Anlagen verringern. Hier werde es zu einem Überangebot an Fachkräften von rund zwei Millionen Personen kommen. Im Jahr 2005 gehörten diesem Berufsoberfeld insgesamt acht Milli- onen Erwerbstätige an. In dem Berufsoberfeld der „Primären Dienstleistungsberufe“, zu denen einfachere Tätigkeiten im Verkauf und im Büro sowie allgemeine Dienstleistungen wie Reinigen, Bewirten, Lagern, Sichern und Transportieren gehören, wird sich gemäß der Prognosen der Fachkräftebedarf geringfügig erhöhen. 2005 waren rund 18 Millionen Erwerbstätige in diesem Bereich beschäftigt, 19 Prozent von ihnen hatten keine abgeschlossene Berufsausbildung. Langfristig sei allerdings in diesem Berufsoberfeld mit einem Engpass zwischen Angebot und Bedarf zu rechnen, so die Wissen- schaftler. In dem Berufsoberfeld der „Sekundären Dienstleistungsberufe“ finden sich die höherwertigen und anspruchsvollen Tätigkeiten wie Forschen, Entwickeln, Organisieren, Managen, Recht an- wenden und auslegen, Betreuen, Heilen, Pflegen, Beraten, Lehren, Publizieren. Hier handelt es sich, so die Wissenschaftler, um ein prosperierendes Berufsoberfeld, in dem 12 Millionen Er- werbstätige beschäftigt sind. Es wird ein Anstieg des Bedarfs um mehr als 700.000 Erwerbstätige prognostiziert. Zwar werde sich auch das Angebot an Personen, die einen entsprechenden Beruf erlernen, erhöhen, allerdings wirkten sich hier die Effekte der demografischen Entwicklung aus. Das Modell des BIBB geht bereits für das Jahr 2015 von einem zu geringen Fachkräfteangebot in diesem Segment aus. Die Projektion des FIT rechnet erst für das Ende des Projektionszeitraums im Jahr 2025 mit einem Fachkräftemangel in den sekundären Dienstleistungsberufen. Zu dem Berufsoberfeld der „Sekundären Dienstleistungen“ gehören auch die technisch- naturwissenschaftlichen Berufe mit 3,2 Millionen Erwerbstätigen im Jahr 2005. Das Berufsfeld wird von akademischen MINT-Berufen dominiert (MINT meint Mathematik, Informatik, Natur- wissenschaften und Technik). Nur rund 52 Prozent bleiben hier in ihrem erlernten Beruf, rund 36 Prozent der in diesem Bereich Tätigen sind fachfremde Fachkräfte. Es herrscht also eine hohe Flexibilität. Der unterstellte steigende Bedarf könne unter Berücksichtigung der Abwanderungen aus dem Berufshauptfeld nicht hinreichend durch Fachfremde aufgefangen werden, so die Prog- nose. In dem Berufshauptfeld der Rechts-, Management- und wirtschaftswissenschaftlichen Berufe werde es sogar zu massiven Engpässen kommen, denn demografisch bedingt werde das Angebot dem langfristig steigenden Bedarf nicht folgen. Auch hier sei also mit einem Fachkräftemangel zu rechnen. 41    HELMRICH, Robert; ZIKA, Gerd (2010). Beruf und Qualifikation in der Zukunft, S. 13.
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Wissenschaftliche Dienste            Infobrief                                                     Seite 15 WD 6 – 3010-189/11 In dem Berufshauptfeld der künstlerischen, Medien-, geistes- und sozialwissenschaftlichen Beru- fe, das mit knapp 1,1 Millionen Erwerbstätigen eher klein ist, wird ein bedeutsamer Bedarfsan- stieg prognostiziert. Bereits im Jahr 2005 konnte der Bedarf nur knapp ausreichend fachadäquat gedeckt werden, so die Wissenschaftler. Zudem herrsche hier eine hohe Flexibilität, da nur rund 47 Prozent derjenigen, die einen entsprechenden Beruf erlernt haben, in diesem Segment blieben. 54 Prozent der Erwerbstätigen in diesem Bereich stammten aus fachfremden Berufen. Dadurch vergrößere sich das Ungleichgewicht von Bedarf und Angebot nochmal deutlich. In dem Berufshauptfeld Gesundheits- und Sozialberufe sowie Körperpflege arbeiten rund 4 Mil- lionen Personen. Hier werde der Bedarf an Fachkräften deutlich ansteigen, so die Prognose. Der- zeit gebe es zwar noch ein kleines Überangebot, das aber langfristig bei einem moderaten Be- darfsanstieg nicht gehalten werden könne. Voraussichtlich spätestens ab dem Jahr 2020 werde sich ein Fachkräftemangel einstellen. In diesem Bereich herrsche auch keine große Flexibilität. Rund 75 Prozent der hier Tätigen hätten einen entsprechenden Beruf erlernt.       42 5.3. Engpassanalyse der BA Ein wichtiger Indikator für die Ermittlung eines möglichen Fachkräfteengpasses ist für die Bun- desagentur für Arbeit (BA) die so genannte Vakanzzeit. Dies ist die Zeitspanne ab dem gewünsch- ten Besetzungstermin durch einen Betrieb bis zum Abgang aus dem Bestand der gemeldeten Stel- len bei der BA, also der Zeitraum, in dem eine Stelle nicht besetzt werden konnte. Die Vakanzzeit ist zu unterscheiden von der Laufzeit, die die gesamte Zeitspanne zwischen Meldung und Besetzung der Arbeitsstelle meint. Volkswirtschaftlich relevant ist nur die Vakanzzeit, denn sie signalisiert, dass eine Beschäftigungsmöglichkeit nicht genutzt wird und damit Wertschöp- fung bzw. Einkommen und staatliche Einnahmen verloren gehen. Lange Vakanzzeiten signalisieren einen Engpass bei der Besetzung freier Stellen und können da- mit ein Hinweis auf Fachkräfteknappheit darstellen. Allerdings kann erst von einem Engpass gesprochen werden, wenn die Besetzung freier Arbeitsstellen deutlich länger dauert als „üblich“ oder als von den Betrieben für vertretbar gehalten wird. Die Ursache für solche Besetzungsprob- 43 leme sind in der Regel vielfältig - Fachkräftemangel stellt nur eine mögliche Ursache dar.      44 Neben der abgeschlossenen Vakanzzeit werden auch die Anzahl der Arbeitsstellen, die länger als drei Monate im Bestand gemeldet sind und die Relation der registrierten Arbeitslosen zu den gemeldeten Arbeitsstellen als weitere Indikatoren für Engpass-Berufe herangezogen. Aktuell zeigt sich in den Statistiken der BA kein flächendeckender Fachkräftemangel, allerdings sind in einzelnen Berufsgruppen und Regionen Mangelsituationen bzw. Engpässe erkennbar. Bei folgenden Berufsgruppen zeichnet sich nach der Analyse der BA derzeit jedoch ein Fachkräfte- mangel ab: 42    HELMRICH; ZIKA (2010), S. 46-55. 43    BUNDESAGENTUR FÜR ARBEIT (2011). Vorbemerkung und methodische Erläuterung zum Analytikreport der Statistik, S. 1-3. 44    BUNDESAGENTUR FÜR ARBEIT (2011). Hintergrundinformation – Aktuelle Fachkräfteengpässe, Nürnberg. Stand: Dezember 2011.
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Wissenschaftliche Dienste            Infobrief                                                  Seite 16 WD 6 – 3010-189/11 –   Ingenieure Metallbau und Schweißtechnik (hochqualifizierte Experten) –   Ingenieure Maschinen- und Fahrzeugtechnikberufe (hochqualifizierte Experten) –   Ingenieure Mechatronik-, Energie-und Elektroberufe (hochqualifizierte Experten) –   Ingenieure technische Forschung und Entwicklung (hochqualifizierte Experten) –   Ingenieure technisches Zeichnen, Konstruktion und Modellbau (hochqualifizierte Experten) –   Ingenieure Ver- und Entsorgung (hochqualifizierte Experten) –   Hochqualifizierte Experten im Bereich Informatik und Softwareentwicklung/Programmierung –   examinierte Fachkräfte Gesundheits- und Krankenpflege –   examinierte Fachkräfte Altenpflege. 45 Ein Beispiel: In der Maschinen- und Fahrzeugtechnik hat sich der Fachkräftemangel im Laufe des Jahres 2011 noch verstärkt. Die Vakanzzeit liegt im Dezember 2011 mit 94 Tagen um 42 Prozent über dem Bundesdurchschnitt von 66 Tagen. Auf 100 gemeldete Arbeitsstellen für Maschinen- und Fahrzeugtechnikexperten kommen rechnerisch 89 Arbeitslose, die dieses Qualifikationsni- veau mitbringen. Auch eine regionale Einordnung der Mangelsituation ist für diese Berufsgruppe möglich. Demnach zeigt sich der Fachkräftemangel in diesem Bereich in allen westlichen Bun- desländern – ausgenommen Schleswig-Holstein. In Schleswig-Holstein, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen gibt es laut BA Anzeichen für Fachkräfteengpässe. Fachkräftepotenziale sind noch in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern vorhanden. Hier übersteigt die Zahl der Arbeitslosen die Zahl der Stellen deutlich und die Vakanzzeit ist zumeist unterdurchschnitt- lich.46 In Gesundheits- und Pflegeberufen geht die BA von einem flächendeckenden Fachkräftemangel auf allen Qualifikationsebenen aus. Das betrifft die Humanmediziner (ohne Zahnärzte), die Be- rufsgruppe der Gesundheits- und Krankenpflegefachkräfte sowie die Altenpflegefachkräfte.        47 5.4. Prognos-Studie „Arbeitslandschaft 2030“ Vorgestellt werden hier die Ergebnisse der Neuauflage der Studie „Arbeitslandschaft 2030“. Die- se analysiert die Entwicklung der Produktion in Deutschland und leitet daraus den zukünftigen Personalbedarf ab. Aufgezeigt wird, wie sich die Nachfrage und das Angebot an Arbeitskräften nach Qualifikationen, Tätigkeiten, Fachrichtungen, Berufen, Sektoren und Branchen entwickeln werden. Die Studie analysiert drei Themenkomplexe: Erstens was zukünftig produziert wird, zweitens wer zukünftig produzieren wird und drittens wie zukünftig produziert wird. Beeinflusst werden diese Bereiche vom wirtschaftlichen Strukturwandel und dem demografischen Wandel.              48 Prognos berechnet mit eigenen Modellrechnungen einen Arbeitskräftemangel von drei Millionen Personen im Jahr 2015 und rund fünf Millionen Personen im Jahr 2030, wenn nicht mit ver- schiedenen Maßnahmen gegengesteuert werde. Die einzelnen Branchen wären unterschiedlich 45     BUNDESAGENTUR FÜR ARBEIT (2011). Hintergrundinformationen, S. 4. 46     BUNDESAGENTUR FÜR ARBEIT (2011). Hintergrundinformationen, S. 5ff. 47     BUNDESAGENTUR FÜR ARBEIT (2011). Hintergrundinformation, S. 8ff. 48     PROGNOS (2011). Arbeitslandschaft 2030, S. 30.
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Wissenschaftliche Dienste              Infobrief                                                             Seite 17 WD 6 – 3010-189/11 betroffen. In der Industrie fehlten unter Berücksichtigung der industrienahen Dienstleistungen rund 1,2 Millionen Personen bis 2030. In der Dienstleistungsbranche werde vor allem das Gesundheits- und Sozialwesen betroffen sein. Maßnahmen, dem Mangel vorzubeugen, sind der Studie zufolge die Erhöhung der Erwerbsbeteiligung von Frauen und älteren Beschäftigten, ein Erhöhung des Anteils der Hochschulabsolventen, eine Ausweitung der wöchentlichen Arbeits- zeit von Teilzeitbeschäftigten und umfassende berufliche Weiterbildungsmaßnahmen. Außerdem wird in der Studie eine arbeitsmarktbezogene Zuwanderung empfohlen.                    49 Beeinflusst wird der Fachkräftemangel sowohl von einem Wandel der Produktionsstruktur hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft, vom dadurch bedingten Wandel der Arbeitslandschaft sowie von der demografischen Entwicklung. Die Beschäftigung im Dienstleistungssektor steigt an, im produzierenden Gewerbe geht sie zurück – bis zum Jahr 2030 um rund 2,5 Millionen Beschäftig- te. Der sektorale Strukturwandel vollzieht sich laut Prognos in den einzelnen Branchen sehr un- terschiedlich. Demnach werden die unternehmensnahen Dienstleistungen im Jahr 2030 die größ- te Bedeutung haben (Rechts-, Steuer und Unternehmensberater sowie Architektur- und Ingeni- eurbüros). Der größte „Verlierer“ des Strukturwandels ist demzufolge der Bergbau.                 50 Differenzierte Betrachtungen zeigen, dass die Arbeitsnachfrage in den manuellen Produktionstä- tigkeiten Fertigen, Be- und Verarbeiten weiter sinkt - um eine weitere Million bis 2030 - während parallel dazu die Nachfrage nach wissensbasierten Tätigkeiten steigt, beispielsweise in For- schung oder Beratung. Ebenso werden vermehrt gesundheitliche und soziale Tätigkeiten benö- tigt, hier steigt laut Prognos die Nachfrage um 390.000 Erwerbstätige. Es findet zudem eine 51 spürbare Verschiebung der Nachfrage zu höher qualifizierten Arbeitskräften statt. Die Nachfrage nach Personen ohne beruflichen Abschluss oder mit einer Lehrausbildung nimmt ab oder stag- niert, die Nachfrage nach Hochschulabsolventen steigt laut Prognos dagegen bei fast allen Tätig- keiten stark an. Laut Prognos kommt es zu einem Mismatch am Arbeitsmarkt, weil der verän- 52                                                     53 derten Arbeitskräftenachfrage kein entsprechendes Angebot gegenübersteht.                  54 Schon 2015 könnten – wenn keine Maßnahmen ergriffen werden – 14 Prozent der insgesamt an- gebotenen Stellen für Ingenieure und Naturwissenschaftler nicht besetzt werden, 2030 wären durchschnittlich mehr als 25 Prozent aller Stellen für Hochqualifizierte unbesetzt. Im Bereich der beruflichen Bildung wären 2030 mehr als zwei Drittel der entsprechenden Fachrichtungen be- troffen – wobei die Zahl der unbesetzten Stellen durchweg niedriger wäre als bei Akademikern. Die voraussichtlich größten Lücken sind nach den Berechnungen von Prognos in den Büro- und 49     PROGNOS (2011). Arbeitslandschaft 2030, S. 1. 50     PROGNOS (2011). Arbeitslandschaft 2030, S. 8. 51     PROGNOS (2011), Arbeitslandschaft 2030, S. 26. 52     PROGNOS (2011). Arbeitslandschaft 2030, S. 28. 53     Mismatch meint ein Ungleichgewicht zwischen Arbeitskräftenachfrage und Arbeitskräfteangebot, das unter- schiedliche Ursachen haben kann (qualifikationsspezifisches, regionales oder lohnbedingtes Mismatch). In der Regel wird Mismatch mit Hilfe der sogenannten Beveridge-Kurve grafisch dargestellt. 54     PROGNOS (2011). Arbeitslandschaft 2030, S. 30.
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Wissenschaftliche Dienste              Infobrief                                            Seite 18 WD 6 – 3010-189/11 kaufmännischen Berufen mit Rechnungskaufleuten und Informatikern zu verzeichnen und in den Gesundheits- und Sozialberufen wie in den Lehrberufen.        55 5.5. MINT-Trendreport vom IW Köln Nach Aussage des Gutachtens vom Institut der deutsche Wirtschaft Köln (IW), das im Auftrag der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände, des Bundesverbands der Deutschen In- dustrie, des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall und der Initiative „MINT Zukunft schaffen“ ange- fertigt wurde, fehlten dem deutschen Arbeitsmarkt im Februar 2011 rund 117.000 MINT- Fachkräfte. Allein zwischen Januar und Februar habe sich die Lücke um rund 21.000 Personen vergrößert. 56 Außerdem, so die IW-Untersuchung, führe die demografische Entwicklung zu einem steigenden Bedarf an MINT-Akademikern, da zahlreiche MINT-Kräfte aus Altersgründen aus dem Erwerbs- leben ausscheiden und ersetzt werden müssten. Bereits heute würden jährlich rund 44.300 MINT-Hochschulabsolventen benötigt, um Ausscheidende zu ersetzen. In den kommenden Jah- ren, so das IW, werde dieser Bedarf auf etwa 52.000 Absolventen pro Jahr steigen. Darüber hinaus prognostiziert das IW eine Beschäftigungsexpansion im MINT-Bereich: Zwischen 2000 und 2008 sei die Erwerbstätigkeit von MINT-Akademikern um durchschnittlich 62.000 Personen gestiegen und wenn sich dieser Trend fortsetze, bestehe schon heute ein Gesamtbedarf von 105.000 MINT- Hochschulabsolventen pro Jahr.      57 Bislang allerdings, so das IW, absolvierten zu wenige Studenten ein MINT-Erststudium. Im Jahr 2009 waren es 95.000 Studenten – laut Gutachten zu wenig, um den Gesamtbedarf zu decken. Zwar habe sich die allgemeine Studierneigung innerhalb eines Altersjahrgangs erhöht und somit auch die Absolventenzahlen insgesamt, aber der MINT-Anteil sei hier lediglich moderat gestie- gen. Das IW bemängelt auch, dass der Frauenanteil an den MINT-Erstabsolventen immer noch sehr gering sei. 2009 betrug er 31,4 Prozent. „Frauen stellen somit in Bezug auf das MINT- Segment ein Potenzial dar, welches in vielen Bereichen noch nicht erschöpft ist.“        58 Das IW sieht zwei Handlungserfordernisse zur Verringerung der MINT-Lücke. Zum einen sei es notwendig, die Bildungsausländer, die hierzulande ein MINT-Studium abschließen, nach dem Studium in den deutschen Arbeitsmarkt zu integrieren und das Bleiberecht für diese Ausländer- gruppe zu ändern. Zum zweiten sollte, so das IW-Gutachten, das Renteneintrittsalter erhöht wer- den, um so das Erwerbstätigenpotenzial im MINT-Segment zu steigern.         59 55     PROGNOS (2011). Arbeitslandschaft 2030, S. 37. 56     ANGER, Christina; ERDMANN, Vera; PLÜNNECKE, Axel (2011). MINT-Trendreport, S. 18. 57     ANGER; ERDMANN; PLÜNNECKE (2011), MINT-Trendreport, S. 4. 58     ANGER; ERDMANN; PLÜNNECKE (2011), MINT-Trendreport, S. 18. 59     ANGER; ERDMANN; PLÜNNECKE (2011), MINT-Trendreport, S. 5.
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Wissenschaftliche Dienste               Infobrief                                                       Seite 19 WD 6 – 3010-189/11 5.6. Studie des DIW Der Wissenschaftler Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat im Jahr 2010 einen kurzfristigen Fachkräftemangel in naturwissenschaftlich-technischen Berufen verneint. Gegenstand der Analyse waren auch Facharbeiterqualifikationen, die vor allem in der Industrie benötigt werden. Untersucht hat Brenke die aktuelle Situation mit Blick auf die Ausbil- dung der nächsten vier bis fünf Jahre. Er kommt zu dem Ergebnis, dass in den nächsten fünf Jah- ren angesichts stark gestiegener Studentenzahlen noch nicht damit zu rechnen sei, dass in tech- nisch-naturwissenschaftlichen Berufsfeldern ein starker Engpass beim Arbeitskräfteangebot ein- trete. Mittel- und langfristige Trends waren nicht Gegenstand der Untersuchung.             60 Gegen einen aktuellen Fachkräftemangel spreche zum einen, dass der in der Krise begonnene Arbeitsplatzabbau in der Industrie gerade erst zum Stillstand gekommen sei. Noch im August 2010 habe die Zahl der Beschäftigten in dem Sektor um gut 300.000 unter dem Vorkrisenniveau gelegen. Zudem habe sich seit 2008 die Arbeitsmarktsituation in den meisten technisch- naturwissenschaftlichen Berufen verschlechtert. Dementsprechend sei fast bei allen Fachkräften die Zahl der Arbeitslosen höher als die Zahl der offenen Stellen. Weiterhin würden Fachkräfte bei der Einkommensentwicklung nicht besser abschneiden als die übrigen Arbeitnehmer. Zei- chen für eine Knappheit wären jedoch überdurchschnittliche Gehaltssteigerungen. Die Absolventenzahlen in Ingenieursstudiengängen und in der betrieblichen Ausbildung ließen ebenfalls keinen Fachkräftemangel erkennen. Das gleiche gelte in anderen wichtigen Fächern wie der Humanmedizin, der Mathematik und den klassischen Naturwissenschaften, so Brenke. In all diesen Fächern sei die Zahl der Studenten deutlich stärker gewachsen als die Zahl der Studenten insgesamt. Hinsichtlich der Ausbildung von Facharbeitern vermutet der Autor der Studie, dass die Unternehmen nur deshalb nicht mehr ausbilden würden, weil sie dies wegen eines ausrei- chenden Fachkräfteangebotes nicht für erforderlich hielten. Lediglich im Gesundheitssektor zeichnet sich der Untersuchung zufolge momentan ein Fachkräf- temangel ab: Bei Ärzten wie bei Krankenschwestern könnte demnach ein Engpass an Arbeitskräf- ten entstehen. Abgesehen von Medizinern und einigen wenigen Fertigungsberufen gebe es jedoch keine Anzeichen für einen momentanen Fachkräftemangel. In einem Interview zu der Studie spricht der Autor stattdessen sogar in einigen Bereichen von einem möglichen Überangebot an Fachkräften. Brenke gibt zu Bedenken, dass konkrete Zahlen zum Fachkräftemangel nicht benannt werden könnten, da bislang keine geeigneten wissenschaftlichen Verfahren zur Berechnung einer Fach- kräftelücke bekannt seien, die die Komplexität des Arbeitsmarktgeschehens und die Vielfalt der Aspekte auf der Angebots- und der Nachfrageseite beachteten. Die verfügbaren amtlichen Daten reichten für eine korrekte Berechnung nicht aus. Brenke kritisiert in seinem Aufsatz insbesondere die Methodik des IW.      61 60     BRENKE, Karl (2010), S. 2. 61     BRENKE, Karl (2010), S. 3ff. Vgl. zu dem wissenschaftlichen Disput auch die Erwiderung des IW vom 18. November 2010. http://www.iwkoeln.de/LinkClick.aspx?fileticket=g7sOArRj62U%3D&tabid=252 (letzter Abruf am 23. Januar 2012).
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Wissenschaftliche Dienste              Infobrief                                                            Seite 20 WD 6 – 3010-189/11 Diese Studie war sowohl innerhalb des DIW als auch unter anderen Arbeitsmarktexperten nicht unumstritten . In einem Kommentar hob der damalige Präsident des DIW, Prof. Dr. Zimmer- 62 mann hervor, dass bereits mittelfristig - schon aufgrund des unabwendbar zu erwartenden demo- grafischen Einbruchs ab dem Jahr 2015 - der Fachkräftemangel zum bestimmenden Thema des Arbeitsmarktes werde. Die derzeit verfügbaren Arbeitsmarktindikatoren seien allerdings nur schlechte Sensoren für kurzfristige Arbeitskräfteknappheit.             63 Prof. Dr. Zimmermann betonte in seiner Funktion als Direktor des Instituts zur Zukunft der Ar- beit (IZA) im Februar diesen Jahres erneut, dass es an wissenschaftlichen Instrumenten mange- 64 le, die eine detaillierte Ermittlung des tatsächlichen Fachkräftemangels möglich machten. In ei- ner Stellungnahme vor dem Bundestagsausschuss für Arbeit und Soziales bemängelte er, dass aufgrund einer unzureichenden Datengrundlage und in Ermangelung belastbarer Indikatoren die bevorstehenden bzw. aktuell bereits auftauchenden Fachkräfte-Engpässe bislang nicht ausrei- chend präzise definiert werden könnten.         65 5.7. Analyse des DGB Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hat die Arbeitslosenstatistik der BA aus dem ersten Halbjahr 2011 untersucht und kommt zu dem Ergebnis, dass die Fluktuation auf dem Arbeits- markt weiterhin sehr groß sei. Trotz des beklagten Fachkräftemangels hätten in den ersten sechs Monaten des Jahres rund 908.000 Beschäftigte mit betrieblicher Ausbildung ihren Job verloren und seien arbeitslos geworden. Zwar habe sich die Zahl der qualifizierten Arbeitskräfte, die sich neu arbeitslos melden mussten, gegenüber dem Vorjahreszeitraum um rund 86.000 (8,6 Prozent) verringert, doch trotzdem seien viele qualifizierte Arbeitskräfte von den Unternehmen nicht ge- halten worden. Die DGB-Analyse betont den Zu- und Abgang am Arbeitsmarkt auch bei Arbeitskräften mit be- trieblicher oder schulischer Ausbildung. Mehr als 60 Prozent der aus Beschäftigung zugehenden Arbeitslosen habe eine abgeschlossene Berufsausbildung. Damit hätten 5,7 Prozent der 16 Mil- 66 lionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, die eine abgeschlossene Berufsausbildung ha- ben, innerhalb des ersten Halbjahres 2011 Erfahrungen mit Arbeitslosigkeit gemacht. „Bei anzie- hender Konjunktur und insgesamt sinkender Arbeitslosigkeit darf das Risiko des Job-Verlustes für Arbeitskräfte mit Berufsausbildung keineswegs kleingerechnet werden“, so der Autor der Analyse. Zudem seien immerhin rund 110.000 Beschäftigte mit akademischer Ausbildung im 67 ersten Halbjahr 2011 nach einer Beschäftigung arbeitslos geworden. Trotz Fachkräftebedarfs und trotz öffentlicher Klagen über Schwierigkeiten bei der Besetzung qualifizierter Stellen habe sich 62     HAAS, Sibylle; RIEDL, Thorsten (2010). Eine These, die nicht passt. Maulkorb für den Arbeitsmarktexperten des DIW: Süddeutsche Zeitung vom 17. November 2010. 63     ZIMMERMANN, Klaus F. (2010). DIW-Wochenbericht. 46/2010. 64     Prof. Dr. Klaus F. Zimmermann war bis Februar 2011 zugleich Präsident des DIW. 65     ZIMMERMANN, Klaus F. (2011), S. 2. 66     ADAMY, Wilhelm (2011), S. 1. 67     ADAMY (2011), S. 2.
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