Talentscouting
20. Wahlperiode Drucksache 20/778 HESSISCHER LANDTAG 27. 08. 2019 Kleine Anfrage Dr. Matthias Büger (Freie Demokraten), Moritz Promny (Freie Demokraten) und Yanki Pürsün (Freie Demokraten) vom 07.06.2019 Talentscouting und Antwort Ministerin für Wissenschaft und Kunst Vorbemerkung Ministerin für Wissenschaft und Kunst: Zur Beantwortung der nachstehenden Fragen sind die Hochschulen um Stellungnahme gebeten worden. Ihre Rückmeldungen sind in die folgenden Ausführungen eingegangen. Die Kleine Anfrage beantworte ich im Einvernehmen mit dem Hessischen Kultusminister wie folgt: Frage 1. Welche Unterstützungsangebote für talentierte Jugendliche aus Nichtakademikerfamilien auf dem Weg zu einem erfolgreichen Studium gibt es derzeit in Hessen? Ausgehend von der Definition, dass ein Scout für Vereine, Firmen bzw. hier Hochschulen aktiv talentierten Nachwuchs sucht, gibt es an den hessischen Hochschulen keine gesonderten zentra- len Maßnahmen im Sinne eines Talentscouting. Die Hochschulen setzen – neben Informations- veranstaltungen für Studieninteressierte – insgesamt auf ein den gesamten Studienzyklus umfas- sendes Beratungsangebot von der Eingangsorientierung bis zu themenspezifischen Beratungsan- geboten, die auch gerade bei Studienanfängerinnen und Studienanfängern aus Nichtakademiker- familien relevant sind. Es bestehen u.a. die folgenden Unterstützungsangebote für talentierte Jugendliche: Das so genannte Schüler- oder Frühstudium ermöglicht besonders begabten Schülerinnen und Schülern nach § 54 Abs. 5 des Hessischen Hochschulgesetzes die Teilnahme an Lehrveranstal- tungen und Prüfungen. Die Studienzeiten und dabei erbrachte Prüfungsleistungen werden auf Antrag anerkannt. Das Schüler- oder Frühstudium wird beispielsweise an den Universitäten Frankfurt, Gießen und Marburg angeboten. Ein konkretes Angebot zur Förderung begabter Schülerinnen und Schüler, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft, hält Hessen in Form der Internatsschule Schloss Hansenberg (Oberstufen- gymnasium in Trägerschaft des Landes Hessen) bereit. Die Erziehungsberechtigten aller poten- ziell geeigneten hessischen Schülerinnen und Schüler werden in einem persönlichen Anschrei- ben über diese Möglichkeit informiert. Damit sollen vor allem weniger bildungsnahe Familien erreicht werden. Die Schule ist kostenfrei, der Beitrag für Verpflegung und Internat kann ggf. über BAföG oder Stipendien finanziert werden. Im Rahmen des Auswahlverfahrens werden bei gleicher Eignung Schülerinnen und Schüler aus Nichtakademikerfamilien bevorzugt aufge- nommen. Ein bedeutsames Instrument zur Unterstützung von talentierten Jugendlichen gerade aus Nicht- Akademikerfamilien stellt das Deutschlandstipendium dar, das an 21 staatlichen und nicht- staatlichen Hochschulen in Hessen angeboten wird. Im Rahmen des Deutschlandstipendiums er- halten talentierte Studierende eine materielle und ideelle Unterstützung seitens der Universität. Die Förderung muss nicht zurückgezahlt werden und kann zusätzlich zum BAföG bezogen wer- den. Zu den Förderkriterien zählt unter anderem die Überwindung von etwa herkunftsbedingten biografischen Hindernissen. Entsprechend einer vom Bundesministerium für Bildung und For- schung geförderten Untersuchung der Sozialstruktur der Deutschlandstipendiatinnen und - stipendiaten stammte im Erhebungszeitraum Wintersemester 2014/2015 fast die Hälfte der Sti- pendiatinnen und -stipendiaten aus Nichtakademikerfamilien. Demnach leistet der duale Ansatz Eingegangen am 27. August 2019 · Bearbeitet am 27. August 2019 · Ausgegeben am 30. August 2019 Herstellung: Kanzlei des Hessischen Landtags · Postfach 3240 · 65022 Wiesbaden · www.Hessischer-Landtag.de
2 Hessischer Landtag · 20. Wahlperiode · Drucksache 20/778 aus materieller und ideeller Unterstützung durch das Deutschlandstipendium auch einen erhebli- chen Beitrag zum Studienerfolg von talentierten Jugendlichen aus Nichtakademikerfamilien. Auch Kooperationen zwischen Hochschulen und Schulen unterstützen Jugendliche aus Nicht- akademikerfamilien und helfen ihnen bei der Orientierung. So leistet die Zentrale Studienbera- tung der Goethe-Universität Frankfurt am Main im Rahmen eines Partnerschulenprogramms an Schulen mit gymnasialer Oberstufe Informationsarbeit. An der Hochschule Fulda gibt es zudem einzelne Modellprojekte mit Real- und Hauptschulen der Region, bei denen es darum geht, über die Möglichkeiten eines späteren Studiums zu infor- mieren und Hürden zur Hochschule abzubauen. Die hessischen Schulen sichern allen Schülerinnen und Schülern gleich welcher Herkunft einen chancengleichen Zugang zu hochschulzugangsberechtigten Schulabschlüssen. Frage 2. Wenn ja, wie viele Schülerinnen und Schüler nehmen daran teil? Da die in der Antwort auf Frage 1 aufgezählten Angebote nicht zentral verwaltet werden, liegt der Landesregierung kein gesammeltes Datenmaterial zu der Gesamtteilnehmerzahl vor. Frage 3. Wenn nein, gibt es Überlegungen, derartige Maßnahmen und Konzepte zu entwickeln und zur realisieren? Die Landesregierung verfolgt das Ziel, Aufstiegschancen unabhängig von sozialer oder ethni- scher Herkunft zu gewährleisten. Bildungswege durchlässig zu gestalten und Menschen die Chance zur Entfaltung ihrer Talente zu geben. Gute Bildung und eine starke Wissenschaft und Forschung spielen dabei eine wichtige Rolle. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die sich permanent verändern, machen es mit Blick auf das Schul- und Hochschulsystem in allen Län- dern erforderlich, kontinuierlich zu analysieren und zu bewerten, ob bereits bestehende Ansätze ausreichen oder ob ggf. Veränderungen angezeigt sind, um dieses Ziel zu erreichen. Derzeit ist die Bewertung, ob ergänzende Maßnahmen als zielführend erachtet werden, noch nicht abgeschlossen. Daher gibt es aktuell keine weiterreichenden Überlegungen zur Entwick- lung eines hessischen Konzeptes für ein zentrales Talentscouting. Frage 4. Wie bewertet die Landesregierung die Maßnahmen zum Talentscouting, die in Nordrhein- Westfalen umgesetzt werden? Die Maßnahmen zum Talentscouting, die in Nordrhein-Westfalen umgesetzt werden, erscheinen der Landesregierung grundsätzlich als eine geeignete Möglichkeit, talentierte Jugendliche aus Nichtakademikerfamilien zu identifizieren und für die Bedeutung der Bildung für den berufli- chen Erfolg zu sensibilisieren. Institutionsübergreifende Kooperationen im Bereich der Begab- tenförderung sind hilfreich, gerade wenn es wie im Beispiel der Talentscouts darum geht, Über- gänge zu erleichtern bzw. erfolgreiche Übergänge zu ermöglichen. Für eine abschließende Bewertung der in Nordrhein-Westfalen umgesetzten Maßnahme bedarf es aus Sicht der Landesregierung einer Evaluation der damit verbundenen Prozesse und Ergeb- nisse. Frage 5. Gibt es vergleichbare Maßnahmen und Ansätze in Hessen? Unterstützung, die auch die Situation von Nicht-Akademikerkindern berücksichtigt, erfahren Studieninteressierte und Studierende durch die vorwiegend studentisch getragene Initiative „Arbeiterkind.de“. Arbeiterkind.de ist eine gemeinnützige Initiative, die in Hessen entstanden ist und sich mit ca. 6.000 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern bundesweit dafür engagiert, Schülerinnen und Schüler aus Familien ohne Hochschulerfahrung zu ermutigen, als Erste in ihrer Familie zu studieren. Arbeiterkind.de kooperiert in Hessen mit der Justus-Liebig- Universität Gießen, der Goethe-Universität Frankfurt am Main und der Hochschule Fulda. Außerdem arbeitet die Initiative Arbeiterkind.de mit dem Hessen-Technikum zusammen. Das Hessen-Technikum ist eine Kooperation zwischen hessischen Hochschulen und Unternehmen, deren Zielsetzung darin besteht, junge Frauen für MINT-Studiengänge zu gewinnen. Es wird an allen fünf hessischen Hochschulen für Angewandte Wissenschaften mit MINT-Bereichen durch- geführt: an der Hochschule Darmstadt, der Frankfurt University of Applied Sciences, der Hochschule RheinMain, der Hochschule Fulda und der Technischen Hochschule Mittel- hessen.
Hessischer Landtag · 20. Wahlperiode · Drucksache 20/778 3 Das Programm besteht aus einer Kombination von Schnupperstudium und Betriebspraktikum und hat Frauen aus Nichtakademikerfamilien explizit als Zielgruppe benannt. Dieses Praktikum wird vergütet, was besonders für Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Nichtakademikerfami- lien entscheidungsrelevant sein kann. Das Hochschulprogramm „Chancen bilden – Fit fürs Studium“ der Frankfurt University of Applied Sciences fördert sowohl die Studierfähigkeit als auch die Studienorientierung von Schülern und Schülerinnen, die als Erste bzw. Erster in ihrer Familie den Schritt an eine Hoch- schule wagen möchten. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden durch persönliche und fachliche Begleitung im Orientierungs- und Qualifizierungsprozess nachhaltig unterstützt. Diese Begleitung wird – unter fachlicher Anleitung – von studentischen Mentorinnen und Mentoren durchgeführt und bezieht sich auf die letzte schulische Phase vor dem Fachabitur bzw. Abitur und die daran anschließende Studieneingangsphase. In den letzten sechs Jahren haben rund 550 Schülerinnen und Schüler an dem Programm teilgenommen. Auf schulischer Ebene ist das „Gütesiegel Berufs- und Studienorientierung Hessen" (BSO) eta- bliert, welches in diesem Bereich ansetzt. Hier werden Schulen zertifiziert, die herausragende Leistungen bei der Förderung der Berufs- und Studienorientierungen im Rahmen der OloV- Standards („Optimierung der lokalen Vermittlungsarbeit bei der Schaffung und Besetzung von Ausbildungsplätzen") als Bestandteil des Hessischen Paktes für Ausbildung erbringen. Zudem liegt beispielsweise ein Schwerpunkt der Bund-Länder-Initiative „Leistung macht Schu- le“ (LemaS) in der Förderung von leistungsstarken und (potenziell) leistungsfähigen Kindern und Jugendlichen aus weniger bildungsnahen Elternhäusern. Hessen nimmt mit 21 Schulen an diesem Projekt teil. Ziel ist es, Konzepte zu entwickeln, die später an andere Schulen weiterge- geben werden können. Auch werden hierbei Übergänge in den Blick genommen, denn es geht um das kontinuierliche und bestmögliche Entwickeln vorhandener Potenziale. So ist für ein er- folgreiches Studium eine erfolgreiche Schullaufbahn in Verbindung mit einer guten Ausprägung von begabungsstützenden Persönlichkeitsmerkmalen eine wesentliche Grundlage. In Hessen wird u.a. durch die Teilnahme am Projekt LemaS darauf hingearbeitet, dass talentierte Jugend- liche aus Nichtakademikerfamilien in ihrem Werdegang besonders unterstützt werden. Darüber hinaus bestehen vielerorts auf kommunaler Ebene Initiativen, die jungen Menschen Orientierungshilfen zur Planung ihrer beruflichen Zukunft sowie Beratung und Hilfestellung bei dem Übergang von der Schule zur Ausbildung bzw. zu einem Studium bieten. Frage 6. Wenn ja, wie viele Talentscouts gibt es an hessischen Hochschulen und Schulen? Frage 7. Wie viele Schülerinnen und Schüler sind darin involviert? Die Fragen 6 und 7 werden aufgrund ihres Sachzusammenhangs gemeinsam beantwortet. In Hessen gibt es keine Talentscouts vergleichbar zu dem in Nordrhein-Westfalen umgesetzten Modell. Frage 8. Gibt es in Hessen eine zentrale Anlaufstelle für Schülerinnen und Schüler, Schulen und/oder Hochschulen, die für Talentscouting im Sinne der Frage 1 zuständig sind? In Hessen gibt es keine derartige Anlaufstelle. Frage 9. Wenn nein, hielte die Landesregierung die Schaffung einer zentralen Anlaufstelle oder eines zen- tralen Ansprechpartners für zielführend? Eine abschließende Bewertung des nordrhein-westfälischen Modells ist derzeit noch nicht mög- lich (siehe hierzu auch Antwort zu Frage 3). Wenn es darum geht, die landesweit jeweils be- stehenden Strukturen durch ein Talentscouting zu ergänzen, könnte aus Sicht der Landesregie- rung eine zentrale Anlaufstelle grundsätzlich positive Effekte haben. Im Sinne der Zielsetzung eines „Talentscouting“ hält die Landesregierung sonst dezentrale Maßnahmen für zielführend, die ein Erfahrungslernen ermöglichen, um jungen Menschen einerseits Orientierung und ande- rerseits wichtige Schlüsselkompetenzen zu vermitteln, die zur erfolgreichen Bewältigung des gewählten Ausbildungsweges essenziell sind. Hochschulen sind dazu besonders geeignet, denn sie verfügen über die dazu notwendige Beurteilungs- und Entwicklungskompetenzen.
4 Hessischer Landtag · 20. Wahlperiode · Drucksache 20/778 Frage 10. Wie kann nach Auffassung der Landesregierung gelingen, über diese Ansätze hinaus, talentierte Jugendliche aus Nichtakademikerfamilien auf dem Weg zu einem erfolgreichen Studium zu füh- ren? Auf der Ebene der Hochschulbildung ist es Ziel der Landesregierung, die Hochschulen für An- gewandte Wissenschaften weiter zu stärken, unter anderem deshalb, da sie diverse Zugangs- möglichkeiten zulassen und Studierende mit sehr unterschiedlichen Vorbildungsbiografien zu einem akademischen Abschluss führen können. Auch die Öffnung der hessischen Hochschulen für beruflich Qualifizierte stellt einen wichtigen Beitrag dazu dar, flexible Zugangsmöglichkeiten zu einer Studienlaufbahn herzustellen. Wie erste Erkenntnisse aus Befragungen von Studierenden des seit dem Wintersemester 2016/2017 laufenden Modellversuchs zur Öffnung der Hochschulen für beruflich Qualifizierte zeigen, hat der überwiegende Teil der Teilnehmerinnen und Teilnehmer einen nichtakademischen Bildungs- hintergrund. Wiesbaden, 9. August 2019 Angela Dorn