Die Zerschlagung der freien Gewerkschaften am 2. Mai 1933

Geschichte, Zeitgeschichte, Politik

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Aktueller Begriff Die Zerschlagung der freien Gewerkschaften am 2. Mai 1933 Am 2. Mai 1933 wurden die Gebäude des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) von Nationalsozialisten besetzt, das Gewerkschaftsvermögen beschlagnahmt und zahl- reiche Gewerkschaftsfunktionäre verhaftet, gefoltert oder ermordet. Damit waren die freien Ge- werkschaften als einzig verbliebener Machtfaktor, der zur Mobilisierung von massenhaftem Wider- stand gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft in der Lage gewesen wäre, ausgeschaltet. Die Zerschlagung der Gewerkschaften markiert nach der Entmachtung des Parlaments, der Gleichschaltung der Länder sowie der personellen Säuberung der Verwaltungsapparate eine wei- tere wichtige Etappe auf dem Weg zur Errichtung eines totalitären nationalsozialistischen Staates. Strukturelle Probleme der Gewerkschaftsbewegung in der Weimarer Republik Den Gewerkschaften war es zwar gelungen, sich in harten Auseinandersetzungen als feste Größe in der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik zu etablieren. Die starke Zersplitterung der Gewerkschafts- bewegung während der Weimarer Republik aber erwies sich trotz einer Reihe von Erfolgen (Ein- führung des Achtstundentags, der Arbeitslosenversicherung und der kollektiven Tarifverträge) für die Durchsetzung einer effektiven Interessenvertretung, aber auch für die Abwehr republikfeindli- cher Kräfte als schweres Manko. Die wichtigsten Gewerkschaftsorganisationen waren die jeweils unter einem eigenen Dachverband agierenden drei Richtungsgewerkschaften: die freien, der so- zialistischen Arbeiterbewegung nahestehenden Gewerkschaften des ADGB, die über die größte Mitgliedschaft verfügten, die im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) zusammengefassten christlichen Gewerkschaften sowie die liberalen Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine. Neben diesen großen, nach weltanschaulich-politischen Gesichtspunkten differenzierten Gewerkschaften gab es noch eine Reihe von unabhängigen gewerkschaftlichen Verbänden, zu denen sich die An- gehörigen bestimmter Berufsgruppen und Branchen (z.B. Beamte, Angestellte, Lokführer u.a.) zusammengeschlossen hatten. Auch die gegen Ende der Weimarer Republik von der KPD ins Leben gerufene Revolutionäre Gewerkschaftsopposition (RGO), eine Abspaltung vom ADGB, und die von NSDAP-Mitgliedern gegründete Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation (NSBO) verstärkten die Spaltungs- und Polarisierungstendenzen in der deutschen Gewerkschafts- bewegung. Die negativen Folgen der organisatorisch-strukturellen Schwächen und die politisch-ideologischen Differenzen in der deutschen Gewerkschaftsbewegung traten insbesondere in der sich zuspitzen- den Krisensituation gegen Ende der Weimarer Republik deutlich zum Vorschein. So sahen sich die Gewerkschaften in der Weltwirtschaftskrise außer Stande, der durch Finanzkrise, Bankrotte und Massenarbeitslosigkeit hervorgerufenen katastrophalen materiellen Lage der Arbeiterschaft wirk- sam entgegenzutreten. Folge dieser Ohnmacht waren dramatische Ansehens- und Mitgliederver- luste der Gewerkschaften. Hinzu kamen schwerwiegende Differenzen zwischen dem ADGB und der SPD über den wirtschaftspolitischen Kurs und zukünftige machtpolitische Strategien. Insbe- sondere die Überlegungen innerhalb der Führung des ADGB zu einem Zusammengehen mit den anderen Richtungsgewerkschaften bei weitgehender Aufgabe der engen parteipolitischen Bindun- gen führten zu heftigen Kontroversen mit der SPD. Zugleich versuchte das Unternehmerlager die Schwäche der Gewerkschaften auszunutzen, um die von diesen durchgesetzten arbeitsmarktpoli- tischen Errungenschaften - etwa im Bereich des Tarifvertragssystems, des Schlichtungswesens oder der Arbeitslosenversicherung - rückgängig zu machen. Der große Ansehens- und Machtver- lust der Gewerkschaftsbewegung begrenzte deren Möglichkeiten, dem nationalsozialistischen Machtanspruch entgegenzutreten, von vorneherein eng. Nr. 11/08 (07. April 2008)
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-2- Vergebliche Anpassungsbereitschaft der Gewerkschaften Führende SPD- und Gewerkschaftsfunktionäre haben zwar angesichts der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler die Ausrufung eines reichsweiten Generalstreiks erwogen. Diese Überlegungen wurden wegen schwerwiegender rechtlicher Bedenken, aber auch aufgrund des Bewusstseins der eigenen Schwäche und der Gefahr blutiger Auseinandersetzungen mit zahlreichen Opfern unter den eigenen Anhängern verworfen. Abgesehen von einigen spontanen Protestkundgebungen blieb der gewerkschaftliche Widerstand marginal. Zahlreiche Gewerkschaftsfunktionäre schienen darauf zu vertrauen, dass sich die Nationalsozialisten in der Regierung nicht durchsetzen oder schon nach kurzer Zeit scheitern würden. Der Vorstand des ADGB rief die Arbeiterschaft daher zur Be- sonnenheit auf. Selbst als die massiven Verfolgungen von Sozialdemokraten nicht mehr überse- hen werden konnten, SA- und NSBO-Gruppen bereits einzelne Gewerkschaftshäuser besetzt hat- ten und auch Gewerkschaftsfunktionäre Opfer des nationalsozialistischen Terrors geworden wa- ren, konnten sich die Gewerkschaftsspitzen nicht zu größeren Widerstandsaktionen durchringen. In der Hoffnung, durch demonstrative Betonung ihrer „nationalen Verantwortung“ das Überleben der eigenen Organisationen innerhalb des NS-Regimes zu sichern, versuchten sie, sich beinahe um jeden Preis mit der neuen Regierung zu arrangieren. Der ADGB erklärte sich mit staatlichen Eingriffen in die Tarifverhandlungen einverstanden und stellte eine Zusammenarbeit mit der Unter- nehmerschaft sowie die Beschränkung seiner Tätigkeit auf die Vertretung der sozialen Interessen der Arbeiterschaft in Aussicht. Er distanzierte sich vom Parteienstaat und signalisierte schließlich sogar seine Bereitschaft, die enge Bindung an die SPD zu lösen. Auch die christlichen und libera- len Gewerkschaften erklärten sich für unpolitisch und bemühten sich bei den Nationalsozialisten um eine Bestandssicherung ihrer Organisationen. Tatsächlich erwiesen sich alle Bemühungen um ein Einvernehmen mit den Nationalsozialisten als Irrweg. Freie und unabhängige Gewerkschaften standen in krassem Widerspruch zu der von den Nationalsozialisten betriebenen Gleichschaltungspolitik. Diese zielte auf eine einheitliche Ausrich- tung sämtlicher staatlicher und gesellschaftlicher Bereiche auf die von der NS-Führung vorgege- bene Linie. Arbeiternehmerorganisationen waren unter diesen Bedingungen nur unter engster or- ganisatorischer und ideologischer Anbindung an die nationalsozialistischen Macht- und Herr- schaftsstrukturen denkbar. Das Ende der Gewerkschaften Die gewerkschaftliche Anpassungspolitik hinderte die Nationalsozialisten nicht daran, gewaltsam gegen die Gewerkschaften vorzugehen und ihre Stellung in den Betrieben durch Absetzung von Betriebsräten und Manipulation von Betriebsratswahlen zu schwächen. Trotzdem riefen die Ge- werkschaftsvorstände ihre Mitglieder zur Teilnahme an den von der NSDAP veranstalteten Feier- lichkeiten am „Tag der nationalen Arbeit“ am 1. Mai auf, der kurz zuvor zum gesetzlichen Feiertag erklärt worden war, an dem jeder Arbeitnehmer bezahlten Urlaub bekam. Unter Beteiligung hun- derttausender begeisterter Arbeiter wurden am 1. Mai 1933 im ganzen Reich Massenfeste und Umzüge abgehalten. Allein in Berlin zogen 1,5 Millionen Menschen zum Tempelhofer Feld. Einen Tag später besetzten SA- und NSBO-Mitglieder Büros, Banken und Redaktionsgebäude der Frei- en Gewerkschaften, ohne auf größere Gegenwehr zu stoßen. Zahlreiche Gewerkschaftsführer wurden verhaftet und zur „Schutzhaft“ in Konzentrationslager abtransportiert. Das Vermögen der Gewerkschaften wurde beschlagnahmt, ihre Mitglieder in die als Einheitsverband der Arbeitnehmer und Arbeitgeber neu gegründete Deutsche Arbeitsfront (DAF) überführt. Bis Ende Juni 1933 wurden auch die christlichen und liberalen Gewerkschaften aufgelöst und in die DAF eingegliedert. Damit war das Ende der unabhängigen Gewerkschaftsbewegung besiegelt. Die DAF entwickelte sich zur größten NS-Massenorganisation mit zeitweise über 25 Millionen Mit- gliedern. Sie widmete sich hauptsächlich der ideologischen Schulung und sozialen Betreuung ihrer Mitglieder. Mit ihrem beträchtlichen Vermögen, das zum großen Teil aus den beschlagnahmten Gewerkschaftsgeldern stammte, finanzierte die DAF unter anderem die kulturellen und massentou- ristischen Freizeitprogramme ihrer Unterorganisation „Kraft durch Freude“, die sehr zur Populari- sierung und Legitimierung des NS-Regime bei der Arbeitnehmerschaft beitrugen. Literatur: −      Schumann, Hans-Gerd (1958). Nationalsozialismus und Gewerkschaftsbewegung, Hannover; Frankfurt am Main. −      Evans, Richard (2004). Das Dritte Reich. Der Aufstieg, München. −      Bracher, Karl-Dietrich; Funke, Manfred; Jacobsen, Hans-Adolf (Hrsg.). Nationalsozialistische Diktatur 1933-1945, Bonn, 1983. −      Langkau, Jochem; Matthöfer, Hans; Schneider, Michael (Hrsg.). SPD und Gewerkschaften Bd.1: Zur Geschichte eines Bündnis- ses, Bonn 1994. Verfasser:               Wilhelm Weege / Prakt. Marco Kaden, Fachbereich WD 1, Geschichte, Zeitgeschichte und Politik
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