Möglicher Störfall in den fünf bayerischen AKWs und in den ggf. dort befindlichen Zwischenlagern
Bayerischer Landtag 16. Wahlperiode Drucksache 16/8127 16.05.2011 Schriftliche Anfrage Antwort des Abgeordneten Dr. Hans Jürgen Fahn FW des Staatsministeriums des Innern vom 10.02.2011 vom 21.03.2011 Möglicher Störfall in den 5 bayerischen AKWs und in Die Schriftliche Anfrage beantworte ich im Einvernehmen den dort befindlichen Zwischenlagern (wenn vorhanden) mit dem Staatsministerium für Umwelt und Gesundheit wie folgt: Störfälle in AKWs und Zwischenlagern sind möglich und die Auswirkungen können sich hierbei weit über den enge- Vorbemerkung: ren Umkreis des Standorts erstrecken. Die nachstehende Antwort basiert auf dem jetzigen Stand der katastrophenschutzfachlichen Konzepte, die insb. auf Ich frage die Staatsregierung: den Rahmenempfehlungen des Bundes aufbauen. Die Überprüfung der bestehenden Konzepte im Lichte der 1. Welche Gemeinden gehören gemäß der „Rahmenemp- Erfahrungen, die im Zuge der Nuklearkatastrophe in Japan fehlungen für den Katastrophenschutz in der Umgebung gewonnen wurden und werden, bleibt abzuwarten. kerntechnischer Anlagen“ zur Zone Z, M, A und F der Im Übrigen ist darauf hinzuweisen, dass die in Japan hava- jeweiligen AKWs ? rierten Reaktoren der Generation des Blocks Gundremmin- gen A angehören, der bereits seit Jahren rückgebaut ist. Dem 2. Welche Mengen abgebrannter Brennelemente lagern in Kernkraftwerk Isar I liegt eine geänderte wesentlich verbes- vorhandenen Zwischenlagern (wenn vorhanden) und serte Anlagenkonzeption zugrunde – es ging erst 1977 in welchen Sicherheitsstandards unterliegen diese (z. B. Si- Betrieb. cherheit gegen Flugzeugabsturz)? Die Fragen 1, 4, 5, 6 und 7 wurden im Jahr 2010 bereits für 3. Wie viele Personen sind bei einem Störfall der Stufe 7 die Kernkraftwerke Grafenrheinfeld und Gundremmingen der INES-Skala bei mäßigem bis starkem Wind in den beantwortet. Die entsprechenden Antworten das Kernkraft- anderen Landkreisen bzw. kreisfreien Städten der jewei- werk Grafenrheinfeld betreffend können der veröffentlichten ligen Region betroffen? Landtagsdrucksache 16/5892 entnommen werden. Die Ant- worten für das Kernkraftwerk Gundremmingen können der 4. Wie sieht der diesbezügliche Evakuierungsplan aus (auf- veröffentlichten Landtagsdrucksache 16/5754 entnommen geschlüsselt nach der Anzahl der zu evakuierenden Per- werden. Da sich keine Änderungen bei den Kernkraftwerken sonen, dem Zeitraum der Evakuierung und dem Unter- Grafenrheinfeld und Gundremmingen ergeben haben, sehe bringungsort der zu evakuierenden Personen)? ich von einer nochmaligen Beantwortung der Fragen 1, 4, 5, 6 und 7 betreffend der Kernkraftwerke Grafenrheinfeld und 5. Wo sind bei einem Störfall die zur Ausgabe vorgesehe- Gundremmingen ab. Die Fragen 1, 4, 5, 6 und 7 enthalten so- nen Kaliumjodtabletten gelagert, wie ist die Verteilung mit nur Angaben zu den Kernkraftwerken Isar I und Isar II. an die Bevölkerung vorgesehen und wie lange dauert die Ausgabe? Zu 1.: Wir gehen davon aus, dass sich die Fragestellung auf baye- 6. Welche Notfallstationen mit welchen Kapazitäten sind rische Gemeinden bezieht. vorgesehen? In der Zone „Z“ (Zentralzone, bis 2 km Entfernung zum 7. Welche Katastrophenschutzeinsatzkräfte sollen bei ei- Atomkraftwerk) um das Kernkraftwerk liegen Teile fol- nem Störfall eingesetzt werden, wurden diese auf den gender Gemeinden: Einsatz vorbereitet und wann haben diese zuletzt einen Störfalleinsatz praktisch geübt? Niederaichbach Essenbach 8. In welcher Form sind die Landratsämter und die Gemein- den (innerhalb der engeren und weiteren Schutzzone) in In der Zone „M“ (Mittelzone, bis 10 km Entfernung zum die Katastrophenschutzpläne eingebunden? Atomkraftwerk) um das Kernkraftwerk liegen folgende Ge- meinden (soweit Teile des Gebiets in der Zentralzone liegen, werden die Gemeinden nicht mehr genannt): Drucksachen, Plenarprotokolle sowie die Tagesordnungen der Vollversammlung und der Ausschüsse sind im Internet unter www.bayern.landtag.de – Dokumente abrufbar. Die aktuelle Sitzungsübersicht steht unter www.bayern.landtag.de – Aktuelles/Sitzungen/Tagesübersicht zur Verfügung.
Seite 2 Bayerischer Landtag · 16. Wahlperiode Drucksache 16/8127 Niederviehbach Trausnitz und Loiching Stadlern Postau Landkreis Neumarkt i. d. Oberpfalz alle Gemeinden Weng mit Ausnahme der Gemeinden: Wörth a. d. Isar Pyrbaum Kröning Postbauer-Heng Adlkofen Berg b. Neumarkt i. d. Oberpfalz Stadt Landshut (Stadtteile nordöstlich der ehem. Schoch- Landkreis Amberg-Sulzbach die Gemeinden kaserne) Schmidtmühlen Ergolding Hohenburg Ergoldsbach Rieden Ensdorf In der Zone „A“ (Außenzone, bis 25 km Entfernung zum Kastl Atomkraftwerk) um das Kernkraftwerk liegen folgende Ge- Ursensollen meinden (soweit Teile des Gebiets in der Mittelzone liegen, Kümmersbruck werden die Gemeinden nicht mehr genannt): Ebermannsdorf Freudenberg die verbleibenden Gemeinden des Landkreises Landshut Stadt Amberg Stadt Landshut (alle Stadtteile, die nicht in der Mittelzo- ne liegen) Regierungsbezirk Mittelfranken folgende Gemeinden des Landkreises Dingolfing-Lan- Landkreis Roth die Gemeinden: dau: Greding Mengkofen Thalmässing Moosthenning Hilpoltstein Dingolfing Landkreis Weißenburg i. Bayern die Gemeinden: Gottfrieding Nennslingen Mamming Raitenbuch Marklkofen Pappenheim Reisbach und Frontenhausen Regierungsbezirk Oberbayern folgende Gemeinden des Landkreises Straubing-Bogen Landkreis Eichstätt (alle Gemeinden) Mallersdorf-Pfaffenberg Stadt Ingolstadt Laberweinting Landkreis Neuburg a. d. Donau (alle Gemeinden) Geiselhöring Landkreis Pfaffenhofen a. d. Ilm (alle Gemeinden) Leiblfing Landkreis Dachau (alle Gemeinden) folgende Gemeinde des Landkreises Rottal-Inn Landkreis Fürstenfeldbruck alle Gemeinden mit Aus- Gangkofen nahme der Gemeinden: folgende Gemeinde des Landkreises Regensburg Moorenweis Schierling Türkenfeld Kottgeisering In der Zone „F“ (Fernzone, bis 100 km Entfernung zum Landkreis Freising (alle Gemeinden) Atomkraftwerk) um das Kernkraftwerk liegen folgende Ge- Landkreis Erding (alle Gemeinden) meinden (soweit Teile des Gebiets in der Außenzone liegen, Landeshauptstadt München werden die Gemeinden nicht mehr genannt): Landkreis München (alle Gemeinden) Landkreis Mühldorf a. Inn (alle Gemeinden) Regierungsbezirk Niederbayern Landkreis Ebersberg (alle Gemeinden) alle verbleibenden Gemeinden in Niederbayern Landkreis Altötting (alle Gemeinden) außer im Landkreis Passau die Gemeinden Landkreis Traunstein alle Gemeinden mit Ausnahme Wegscheid, Sonnen und Breitenberg der Gemeinde außer im Landkreis Freyung-Grafenau die Gemein- Reit im Winkl den Jandelsbrunn, Neureichenau, Phillipsreuth und Landkreis Berchtesgadener Land die Gemeinden: Haidmühle Laufen Saaldorf-Surheim Regierungsbezirk Oberpfalz Teisendorf Stadt Regensburg Anger Landkreis Regensburg (alle Gemeinden) Ainring Landkreis Cham (alle Gemeinden) Freilassing Landkreis Schwandorf alle Gemeinden mit Ausnah- Stadt Rosenheim me der Gemeinden: Landkreis Rosenheim alle Gemeinden mit Ausnahme Wernberg-Köblitz der Gemeinden:
Drucksache 16/8127 Bayerischer Landtag · 16. Wahlperiode Seite 3 Oberaudorf und Maßgeblich für die Sicherheitsanforderungen waren hierbei Kiefersfelden eine Vielzahl gesetzlicher Vorschriften, Normen und Regel- Landkreis Miesbach die Gemeinden: werke, die die Schutzziele der Bevölkerung in der Umge- Otterfing bung der jeweiligen Anlage des Betriebspersonals sowie der Holzkirchen Umwelt gewährleisten sollen. Hierzu zählen insbesondere Valley Atomgesetz, Strahlenschutzverordnung, EU-Grundnorm, Weyarn Gefahrgutverordnung, Gewerbe- und Bauordnung, Unfall- Irschenberg verhütungs- und Brandschutzvorschriften, die Regeln des Warngau Kerntechnischen Ausschusses u. a. m. Miesbach Fischbachau Durch die technisch-organisatorische Auslegung auf dieser Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen die Gemeinden: Grundlage wird sichergestellt, dass die Schutzziele in jedem Icking Fall eingehalten werden können. Diese sind für den bestim- Wolfratshausen mungsgemäßen Betrieb: Egling und Dietramszell D ie effektive Dosis am Zaun (ungünstigster Einwir- Landkreis Starnberg die Gemeinden: kungsort) muss unter Berücksichtigung aller möglichen Gilching Strahlenbelastungen auf 1 mSv/a begrenzt bleiben. Krailling Die Strahlenexposition aus Ableitungen radioaktiver Wörthsee Stoffe mit Luft und Wasser in der Umgebung des Be- Weßling triebsgeländes ist auf die Werte gem. Strahlenschutzver- Gauting ordnung zu beschränken. Seefeld Die Strahlenexposition beruflich strahlenexponierter Starnberg Personen und nicht strahlenexponierter Personen in der Berg Anlage ist auf die Werte gem. Strahlenschutzverordnung und EU-Grundnorm zu begrenzen. Regierungsbezirk Schwaben Für die im Zwischenlager aufbewahrten Kernbrennstoffe Landkreis Donauwörth die Gemeinden ist deren Kritikalitätssicherheit zu gewährleisten. Marxheim Niederschönfeld Für den Störfall gelten die Schutzziele Rain a. Lech Die Strahlenexposition in der Umgebung der Lager darf Holzheim bei einem Auslegungsstörfall die hierfür festgelegten Landkreis Aichach-Friedberg alle Gemeinden mit Grenzwerte nach Strahlenschutzverordnung nicht über- Ausnahme von schreiten, d. h. die Integrität der Transport- und Lagerbe- Steindorf hälter muss gewährleistet sein. Schmiechen Ebenso muss bei Störfällen die Kritikalitätssicherheit des Merching aufbewahrten Inventars gegeben sein. Mering Kissing Rehling Darüber hinaus sind die Transport- und Lagerbehälter bereits Todtenweis durch ihre Auslegung, Abmessungen und Gewichte weitest- gehend gegen Einwirkungen Dritter geschützt. Zudem sind zu 2.: administrative und technische Maßnahmen zum Schutz der Lager vor Einwirkungen Dritter getroffen worden. In den Standortzwischenlagern sind folgende Mengen abge- brannter Brennelemente (BE) eingelagert: Neben Störfällen, gegen die Lager ausgelegt sind, wurden Gundremmingen: 31 Behälter mit jeweils 52 BE auch Ereignisse im Restrisikobereich betrachtet. Für Er- Grafenrheinfeld: 13 Behälter mit jeweils 19 BE eignisse im Restrisikobereich werden Eintrittshäufigkeiten Essenbach: 22 Behälter mit insgesamt 715 BE unter 10-6 pro Jahr geschätzt – das entspricht einer Ereig- niswahrscheinlichkeit von ein mal pro einer Million Jahre. Für alle Brennelement-Zwischenlager in Deutschland wurde Hierzu zählt insbesondere der Ereignisablauf „Flugzeugab- die nach Stand von Wissenschaft und Technik erforderliche sturz“, aufgrund der konstruktiven Auslegung der Behälter Vorsorge gegen Schäden getroffen, indem sind die eingelagerten Brennelemente dagegen gesichert. A uslegung, Konstruktion und Herstellung der Transport- Die Einhaltung der Schutzziele im Normalbetrieb wird durch und Lagerbehälter nach den Richtlinien der Qualitätssi- die kerntechnische Aufsicht überwacht. cherung und -überwachung erfolgen, die sicherheitstechnischen Anforderungen für die Lager- Zu 3.: gebäude Berücksichtigung finden und Allgemein ist festzustellen, dass der international gebräuch- die Zwischenlager nach festgelegten Betriebsanwei- lichen INES-Skala für Störfälle keine standardisierten Ereig- sungen und Vorschriften betrieben werden. nisabläufe zugrunde liegen. Abläufen mit schwerwiegenden
Seite 4 Bayerischer Landtag · 16. Wahlperiode Drucksache 16/8127 Auswirkungen auf die Umwelt gem. Kat. 7 können daher Was die Aufnahme der evakuierten/geflohenen Bevölke- keine spezifischen Szenarien zugeordnet werden. rung angeht, werden nach unseren Planungen zunächst freie Detaillierte Angaben zu Auswirkungen katastrophaler Ra- Kapazitäten an Betten und Unterkünften in gewerblichen dioaktivitätsfreisetzungen sind nur bei vorgegebenen Er- Unterkünften wie Hotels, Pensionen und Gasthäusern in eignisabläufen zu ermitteln. Szenarien, die wissenschaftlich den geplanten Aufnahmegebieten belegt. Allein in Nieder- fundierte Aussagen liefern könnten, liegen nicht vor, da bayern stehen Kapazitäten von über 80.000 Fremden- hierzu eine Fülle von Annahmen getroffen werden müssten, verkehrsbetten zur Verfügung. Bayernweit sind es über die sich quantitativ nur sehr schlecht bzw. überhaupt nicht 600.000. Erst wenn diese Kapazitäten in den geplanten eingrenzen lassen. Die in diesem Bereich immer wieder ver- Aufnahmegebieten erschöpft sein sollten, werden in einer öffentlichten „Studien“ beruhen zumeist auf praktisch will- zweiten Phase öffentliche Einrichtungen wie Schulen, Turn- kürlich gewählten Annahmen, die ein beliebiges Ergebnis hallen etc. belegt. erzeugen können. Deshalb sind seriöse Angaben zu diesem Punkt nicht möglich. Zu 5.: Mit einem eigenen Konzept hat der Freistaat Bayern auf Zu 4.: der Grundlage der Empfehlungen der Strahlenschutzkom- Die Evakuierungsplanung für die Bevölkerung in der Um- mission die Bevorratung und Verteilung von Kaliumjodid- gebung der Kernkraftwerke basiert auf den vom Bund erlas- tabletten geregelt. Darin hat der Freistaat Bayern festgelegt, senen Rahmenempfehlungen und den in Bayern geltenden in der Fernzone nicht nur die Bevölkerung bis 18 Jahre und Leitsätzen. Die Evakuierung ist eine der Maßnahmen, die die Schwangere zu versorgen, sondern die gesamte Bevölke- Rahmenempfehlungen des Bundes ausdrücklich vorsehen. rung in Bayern bis zum 45. Lebensjahr bei der Sonderpla- Je nach Art der Katastrophe kommen als Maßnahmen auch nung zu berücksichtigen. Über 45-Jährige wurden bei den das Verbleiben im Haus sowie die Einnahme von Kaliumjo- Planungen nicht berücksichtigt, weil die Empfehlungen der didtabletten in Betracht. Strahlenschutzkommission des Bundes vorsehen, dass über Schutzmaßnahmen werden nie gleichzeitig für die gesamte 45-Jährige aus gesundheitlichen Gründen von einer Jod- Umgebung eines Kernkraftwerkes angeordnet, sondern ab- tabletteneinnahme absehen sollten. Grund dafür ist, dass hängig von der Windrichtung gezielt jeweils für die betrof- mit steigendem Alter häufiger Stoffwechselstörungen der fenen Sektoren und Zonen. Um Schutzmaßnahmen, wie eine Schilddrüse auftreten. Eine solche sogenannte funktionelle Evakuierung, gezielt anordnen zu können, wurde die Umge- Autonomie erhöht die Gefahr von erheblichen gesundheits- bung der Kernkraftwerke Isar I und II in einzelne Sektoren schädlichen Nebenwirkungen einer Jodblockade. Zudem und Zonen eingeteilt. Die Sektoren und Zoneneinteilung nimmt mit steigendem Alter die Wahrscheinlichkeit stark ab, können der Übersichtskarte der Anlage 1 entnommen wer- an durch ionisierende Strahlung verursachtem Schilddrüsen- den. krebs zu erkranken. Die Aufnahmeräume (Unterbringungsorte) für die Bevölke- rung der betroffenen Gemeinden aus der Mittelzone (10 km Das Konzept sieht folgende Abstufungen vor: Radius um die Kernkraftwerke Isar I und II) sind in der An- lage 2 „Evakuierungsbereiche – Aufnahmegebiete“ darge- Lagerung: stellt. Die Anzahl der in den jeweiligen Sektoren und Zonen Bereich 0–10 km: Lagerung in den jeweiligen Gemein- betroffenen Bevölkerung bis 10 km ist der Anlage 3 „Ein- den wohner – Evakuierungsplanung“ zu entnehmen. Daneben Bereich 10–25 km: Lagerung im Landratsamt/kreisfreien sind bei den zuständigen Katastrophenschutzbehörden über Stadt oder wenigen zentralen Orten die einzelnen Gemeinden alle für eine Evakuierung erforder- Bereich 25–100 km: Zentrale Bevorratung in bundes- lichen Daten erfasst. weit neun zentralen Lagern, u.a. Roding, Würzburg und Kempten. Hier ist entsprechend der Empfehlung der Über die erforderliche Zeit für eine Evakuierung lassen sich Strahlenschutzkommission aufgrund einer Sonderpla- keine konkreten Aussagen treffen, da dies von vielen Fak- nung eine Verteilung innerhalb von 12 Stunden zu ge- toren (Ausbreitungsintensität, Wetter, Verkehrslenkung, währleisten. Verfügbarkeit aller eingeplanten Transportkapazitäten und Einsatzkräfte usw.) abhängig ist. Ziel des Katastrophen- Verteilung: schutzes ist es, die betroffene Bevölkerung rechtzeitig vor Ausgabestellen für die Kaliumjodidtabletten sind in Bayern der Freisetzungsphase zu evakuieren. grundsätzlich alle Apotheken und alle Feuerwehrgeräte- häuser. Die Kaliumjodidtabletten werden im Bedarfsfall Realistischerweise ist bei einem kerntechnischen Unfall mit von den Depots (nur im Bereich 25–100 km) an Hauptan- der Freisetzung radioaktiver Stoffe, die eine Evakuierung be- lieferungspunkte (HAP) verteilt. Von dort aus verteilen die troffener Gebiete erforderlich machen würde, davon auszu- örtlichen Feuerwehren die Tabletten in der vorher von der gehen, dass sich der weit überwiegende Teil der betroffenen Katastrophenschutzbehörde im Sonderplan festgelegten An- Bevölkerung „selbst evakuiert“. Dies wird im Übrigen auch zahl von Schüttkartons an die einzelnen Apotheken bzw. von namhaften Katastrophenschutzexperten wie z. B. Prof. Feuerwehrgerätehäuser der Gemeinde. Da die Verteilung Dr. Wolf Dombrowski so gesehen. Dennoch liegen aktuelle der Kaliumjodidtabletten als „Schneeballsystem“ (in Nieder- Planungen vor, die eine behördlich angeordnete, geordnete bayern über zwei Stationen) konzipiert ist, ist eine Vertei- Evakuierung ermöglichen. lung der Kaliumjodidtabletten auch in der Fernzone inner-
Drucksache 16/8127 Bayerischer Landtag · 16. Wahlperiode Seite 5 halb von 12 Stunden sicher gewährleistet. Auf das beige- findet zum Beispiel wieder in diesem Frühjahr statt, ebenso fügte Verteilungsschema wird Bezug genommen (Anlage 4). eine eigene Notfallstationsgruppenübung. Aufgrund der ortsnahen Lagerung sind die Tabletten Im Kernkraftwerk selbst werden nach der Planung grund- in der Zentral- bis Außenzone noch schneller für die sätzlich keine Katastrophenschutzeinsatzkräfte eingesetzt. Bevölkerung verfügbar. Bei einem kerntechnischen Unfall würden dort eigene Fach- Die Dauer der Ausgabe hängt im Wesentlichen auch vom leute, zudem solche von anderen Standorten des Betreibers Verhalten der betroffenen Bevölkerung ab. und Spezialkräfte des „Kerntechnischen Hilfsdienstes“ aus Karlsruhe-Eggenstein eingesetzt werden. Zu 6.: In der Umgebung der Kernkraftwerke Isar I und II sind Die Ausbildung der Einsatzkräfte erfolgt an der Staatlichen derzeit 21 Objekte in verschiedenen Sektoren beplant, in Feuerwehrschule in Geretsried bzw. durch die jeweiligen denen im Katastrophenfall je nach Lageentwicklung eine Fachdienste in eigener Zuständigkeit. Die Ärzte in den Notfallstation eingerichtet und betrieben werden kann (An- Notfallstationen erhielten eine Fortbildung im Institut für lage 5 „Notfallstationen“). Die Objekte liegen überwiegend Strahlenschutz des Forschungszentrums für Umwelt und in Niederbayern, aber auch in der Oberpfalz und in Ober- Gesundheit (Helmholtz-Zentrum) in München-Neuherberg. bayern. Die Entscheidung, welches Objekt als Notfallstation eingerichtet wird, trifft die Katastropheneinsatzleitung. Für Entsprechend unseren Vorgaben wird in Niederbayern alle Notfallstationen sind Schulen, Hallenbäder, Turnhallen be- drei Jahre ein Planspiel und alle sechs Jahre eine Stabsrah- sonders geeignet. Das Notfallkonzept sieht die Durchschleu- menübung durchgeführt. Auch heuer findet wieder eine sung von ca. 1.000 Personen je Objekt und Tag vor. große Stabsrahmenübung, durchgeführt von der Regierung von Niederbayern, statt. Zu 7.: Sollte es in den Kernkraftwerken Isar I oder Isar II zu einem zu 8.: kerntechnischen Unfall kommen (bei einem Störfall sind Sowohl die federführende als auch die benachbarten Kreis- keine Katastrophenschutzmaßnahmen notwendig), hat die verwaltungsbehörden erstellen für ihren Bereich Katastro- Katastrophenschutzbehörde gem. dem Bayer. Katastro- phenschutzsonderpläne. Die Kreisverwaltungsbehörden, phenschutzgesetz die Möglichkeit, auf alle vorhandenen deren Gebiet sich im 100-Kilometer-Radius von Kernkraft- Ressourcen sowohl im Bereich der Einsatzkräfte wie auch werken befindet, erstellen Kaliumjodidverteilungspläne. Die in der Privatwirtschaft zurückzugreifen. Für spezielle Auf- Kreisverwaltungsbehörden, die für eine Aufnahme von zu gaben wie z. B. das Betreiben einer Notfallstation oder das Evakuierenden vorgesehen sind, erstellen entsprechende Durchführen von Messungen und Probenahmen sind eigens Sonderpläne. Die Regierungen legen die Planungsgrundsät- Einsatzkräfte ausgestattet und ausgebildet worden. Im Be- ze im Rahmen der geltenden Vorschriften fest, koordinieren reich der Kernkraftwerke Isar I und II findet jedes Jahr in und überwachen die Planungen im Einzelnen. Gemeinden einem anderen Notfallstationsobjekt mit einer der drei in werden selbstverständlich in die Planungen eingebunden, Niederbayern stationierten Notfallstationsgruppen eine Not- soweit es erforderlich ist. Die Katastrophenschutzbehörden fallstationsübung statt. Auch die Notfallstationsgruppe 6 aus im Sinne des Katastrophenschutzgesetzes sind jedoch die Mittelfranken hat bereits zweimal ein Notfallstationsobjekt Kreisverwaltungsbehörden, die Regierungen und das Baye- in Niederbayern beübt. Eine Mess- und Probenahmeübung rische Staatsministerium des Innern.
Seite 6 Bayerischer Landtag · 16. Wahlperiode Drucksache 16/8127 Anlage 1
Drucksache 16/8127 Bayerischer Landtag · 16. Wahlperiode Seite 7 Anlage 2 Evakuierungsbereich - Aufnahmegebiete Evakuierungsgemeinde Aufnahmelandkreis Anlaufpunkte in den (nur Ortsteile bis 10 km) Aufnahmelandkreisen • Adlkofen Lkr. Regensburg • Gewerbegebiet Schierling • • Ergolding (östlich der Linie Lkr. Straubing-Bogen • Festplatz Plasi Geiselhöring Moosstr. – Bauhofstr.) • Sportgelände Leiblfing • Festplatz Bogen • • Stadt Landshut (östlich der Lkr. Deggendorf • Volksfestplatz Deggendorf Schochkaserne) • Festplatz Plattling • Volksfestplatz Osterhofen • • Essenbach (ohne Ortsteile in Lkr. Rottal-Inn • Volksfestplatz Gangkofen der Zentralzone) • Parkplatz Fa. Haas Falkenberg • • Ergoldsbach Lkr. Altötting • Aldiparkplatz Altötting • Bayerbach b. Ergoldsbach • • Postau Lkr. Mühldorf • Bahnhofsvorplatz Neumarkt St. Veit • • Wörth a. d. Isar Lkr. Erding • Volksfestplatz Erding • Weng • Volksfestplatz Taufkirchen • • Niederviehbach Lkr. Freising • Festplatz Moosburg • Loiching • Luitpoldanlage Freising • • Kröning Lkr. Kelheim • Parkplatz B 299/B301 • Niederaichbach (ohne Orts- Siegenburg teile in der Zentralzone) • Parkplatz Fa. Interpares in Bachl, Gemeinde Rohr In der Zentralzone liegende Je nach Windrichtung entweder Ortsteile der Gemeinden • Stadt Regensburg • Dultplatz am Potzenweiher • Niederaichbach • Donauarena Regensburg • Essenbach • Lkr. Passau • Festplatz Vilshofen • Bahnhofsvorpl. Aldersbach • Lkr. Altötting • Aldiparkplatz Altötting • Lkr. Pfaffenhofen a. d. Ilm • Schulzentrum Wolnzach • Ob und ggf. welche Gemeindeteile evakuiert werden, legt die Katastropheneinsatzleitung aufgrund der aktuellen Lage fest. Sie bestimmt im Einzelnen auch die Aufnahmegebiete. • Grundsätzlich erfolgt die Evakuierung querab, d. h. 90 Grad zur Windrichtung und dann in sicherer Entfernung zum Kernkraftwerk entgegen der Windrichtung in die Aufnahme- gebiete. • Die Evakuierungsstraßen werden ebenfalls von der Katastropheneinsatzleitung festgelegt und bekannt gegeben. • Bei den Anlaufpunkten erfolgt eine Verteilung auf die einzelnen Aufnahmeobjekte (Turnhallen etc.)
Seite 8 Anlage 3 Evakuierungsplanung KKI 1 und 2 Evakuierungsplanung bis 5 km (EV-Stufe 1 – Zentralzone und Nahbereich) Evakuierung im Nahbereich Z-Zone Sektoren (Anzahl d. betr. Personen) 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 Lkr. Landshut 3.011 190 664 2.542 212 100 594 114 286 - 2.540 757 690 Lkr. Dingolfing-Landau - - - - - - - - - - - Stadt Landshut - - - - - - - 139 - - - Gesamt: 3.011 190 664 2.542 212 100 594 114 286 139 2.540 757 690 Evakuierungsplanung bis 10 km (EV-Stufe 2 – Zentralzone, Nahbereich und Mittelzone) Evakuierung von 5–10 km Z-Zone Sektoren (Anzahl d. betr. Personen) 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 Lkr. Landshut 1.329 1.643 840 - 136 1.150 1.011 2.618 3.859 6.179 567 350 Lkr. Dingolfing-Landau - - - 1.178 372 - - - - - - - Stadt Landshut - - - - - - - 477 4.066 - - - Bayerischer Landtag · 16. Wahlperiode Zwischensumme (5–10 km) 1.329 1.643 840 1.178 507 1.150 1.011 3.095 7.825 6.179 567 350 + Übertrag aus EV-St. 1 3.011 190 664 2.542 212 100 594 114 286 139 2.540 757 690 Gesamt (EV-Stufe 2) 3.011 1.590 2.307 3.382 1.390 607 1.744 1.125 3.381 7..964 8.719 1.324 1.040 Anmerkung: Evakuierungen der Evakuierungsstufe 3 (10 bis 25 km) und für weiter entfernt liegende Gebiete sind keine besonderen objektbezogenen Evakuierungspläne vorzubereiten. Die hierfür ggf. zu veranlassende Evakuierung richtet sich nach dem allgemeinen Katastrophenschutzplan der Kreisverwaltungsbehörden (Nr. 16.3.3 i. V. m. Nr. 16.9 der „Leitsätze). Drucksache 16/8127
Drucksache 16/8127 Bayerischer Landtag · 16. Wahlperiode Seite 9 Anlage 4
Seite 10 Bayerischer Landtag · 16. Wahlperiode Drucksache 16/8127 Anlage Notfallstationsliste für KKI I und II Sektor u. Objektsbezeichnung Gemeinde Landkreis/ Bemerkungen Nummer Regierungsbezirk NfS 1/1 Schul- und Freizeitzentrum 84066 Mallersdorf- Lkr. Straubing-Bogen beübt Mallersdorf Pfaffenberg Niederbayern NfS1/2 Mehrzweckhalle 93083 Obertraub- Lkr. Regensburg nur bedingt Obertraubling ling Oberpfalz geeignet NfS 2/1 Schulzentrum 84333 Geiselhöring Lkr. Straubing-Bogen beübt Geiselhöring Niederbayern NfS 3/1 Schulzentrum 94363 Oberschnei- Lkr. Straubing-Bogen beübt Oberschneiding ding Niederbayern NfS 3/2 Dreifachturnhalle Haupt- 94447 Plattling Lkr. Deggendorf beübt schule Plattling Niederbayern NfS 4/1 Sporthalle Höll-Ost 84130 Dingolfing Lkr. Dingolfing-Landau beübt Dingolfing Niederbayern NfS 4/2 Sporthalle Gymnasium 94405 Landau a. Lkr. Dingolfing-Landau beübt Landau a. d. Isar Isar Niederbayern NfS 5/1 Sportzentrum 84307 Eggenfelden Lkr. Rottal-Inn beübt Eggenfelden Niederbayern NfS 6/1 Grund- und Hauptschule 84494 Neumarkt Lkr. Mühldorf Neumarkt St. Veit St. Veit Oberbayern NfS 6/2 Mehrzweckhalle 84513 Töging Lkr. Altötting Töging Oberbayern NfS 7/1 Vilstalhalle 94137 Vilsbiburg Lkr. Landshut beübt Vilsbiburg Oberbayern NfS 8/1 Grund- und Hauptschule 94416 Taufkirchen Lkr. Erding Taufkirchen /Vils (Vils) Oberbayern NfS 8/2 Gymnasium Dorfen 84405 Dorfen Lkr. Erding Oberbayern NfS 9/1 Sportzentrum West 84028 Landshut Stadt Landshut beübt Landshut Niederbayern NfS 9/2 Stadthalle 85368 Moosburg Lkr. Freising Moosburg Oberbayern NfS 10/1 Maristengymnasium 84095 Furth Lkr. Landshut Furth Niederbayern NfS 10/2 Gabelsberger Gymnasium 48048 Mainburg Lkr. Kelheim wird heuer Mainburg Niederbayern beübt NfS 11/1 Staatliche Realschule 84056 Rottenburg Lkr. Landshut Rottenburg a. d. Laaber a. d. Laaber Niederbayern NfS 11/2 Johann-Turmaier Real- 93326 Abensberg Lkr. Kelheim beübt schule Abensberg Niederbayern NfS 12/1 Staatliche Realschule 84088 Neufahrn i. Lkr. Landshut Neufahrn i. NB NB Niederbayern NfS 12/2 Mehrzweckhalle 84069 Schierling Lkr. Regensburg beübt Schierling Oberpfalz