Pflegesätze in der Behindertenhilfe und deren Folgen

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Bayerischer Landtag 15. Wahlperiode                                                                                                     Drucksache     15/6450 15.11.2006 Schriftliche Anfrage                                                               cher Bedeutung und für die Vereinbarung von Kalkulati- onsvorgaben. In den Rahmenverträgen werden neben den der Abgeordneten Renate Ackermann BÜNDNIS 90/DIE                                   notwendigen Organisationsregeln z. B. auch grundsätzli- GRÜNEN                                                                             che Vorgaben für die Bildung von Leistungstypen oder vom 31.08.2006                                                                     Hilfebedarfsgruppen getroffen, aber auch Bestimmungen etwa über die Entgeltleistung an die Einrichtung, wenn Pflegesätze in der Behindertenhilfe und deren Folgen                               der Hilfebedürftige für einige Zeit nicht in der Einrich- tung ist (Platzvorhaltekosten). Konkrete Entgelte (Pfle- Ich frage die Staatsregierung:                                                     gesätze) werden auf der Landesebene nicht festgelegt. 1. Wie haben sich die Pflegesätze in der Behindertenhilfe in                  •    In jedem Regierungsbezirk besteht ferner eine Bezirks- Bayern in den letzten 10 Jahren entwickelt? Wie haben                          entgeltkommission. In diesen Kommissionen werden die sich die Kosten, insbesondere die Personalkosten in der                        konkreten Entgeltsätze für die einzelnen Einrichtungen Behindertenhilfe in den letzten 10 Jahren entwickelt?                          anhand des Rahmenvertrags und der von der Einrichtung vorgelegten Unterlagen ausgehandelt. Die Bezirksent- 2. Wie hat sich die Zahl der zu betreuenden Menschen in                            geltkommission, die sich aus Vertretern des jeweiligen der Behindertenhilfe in den letzten 10 Jahren entwickelt?                      Bezirks, der kommunalen Spitzenverbände und der Ein- Wie wird sie sich voraussichtlich in den nächsten 10 Jah-                      richtungsträger zusammensetzt, ist örtlich für die Ein- ren weiterentwickeln? Wie wird sich die Altersstruktur                         richtungen zuständig, die sich in ihrem Bereich befinden. der zu betreuenden Menschen verändern? Dies bedeutet, dass für jede einzelne Einrichtung ein indivi- 3. Welche Konsequenzen hat die Entwicklung der Pflege-                        dueller Entgeltsatz ausgehandelt wird. Nachdem weder der sätze in der Behindertenhilfe im Hinblick auf das Perso-                  Staatsregierung noch dem Verband der bayerischen Bezirke nal? Wie hat sich die Zahl der beschäftigten Personen in                  eine Zusammenstellung der in Bayern jeweils ausgehandel- den letzten 10 Jahren entwickelt? Wie hat sich die Zahl                   ten Entgeltsätze vorliegt, wäre eine Benennung nur durch ei- der Vollzeit- und der Teilzeitstellen entwickelt? (Bitte                  ne entsprechende Umfrage bei allen bayerischen Einrichtun- nach Berufsgruppen aufteilen.)                                            gen möglich. Aufgrund der für die Beantwortung der Schrift- lichen Anfrage zur Verfügung stehenden kurzen Beantwor- 4. Wie viele Entlassungen aus betriebswirtschaftlichen                        tungszeit und des doch erheblichen (kaum vertretbaren) Auf- Gründen hat es in den letzten fünf Jahren gegeben?                        wands wurde allerdings auf eine solche Umfrage verzichtet. Antwort                                                                       Nach einem Gutachten des Bayerischen Kommunalen Prü- fungsverbands für das Jahr 2002 zur Kostenentwicklung bei des Staatsministeriums für Arbeit und Sozialordnung,                          den Hilfen zur Teilhabe am Arbeitsleben, die den Schwer- Familie und Frauen                                                            punkt der Eingliederungshilfe darstellen, lagen die Entgelte vom 12.10.2006                                                                in Werkstätten für Menschen mit Behinderung zum damali- gen Zeitpunkt durchschnittlich bei ca. 27,50 Euro je Abrech- Zu 1.:                                                                        nungstag, die Wohnheimentgelte bei ca. 73,50 Euro. Diese Da es in der hier angesprochenen Eingliederungshilfe nach                     Durchschnittswerte haben sich laut Mitteilung des Verbands dem Sozialgesetzbuch Zwölftes Buch (SGB XII) keine lan-                       der bayerischen Bezirke bis heute allenfalls geringfügig er- deseinheitlichen Pflegesätze (Entgeltsätze) gibt, kann die                    höht. Frage so nicht beantwortet werden. Die Entwicklung der Nettoausgaben der Eingliederungshilfe Zur Erläuterung wird die Festsetzung der Entgeltsätze im                      in den letzten 10 Jahren kann nachstehender Tabelle ent- Rahmen des SGB XII kurz dargestellt:                                          nommen werden. Die überörtlichen Sozialhilfeträger und die kommunalen                        Jahr                           Nettoausgaben der Eingliederungshilfe Spitzenverbände schließen mit den Vereinigungen der Trä-                                                      in und außerhalb von Einrichtungen in Bayern ger von Einrichtungen einen Rahmenvertrag i. S. d. § 79 SGB XII. Danach erfolgt die Festlegung der Entgelte in zwei                   1995                                       773.014.970 1996                                       848.038.476 Stufen:                                                                       1997                                       883.874.561 • Auf Landesebene besteht eine Landesentgeltkommissi-                         1998                                       947.182.641 on. Diese ist zuständig für den Abschluss von Rahmen-                     1999                                     1.055.682.776 vereinbarungen, für Vergütungsfragen von grundsätzli-                     2000                                     1.124.848.716 ______ Drucksachen, Plenarprotokolle sowie die Tagesordnungen der Vollversammlung und der Ausschüsse sind im Internet unter www.bayern.landtag.de - Parlamentspapiere abrufbar. Die aktuelle Sitzungsübersicht steht unter www.bayern.landtag.de - Aktuelles/Sitzungen/Tagesübersicht zur Verfügung.
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Seite 2                                       Bayerischer Landtag                · 15. Wahlperiode                             Drucksache 15/6450 Jahr                             Nettoausgaben der Eingliederungshilfe                    den Zahl von Kindern mit allgemeinen Entwicklungsver- in und außerhalb von Einrichtungen                     zögerungen und Sprachauffälligkeiten wird der Bedarf an in Bayern                             kompensierenden Frühförderangeboten trotz insgesamt 2001                                            1.211.749.389                             rückläufiger Bevölkerungszahlen in den nächsten Jahren 2002                                            1.313.691.700                             wohl eher noch ansteigen. 2003                                            1.386.485.248 2004                                            1.420.712.577 •   Dienste der offenen Behindertenarbeit: Quelle: Bayerisches Landesamt für Statistik und Datenverarbeitung: Die Bei der Versorgung von behinderten Menschen mit am- Sozialhilfe in Bayern Teil 1: Ausgaben und Einnahmen, 1995 ff.                            bulanten Diensten ist aufgrund der voraussichtlich stei- genden Fallzahlen von einem grundsätzlich steigenden Zu 2.:                                                                                    Bedarf auszugehen. Zudem wird gerade im ambulanten Die Entwicklung der Empfänger von Leistungen der Ein-                                     Bereich der Paradigmenwechsel in der Behindertenpoli- gliederungshilfe in den letzten 10 Jahren kann nachstehender                              tik – weg von der Fürsorge hin zur Teilhabe – am ehesten Tabelle entnommen werden.                                                                 wirksam werden, sodass für Gesamtbayern langfristig der Bedarf an Diensten weiter steigen wird. Jahr                               Empfänger von Eingliederungshilfe in und außerhalb von Einrichtungen                  •   Ambulante Wohn- und Betreuungsstrukturen für in Bayern                              Menschen mit psychischer Erkrankung: insgesamt             unter 15              15–64                  65+        Bei der Versorgung von Menschen mit psychischer Er- 1995            57.225             20.126              33.115                3.984        krankung und psychischer Behinderung wird der Para- 1996            60.536             21.854              34.736                3.946        digmenwechsel von der institutsbezogenen Betrach- 1997            64.034             23.810              36.043                4.181 1998            68.555             25.895              38.133                4.527        tungsweise hin zu einer personenzentrierten Sichtweise 1999            70.818             27.271              38.953                4.594        weiter fortgeführt. Dies bedeutet auch, dass Heimaufnah- 2000            73.728             27.147              41.912                4.669        men künftig möglichst vermieden und mittelfristig 20 % 2001            76.732             28.083              43.944                4.705        der Heimplätze zugunsten ambulanter Wohn- und Be- 2002            77.711             27.865              45.117                4.729 2003            82.387             30.780              46.596                5.011 treuungsstrukturen abgebaut werden sollen. 2004            83.126             29.552              48.410                5.164 •   Selbsthilfe: Quelle: Bayerisches Landesamt für Statistik und Datenverarbeitung: Die Sozialhilfe in     Der Bedarf an Förderung auch für die Selbsthilfe wird Bayern Teil 2: Empfänger, 1995 ff.                                                        entsprechend der Zunahme der Fallzahlen von Menschen Derzeit leben in Bayern rd. 1 Mio. Menschen mit Behinde-                                  mit Behinderung weiter steigen. rung, die im Rahmen des SGB IX einen GdB von 50–100 an- erkannt haben. Dies entspricht einem Anteil an der Gesamt-                            •   Stationäre Hilfen: bevölkerung von rd. 8,6 %. Genaue Prognosen über die                                      Viele Menschen mit Behinderung sind trotz ambulanter zukünftige Entwicklung und den daraus abzuleitenden Be-                                   Dienste aufgrund ihres großen Betreuungs- und Pflege- darf sind kaum möglich, da nur sehr unzureichende Statisti-                               bedarfs auf eine stationäre Unterbringung in den Heimen ken über den Anteil von Behinderten an der Gesamtbevölke-                                 der Behindertenhilfe angewiesen. Ein großer Teil dieser rung existieren. Bezüglich der Weiterentwicklung der Zahl                                 Menschen bedarf zusätzlich tagesstrukturierender Ange- der zu betreuenden Menschen mit Behinderung kann nur auf                                  bote, die in Werkstätten für behinderte Menschen, in För- Prognosen zur Entwicklung der Bevölkerung und deren Al-                                   derstätten oder im Heim gewährt werden müssen. Auch tersstruktur zurückgegriffen werden. In Bayern wird sich die                              künftig muss – trotz rückläufiger Bevölkerungsentwick- Bevölkerung voraussichtlich wie folgt entwickeln:                                         lung – von steigenden Fallzahlen ausgegangen werden. Entwicklung der Bevölkerung und Altersstruktur                                   •   Werkstattplätze: 2003–2020                                               Heute stehen in Bayern rd. 27.000 Werkstattplätze zur Verfügung. Der Gesamtbedarf könnte nach der aktuellen insgesamt             unter 15              15–64                  65+        Bestands- und Bedarfserhebung voraussichtlich bis zum Bayern              2,4              -16,6                 1,3                24,5        Jahre 2010 um rd. 18 % weiter zunehmen. Quelle: Regionalisierte Bevölkerungsvorausberechnung für Bayern 2003–2023. Bayerisches Landesamt für Statistik und Datenverarbeitung. München 2005               Im Ergebnis ist festzuhalten, dass die Zahl der Menschen mit schweren Behinderungen und mit besonderem Hilfebedarf in der Bundesrepublik Deutschland und auch in Bayern zuneh- Im Einzelnen wird zur voraussichtlichen Entwicklung der                               men wird. Dies ist insbesondere auf die verbesserten medizi- Behindertenhilfe wie folgt Stellung genommen:                                         nischen Möglichkeiten und auf die – auch die übrige Bevöl- kerung betreffenden – Steigerung der allgemeinen Lebenser- •    Frühförderangebote:                                                              wartung zurückzuführen. Gleichzeitig verringern sich auf- Für behinderte oder von Behinderung bedrohte Säuglin-                            grund von gesamtgesellschaftlichen Prozessen wie beispiels- ge, Kleinkinder und Kinder im Vorschulalter steht heute                          weise durch die/den in Bayern ein flächendeckendes Netz von Frühförderstel-                          – Flexibilisierung des Arbeitsmarkts mit den entsprechen- len zur Verfügung. Unter Berücksichtigung der steigen-                               den Anforderungen an die Arbeitnehmer,
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Drucksache 15/6450                           Bayerischer Landtag   ·   15. Wahlperiode                            Seite 3 – hohe Arbeitslosenquote von schwerbehinderten Men-         Zu 3. und 4.: schen,                                                   Die Beantwortung dieser Fragen ist letztlich nur durch die – Zunahme der Frauenerwerbsquote,                           einzelnen Einrichtungsträger für ihre jeweilige Einrichtung – Zunahme von Ein-Eltern-Familien,                          möglich, da – wie unter Frage 1 dargestellt – für jede Ein- – Abnahme von Mehr-Generationen-Familien,                   richtung ein individueller Entgeltsatz besteht und somit auch – um 50% höheren Anteil von Ein-Personen-Haushalten         die jeweilige Entwicklung der Sätze und daraus resultieren- bei 24-45 Jahre alten Menschen mit Behinderung als bei   den Auswirkungen auf das jeweilige Personal bei jeder Ein- Nichtbehinderten                                         richtung unterschiedlich ist. Wegen des immensen Aufwan- die bisherigen familiären Unterstützungsstrukturen. Damit   des einer entsprechenden Umfrage wurde darauf verzichtet, wird der außerfamiliäre Hilfebedarf für Menschen mit Be-    sämtliche Träger von Einrichtungen und Diensten in Bayern hinderung zunehmen.                                         anzuschreiben.
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