Niedersächsischer Landtag − 15. Wahlperiode Drucksache 15/2074 Kleine Anfrage mit Antwort Wortlaut der Kleinen Anfrage der Abgeordneten Andreas Meihsies, Meta Janssen-Kucz (GRÜNE), eingegangen am 18.05.2005 Rendsburger Elterntraining - Ist das Projekt der Erziehungsberatungsstelle im Landkreis Lüneburg ein Modell für ganz Niedersachsen? Das Rendsburger Elterntraining ist ein curriculares Elterntrainingsprogramm in Kursform zur Ver- änderung des Erziehungsstils und der Erziehungseinstellung. Es integriert Elemente aus der Gesprächstherapie, der Lerntheorie, der Kommunikationstheorie und der Konfliktlösung und legt den Schwerpunkt auf praktische Übungen und Rollenspiele. Das Programm ist vom Grundsatz her niederschwellig konzipiert. Das Rendsburger Elterntraining wird seit über 24 Jahren in verschiedenen Kontexten erfolgreich durchgeführt und eignet sich sowohl für den präventiven Einsatz, den Einsatz bei ambulanten Hil- fen als auch der Rückführung aus stationärer Unterbringung. Inhalte des Trainings sind Sensibilisierung und Auseinandersetzung mit Erziehungsfragen und Pro- zessen, Informationen über Erziehung und psychologische Zusammenhänge der kindlichen Ent- wicklung, Einübung alternativer Verhaltensweisen im Umgang mit Kindern. Ziel des Programms ist die Veränderung der Erziehungseinstellung und des Erziehungsstils in Richtung liebevoll konsequenten Verhaltens, also einerseits partnerschaftlich verständnisvoll, ande- rerseits Grenzen setzend, konsequent. Weiterhin geht es um die Erhöhung der erzieherischen und Problemlösungskompetenz der Eltern und um die Verbesserung der Interaktion zwischen Eltern und Kindern. Der Landkreis Lüneburg hat dieses Projekt Ende 2004 erstmalig in den Rahmen seines Angebots an Hilfen zur Erziehung aufgenommen. Wir fragen die Landesregierung: 1. Wie beurteilt die Landesregierung das Konzept des Rendsburger Elterntrainings? 2. Welche niedersächsischen Landkreise und Städte bieten das Rendsburger Elterntraining an? 3. Welche Ergebnisse aus dem Projekt des Landkreis Lüneburg liegen der Landesregierung vor, und wie werden diese bezüglich der Zielerreichung und des Mittelaufwands beurteilt? 4. Kann das Lüneburger Projekt als Modell für ganz Niedersachsen dienen? 5. Gibt es Überlegungen entsprechende Projekte durch das Land zu fördern? (An die Staatskanzlei übersandt am 23.05.2005 - II/72 - 333)
Niedersächsischer Landtag – 15. Wahlperiode Drucksache 15/2074 Antwort der Landesregierung Niedersächsisches Ministerium Hannover, den 20.06.2005 für Soziales, Frauen, Familie und Gesundheit - 01.21 - 01 425/01 - Vor allem innerhalb der vergangenen 30 bis 35 Jahre sind weltweit verschiedene Ansätze und Konzepte von Elterntrainingskursen entwickelt worden, die auf unterschiedlichen Erziehungsmo- dellen basieren und für unterschiedliche Zielgruppen konzipiert sind. Derzeit werden beispielsweise in den USA über 500 solcher Elterntrainingsmodelle eingesetzt. Die in Deutschland bekanntesten und am häufigsten eingesetzten sind das „Triple P" (Positiv Parenting Program), das in Australien entwickelt wurde, das „STEP Elterntraining“ aus den USA oder das vom Deutschen Kinderschutz- bund (DKSB) durchgeführte Programm Starke Eltern - Starke Kinder. Das Niedersächsische Sozialministerium hat in den Jahren 2001 - 2004 das Projekt Starke Eltern - Starke Kinder des DKSB mit 145 000 Euro für die Ausbildung von ca. 500 Multiplikatorinnen und Multiplikatoren gefördert, die nach ihrer Qualifizierung Elternkurse in ganz Niedersachsen anbieten. Dies vorausgeschickt, beantworte ich die Kleine Anfrage namens der Landesregierung wie folgt: Zu 1: Das Rendsburger Elterntraining wurde vor nahezu 30 Jahren durch eine Mitarbeiterin der Diakoni- schen Erziehungshilfeeinrichtung „Ev. Jugendhilfe Rendsburg“ aus der Arbeit mit Eltern entwickelt, deren Kinder eine teilstationäre Maßnahme der Hilfen zur Erziehung (so genannte Tagesgruppe) in Anspruch genommen haben. Vor diesem Hintergrund sind die Besonderheiten des Rendsburger Elterntrainings gegenüber anderen Modellen zu verstehen. Das Rendsburger Elterntraining kann auch von Eltern genutzt werden, deren Verständnismöglichkeiten der Schriftsprache eher unter- durchschnittlich ist. Die einzige Zugangsvoraussetzung ist die Bereitschaft, überhaupt zu den Trai- ningseinheiten zu erscheinen; ein Problembewusstsein bezogen auf die eigene Elternrolle wird we- der vorausgesetzt noch erwartet. Hieraus ergeben sich eine gegenüber vielen anderen Trainings- modellen veränderte Herangehensweise, eine längere Kursdauer (1/2 Jahr 1 x wöchentlich zwei Stunden) sowie andere Methoden der Vermittlung der Trainingsinhalte. Der Schwerpunkt der Trai- ningseinheiten liegt im praktischen Üben. Das Rendsburger Elterntraining vermittelt neben verhal- tenstherapeutischen Ansätzen auch gesprächstherapeutische und kommunikationstheoretische In- halte. Insgesamt kann festgestellt werden, dass das Rendsburger Elterntraining auf Grund der sehr nied- rigen Zugangsvoraussetzungen und der von anderen Modellen abweichenden Vermittlungsmetho- den die Zugangsmöglichkeiten zu bildungsferneren Bevölkerungsschichten erweitert. Zu 2: In Niedersachsen wird das Rendsburger Elterntraining von der Lüneburger Erziehungsberatungs- stelle, einer Einrichtung für ambulante Erziehungshilfe in Hildesheim sowie einer großen Jugend- hilfeeinrichtung in Worpswede angeboten. Die Stadt Hannover beginnt derzeit in einem Stadtteil ei- nen Kurs mit 15 Elternpaaren nach diesem Modell, der anschließend unter dem Gesichtspunkt der Übertragbarkeit auf das gesamte Stadtgebiet evaluiert wird. Zu 3. In der Lüneburger Erziehungsberatungsstelle ist am 06. Juni 2005 der erste Kurs nach dem Modell des Rendsburger Elterntrainings zu Ende gegangen. Die ersten Eindrücke des Veranstalters sowie der Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer waren nach Auskunft der Lüneburger Beratungsstelle und des Jugendamtes des Landkreises Lüneburg sehr positiv, sodass in jedem Fall ein zweiter Kurs durchgeführt werden wird. Für eine Gesamtbeurteilung der Zielerreichung in Relation zu den einge- 2
Niedersächsischer Landtag – 15. Wahlperiode Drucksache 15/2074 setzten Mitteln werden jedoch mittel- und langfristige Erfahrungen mit entsprechender Evaluation benötigt. Zu 4: Auf Grund der erwähnten Vielfalt bei den Elterntrainingskonzepten haben die auf diesem Gebiet tä- tigen Beratungsstellen und Erziehungshilfeeinrichtungen in der Regel schon eine Positionierung vorgenommen und sich für eines der in Deutschland bekannten und eingeführten Modelle ent- schieden. Hinzu kommen die Elternkurse im Rahmen des Projekts Starke Eltern - Starke Kinder, die in Einrichtungen wie z. B. Volkshochschulen, Familienbildungsstätten, Mütterzentren und Stadtteilzentren durchgeführt werden und sich an Eltern mit Kindern jeden Alters und aus allen so- zialen Schichten richten. In welcher Weise sich das Rendsburger Elterntraining in Niedersachsen verbreitet, wird nicht zuletzt von den Erfahrungen in Lüneburg, Hannover und den übrigen Pro- jektstandorten abhängen. Zu 5: Die Förderung entsprechender Projekte durch das Land ist nicht vorgesehen. Dr. Ursula von der Leyen (Ausgegeben am 24.06.2205) 3