AKW Stade - Sprödbruchabsicherung; hier: Nachfrage zur Antwort auf Drs 10/1958

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Niedersächsischer Landtag — Zehnte Wahlperiode Drucksache 10/2767

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Antwort auf eine Kleine Anfrage
— Drucksache 10/2453 —

Betr.: AKW Stade — Sprödbruchabsicherung;
hier: Nachfrage zur Antwort auf Drs 10/1958

Wortlaut der Kleinen Anfrage des Abg. Dr. Lippelt (Grüne) vom 9. 3. 1984

Die Auskünfte der Landesregierung zur Versprödung des Reaktordruckgefäßes des
Atomkraftwerks Stade zeigen eine schnellere Annäherung der Neutronenfluenzen an
den Grenzwert von 9x 10'® n/sec. cm? als bisher prognostiziert. Deshalb bitte ich um ei-
nige Präzisierungen.

Ich frage die Landesregierung:

1. Auf welcher Berechnungsgrundlage wird bei den angegebenen Fluenzen von
6,9x 10" n/sec. cm? und 13,7x10" n/sec. cm? ein maßgeblicher Wert von 8,11x 10"
n/sec. cm? ermittelt?

2. Berücksichtigt der „maßgebliche Wert“ alle laufenden Programme?

Welche Einzelwerte wurden ermittelt

a) für die Voreilproben im Reaktor Stade,

b) für die Kratzproben,

c) für die Proben aus dem Bestrahlungsprogramm im VA Kahl?

3. Wie groß war der Zuwachs der Neutronenfluenz im 8. bis 11. Brennstoffzyklus
(1979 bis 1983)?

4. Ist der Landesregierung der von der Gesellschaft für Reaktorsicherheit im Auftrage
des BMI in der „Schriftenreihe Reaktorsicherheit und Strahlenschutz“ als Nr. 25 her-
ausgegebene „Statusbericht: Berücksichtigung der thermoschock-induzierten Bean-
spruchung bei Reaktordruckbehältern von Druckwasserreaktoren‘ (Dezember 1983)
bekannt, und sind ihr insbesondere die auf $. 83 ff gezogenen Schlußfolgerungen
bekannt: „Bei spröden Werkstoffen ist nach dem heutigen Kenntnisstand für reak-
tortypischen Transienten mit einer Rißeinleitung und -ausbreitung selbst bei kleinen
Oberflächenfehlern zu rechnen. Für den Übergangsbereich der Zähigkeit bei ferrıti-
schen Werkstoffen sind die theoretischen und experimentellen Untersuchungen
2.T. erst angelaufen“ ($.83), und „Bei der Analyse der Absicherung gegen Bruch
reicht in der Regel eine Absicherung nach dem Sprödbruchübergangstemperatur-
konzept (Porse-Diagramm) aus. In Fällen, bei denen eine bruchmeachanische Ana-
Iyse erforderlich bzw. sinnvoll erscheint, ist eine genaue Bestimmung der Rißeinlei-
tung und -ausbreitung im Übergangsbereich z. Z. nicht möglich, da die Anwend-
barkeit des J-Konzepts oder anderer Verfahren bei thermischen Belastungen noch
nicht verifiziert ist.“ (S. 84)?

5, Ist der Landesregierung bekannt, daß laut Urteilsbegründung des OVG Lüneburg
(vom 23. 9. 1982, in: Jäckel gegen Nds. Sozialminister wegen 10. Teilgenehmigung
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für KKS Stade) Gericht wie auch Betreiber davon ausgehen, daß die aktuelle Fluenz
um 10% unterschätzt werden kann (5. 34 und $. 37)?

6. Stimmt sie deshalb der Berechnung zu, daß z.Z. (Frühjahr 1984) für die Versprö-
dung des RDB Stade von mindestens 8,4x 10'® n/sec. cm? ausgegangen werden muß
und daß unter Berücksichtigung der in der Frage 5 angesprochenen Sicherheitsmarge
von 10% der Grenzwert von 9x10'® n/sec. cm? überschritten ist?

7. Wird sie deshalb — insbesondere unter Berücksichtigung des in Frage 4 angespro-
chenen Standes von Wissenschaft und Technik — nach der zum Zwecke des Brenn-
elementewechsels für dieses Frühjahr anstehenden Abschaltung eine erneute Be-
triebsgenehmigung versagen?

Antwort der Landesregierung

Der Niedersächsische Minister Hannover, den 25.5.1984
für Bundesangelegenheiten
— 12 — 01 425 —

Zul.

Die angegebenen Fluenzen von 6,9* 10" n/sec.cm? und 13,7* 10°n/sec. cm? sind von
der Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schiffahrt (GKSS) auf-
grund von Detektoraktivitätsauswertungen ermittelt worden. Dieser Auswertung lag
laut Aussage der GKSS ein falsches Neutronenspektrum zugrunde. Der mit einem
exakt berechneten Spektrum aus den Fluenzmonitoren ermittelte Fluenzwert wurde zu
8,05* 10''n/sec. cm? bestimmt. Der für die Sprödbruchabsicherung benutzte Wert von

8,11* 10'®n/sec.cm? ist der entsprechende aus theoretischen Rechnungen ermittelte
Wett.

Zu 2.

Der für die Sprödbruchabsicherung zugrunde liegende Fluenzwert ist zwar ein Fluenz-
wert einer Kapsel aus einem zwischenzeitlich abgeschlossenen Programm; er ist aber un-
ter Berücksichtigung aller anderen Fluenzwerte als der „maßgebliche“ Wert anzusehen.

Da es eine Vielzahl von Bestrahlungsproben gibt, werden nur die wichtigsten aus den
einzelnen Bestrahlungsprogrammen angegeben:

KKS-Voreilproben 8,10* 10!®n/sec.cm?
RDB-Kratzproben 7,89* 10'®n/sec.cm?
VAK-Programm (zur Ermittlung der Kjc-
Kurven)
VAKIV1 0,9* 10°®n/sec.cm?
VAKI/2 1,8* 10°®n/sec.cm?
VAK 1/3 3,3* 10! n/sec.cm?
VAK III 1,6* 10°®n/sec.cm?
Zu 3.

Der jährliche Fluenzzuwachs in den Brennelementzyklen der Jahre 1979 bis 1983 be-
trug im Mittel 0,33* 10'®n/sec.cm?-

Zu 4.
Ja.
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Zu 5.

Ja. Zur Bewertung siehe auch Antwort auf Frage 6.

Zu 6.

Nein.

Bei aus Detektoraktivitäten ermittelten Neutronenfluenzen sind im für die Spröd-
bruchabsicherung interessierenden Bereich des Reaktordruckbehälters (RDB) im Jahre
1983 Unterschiede zu theoretisch ermittelten Fluenzen bis zu 7 Prozent aufgetreten.
Bei Verwendung von Werkstoffkennwerten, die aus KKS-Bestrahlungsdaten bestimmt
werden, lassen sich diese Abweichungen in der Fluenzbestimmung im interessierenden
Bereich des RDB weiter reduzieren.

Unabhängig davon ist zwischen der mit der Grenzfluenz versehenen Kjc-Kurve und der
Belastungskurve ein genügend großer Sicherheitsabstand zur Gewährleistung eines si-
cheren Betriebes vorhanden.

Zu 7.

Nein.

Nach Begutachtung durch Gutachter des Technischen Überwachungsvereins Nord-
deutschland e.V. und Beratungen vor Ausschüssen der Reaktorsicherheitskommission
(RSK) mit eindeutig positiven Stellungnahmen zur Strahlenversprödung des Reaktor-
druckbehälters Stade hat die Landesregierung dem erneuten Wiederanfahren der Anla-
ge nach dem 12. Brennelementwechsel am 21. April 1984 zugestimmt.

In Vertretung
Haaßengier

(Ausgegeben am 7. 6. 1984) 3
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