Lrmmedizin.GAzumPFBVF2AnhangAI.pdf
Dieses Dokument ist Teil der Anfrage „Lärmmedizinisches Gutachten Flughafen Hamburg“
Anhang A Kapitel 3: Chronobiologische Erkenntnisse mm Hg 120 80 EL 12 16 20 24 4 8 12 h Abb. 3.5: Zirkadianer Rhythmus des systolischen Blutdrucks (Mittelwert von 14 Tagen) eines 33-jährigen Mannes (Quelle: Haen 1994) Blutdruckkranke zeigen gewöhnlich Abweichungen im Verlauf. Das in der Hormonregulation eine zentrale Rolle spielende Zyklo-Adenosinmonophosphat (cAMP) verläuft ebenfalls im zirkadianen Rhythmus. 150 125 100 75 % des 24-h-Mittelwertes 6 12 18 24 6 12 18 24 6 Tageszeit (h) Abb. 3.6: Zirkadianer Rhythmus des cCAMP (Mittelwert von 6 Gesunden) (Quelle: Lemmer 1994) Dies ist ein Beispiel dafür, daß molekularbiologische Prozesse gleichfalls in die Hierarchie der biologischen Rhythmen einbezogen sind. Bisher sind für mehr als 200 Körperfunktionen zirkadiane biologische Rhythmen der Sympathiko - parasypathischen Regulation nachgewiesen. Durch soziale Zeitgeber werden u.a. solche zirkadianen Rhythmen formiert, wie die Fehlerquote des Ablesens von Strom- und Wasseruhren, das Einschlafen von Busfahrern am Steuer, Fehler beim automatischen Bremsvorgang (Abb. 3.7), sowie die akustischen Reaktionszeiten (Abb. 3.8). 27 von 69
Anhang A Kapitel 3: Chronobiologische Erkenntnisse An is en Sr EEE EN ERRINIEN 160 Ablesen von Strom- und Wasseruhren (Anzahl der Fehler) 130 100 70 eg ce 5 300 Berufsfahrer (Einschlafen am Steuer) a 8 = 9 200 o I 8 100 oO & ö 0 Men © U 130 Lokführer (automatischer Bremsvorgang) 110 90 70 Du EEE GELBER LEDER DEREN, 03% 09% I. 09° Tageszeit Abb. 3.7: Zirkadianer Rhythmus verschiedener Tätigkeiten des Menschen (Quelle: Waterhouse 1992) % 105 100 % der durchnittlichen Reaktionszeit 95 357 91113151719 2123 1 3 Uhrzeit Abb. 3.8: Zirkadianer Rhythmus der akustischen Reaktionszeiten (Quelle: Bjerner 1953) r—————————— nn —— — 28 von 69
Anhang A Kapitel 3: Chronobiologische Erkenntnisse Die Arbeits- und Verkehrsmedizin verfügt über ein großes diesbezügliches Datenmaterial. [u.a. Hildebrandt 1976] Die zirkadianen Rhythmen verschiedener Körperfunktionen sind untereinander phasengleich, phasenverschoben und phasenkonträr gekoppelt, um die Regulation zum Zwecke der Adaption zu entsprechenden Zeiten und für entsprechende Aktivitäten zu gewährleisten. Somit wird eine Regulationsstabilität geschaffen. Zeitweilige Störungen dieser Koordinationen führen vorübergehend zu einer Regulationsinstabilität. Langzeitig auftretende Entkopplungen haben eine Desynchronose zur Folge, die leistungsvermindernd und pathologische Funktionen (Krankheiten) auslösen kann.[Moore-Ede 1993 u.a.] Wie bereits erwähnt, wird der zirkadiane Rhythmus durch Taktgeber (Zeitgeber) bestimmt. Bei allen Lebewesen ist dies der Hell-Dunkelrhythmus, beim Menschen kommen noch sozialbedingte Rhythmen (Riten, Mahlzeiten, Arbeits-Ruhe-Beziehung u.a. hinzu). Wenn die Taktgeber und die an eine bestimmte Ortszeit gebundene zirkadiane Rhythmik desynchronisieren, dann kommt es, wie bei transmeridialen Flügen zum Jetlag-Syndrom mit: - Befindensstörungen - Leistungseinbußen - Kopfschmerzen - Appetitlosigkeit oder Heißhunger - Muskelschmerzen u.a. Wenn die Anpassung an die Ortszeit erfolgt ist, dann verschwinden auch die Symptome des Jetlagsyndroms. Ebenfalls können Phasenverschiebungen innerhalb eines Individuums zur Desynchronose führen. Dazu ein Beispiel: Langandauernder Streß (Disstreß) verursacht den Anstieg des Kortisols im Blut [Perry 1990]. Im Zusammenhang mit der Erhöhung des Kortisolspiegels infolge permanenten Stresses soll eine Untersuchung der Anwohner des Kernkraftwerkes Three Mile Island nach der Katastrophe im Jahre 1979 angeführt werden. Sie ergab, daß noch 17 Monate danach ein hoher Kortisolspiegel bei diesen Menschen nachzuweisen war, der aus der dauerstressenden Angst und den damit verbundenen chronischen Schlafstörungen ausgelöst worden war und allgemeine Befindensstörungen und Leistungsverminderungen verursachte. [Perry 1990] Diese resultieren aus der Deformation des zirkadianen Rhythmus des Kortisols, wodurch eine "Desynchronose" ausgelöst wurde. Desynchronose ist eine pathologische Erscheinung der Zeitstruktur eines Lebewesens. a nn nn 29 von 69
Anhang A Kapitel 3: Chronobiologische Erkenntnisse 3.4 Periodenvariabilität Äußere und innere Einflüsse in Form von Stressoren auf das Individuum, bewirken eine Beschleunigung oder Verlangsamung der Regulationsvorgänge, wobei das Auftreten kürzerer oder längerer Perioden sprunghaft erfolgt [Hecht 1972, Treptow 1971] Der zirkadiane Verlauf des Kortisols wird unter Dauerstreß deformiert bzw. von zirkadianen Rhythmen anderer Körperfunktionen entkoppelt, oder in kürzere Perioden versetzt. [Treptow 1971] Mit den Veränderungen der zirkadianen Rhythmik vollziehen sich auch Veränderungen von unterlagerten (ultradianen) Perioden. Wichtige ultradiane Rhythmen für den Menschen sind die Schlaftendenzen (Schlaffenster) = Zeitpunkte erhöhter Schläfrigkeit im Intervall von zirka 4 Stunden auftretend und der 90 Minutenrhythmus, der das Tagesprofil als Äquivalent des REM-Schlafes darstellt und auch als Aktivitäts-Ruhe-Zyklus bezeichnet wird. de O = Ö 2 Of of Q oO E oO an Abb. 3.9: Zirkadiane und ultradiane Rhythmen der Schlafbereitschaft; oben: polyphasisches Muster, mitte; biphasisches Muster, unten: monophasisches Muster (Quelle: Zulley 1993) Letzterer drückt sich u. a. in rhythmisch auftretenden Müdigkeitsphasen, Drang zur Nahrungsaufnahme, zum Rauchen und zum Urinlassen aus. Unter längerandauernden Stress verkürzen sich die Zeitintervalle während diese Handlungen vorgenommen werden. [Waterhouse 1992] Wenn relaxiert wird, dann stellt sich der ursprüngliche Rhythmus wieder ein. 30 von 69
Anhang A Kapitel 3: Chronobiologische Erkenntnisse
Das ist eigentlich ein wichtiger physiologischer Vorgang, der die Flexibilität im
Adaptationsprozeß und damit zusammenhängend Zustandsveränderungen bewirkt.
Ein Beispiel für die biologische Gesetzmäßigkeit ist das EEG.
F1 sec —] Zeit
a Betawellen; Aufmerksamer Wachzustand
um mW A Alphawellen: Entspannter Wachzustand
My AA UNNA Tetawellen: Oberflächlicher Schlaf
vl Deltawellen: Tiefschlaf
Abb. 3.10: Funktionszustände des Menschen durch verschiedene Periodenlängen der Wellen des
EEG charakterisiert
Betarhythmus > 13 Hz reflektiert erhöhte Aufmerksamkeit, erhöhtes Wachsein, Erregung,
Streß u.a.
Alphawellen charakterisieren den relaxierten Wachzustand. Von Thetawellen werden
Übergangszustände zwischen Wach- und Schlaf sowie der REM-Schlaf ausgewiesen.
Deltawellen zeigen den Tiefschlaf an. Diese Zustandsänderungen von höchster Erregung über
Relaxation bis zum Schlaf vollziehen sich im Laufe eines 24-Stunden-Tages in einer großen
Dynamik.
In Abb. 3.11 ist dieser Vorgang der Periodenvariabilität noch einmal schematisch dargestellt.
Arbeitsweise biologischer Systeme
( ohne Störung)
slabil
instabil j stabil
l Periode 2
I
i Niveau 2
I
Niveau 1
| ui
Periode 1 | Periodenwechsel
deinultiplikativer
Relaxation, Ruhe I Erregung,
Slabililäl Stress
! Labilität,
Abb. 3.11: Modell der regulatorischen Arbeitsweise biologischer Systeme mittels Periodenvariabilität
Wird durch Streß eine Verkürzung der Regulation hervorgerufen, dann bedeutet das auch einen
erhöhten Energieaufwand. Bei langandauerndem Disstreß folgt das bekannte
Erschöpfungssyndrom. Es entsteht, weil der Energiebedarf nicht mehr gedeckt werden kann.
31 von 69
Anhang A Kapitel 3: Chronobiologische Erkenntnisse 00000000000 Kapitel 3: Chronobiologische Erkenntnisse Damit einhergehend vollzieht sich ein immer größer werdender Zerfall der funktionellen Zeitstruktur. Dieser wiederum wirkt als Stressor. Auf diese Weise kann sich ein "eirculus vitiosus" anbahnen, wodurch Regulationskrankheiten entstehen. 3.5 Disstreß und Zirkadianer Rhythmus Dauerstreß (Disstreß) Zerstörung der "funktionellen Zeitstruktur" können zum völligen Chaos der Rhythmik führen, wobei sich zunächst Schlafstörungen und Tagesmüdigkeit zeigen. Bei Weiterbestehen der Belastung tritt das sogenannte Schichtfehladaptionssyndrom ([Moore-Ede 1993] welches nicht ausschließlich für Schichtarbeiter Gültigkeit besitzt ) auf. Im Folgenden werden Symptome des Schichtfehlanpassungssyndroms genannt. [modifiziert nach Moore- Ede 1993] Akute Form (innerhalb eines Monats) - Schlafstörungen - Schlaflosigkeit - übermäßige Müdigkeit und Schlafneigung am Tage - erhöhte Neigung zu Fehlleistungen und Fehlentscheidungen - erhöhtes Unfallrisiko - soziale Probleme mit Familie und Gesellschaft - Erhöhung des Krankenstandes der Gesellschaft Chronische Form (5 Jahre und mehr) - chronische Schlafstörungen - Erkrankung der Herzkranzgefäße - Störung der Herzkreislaufregulation - Erkrankung des Verdauungssystems - erhöhte Ausfallzeiten am Arbeitsplatz - Fehlverhalten und Fehlentscheidungen - Neurotizismus - soziale Probleme: - Erschöpfungssyndrom - Frühinvalidität Die Zerstörung der funktionellen Zeitstruktur z. B. durch Störung des Schlafes, (Fragmentierung des Schlafes, Verkürzung oder Zerstörung der REM-Zyklen), chaotischen Lebensstil, Störung des Lebens- und Arbeitsrhythmus durch äußere Faktoren gelten als äußerst starke Stressoren mit hohem Gesundheitsrisiko [Moore-Ede 1993, Aljakrinski 1972, 1980, Hecht 1993a, Hildebrandt 1993, Stapanova 1986] Ba m 1 ig 32 von 69
Anhang A Kapitel 3: Chronobiologische Erkenntnisse nn 3.6 Jetlag-Syndrom und Desynchronose Während das "Jetlag-Syndrom" größtenteils reversibel ist, d. h. wenn genügend Zeit für die Neuanpassung besteht, stellt eine Desynchronose eine chronische Form der Störung der funktionellen Zeitstruktur dar. Die einfachste Form des Jetlag-Syndroms erleben viele Menschen in ihrem Heim bei Umstellungen von Winterzeit auf Sommerzeit und umgekehrt. Umstellungen von Winter zur Sommerzeit entspricht einem West-Ost-Flug mit Zeitverschiebung um 1 Stunde. Die Umkehr zur Winterzeit entsprechend einem Ost-West- Flug. Eine Umfrage des Wickert-Instituts (im Jahre 1993) ergab, daß mehrere Millionen Deutsche für einige Zeit unter der Zeitumstellung leiden. Ein Drittel der Befragten klagte über Schwierigkeiten bei der Anpassung an die neue Ortszeit. Besonders stark betroffen waren die 30-49jährigen, die an Schlafstörungen, depressiven Stimmungen, Appetitlosigkeit, Nervosität, Aggressivität u. a. litten. Andere Untersuchungen zeigten, daß in der Woche nach Umstellung auf Sommerzeit ein Anstieg der Verkehrsunfälle um 10,8 %, nach der Rückschaltung auf Winterzeit eine Zunahme der Verkehrsunfälle um 3,4 %. [Hecht 1994] Derartige Erscheinungen treten also schon bei geringsten Zeitverschiebungen auf und immerhin bei einem Drittel der erwachsenen Bevölkerung. Verstärkt zeigen sich derartige Erscheinungen beim Jetlag-Syndrom, wobei neben der individuellen Hypersensibilität die Länge der Ortszeitverschiebung eine Rolle spielt: Je mehr Stunden Ortszeitverschiebung erfolgen, um so schwieriger ist die Anpassung an den neuen "Zeitgeber" und umso länger dauert diese. Auch die Zwei- und Dreischichtsysteme belasten durch die große Phasenverschiebung der gesamten zirkadianen Rhythmik. Dabei ist man heute auf Grund von Erkenntnissen zu der Auffassung gekommen, daß die Spätschicht (14.00 - 22.00 Uhr) nicht weniger als die Nachtschicht (ab 22.00 Uhr) belastet, weil im ersten Fall der soziale Zeitgeber außer Kraft gesetzt wird. Die meisten sozialen Kontakte erfolgen zwischen 18.00 und 22.00 Uhr. [Scheving 1980, Hildebrandt 1980] Bei der Nachtschicht wird der gesamte Ruhe-Aktivitätszyklus verschoben und das Schlaf-Wach-Regime umgekehrt. [Hildebrandt 1993, Knauth 1988 Streßinduzierte Krankheiten und solche Erkrankungen, bei denen die Zeitstruktur in der Atiopathogenese eine Rolle spielt wie z. B. der Depression, sind gleichfalls Auflösungen der Rhythmik bzw. eine Demultiplikation der Periodenlänge nachzuweisen. Bei Depressionen konnte festgestellt werden, daß die zirkadiane Rhythmik in den anfallfreien Phasen gegenwärtig war, während der depressiven Schübe aber verschwand. [Pflug 1977] Auch bei Arzneimittelabusus kommt es zum Zerfall der natürlichen Tages- und auch Wochenrhythmik der verschiedensten Körperfunktionen [Angeli 1977, Haus 1974, Reinberg 1974] In Abhängigkeit von dem Tageszeitpunkt der Applikation können zirkadiane Rhythmen Phasenverschiebungen entweder in Form von Vorverlagerung (Beschleunigung) bzw. Verzögerung erfahren. [Oehme 1980] 33 von 69