06-zmsbwforschungsbericht131ergebnissebevlkerungsumfrage2021
Dieses Dokument ist Teil der Anfrage „Beauftragte Meinungsumfragen des Bundes“
Tabelle 9.2: Determinanten der Haltung zur Bundeswehr Index Haltung zur Bundeswehr Modell I Modell II Modell III Modell IV Soziodemografie Frauen -0,05* -0,03n.s. Alter 0,12*** 0,03n.s. Niedrige Bildung 0,03n.s. 0,06n.s. Hohe Bildung 0,02n.s. 0,01n.s. Haushaltsnettoeinkommen (bis 2.000 Euro) -0,08* -0,06* Haushaltsnettoeinkommen (4.001 Euro und mehr) -0,03n.s. -0,04n.s. Ostdeutschland -0,03n.s. -0,01n.s. Migrationshintergrund 0,02n.s. 0,03n.s. Politische Einstellungen Wahlabsicht AfD -0,07* -0,07** Wahlabsicht FDP -0,01n.s. 0,00n.s. Wahlabsicht Die Linke -0,09*** -0,08** Wahlabsicht Bündnis 90/Die Grünen -0,20*** -0,19*** Keine Parteipräferenz, Nichtwähler, w.n./k.A. -0,21*** -0,19*** Links-Rechts-Selbsteinstufung 0,03n.s. 0,03n.s. Kontakte und Erfahrungen Wahrnehmung Bundeswehr im Alltag 0,10*** 0,11*** Wahrnehmung Bundeswehr in den Medien 0,07** 0,05* Ist/war bei der Bundeswehr 0,07** 0,04n.s Verwandter/Bekannter ist/war bei der Bundeswehr 0,03n.s. 0,02n.s. Korrigiertes R² 0,02 0,07 0,03 0,09 n 1.602 1.602 1.602 1.602 Anmerkungen: Die abhängige Variable ist die Haltung zur Bundeswehr, gebildet mit den Variablen Einstellung, Ansehen und Vertrauen zur Bundeswehr (s. Text). Wertebereich der abhängigen Variable [0 – negative Haltung zur Bundeswehr; 1 – positive Haltung zur Bundeswehr], Mittelwert [0,68]. Alle erklärenden Variablen außer Alter [16; 99], Wahrnehmung Bundeswehr im Alltag [0; 3] und Wahrnehmung Bundeswehr in den Medien [0; 4] haben einen Wertebereich von [0; 1]. Analyseverfahren: Multiple lineare Regressionen; standardisierte Regressionskoeffizienten (beta). Signifikanzniveau: *** p < 0,001; ** p < 0,01; * p < 0,05; n.s. = nicht signifikant (p ≥ 0,05). Datenbasis: Bevölkerungsbefragung des ZMSBw 2021. Es wurden vier (OLS-)Regressionsanalysen berechnet, um die Determinanten der Hal- tung zur Bundeswehr zu bestimmen. Dazu werden in einem ersten Schritt (Modell I) nur die soziodemografischen Merkmale der Befragten betrachtet. Wie die Auswertung nach sozialen Gruppen bereits nahegelegt hat, üben sozialstrukturelle Charakteristika einen ge- wissen Einfluss auf die Einstellung zur Bundeswehr aus (vgl. Tabelle 9.1). Männer, Äl- tere und Befragte mit einem mittleren im Vergleich zu einem niedrigen Haushaltsein- kommen stehen den Streitkräften positiver gegenüber – unter Kontrolle der anderen so- zialen Merkmale. Allerdings sind die auftretenden Effekte eher schwach, wie die erklärte Varianz von 2 Prozent in der abhängigen Variable dokumentiert. Die Zustimmung zur Bundeswehr ist mithin recht gleichmäßig über die sozialen Gruppierungen hinweg ver- teilt. Im nächsten Schritt (Modell II) steht die parteipolitische Präferenz der Befragten im 153
Fokus. Dabei wird die zur Zeit der Erhebung geltende politische Konstellation als Maß- stab angelegt: Eine Wahlabsicht für Union oder SPD als Regierungsparteien auf der Bun- desebene bildet die Referenzkategorie. Im Vergleich zu sozialen Merkmalen zeigen sich etwas stärkere Einflüsse. Personen mit einer Wahlabsicht für die FDP weisen in Bezug zu den Anhängern der Regierungsparteien im Sommer 2021 (CDU, CSU und SPD) keine abweichende Haltung zur Bundeswehr auf. Wählerinnen und Wähler der AfD, der Lin- ken, vor allem aber der Grünen und Personen ohne Wahlabsicht stehen den Streitkräften kritischer gegenüber. Dies verdeutlicht das R² von Modell II, das mit 0,07 den mehr als dreifachen Wert des Modells I einnimmt. Somit hat die parteipolitische Orientierung durchaus einen Einfluss auf die Haltung zur Bundeswehr. Einen wiederum geringeren Effekt zeigen die Variablen, die Kontakte und Erfahrungen mit den Streitkräften abbilden (Modell III, R² = 0,03). Wer die Bundeswehr im Alltag und in den Medien wahrnimmt oder Soldatin bzw. Soldat ist oder war, hat eine positivere Haltung als eine Person, auf die dies nicht zutrifft. Ob Befragte jemanden im privaten und sozialen Umfeld kennen, der bei der Bundeswehr ist bzw. war, spielt für die Haltung zu den Streitkräften hingegen keine Rolle. Im letzten Schritt (Modell IV) werden sämtliche Variablen zugleich betrach- tet. Dabei verlieren die sozialen Merkmale weitgehend ihre statistische Signifikanz. Al- lein ein geringes Einkommen weist noch einen leicht negativen Einfluss auf die Haltung zur Bundeswehr auf. Bei den parteipolitischen Größen zeigen sich hingegen keine sub- stanziellen Veränderungen. Auch unter Kontrolle aller anderen Variablen gilt, dass Per- sonen, die die AfD, die Linke und die Grünen wählen bzw. die nicht zur Wahl gehen, eine negativere Haltung zur Bundeswehr haben als Anhänger von Union und SPD. Ob Befragte einer Regierungs-, einer Oppositions- oder keiner Partei zuneigen, hat einen Einfluss auf ihre Haltung zu den Streitkräften. Alltägliche Begegnungen und mediale Wahrnehmungen führen ebenfalls zu einer positiveren Haltung zur Bundeswehr. Eigene Erfahrungen in und mit den Streitkräften sind jedoch nicht statistisch signifikant. Am wichtigsten sind persönliche Begegnungen im näheren Umfeld: Wenn Streitkräfte im All- tag der Bürgerinnen und Bürger präsent und Gegenstand von Gesprächen und Diskussi- onen sind, erfahren sie einen höheren gesellschaftlichen Zuspruch. Darauf folgt die me- diale Wahrnehmung der Bundeswehr. Erfahrungen, die jemand als Soldatin oder Soldat macht bzw. gemacht hat, wirken sich – unter Kontrolle der anderen Größen – nicht auf die Haltung zur Bundeswehr aus. Dasselbe gilt für Erfahrungen von Verwandten oder Bekannten mit den Streitkräften. Wie aufgrund einer erklärten Varianz von 9 Prozent ersichtlich, bestimmen die betrachteten Variablen in ihrer Gesamtheit im überschaubaren Maße die Haltung zur Bundeswehr. Zusammengenommen zeigen die Analysen, dass es zwischen verschiedenen sozialen Gruppierungen gewisse Unterschiede in der Haltung zur Bundeswehr gibt. Die parteipolitische Orientierung übt dabei den vergleichsweise 154
stärksten Einfluss aus. Die festgestellten Differenzen liefern jedoch keinerlei Hinweise auf eine gesellschaftliche Polarisierung und die Unterschiede stehen hinter den Gemein- samkeiten zurück – zumal wenn neben den Befunden der multivariaten Regressionen die Verteilung der Häufigkeiten in den Blick gerät: In allen betrachteten Bereichen genießt die Bundeswehr den Zuspruch einer Mehrheit der Befragten. 9.4 Fazit Die Bevölkerungsbefragung 2021 weist im Vergleich zum Vorjahr einen gleichbleiben- den hohen Zuspruch der Bevölkerung zu den Streitkräften aus. Damit bestätigt sich das gute Renommee, das die Bundeswehr seit Jahren und Jahrzehnten bei den Bürgerinnen und Bürgern genießt. Alle verwendeten Indikatoren weisen in dieselbe Richtung: Die Streitkräfte sind angesehen und erfahren Vertrauen. Dies geht quer durch die gesellschaft- lichen Gruppen. Allein hinsichtlich der parteipolitischen Orientierungen und der persön- lichen wie medialen Bezüge bestehen Differenzen im Niveau des Zuspruchs. Für die nach wie vor vorhandenen Befürchtungen, Streitkräfte und Zivilgesellschaft würden sich aus- einander bewegen, liefern die vorhandenen Daten keinerlei Belege ebenso wenig für ein vermeintlich „freundliches Desinteresse“ der Bevölkerung an der Bundeswehr. 155
10 Wahrnehmung der Bundeswehr in der Öffentlichkeit Markus Steinbrecher und Joel Scherzer Wegen der Verkleinerung der Bundeswehr, der Schließung vieler Standorte und der Aus- setzung der Wehrpflicht seit dem Jahr 2011 haben viele Bürgerinnen und Bürger nur noch über die Medien Kontakt mit den Streitkräften. Daher ist es wichtig, zu wissen, in wel- chem Maße und mit welcher Tendenz die Medien über die Streitkräfte berichten, weil sich die Bürgerinnen und Bürger im Wesentlichen mithilfe dieser Informationen eine ei- gene Meinung bilden können. Im Rahmen der Bevölkerungsbefragung 2021 wurde wie in den Vorjahren erfasst, wie häufig und mit welchem Tenor (positiv, neutral, negativ) die Bürgerinnen und Bürger die Streitkräfte in den Medien und in der persönlichen Kom- munikation wahrnehmen. Ein weiteres Thema dieses Abschnitts ist, wie die Befragten 60 den Kontakt zwischen Bundeswehr und Gesellschaft bewerten. 10.1 Wahrnehmung und Eindruck von der Bundeswehr bei verschiedenen Gelegenheiten Im Folgenden geht es um die Wahrnehmung der Bundeswehr in den Medien durch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Bevölkerungsbefragung 2021. Es wurde unter- sucht, inwiefern die Befragten die Bundeswehr in den Medien und bei verschiedenen an- deren Gelegenheiten während der letzten 12 Monate wahrgenommen haben (vgl. Abbil- dung 10.1). Wie 2020 wurden auch 2021 die folgenden Kontaktmöglichkeiten zusätzlich in die Befragung aufgenommen: „bei einer Fahrt mit dem Zug“, „bei Übungen und Hil- feleistungen der Bundeswehr“, „beim Tag der Bundeswehr oder einem Tag der offenen Tür“ und „bei einem feierlichen Gelöbnis“. Zugfahrten als Kontaktmöglichkeit hinzuzu- nehmen, erschien nach der Einführung des kostenlosen Bahnfahrens in Uniform für Sol- 60 Anders als in den Jahren 2017 und 2018 erfolgte 2021 keine Auswertung der Berichterstattung im Er- hebungszeitraum in ausgewählten deutschen Zeitungen und Fernsehnachrichten sowie auf Internet- seiten. Aufwand und Ertrag dieser Inhaltsanalyse hielten sich in den Jahren 2017 und 2018 nicht die Waage, sodass für weitere Informationen zur Berichterstattung über die Bundeswehr in klassischen und sozialen Medien auf die Medienresonanzanalyse des Zentrums Informationsarbeit Bundeswehr (ZInfo- ABw) verwiesen werden kann, deren Ergebnisse in der Regel im 1. Quartal des Folgejahres vorgestellt werden (für 2020: Argus Data Insights 2021; Cognita Deutschland 2021). 156
datinnen und Soldaten im Januar 2020 folgerichtig. Diese Frage wurde allen Teilnehme- rinnen und Teilnehmern gestellt. Die drei weiteren Kontaktgelegenheiten wurden nur ab- gefragt, wenn die Befragten zuvor angegeben hatten, die Bundeswehr im Alltag oder bei öffentlichen Veranstaltungen wahrgenommen zu haben. Abbildung 10.1: Wahrnehmung der Bundeswehr bei verschiedenen Gelegenheiten „Haben Sie die Bundeswehr in den letzten 12 Monaten bei den folgenden Gelegenheiten wahrgenommen?“ (Anteil „Ja“, Angaben in Prozent, 2021: n = 2.037) Bei Sendungen im Fernsehen 11 66 59 10 Bei Berichten in Zeitungen und Zeitschriften 43 42 9 Bei Beiträgen im Internet 30 24 Bei Gesprächen mit Freunden, Verwandten oder 25 8 Kollegen 29 7 25 Bei Sendungen im Radio 22 Im Alltag, da wo Sie wohnen, also zum Beispiel auf 19 6 15 der Straße oder beim Einkaufen Bei öffentlichen Veranstaltungen5 6 6 Bei Übungen und Hilfeleistungen der Bundeswehr 4 6 4 Bei einer Fahrt mit dem Zug 3 5 5 Beim Tag der Bundeswehr oder einem Tag der 2 2021 2 offenen Tür 2 2020 1 Bei einem feierlichen Gelöbnis 1 2 Anmerkungen: Nur Befragte, die angegeben hatten, die Bundeswehr im Alltag oder bei öffentlichen Veranstaltungen wahrgenommen zu haben, wurden zusätzlich nach den Gelegenheiten „Bei Übungen und Hilfeleistungen der Bundes- wehr“ „Beim Tag der Bundeswehr oder einem Tag der offenen Tür“ und „Bei einem feierlichen Gelöbnis“ gefragt. Datenbasis: Bevölkerungsbefragungen des ZMSBw 2020 und 2021. 2021 haben 66 Prozent der Befragten etwas über die Bundeswehr im Fernsehen gesehen. 43 Prozent haben in Zeitungen und Zeitschriften etwas über die Streitkräfte gelesen. Etwa ein Drittel hat in Beiträgen im Internet (30 Prozent) etwas über Soldatinnen und Soldaten erfahren. Jeweils ein Viertel der Befragten hat in persönlichen Gesprächen mit Freunden, Verwandten oder Kollegen die Bundeswehr thematisiert oder hat in Radiobeiträgen etwas über sie gehört (25 Prozent). Im Alltag, auf der Straße oder beim Einkaufen, ist die Bun- deswehr von 19 Prozent der Befragten wahrgenommen worden. Die anderen Gelegenhei- ten werden lediglich von wenigen Befragten angeführt (bei öffentlichen Veranstaltungen 157
sowie bei Übungen und Hilfeleistungen: jeweils 6 Prozent; bei einer Fahrt mit dem Zug: 5 Prozent; beim Tag der Bundeswehr oder einem Tag der offenen Tür: 2 Prozent; bei einem feierlichen Gelöbnis: 1 Prozent). Vergleicht man die Ergebnisse mit denen des Vorjahres, zeigt sich bei Gesprächen mit Freunden, Verwandten oder Kollegen eine seltenere Thematisierung der Streitkräfte (-4 Prozentpunkte). Für alle anderen abgefragten Kommunikationswege sind die Häufigkei- ten entweder gleich geblieben oder gestiegen. Am stärksten hat die Wahrnehmung der Streitkräfte bei den massenmedialen Kommunikationsformen zugenommen: Bei Sendun- gen im Fernsehen nehmen die Befragten die Bundeswehr häufiger wahr (+7 Prozent- punkte), ebenso bei Beiträgen im Internet (+6 Prozentpunkte) und bei Sendungen im Ra- dio (+3 Prozentpunkte). In ihrem Alltag haben die Befragten die Bundeswehr ebenfalls häufiger wahrgenommen (+4 Prozentpunkte). Bei Übungen oder Hilfeleistungen der Bundeswehr ist die Wahrnehmungshäufigkeit ebenfalls gestiegen (+2 Prozentpunkte), wohl vor allem wegen der Hilfseinsätze im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie und der Flutkatastrophen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Bei einer längeren zeitlichen Perspektive auf die Wahrnehmung der Bundeswehr bei ver- 61 schiedenen Gelegenheiten seit dem Jahr 2011 ist eine Abnahme der relativen Häufig- keiten für fast alle massenmedialen wie persönlichen Gelegenheiten zu erkennen (vgl. Abbildung 10.2). Für zwei der sieben über den gesamten Zeitraum abgedeckten Kontakt- möglichkeiten wird 2021 der niedrigste Wert des gesamten Zeitraums erreicht (Gesprä- che, bei öffentlichen Veranstaltungen). Für die Kontaktmöglichkeit „bei öffentlichen Veranstaltungen“ spiegelt dies sicherlich die Folgen der Pandemie wider, fand doch ein Großteil der ansonsten für die Öffentlichkeit frei zugänglichen Veranstaltungen lediglich digital oder mit deutlich eingeschränkter Teilnehmerzahl statt. Für das Internet zeigt sich im Gegensatz dazu mit 30 Prozent der höchste jemals gemessene Wert. Die im Vorjahr festgestellte starke Abnahme der wahrgenommenen Berichterstattung über die Massen- medien wird durch den Anstieg in diesem Jahr teilweise kompensiert. Auffällig bei der Betrachtung der Zeitreihen ist, dass das Jahr 2017 herausragt. In diesem Jahr war die Bundeswehr wegen einiger Skandale, dem Anti-IS-Einsatz und dem Abzug von Flugzeu- gen der Luftwaffe von der türkischen Basis Incirlik besonders in den Medien präsent und auch verstärkt Thema persönlicher Gespräche (Steinbrecher 2017d). 2021 hat die Bun- deswehr offensichtlich trotz der starken medialen Präsenz der Hilfs- und Unterstützungs- einsätze keine ähnliche Aufmerksamkeit und Wahrnehmung erfahren. 61 In den Jahren vor 2011 wurden diese Fragen mit einer anderen, nicht vergleichbaren Antwortskala er- hoben. 158
Abbildung 10.2: Wahrnehmung der Bundeswehr bei verschiedenen Gelegenheiten im Zeitverlauf „Haben Sie die Bundeswehr in den letzten 12 Monaten bei den folgenden Gelegenheiten wahrgenommen?“ (Anteil „Ja“, Angaben in Prozent, 2021: n = 2.037) 90 80 70 60 50 40 30 20 10 0 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 Im Alltag Öffentliche Veranstaltungen Gespräche Fernsehen Radio Internet Zeitungen und Zeitschriften Zugfahrt Übungen und Hilfeleistungen Datenbasis: Bevölkerungsbefragungen des ZMSBw 2011–2021. Im Folgenden werden die einzelnen Wahrnehmungsformen für die Bevölkerungsbefra- gung 2021 zusammengefasst und Zählindizes für die massenmediale (Fernsehen, Radio, Zeitungen und Zeitschriften sowie Internet) sowie die persönliche Wahrnehmung (Ge- spräche, im Alltag, bei öffentlichen Veranstaltungen sowie bei Zugfahrten) der Bundes- wehr gebildet. Für die Interpretation der Ergebnisse werden nur die Kategorien „kein Kontakt“, „1 Kontakt“ und „2 Kontakte oder mehr“ betrachtet (vgl. Abbildung 10.3). Vergleicht man die Ergebnisse, wird eine Diskrepanz zwischen den beiden Wahrneh- mungsformen deutlich: Etwas mehr als drei Viertel (78 Prozent) der Bürgerinnen und Bürger haben die Bundeswehr über mindestens einen Kanal der Massenmedien wahrge- nommen – im Vergleich zum Vorjahr ist das eine Zunahme von 7 Prozentpunkten. Im persönlichen Umfeld haben hingegen nur 39 Prozent der Befragten mindestens einmal die Streitkräfte wahrgenommen. Damit ist der persönliche Kontakt zu den Streitkräften im Jahresvergleich gleich geblieben (2020: 39 Prozent). Größer wird der Kontrast, wenn man nur die Kategorie „2 Kontakte oder mehr“ betrachtet: Die Differenz zwischen dem 159
Index für persönliche Kontakte (12 Prozent) und dem für massenmediale Kontakte (54 Prozent) beträgt 42 Prozentpunkte (2020: 34 Prozentpunkte). Abbildung 10.3: Persönliche und massenmediale Wahrnehmung der Bundeswehr im Vergleich „Haben Sie die Bundeswehr in den letzten 12 Monaten bei den folgenden Gelegenheiten wahrgenommen?“ (Indizes für massenmediale und persönliche Wahrnehmung, Angaben in Prozent, 2021: n = 2.037) 70 Persönliche Wahrnehmung Massenmediale Wahrnehmung 61 60 (-1) 54 50 (+7) 40 30 27 24 22 (+1) 20 (0) (-7) 12 10 (-1) 0 Kein Kontakt 1 Kontakt 2 Kontakte oder mehr Anmerkungen: Nicht alle Prozentangaben ergeben in der Summe 100 Prozent, da die Einzelwerte gerundet wurden. Ver- änderungen gegenüber 2020 in Klammern. Datenbasis: Bevölkerungsbefragungen des ZMSBw 2020 und 2021. Allerdings ist für die Einordnung dieser Unterschiede darauf hinzuweisen, dass der Auf- wand der Bürger für die massenmediale Wahrnehmung der Bundeswehr deutlich geringer ist als für die Wahrnehmung im persönlichen Umfeld. Einen Bericht über die Streitkräfte im Radio, Fernsehen oder in der Zeitung kann man zufällig beim Durchschalten oder Durchblättern erfassen. Und angesichts des hohen Ausmaßes der Mediennutzung in Deutschland (Breunig/van Eimeren 2015) besteht zwangsläufig eine wesentlich höhere Chance, über diese Informationskanäle etwas über die Bundeswehr zu erfahren. Die Zunahme der massenmedialen Wahrnehmung und die gleichbleibende persönliche Wahrnehmung der Bundeswehr im Vergleich zum Jahr 2020 wird auch bei einer Betrach- 160
tung der Mittelwerte der beiden Indizes deutlich (vgl. Tabelle 10.1). Während der Mittel- wert für den Index persönliche Wahrnehmung weiterhin bei 0,55 liegt (2020: 0,55; 2019: 0,60; 2018: 0,57; 2017: 0,72; Steinbrecher/Irrgang 2020b), hat der Mittelwert des Indexes massenmediale Wahrnehmung mit 1,64 um 0,18 Punkte zugenommen (2020: 1,46; 2019: 62 1,57; 2018: 1,52; 2017: 1,99; Steinbrecher/Irrgang 2020b). Alle bisher präsentierten und analysierten deskriptiven Statistiken sprechen dafür, dass sich die Corona-Pandemie im Jahr 2021 weniger auf die Wahrnehmung der Bundeswehr in der Öffentlichkeit ausgewirkt hat als im Vorjahr: Im Jahr 2020 wiesen alle Einzelfragen und die Indizes eine Abnahme der Wahrnehmung auf. 2021 zeigt sich hingegen ein dif- ferenzierteres Bild. Besonders in persönlichen Gesprächen war die Bundeswehr als Thema weniger präsent, der Index der persönlichen Wahrnehmung der Bundeswehr bleibt im Vergleich zum Vorjahr jedoch stabil. Der massenmediale Index weist einen deutlichen Zuwachs auf und erreicht den höchsten Wert seit 2017. Die Medienberichter- stattung über die Hilfseinsätze der Bundeswehr im Rahmen von Corona-Pandemie und Hochwasserhilfe macht sich hier vermutlich bemerkbar. In dieses Bild fügt sich auch der Zuwachs bei der Wahrnehmung der Bundeswehr bei Übungen und Hilfeleistungen aus 63 dem persönlichen Erleben der Bürgerinnen und Bürger. Schaut man im nächsten Schritt auf bivariate Zusammenhänge zwischen den beiden Wahrnehmungsindizes und den üblichen soziodemografischen Erklärungsvariablen, of- fenbaren sich die folgenden Unterschiede: Männer nehmen die Bundeswehr häufiger wahr als Frauen. Die Differenz beträgt 0,20 (persönliche Wahrnehmung) und 0,41 (mas- senmediale Wahrnehmung). Auch zwischen den Altersgruppen werden Abweichungen deutlich: Während die Wahrnehmung der Bundeswehr im persönlichen Umfeld mit stei- gendem Lebensalter abnimmt, ergibt sich für die Massenmedien kein statistisch signifi- kanter Unterschied. Ein höheres Bildungsniveau führt zu einer verstärkten massenmedi- alen wie persönlichen Wahrnehmung der Bundeswehr. Befragte mit höherem und mittle- 62 Bei identischer Operationalisierung des Indexes persönliche Wahrnehmung wie 2019 und 2020 (inkl. Gespräche, im Alltag, bei öffentlichen Veranstaltungen, aber ohne bei Fahrt mit dem Zug) ergibt sich ein Mittelwert von 0,50. 63 Da die Hochwasserkatastrophe in Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, Bayern und Sachsen am 14. Juli 2021 in den Erhebungszeitraum der Bevölkerungsbefragung 2021 fällt, kann geprüft werden, ob sich die Wahrnehmung der Bundeswehr im persönlichen und massenmedialen Bereich vor und nach der Katastrophe unterscheidet: Die Analysen zeigen nur für die Wahrnehmung der Bundeswehr über das Internet einen statistisch signifikanten Anstieg (p < 0,001) von 26 auf 38 Prozent. Für die anderen Kommunikationswege gibt es keine statistisch signifikanten Veränderungen. Insofern erhöht der Hilfseinsatz der Bundeswehr nicht systematisch die Wahrnehmungshäufigkeit über die Massenmedien oder im persönlichen Umfeld. 161
rem Einkommen nehmen die Bundeswehr in etwas stärkerem Maße über die Massenme- dien wahr als Befragte mit niedrigem Einkommen – für die persönliche Kommunikation zeigen sich ebenso leichte statistisch signifikante Unterschiede. Die Wahlabsicht ist ebenfalls relevant: In der persönlichen Kommunikation haben vor allem Personen ohne Wahlabsicht in unterdurchschnittlichem Maße (0,45) Kontakt mit der Bundeswehr. Besonders häufig nehmen Unterstützer der AfD (0,76), der Unionspar- teien (0,63), von Bündnis 90/Die Grünen (0,61) und Die Linke (0,60) die Streitkräfte im persönlichen Bereich wahr. Über die Massenmedien erhalten die Anhänger der AfD (1,96), der Unionsparteien (1,91) und der FDP (1,73) in überdurchschnittlicher Weise Informationen über die Bundeswehr. Deutlich unterdurchschnittlich ist die massenmedi- ale Wahrnehmung der Bundeswehr bei Personen ohne Parteipräferenz (1,31). Ob man die Streitkräfte wahrnimmt, ist auch von der Wohnregion abhängig: Befragte in Ostdeutsch- land (0,78) reden häufiger über die Bundeswehr oder begegnen ihr im Alltag öfter als Befragte aus anderen Regionen. Besonders selten haben Menschen in Westdeutschland (0,40) im persönlichen Bereich Kontakt zu den Streitkräften. Bei den Massenmedien lie- gen die Unterschiede ein wenig anders: In Süddeutschland (1,82) sehen, hören oder lesen die Befragten am häufigsten etwas über die Bundeswehr in den Medien. Das Schlusslicht bilden in dieser Hinsicht (wieder) die Befragten in Westdeutschland (1,41). Ein Migrati- onshintergrund ist im Hinblick auf die massenmediale Wahrnehmung der Bundeswehr und die persönliche Kommunikation nicht von Bedeutung. 162