06-zmsbwforschungsbericht131ergebnissebevlkerungsumfrage2021
Dieses Dokument ist Teil der Anfrage „Beauftragte Meinungsumfragen des Bundes“
4.8 Fazit Eine klare Mehrheit der deutschen Bevölkerung fühlt sich persönlich sicher und auch die Sicherheitslage in Deutschland wird mehrheitlich positiv bewertet. Im Kontrast dazu steht die Wahrnehmung der weltweiten Sicherheitslage, die nur von wenigen Bürgerinnen und Bürgern als sicher und von einer relativen Mehrheit sogar als unsicher eingeschätzt wird. Der anhaltenden Corona-Pandemie zum Trotz haben sich die Bewertungen der persönli- chen, nationalen und weltweiten Sicherheitslage im Vergleich zum Vorjahr nicht wesent- lich verändert. Auch die Entwicklung des Sicherheitsgefühls seit 2019 zeigt, dass sich die Corona-Pandemie nicht in einer schlechteren Bewertung der unterschiedlichen Sicher- heitslagen niedergeschlagen hat. Insgesamt fühlen sich die Bürgerinnen und Bürger primär durch eine Mischung aus öko- nomischen (steigende Preise und Altersarmut), ökologischen (Coronavirus, Klimawandel und Naturkatastrophen) und innenpolitischen Faktoren (Zuwanderung nach Deutschland und religiöser Fundamentalismus) in ihrer persönlichen Sicherheit bedroht. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Sorge vor der Inflation nochmals deutlich gestiegen. Das Gleiche gilt für das Bedrohungsgefühl durch Umweltrisiken, insbesondere große Naturkatastrophen, was auf die Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen mit mehr als 170 Todesopfern zurückzuführen sein dürfte, die sich während der Befragung ereignete. Das Bedrohungsgefühl durch innenpolitische Risiken sowie Gefahren aus dem Cyber- und Informationsraum ist insgesamt schwächer ausgeprägt. Allerdings werden Risiken im Cyberraum im Vergleich zum Vorjahr stärker als Bedrohung der persönlichen Sicher- heit wahrgenommen. Insbesondere außenpolitische Risikofaktoren spielen insgesamt eine nachgeordnete Rolle für das persönliche Sicherheitsgefühl. Jedoch ist das Bedro- hungsgefühl der Bürgerinnen und Bürger durch die Spannungen zwischen dem Westen und Russland im Vergleich zum Vorjahr deutlich gestiegen. Zudem bereitet das weltweite militärische Wettrüsten mehr als einem Viertel der Befragten Sorgen und gehört damit ebenfalls ins „Mittelfeld“ der Bedrohungsfaktoren. Obwohl sich ein Großteil der deutschen Bevölkerung durch ökologische Risiken – zu der auch die Corona-Pandemie gerechnet wurde – bedroht fühlt, weist diese Gruppe von Fak- toren nur einen vergleichsweise schwachen Zusammenhang zur Bewertung der persönli- chen und nationalen Sicherheitslage auf. Diese Bewertung ist primär mit der Wahrneh- mung außen- und innenpolitischer Bedrohungsfaktoren (negativ) assoziiert, jedoch wer- den eben diese Bedrohungen im Durchschnitt weniger stark wahrgenommen. Das Bedro- hungsgefühl durch ökologische Risikofaktoren ist dagegen am stärksten mit der Bewer- 35
tung der weltweiten Sicherheitslage assoziiert: Je mehr man sich durch die mögliche An- steckung mit dem Coronavirus oder durch den weltweiten Klimawandel bedroht fühlt, desto negativer bewertet man auch die weltweite Sicherheitslage. Die Bedrohungsperzeptionen stehen aber nicht nur im Zusammenhang mit dem Sicher- heitsempfinden der Bevölkerung, sondern beeinflussen auch die Einschätzung der Be- fragten, wie wichtig die Bundeswehr für Deutschland ist: Je stärker man sich durch Si- cherheitsrisiken bedroht fühlt, die in den Aufgabenbereich der Bundeswehr fallen und einen direkten Inlandsbezug aufweisen, desto wichtiger findet man die Bundeswehr. Wer sich jedoch in seiner persönlichen Sicherheit durch komplexe sicherheitspolitische Risi- ken im internationalen Raum bedroht fühlt, wie z.B. durch weltweites Wettrüsten oder Spannungen zwischen dem Westen und Russland, der bewertet die Bundeswehr als we- niger wichtig. Es steht zu vermuten, dass die Mehrheit in Deutschland die Bundeswehr nicht als vorrangiges Mittel zur Bearbeitung von Herausforderungen der internationalen Sicherheit betrachtet (vgl. Abschnitt 5). Vielmehr erachtet die Bevölkerung die Bundes- wehr dann als wichtig, wenn sie sich durch Sicherheitsrisiken bedroht sieht, die einen konkreten Inlandsbezug aufweisen und dadurch – gefühlt – näher an den Bürgerinnen und Bürgern sind, wie z.B. das Coronavirus oder Naturkatastrophen (vgl. Abschnitt 13). Die Bevölkerung schätzt die Bundeswehr also vor allem dann, wenn sie sich durch „greif- bare“ Risiken an der „Heimatfront“ bedroht fühlt und weniger durch komplexe und abs- trakte außen- und sicherheitspolitische Herausforderungen, die einer Erklärung bedürfen. 36
5 Einstellungen zum außen- und sicherheitspolitischen Engagement Deutschlands Timo Graf Seit mehreren Jahren fordern hochrangige deutsche Politiker und Regierungsvertreter ein größeres Engagement Deutschlands in der Weltpolitik: Deutschland müsse mehr Verant- wortung für die Sicherheit und Stabilität in der Welt und in Europa übernehmen. Derar- tige Forderungen werden seit Langem von Bündnispartnern an Deutschland gestellt, bei- spielsweise von den USA oder Frankreich. Der Ruf nach mehr internationaler Verant- wortung im Allgemeinen und einem größeren militärischen Engagement im Besonderen kommt zu einer Zeit, in der sich die regelbasierte internationale Ordnung im Umbruch befindet. Einflussreiche Länder, allem voran China und Russland, verfolgen mit ihrer Außen-, Sicherheits- und Wirtschaftspolitik alternative Ordnungsentwürfe. Ganz konkret sehen sich Deutschland und die Europäische Union einer Vielzahl von si- cherheitspolitischen Herausforderungen gegenüber, wie der Zunahme von Cyberangrif- fen, der Ausbreitung fragiler Staatlichkeit und des transnationalen Terrorismus, irregulä- rer Migration nach Europa und zwischenstaatlichen Konflikten. Viele dieser Faktoren beeinflussen oder verstärken sich wechselseitig. Zum Schutz seiner nationalen Interessen, zur Erfüllung seiner Bündnisverpflichtungen und zur Stärkung der regelbasierten internationalen Ordnung engagiert sich Deutschland in der internationalen Politik mit einer aktiven Außen- und Sicherheitspolitik. Diese Po- litik basiert auf der Werteordnung des Grundgesetzes sowie den Bestimmungen des eu- ropäischen Rechts und des Völkerrechts (BMVg 2016a: 24). Im Rahmen des gesamtstaat- lichen Ansatzes zur Sicherheitsvorsorge hat die Bundeswehr unter anderem den Auftrag, die außen- und sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit Deutschlands zu gewährleisten, sicherheitspolitische Gefahren für Deutschland und seine Verbündeten abzuwehren so- wie Sicherheit und Stabilität im internationalen Rahmen zu fördern (BMVg 2016a: 90). Dieser Abschnitt widmet sich den Einstellungen in der Bevölkerung zu Deutschlands au- ßen- und sicherheitspolitischem Engagement. Was denken die Bürgerinnen und Bürger über Deutschlands Rolle in der Welt? Welche Mittel sollte Deutschland in der Außen- und Sicherheitspolitik einsetzen? Welche Rolle kommt dabei der Bundeswehr zu? An welchen Leitprinzipien sollte sich die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik orientie- ren? Wie steht die Bevölkerung zur parlamentarischen Kontrolle der Streitkräfte? Und in 37
welchem Umfang sollte sich Deutschland in den Vereinten Nationen engagieren? Neben diesen und weiteren Fragen zu Deutschlands Außen- und Sicherheitspolitik soll geklärt werden, in welchem Maße sich die außen- und sicherheitspolitischen Einstellungen zwi- schen verschiedenen soziodemografischen Gruppen unterscheiden. 5.1 Wahrgenommene Verantwortung Deutschlands auf internationaler Ebene Wie eingangs erwähnt, wird seit einigen Jahren verstärkt über die gestiegene internationale Verantwortung Deutschlands diskutiert. Auch die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland nehmen einen Zuwachs an internationaler Verantwortung wahr (vgl. Abbildung 5.1). Abbildung 5.1: Verantwortung Deutschlands auf internationaler Ebene im Zeitvergleich „Was meinen Sie? Hat die Verantwortung, die Deutschland auf internationaler Ebene zu tragen hat, in den letzten Jahren zugenommen oder abgenommen?“ (Angaben in Prozent, 2021: n = 2.037) 4949 2015 2017 2019 2021 44 2016 2018 2020 42 42 42 42 32 30 29 26 25 2424 23 21 21 20 20 20 14 8 6 6 5 4 4 4 3 3 3 3 3 3 2 1 1 1 1 1 0 0 Deutlich Eher Weder zu- noch Eher Deutlich Weiß nicht/ zugenommen zugenommen abgenommen abgenommen abgenommen k.A. Anmerkung: Nicht alle Prozentangaben ergeben in der Summe 100 Prozent, da die Einzelwerte gerundet wurden. Datenbasis: Bevölkerungsbefragungen des ZMSBw 2015–2021. 38
Eine Mehrheit von insgesamt 56 Prozent ist 2021 der Überzeugung, dass die Verantwor- tung Deutschlands auf internationaler Ebene in den letzten Jahren deutlich oder eher zu- genommen hat. Im Vergleich zum Vorjahr ist das jedoch ein Rückgang um 6 Prozent- punkte und seit 2017 bereits der vierte Rückgang in Folge. Seit 2015 hat sich der Anteil derjenigen, die eine deutliche Zunahme von Deutschlands internationaler Verantwortung wahrnehmen, mehr als halbiert. Etwas weniger als ein Drittel der Befragten (30 Prozent) nimmt aktuell keine Veränderung hinsichtlich Deutschlands Verantwortung in der Welt wahr. Dieser Anteil ist im Vergleich zum Vorjahr um 4 Prozentpunkte gestiegen. Der Anteil derjenigen, die der Auffassung sind, Deutschlands internationale Verantwortung habe eher abgenommen (6 Prozent; +2 Prozentpunkte) oder deutlich abgenommen (1 Pro- zent; keine Veränderung), hat sich im Vergleich zu 2020 kaum verändert. Leicht gestie- gen ist dagegen die Unsicherheit hinsichtlich Deutschlands internationaler Verantwor- tung, denn der Anteil der Bürgerinnen und Bürger, die keine Angabe machen wollten oder konnten, ist zum zweiten Mal in Folge gestiegen (8 Prozent; +2 Prozentpunkte). 5.2 Einstellung zum außenpolitischen Engagement Deutschlands Eine absolute Mehrheit von 53 Prozent der Befragten plädiert dafür, dass Deutschland eher eine aktive Außenpolitik verfolgen und bei der Bewältigung von Problemen, Krisen und Konflikten mithelfen sollte (vgl. Abbildung 5.2). Damit hat der öffentliche Zuspruch zu einer aktiven deutschen Außenpolitik im Vergleich zum Vorjahr etwas abgenommen (-5 Prozentpunkte). Betrachtet man den gesamten Zeitraum seit dem Jahr 2000, wird deut- lich, dass sich die Zustimmung zu einer aktiven deutschen Außenpolitik im Jahr 2021 noch immer auf einem hohen Niveau befindet. Wie bei der internationalen Verantwor- tung Deutschlands (vgl. Abbildung 5.1) zeigt sich auch für die Frage nach der grundsätz- lichen Ausrichtung der deutschen Außenpolitik, dass in diesem Jahr etwas mehr Befragte keine Antwort geben konnten oder wollten (9 Prozentpunkte; +3 Prozentpunkte). Mit 38 Prozent (+2 Prozentpunkte) sind etwas mehr Bürgerinnen und Bürger als im Vorjahr der Meinung, dass Deutschland sich eher aus Problemen, Krisen und Konflikten heraushalten sollte. Die Mehrheit der Deutschen befürwortet also eine aktive deutsche Außenpolitik. In der Einstellung zur Ausrichtung der deutschen Außenpolitik existieren zwischen den soziodemografischen Gruppen sowie den Wählergruppen statistisch signifikante Unter- schiede. Die Ergebnisse in Tabelle 5.1 zeigen, dass nur zwischen den Altersgruppen so- wie zwischen Befragten mit und ohne Migrationshintergrund keine statistisch signifikan- ten Einstellungsunterschiede bestehen. 39
Abbildung 5.2: Einstellung zum außenpolitischen Engagement Deutschlands im Zeitvergleich „Und wie sollte sich Deutschland in der internationalen Politik am ehesten verhalten? Sollte Deutschland … 1) eher bei der Bewältigung von Problemen, Krisen und Konflikten mithelfen oder 2) sich eher aus den Problemen, Krisen und Konflikten heraushalten?“ (Angaben in Prozent, 2021: n = 2.037) 100 90 80 43 43 43 42 43 45 45 52 54 49 51 53 70 59 59 57 59 58 66 63 60 50 40 48 45 54 52 49 47 46 30 43 38 47 45 50 34 39 38 36 20 27 38 34 10 9 10 12 9 2 2 5 6 8 8 7 7 6 0 1 4 3 3 4 4 2000 2001 2002 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 Antwortoption 1 Weiß nicht/k.A. Antwortoption 2 Anmerkungen: Nicht alle Prozentangaben ergeben 100 Prozent in der Summe, da die Einzelwerte gerundet wurden. Bis 2013 lautete die Formulierung der Antwortoptionen wie folgt: „1) eher eine aktive Politik verfolgen und bei der Bewältigung von Problemen, Krisen und Konflikten mithelfen oder; 2) sich eher auf die Bewältigung der eigenen Probleme konzentrie- ren und sich aus Problemen, Krisen und Konflikten anderer möglichst heraushalten?“. 2014 wurde die Formulierung der Antwortoptionen geändert: „1) eher eine aktive Politik verfolgen und bei der Bewältigung von Problemen, Krisen und Konflikten mithelfen oder; 2) eher eine passive Politik verfolgen und sich aus Problemen, Krisen und Konflikten anderer möglichst heraushalten?“. 2015 wurden beide Frageformulierungen abgefragt. Ein Vergleich dieser Daten zeigt, dass sich die Antwortverteilung zwischen alter und neuer Formulierung nicht signifikant unterscheidet. 2019 wurden erneut zwei Formulierungen verwendet: Die Frageformulierung der Antwortoption 2) wurde der Hälfte der Befragten mit dem Zusatz „… Konflikten anderer“ gestellt und der anderen Hälfte der Befragten ohne den Zusatz „anderer“ (Split-Half). Die Antwort- verteilung unterschied sich zwischen den Formulierungen nicht statistisch signifikant. Die Frage wurde 2003, 2004 und 2011 nicht erhoben. Datenbasis: Bevölkerungsbefragungen des ZMSBw 2000–2002, 2005–2010, 2012–2021. Ungeachtet der statistisch signifikanten Differenzen wird eine aktive deutsche Außenpo- litik aber von fast allen soziodemografischen Teilgruppen mehrheitlich unterstützt. Ein- zig die Anhänger der AfD sprechen sich mehrheitlich für eine passive Außenpolitik aus. Die Haltung der Bürgerinnen und Bürger in Ostdeutschland sowie der Nichtwähler lässt sich dagegen als ambivalent charakterisieren, da in diesen Gruppen nahezu gleich große Teile sowohl eine passive als auch eine aktive Außenpolitik befürworten. 40
Tabelle 5.1: Einstellung zum außenpolitischen Engagement Deutschlands in soziodemografischen Gruppen „Und wie sollte sich Deutschland in der internationalen Politik am ehesten verhalten? Sollte Deutschland … 1) eher bei der Bewältigung von Problemen, Krisen und Konflikten mithelfen oder 2) sich eher aus Problemen, Krisen und Konflikten heraushalten?“ (Angaben in Prozent) Aktiv Passiv Weiß nicht/k.A. Insgesamt 53 38 9 Geschlecht * Männer 57 37 6 Frauen 50 40 10 Alter n.s. 16 bis 29 Jahre 53 33 14 30 bis 49 Jahre 56 40 3 50 bis 69 Jahre 52 40 8 70 Jahre und älter 54 38 9 Bildungsniveau *** Hochschul- bzw. Fachhochschulreife 60 32 8 Realschulabschluss 53 41 6 Hauptschulabschluss 48 42 10 Haushaltsnettoeinkommen pro Monat * 4.001 Euro und mehr 57 34 10 2.001 bis 4.000 Euro 56 39 6 Bis 2.000 Euro 51 43 7 Wahlabsicht Bundestagswahl *** CDU/CSU 63 33 5 SPD 63 33 4 AfD 36 59 6 FDP 55 40 6 Die Linke 51 42 8 Bündnis 90/Die Grünen 59 36 5 Keine Parteipräferenz, Nichtwähler, w.n./k.A. 43 41 16 Region *** Norddeutschland (SH, HH, HB, NI) 58 36 6 Ostdeutschland (MV, BB, BE, ST, SN, TH) 48 47 5 Süddeutschland (BW, BY) 49 40 12 Westdeutschland (NW, RP, HE, SL) 58 34 9 Migrationshintergrund n.s. Ja 51 38 11 Nein 54 38 8 Anmerkungen: Nicht alle Prozentangaben ergeben in der Summe 100 Prozent, da die Einzelwerte gerundet wurden. Analyseverfahren: Chi²-Unabhängigkeits-Test, Signifikanzniveau: *** p < 0,001; ** p < 0,01; * p < 0,05; n.s. = nicht signi- fikant (p ≥ 0,05); Werte in Klammern: n ≤ 50. Datenbasis: Bevölkerungsbefragung des ZMSBw 2021. 41
Mehr Männer (57 Prozent) als Frauen (50 Prozent) sprechen sich für Deutschlands aktive Mithilfe bei der Lösung von internationalen Krisen und Konflikten aus. Ungeachtet des- sen unterstützt aber eine absolute Mehrheit der Frauen eine aktive Außenpolitik. Die Un- terstützung für eine aktive deutsche Außenpolitik steigt mit dem Bildungsniveau und dem Haushaltseinkommen der Befragten. Wie bereits erwähnt, sind auch zwischen den Wäh- lergruppen signifikante Einstellungsunterschiede festzustellen: Die Mithilfe Deutsch- lands bei der Lösung von internationalen Problemen, Konflikten und Krisen wird am stärksten von Anhängern der CDU/CSU und der SPD befürwortet (beide 63 Prozent), gefolgt von Anhängern der Grünen (59 Prozent). Einzig die Anhänger der AfD sind mehr- heitlich (59 Prozent) der Auffassung, dass sich Deutschland eher aus internationalen Problemen, Krisen und Konflikten heraushalten sollte. Im Vergleich der Regionen fällt auf, dass die Bürgerinnen und Bürger in Ostdeutschland eine aktive Außenpolitik weniger stark befürworten (48 Prozent) als jene in den anderen Regionen und für sich betrachtet eine ambivalente Haltung in der Frage aufweisen. 5.3 Einstellungen zu Mitteln der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik Gefragt nach den Mitteln, die Deutschland in der Außen- und Sicherheitspolitik einsetzen sollte, erhalten diplomatische Verhandlungen (84 Prozent; +3 Prozentpunkte im Ver- gleich zu 2020) die größte Zustimmung der Befragten (vgl. Abbildung 5.3). Die Mehrheit der Bevölkerung befürwortet zudem Rüstungskontrolle (72 Prozent; -1 Prozentpunkt), Entwicklungszusammenarbeit (70 Prozent; -1 Prozentpunkt), Wirtschaftssanktionen (61 Prozent; +4 Prozentpunkte) sowie Ausbildungseinsätze (60 Prozent; -4 Prozentpunkte) und Stabilisierungseinsätze der Bundeswehr (57 Prozent; -4 Prozentpunkte). Keine mehr- heitliche Unterstützung erfahren Polizeieinsätze im Ausland (35 Prozent; +1 Prozent- punkt), Kampfeinsätze der Bundeswehr (34 Prozent; +1 Prozentpunkt), Waffenlieferun- gen an befreundete Staaten (33 Prozent; +3 Prozentpunkte) sowie die Aufnahme von Flüchtlingen (31 Prozent; -5 Prozentpunkte). Die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger hat also eine klare Präferenz für den Einsatz „weicherer“ Mittel, während explizit gewaltsame Mittel eher auf Ablehnung stoßen. Vor diesem Hintergrund erfolgt auch eine klare Differenzierung mit Blick auf die Einsätze der Bundeswehr: Ausbildungs- und Stabilisierungseinsätze der Bundeswehr werden von einer absoluten Mehrheit befürwortet, nicht jedoch Kampfeinsätze. Die Streitkräfte wer- den also nicht prinzipiell als Mittel der deutschen Außenpolitik abgelehnt, sondern ledig- lich der Einsatz von Gewalt durch die Bundeswehr wird kritischer betrachtet. Diese Hal- tung ist seit Jahren stabil (Graf 2019c, 2021i: 8). Wie die Ergebnisse in Abschnitt 13 42
zeigen, hängt die öffentliche Meinung zum Einsatz von Waffengewalt durch die Bundes- wehr maßgeblich vom konkreten Einsatzzweck ab. Grundsätzlich akzeptiert aber eine absolute Mehrheit der Befragten den Einsatz von Waffengewalt durch die Bundeswehr als äußerstes Mittel zur Erfüllung des Einsatzzwecks – und zwar im gesamten Aufgaben- spektrum (vgl. Abschnitt 13). Ohne die Nennung eines konkreten Einsatzzwecks, wie in Abbildung 5.3, bleibt der Zuspruch zum Einsatz von Waffengewalt hingegen ambivalent. Abbildung 5.3: Mittel der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik „Und was meinen Sie, welche Mittel sollte Deutschland in der Außen- und Sicherheitspolitik einsetzen?“ (Angaben in Prozent, n = 2.037) Vgl. 2020 Diplomatische Verhandlungen 84 12 41 +3 Rüstungskontrolle 72 18 7 3 -1 Entwicklungshilfe 70 21 8 -1 Wirtschaftssanktionen 61 25 12 2 +4 Ausbildungseinsätze der Bundeswehr 60 26 13 2 -4 Stabilisierungseinsätze der Bundeswehr 57 27 14 2 -4 Polizeieinsätze im Ausland 35 27 37 1 +1 Kampfeinsätze der Bundeswehr 34 32 32 2 +1 Waffenlieferungen an befreundete Staaten 33 29 36 3 +3 Aufnahme von Flüchtlingen 31 34 36 1 -5 Zustimmung Teils/teils Ablehnung Weiß nicht/k.A. Anmerkungen: Nicht alle Prozentangaben ergeben in der Summe 100 Prozent, da die Einzelwerte gerundet wurden. Zustimmung: Anteile „Stimme völlig zu“ und „Stimme eher zu“ zusammengefasst; Ablehnung: Anteile „Lehne völlig ab“ und „Lehne eher ab“ zusammengefasst. Vgl. 2020: Differenz Zustimmung 2021 zu 2020. Datenbasis: Bevölkerungsbefragungen des ZMSBw 2020 und 2021. Die vorangegangene Analyse legt nahe, dass die Bürgerinnen und Bürger grundsätzlich zwischen „weichen“ und „harten“ Mitteln der Außen- und Sicherheitspolitik unterschei- den. Eine explorative Faktorenanalyse (Hauptkomponentenanalyse) zeigt, dass aus em- pirischer Sicht zwischen „bewaffneten“ und „unbewaffneten“ Mitteln zu unterscheiden ist (vgl. Tabelle 5.2). Der erste Faktor, den die Hauptkomponentenanalyse extrahiert, um- 43
fasst alle bewaffneten Mittel: die verschiedenen Einsätze der Bundeswehr, Polizeiein- sätze im Ausland und Waffenlieferungen an befreundete Staaten. Der zweite Faktor um- fasst alle Mittel, die ohne den (möglichen) Einsatz von Waffengewalt auskommen. Tabelle 5.2: Mittel der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik – Dimensionen Faktor I: Faktor II: „Bewaffnete“ Mittel „Unbewaffnete“ Mittel Kampfeinsätze der Bundeswehr 0,82 Polizeieinsätze im Ausland 0,74 Stabilisierungseinsätze der Bundeswehr 0,68 Waffenlieferungen an befreundete Staaten 0,62 Ausbildungseinsätze der Bundeswehr 0,61 Diplomatische Verhandlungen 0,72 Rüstungskontrolle 0,71 Entwicklungshilfe 0,69 Wirtschaftssanktionen 0,48 Aufnahme von Flüchtlingen 0,23 Eigenwert 3,3 1,7 Erklärte Varianz (%) 30 15 Anmerkungen: Analyseverfahren: Explorative Faktorenanalyse (Hauptkomponentenanalyse mit Varimax-Rotation). Sig- nifikanz nach Bartlett p = 0,000; Anti-Image KMO (Kaiser-Meyer-Olkin-Kriterium) = 0,81. Datenbasis: Bevölkerungsbefragung des ZMSBw 2021. Nachfolgend soll geklärt werden, ob es zwischen den soziodemografischen Gruppen in der deutschen Bevölkerung sowie den Wählergruppen signifikante Unterschiede in der Einstellung zum Einsatz von bewaffneten und unbewaffneten Mitteln in der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik gibt. Um die soziodemografischen Gruppen besser mit- einander vergleichen zu können, wurden aus den einzelnen Items entsprechend der in 14 Tabelle 5.2 dargestellten Dimensionen zwei Indexvariablen berechnet. Beide Variablen haben einen Wertebereich von 0 (Ablehnung) bis 1 (Zustimmung). Ein Mittelwert von 0,5 repräsentiert eine ambivalente Meinung zum Einsatz der jeweiligen Mittel. 14 Die beiden Indexvariablen „bewaffnete“ Mittel (Cronbachs alpha = 0,78) und „unbewaffnete“ Mittel (Cronbachs alpha = 0,59) weisen eine annehmbare bis gute Skalenreliabilität auf, was deren Bildung empirisch rechtfertigt. 44