Leitfaden für die Migration von Software

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3.10 Exkurs: Erfahrungsbericht der Landeshaupstadt München — Projekt LiMux                                     53 3.10         Exkurs: Erfahrungsbericht der Landeshaupstadt München — Projekt LiMux 3.10.1      Historie und Ziele des Projekts LiMux Die Landeshauptstadt München vollzieht bis 2013 einen umfassenden              !T-Migrationsprozess®, Es gilt, alle rund   15.000   PC-Arbeitsplätze  auf eine Open     Source   basierte, standardisierte  und  konsolidierte Lösung umzustellen. Der im Jahr 2003 durch den Münchner Stadtrat eingeschlagene Weg stützt sich auf drei grundsätzliche Entscheidungen: 1. ein freies und quelloffenes Betriebssystem    inkl. einer Bürokommunikation,     basierend auf offenen Standards für alle Arbeitsplatz-PCs, 2, die Maßgabe, künftig alle Fachverfahren plattformoffen zu beschaffen oder zu entwickeln, 3. eine standardisierte IT Plattform mit konsolidierten Anwendungen und Datenbeständen. Im Frühsommer 2004 wurde der Startschuss für die konkrete Migration mit folgenden Zielen gegeben: 1. Durchführung    der Migration der weit überwiegenden      Anzahl der PC-Arbeitsplätze auf den stadt- weit einheitlichen LiMux Client Bevorzugt werden dabei herstellerunabhängige und von einem bestimmten Betriebssystem und Office-Produkt unabhängige Lösungen 2. Migration der Fachverfahren auf webbasierte Lösungen bzw. auf native Linux-Lösungen, um für zukünftige Migrationen gerüstet zu sein 3. Konsolidierung und ggf. Migration der PC-Standard-Anwendungen auf ein vernünftiges Maß, d.h. eine Software für eine Funktion 4. Konsolidierung und Migration von MS-Office Makros, Vorlagen und Formularen,             die im Lauf der Jahre in einer Vielzahl unkoordiniert und unkontrolliert entstanden waren 5. Einführung von Systemmanagement-Lösungen für den Basisclient, wie z.B. einer stadtweiten Soft- wareverteilung und eines einheitlichen Anmeldedienstes Als Ergebnis der Migration sollen die aus der Historie bestehenden Abhängigkeiten von proprietären Produkten zunehmend aufgelöst werden und die Software- und Architekturauswahl langfristig die ge- wünschte Flexibilität gewinnen. Die Verwendung aufeinander abgestimmter Produkte eines Herstellers bietet in der Regel zwar den Komfort, dass Funktionen gemeinsam genutzt werden oder (proprietä- re) Dateiformate durchgängig verwendet werden können. Andererseits wird damit die Ablösung dieser Produkte deutlich erschwert und weitere Produkte des selben Herstellers präjudiziert. Dadurch werden vermeidbare Kosten und Abhängigkeiten erzeugt. Letztlich führt dies zu einer deutlich eingeschränk- ten Freiheit bei der Auswahl geeigneter IT-Systeme in der eigenen Organisation. Das Projekt LiMux gilt zudem als „Blaupause“ für die Projektkultur zukünftiger IT Projekte. 3.10.2       Projektinhalt/Projektgegenstand In einer Vorstudie wurden in den Jahren 2002 und 2003 besonders die technische und organisatorische Ausgangssituation geklärt. 30 Siehe http://www.muenchen.de/Rathaus/dir/limux/index.html
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3.10 Exkurs: Erfahrungsbericht der Landeshaupstadt München — Projekt LiMux                                      55 pe des Kernteams LiMux ist das zentrale Steuerungs- und Koordinationsorgan. Auf der Arbeitsebene sind zahlreiche Arbeitsgemeinschaften im Einsatz (AG LiMux Client, AG Office, AG Testmanagement, Kommunikationsmanager Netzwerk). Mitglied in den AGs sind die zuständigen Technikmanager aus den 22 Migrationsbereichen. Ein Change Advisory Board (CAB) regelte die Abstimmung im Change- Releasemanagement zwischen den betroffenen Bereichen solange bis zur Einführung eines systemati- schen und ticketbasierten Anforderungs- und Releasemanagements. Diese rollenbasierten Einheiten werden über eine klare Regelkommunikation gesteuert: Im zwei- monatig tagenden Lenkungskreis wird über den Projektfortschritt berichtet, Jahres- und Zwischenziele vereinbart und gravierende Probleme einer Lösung zugeführt. In den Sitzungen der erweiterten Projekt- gruppe werden alle technischen und organisatorischen Themen aus einer operativen Sicht entschieden. Alle anderen Meetings und AGs dienen dem Informationsaustausch und der konkreten Problemlösung. 3.10.4       Projektorganisation Das LiMux Projektteam besteht aus einem Kernteam und einem erweiterten Projektteam. Das Kernteam umfasst    insgesamt  rund 25 Personen,    die an der Entwicklung    und  Bereitstellung des    LiMux    Clients, dem Support für OpenOffice inkl. Umstellung von Formularen und Makros, sowie an der Weiterent- wicklung und dem Support des WollMux arbeiten. Das Kernteam setzt sich organisatorisch aus den Fachgruppen Anforderungsmanagement, Entwicklung, Office-WollMux, erweitertes Office Supportzen- trum, Migrationsunterstützung, Testmanagement, Releasemanagement            / Architektur sowie Veränderung & Kommunikation zusammen. Eine Projektleitung und das Projektbüro steuern das Kernteam. Das erweiterte Projektteam setzt sich aus vielen Kolleginnen und Kollegen aus den Migrationsbereichen zusammen, die dort die Anforderungen stellen, die Migration verantworten und die Anwender täglich unterstützen. Über die gesamte Projektlaufzeit wurde und wird das Projekt LiMux von einer Reihe von externen Part- nern unterstützt. Hierzu gehören Credativ GmbH, DBI Klarl & Schuler GmbH, Gonicus GmbH, IABG mbH, IBM Deutschland, Unilog (heute Logica Deutschland). Dadurch wurde und wird nicht nur eine gleichbleibende hohe Expertise gesichert, sondern auch der Wirtschaftsstandort München gestärkt. 3.10.5       Projektmethodik In der Projektvorbereitungsphase fiel die Entscheidung für den Einsatz eines klassischen meilensteinba- sierten Projektmanagements. Dieses wird bis heute praktiziert. Im Laufe des Projekts wurden allerdings Änderungen an Projektstruktur und -methodik vorgenommen. So wurden inhärente Projektaufgaben wie Anforderungs-,     Release- und Testmanagement       in eigenständige Rollen und Teams         ausgelagert. Auch wurde der Fokus auf die Akzeptanz und Zufriedenheit der IT Betreuer und Endanwender durch ein eigenständiges Veränderungsmanagement gestärkt. Auch das Vorgehen in der Entwicklung wurde geändert. Heute kommt hier Agiles Programmieren (angelehnt an die SCRUM-Methodik) zum Einsatz. Eine bewährte Konstante blieb eine flexible und in sich konsistente Regelkommunikation über alle Hier- archiebenen hinweg. 3.10.6       Projektvorgehen In dem    Projekt wurde   und  wird ein bedarfsorientierter  und  evolutionärer Ansatz    anstelle   eines   sog. „Big Bang“ verfolgt. In diesem Sinne wurde der Wechsel des Betriebssystems und der Wechsel des Officeprodukts mittels des Konzepts einer Softmigration entkoppelt. Zudem wurde in allen Migrationsbe- reichen zur Pilotierung der Migration eine so genannte „Keimzelle“ mit ca. 50 Rechnern installiert. Eine serielle Migration schließlich ermöglichte es den Projektteams, eine an den Bedürfnissen der Referate ausgerichtete Umstellung zu ermöglichen. Vor allem in den großen und komplexeren Bereichen der Stadtverwaltung bot es sich an, im Rahmen einer „Softmigration“ nicht gleichzeitig auf den LiMux Client und OpenOffice.org umzustellen, sondern
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Kapitel 4 Migrationsgebiete Der Migrationsleitfaden beleuchtet verschiedene Software-Gattungen, die bei Migrationsvorhaben von Bundesbehörden regelmäßig berührt werden. Insbesondere soll er dort Hilfestellungen leisten, wo we- sentliche Standards und zentrale Komponenten betroffen sind. Die Software-Gattungen       werden     in unterschiedlicher        Detailtiefe beleuchtet.     Es wird stets dargestellt, wie die Migration vorzubereiten und durchzuführen                ist. Bei der Mehrzahl der Gebiete ist zudem                     ein Produktvergleich   nebst Empfehlungen           enthalten.   Die übrigen      Gebiete werden      voraussichtlich       in einer späteren Version des Migrationsleitfadens um Produktvergleiche und Empfehlungen erweitert. 4.1       Übersicht In Anlehnung an das technische Modell der Rahmenarchitektur IT-Steuerung Bund'                           werden die The- mengebiete wie in Abbildung 4.1 dargestellt in verschiedene Bereiche unterteilt. Personal                                  Dokumenten          Web   Content Web-Browser         Information          Office-Suiten        Management           Management        u25 |-:Äiteha:)drienr Manager                                      Systeme             Systeme                              9 Desktop und unterstützende Systeme Authentisierungs-                                     Virtualisierung                ; System-                         .                                                    .             Client- Überwachung          und ngrzemh-                Groupware                  und Termu—            Management nisdienste                                          naldienste Infrastruktur Abbildung 4.1: Migrationsthemen Die Infrastruktur bildet den Grundstock eines IT-Systems, auf dem Dienste und Anwendungen aufbau- en. Solche Dienste und Anwendungen mit allgemeinem, ressortübergreifenden Charakter werden im ' Siehe (Rat09)
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4.1 Übersicht                                                                                                59 Abgestufte Ergebniswerte erweitern eine solche Prüfung, indem sie die Eigenschaft in ihrer Ausprägung bewerten. Die Skalenbreite wird in Tabelle 4.2 dargestellt: Tabelle 4.2: Skala für abstufende Bewertungen Zeichen          Bedeutung ++           sehr gut/wird vollständig unterstützt +           gut/wird gut unterstützt 0            befriedigend/ wird im Wesentlichen unterstützt -           schlecht/wird kaum unterstützt -            sehr schlecht/wird gar nicht unterstützt 4.1.3     Bewertungsmethode Die alternativen Produkte eines Migrationsthemas werden auf die Erfüllung der jeweils aufgestellten Kriterien hin geprüft. Da die Kriterien eines Migrationsthemas regelmäßig technischer Natur sind und beispielsweise die Einhaltung offener Standards oder die Verarbeitung bestimmter Dateiformate betref- fen, wird meist die binäre Bewertungsskala verwendet. Für die Darstellung unterschiedlicher Qualitäten bei der Erfüllung eines Kriteriums kommt die abgestufte Skala zur Anwendung. Hierbei wird bei unter- schiedlicher Bewertung im Text auf die konkrete Über- oder Untererfüllung hingewiesen. Einem spezifischen Migrationsvorhaben steht es frei, über die hier enthaltenen Bewertungen hinaus wei- tere domänenspezifische Aspekte (s.u.)) hinzuzuziehen oder die Ergebnisse mit einer Nutzwertanalyse® anzureichern. 4.1.4      Domänen-Spezifika Praktisch jedes      Migrationsthema     hat Aspekte,    die für Migrationsentscheidungen  einzelner Behörden oder Abteilungen relevant sind, jedoch keine Allgemeingültigkeit aufweisen oder sich zumindest in der Relevanz deutlich unterscheiden. Solche Domänen-Spezifika sind in den Bewertungen des Migrations- leitfadens daher nicht enthalten, sollten aber bei der Bewertung einer konkreten Migration berücksichtigt werden. Sind die Domänen-Spezifika bereits in der Wirtschaftlichkeitsbetrachtung enthalten, ist kein wei- terer Handlungsbedarf geboten. Andernfalls sollte die im Migrationsleitfaden befindliche Bewertungsta- belle um die spezifischen Kriterien erweitert, deren jeweilige Bewertung eingetragen und die Gewichtung über alle Kriterien/-gruppen hinweg angepasst werden. 3 Siehe beispielsweise (Zan76)
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4.2 Infrastruktur                                                                                              61 Sämtliche Linux-Distributionen und die Server-Betriebssysteme von Windows enthalten einen Standard- konformen DHCP-Server. Die Funktionalität eines DHCP-Clients ist bei Windows, Linux und Mac OS X ein Bestandteil des Betriebssystems. Aufgrund des offenen Standards sind die DHCP-Dienste und - Clients unter Windows, Mac OS und Linux vollständig kompatibel. Bei der Umstellung des gegenwärtig noch eingesetzten IPv4 auf das künftige IPv6 gilt es zu beachten, dass die Verfolgbarkeit des einzelnen Anwenders durch die dauerhafte Vergabe eindeutiger IP-Adressen möglich wird. Dies ist aus Gründen das Datenschutzes nicht hinnehmbar. Bei der Konfiguration der End- geräte muss daher darauf geachtet werden, dass die dafür vorgesehenen Privacy Extensions for State- less Address Autoconfiguration in IPv6* ggf. aktiviert werden.       Dies ist für alle untersuchten  Plattformen und auch für die meisten Mobil-Plattformen möglich®. 4.2.1.2     Namensauflösung Damit Netzwerk-Ressourcen nicht über Zahlenreihen, sondern über einen Namen angesprochen wer- den können, muss der numerischen Adresse ein Name zugeordnet und die Zuordnung abgefragt werden können (Namensauflösung). Diese Aufgaben übernimmt das Domain Name System (DNS), ein weltweit verteilter hierarchischer Verzeichnisdienst, der den Namensraum           des Internets und ggf. des eigenen Intranets verwaltet. Die Namensauflösung innerhalb eines Behördennetzes wird über im Intranet befind- liche DNS-Server konfiguriert. Ggf. darüber hinaus gehende Anfragen reicht der interne DNS-Server an das weltweite DNS weiter. Die Adressen der internen DNS-Server werden üblicherweise per DHCP verteilt und stehen damit allen Netzwerk-Ressourcen des Intranets für die Namensauflösung zur Verfügung (s.o.). Analog zu DHCP ist die Funktionalität für DNS-Abfragen ein Bestandteil aktueller Betriebssysteme. Sämtliche Linux- Distributionen sowie die Server-Betriebssysteme von Windows enthalten einen Standard-konformen DNS-Server, der zur Intranet-Namensauflösung genutzt werden kann. 4.2.1.3     Dateiablage Für die Ablage von Dateien im Intranet und für den gemeinsamen              Zugriff darauf wird ein Fileserver benötigt,   mit dem   über bestimmte    Protokolle kommuniziert wird. Der heute verbreitetste Standard        für solche Zugriffe ist das von Microsoft entwickelte und inzwischen offengelegte Common                Internet File System     (CIFS), das frühere Server Message       Block Protokoll (SMB).    Microsoft bietet diese Möglichkeit als „Windows Server File Services“ an, unter Linux kann das OSS-Projekt SAMBA® für die Bereitstellung entsprechender Dienste genutzt werden. Client-seitig verfügen alle betrachteten Betriebssysteme über Funktionalitäten zum Zugriff auf Dateiablagen über CIFS/SMB. Die reine Dateiablage bietet keine Funktionalität zur Versionierung einzelner Dateien oder zum           Schutz vor gegenseitigem UÜberschreiben oder Löschen. Hierfür müssen ggf. weitere Dienste wie eine Versi- onsverwaltung oder sonstige Kollaborations-Lösungen eingesetzt werden. 4.2.1.4     Druckdienste Professionelle Drucker verfügen über eine Netzwerk-Schnittstelle, über die sie im Intranet genutzt wer- den können. Solche Drucker agieren selbst als Druck-Server und können regelmäßig über verschiedene Protokolle wie Internet Printing Protokoll (IPP), Common Unix Printing System (CUPS) und Line Prin- ter Daemon Protocol (LPDP) angesprochen werden. Moderne GClients verfügen auf allen betrachteten Plattformen über die Funktionalität, um Netzwerk-Drucker über die 0.g. Protokolle nutzen zu können. Drucker ohne     eingebauten    Druck-Server   können   über einen   angeschlossenen      Rechner  ebenfalls  im Netzwerk bereitgestellt werden; allerdings muss hierzu ein Druck-Server auf diesem Rechner installiert und der Drucker für die Verwendung im Netzwerk freigegeben werden. Microsoft bietet diese Möglichkeit 4 Siehe http://tools.ietf.org/html/rfc4941 5 Siehe http: //heise.de/-1204783 S http://www.samba.org
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62                                                                                             4 Migrationsgebiete als „Windows      Server  Print Services“ als Teil des CIFS    an, unter Linux kann wie für die Dateiablage SAMBA für die Bereitstellung entsprechender Dienste genutzt werden. 4.2.1.5     Komplettlösungen      und Distributionen Komplettlösungen für die Infrastruktur werden       in verschiedener Form angeboten. Allen gemeinsam            ist, dass sie die oben genannten Low-Level-Dienste vollständig unterstützen. Sie unterscheiden sich aller- dings in der Unterstützung der nachfolgend detaillierter beschriebenen          Dienste (siehe dort) und auch bei den Lizenzmodellen. 4.2.1.5.1     Microsoft Server 2008 R2 Microsoft Server 2008 R2 wird auf der Basis traditioneller Software-Lizenzen in verschiedenen Editionen mit unterschiedlichen Merkmalen und Preisen angeboten. Eine optimale Versorgung mit den tatsächlich für den jeweiligen Behördenbetrieb benötigten Lizenzen ist aufgrund deren Vielfalt und unterschiedli- cher Abhängigkeiten nicht trivial” und sollte ggf. über entsprechend geschultes Personal oder externe Dienstleister bezogen werden. Der Quellcode der einzelnen Komponenten             ist nicht offengelegt, es han- delt sich durchweg um proprietäre Software (siehe 2.7). Microsoft unterstützt die einzelnen Versionen seiner Server-Distribution regelmäßig über mehrere Jahre hinweg. Gegen zusätzliche Kosten ist auch ein erweiterter Support über das allgemeine Unterstützungsende hinaus möglich. 4.2.1.5.2     Linux-Distributionen Alternativ dazu existieren verschiedene       Anbieter sogenannter    Enterprise  Editionen auf der Basis von Linux, beispielsweise !    Debian GNU/Linux, !    Red Hat mit dem Red Hat Enterprise Linux (RHEL), {    Novell mit dem Suse Linux Enterprise Server (SLES), !     Canonical mit der Ubuntu Long Term Edition (Ubuntu LTE) und !    Univention mit dem Univention Corporate Server (UCS). Diesen Linux-Distributionen ist gemeinsam, dass die jeweilige (Server-)Version über einige Jahre hin- weg supported wird und die Software im Quellcode frei verfügbar, also Open-Source-Software ist. Ei- nige der Distributionen können über ein Abonnement-Modell mit einfach gestalteten Lizenzen bezogen werden. Über solche Abonnements erhält der Käufer die Distribution in einer unmittelbar installierba- ren Binärform, Zugriff auf technische Unterstützung und je nach Abonnement weitere Leistungen wie Rechtsschutz gegenüber Software-Patenten (Legal Assurance). 7 Siehe http://www.microsoft. com/germany/windowsserver2008/r2-1lizenzierung.mspx
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