bravo-nr-21-1995-indizierung-e4532
Dieses Dokument ist Teil der Anfrage „BRAVO Jugendmagazin“
-8- Antwort: "Wir haben auch neue Stellungen ausprobiert. Von hinten und 69." Verhütung wird lakonisch der Freundin überantwortet: "Silke nahm die Pille". Unterstellen wir, daß diese Antworten nicht "getürkt" sind,. so präsentiert sich hier ein ziemlich "ausgekochter" ‚Jungliebhaber, der für sein Alter schon eine Sprache wählt, die Liebe zur Sexualität und intime Freundschaft zum geschäftsmäßigen Verkehren verkommen läßt; Respekt ist da ‚offenbar kaum im Spiel. Die Komposition von Bild und Text bricht auseinander, der Text ist für jugendliche Leser irritierend, unzutteffend, nicht- authentisch, eine Aufklärungsfunktion kann man ihm nicht zumessen. . Der kritische Vorbehalt kann zusammengefaßt werden: Es wird kein Beitrag zur sexuellen Aufklärung geleistet, die personale Dimension der Pubertät wird nicht ernsthaft empfunden, das Gefühlsreservoir scheint verarmt; Sprache und Inhalt können ohne einen Kommentar oder eine einschränkende Frageform nicht für sich stehen bleiben. Mit dem zweiten Teil des Reports, der weiblichen Jugendlichen, hatten die Redakteure des Blattes offenbar erhebliche Legitimierungsschwierigkeiten. Die abgebildete 13jährige ist zwar körperlich voll entwickelt, aber daß hier ein Auseinanderbrechen von körperlicher Entwicklung und geistig-seelischer Befindlichkeit im Sinne des Akzelerationsphänomens vorliegt, kann damit übersprungen werden, daß wiederholt auf die Zustimmung der Eltern abgehoben wird, und zudem nachdrücklich das offenbar christliche Elternhaus (Mutter Diakonin, Vater Religionslehrer) herhalten muß. Zunächst also eine scheinbare Salvierung für eine Veröffentlichung, die auch bei den Blattmachern vermutlich nicht als. "normal" angesehen wird. Hier wie dort finden sich in etwa gleiche Fragen und ähnliche Antworten; bei dem hier vorgestellten Kind/Jugendlichen scheinen sie eher "kindgemäß"; das meint, eher experimentierend als wissend, eher neugierig als erfahren, eher suchend als bereits kundig. Das könnte man in dieser vereinfachten Umschrift noch hinnehmen, aber sogleich muß man _ doch fragen, ob man Jugendliche und Kinder in dieser Zudringlichkeit befragen und mit derartigen Antworten konfrontieren soll. Aufklärung gewiß ja, aber nicht Verletzung der ‚Privatheit, auch nicht die von Jugendlichen, selbst wenn sie formell ihre Zustimmung zur Veröffentlichung gegeben haben. Nicht alles, was gesagt werden kann, muß auch gesagt werden. Die Erfahrung mit der körperlichen Entwicklung nimmt im Textbeitrag zur weiblichen Jugendlichen einen größeren Raum ein. Aber auch hier die direkten Fragen, ob das Mädchen onaniert, ob sie darüber mit Freunden spricht. Zum Schluß wirkt das Kind dann doch noch natürlich, wenn es auf die Frage nach "verrückten Sachen", die es machen könnte,
-9- antwortet: "Von meinem Honorar möchte ich z.B. Bungee- oder Fallschirm-Springen 1. — . probieren. Ich mach' gern verrückte Sachen, die andere aufregen." ‚Zusammenfassende Bewertung Die hier vorgestellten Jugendlichen entsprechen nicht dem durchschnittlichen Abbild Jugendlicher, wie sie die ‚Jugendkunde, (vgl. Baacke, Hurrelmann, Melzer, Knoll) ermittelt hat. Wer findet sich, aufgrund welcher Anreize, aus welchem Milieu und welchen Absichten für eine BRAVO- -Veröffentlichung von Photo und dazugehörigem Frage- Antwort-"Spiel" bereit. Dabei kann nur eine schiefe Realitätssimulation zustandekommen. Die hier vorgestellten Jugendlichen kommen vermutlich aus’den Randzonen jugendlicher Gesellung und Gesittung. . Die vorgestellten Jugendlichen sind aufgrund ihrer untypischen Verhaltensweisen und Äußerungen wohl kaum geeignet, beispielgebend zu wirken. Eher muß davor gewarnt werden, diese Ansicht als die Durchschnittlichkeit jugendlichen Verhaltens anzunehmen. . Die Kompösition von Bild und Text versucht, Vertrautheit und Nähe herzustellen, nach dem Motto: "So wie der/die ... kann ich auch sein ... (oder gar) will ich auch sein." Natürlich weiß man aus der Wirkungsforschung - auch im Bereich von Sexualität und Pornographie - daß Beeinflussungsvorgänge nicht monokausal ablaufen, aber gleichzeitig wissen wir aus dem amerikanischen Beispiel des Kinsey-Reports, daß man sich Vorbildern anschließt, wenn sie in ihrer Durchschnittlichkeit gleichsam Normalität suggerieren. Nach: dem Motto: "Die statistischen Auszeichnungen sind auch die eigenen" (dazu natürlich auch: Tabellen über erste Kohabitationen, die gleichsam als Befolgungszwang interpretiert . werden können). . Im Fall der weiblichen Jugendlichen wird die sexuelle Verfrühung offenbar als Gradmesser allgemeiner Verhaltensnorm ausgewiesen. Gegen eine verfrühte sexuelle Erfahrung, für die | emotionale Bewältigungsstrategien bei Jugendlichen noch nicht entwickelt sind, wendet ‚sich übrigens das gleiche Jugendperiodikum wenig später. Frage: Ob da möglicherweise ein Zusammenhang besteht? Zu jung für sex? BRAVO, Nr. 24, 8. Juni 1995, S. 29: "Du bist noch ein Kind.und zwar bis zu Deinem 14. Geburtstag und darfst noch keine sexuellen Kontakte oder gar Geschlechtsverkehr haben...Ich bin der Meinung, daß 12jährige Mädchen noch in keinster Weise die körperliche und vor allem psychische Reife haben, um sexuelle Erfahrungen zu machen." Diesen Text hätte man sich in Nr. 21 wohl gewünscht!
5. -10 - Die Sprache Jugendlicher bietet sich in einer Form dar, die vielleicht noch für die Vorgänger-Generation und deren sprachliche Muster gültig gewesen sein mag, heute sind . die Artikulationsebenen von der sexuellen Direktheit weiter entfernt; gewiß ist dies in den unterschiedlichen Milieus auch different. Eher legt sich gelegentlich die Vermutung nahe, . daß hier eine Sprache präsent ist, von der man wünscht, daß sie so allgemein gesprochen würde.'” Also wiederum unser Hinweis auf die untypische Auswahl der hier proträtierten Jugendlichen. , Man kann natürlich an eine kommerzielle Jugendzeitschrift nicht den Anspruch stellen, den etwa schulische oder familiale Aufklärung in sich tragen sollte. Allerdings sollte man hier, entgegen früher geglückten Versuchen von BRAVO, sehen, daß Aufklärung so nicht geleistet wird. Der Report hält sich ganz im Vordergrund auf, Menschen werden nur nach ihrem äußeren Ansehen wahrgenommen. Die Wunsch"kandidaten" sind jeweils austauschbar markig, mutig, kantig oder vorzeigbar. Sexualaufklärung muß nicht dozierend und belehrend verfahren, sie soll durchaus versuchen, jugendliche Aufmerksamkeit durch narrative Formen auf sich zu ziehen, muß aber auch bei einer derartigen Gestaltung Dimensionen von erotischer und sexueller Lebensgestaltung erfahrbar zu machen, die’sind hier völlig ausgeblendet. . Informationen über das tatsächliche Geschehen in der Pubertät können aus diesen beiden Berichten nicht abgelesen werden. Es wird nicht mitgeteilt, scheint auch nicht durch, was wesentliche Dimensionen erster Liebeserfahrung im Umgang mit anderen Menschen des gleichen oder des anderen Geschlechts sind und was sie für die Selbstbildung bedeuten und ausmachen. In den Eigenporträts wird das Gegenüber als geschönt, als aesthetisch erwartet; der Mensch in seiner Personalität, auch noch im Respekt vor seinen Unzulänglichkeiten, bleibt hier völlig unberücksichtigt. Daß Pubertät ein Prozeß der körperlichen und emotionalen Reife ist, wird hier gar nicht erfahrbar. Für "unerfahrene Jugendliche" muß die Reportage ausgesprochen desillusionierend, funktionalistisch anmuten. Und auch der funktionalistische Aspekt bleibt weithin dunkel. Was soll ein 12jähriger Junge, ein 12jähriges Mädchen mit Andeutungen wie "Missionarsstellung", 69er usw. eigentlich Zur Idiomatik der jugendlichen Sprache im Sexualbereich erinnere ich an die Versuche zur Veranstaltung von Aufklärung in der Umgangssprache durch E. Jäggi, in der Jugendzeitschrift "ran", die auch bei Jugendlichen keine Akzeptanz gefunden haben. Ähnliches könnte durch den Hinweis auf eine Aufklärungsserie in der Schülerzeitschrift "Herzflimmern" belegt werden, wie auch durch Let's talk; die feuilletonistische Aufklärung wählt mit besonderer Präferenz Umgangssprache als ein entsprechendes Gestaltungsmittel; das gilt etwa gegen Ernest Bornemann gewendet. RT.
-11- anfangen? Restlose Verstörung und Verwirrung dürfte in der Mehrzahl der Kinder zurückbleiben, 8. Es sollte des weiteren bedacht sein, daß hier private und intime, eigentlich nicht veröffentlichbare Mitteilungen ausgebreitet werden. Ich wundere mich über den . mangelnden Respekt vor jugendlichen Intimitäten, die sie vielleicht nur. mit einem Freund. oder einer Freundin austauschen wollen. Soll durch die "Anwerbung" weiterer Gesprächsdarsteller die Nacktheit und Enteignung des Privaten zu einem höheren Postulat erhoben werden? 9. Was in der Zusammensicht m.E. am schwersten wiegt, ist der Verzicht auf Mitmenschlichkeit - Zuneigung und Partnerschaft - und der fehlende Respekt vor dem personalen Werden und Entwickeln junger Menschen, die eine derartige Veröffentlichung ihrer innersten Sehnsüchte und Realitäten wohl gar nicht erwarten. Nicht, daß wir uns hier auf eine nicht wiederherzustellende Einvernehmlichkeit christlicher Moralvorstellungen beziehen wollten, nur sollten auch die im Grundgesetz enthaltenen Normen, die einem gesellschaftlichen Minimalkonsens durchaus entsprechen, eingehalten werden. Die Grundrechte enthalten durchaus auch eine normative Kraft des menschlichen Miteinanders, Würde und Respekt sind dabei vorrangige Begriffe, die in der Serie gewiß nicht eingelöst werden. Wenn solchermaßen sozialethische Orientierung nicht mehr geleistet werden will und nurmehr sozialethische Desorientierung veranlaßt wird, kann ein positives Votum für diesen Report nicht ausgesprochen werden. Empfehlung Ich empfehle daher der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften, das Heft 21 der Jugendzeitschrift "BRAVO" gem GjS Art. 1 zu indizieren. Pa