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Dieses Dokument ist Teil der Anfrage „Gutachten des Sachverständigenrats für Verbraucherfragen

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108   2021 GUTACHTEN ZUR LAGE DER V
                                  ­ ERBRAUCHERINNEN UND VERBRAUCHER




        Zusammensetzung der Fokusgruppen

        Gruppe 1:   Verbraucherinnen und Verbraucher mittleren Alters (30- bis 60-Jährige) aus einer
                    süddeutschen Großstadt (Stuttgart, Baden-Württemberg)

                    •   durchgeführt am 13.11.2019 in Stuttgart
                    •   5 Männer, 5 Frauen
                    •   33 bis 57 Jahre alt (Ø 46,5 Jahre)


        Gruppe 2:   Verbraucherinnen und Verbraucher mit niedrigem Bildungsniveau (max. Volks-/Hauptschul­
                    abschluss) aus einem süddeutschen, städtischen Kreis (Odenwaldkreis, Hessen)

                    •   durchgeführt am 27.11.19 in Michelstadt
                    •   6 Männer, 3 Frauen
                    •   18 bis 66 Jahre alt (Ø 39,8 Jahre)


        Gruppe 3:   Junge Verbraucherinnen und Verbraucher (17- bis 18-Jährige), Abiturientinnen und
                    Abiturienten, aus einem ostdeutschen, dünn besiedelten ländlichen Kreis (Kreis
                    Ludwigslust-Parchim, Mecklenburg-Vorpommern)

                    •   durchgeführt am 16.01.2020 in Parchim
                    •   6 Männer, 3 Frauen
                    •   8 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind 18 Jahre alt, ein Teilnehmer 17 Jahre


        Gruppe 4:   Ältere Verbraucherinnen und Verbraucher (über 70-Jährige) aus einem süddeutschen,
                    dünn besiedelten ländlichen Kreis (Rhein-Hunsrück-Kreis, Rheinland-Pfalz)

                    •   durchgeführt am 29.11.2019 in Simmern
                    •   5 Männer, 6 Frauen
                    •   73 bis 92 Jahre alt (Ø 80,5 Jahre)


        Gruppe 5:   Verbraucherinnen und Verbraucher mit Migrationshintergrund aus Staaten der ehemaligen
                    Sowjetunion, einschließlich „Russlanddeutsche“, aus einem norddeutschen, dünn
                    besiedelten ländlichen Kreis (Kreis Grafschaft Bentheim, Niedersachsen)

                    •   durchgeführt am 27.11.19 in Nordhorn
                    •   6 Frauen, 4 Männer
                    •   28 bis 54 Jahre alt (Ø 38 Jahre)
                    •   Diskussion wurde auf Russisch durchgeführt


        Gruppe 6:   Verbraucherinnen und Verbraucher mit vietnamesischem Migrationshintergrund aus einer
                    ostdeutschen Großstadt (Erfurt, Thüringen)

                    •   durchgeführt am 28.11.19 in Erfurt
                    •   6 Frauen, 2 Männer
                    •   19 bis 42 Jahre alt (Ø 27 Jahre)
                    •   Diskussion wurde auf Vietnamesisch durchgeführt
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C Die Lage der V
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                                                             ten, dass verschiedene Tätigkeiten (Einkaufen, andere
3      Hintergrund:                                          Erledigungen) häufig zusammengelegt und mit dem

       Mobilitätsdruck in                                    Arbeitsweg verbunden werden, um die Gesamtwege­
                                                             zeit zu verringern. Viele Wege sind konsuminduziert, je
       modernen Gesellschaften –                             nach Datenquelle gingen die Deutschen in den 2010er

       strukturelle Veränderungen                            Jahren zwischen 3,5 Mal (Papastefanou & Zaichowski,
                                                             2016, S. 120) und 4,5 Mal (Procher & Vance, 2013, S. 8)
       seit der Industrialisierung                           pro Woche einkaufen. Insgesamt sind zwei von drei
                                                             Fahrten irgendwie mit Einkaufen verbunden (Destatis
Für das Verständnis der Herausforderungen und Pro­           & WZB, 2016, S. 343). Fällt der Arbeitsweg weg, fallen
bleme der Verbraucherinnen und Verbraucher ist es            die Wegstrecken daher nicht notwendig weg, weil man
wichtig, das heutige Mobilitätsparadigma sowie den           trotzdem noch einkaufen geht.
dadurch erzeugten strukturellen Zwang zur Mobilität
zu kennen: Menschen müssen heute in vielen Fällen            Vor allem aber entsteht ein Pendeldruck durch die
mobil sein, ob sie wollen oder nicht. Die (viel stärker)     Erwerbsarbeit: Laut dem Bundesinstitut für Bevölke­
freiwillige Mobilität im Rahmen von Urlaub und Frei­         rungsforschung (2018) benötigte im Jahr 2016 mehr als
zeit ist dabei aufgrund anderer damit einhergehender         jeder vierte Erwerbstätige 30 Minuten oder mehr für
Problemlagen für Verbraucherinnen und Verbraucher            den einfachen Weg zur Arbeit. An einem Arbeitstag ver­
nicht Teil folgender Darstellungen.                          lassen neun von zehn Deutschen ihre Wohnung und le­
                                                             gen durchschnittlich 3,8 Wege zurück. Samstags verlas­
Ausgangspunkt des heutigen Mobilitätsparadigmas              sen acht von zehn, sonntags sieben von zehn Deutschen
ist die sogenannte „Ideologie der Sphärentrennung“,          das Haus (infas et al., 2017, S. 25 ff.). Unter der Woche
die im Zuge der Industrialisierung im 19. Jahrhun­           ist jede einzelne Wegstrecke im Schnitt etwa zwölf Ki­
dert entstand: Arbeiten („Öffentliches“) und Wohnen          lometer lang, die pro Person und Tag durchschnittlich
(„Privates“) wurden getrennt (Habermas, 1990). Diese         zurückgelegte Wegstrecken sind 46 Kilometer lang (in­
Sphärentrennung hat eine räumliche Komponente und            fas et al., 2017) – Entfernungen, die selbst eine gesunde
ist über Städtebau und Verkehrsinfrastruktur materiell       Person im Alltag nur schwer zu Fuß oder mit dem Fahr­
verfestigt: Wohnort und Arbeitsplatz wurden im Zuge          rad zurücklegen kann. Bei all diesen beschriebenen
der Industrialisierung räumlich getrennt. Dadurch            Strukturen und Verhaltensweisen gilt, dass die Zahlen
entstand ein Mobilitätsdruck, der nicht nur bis heute        seit Jahrzehnten, bis zur COVID-19-Pandemie, weitest­
anhält, sondern sich sogar verschärft hat. Arbeitsneh­       gehend stabil waren (infas et al., 2019).
merinnen und Arbeitsnehmer müssen im Alltag zwi­
schen Wohnort und Arbeitsort pendeln sowie zusätzlich        Wie stark der Mobilitätsdruck ist, zeigte sich auch an­
zwischen Einkaufsorten (zur Marktentnahme im Zuge            schaulich im ersten „Lockdown“ im Zuge der COVID-
des Konsums), Ämtern und anderen Versorgungsin­              19-Pandemie im Frühjahr 2020, der nie ein wirklicher
stitutionen (ärztliche Versorgung, Banken etc.) Stre­        Lockdown war: Auch wenn seit März 2020 die Alltags­
cken zurücklegen. Wer Sorgeverpflichtungen (Kinder,          mobilität der Verbraucherinnen und Verbraucher durch
pflegebedürftige Angehörige) hat, muss oft zusätzlich        vermehrtes Homeoffice erheblich reduziert wurde –
Wege zu Versorgungsinstitutionen (Kindertagesstät­           zwischen Ende Februar und Ende März 2020 war etwa
ten, Schulen, Alters- und Pflegeheime, Krankenhäuser         die durchschnittliche, täglich zurückgelegte Distanz um
usw.) bewältigen. Um zu arbeiten und den Alltag auf­         47 Prozent gesunken (Mobility Institute Berlin, 2020) –,
rechtzuerhalten, muss also gependelt werden.                 so war die deutsche Bevölkerung zu keinem Zeitpunkt
                                                             vollkommen immobil, weil gerade viele systemrele­
Infolgedessen verbrachten 2017 die Deutschen pro Tag         vante Berufe nur ausgeübt werden können, wenn die
im Schnitt eine Stunde und 34 Minuten mit dem Zu­            Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer an einem an­
rücklegen von Wegen (infas et al., 2018, S. 26). Wenn        deren Ort als zu Hause arbeiten. Man denke etwa an
sie ihr Haus verließen, entfielen jeweils etwa ein Drittel   medizinisches und Pflegepersonal oder das Personal
der Wege auf Ausbildung und Beruf, Einkaufen und pri­        im Bereich Nahrungsmittel und Drogeriewesen. Der
vate Erledigungen und Freizeitwege (infas et al., 2018,      Mobilitätsdruck zeigt sich auch in dem Umstand, dass
S. 61). Für verkehrspolitische Maßnahmen ist zu beach­       alle Berufe und Betriebe, die der Aufrechterhaltung der
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      Mobilität dienen (z. B. Personal im öffentlichen Verkehr,   Zuge des COVID-19-Lockdowns: Durch die Schlie­
      Kfz-Werkstätten oder Fahrradläden), als systemrele­         ßungen von Kindertagesstätten, Schulen und Pflege­
      vant eingestuft wurden.                                     einrichtungen wurde die Sorgearbeit in die Familien
                                                                  zurückverlagert – die Hauptlast trugen dabei alltags­
      In der sozialwissenschaftlichen Ungleichheitsforschung      weltlich häufig die Frauen (Kohlrausch & Zucco, 2020).
      ist weiterhin bekannt, dass die Sphärentrennung im
      Zuge der Industrialisierung eine Geschlechterkompo­         Der unterschiedliche Einfluss der Sphärentrennung
      nente hat: Die Fürsorge-, Erziehungs- und emotionale        auf die Geschlechter schlägt sich auch auf deren Mo­
      Arbeit sowie der Konsum wurden vollständig auf die          bilitätsverhalten nieder: Infolge der geschilderten,
      Mütter übertragen (Frevert, 1996), die Väter dagegen        in vielen Haushalten praktizierten geschlechtsspezi­
      emotional aus der Familie gedrängt (Schütze, 1988) und      fischen Arbeitsteilung üben Männer und Frauen oft
      auf den Arbeitsmarkt verwiesen (Kocka, 1990). Nach          unterschiedliche Tätigkeiten aus und legen daher auch
      dem 2. Weltkrieg wurde in der Bundesrepublik Deutsch­       andere Arten von Wegen zurück. Anders als in vielen
      land die normative Vorstellung eines Ernährer-Haus­         anderen Bedarfsfeldern des Konsums weist Mobilität
      frau-Modells in ein spezifisches institutionelles Arran­    damit eine starke Geschlechterkomponente auf. So ha­
      gement eingebettet (Baur, 2007; Hofmeister, Blossfeld       ben in der Altersgruppe der 20- bis 70-jährigen Männer
      & Mills, 2006; Ostner, 1995; Pfau-Effinger, 1999). Anders   einen drei- bis vierfach höheren Anteil an Dienstwegen,
      als im Westen entsprach das Geschlechterarrangement         also Wegen im Rahmen der Ausübung eines Berufs,
      in der DDR dem “Dual-Earner-/State-Carer-Modell”            sowie einen leicht höheren Anteil an Wegen zur Arbeit.
      (Crompton, 1999; Reichert, 2007). Spätestens seit den       Frauen dagegen legen dreimal so viele Begleitwege zu­
      1960er Jahren wurden in Ostdeutschland die Erwerbs­         rück wie Männer und gehen doppelt so oft einkaufen
      tätigkeit der Frauen (Pascall & Manning, 2000) und          (infas et al., 2018, S. 64). Die nichtfreiwillige Mobilität ist
      seit den 1970er Jahren die gleichzeitige Ausübung von       bei Männern und Frauen folglich grundsätzlich anders
      Mutterschaft und Erwerbstätigkeit gefördert (Trappe &       strukturiert, was bei allen verkehrspolitischen Refor­
      Rosenfeld, 2001). Außerhalb der staatlichen Kinderbe­       men unbedingt zu beachten ist.
      treuung blieben allerdings auch im Osten Hausarbeit,
      Fürsorge und Kindererziehung Aufgabe der Frauen             Den geschilderten Mobilitätsdruck in unserer Gesell­
      (Kreyenfeld, 2007).                                         schaft zu verringern, wäre aus mindestens drei Grün­
                                                                  den wünschenswert:
      Seit den 1970er Jahren lässt sich auf der Ebene der
      individuellen Lebensgestaltung eine Pluralisierung der      1. Lange Pendeldistanzen (von mehr als 30 bis 40 Mi­
      Lebensformen und -vorstellungen beobachten (Brü­                nuten) produzieren Zeitzwänge, verursachen damit
      derl, 2004; Keddi, 2003) – je nach persönlichen Wert­           nachweislich Stress und andere gesundheitliche
      vorstellungen wollen manche Menschen heute das                  Probleme (BAuA, 2018) und führen insgesamt zu
      Ernährer-Hausfrau-Modell, andere eher das Doppel­               weniger Lebenszufriedenheit (Clark et al., 2020;
      verdiener-Modell oder andere Familienmodelle leben.             Raffelhüschen & Renz, 2020; Stutzer & Frey, 2008)
      Doch zeigt die allgemeine Struktur der Arbeitsteilung           (siehe dazu auch C.I Wohnen).
      im Haushalt noch immer eine starke geschlechter­
      spezifische Komponente auf (Grünow, 2019, S. 260 und        2. Der Mobilitätsdruck verursacht erhebliche dauer­
      S. 276). Im Jahr 2012/13 verbrachten Männer rund 57             hafte Fixkosten, denen sich die Haushalte nicht
      Prozent ihrer Gesamtarbeitszeit mit bezahlter Arbeit            entziehen können: Von den gesamten Konsum­
      und 43 Prozent mit unbezahlter Arbeit – bei Frauen war          ausgaben verschlangen 2013 Wohnen, Energie
      es mit einem Verhältnis von 35 Prozent zu 65 Prozent            und Wohnungsinstandhaltung im Schnitt 35 Pro­
      umgekehrt, d. h. Männer verbringen durchschnittlich             zent, gefolgt von Verkehr sowie Nahrungsmit­
      9 Stunden pro Woche mehr mit bezahlter und 10 Stun­             teln, Getränken, Tabakwaren mit jeweils rund
      den pro Woche weniger mit unbezahlter Arbeit als                14 Prozent (Destatis & WZB, 2018), sodass die
      Frauen. Diese geschlechtsspezifische Diskrepanz in              drei Lebensbereiche Wohnen, Verkehr und Er­
      der Gesamtarbeitszeit hat sich seit Anfang der 2000er           nährung zusammen Fixkosten in Höhe von zwei
      Jahre sogar noch vergrößert (Destatis & WZB, 2016,              Dritteln des verfügbaren Einkommens verursa­
      S. 263). Besonders deutlich wurde dies ebenfalls im             chen. Aus mehreren Gründen ist dabei tatsäch­
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  lich von schwer veränderbaren Fixkosten aus­           fungs- und Betriebskosten gibt, die nicht unter­
  zugehen: Zwar ließen sich die Mobilitätskosten         schritten werden können, auch wenn die Preise
  möglicherweise durch einen Umzug vermeiden             für Fahrzeuge selbst variieren. Bei einkommens­
  oder reduzieren, aber ein Umzug kommt nicht            schwachen Verbraucherinnen und Verbrauchern
  für alle Haushalte infrage, weil er etwa zum Ver­      dürften die Anteile dieser Fixkosten am gesamten
  lust sozialer Netzwerke führen könnte. Auch ist        Haushaltseinkommen noch deutlich höher sein.
  die Wahl des Wohnorts immer ein Kompromiss
  auf der Haushaltsebene: Die Reduktion berufs­       3. Schließlich wirkt sich der Mobilitätsdruck negativ
  bedingter Wege eines Haushaltsmitglieds durch          auf das Erreichen von Nachhaltigkeitszielen aus,
  einen Umzug kann längere Wege für die anderen          weil sich jegliche Art von Mobilität negativ auf die
  Haushaltsmitglieder oder für andere Tätigkeiten        Ökobilanz auswirkt – und je länger die Pendelstre­
  für dasselbe Haushaltsmitglied zur Folge haben         cken sind, desto negativer die Umweltwirkungen.
  (z. B. längere Arbeitswege für den Partner oder        Dies gilt selbst für so umweltfreundliche Verkehrs­
  die Partnerin, längere Schulwege für die Kinder,       mittel wie das Fahrrad, weil auch hier durch die
  längere Einkaufswege etc.). Ein Umzug kann au­         Produktion Stoffströme erzeugt werden. Zumindest
  ßerdem mit höheren Wohnkosten einhergehen,             wäre es aus Nachhaltigkeitsgründen wünschens­
  sodass auch davon auszugehen ist, dass das Ge­         wert, auf umweltfreundlichere Verkehrsmittel um­
  samtbudget für Wohnen und Mobilität konstant           zuschwenken: den Langsamverkehr (zu Fuß gehen,
  bleibt. Weiterhin ist von Fixkosten zu sprechen,       Fahrradfahren) oder nachhaltig gestalteten öffent­
  da es für jedes Auto gewisse Mindestanschaf­           lichen Verkehr.
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                                                                 4.1 Mobilität in Großstädten
      4     Verkehrsmittelwahl der
            Verbraucherinnen und                                 Etwa ein Drittel der deutschen Bevölkerung wohn­
                                                                 te 2018 in Großstädten, also Städten mit mindestens
            Verbraucher im Alltag                                100.000 Einwohnern, die meist eine oberzentrale Funk­
                                                                 tion haben (BBSR, 2019a). Es wurden zwei Fokusgrup­
      Vor dem Hintergrund des durch das Mobilitätspara­          pen in Großstädten durchgeführt: Stuttgart (mit etwa
      digma erzeugten Mobilitätsdrucks wird im Folgenden         635.000 Einwohnern) und Erfurt (mit etwa 210.000 Ein­
      die Alltagsmobilität der Verbraucherinnen und Ver­         wohnern). Es diskutierten jeweils Personen verschie­
      braucher in den von uns durchgeführten Fokusgrup­          dener Altersstufen (20 bis 60 Jahre), Bildungsgrade
      pen dargestellt und beschrieben, aus welchen Grün­         und Familienstände. In Erfurt setzte sich die Gruppe
      den sie sich für oder gegen bestimmte Verkehrsmittel       ausschließlich aus Personen mit vietnamesischem Mi­
      entscheiden. Diese qualitativ erhobenen Erkenntnisse       grationshintergrund zusammen.
      werden mit den Ergebnissen repräsentativer quantita­
      tiver Erhebungen trianguliert und in den Forschungs­       Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Gruppe in
      stand eingeordnet.                                         Stuttgart nutzen für ihre Alltagswege vor allem öffent­
                                                                 liche Verkehrsmittel (S-Bahn, U-Bahn, Bus, Straßen­
      Als erster Befund lässt sich dabei festhalten, dass sich   bahn), die sie auch miteinander und mit dem Langsam­
      im Hinblick der Wünsche und Bedürfnisse an das Be­         verkehr (Fahrradfahren, zu Fuß gehen) kombinieren.
      darfsfeld Mobilität empirisch mehr Gemeinsamkeiten         Für ihre Verkehrsmittelwahl spielen Verfügbarkeit und
      als Unterschiede zwischen den Verbrauchergruppen           Effizienz eine wichtige Rolle, und das öffentliche Ver­
      identifizieren lassen. Von den untersuchten Ungleich­      kehrsnetz erfüllt für sie diese Bedingung am besten –
      heitsdimensionen – Stadt-Land-Unterschiede, regio­         vor allem im Stadtzentrum:
      nale Unterschiede, Alter, Geschlecht, Bildung, Einkom­
                                                                     „Ich laufe morgens, ohne irgendwas zu denken,
      men und Migrationshintergrund – hat sich empirisch
                                                                     zur U-Bahn, nehme die Nächstbeste, ich kann
      eine als besonders relevant erwiesen, die daher auch
                                                                     mit zwei, drei Linien fahren, da muss ich mir
      die Basis für die Strukturierung der folgenden Dar­
                                                                     jetzt keine Gedanken machen, ob ich jetzt eine
      stellung bildet: Stadt-Land-Unterschiede. Zusätzlich
                                                                     Bahn verpasse oder nicht.“
      haben sich empirisch zwei weitere Dimensionen sozia­
                                                                     (30- bis 60-jährige Person aus einer
      ler Ungleichheit als sehr wichtig erwiesen, die deshalb
                                                                     süddeutschen Großstadt: Zeile 162)
      ebenfalls in der folgenden Analyse berücksichtigt wer­
      den: Alter und Einkommen.
                                                                     „So gegen spätestens 7:30 Uhr gehe ich aus
                                                                     dem Haus, fahre mit der Straßenbahn bis zum
      Wie bereits in der Einleitung erläutert, lässt sich als
                                                                     Hauptbahnhof, dann mit der S-Bahn bis nach
      zweiter empirischer Befund festhalten, dass aus Ver­
                                                                     Echterdingen und dann laufe ich noch zehn
      braucherperspektive nur drei Grundunterscheidungen
                                                                     Minuten zu uns ins Büro.“
      in Bezug auf den Personenverkehr wichtig sind – die
                                                                     (30- bis 60-jährige Person aus einer
      zwischen Langsamverkehr (Fahrrad fahren, zu Fuß ge­
                                                                     süddeutschen Großstadt: Zeile 74–76)
      hen), motorisiertem Individualverkehr (Auto, Motorrad
      etc.) und öffentlichem Verkehr (Bus, U-Bahn, S-Bahn,
      Tram, Regionalzüge, Fernzüge). Sofern nicht ausdrück­      Nur wenige Teilnehmende benutzen das Auto, es wird
      lich der ÖPNV oder der Fernverkehr der Deutschen           als nicht notwendig angesehen und scheint eher bei
      Bahn gemeint ist, sprechen wir daher im Folgenden          denen eine Rolle zu spielen, die in Vororten oder Rand­
      bewusst von „öffentlichem Verkehr“.                        bezirken wohnen, da es hier weniger effizient ist, den
                                                                 öffentlichen Verkehr zu nutzen:


                                                                     „Jetzt pendele ich von Hoffeld zum Fasanenhof,
                                                                     das sind sechs Kilometer, mit dem Auto
                                                                     maximal zehn Minuten, wenn ich mit Bus, Bahn
                                                                     fahre, dann würde ich erst in die falsche
114

C Die Lage der V
               ­ erbraucherinnen und Verbraucher in ­zentralen B
                                                               ­ edarfsfeldern                                       113




    Richtung fahren, […] der Bus fährt alle                  „Wir wohnen im Süden von Erfurt und
    20 Minuten, abends alle 30 Minuten und dann              ich arbeite im Zentrum. Ich fahre mit der
    einmal außen rum, 40 bis 50 Minuten und dann             Straßenbahn. Es ist sehr praktisch, schon weil
    macht man das halt nicht.“                               in der Stadt kaum ein Parkplatz zu finden ist.
    (30- bis 60-jährige Person aus einer                     Der öffentliche Verkehr in Erfurt ist sehr gut,
    süddeutschen Großstadt: Zeile 205)                       ich kann mich nicht darüber beschweren.“
                                                             (Person mit vietnamesischem Migrations­
Obwohl Stuttgart starke Höhenunterschiede innerhalb          hintergrund aus einer ostdeutschen Großstadt:
der Stadt aufweist, wird das Fahrrad von den Teilneh­        Zeile 14)
menden in Stuttgart genutzt, bei den meisten aber eher
saison- und wetterabhängig. Sie schätzen die sportli­    Die Verkehrsmittel werden auch miteinander kom­
che Betätigung und die Umweltfreundlichkeit des Rad­     biniert, so dient das Fahrrad beispielsweise oft dazu,
fahrens. Fehlende Radwege sorgen allerdings häufig       Haltestellen oder Bahnhöfe zu erreichen:
für ein Unsicherheitsgefühl, sodass das Verhalten
                                                             „Ich fahre oft mit dem Fahrrad von zu Hause
entsprechend angepasst und mitunter auf andere Ver­
                                                             zum Bahnhof Ilmenau. Dann fahre ich nach der
kehrsmittel umgestiegen wird:
                                                             Arbeit mit dem Fahrrad vom Bahnhof zurück
    „Bei mir ganz selten, ins Büro ganz selten mit           nach Hause. Weil der Weg vom Bahnhof zu
    dem Fahrrad, weil, das ist einfach total blöd,           meinem Arbeitsplatz so weit ist, würde ich
    weil es keinen Fahrradweg gibt. Du musst fast            lieber mit dem Fahrrad fahren als laufen.“
    die ganze Strecke auf der Straße fahren und              (Person mit vietnamesischem Migrations­
    das ist mir unangenehm, das heißt, wenn ich              hintergrund aus einer ostdeutschen Großstadt:
    Rad fahre, dann eher Freizeitstrecken oder zum           Zeile 138)
    Einkaufen, dann schon, aber dann suche ich
    mir die Strecken, wo ich nicht auf der Straße
                                                         Die Personen, die aus Erfurt heraus oder nach Erfurt
    fahren muss.“
                                                         hinein pendeln, nutzen dazu regelmäßig das eigene
    (30- bis 60-jährige Person aus einer
                                                         Auto oder aber die Bahn, je nachdem, welche Ange­
    süddeutschen Großstadt: Zeile 231–231)
                                                         bote des öffentlichen Verkehrs existieren. Einige Er­
                                                         furterinnen und Erfurter nutzen auch für einige Wege
Bei der Fokusgruppe in Erfurt ergab sich im Hinblick     innerhalb der Innenstadt das Auto, jedoch mitunter nur
auf die Verkehrsmittelwahl für Alltagswege ein etwas     für ausgewählte Strecken, wenn zum Beispiel Gepäck
heterogeneres Bild. Dies könnte daran liegen, dass ei­   transportiert wird:
nige Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Erfurt leben,
                                                             „Ich gehe oft zusammen mit meiner Familie
aber außerhalb arbeiten, sowie drei Teilnehmende in
                                                             auf den Markt. Wenn ich also zum Markt gehe,
Ilmenau bzw. Jena wohnen und in Erfurt arbeiten und
                                                             kommt meine Nichte meist mit. Also benutze
sich die individuellen Lebensumstände innerhalb der
                                                             ich meist mein Auto. Falls ich zum Arzt gehe,
Fokusgruppe daher zu stark unterscheiden. Ungeach­
                                                             fahre ich auch mit dem Auto.“
tet dessen nutzen – konsistent mit den Schilderungen
                                                             (Person mit vietnamesischem Migrations­
aus Stuttgart – innerhalb Erfurts viele Personen für
                                                             hintergrund aus einer ostdeutschen Großstadt:
ihre Alltagswege den ÖPNV (Bus und Straßenbahn)
                                                             Zeile 154–154)
und den Langsamverkehr (Fahrradfahren oder zu Fuß
gehen):
                                                         Der Eindruck, dass in Großstädten ein relativ hoher An­
    „Innerhalb Erfurts fahre ich entweder mit
                                                         teil der Wege mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurück­
    der Bahn oder gehe zu Fuß, […] weil das sehr
                                                         gelegt wird, deckt sich mit den Daten der BMVI-Stu­
    praktisch ist.
                                                         die „Mobilität in Deutschland“ (MiD) (infas et al., 2018,
    (Person mit vietnamesischem Migrations­
                                                         S. 47 f.). Demnach werden in Metropolen 20 Prozent
    hintergrund aus einer ostdeutschen Großstadt:
                                                         aller Wege mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückge­
    Zeile 17)
                                                         legt, in Regiopolen und Großstädten liegt dieser Wert
                                                         bei 12 Prozent, in dörflichen Räumen sind es dagegen
115

114   2021 GUTACHTEN ZUR LAGE DER V
                                  ­ ERBRAUCHERINNEN UND VERBRAUCHER




      nur 5 bis 7 Prozent. Auch spielt in Metropolen und Groß­       „Wenn du kein Auto mehr hast, bist du
      städten der Langsamverkehr eine große Rolle: 27 bzw.           ansonsten verraten und verkauft. Das geht
      24 Prozent der Wege werden zu Fuß, 15 bzw. 14 Prozent          nicht. Du kannst nicht abends mal irgendwo,
      mit dem Fahrrad zurückgelegt.                                  was weiß ich, ein Bier trinken gehen, das
                                                                     kann man sich direkt von der Backe putzen,
      Der motorisierte Individualverkehr spielt in Metropo­          einkaufen gehen etc., weil es einfach logistisch
      len und Großstädten im Vergleich zum ländlichen Raum           ein Riesenaufwand ist.“
      eine geringere Rolle, ist aber mit 38 bzw. 50 Prozent          (Person mit niedrigem Bildungsniveau aus
      des Verkehrsaufkommens immer noch das am häu­                  einem süddeutschen, städtischen Kreis:
      figsten genutzte Verkehrsmittel. Die Studie MiD stellt         Zeile 103–103)
      weiterhin fest, dass die Pkw-Besitzrate in Metropolen
      niedriger ausfällt als in kleinstädtischen und dörfli­         „Ich bin natürlich mit dem Auto da, weil, wenn
      chen Gebieten. Der Anteil autofreier Haushalte beträgt         sie sich ganz fies an mir rächen wollen, nehmen
      in Metropolen 42 Prozent, wobei sich allerdings deutli­        sie sich einen Schlauch, knacken meinen Tank,
      che Unterschiede zwischen Wohnlage im Zentrum und              saugen den Sprit raus. Das ist schlimmer, als
      Wohnlage in Randgebieten zeigen.                               wenn ich nichts im Kühlschrank habe.“
                                                                     (Person mit niedrigem Bildungsniveau aus
                                                                     einem süddeutschen, städtischen Kreis:
      4.2 Mobilität in Mittelstädten                                 Zeile 18)

          und städtischen Kreisen
                                                                 Es gibt auch ein paar Teilnehmende, die den öffentli­
                                                                 chen Nah- und Regionalverkehr nutzen, um ihre All­
      Fast 40 Prozent der Deutschen wohnten 2018 in städti­      tagswege zu bewältigen. Dies gilt sowohl für Fahrten
      schen Kreisen, also Kreisen mit einer Einwohnerdich­       zur Arbeit als auch für Aktivitäten wie Einkaufen. Die
      te von mindestens 150 Einwohner/km² (BBSR, 2019a).         Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel scheint aber für
      Um zu prüfen, ob sich das Mobilitätsverhalten zwischen     manche Strecken aufwendig und zeitintensiv zu sein.
      Bewohnern von städtischen Kreisen und Großstädten          Geschildert wird zum Beispiel, dass die Bahn im Ort
      unterscheidet, wurde eine Fokusgruppe im hessischem        überhaupt nicht hält, sondern nur durchfährt. In eini­
      Odenwaldkreis (mit etwa 97.000 Einwohnern im gesam­        gen Orten seien öffentliche Verkehrsmittel überhaupt
      ten Kreis) durchgeführt, der nach dem BBSR-Kategori­       nicht oder nur sehr schwer zugänglich und die Tak­
      sierungssystem dem städtischen Raum zuzuordnen ist.        tung (insbesondere abends oder am Wochenende) sei
      Die Gruppe setzte sich ausschließlich aus Personen mit     zu gering:
      niedrigem Bildungsabschluss (höchstens Hauptschul­
                                                                     „Busverbindungen sind halt wirklich komplette
      abschluss) zusammen. Nur zwei Teilnehmende sind
                                                                     Katastrophe, montags bis freitags fährt da
      berufstätig, die restlichen sind arbeitssuchend, be­
                                                                     schon noch was, aber am Wochenende gar
      finden sich in Ausbildung oder sind in Rente, weshalb
                                                                     nicht, und wenn man mit dem Zug fahren
      von einem geringen bis durchschnittlichen Einkommen
                                                                     möchte, muss man erst mal eine Stunde in
      ausgegangen werden kann.
                                                                     den nächsten Ort laufen.“
                                                                     (Person mit niedrigem Bildungsniveau aus
      Und es zeigt sich in der Tat ein deutlicher Unterschied
                                                                     einem süddeutschen, städtischen Kreis:
      zwischen städtischem Raum und Großstädten: Zwei
                                                                     Zeile 170–170)
      Drittel der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Grup­
      pe aus dem Odenwaldkreis nutzen im Alltag in der Re­
      gel das eigene Auto. Sie empfinden ein eigenes Auto als    Kurze Strecken werden von einigen Teilnehmerinnen
      das einzige Verkehrsmittel, das ihnen ermöglicht, ihre     und Teilnehmern auch mit dem Fahrrad oder zu Fuß
      Alltagswege zu bewältigen, da das Angebot öffentlicher     zurückgelegt, allerdings vor allem von den Personen,
      Verkehrsmittel in der Region nicht ausreiche:              die in größeren Ortschaften leben. Das Fahrrad dient
                                                                 außerdem als Möglichkeit, öffentliche Verkehrsmittel
                                                                 zu erreichen.
116

C Die Lage der V
               ­ erbraucherinnen und Verbraucher in ­zentralen B
                                                               ­ edarfsfeldern                                        115




    „So zehn, ja, vielleicht 20 Prozent mit dem Auto         tem Qualitäts- und Funktionsniveau nutzen“ (Ramm­
    und der Rest zu Fuß dann. Ist ja alles im Ort.“          ler & Schwedes, 2018, S. 10). In städtischen Räumen
    (Person mit niedrigem Bildungsniveau aus                 nutzen diese Verbraucherinnen und Verbraucher vor
    einem süddeutschen, städtischen Kreis:                   allem die öffentlichen Verkehrsmittel oder die eigene
    Zeile 280–281)                                           Körperkraft (mehr zum Thema Mobilitätskosten siehe
                                                             Abschnitt 5.4).
    „Mit dem Fahrrad 20 Kilometer nach Bad König
    runtergefahren, um dort in den Zug einsteigen
    zu können, um nach Breuberg zu fahren.“                  4.3 Mobilität im ländlichen Raum
    (Person mit niedrigem Bildungsniveau aus
    einem süddeutschen, städtischen Kreis:                   Oft wird unterschätzt, wie viele Menschen in Deutsch­
    Zeile 438)                                               land im ländlichen Raum leben: Etwa vier von zehn
                                                             Deutschen leben in Gemeinden unter 20.000 Einwoh­
Die Studie „Mobilität in Deutschland“ (MiD) (infas et al.,   nern, jeder Zehnte sogar in Landgemeinden (BBSR,
2018, S. 47 f.) zeigt für den städtischen Raum in Stadtre­   2019b). Deshalb wurden drei Fokusgruppen in dünn
gionen – wozu der Odenwaldkreis sich zuordnen lässt –        besiedelten, ländlichen Kreisen durchgeführt, zwei
ähnliche Erkenntnisse zur Verkehrsmittelwahl. Der            mit Personen unterschiedlicher Altersgruppen und
überwiegende Teil des Verkehrsaufkommens ist dem             eine mit Personen mit Migrationshintergrund. Im Kreis
Auto zuzuschreiben (61 Prozent). Auf den öffentlichen        Ludwigslust-Parchim in Mecklenburg-Vorpommern
Verkehr fallen 8 Prozent. 10 Prozent der Wege werden         wurden Abiturientinnen und Abiturienten befragt. Eine
mit dem Fahrrad, 21 Prozent zu Fuß zurückgelegt.             Gruppe im Kreis Rhein-Hunsrück in Rheinland-Pfalz
                                                             setzte sich aus Verbraucherinnen und Verbrauchern
Es gibt in Deutschland einen starken Zusammenhang            über 70 Jahren zusammen. Im Kreis Grafschaft Bent­
zwischen ökonomischem Status und Pkw-Besitz (in­             heim in Niedersachsen diskutierten Personen aller
fas et al., 2018, S. 34). Dennoch nutzen die meisten         Altersgruppen mit russischem Migrationshintergrund.
Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieser Fokusgrup­
pe mit niedrigem Einkommen ein eigenes Auto. Laut            Die Abiturientinnen und Abiturienten in Ludwigslust-
Rammler und Schwedes (2018) könne es in ländlichen           Parchim sind vorwiegend motorisiert unterwegs. Sie
Regionen vorkommen, dass aufgrund der schlechten             nutzen für ihre Alltagswege das Auto. Alle Teilneh­
Anbindungsqualität der öffentlichen Angebote das             merinnen und Teilnehmer haben einen Führerschein.
Auto – trotz hoher und oft dominierender Kostenan­           Wenn sie nicht selbst fahren, werden sie von ihren El­
teile am Gesamtbudget – alternativlos sei. Ein Befund,       tern im Auto mitgenommen oder bilden Fahrgemein­
der sich mit den Aussagen der Fokusgruppe im Oden­           schaften:
waldkreis deckt.
                                                                 „Oft ist es ja dann auch so, dass man
    „Hätte ich mehr Möglichkeiten, die                           Fahrgemeinschaften oder so hat. Wenn jemand
    Nahverbindung zu benutzen, würde ich auch                    aus dem Dorf auch gerade fährt, dann nehme
    darauf umsteigen, weil es ja auch nicht so                   ich nicht auch das Auto und fahre die gleiche
    umweltschädlich ist und auch nicht so teuer.“                Strecke. Dann fahre ich da halt mit oder man
    (Person mit niedrigem Bildungsniveau aus                     schreibt sich mal so.“
    einem süddeutschen, städtischen Kreis:                       (Abiturientin/Abiturient aus einem
    Zeile 453–453)                                               ostdeutschen, dünn besiedelten ländlichen
                                                                 Kreis: Zeile 537–537)

Auch die Studie „Mobilität in Deutschland“ (MiD) zeigt,
dass Haushalte mit niedrigem ökonomischen Status in          Der Führerscheinerwerb bedeutete einen wichtigen
ländlichen Regionen wesentlich häufiger als in anderen       Wendepunkt im Leben dieser Verbraucherinnen und
Siedlungsstrukturen ein eigenes Auto besitzen (infas et      Verbraucher: Die Schülerinnen und Schüler fühlen sich
al., 2018). Insbesondere Verbraucher aus einkommens­         seitdem selbstständiger und unabhängiger von Bus­
armen Haushalten können bestimmte Verkehrsmittel             sen, Mitfahrgelegenheiten und Eltern. Ein eigenes Auto
„entweder überhaupt nicht oder nur mit eingeschränk­         besitzen sie nicht (zwei Teilnehmende haben ein Mo­
117

116   2021 GUTACHTEN ZUR LAGE DER V
                                  ­ ERBRAUCHERINNEN UND VERBRAUCHER




      torrad), sie nutzen die Fahrzeuge ihrer Eltern bzw. ein         „Das ist wirklich Dorf, Dorf, Dorf. Man kann mit
      Familienauto. Das Auto steht den jungen Erwachsenen             dem Fahrrad durch die Dörfer fahren, klar, aber
      allerdings nicht immer zur Verfügung, denn sie müssen           alles, was weiter weg ist, jetzt Einkaufen oder
      es sich mit anderen Familienmitgliedern teilen.                 Shoppen oder freizeitmäßig sich betätigen, in
                                                                      Schwimmhallen oder so, das geht wirklich nur
      Die Fokusgruppen bestätigen den Befund der Studie               mit Bus, Bahn oder halt Auto. Mit Fahrrad oder
      „Mobilität in Deutschland“ (MiD) (infas et al., 2018,           Fuß kommt man da nicht weit.“
      S. 49), dass sich in der Altersgruppe der 10- bis 19-Jäh­       (Abiturientin/Abiturient aus einem
      rigen eine zunehmende Selbständigkeit in der Mobili­            ostdeutschen, dünn besiedelten ländlichen
      tät bemerkbar macht (Fahrrad, öffentliche Verkehrs­             Kreis: Zeile 533–533)
      mittel) und sobald das Führerscheinalter erreicht ist,
      das Auto eine dominante Rolle einnimmt. Allerdings ist      Das Fahrrad dient auch dazu, öffentliche Verkehrs­
      die Führerscheinbesitzquote in der Gruppe der unter         mittelangebote zu erreichen. Es ist außerdem flexibler
      30-Jährigen tendenziell rückläufig, vor allem in Groß­      Ersatz, wenn den jungen Erwachsenen das Auto der
      städten (ebd.).                                             Eltern nicht zur Verfügung steht.


      Nur wenige der jungen Fokusgruppenteilnehmenden             Bei der Mobilität von Jugendlichen und jungen Erwach­
      nutzen öffentliche Verkehrsmittel wie Bus oder Bahn,        senen stehen die Aktivitäten „Ausbildung“ und „Frei­
      und dann vor allem für Schulwege. Viele Busse orien­        zeit“ im Vordergrund. Sie sind im Vergleich zu älteren
      tieren sich an den Schulzeiten und stehen den Schü­         Alterskohorten häufiger multimodal unterwegs, d. h.
      lerinnen und Schülern außerhalb dieser gar nicht zur        sie kombinieren in ihrem Alltag mehrere Verkehrs­
      Verfügung:                                                  mittel. Mit steigendem Alter sinkt der Anteil von multi­
                                                                  modalen Personen (infas et al., 2018, S. 56). Insgesamt
          „Wenn wir Freizeit haben, sage ich mal, so jetzt
                                                                  und auch bei den jungen Altersklassen fällt die Multi­
          nach der Schule oder so, dann sind ja meistens
                                                                  modalität in Metropolen aber wesentlich höher aus als
          die ganzen Busse durch. Wenn wir nach Hause
                                                                  in ländlichen Regionen (ebd.), was sich in den Fokus­
          fahren würden, dann ist es ja mehr oder
                                                                  gruppen ebenfalls wiederspiegelt.
          weniger die letzte Tour.“
          (Abiturientin/Abiturient aus einem
                                                                  Auch für die Seniorinnen und Senioren im Kreis Rhein-
          ostdeutschen, dünn besiedelten ländlichen
                                                                  Hunsrück ist für fast alle das Auto das primäre Fort­
          Kreis: Zeile 320–320)
                                                                  bewegungsmittel im Alltag, sie schätzen die ständige
                                                                  Verfügbarkeit und Bequemlichkeit. Wenn nicht (mehr)
      Auch das Fahrrad wird von einigen häufig genutzt, vor       selber gefahren wird, so fahren oft noch Ehepartnerin­
      allem um Wege in der Freizeit zurückzulegen, gerade         nen oder Ehepartner oder auch befreundende Perso­
      im Ort Parchim, wo die Abiturientinnen und Abiturien­       nen und Bekannte:
      ten zur Schule gehen und vier von ihnen auch wohnen:
                                                                      „Ich habe auch noch einen fahrbaren Untersatz.
          „Ja, das macht sich einfach besser, wenn                    Wenn ich den nicht mehr hätte, würde ich
          man in Parchim ist und dann die Freizeiten in               sagen, könnte ich nicht mehr alleine leben,
          Parchim sind, da ist man teilweise schneller mit            denn die Mobilität ist doch eine wichtige Sache,
          Fahrrad als mit Auto. Das macht sich ganz gut.“             wenn man hier in Simmern den öffentlichen
          (Abiturientin/Abiturient aus einem                          Verkehr nutzen möchte, würde das sehr viel Zeit
          ostdeutschen, dünn besiedelten ländlichen                   in Anspruch nehmen.“
          Kreis: Zeile 323)                                           (Person über 70 Jahre aus einem süddeutschen,
                                                                      dünn besiedelten ländlichen Kreis: Zeile 36)

      Es gibt aber auch Verbraucherinnen und Verbraucher,
      die in ländlichen Gegenden mit so großen Entfernun­
      gen wohnen, dass das Fahrrad für sie keine Option
      darstellt:
118

C Die Lage der V
               ­ erbraucherinnen und Verbraucher in ­zentralen B
                                                               ­ edarfsfeldern                                         117




    „Wenn man im Bekanntenkreis zusammen­                       „Ich fahre nur noch, wenn ich weiß, wo ich lande.“
    kommt, dann hat man das Glück, dass man bei                 (Person über 70 Jahre aus einem süddeutschen,
    Bekannten mitfahren kann.“                                  dünn besiedelten ländlichen Kreis: Zeile 505)
    (Person über 70 Jahre aus einem süddeutschen,
    dünn besiedelten ländlichen Kreis: Zeile 207)           Die Seniorinnen und Senioren in unseren Fokusgrup­
                                                            pen machen einen rüstigen Eindruck, gehen regelmä­
Lediglich eine Teilnehmerin bewegt sich hauptsächlich       ßig Außerhaus-Aktivitäten nach und organisieren ihren
mit dem Fahrrad fort (seitdem ihr Mann verstorben ist).     Alltag selbstständig. Dies ist nicht selbstverständlich:
Innerhalb des Heimatortes sind die Teilnehmer teilwei­      Im Alter zwischen 70 und 79 ist fast jeder Fünfte und
se auch zu Fuß unterwegs, zum Beispiel zum Arzt, zur        bei den über 80-Jährigen fast die Hälfte durch gesund­
Bank oder zur Post. Einigen fällt diese Art der Fortbewe­   heitliche Einschränkungen in der Mobilität beeinträch­
gung aus gesundheitlichen Gründen schwer, auch weil         tigt. Die Gesundheit ist in den höchsten Alterskohorten
die lokale Topografie für Steigungen und Gefälle sorgt:     wesentlich häufiger der entscheidende Grund, kein
                                                            Auto zu besitzen (infas et al., 2018, S. 100) – was dann
    „Aber wenn ich nur schon bis zur Bingener
                                                            aber, wie die obigen Schilderungen zeigen, im länd­
    Straße will, muss ich schon drei, vier Mal stehen
                                                            lichen Raum sehr schnell bedeuten kann, dass man
    bleiben. Ich müsste mich mehr fordern in der
                                                            nicht mehr alleine leben kann, weil man nicht einmal
    Richtung, aber wenn etwas schmerzt, dann
                                                            mehr die Güter des täglichen Bedarfs einkaufen oder
    lässt man es möglichst.“
                                                            zum Arzt oder zur Ärztin gehen kann.
    (Person über 70 Jahre aus einem süddeutschen,
    dünn besiedelten ländlichen Kreis: Zeile 136)
                                                            Auffallend in der Fokusgruppe der über 70-Jährigen ist,
                                                            wie sich die Teilnehmenden selbst organisieren, um die
    „Dieses Gefälle runterzugehen, raufzugehen,
                                                            eigene Mobilität und die Mobilität ihrer Bekannten zu
    das macht man nicht mehr, wenn man im
                                                            gewährleisten. Zum einen schildern sie, dass sie selbst
    fortgeschrittenen Alter ist.“
                                                            andere Personen regelmäßig fahren bzw. auf eigenen
    (Person über 70 Jahre aus einem süddeutschen,
                                                            Fahrten mitnehmen. Zum anderen nehmen sie auch
    dünn besiedelten ländlichen Kreis: Zeile 354)
                                                            selber solche Hilfe in Anspruch. Der Gemeinschafts­
                                                            sinn im eigenen Umfeld wird nicht nur wertgeschätzt,
Die Bahn spielt bei der Mobilität der Teilnehmerinnen       sondern auch aktiv in Anspruch genommen. Es gilt die
und Teilnehmer nur in Hinsicht auf längere Strecken         Prämisse, wer Kontakte pflegt und anderen hilft, dem
im Rahmen von Freizeitaktivitäten und Urlauben eine         wird auch selbst einmal geholfen:
Rolle. Früher, wird berichtet, habe es im Ort auch einen
                                                                „Aber es gibt schon immer Möglichkeiten, dass
Zugang zur Bahn gegeben. Nun sei es umständlicher,
                                                                man jemandem hilft, ihn mitnimmt, abholt der
einen solchen Anschluss zu erreichen, da man ein
                                                                nicht mehr Autofahren kann usw. Da bin ich ganz
Stück mit dem Bus oder dem Auto fahren muss.
                                                                gut, ich biete immer meine Fahrkünste an.“
                                                                (Person über 70 Jahre aus einem süddeutschen,
Die Personen, die noch selbst Auto fahren, machen sich
                                                                dünn besiedelten ländlichen Kreis: Zeile 59)
auch Gedanken um ihre Sicherheit. Sie schätzen sich
selbst so ein, dass sie noch sicher genug fahren, einige
                                                                „Aber wenn es jetzt zum Beispiel nach Biebern
räumen aber ein, dass sie sich inzwischen auf bekann­
                                                                oder Reich ist, von der Kirche her irgendwie
te Strecken beschränken und Dunkelheit und schlechte
                                                                was, ich komme da ja nicht hin. Einer erbarmt
Witterungsbedingungen meiden. Lange Strecken wer­
                                                                sich dann und sagt, willst du mitfahren und so,
den bewusst sonntags absolviert, um Lkw-Verkehr zu
                                                                und dann bist du von anderen abhängig, aber
vermeiden:
                                                                es ist ein wunderbares Gefühl, dass das hier so
    „Aber altersbedingt muss man schon                          in der Stadt funktioniert alles.“
    konzentrierter fahren wie früher, das ist                   (Person über 70 Jahre aus einem süddeutschen,
    schon notwendig.“                                           dünn besiedelten ländlichen Kreis: Zeile 62)
    (Person über 70 Jahre aus einem süddeutschen,
    dünn besiedelten ländlichen Kreis: Zeile 317–317)
119

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