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Dieses Dokument ist Teil der Anfrage „Gutachten des Sachverständigenrats für Verbraucherfragen

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162   2021 GUTACHTEN ZUR LAGE DER V
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      474CE198ADB8823280D8A7.internet8742                       mein-Gutachten.pdf?__blob=publicationFile&v=4


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                                                                pdfx?forced=true
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html#:~:text=Die%20Gesamt%2DP%C3%BCnktlich-
keit%20aller%20Z%C3%BCge,mehr%20als%20
sechs%20Minuten%20selten
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C   DIE LAGE DER
    ­VERBRAUCHERINNEN
    UND VERBRAUCHER
    IN ­ZENTRALEN
    ­BEDARFSFELDERN




    III
    Ernährung
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Kurzzusammenfassung

Das Bedarfsfeld Ernährung stellt sich als ein zentraler     die Politik ableiten, die ihre Wirksamkeit nur im Zu­
und zugleich komplexer Konsumbereich für Verbrau­           sammenspiel entfalten: Um Informationsasymmetrien
cherinnen und Verbraucher dar. Er geht mit vergleichs­      abzubauen und einer beobachtbaren Vertrauenserosion
weise hohen Ausgaben einher, ist ein wesentlicher           entgegenzuwirken, sind Verbraucherinformationen ein
Bestandteil des Alltags und dient zur eigenen Identi­       wichtiges Instrument. Gütesiegel und Label spielen vor
täts- und Lebensstilbildung. Gleichzeitig gibt es für die   diesem Hintergrund eine bedeutende Rolle. Eine un­
Ernährung eine unübersichtliche Anzahl vielfältiger         überschaubare „Labelflut“ verschärft aber das Problem
Waren und Vertriebsformen.                                  der Verbraucherüberforderung, denn für Verbraucherin­
                                                            nen und Verbraucher ist es sehr aufwendig, die Qualität
Im Auftrag des SVRV wurden für dieses Gutachten             und Zuverlässigkeit eines Gütesiegels zu verifizieren.
sechs Fokusgruppen mit Verbraucherinnen und Ver­
brauchern in verschiedenen Regionen Deutschlands            Auch die Verbraucherbildung ist ein wichtiges Hand­
durchgeführt. Diese zeigten viele und unterschiedliche      lungsfeld, da sie die Mündigkeit der Verbraucherinnen
Problemlagen, und dass einzelne Verbrauchergruppen          und Verbraucher erhöhen kann. Da unser Ernährungs­
im Alltag teils sehr unterschiedliche Herausforderun­       verhalten maßgeblich in der frühen Kindheit geprägt
gen bewältigen müssen. Als besonders problematisch          wird, ist dahingehende Verbraucherbildung insbeson­
empfanden die Verbraucherinnen und Verbraucher              dere in Schulen und Kindertagesstätten sinnvoll.
die Themenbereiche Inhaltsstoffe und Nährwertkenn­
zeichnung, Gütesiegel, Regionalität und Herkunft von        Als drittes zentrales Handlungsfeld wird die Verbesse­
Lebensmitteln, Fleischkonsum sowie Kosten der Er­           rung staatlicher Kontrollen und Rechtsdurchsetzung
nährung. Speziell in den Fokus genommene Verbrau­           dargestellt. Die Verbraucherinnen und Verbraucher
cherinnen und Verbraucher mit türkischem oder arabi­        sind verunsichert, welche Inhaltsstoffe und Produk­
schem Migrationshintergrund sind aufgrund religiöser        tionsbedingungen in bzw. hinter ihren Lebensmitteln
Anforderungen an Lebensmittel mit weiteren besonde­         stecken und ob die Angaben auf den Produkten halten,
ren Problemlagen konfrontiert.                              was sie versprechen. Sie erwarten stärkere staatliche
                                                            Regulierung und Kontrolle.
Auf Basis der Diskussionen in den Fokusgruppen und
als Ergebnis von Interviews mit Expertinnen und Ex­         Aus den gewonnenen Erkenntnissen wurden sechs
perten lassen sich drei zentrale Handlungsfelder für        Handlungsempfehlungen an die Politik abgeleitet.
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      1      Einleitung: Ernährung als                             (Hering, 2020). Angesichts der ungewissen Lage änder­

             zentraler und komplexer                               te sich auch die kollektive Wahrnehmung der Versor­
                                                                   gungssicherheit und längst vergangene Urängste traten
             Konsumbereich                                         wieder auf. Auch wenn die Veränderung der Haltungen
                                                                   der Verbraucherinnen und Verbraucher zur Ernährung
      Menschen können nicht überleben, ohne zu essen,              seit COVID-19 nicht Thema dieses Kapitels ist, weil die
      und bis in die 1950er Jahre gehörten nicht nur die Er­       Datenerhebung zu Beginn der Pandemie bereits abge­
      fahrung von Hunger, sondern auch die Frage, wie eine         schlossen war, so verdeutlicht die Corona-Krise doch,
      ausreichende Versorgung mit vielfältigen und nicht-ge­       wie wichtig das Bedarfsfeld Ernährung für die Verbrau­
      sundheitsschädlichen Lebensmitteln gesichert werden          cherinnen und Verbraucher ist.
      kann, zum Alltag eines Großteils (nicht nur) der deut­
      schen Bevölkerung. Insofern ist es nicht verwunder­          Gleichzeitig handelt es sich bei dem Bedarfsfeld Er­
      lich, dass historisch die Verbesserung und Sicherung         nährung aus verschiedenen Gründen um ein für die Da­
      der Nahrungsmittelversorgung der Bevölkerung ein             seinsvorsorge bedeutendes und kulturell vielfältig kon­
      wesentlicher Motor staatlicher Politik, technischer          notiertes Bedarfsfeld, in dem daher jegliche politische
      Neuerungen und der Industrialisierung war (Baur et           Eingriffe sehr heikel sind (Schlegel-Matthies, 2018;
      al., 2019). Die Erschließung neuartiger, als luxuriös gel­   Speck & Liedtke, 2017): Erstens müssen Menschen es­
      tender Lebensmittel war ein zentraler Treiber zunächst       sen und verdorbenes, unverträgliches oder mit Schad­
      der Kolonialisierung und dann der Internationalisierung      stoffen belastetes Essen kann schwere gesundheitliche
      der Weltwirtschaft. Diese zentrale Rolle der Lebens­         Folgen bewirken und im Extremfall sogar zum Tod füh­
      mittelversorgung schien längst Vergangenheit: Seit           ren. Staatliche Eingriffe in den Lebensmittelmarkt sind
      den 1960er Jahren wurden Lebensmittel nicht nur im           dadurch nahezu unabdingbar – allein schon, um die Be­
      Überfluss produziert, sondern Lebensmittelproduktion         völkerung zu schützen. Schließlich besteht auch eine
      und -handel fanden im Zuge der Globalisierung immer          grundrechtliche Schutzpflicht des Staates (Klein, 1989).
      stärker arbeitsteilig in komplexen Warenketten – be­
      stehend aus organisationalen Akteuren wie Zulieferern,       Zweitens haben in allen Kulturen der Welt Mahlzei­
      Landwirten, Veredlern, Logistik- und Handelsunterneh­        ten, Essen und Ernährung eine große symbolische und
      men – statt. Lebensmittel wurden an vielen verschie­         soziale Bedeutung, werden u. a. zur Herstellung der
      denen Orten hergestellt und vertrieben sowie teilweise       eigenen Identität verwendet und sind wesentlicher Be­
      über lange Strecken transportiert (Dannenberg & Kul­         standteil des Alltags (Barlösius, 2016; Kulke et al., 2020;
      ke, 2014). Gleichzeitig wurden Lebensmittel immer bil­       Rückert-John & Reis, 2020). Der Staat steht damit vor
      liger und die Lebensmittelversorgung erschien immer          der paradoxen Herausforderung, dass – obwohl gerade
      mehr als selbstverständliche Infrastruktur.                  im Lebensmittelmarkt Regulierung unabdingbar ist –
                                                                   zugleich staatliche Eingriffe in das Ernährungsverhal­
      Auch heute noch sind Lebensmittel ein zentraler Bereich      ten der Verbraucherinnen und Verbraucher potenziell
      für Verbraucherinnen und Verbraucher, allein schon we­       als illegitime Eingriffe in die Privatsphäre, das Alltags­
      gen der Kosten, die sie verursachen: Nach Wohnkosten         leben und als Bedrohung der eigenen Identität und des
      (35 Prozent) geben Verbraucherinnen und Verbraucher          persönlichen Lebensstils wahrgenommen werden.
      für Ernährung sowie für Mobilität (vgl. C.II) am meisten
      aus (jeweils 14 Prozent des Gesamtbudgets) (Destatis         Drittens ist es sehr schwer, das richtige Ausmaß und die
      & WZB, 2018). Gleichzeitig haben die Einschränkungen         richtigen Formen staatlicher Eingriffe zu finden, da das
      zur Eindämmung der Verbreitung von COVID-19 offen­           Bedarfsfeld Ernährung in mehrerlei Hinsicht komplex
      bart, wie fragil und vulnerabel die Lebensmittelversor­      ist: Da ist zunächst die schiere Vielfalt und Menge an
      gung ist: Lebensmittelgeschäfte standen im März 2020         Waren selbst. So führte 2017 ein durchschnittlicher Su­
      schlagartig im besonderen öffentlichen Interesse und         permarkt etwa 11.000 unterschiedliche Artikel, ein Dis­
      die Lebensmittelbranche gilt seitdem wieder als „sys­        counter etwa 2.000 Artikel (HDE & IFH, 2018, S. 28) – die
      temrelevant“. Um das Infektionsrisiko gering zu hal­         einzelne Person benötigt im Alltag nur einen Bruchteil
      ten, mussten Supermärkte umgestaltet und neue Be­            dieser Artikel und die schiere Anzahl der Artikel macht
      wegungsabläufe im Laden eingeübt sowie Sortimente            es schwer, die Warenfülle überhaupt zu überblicken,
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geschweige denn qualitativ und preislich zu verglei­          Weiterhin wird die Komplexität des Handlungsfeldes
chen. Hinzu kommt, dass es in der Natur der Ware „Le­         Ernährung dadurch erhöht, dass unterschiedliche Ver­
bensmittel“ selbst liegt, dass sie qualitativ variiert, und   braucherinnen und Verbraucher sehr unterschiedliche
dass gerade diese Variation ein wesentliches Qualitäts­       Konsummotive haben (Rückert-John & Reis, 2020).
merkmal ist. So ist kein Apfel wie der andere, und man        Einerseits lassen sich eine ganze Reihe von globalen
denke etwa an die vielen Sorten von Käse in ihren unter­      Großtrends beobachten, die auf Translokalisierung und
schiedlichen Reifegraden und Zubereitungsformen.              globale Homogenisierung des Lebensmittelkonsums
                                                              hindeuten. Hierzu gehören die „McDonaldisierung“ –
Um Waren qualitativ und preislich angemessen zu               also die Gleichzeitigkeit von Verwestlichung (vor allem
vergleichen, müsste eine interessierte Person die sie         Amerikanisierung), Homogenisierung und Standardi­
interessierenden Lebensmittel über verschiedene Lä­           sierung (Ritzer et al., 2000) –, die eher auf kurzfristige
den hinweg vergleichen. Hierbei ist eine Fülle der Ver­       Bedürfnisbefriedigung angelegte Gegenwartsorien­
triebsformen zu beachten, die – wenn Lebensmittel             tierung und die eher langfristigen Orientierungen auf
nur eingekauft und zu Hause zubereitet werden – vom           Gesundheit und Schönheit oder Umweltaspekte (Hell­
nicht-stationären Online-Handel (z. B. Amazon-Fresh,          mann, 2014). Auch gibt es einen Trend zu neuen Techno­
Bringmeister, Flaschenpost) über den teilstationären          logien und Entwicklungen im Zusammenhang mit der
Handel (z. B. Marktstände auf dem Wochenmarkt) zum            Bioökonomie, wie zum Beispiel die Herstellung synthe­
stationären Handel in seinen verschiedenen Betriebsfor­       tischen Fleischs (acatech & Körber-Stiftung, 2020).
men (z. B. Supermärkte, Discounter, Bio-Läden, spezia­
lisierte Lebensmittelgeschäfte) reicht. Hinzu kommen          Der Lebensmittelkonsum ist auch zutiefst in das All­
die vielfältigen Angebote des Außer-Haus-Konsums:             tagsleben eingebettet und zentraler Bestandteil des
Konditoreien, Bäckereien, Imbissbuden, Cafés, Restau­         Lebensstils (Baur & Akremi, 2012; Schulze, 1996). So ist
rants, Kantinen, Schulküchen oder Mensen.                     etwa nicht allen Menschen Essen gleich wichtig (Bar­
                                                              lösius, 2016), was zu unterschiedlichen Mustern der
Die Lebensmittel, die Verbraucherinnen und Verbraucher        Marktentnahme führt und damit der Homogenisierung
im Alltag selbst einkaufen und zubereiten, beziehen sie       des Konsums entgegenwirkt. Es lassen sich fünf ver­
durchschnittlich in einem Radius von nur zwei Kilometern      schiedene, einander überlappende symbolische Funk­
um das Wohnumfeld (Fülling & Hering, 2020). Dennoch           tionen des Konsums unterscheiden (Reisch, 2002):
ist auch hier die durch die Zahl der Wahlmöglichkeiten
entstehende Komplexität enorm. Betrachtet man etwa            1. Konsum allgemein und Essen im Besonderen kann
nur die Geschäfte des stationären Lebensmitteleinzel­            innenorientiert sein und etwa der Expression des
handels, so konkurrierten beispielsweise 2018 allein in          Selbstwertgefühls, der Identität und des Selbst­
den Wohngebieten Kollwitzplatz und Winsstraße in Berlin          konzepts von Menschen dienen (Barlösius, 2016;
(die in etwa diesem Zwei-Kilometer-Radius entsprechen)           Schulze, 1996). Dies hat zur Folge, dass trotz globa­
79 Geschäfte des Lebensmitteleinzelhandels (ebd., S. 33).        ler Trends kulturelle Unterschiede im Essverhalten
                                                                 erhalten bleiben (Warde, Cheng & Olsen, 2007). Es
Die Komplexität der Auswahlentscheidung wird für                 lässt sich ein regelrechter „Gastronationalismus“
Verbraucherinnen und Verbraucher weiter dadurch                  beobachten, d. h. eine Bevorzugung „einheimischer“,
erhöht, dass Wertschöpfungsketten zwar sehr kurz                 „lokaler“ Küche (DeSoucey, 2010). Dies hat etwa Fol­
sein können – z. B. durch den zunehmenden Trend zum              gen für die typischerweise verwendeten Zutaten. So
Kauf regionaler Produkte oder durch Gemüseanbau im               werden Tomaten insbesondere in der italienischen
eigenen Garten –, aber viele gerade in Supermärkten              Küche sehr häufig verwendet, während sie in der
vertriebenen Lebensmittel massenindustriell in globa­            traditionellen deutschen Küche gar nicht auftauchen.
len Wertschöpfungsketten hergestellt werden. Hierzu
koordinieren sich oft buchstäblich tausende Akteure,          2. Konsum ist darüber hinaus durch Affekte geprägt,
bestehend aus Zulieferern, Landwirten, Veredlern, Lo­            indem er imaginativ ist und Verbraucherinnen und
gistik- und Handelsunternehmen. Waren stammen von                Verbraucher durch ihn angenehm empfundene Ge­
vielen verschiedenen Orten und werden teilweise über             fühle kreieren, verlängern, verstärken und genie­
lange Strecken transportiert (Dannenberg & Kulke,                ßen sowie von nie erreichbaren Lebensstilen und
2014; Kulke, 2007; Kulke & Suwala, 2016).                        -welten träumen (Hellmann & Zurstiege, 2008).
169

168   2021 GUTACHTEN ZUR LAGE DER V
                                  ­ ERBRAUCHERINNEN UND VERBRAUCHER




         Wenn etwa eine Person im Sommer eine ver­               Unabhängig davon, welche Konsummotive die Verbrau­
         krümmte, aber wohlriechende Tomate von einem            cherinnen und Verbraucher verfolgen, so schlagen sich
         Nachbarn geschenkt bekommt, assoziiert sie viel­        diese Konsummotive nicht direkt im Einkaufsverhalten
         leicht den Garten der Großmutter, mit der sie in        nieder. Vielmehr lassen sich oft Widersprüche zwischen
         ihrer Kindheit viele schöne Stunden verbracht hat.      den eigenen Ansprüchen und Vorstellungen und dem kon­
         Alternativ könnte sich Affektivität auf ferne, „frem­   kretem Einkaufsverhalten nachweisen (Kofahl & Jahnke,
         de“, „exotische“ Orte beziehen. So könnte es sein,      2020). Schließlich unterscheiden sich Verbraucherinnen
         dass Verbraucherinnen und Verbraucher beispiels­        und Verbraucher gerade in Bezug auf Lebensmittel sehr
         weise mit Papayas ferne Länder assoziieren, in die      stark darin, wieviel Entscheidungsfreiheit sie sich wün­
         sie gerne reisen würden.                                schen, welche Arten von Informationen über Lebensmittel
                                                                 sie wie vermittelt bekommen wollen sowie ab wann sie
      3. Eine andere Affektivität des Konsums betrifft die       sich wieviel gesetzliche Regulierung wünschen (Baur &
         Kompensation von ungelösten Problemen, etwa             Wenzel, 2015; DECHEMA e. V., 2016; Wenzel & Baur, 2016).
         indem man sich eine Tafel Schokolade „gönnt“.
         Kompensation kann auch bedeuten, dass man ein­          Angesichts der Relevanz des Bedarfsfelds Ernährung
         fach „shoppen geht“, d. h. der Einkauf an sich ist      für Verbraucherinnen und Verbraucher bei gleichzeiti­
         die Kompensation. Es kann hier zu einer Affektivi­      ger Vielfalt und Komplexität der Themen, stellt sich im
         tät in Bezug auf den Einkaufsort kommen und der         Folgenden die Frage, welche Prioritäten die Politik aus
         Raum selbst wird konsumiert, indem man z. B. in         der Perspektive der Verbraucherinnen und Verbraucher
         der „Fifth Avenue“ oder auf dem „Bio-Markt“ ein­        in diesem Bedarfsfeld setzen sollte. Datenbasis der fol­
         kauft (Hellmann & Zurstiege, 2008).                     genden Darstellungen bildet dabei eine Methodenkombi­
                                                                 nation aus (a) den Erkenntnissen von sechs Fokusgrup­
      4. Verbraucherinnen und Verbraucher können versu­          pen, die der SVRV für dieses Gutachten durchgeführt hat,
         chen, über ihr Kaufverhalten bzw. den Konsumstil        sowie (b) Gesprächen mit Expertinnen und Experten. Ziel
         Kompetenz zu illustrieren und damit einen guten         der Fokusgruppen war es, mit Verbraucherinnen und
         Eindruck zu erwecken (Schulze, 1996). Beispiels­        Verbrauchern unterschiedlicher Regionen und Lebens­
         weise gibt es bei Tomaten neben massenindustriell       lagen in den Dialog zu treten und ihren Stimmen Gehör
         hergestellten Tomaten auch „alte Sorten“, die in        zu verschaffen. Die Expertengespräche thematisierten
         Form, Farbe und Größe sehr unregelmäßig sind,           zusätzlich strukturelle Aspekte, die den Erfahrungsho­
         deren Haut sehr leicht verletzt werden kann (und        rizont der einzelnen Verbraucherin oder des einzelnen
         die deshalb nicht massenindustriell verarbeitet         Verbrauchers übersteigen und deshalb in den Gruppen­
         oder weit transportiert werden können) und die          diskussionen nicht thematisiert werden konnten. (c) Die­
         intensiv und sehr unterschiedlich schmecken. In­        se Ergebnisse werden zusätzlich mit den Befunden aus
         dem eine Person statt industriell hergestellten         repräsentativen Befragungen trianguliert. Die Details
         „Holland-Tomaten“ diese alten Sorten erkennt und        der Methodik werden im Abschnitt 2 erläutert.
         kauft, illustriert sie möglicherweise, dass sie sich
         mit Lebensmitteln besonders gut auskennt.               Das Kapitel fokussiert ausschließlich auf selbst ein­
                                                                 gekaufte und zubereitete Lebensmittel. Auch wenn der
      5. Menschen passen sich den Normen und Werten              Außer-Haus-Konsum aus Gründen der Themenfokus­
         einer bestimmten sozialen Schicht, Berufsgrup­          sierung bewusst ausgeklammert wird, so sei doch aus­
         pe, Subkultur etc. an, um die Zugehörigkeit zu ihr      drücklich darauf hingewiesen, dass dieser Bereich in
         zu erlangen, zu wahren und zu signalisieren. Da­        Bezug auf das Bedarfsfeld Ernährung ein von der Poli­
         her kann Konsum ein wesentliches Mittel zur so­         tik oft vernachlässigter, aber wegen seiner Bedeutsam­
         zialen Distinktion gegenüber anderen Gruppen sein       keit für die Verbraucherinnen und Verbraucher nicht zu
         (Bourdieu, 1982; Elias, 1997, org.1939; Schulze,        unterschätzender Bereich ist, zu dem sich der SVRV zu
         1996). So kann es sein, dass man die gerade er­         gegebenem Zeitpunkt gesondert äußern wird. Besonders
         wähnten „alten Sorten“ nicht konsumiert, weil sie       (wenn auch nicht ausschließlich) bei Erwerbstätigen, Stu­
         einem selbst gut schmecken, sondern weil sie be­        dierenden und Auszubildenden spielt der Außer-Haus-
         sonders „exklusiv“ sind und damit einen gehobe­         Konsum eine große Rolle: In der Altersgruppe der 20-
         nen Geschmack signalisieren.                            bis 29-Jährigen essen lediglich 36 Prozent wochentags
170

C Die Lage der V
               ­ erbraucherinnen und Verbraucher in ­zentralen B
                                                               ­ edarfsfeldern                                                             169




das Mittagsessen zu Hause, bei den 30- bis 39-Jährigen
sind es rund 39 Prozent und bei den 40- bis 49-Jährigen               2       Methode
40 Prozent (GfK Consumer Panels & BVE, 2015, S. 21 ff.).
Auch bei Kindern hat der Ausbau der Ganztagsbetreu­                   Um die relevantesten Verbraucherprobleme im Be­
ung bzw. Ganztagsschulen zu einem deutlichen Rück­                    darfsfeld Ernährung in Bezug auf selbst eingekaufte
gang häuslicher Mahlzeiten geführt (ebd.). Hinzu kommt,               und zubereitete Lebensmittel zu identifizieren und mit
dass – auch wenn hier eine solide Datengrundlage fehlt                verschiedenen Verbrauchergruppen über einzelne As­
(vgl. C.I Wohnen) – ein nicht unerheblicher Teil der älte­            pekte des Themenfelds zu diskutieren, hat der SVRV
ren Bevölkerung in Alters- und Pflegeheimen wohnt und                 zwischen November 2019 und Januar 2020 in Zusam­
auch dort in der Regel Mahlzeiten nicht selbst gekocht,               menarbeit mit dem Marktforschungsinstitut Ipsos Fo­
sondern für die Bewohnerinnen und Bewohner zubereitet                 kusgruppen durchgeführt.
werden. Dabei zeigt sich, dass sich Ernährungspräferen­
zen und -verhalten zwischen Mahlzeiten zu Hause und                   Bei Fokusgruppenbefragungen bzw. Gruppendiskussi­
Außer-Haus häufig unterscheiden, zum Beispiel in Bezug                onen handelt es sich um ein Instrument der qualitati­
auf Nachhaltigkeitsaspekte (Pfeiffer, Speck & Strassner,              ven Sozialforschung mit explorativem Charakter (Vogl,
2017). Vor allem aber haben die Verbraucherinnen und                  2019). In kleinen Gruppen (8 bis 10 Personen) wurde
Verbraucher beim Außer-Haus-Konsum oft weniger Ein­                   mit Verbraucherinnen und Verbrauchern in einem Zeit­
fluss auf die Auswahl und Zusammensetzung der Spei­                   raum von etwa zwei Stunden über ihre Alltagserfahrun­
sen, als wenn sie selbst zu Hause kochen.                             gen im Bereich der Ernährung und des Lebensmittel­
                                                                      einkaufs diskutiert.
Nicht nur die obigen Ausführungen, sondern auch die
Ergebnisse der empirischen Analysen des SVRV zeigen,                  Für die Rekrutierung der Teilnehmerinnen und Teil­
dass die Komplexität des Bedarfsfeldes Ernährung selbst               nehmer wurde ein differenzierter Stichprobenplan ent­
dann enorm ist, wenn man sich nur auf selbst eingekauf­               wickelt. Ziel war es, nach dem Kontrastgruppenprinzip
te und zubereitete Lebensmittel fokussiert. Die Komple­               (Baur & Christmann, 2021) Einblick in die Lebenswelt
xität des Bedarfsfeldes Ernährung drückt sich vor allem               von möglichst unterschiedlichen Verbrauchergruppen
darin aus, dass die Verbraucherinnen und Verbraucher                  zu gewinnen und eine Meinungs- und Problemviel­
sehr viele und unterschiedliche, teilweise widersprüch­               falt abzubilden. Erstes Kriterium, dass zur Bildung
liche Problemlagen sehen, und dass unterschiedliche                   der Gruppen herangezogen wurde, waren die lokalen
Verbrauchergruppen im Alltag teils sehr unterschiedli­                Lebensverhältnisse. Angestrebt wurde eine Streu­
che Herausforderungen bewältigen müssen. Abschnitt 3                  ung sowohl nach Regionen – Nord-/Westdeutschland,
beschreibt eine Auswahl der genannten Herausforderun­                 Süddeutschland und Ostdeutschland – und siedlungs­
gen. Auswahlkriterium war, dass diese Herausforderun­                 strukturellen Raumtypen. Zur Identifizierung letzterer
gen und Problemlagen in den Fokusgruppen von den Ver­                 wurde die Raumgliederung auf Kreisbasis des Bundes­
braucherinnen und Verbrauchern besonders häufig und                   instituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)1
als besonders dringlich thematisiert wurden. Aus diesen               genutzt und entsprechend kreisfreie Großstädte, städ­
Herausforderungen und Problemlagen lassen sich drei                   tische Kreise und dünn besiedelte ländliche Kreise
zentrale Handlungsfelder für die Politik ableiten, die ihre           ausgewählt (siehe Abbildung C.III-1).
Wirksamkeit nur im Gesamtpaket entfalten können und
die in Abschnitt 4 dargestellt werden: die Verbesserung               Neben der räumlichen Differenzierung waren sozial­
der Verbraucherinformationen, der Verbraucherbildung                  strukturelle Unterschiede zwischen den Befragten ein
sowie der staatlichen Kontrollen und Rechtsdurchset­                  zweites Kriterium für die Entwicklung des Stichproben­
zung. Abschnitt 5 leitet aus den empirischen Befunden                 plans. Konkret wurden über die Gruppen hinweg syste­
konkrete Handlungsempfehlungen ab, wie die Hand­                      matisch Bildungsgrad und sozioökonomischer Status,
lungsfelder politisch ausgestaltet werden können.                     Alter, Geschlecht und Migrationshintergrund variiert.




1   Referenzdateien und Karten können auf der Website des BBSR abgerufen werden: https://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/forschung/raumbeobach-
    tung/downloads/downloadsReferenz2.html.
171

170   2021 GUTACHTEN ZUR LAGE DER V
                                  ­ ERBRAUCHERINNEN UND VERBRAUCHER




      Da beim Thema Ernährung starke Generationenunter­         eine der ältesten Migrantengruppen in Deutschland,
      schiede vermutet wurden, wurde dem Alter ein beson­       nämlich um Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter der
      deres Augenmerk geschenkt, indem eine Gruppe aus          1960er und 1970er Jahre, deren nachgezogenen Fami­
      Verbraucherinnen und Verbrauchern über 70 Jahren          lienmitglieder sowie deren Nachfahrinnen und Nach­
      und eine Gruppe mit jungen Erwachsenen im Alter von       fahren. Die Migrationsmotive der älteren Generation
      18 bis 20 Jahren durchgeführt wurde.                      waren damit i. d. R. die Arbeitssuche oder die Heirat.
                                                                Im Gegensatz dazu sind acht von zehn in Deutschland
      Weiterhin wurde vermutet, dass vor allem bei einkom­      lebenden Syrerinnen und Syrern Geflohene (Destatis,
      mensschwächeren Haushalten die Frage der Kosten           2019). Es handelt sich um eine überwiegend erst kürz­
      eine besondere Rolle spielt, weshalb bewusst eine         lich in den letzten zehn Jahren seit Beginn des Syrien-
      Diskussionsgruppe aus Verbraucherinnen und Ver­           Kriegs zugezogene Gruppe, die größtenteils aus jungen
      brauchern mit niedrigem Einkommen gebildet wurde,         Männern besteht, aber dennoch recht groß ist: 2017
      wobei – um die Rekrutierung zu erleichtern – das Ein­     lebten in Deutschland etwa 700.000 Syrierinnen und
      kommen mithilfe des Bildungsstandes approximiert          Syrer (ebd.), das sind etwas weniger als 1 Prozent der
      und Personen mit höchstens Volks- oder Hauptschul­        deutschen und etwa 4 Prozent der migrantischen Be­
      abschluss angefragt wurden, da die mit diesen Bil­        völkerung. Um die Rekrutierung zu erleichtern, wurden
      dungsabschlüssen erreichbaren Berufe typischerwei­        mithilfe des Mikrozensus und des Migrationsatlas (De­
      se mit deutlich geringeren Durchschnittseinkommen         statis, BA & BAMF, 2019) bewusst Kreise ausgewählt,
      als Akademikerberufe verbunden sind (IAB, 2017). Aus      in denen die jeweiligen Migrantengruppen ausreichend
      demselben Grund wurde auch die Gruppe mit jungen          stark vertreten sind.
      Erwachsenen bewusst aus Nicht-Abiturientinnen und
      Nicht-Abiturienten gebildet.                              Ein Überblick über die Zusammensetzung der einzel­
                                                                nen Fokusgruppen findet sich auf Seite 173.
      Weiterhin ist von allen Konsumbereichen Ernährung
      derjenige, der am stärksten der Expression und des        In Abstimmung mit Ipsos wurde ein Gesprächsleit­
      Selbstkonzepts von Menschen dient (Barlösius, 2016;       faden (Vogl, 2019) für die Diskussionsleiterinnen und
      Schulze, 1996). Dies hat zur Folge, dass trotz globaler   Diskussionsleiter entwickelt. Anders als bei standardi­
      Trends nationale Unterschiede im Essverhalten er­         sierten Befragungen wurden bewusst die Fragen in der
      halten bleiben (Warde, Cheng & Olsen, 2007). Es steht     Diskussion nicht bei allen sechs Gruppen vollkommen
      zu vermuten, dass diese starken kulturellen Unter­        identisch zur Anwendung gebracht, um besser dem
      schiede in den Ernährungsgewohnheiten zumindest           Gesprächsfluss folgen zu können. Den Moderatorinnen
      teilweise beibehalten werden, wenn Menschen wan­          und Moderatoren wurde vielmehr die Möglichkeit ein­
      dern. Deshalb wurde ein besonderes Augenmerk auf          geräumt, flexibel auf Entwicklungen in der Diskussion
      den Migrationshintergrund gelegt. Da anzunehmen ist,      zu reagieren.
      dass – je nach Herkunftsland – starke Unterschiede
      innerhalb der migrantischen Bevölkerung zu finden         Beim Aufbau des Leitfadens wurde darauf geachtet,
      sind, wurden zwei Tiefenbohrungen vorgenommen: Die        dass mit allgemeinen Fragen begonnen und spezielle­
      Wahl fiel dabei aus mehreren Gründen auf türkische        ren Fragen geendet wird, damit die Befragten nicht zu
      und arabischstämmige Migrantinnen und Migranten,          Beginn überfordert und von der Äußerung eigener An­
      wobei sich letztere Gruppe aus syrischen Geflohenen       sichten abgeschreckt werden. Aus diesem Grund wur­
      zusammensetzte. Erstens sind beide Migrantengrup­         de mit einer Vorstellungsrunde und Beschreibung der
      pen überwiegend Musliminnen und Muslime – die             Lebenswelt der Teilnehmerinnen und Teilnehmer be­
      Halal-Küche verbietet einige Nahrungsmittel (z. B.        gonnen. Anschließend wurde auf das Thema Ernährung
      Alkohol, Schweinefleisch, Blut), was ggf. etwa bei der    fokussiert. Im Zentrum stand die Frage, wie Verbrau­
      Lebensmittelkennzeichnung bestimmte besondere             cherinnen und Verbraucher ihren Lebensmitteleinkauf
      Anforderungen und Probleme zur Folge hat. Zweitens        und ihre Ernährung gestalten, welche Herausforderun­
      leben in Deutschland rund 2,8 Mio. Personen mit tür­      gen und Probleme ihnen dabei begegnen und wie sie
      kischem Migrationshintergrund (Destatis, 2019) – das      mit diesen umgehen. Auch Wünsche und Forderungen
      sind 3 Prozent der deutschen und 14 Prozent der mi­       an Politik, Unternehmen oder Gesellschaft sollten ge­
      grantischen Bevölkerung. Dabei handelt es sich um         äußert werden. Als zentrale Themenfelder ergaben
172

C Die Lage der V
               ­ erbraucherinnen und Verbraucher in ­zentralen B
                                                               ­ edarfsfeldern                                                               171




Abbildung C.III-1: Ausgewählte Landkreise für die Fokusgruppen, Siedlungsstrukturelle Kreistypen 2018




                                                                    Kiel



                                                       Hamburg, HH

                                                                                             Schwerin
                                                                                                         Kreis Mecklenburgische Seenplatte, MV
                                            Bremen



        Kreis Emsland, NI

                                                                                                               Berlin
                                                              Hannover
                                                                                         Magdeburg       Potsdam




                            Kreis Mettmann, NRW
                                                                                                                     Dresden, SN
           Düsseldorf
                                                                                Erfurt




                                  Wiesbaden

                                  Mainz




              Saarbrücken
                                               Kreis Rhein-Neckar, BW



                                               Stuttgart




                                                                                      München




     100 km




    Kreisfreie Großstadt       Städtischer Kreis           Ländlicher Kreis mit Verdichtungansätzen     Dünn besiedelter ländlicher Kreis

Datenbasis: Laufende Raumbeobachtung des BBSR (BBSR, 2019), Geometrische Grundlage: Kreise (generalisiert), 31.12.2018, © GeoBasis-DE/BKG,
Layout wurde angepasst.
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