gutachten-lage-der-verbraucherinnen

Dieses Dokument ist Teil der Anfrage „Gutachten des Sachverständigenrats für Verbraucherfragen

/ 430
PDF herunterladen
168   2021 GUTACHTEN ZUR LAGE DER V
                                  ­ ERBRAUCHERINNEN UND VERBRAUCHER




         Wenn etwa eine Person im Sommer eine ver­               Unabhängig davon, welche Konsummotive die Verbrau­
         krümmte, aber wohlriechende Tomate von einem            cherinnen und Verbraucher verfolgen, so schlagen sich
         Nachbarn geschenkt bekommt, assoziiert sie viel­        diese Konsummotive nicht direkt im Einkaufsverhalten
         leicht den Garten der Großmutter, mit der sie in        nieder. Vielmehr lassen sich oft Widersprüche zwischen
         ihrer Kindheit viele schöne Stunden verbracht hat.      den eigenen Ansprüchen und Vorstellungen und dem kon­
         Alternativ könnte sich Affektivität auf ferne, „frem­   kretem Einkaufsverhalten nachweisen (Kofahl & Jahnke,
         de“, „exotische“ Orte beziehen. So könnte es sein,      2020). Schließlich unterscheiden sich Verbraucherinnen
         dass Verbraucherinnen und Verbraucher beispiels­        und Verbraucher gerade in Bezug auf Lebensmittel sehr
         weise mit Papayas ferne Länder assoziieren, in die      stark darin, wieviel Entscheidungsfreiheit sie sich wün­
         sie gerne reisen würden.                                schen, welche Arten von Informationen über Lebensmittel
                                                                 sie wie vermittelt bekommen wollen sowie ab wann sie
      3. Eine andere Affektivität des Konsums betrifft die       sich wieviel gesetzliche Regulierung wünschen (Baur &
         Kompensation von ungelösten Problemen, etwa             Wenzel, 2015; DECHEMA e. V., 2016; Wenzel & Baur, 2016).
         indem man sich eine Tafel Schokolade „gönnt“.
         Kompensation kann auch bedeuten, dass man ein­          Angesichts der Relevanz des Bedarfsfelds Ernährung
         fach „shoppen geht“, d. h. der Einkauf an sich ist      für Verbraucherinnen und Verbraucher bei gleichzeiti­
         die Kompensation. Es kann hier zu einer Affektivi­      ger Vielfalt und Komplexität der Themen, stellt sich im
         tät in Bezug auf den Einkaufsort kommen und der         Folgenden die Frage, welche Prioritäten die Politik aus
         Raum selbst wird konsumiert, indem man z. B. in         der Perspektive der Verbraucherinnen und Verbraucher
         der „Fifth Avenue“ oder auf dem „Bio-Markt“ ein­        in diesem Bedarfsfeld setzen sollte. Datenbasis der fol­
         kauft (Hellmann & Zurstiege, 2008).                     genden Darstellungen bildet dabei eine Methodenkombi­
                                                                 nation aus (a) den Erkenntnissen von sechs Fokusgrup­
      4. Verbraucherinnen und Verbraucher können versu­          pen, die der SVRV für dieses Gutachten durchgeführt hat,
         chen, über ihr Kaufverhalten bzw. den Konsumstil        sowie (b) Gesprächen mit Expertinnen und Experten. Ziel
         Kompetenz zu illustrieren und damit einen guten         der Fokusgruppen war es, mit Verbraucherinnen und
         Eindruck zu erwecken (Schulze, 1996). Beispiels­        Verbrauchern unterschiedlicher Regionen und Lebens­
         weise gibt es bei Tomaten neben massenindustriell       lagen in den Dialog zu treten und ihren Stimmen Gehör
         hergestellten Tomaten auch „alte Sorten“, die in        zu verschaffen. Die Expertengespräche thematisierten
         Form, Farbe und Größe sehr unregelmäßig sind,           zusätzlich strukturelle Aspekte, die den Erfahrungsho­
         deren Haut sehr leicht verletzt werden kann (und        rizont der einzelnen Verbraucherin oder des einzelnen
         die deshalb nicht massenindustriell verarbeitet         Verbrauchers übersteigen und deshalb in den Gruppen­
         oder weit transportiert werden können) und die          diskussionen nicht thematisiert werden konnten. (c) Die­
         intensiv und sehr unterschiedlich schmecken. In­        se Ergebnisse werden zusätzlich mit den Befunden aus
         dem eine Person statt industriell hergestellten         repräsentativen Befragungen trianguliert. Die Details
         „Holland-Tomaten“ diese alten Sorten erkennt und        der Methodik werden im Abschnitt 2 erläutert.
         kauft, illustriert sie möglicherweise, dass sie sich
         mit Lebensmitteln besonders gut auskennt.               Das Kapitel fokussiert ausschließlich auf selbst ein­
                                                                 gekaufte und zubereitete Lebensmittel. Auch wenn der
      5. Menschen passen sich den Normen und Werten              Außer-Haus-Konsum aus Gründen der Themenfokus­
         einer bestimmten sozialen Schicht, Berufsgrup­          sierung bewusst ausgeklammert wird, so sei doch aus­
         pe, Subkultur etc. an, um die Zugehörigkeit zu ihr      drücklich darauf hingewiesen, dass dieser Bereich in
         zu erlangen, zu wahren und zu signalisieren. Da­        Bezug auf das Bedarfsfeld Ernährung ein von der Poli­
         her kann Konsum ein wesentliches Mittel zur so­         tik oft vernachlässigter, aber wegen seiner Bedeutsam­
         zialen Distinktion gegenüber anderen Gruppen sein       keit für die Verbraucherinnen und Verbraucher nicht zu
         (Bourdieu, 1982; Elias, 1997, org.1939; Schulze,        unterschätzender Bereich ist, zu dem sich der SVRV zu
         1996). So kann es sein, dass man die gerade er­         gegebenem Zeitpunkt gesondert äußern wird. Besonders
         wähnten „alten Sorten“ nicht konsumiert, weil sie       (wenn auch nicht ausschließlich) bei Erwerbstätigen, Stu­
         einem selbst gut schmecken, sondern weil sie be­        dierenden und Auszubildenden spielt der Außer-Haus-
         sonders „exklusiv“ sind und damit einen gehobe­         Konsum eine große Rolle: In der Altersgruppe der 20-
         nen Geschmack signalisieren.                            bis 29-Jährigen essen lediglich 36 Prozent wochentags
170

C Die Lage der V
               ­ erbraucherinnen und Verbraucher in ­zentralen B
                                                               ­ edarfsfeldern                                                             169




das Mittagsessen zu Hause, bei den 30- bis 39-Jährigen
sind es rund 39 Prozent und bei den 40- bis 49-Jährigen               2       Methode
40 Prozent (GfK Consumer Panels & BVE, 2015, S. 21 ff.).
Auch bei Kindern hat der Ausbau der Ganztagsbetreu­                   Um die relevantesten Verbraucherprobleme im Be­
ung bzw. Ganztagsschulen zu einem deutlichen Rück­                    darfsfeld Ernährung in Bezug auf selbst eingekaufte
gang häuslicher Mahlzeiten geführt (ebd.). Hinzu kommt,               und zubereitete Lebensmittel zu identifizieren und mit
dass – auch wenn hier eine solide Datengrundlage fehlt                verschiedenen Verbrauchergruppen über einzelne As­
(vgl. C.I Wohnen) – ein nicht unerheblicher Teil der älte­            pekte des Themenfelds zu diskutieren, hat der SVRV
ren Bevölkerung in Alters- und Pflegeheimen wohnt und                 zwischen November 2019 und Januar 2020 in Zusam­
auch dort in der Regel Mahlzeiten nicht selbst gekocht,               menarbeit mit dem Marktforschungsinstitut Ipsos Fo­
sondern für die Bewohnerinnen und Bewohner zubereitet                 kusgruppen durchgeführt.
werden. Dabei zeigt sich, dass sich Ernährungspräferen­
zen und -verhalten zwischen Mahlzeiten zu Hause und                   Bei Fokusgruppenbefragungen bzw. Gruppendiskussi­
Außer-Haus häufig unterscheiden, zum Beispiel in Bezug                onen handelt es sich um ein Instrument der qualitati­
auf Nachhaltigkeitsaspekte (Pfeiffer, Speck & Strassner,              ven Sozialforschung mit explorativem Charakter (Vogl,
2017). Vor allem aber haben die Verbraucherinnen und                  2019). In kleinen Gruppen (8 bis 10 Personen) wurde
Verbraucher beim Außer-Haus-Konsum oft weniger Ein­                   mit Verbraucherinnen und Verbrauchern in einem Zeit­
fluss auf die Auswahl und Zusammensetzung der Spei­                   raum von etwa zwei Stunden über ihre Alltagserfahrun­
sen, als wenn sie selbst zu Hause kochen.                             gen im Bereich der Ernährung und des Lebensmittel­
                                                                      einkaufs diskutiert.
Nicht nur die obigen Ausführungen, sondern auch die
Ergebnisse der empirischen Analysen des SVRV zeigen,                  Für die Rekrutierung der Teilnehmerinnen und Teil­
dass die Komplexität des Bedarfsfeldes Ernährung selbst               nehmer wurde ein differenzierter Stichprobenplan ent­
dann enorm ist, wenn man sich nur auf selbst eingekauf­               wickelt. Ziel war es, nach dem Kontrastgruppenprinzip
te und zubereitete Lebensmittel fokussiert. Die Komple­               (Baur & Christmann, 2021) Einblick in die Lebenswelt
xität des Bedarfsfeldes Ernährung drückt sich vor allem               von möglichst unterschiedlichen Verbrauchergruppen
darin aus, dass die Verbraucherinnen und Verbraucher                  zu gewinnen und eine Meinungs- und Problemviel­
sehr viele und unterschiedliche, teilweise widersprüch­               falt abzubilden. Erstes Kriterium, dass zur Bildung
liche Problemlagen sehen, und dass unterschiedliche                   der Gruppen herangezogen wurde, waren die lokalen
Verbrauchergruppen im Alltag teils sehr unterschiedli­                Lebensverhältnisse. Angestrebt wurde eine Streu­
che Herausforderungen bewältigen müssen. Abschnitt 3                  ung sowohl nach Regionen – Nord-/Westdeutschland,
beschreibt eine Auswahl der genannten Herausforderun­                 Süddeutschland und Ostdeutschland – und siedlungs­
gen. Auswahlkriterium war, dass diese Herausforderun­                 strukturellen Raumtypen. Zur Identifizierung letzterer
gen und Problemlagen in den Fokusgruppen von den Ver­                 wurde die Raumgliederung auf Kreisbasis des Bundes­
braucherinnen und Verbrauchern besonders häufig und                   instituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)1
als besonders dringlich thematisiert wurden. Aus diesen               genutzt und entsprechend kreisfreie Großstädte, städ­
Herausforderungen und Problemlagen lassen sich drei                   tische Kreise und dünn besiedelte ländliche Kreise
zentrale Handlungsfelder für die Politik ableiten, die ihre           ausgewählt (siehe Abbildung C.III-1).
Wirksamkeit nur im Gesamtpaket entfalten können und
die in Abschnitt 4 dargestellt werden: die Verbesserung               Neben der räumlichen Differenzierung waren sozial­
der Verbraucherinformationen, der Verbraucherbildung                  strukturelle Unterschiede zwischen den Befragten ein
sowie der staatlichen Kontrollen und Rechtsdurchset­                  zweites Kriterium für die Entwicklung des Stichproben­
zung. Abschnitt 5 leitet aus den empirischen Befunden                 plans. Konkret wurden über die Gruppen hinweg syste­
konkrete Handlungsempfehlungen ab, wie die Hand­                      matisch Bildungsgrad und sozioökonomischer Status,
lungsfelder politisch ausgestaltet werden können.                     Alter, Geschlecht und Migrationshintergrund variiert.




1   Referenzdateien und Karten können auf der Website des BBSR abgerufen werden: https://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/forschung/raumbeobach-
    tung/downloads/downloadsReferenz2.html.
171

170   2021 GUTACHTEN ZUR LAGE DER V
                                  ­ ERBRAUCHERINNEN UND VERBRAUCHER




      Da beim Thema Ernährung starke Generationenunter­         eine der ältesten Migrantengruppen in Deutschland,
      schiede vermutet wurden, wurde dem Alter ein beson­       nämlich um Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter der
      deres Augenmerk geschenkt, indem eine Gruppe aus          1960er und 1970er Jahre, deren nachgezogenen Fami­
      Verbraucherinnen und Verbrauchern über 70 Jahren          lienmitglieder sowie deren Nachfahrinnen und Nach­
      und eine Gruppe mit jungen Erwachsenen im Alter von       fahren. Die Migrationsmotive der älteren Generation
      18 bis 20 Jahren durchgeführt wurde.                      waren damit i. d. R. die Arbeitssuche oder die Heirat.
                                                                Im Gegensatz dazu sind acht von zehn in Deutschland
      Weiterhin wurde vermutet, dass vor allem bei einkom­      lebenden Syrerinnen und Syrern Geflohene (Destatis,
      mensschwächeren Haushalten die Frage der Kosten           2019). Es handelt sich um eine überwiegend erst kürz­
      eine besondere Rolle spielt, weshalb bewusst eine         lich in den letzten zehn Jahren seit Beginn des Syrien-
      Diskussionsgruppe aus Verbraucherinnen und Ver­           Kriegs zugezogene Gruppe, die größtenteils aus jungen
      brauchern mit niedrigem Einkommen gebildet wurde,         Männern besteht, aber dennoch recht groß ist: 2017
      wobei – um die Rekrutierung zu erleichtern – das Ein­     lebten in Deutschland etwa 700.000 Syrierinnen und
      kommen mithilfe des Bildungsstandes approximiert          Syrer (ebd.), das sind etwas weniger als 1 Prozent der
      und Personen mit höchstens Volks- oder Hauptschul­        deutschen und etwa 4 Prozent der migrantischen Be­
      abschluss angefragt wurden, da die mit diesen Bil­        völkerung. Um die Rekrutierung zu erleichtern, wurden
      dungsabschlüssen erreichbaren Berufe typischerwei­        mithilfe des Mikrozensus und des Migrationsatlas (De­
      se mit deutlich geringeren Durchschnittseinkommen         statis, BA & BAMF, 2019) bewusst Kreise ausgewählt,
      als Akademikerberufe verbunden sind (IAB, 2017). Aus      in denen die jeweiligen Migrantengruppen ausreichend
      demselben Grund wurde auch die Gruppe mit jungen          stark vertreten sind.
      Erwachsenen bewusst aus Nicht-Abiturientinnen und
      Nicht-Abiturienten gebildet.                              Ein Überblick über die Zusammensetzung der einzel­
                                                                nen Fokusgruppen findet sich auf Seite 173.
      Weiterhin ist von allen Konsumbereichen Ernährung
      derjenige, der am stärksten der Expression und des        In Abstimmung mit Ipsos wurde ein Gesprächsleit­
      Selbstkonzepts von Menschen dient (Barlösius, 2016;       faden (Vogl, 2019) für die Diskussionsleiterinnen und
      Schulze, 1996). Dies hat zur Folge, dass trotz globaler   Diskussionsleiter entwickelt. Anders als bei standardi­
      Trends nationale Unterschiede im Essverhalten er­         sierten Befragungen wurden bewusst die Fragen in der
      halten bleiben (Warde, Cheng & Olsen, 2007). Es steht     Diskussion nicht bei allen sechs Gruppen vollkommen
      zu vermuten, dass diese starken kulturellen Unter­        identisch zur Anwendung gebracht, um besser dem
      schiede in den Ernährungsgewohnheiten zumindest           Gesprächsfluss folgen zu können. Den Moderatorinnen
      teilweise beibehalten werden, wenn Menschen wan­          und Moderatoren wurde vielmehr die Möglichkeit ein­
      dern. Deshalb wurde ein besonderes Augenmerk auf          geräumt, flexibel auf Entwicklungen in der Diskussion
      den Migrationshintergrund gelegt. Da anzunehmen ist,      zu reagieren.
      dass – je nach Herkunftsland – starke Unterschiede
      innerhalb der migrantischen Bevölkerung zu finden         Beim Aufbau des Leitfadens wurde darauf geachtet,
      sind, wurden zwei Tiefenbohrungen vorgenommen: Die        dass mit allgemeinen Fragen begonnen und spezielle­
      Wahl fiel dabei aus mehreren Gründen auf türkische        ren Fragen geendet wird, damit die Befragten nicht zu
      und arabischstämmige Migrantinnen und Migranten,          Beginn überfordert und von der Äußerung eigener An­
      wobei sich letztere Gruppe aus syrischen Geflohenen       sichten abgeschreckt werden. Aus diesem Grund wur­
      zusammensetzte. Erstens sind beide Migrantengrup­         de mit einer Vorstellungsrunde und Beschreibung der
      pen überwiegend Musliminnen und Muslime – die             Lebenswelt der Teilnehmerinnen und Teilnehmer be­
      Halal-Küche verbietet einige Nahrungsmittel (z. B.        gonnen. Anschließend wurde auf das Thema Ernährung
      Alkohol, Schweinefleisch, Blut), was ggf. etwa bei der    fokussiert. Im Zentrum stand die Frage, wie Verbrau­
      Lebensmittelkennzeichnung bestimmte besondere             cherinnen und Verbraucher ihren Lebensmitteleinkauf
      Anforderungen und Probleme zur Folge hat. Zweitens        und ihre Ernährung gestalten, welche Herausforderun­
      leben in Deutschland rund 2,8 Mio. Personen mit tür­      gen und Probleme ihnen dabei begegnen und wie sie
      kischem Migrationshintergrund (Destatis, 2019) – das      mit diesen umgehen. Auch Wünsche und Forderungen
      sind 3 Prozent der deutschen und 14 Prozent der mi­       an Politik, Unternehmen oder Gesellschaft sollten ge­
      grantischen Bevölkerung. Dabei handelt es sich um         äußert werden. Als zentrale Themenfelder ergaben
172

C Die Lage der V
               ­ erbraucherinnen und Verbraucher in ­zentralen B
                                                               ­ edarfsfeldern                                                               171




Abbildung C.III-1: Ausgewählte Landkreise für die Fokusgruppen, Siedlungsstrukturelle Kreistypen 2018




                                                                    Kiel



                                                       Hamburg, HH

                                                                                             Schwerin
                                                                                                         Kreis Mecklenburgische Seenplatte, MV
                                            Bremen



        Kreis Emsland, NI

                                                                                                               Berlin
                                                              Hannover
                                                                                         Magdeburg       Potsdam




                            Kreis Mettmann, NRW
                                                                                                                     Dresden, SN
           Düsseldorf
                                                                                Erfurt




                                  Wiesbaden

                                  Mainz




              Saarbrücken
                                               Kreis Rhein-Neckar, BW



                                               Stuttgart




                                                                                      München




     100 km




    Kreisfreie Großstadt       Städtischer Kreis           Ländlicher Kreis mit Verdichtungansätzen     Dünn besiedelter ländlicher Kreis

Datenbasis: Laufende Raumbeobachtung des BBSR (BBSR, 2019), Geometrische Grundlage: Kreise (generalisiert), 31.12.2018, © GeoBasis-DE/BKG,
Layout wurde angepasst.
173

172   2021 GUTACHTEN ZUR LAGE DER V
                                  ­ ERBRAUCHERINNEN UND VERBRAUCHER




      sich in der Diskussion Inhaltsstoffe und Nährwert­         Weiterhin wurden vier Experteninterviews (Helfferich,
      kennzeichnung, Gütesiegel und Kosten der Ernährung.        2019) mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern
      Spezielle Diskussionspunkte bildeten zum Abschluss         sowie Vertreterinnen und Vertretern von Verbraucher­
      die für das Thema Nachhaltigkeit (vgl. D.I Nachhaltiger    organisationen durchgeführt, um Hinweise auf die
      Konsum) sehr wichtigen Themen Regionalität, Lebens­        wichtigsten Aspekte im Bedarfsfeld Ernährung aus
      mittelverschwendung, Lebensmittelverpackung und            Expertensicht zu bekommen, vor allem zu den Aspek­
      Fleischkonsum sowie das Thema Digitalisierung (u. a.       ten, die die Verbraucherinnen und Verbraucher selbst
      Nutzung digitaler Hilfsmittel sowie Digitalisierung des    nicht überblicken können (Details siehe B Konzeption
      Einkaufs). Der verwendete Leitfaden kann im Metho­         und Methode). Insbesondere Impulse für Lösungsan­
      denbericht unter www.svr-verbraucherfragen.de ein­         sätze und Handlungsmöglichkeiten konnten auf diese
      gesehen werden.                                            Weise gewonnen werden.


      Da die Fokusgruppen möglichst in Wohnortnähe der
      Teilnehmerinnen und Teilnehmer und damit teilweise
      in sehr dünn besiedelten Regionen stattfinden soll­
      ten, war eine Durchführung in professionellen Studios
      nicht immer möglich. Durchführungsorte waren daher
      Hotels, Schulen, Gemeindezentren u. ä. Nach der Dis­
      kussion erhielten die Teilnehmer eine Aufwandsent­
      schädigung.


      Die Diskussionen wurden auf Tonträgern aufgenom­
      men und anschließend transkribiert. Die Transkripte
      der beiden Fokusgruppen, die auf Türkisch bzw. Ara­
      bisch durchgeführt wurden, wurden außerdem ins
      Deutsche übersetzt. Die Auswertung der Transkripte
      erfolgte mit der Software MAXQDA, es kam die struk­
      turierende Inhaltsanalyse nach Kuckartz (2012) zur
      Anwendung.


      Deutlich gemacht werden muss, dass Fokusgruppen
      keine statistisch gesicherten Ergebnisse liefern (Vogl,
      2019). Die Kontrastgruppen dienen vielmehr dazu, Be­
      weggründe von Verhalten und ein Spektrum von Ein­
      stellungen zu identifizieren, nicht jedoch deren Häufig­
      keiten aufzudecken (Baur & Christmann, 2021). Aus
      diesem Grund wurden in den folgenden Darstellungen
      auch eine Reihe von repräsentativen, quantitativen
      Untersuchungen herangezogen, um über eigene Er­
      gebnisse hinausgehend eine Einschätzung über das
      zahlenmäßige Ausmaß einzelner Phänomene zu ge­
      winnen. Zentrale Daten zum Ernährungsverhalten der
      deutschen Bevölkerung lieferten beispielsweise der
      BMEL-Ernährungsreport (BMEL, 2017, 2020b) und Er­
      hebungen des Statistischen Bundesamtes. Auch Bevöl­
      kerungsbefragungen von Verbraucher- und Umweltor­
      ganisationen sowie öffentlicher Behörden und Institute
      lieferten wertvolle Erkenntnisse.
174

C Die Lage der V
               ­ erbraucherinnen und Verbraucher in ­zentralen B
                                                               ­ edarfsfeldern                       173




  Zusammensetzung der Fokusgruppen

  Gruppe 1:   Verbraucherinnen und Verbraucher mit niedrigem Bildungsniveau (max. Volks-/
              Hauptschulabschluss) aus einer ostdeutschen Großstadt (Dresden, Sachsen)

              •   durchgeführt am 18.11.2019 in Dresden
              •   5 Männer, 4 Frauen
              •   21 bis 80 Jahre alt (Ø 45,6 Jahre)


  Gruppe 2:   Verbraucherinnen und Verbraucher mittleren Alters (30- bis 60-Jährige) aus einer
              norddeutschen Großstadt (Hamburg)

              •   durchgeführt am 19.11.19 in Hamburg
              •   5 Männer, 5 Frauen
              •   32 bis 60 Jahre alt (Ø 47,7 Jahre)


  Gruppe 3:   Ältere Verbraucherinnen und Verbraucher (über 70-Jährige) aus einem ostdeutschen,
              dünn besiedelten ländlichen Kreis (Kreis Mecklenburgische Seenplatte,
              Mecklenburg-Vorpommern)

              •   durchgeführt am 20.11.2019 in Neubrandenburg
              •   2 Männer, 4 Frauen
              •   73 bis 81 Jahre alt (Ø 77,1 Jahre)


  Gruppe 4:   Verbraucherinnen mit türkischem Migrationshintergrund aus einem westdeutschen,
              städtischen Kreis (Kreis Mettmann, Nordrhein-Westfalen)

              •   durchgeführt am 26.11.19 in Mettmann
              •   10 Frauen
              •   18 bis 50 Jahre alt (Ø 39,8 Jahre)
              •   Diskussion wurde auf Türkisch durchgeführt


  Gruppe 5:   Arabischstämmige Geflüchtete aus einem süddeutschen, städtischen Kreis (Kreis Rhein-
              Neckar, Baden-Württemberg)

              •   durchgeführt am 28.11.19 in Heidelberg
              •   10 Männer
              •   27 bis 54 Jahre alt (Ø 41 Jahre)
              •   Diskussion wurde auf Arabisch durchgeführt


  Gruppe 6:   Junge Verbraucherinnen und Verbraucher (18- bis 20-Jährige), ohne Abitur, aus einem
              norddeutschen, dünn besiedelten ländlichen Kreis (Kreis Emsland, Niedersachsen)

              •   durchgeführt am 06.02.2020 in Lingen
              •   7 Männer, 3 Frauen
              •   17 bis 20 Jahre alt (Ø 18,6 Jahre)
175

174   2021 GUTACHTEN ZUR LAGE DER V
                                  ­ ERBRAUCHERINNEN UND VERBRAUCHER




                                                                 Diese Sorge ist unabhängig von der Zugehörigkeit zu
      3     Herausforderungen                                    einer spezifischen sozialen Gruppe, was sich darin aus­

            und Probleme für                                     drückt, dass diese Sorge in allen Fokusgruppen geäußert
                                                                 wurde. Unerwünscht sind vor allem Konservierungsmit­
            Verbraucherinnen und                                 tel oder Geschmacksverstärker, aber auch ungesunde

            Verbraucher im Bedarfsfeld                           Zutaten wie Zucker. Auch um Giftstoffe und Krankheits­
                                                                 erreger machen sich einige Personen Sorgen:
            Ernährung                                                „Aber das Schwere für mich, als Laie, ist,
                                                                     erkennen zu können, ob das auf der Verpackung
      In sechs Fokusgruppen waren Verbraucherinnen und
                                                                     Beschriebene tatsächlich auch mit dem
      Verbraucher aufgefordert, ihre Alltagserfahrungen
                                                                     übereinstimmt, was drin ist.“
      beim Lebensmitteleinkauf und in Bezug auf ihre Er­
                                                                     (Arabischstämmiger Geflüchteter aus einem
      nährung zu erzählen. Insbesondere Herausforderun­
                                                                     süddeutschen, städtischen Kreis: Pos. 241)
      gen und Ärgernisse sollten geschildert werden. Wäh­
      rend sich in anderen Bedarfsfeldern einige wenige
                                                                     „Man könnte jetzt sagen, da sind so und
      zentrale Herausforderungen und Problemlagen iden­
                                                                     so viel Zucker drin, aber da gibt es so viele
      tifizieren lassen, die überwiegend gleichermaßen für
                                                                     verschiedene Begriffe für Zucker, die werden
      alle Verbraucherinnen und Verbraucher gelten, spie­
                                                                     alle dargestellt, damit das Thema Zucker nicht
      gelt sich die Vielfalt der Anforderungen an Ernährung
                                                                     so hochgeschaukelt wird.“
      und Essen sowie die Komplexität des Bedarfsfelds da­
                                                                     (Person mit niedrigem Bildungsniveau aus
      rin wieder, dass sehr vielfältige und unterschiedliche
                                                                     einer ostdeutschen Großstadt: Pos. 763)
      Herausforderungen und Problemlagen existieren, die
      auch oft nur einzelne Verbrauchergruppen betreffen.
                                                                     „Auch Konservierungsstoffe. Wenn ich da
      Die folgende Darstellung ist daher ausdrücklich nicht
                                                                     frische Sahne habe, die vier, fünf Wochen
      erschöpfend, sondern stellt nur eine Auswahl der von
                                                                     haltbar ist, dann kann mir keiner erzählen,
      den Verbraucherinnen und Verbrauchern am häufigs­
                                                                     dass da keine Konservierungsstoffe drin sind.
      ten und intensivsten diskutierten Problemfelder dar.
                                                                     Das ist ein Ding der Unmöglichkeit.“
      Zwei weitere Themen, die von den Verbraucherinnen
                                                                     (Person mit niedrigem Bildungsniveau aus
      und Verbrauchern häufig angesprochen wurden und
                                                                     einer ostdeutschen Großstadt: Pos. 764)
      Kritik in Bezug auf die aktuelle Politik auslösten, sind
      in diesem Kapitel bewusst ausgeklammert, weil sie
                                                                     „Zuletzt wurde viel geplaudert über
      im Kapitel D.I Nachhaltiger Konsum behandelt wer­
                                                                     Produkte, die vom Markt gezogen werden
      den: Verpackungen von Lebensmitteln und Lebens­
                                                                     sollen. Es hieß plötzlich, manche Produkte
      mittelverschwendung. Dass – obwohl der SVRV eine
                                                                     seien krebserregend, oh Gott! […] Wie, was
      Auswahl treffen musste – die genannten Probleme so
                                                                     krebserregend, wie kann so was überhaupt
      vielfältig sind, unterstreicht die Relevanz des Bedarfs­
                                                                     vorkommen? Wir reden hier doch nicht von
      felds Ernährung insgesamt für die Verbraucherinnen
                                                                     Ländern der Dritten Welt, dort kann man sich
      und Verbraucher.
                                                                     die Frage nicht leisten, ob das eine oder andere
                                                                     Lebensmittel krebserregende Zutaten enthält.“
                                                                     (Arabischstämmiger Geflüchteter aus einem
      3.1 Inhaltsstoffe und                                          süddeutschen, städtischen Kreis: Pos. 351)
          Nährwertkennzeichnung
                                                                     „Zum Beispiel Lachs ist ja der höchst belastete
                                                                     Fisch, Quecksilbergehalt überdimensional. Das
      Viele Verbraucherinnen und Verbraucher machen sich
                                                                     wird halt verschwiegen.“
      Sorgen, dass ihre Lebensmittel unerwünschte Inhalts­
                                                                     (Person mit niedrigem Bildungsniveau aus
      stoffe enthalten, über die sie nicht ausreichend infor­
                                                                     einer ostdeutschen Großstadt: Pos. 762)
      miert werden.
176

C Die Lage der V
               ­ erbraucherinnen und Verbraucher in ­zentralen B
                                                               ­ edarfsfeldern                                                                175




Abbildung C.III-2: Varianten des Nutri-Score-Klassifizierungslogos (BMEL, 2020d)




Die Mindestinformationen, die auf der Verpackung                         nen und Verbraucher eine farbige, „Ampel“-ähnliche
eines Lebensmittels stehen müssen, sind durch die                        Kennzeichnung auf der Vorderseite von Verpackungen
europäische Lebensmittel-Informationsverordnung                          am hilfreichsten fänden (forsa, 2019; Zühlsdorf, Jür­
(LMIV)2 geregelt. Grundsätzlich müssen gem. Art. 4                       kenbeck & Spiller, 2018).
und 7 LMIV alle Zutaten absteigend nach ihrem Ge­
wichtsanteil aufgelistet werden. Darunter fallen auch                    Der Koalitionsvertrag für die 19. Wahlperiode sieht
Zusatzstoffe und Aromen. Seit Dezember 2016 sind                         die Entwicklung und Einführung eines Nährwertkenn­
vorverpackte Lebensmittel gem. Art. 30 Abs. 3 LMIV                       zeichnungssystems in Deutschland vor. Nach einer
auch grundsätzlich mit einer Nährwertdeklaration zu                      Verbraucherbefragung hat sich das BMEL für den ur­
kennzeichnen, in der Regel in tabellarischer Form und                    sprünglich in Frankreich entwickelten Nutri-Score
bezogen auf 100 Gramm oder 100 Milliliter. Zusätzlich                    entschieden, der auch bereits in anderen europäischen
können gem. Art. 33 LMIV Angaben pro Portion oder                        Ländern wie z. B. Belgien oder Spanien zum Einsatz
Verzehreinheit gemacht werden. Pflicht sind Angaben                      kommt. Der Nutri-Score nimmt die Einordnung eines
zum Brennwert sowie die Mengen an Fett, gesättigten                      Produkts auf einer fünfstufigen Skala vor: A (beste
Fettsäuren, Kohlenhydraten, Zucker, Eiweiß und Salz.                     Note, grün) bis E (schlechteste Note, rot) (siehe Ab­
Die Angaben müssen in einem übersichtlichen For­                         bildung C.III-2). Dazu werden ernährungsphysiologisch
mat gut lesbar sein, und die Verordnung regelt u. a. die                 problematische Bestandteile (z. B. Fett, Salz, Zucker)
Schriftgröße.                                                            und günstige Bestandteile (z. B. Ballaststoffe, Proteine,
                                                                         Obst, Gemüse) miteinander verrechnet. Die Befragung
Die LMIV erlaubt des Weiteren gem. Art. 35 eine er­                      im Auftrag des BMEL zeigte, dass 90 Prozent der Be­
weiterte Nährwertkennzeichnung in anderer Form,                          fragten den Nutri-Score als „schnell und intuitiv ver­
z. B. um Verbraucherinnen und Verbraucher leicht ver­                    ständlich“ empfinden und 85 Prozent der Meinung sind,
ständlich über die ernährungsphysiologischen Eigen­                      dass er „gut beim Vergleich verschiedener Produkte“
schaften eines Produkts zu informieren und damit die                     hilft (Info GmbH, 2019, S. 13). Eine PwC-Verbraucher­
Identifikation gesunder Lebensmittel zu vereinfachen.                    umfrage kam zu dem Ergebnis, dass neun von zehn
Dafür wurden mittlerweile in der EU viele unterschied­                   Deutschen das Ampel-Konzept begrüßen (PwC, 2020).
liche Modelle entwickelt, von Nährwertampeln, farbli­                    Der Nutri-Score wurde im Herbst 2020 auf freiwilliger
chen Symbolen und Logos zu Systemen wie dem soge­                        Basis deutschlandweit eingeführt. Derzeit erlaubt die
nannten Nutri-Score (siehe Abbildung C.III-2), der eine                  LMIV die nationale Einführung von erweiterten Nähr­
sehr stark vereinfachte Variante der Nährwertampel                       wertkennzeichen nur als eine staatliche Empfehlung
darstellt. Verschiedene Erhebungen konnten zeigen,                       und nicht verpflichtend.
dass von verschiedenen Modellen die Verbraucherin­




2   Verordnung (EU) Nr. 1169/2011 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 25. Oktober 2011 betreffend die Information der Verbraucher
    über Lebensmittel.
177

176   2021 GUTACHTEN ZUR LAGE DER V
                                  ­ ERBRAUCHERINNEN UND VERBRAUCHER




      Die Fokusgruppen belegen, dass die gegenwärtigen              „Also, die Schwierigkeiten bestehen, wie
      Kennzeichnungen und Angaben auf Lebensmitteln den             ich gerade schon beschrieben hatte, darin,
      Verbraucherinnen und Verbrauchern nicht genügen.              inwiefern die Etiketten auf den Verpackungen
      Konkret gibt es mehrere Punkte, die ihnen Anlass zur          der Produkte glaubwürdig sind, also die Frage,
      Unzufriedenheit geben.                                        ob das auf dem Etikett Gedruckte etwa zu
                                                                    100 Prozent mit dem übereinstimmt, was im
      Die Seniorinnen und Senioren kritisieren zunächst ei­         gekauften Produkt wirklich ist.“
      nen Trend zu abnehmender Qualität, schlechteren Ge­           (Arabischstämmiger Geflüchteter aus einem
      schmackserlebnissen und eine Zunahme von Zusatz­              süddeutschen, städtischen Kreis: Pos. 235)
      stoffen bei Lebensmitteln in den letzten Jahrzehnten,
      weshalb sie Lebensmittel aus eigenem Gartenanbau              „Weil es schon oft genug an die Öffentlichkeit
      schätzen, da sie so genau wissen, was darin enthalten         gekommen ist und es wächst einfach Gras
      ist und wie sie angebaut wurden:                              drüber und die Firmen machen trotzdem weiter.“
                                                                    (Person mit niedrigem Bildungsniveau aus
          „Es ist ja irgendwo Beschiss, was die mit uns
                                                                    einer ostdeutschen Großstadt: Pos. 930)
          machen, Geschmacksverstärker statt Erdbeeren.
          Und so geht es doch weiter. Die Marmelade
                                                                Das in den Fokusgruppen geäußerte relativ hohe Miss­
          ist nicht mehr die Marmelade, die wir gekocht
                                                                trauen gegenüber der Lebensmittelwirtschaft wird
          haben, deswegen essen wir unsere so gerne.“
                                                                durch die Ergebnisse einer repräsentativen Befragung
          (Person über 70 Jahre aus einem ostdeutschen,
                                                                im Auftrag des Verbraucherzentrale Bundesverbandes
          dünn besiedelten ländlichen Kreis: Pos. 168)
                                                                bestätigt: Sieben von zehn Befragten glauben, dass
                                                                Verbraucherinnen und Verbraucher beim Lebensmit­
          „Man hat heutzutage, wenn ich mal vergleiche,
                                                                teleinkauf häufig getäuscht werden und dass bei den
          wie früher unser Roggenbrot geschmeckt hat
                                                                Angaben auf Lebensmittelverpackungen viel getrickst
          oder ein Brötchen, was ist denn heute in dem
                                                                werde (Zühlsdorf, Jürkenbeck & Spiller, 2018, S. 7).
          Brötchen drin? Luft.“
          (Person über 70 Jahre aus einem ostdeutschen,
                                                                Die Verbraucherinnen und Verbraucher fordern eine
          dünn besiedelten ländlichen Kreis: Pos. 201)
                                                                klare Kennzeichnung von Inhaltsstoffen – die bisheri­
                                                                gen gesetzlichen Regelungen reichen hier offensicht­
      Unabhängig vom Alter machen einigen Verbraucherin­        lich nicht aus. Die Kennzeichnung soll eindeutig und
      nen und Verbrauchern etwaige gesundheitsschädliche        auf den ersten Blick erkennbar sein und nicht durch
      Manipulationen an ihren Lebensmitteln Sorge (vgl.         unverständliche Begriffe verschleiert werden, wie fol­
      auch Weiß, 2006). Schon vor der Corona-Pandemie und       gendes Beispiel zu verschiedenen Zuckerarten ver­
      den in ihrem Zuge geführten Diskussionen um deut­         deutlicht:
      sche Schlachthöfe (Stichwort „Tönnies“) waren ihnen
                                                                    „Da kann man drauf schreiben ‚Zucker
      vergangene, medial öffentlich gemachte Lebensmittel­
                                                                    20 Prozent‘, dann weiß ich Bescheid. Aber das
      skandale stark präsent, es besteht mitunter ein starkes
                                                                    zu verheimlichen oder dreimal andere Sachen
      Misstrauen gegenüber Unternehmen und staatlichen
                                                                    draufzuschreiben ist doch Verarsche von
      Akteuren (vgl. auch Prognos AG, 2012). Teilweise wird
                                                                    vornherein. Die sollen klar und deutlich das
      unterstellt, dass unerwünschte Inhalts- und Schadstof­
                                                                    draufschreiben, was drin ist, und fertig.“
      fe der Bevölkerung gegenüber bewusst verheimlicht
                                                                    (Person mit niedrigem Bildungsniveau aus
      oder vertuscht werden, um Profit zu machen:
                                                                    einer ostdeutschen Großstadt: Pos. 974)
          „Ich habe vor einiger Zeit im Fernsehen eine
          dolle Sendung gesehen über Fleischmanipu­
                                                                Auch Nährwertkennzeichnungen mit Ampelfarben fin­
          lationen und Wurstherstellung. Seit der Zeit
                                                                den viele Verbraucherinnen und Verbraucher in den
          habe ich beschlossen, meine Wurst und mein
                                                                Fokusgruppen grundsätzlich hilfreich, solange solche
          Fleisch nur noch beim Fleischer zu kaufen.“
                                                                Hinweise Nährwerte auch tatsächlich leicht erkennen
          (Person über 70 Jahre aus einem ostdeutschen,
                                                                lassen. Kritisiert wird, dass solche Ampeln nicht ver­
          dünn besiedelten ländlichen Kreis: Pos. 347)
                                                                bindlich, sondern freiwillig sind:
178

C Die Lage der V
               ­ erbraucherinnen und Verbraucher in ­zentralen B
                                                               ­ edarfsfeldern                                        177




    „Ich finde das mit so einem System mit so                  „Da wir nicht alle Inhalte kennen, kennen wir
    einem roten Punkt oder grünen Punkt super.                 einige Fremdwörter auf der Rückseite nicht. Wenn
    Da kannst du schön vorbeigehen am Regal und                man die nicht kennt, dann ist es auch schwierig.“
    siehst schon, was du greifen möchtest.“                    (Frau mit türkischem Migrationshintergrund aus
    (30- bis 60-jährige Person aus einer                       einem westdeutschen, städtischen Kreis: Pos. 846)
    norddeutschen Großstadt: Pos. 580)
                                                           Insgesamt ist eine schnelle Information über Inhalts­
    „Die hat doch jetzt hier die Ampel, hätte ich          stoffe und Nährwert eines Produkts, die auf einen Blick
    bald gesagt, erfunden, mit dem Rot, Grün, Gelb.        zu verstehen ist, für alle Verbraucherinnen und Ver­
    Es gibt ja verschiedene Arten, aber es ist ja          braucher unabdingbar (siehe auch Abschnitt 4.1). Auch
    nicht zwingend vorgeschrieben, dass sich die           Personen, die sich nicht im hohen Maße mit Inhalts­
    Hersteller alle daran halten müssen, das ist ja        stoffen auskennen oder die nur wenig Zeit dafür auf­
    nur eine Empfehlung.“                                  bringen wollen, sich damit zu beschäftigen, sollten – so
    (Person über 70 Jahre aus einem ostdeutschen,          die einhellige Meinung in den Fokusgruppen – von sol­
    dünn besiedelten ländlichen Kreis: Pos. 683)           chen Kennzeichnungen profitieren können. Auch die­
                                                           se Befunde finden sich in den Ergebnissen der bereits
Insbesondere die älteren Verbraucherinnen und Ver­         erwähnten repräsentativen Befragung im Auftrag des
braucher sowie jene mit Migrationshintergrund bekla­       Verbraucherzentrale Bundesverbandes: 85 Prozent der
gen, dass sie die Deklarationen und Inhaltsangaben auf­    Befragten ist es wichtig oder sehr wichtig, welche Zuta­
grund zu kleiner Schrift nicht immer lesen oder aufgrund   ten ein Produkt enthält, doch nur etwa drei von fünf Be­
fehlender Sprachkenntnisse nicht verstehen können:         fragten (43 Prozent) sind der Meinung, die enthaltenen
                                                           Zutaten seien gut oder sehr gut an Produkten erkenn­
    „Was ich auch ganz wichtig finden würde, das           bar (Zühlsdorf, Jürkenbeck & Spiller, 2018, S. 11 f.).
    ist, dass endlich mal diese Inhaltsangaben so
    geschrieben sind, dass das auch ältere Leute,
    ich spreche jetzt auch mal von mir, das lesen          3.2 Gütesiegel
    können. […] Ich finde es eine Frechheit, weil
    grade auch ältere Leute, die auch vielleicht           Neben gesetzlich vorgeschriebenen Kennzeichnungen
    Allergien haben oder sonst was, die können             (siehe Abschnitt 3.1, vgl. auch Bernzen, 2013) werden
    es nicht mehr lesen.“                                  Verbraucherinnen und Verbraucher beim Kauf von Le­
    (30- bis 60-jährige Person aus einer                   bensmitteln mit einer Vielzahl an Gütesiegeln, Labels,
    norddeutschen Großstadt: Pos. 834)                     Symbolen u. ä. konfrontiert. Sie sollen ihnen Auskünfte
                                                           über Produkteigenschaften oder Herstellungsbedin­
                                                           gungen geben, die sie nicht selbst erkennen und über­
                                                           prüfen können. Im Bereich Lebensmittel sind Bio-Sie­
                                                           gel (siehe Abbildung C.III-3) und Fairtrade-Siegel die
                                                           bekanntesten Gütesiegel (Kantar Emnid, 2016, S. 10),


Abbildung C.III-3: Das deutsche staatliche Bio-Siegel und das Bio-Logo der Europäischen Union (BMEL, 2020a)
179

Zur nächsten Seite