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Dieses Dokument ist Teil der Anfrage „Gutachten des Sachverständigenrats für Verbraucherfragen

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186   2021 GUTACHTEN ZUR LAGE DER V
                                  ­ ERBRAUCHERINNEN UND VERBRAUCHER




      Abbildung C.III-6: Das Tierschutzlabel (Einstiegsstufe) des Deutschen Tierschutzbundes
      (Deutscher Tierschutzbund e. V., 2013)




      Dezember 2020 einstimmig für eine einheitliche Tier­           „Wenn man sich die Produktion des Fleisches
      wohl-Kennzeichnung innerhalb der EU ausgesprochen.             heutzutage anguckt und wie Jungvieh
      Die Europäische Kommission wurde aufgefordert, einen           aufgezogen wird, ich denke bloß an die
      entsprechenden Gesetzesvorschlag vorzulegen.                   Schweine usw., da kriegt man ja das Grauen.
                                                                     Die Kontrollen sind ja meistens unwirksam. Die
      Dass man sich um Tierwohl sorgt, muss nicht unbe­              kontrollieren zwar, machen ihren Haken, aber es
      dingt bedeuten, dass man auf das Fleischessen ver­             verändert sich nichts, es bleibt alles beim Alten.
      zichtet oder tierfreundlich produzierte Nahrungsmit­           Und das ist das Schlimme an unserem Staat,
      tel kauft – ein Phänomen, das als „Fleischparadoxon“           dass die Missstände, die hier und dort wirklich
      (Bastian & Loughnan, 2017; Hestermann, Le Yaouanq              festgestellt werden, nicht beseitigt werden.“
      & Treich, 2019) oder „Consumer-Citizen-Gap“ (Spiller           (Person über 70 Jahre aus einem ostdeutschen,
      et al., 2020, S. 213) bezeichnet wird. Unabhängig davon,       dünn besiedelten ländlichen Kreis: Pos. 846)
      wie sie grundsätzlich zum Fleischessen stehen, wird
      die Expertenmeinung, dass die gesetzlichen Regelun­            „[A]ber gerade so bei Fleisch, dass man sich
      gen nicht ausreichen, von vielen Teilnehmerinnen und           darunter auch mal etwas vorstellen kann, wie
      Teilnehmern in den Fokusgruppen geteilt. Gefordert             Tiere gehalten werden, weil ich glaube nicht,
      wird die staatliche Durchsetzung besserer Haltungsbe­          dass jeder weiß. Gerade wenn man jetzt in der
      dingungen. Beispielsweise dürfe Fleisch nicht so billig        Großstadt wohnt, hat man damit nicht so viele
      angeboten werden. Außerdem solle den Verbrauche­               Berührungspunkte. Ich kann auch nicht erzählen,
      rinnen und Verbrauchern die Haltungs- und Schlach­             was die Stufe 3 jetzt bedeutet, die haben so und
      tungsbedingungen mehr verdeutlicht werden:                     so viel Platz. Das sieht man halt mehr auf Bildern
                                                                     und dann kann man es auch besser vergleichen.“
          „Tierwohl müsste der Staat mehr tun. Dass es
                                                                     (18- bis 20-jährige Person, ohne Abitur, aus
          nicht erlaubt ist, Millionen Küken zu schreddern.“
                                                                     einem norddeutschen, dünn besiedelten
          (30- bis 60-jährige Person aus einer
                                                                     ländlichen Kreis: Pos. 545)
          norddeutschen Großstadt: Pos. 924)

                                                                 Dass die Verbraucherinnen und Verbraucher höhere
          „Dass die Verantwortlichen vom Staat dann
                                                                 Erwartungen an den Umgang mit Tieren in der Land­
          überlegen, was bei Fleisch viel besser gemacht
                                                                 wirtschaft haben als derzeit praktiziert, wird in Bevöl­
          wird. Zum Beispiel so Sachen wie Bio, dass
                                                                 kerungsumfragen bestätigt. Befragt, ob das Wohlbefin­
          er dann drei Quadratzentimeter mehr Platz
                                                                 den landwirtschaftlich genutzter Tiere in ihrem Land
          hat, um sich zu bewegen, macht das Tier nicht
                                                                 besser geschützt werden müsste, als dies gegenwärtig
          besser. Auch dass es Standard ist für uns, dass
                                                                 der Fall sei, antworteten insgesamt 83 Prozent der Be­
          Fleisch unter einem Euro kosten kann, das ist
                                                                 fragten einer Eurobarometer-Umfrage in Deutschland
          eine Frechheit. Das ist es definitiv nicht wert.
                                                                 mit „Ja“ (European Commission, 2016, S. 16).
          Es muss teurer gemacht werden.“
          (18- bis 20-jährige Person, ohne Abitur, aus
          einem norddeutschen, dünn besiedelten
          ländlichen Kreis: Pos. 410)
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C Die Lage der V
               ­ erbraucherinnen und Verbraucher in ­zentralen B
                                                               ­ edarfsfeldern                                         187




Auch wären 75 Prozent der befragten Deutschen des                „Vor fünf, sechs Jahren gab es plötzlich den
Eurobarometers bereit, mehr Geld für Produkte mit                Knacks, da sagte unsere Tochter, sie ist ab sofort
hohen Tierwohlstandards auszugeben. Im Detail wür­               Veganerin. Da habe ich gesagt, das geht gar nicht,
den ein Drittel der Befragten (33 Prozent) bis zu 5 Pro­         weil ich kann nicht vegan kochen. Das konnte
zent mehr bezahlen, und fast genauso viele (27 Prozent)          ich auch nicht, damals. Mittlerweile muss ich
würden zwischen 6 und 10 Prozent mehr bezahlen.                  zugeben habe ich mir so ein paar Gerichte auch
10 Prozent der Befragten würden sogar 11 bis 20 Pro­             drauf geschaufelt und wir kochen tatsächlich
zent höhere Preise zahlen (ebd., S. 17). Es sei aber aus­        ein bisschen zweigleisig. Wir kochen fast
drücklich darauf hingewiesen, dass dieser Befund mit             ausschließlich abends und haben dann wirklich
Vorsicht zu genießen ist, weil eine in Umfragen geäu­            mehrere Töpfe. Der eine ist dann für unsere
ßerte hohe Zahlungsbereitschaft sich nicht notwendig             vegane Vegetarierin, weil so 100 Prozent vegan ist
auch in eine höhere Zahlungsbereitschaft in der Ein­             sowas von kompliziert, das packen wir nicht.“
kaufspraxis niederschlagen muss, und dass sich viele             (30- bis 60-jährige Person aus einer
Verbraucherinnen und Verbraucher höhere Fleisch­                 norddeutschen Großstadt: Pos. 260)
preise auch nicht leisten können (vgl. Abschnitt 3.6).
                                                                 „Zum Thema vegetarisch oder vegan, das ist
Überwiegend scheinen die Verbraucherinnen und Ver­               ja mittlerweile auch so, die Gastronomie stellt
braucher in den Fokusgruppen für die Problematiken,              sich ja schon darauf ein. Ich bin schon 30 Jahre
die mit Fleischkonsum einhergehen, sensibilisiert zu             Vegetarierin und am Anfang war es echt so,
sein. Die Hauptgründe für eine Reduktion des Fleisch­            da gab es die Kartoffeln vielleicht noch mit
konsums oder gar den Verzicht auf tierische Produkte             der Soße und das Fleisch wurde weggelassen.
stellen vor allem die Aspekte Gesundheit, Umwelt­                Das war dann das vegetarische Gericht.“
auswirkungen und Tierwohl dar, dies ist auch in der              (30- bis 60-jährige Person aus einer nord-
Forschung belegt. Gesundheit ist bei Betrachtung ver­            deutschen Großstadt: Pos. 275)
schiedener Erhebungen der am häufigsten genannte
Motivator, daran anschließend Umweltbelange und             Allerdings ist der Anteil der Vegetarierinnen und Ve­
seltener das Leid der Nutztiere (Friedrichsen & Gärt­       getarier (inklusive Veganerinnen und Veganer) in
ner, 2020). Auch in allen Fokusgruppen sind einige Teil­    Deutschland nach wie vor sehr gering. Gemäß den
nehmende vorhanden, die versuchen, weniger Fleisch          Daten der Nationalen Verzehrsstudie (NVS) II und der
zu essen – oder dies zumindest so äußern. Sie halten        Längsschnittstudie Nationales Ernährungsmonito­
eine Ernährung, die weniger Fleisch beinhaltet, für ge­     ring (NEMONIT) stieg dieser zwischen 2005–2007 und
sünder, klima- und umweltfreundlicher und besser für        2012/2013 von rund 1 Prozent auf gerade mal 2 Pro­zent
das Tierwohl.                                               (Hoffmann et al., 2018). Selbst wenn man die Personen,
                                                            die auf Fleisch verzichten, aber Fisch verzehren dazu
Für einige wenige Personen in den Fokusgruppen be­          zählt, bleibt die Zahl gering (Anstieg von etwa 0,7 Pro­
deutet dies, dass sie ganz vegetarisch oder sogar vegan     zent auf 1,5 Prozent im selben Zeitraum). Laut Robert
leben, was zu einer Umstellung der gesamten Ernäh­          Koch-Institut lag der Anteil überwiegend vegetarisch
rungs- und Kochpraktiken führte und durch das zuneh­        lebender Erwachsener 2016 in Deutschland bei rund
mend verbesserte gastronomische Angebot erleichtert         4 Prozent (Mensink, Lage Barbosa & Brettschneider,
wurde. Auch wird von Familienmitgliedern berichtet,         2016, S. 8).
die auf Fleisch verzichten wollen, was Auswirkungen
auf die Ernährung der ganzen Familie habe:                  Dagegen nehmen viele der Teilnehmerinnen und Teil­
                                                            nehmer der Fokusgruppen eine Mittelposition zwi­
    „Mein Sohn isst kein Fleisch, also haben mein           schen den überzeugten Vegetarierinnen und Vegeta­
    Ehemann und ich es wegen ihm reduziert.“                riern und den überzeugten Fleischessern ein – einige
    (Frau mit türkischem Migrationshintergrund              lassen sich wohl als sogenannte Flexitarierinnen und
    aus einem westdeutschen, städtischen Kreis:             Flexitarier bezeichnen. Sie versuchen, ihren Fleisch­
    Pos. 1012)                                              konsum zu reduzieren, eine solche Umstellung falle
                                                            ihnen aber schwer und ein kompletter Verzicht sei für
                                                            sie nicht vorstellbar:
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          „Wir versuchen, etwas mehr Gewicht auf                 Bundesverbands der Deutschen Fleischwarenindustrie
          Gemüse zu legen, aber wir essen mittel viel            e. V. (BVDF) und den Zahlen des statistischen Bundes­
          Fleisch. Das Kind möchte es zum Beispiel,              amtes und nicht nur den subjektiven Auskünften der
          so wird es auf irgendeine Weise gegessen.              Verbraucherinnen und Verbraucher basieren.
          Aber weniger als früher.“
          (Frau mit türkischem Migrationshintergrund             Zumindest aber einen Bewusstseinswandel bei der
          aus einem westdeutschen, städtischen Kreis:            Bevölkerung, der zu einer Selbstdarstellung als
          Pos. 1014)                                             fleischreduzierende Person führt, kann man aus dem
                                                                 Ernährungsreport ablesen. Auch in unseren Fokus­
          „Wir sind auch dazu übergegangen, mal wieder           gruppen erzählen einige Teilnehmerinnen und Teil­
          diesen Fleischkonsum so weit zurückzufahren,           nehmer, sie wollen Fleisch bewusster konsumieren
          wie es mal in den fünfziger, sechziger Jahren          und nur besonders hochwertiges Fleisch in Bio-Quali­
          war, da gab es am Sonntag den Sonntagsbraten           tät oder direkt vom Landwirt kaufen, von dem sie sich
          und in der Woche gab es kein Fleisch in                neben Qualität auch bessere Haltungsbedingungen
          dem Sinne.“                                            der Tiere versprechen:
          (30- bis 60-jährige Person aus einer
                                                                     „Wir kaufen auch einmal oder zweimal im
          norddeutschen Großstadt: Pos. 313)
                                                                     Jahr einen großen Fladen Fleisch vom Bauern
                                                                     […], einen Haufen Hackfleisch, Hähnchen,
          „Naja, auf der einen Seite esse ich nicht viel
                                                                     Schweinefleisch und was sie alles haben,
          Fleisch an sich. Ich mache mir auch so meine
                                                                     etwas Besonderes.“
          Gedanken dabei, was in der Fleischindustrie
                                                                     (18- bis 20-jährige Person, ohne Abitur, aus
          abgeht, aber gleichzeitig ist es halt auch für
                                                                     einem norddeutschen, dünn besiedelten
          mich schwierig, gänzlich drauf zu verzichten,
                                                                     ländlichen Kreis: Pos. 459)
          weil es mir einfach ziemlich gut schmeckt so
          seit Kindheit. Deswegen, ich halte es einfach
                                                                     „Dazu kommt noch, ist aber eigentlich gut für
          in Grenzen.“
                                                                     alle, so vier, fünf Jahre, da kam ja das Thema
          (Person mit niedrigem Bildungsniveau aus
                                                                     Bio auch extrem auf. Da haben wir uns auch
          einer ostdeutschen Großstadt: Pos. 879)
                                                                     komplett umgestellt, wir kaufen heute nichts
                                                                     mehr an der normalen Fleischtheke, weil man
          „Ich würde eigentlich gerne vegetarisch leben,
                                                                     weiß ja das alles, Tierhaltung usw. Jetzt muss
          aber ich kriege es nicht hin.“
                                                                     es halt das Biofleisch sein und jeder weiß ja, das
          (18- bis 20-jährige Person, ohne Abitur, aus
                                                                     kostet teilweise das Doppelte bis Dreifache und
          einem norddeutschen, dünn besiedelten
                                                                     führt automatisch dazu, dass es bei uns nicht
          ländlichen Kreis: Pos. 35)
                                                                     jede Woche fünfmal Fleisch gibt, sondern nur
                                                                     noch ein, zweimal und auch weniger.“
      Wie schwierig die praktische Umsetzung eines redu­
                                                                     (30- bis 60-jährige Person aus einer
      zierten Fleischkonsums ist, zeigen die Widersprüche
                                                                     norddeutschen Großstadt: Pos. 274)
      zwischen der Selbstwahrnehmung der Befragten in
      repräsentativen Umfragen und den Umsatzzahlen an
                                                                     „Dann esse ich gerne Blutwurst und das kaufe
      verkauftem Fleisch. So ist nach Selbstauskunft der
                                                                     ich dann auf dem Wochenmarkt, weil woanders
      Befragten in einer repräsentativen Bevölkerungsbefra­
                                                                     kann man es nicht mehr kaufen, weil man nicht
      gung des Ernährungsreports (BMEL, 2020b, S. 10) der
                                                                     mehr weiß, ob es schon weiß war oder nicht.“
      Anteil der deutschen Bevölkerung, der angibt, täglich
                                                                     (Person über 70 Jahre aus einem ostdeutschen,
      Fleisch und Wurst zu essen, zwischen 2015 und 2020
                                                                     dünn besiedelten ländlichen Kreis: Pos. 534)
      von 34 Prozent auf 26 Prozent gesunken – dieser Wert
      steht aber im Widerspruch zu Angaben des Umwelt­
      bundesamtes (UBA, 2020), nach denen die Höhe des           Als Gründe, warum Verbraucherinnen und Verbraucher
      Fleischkonsums stagniert und keinesfalls in diesem         ihren Fleischkonsum nicht reduzieren, werden in der
      Maße rückläufig ist. Letztere Zahlen sind in diesem Fall   Literatur Gewohnheit, mangelndes Interesse und feh­
      verlässlicher, da sie auf den Geschäftsberichten des       lendes Bewusstsein genannt (Friedrichsen & Gärtner,
190

C Die Lage der V
               ­ erbraucherinnen und Verbraucher in ­zentralen B
                                                               ­ edarfsfeldern                                         189




2020). Die obige Diskussion deutet auch an, dass zu­       3.5 Religiöse Anforderungen
sätzlich soziale Aspekte sowie Geschmackspräferenz
                                                               an Lebensmittel
eine Rolle zu spielen scheinen – würden die Verbrau­
cherinnen und Verbraucher gänzlich auf Fleisch ver­
zichten, könnten sie viele ihrer Lieblingsgerichte nicht   In verschiedenen Kulturen existieren verschiedene
mehr essen. Andere Verbraucherstudien zeigen, dass         Nahrungsmitteltabus. So haben die meisten Menschen
die am häufigsten empfundenen Schwierigkeiten bei          aus Mitteleuropa Schwierigkeiten bei der Vorstellung,
einer Umstellung auf fleischarme oder fleischlose Er­      Pferde-, Hunde- oder Rattenfleisch zu essen. Häufig
nährung die Aspekte Geschmack, Kosten, Bequemlich­         haben solche Nahrungsmitteltabus zusätzlich einen
keit sowie Sorge vor negativen Gesundheitsfolgen sind      religiösen Hintergrund – so wird im Christentum frei­
(Friedrichsen & Gärtner, 2020). Dies deutet darauf hin,    tags oder zumindest am Karfreitag typischerweise auf
dass Verbraucherinnen und Verbraucher, die gewillt         Fleisch verzichtet und viele Christinnen und Christen
sind ihren Fleischkonsum zu reduzieren, einerseits         fasten vor Ostern. Während die meisten Kantinen und
sowohl Informationen darüber, wie man schmackhaf­          Gaststätten hierauf eingestellt sind und relativ selbst­
te, nahrhafte und zugleich erschwingliche fleischlose      verständlich freitags immer ein Fischgericht anbieten,
Mahlzeiten zubereiten kann, als andererseits auch eine     entstehen für Angehörige anderer Religionen mit ent­
bessere Verfügbarkeit und Bequemlichkeit fleischloser      sprechend abweichenden Nahrungsmittelvorschriften
oder tierfreundlich produzierter Optionen in Geschäf­      dann Schwierigkeiten, wenn das Umfeld nicht auf diese
ten und Restaurants benötigen. Letzteres wird in den       Ernährungspraktiken eingestellt ist.
Fokusgruppen bestätigt. Kritisiert werden etwa von
einer vegetarisch lebenden Person in Dresden die teil­     Ein Beispiel hierfür bieten die beiden Fokusgruppen mit
weise zu geringe Auswahl an pflanzlichen Alternativen      arabischen Geflüchteten und türkischstämmigen Frau­
zu Fleisch und deren im Vergleich höheren Preise:          en, die muslimisch sind und sich damit halal ernähren
                                                           müssen oder wollen. Das arabische Wort „halal“ bedeu­
    „Das vegane Essen ist halt immer noch nicht so
                                                           tet „erlaubt“, Lebensmittel mit dieser Bezeichnung sind
    vertreten, dass man zum Beispiel im Aldi, wenn
                                                           unter Befolgung islamischer Speise- und Reinheitsge­
    ich unterwegs bin […] Ich meine in Großstädten
                                                           bote hergestellt worden. Die Anforderungen ergeben
    geht’s, aber wenn ich unterwegs bin und da
                                                           sich hauptsächlich aus den religiösen Texten des Koran
    irgendwo was holen will, dann kann ich das
                                                           und der Sunna. Gläubigen Musliminnen und Muslimen
    vergessen, da gibt‘s nichts.“
                                                           ist nach den Vorschriften des Islams beispielsweise ver­
    (Person mit niedrigem Bildungsniveau aus einer
                                                           boten, Schweinefleisch und dessen Nebenprodukte wie
    ostdeutschen Großstadt: Pos. 499)
                                                           Blut oder berauschende Mittel wie Alkohol zu konsu­
                                                           mieren. Solche nicht zulässigen Speisen und Handlun­
    „Dass mein Essen zum Teil das 10- bis 15-fache
                                                           gen werden als „haram“, also „verboten“, bezeichnet.
    kostet als das andere Essen. Zum Beispiel Käse
                                                           Vor besondere Herausforderungen stellt muslimische
    bezahle ich, wenn ich veganen Käse nehme,
                                                           Verbraucherinnen und Verbraucher der Bezug von Ha­
    40,00 Euro bis 50,00 Euro das Kilo.“
                                                           lal-Fleisch, also Fleisch, das durch rituelles Schlachten
    (Person mit niedrigem Bildungsniveau aus einer
                                                           (dem sogenannten Schächten) hervorgegangen ist. Das
    ostdeutschen Großstadt: Pos. 774)
                                                           traditionell betäubungslose Schächten ist in Deutsch­
                                                           land gem. § 4a Abs. 1 TierSchG verboten, entsprechen­
                                                           de Schlachtungen erfolgen hierzulande daher fast
                                                           ausschließlich mit Betäubung. Die Aufsichtsbehörden
                                                           dürfen jedoch gem. § 4a Abs. 2 Nr. 2 TierSchG zu religiö­
                                                           sen Zwecken Ausnahmegenehmigungen erteilen. Nach
                                                           einer Leitentscheidung des Bundesverfassungsgerichts
                                                           dürfen daher muslimischen Metzgereien Ausnahmen
                                                           vom grundsätzlichen Schächtungsverbot erteilt wer­
                                                           den (BVerfG, Urteil vom 15.01.2002 – 1 BvR 1783/99).
                                                           Dafür ist erforderlich, dass das Schächten von einer
                                                           sachkundigen Person in einem zugelassenen und re­
191

190   2021 GUTACHTEN ZUR LAGE DER V
                                  ­ ERBRAUCHERINNEN UND VERBRAUCHER




      gistrierten Schlachtbetrieb erfolgt und vom zuständigen                           „Es kommt vor, dass ich nur für Fleisch nach
      Veterinäramt überwacht wird (Eggers, 2017). Innerhalb                             Ratingen fahre. Ich bin sogar schon nach
      der EU gibt es keine einheitlichen Regelungen, der Im­                            Duisburg gefahren. Einige Stunden machen
      port von Fleisch geschächteter Tiere nach Deutschland                             nichts aus, wenn ich mit dem Ort zufrieden bin.“
      ist erlaubt (Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfahlen                             (Frau mit türkischem Migrationshintergrund
      e. V., 2020).                                                                     aus einem westdeutschen, städtischen Kreis:
                                                                                        Pos. 494)
      Für viele Musliminnen und Muslime, egal ob sie streng
      religiös sind oder nicht, stellt der Konsum von Halal-                      Solche „Food Deserts“6 (Jürgens, 2020; Kitzmann &
      Produkten eine wichtige Selbstverpflichtung dar, de­                        Kagel, 2020) lassen sich nicht nur bei migrantischen
      ren Einhaltung sie anstreben (Khattak et al., 2011). Für                    Verbraucherinnen und Verbrauchern, sondern auch
      Lebensmittelproduzenten weltweit ergibt sich dadurch                        bei der ländlichen Bevölkerung nachweisen, sie stellen
      eine bedeutende Zielgruppe für entsprechend herge­                          aber für die Personen mit Migrationshintergrund auf­
      stellte Produkte. Dies ist auch in Europa der Fall, eine                    grund der spezifischen Ernährungsgewohnheiten ein
      Erhebung im Jahr 2016 zeigt, dass sich hier 4 Prozent                       besonderes Problem dar: Ihnen ist es wichtig, einen
      der Bevölkerung halal ernährt (Nielsen, 2016, S. 8).                        arabischen oder türkischen Händler zu finden, dem sie
                                                                                  vertrauen. Das Angebot an arabischen, türkischen, sy­
      Die Fokusgruppenteilnehmerinnen und -teilnehmer,                            rischen Läden etc. habe sich zwar in den letzten Jahren
      die sich halal ernähren möchten, berichten von ihren                        etwas gebessert, sie seien aber im Vergleich zu deut­
      Schwierigkeiten, Halal-Produkte in Deutschland zu                           schen Läden sehr teuer. Mangelnde Konkurrenz wird
      kaufen. Dies umfasst erstens die schlichte Verfügbar­                       dafür verantwortlich gemacht, dass die Händler hohe
      keit solcher Lebensmittel, zweitens deren Kenntlich­                        Preise verlangen können. Insbesondere die arabischen
      machung und Vertrauen in diese und drittens die höhe­                       Geflüchteten äußern ein Gefühl, ihnen alternativlos
      ren Kosten, die mit der Halal-Ernährung einhergehen.                        ausgeliefert zu sein:

                                                                                        „Ja, und da es halt keine Alternative zu ihren
           „Beispielsweise können wir türkische
                                                                                        Produkten gibt, schrauben die arabischen Läden
           Produkte nicht bei Aldi finden. Zum Beispiel
                                                                                        ihre Preise immer weiter hoch, und du findest
           finden wir kein Fleisch, also Halal-Fleisch.
                                                                                        dich trotzdem gezwungen, in einem von ihnen
           Bestimmte Produkte kann man in normalen
                                                                                        einzukaufen.“
           Supermärkten nicht finden, dann muss man ein
                                                                                        (Arabischstämmiger Geflüchteter aus einem
           anderes Geschäft besuchen. Außerdem sind
                                                                                        süddeutschen, städtischen Kreis: Pos. 273)
           türkische Lebensmittelgeschäfte nicht sofort
           erreichbar wie Aldi.“
                                                                                        „Die Lösung liegt nur im Konkurrenzkampf,
           (Frau mit türkischem Migrationshintergrund aus
                                                                                        weil es ein offener Markt ist. Also es gibt nur
           einem westdeutschen, städtischen Kreis: Pos. 563)
                                                                                        einen Weg, und zwar, dass arabische Produkte
                                                                                        in die deutschen Supermärkte kommen, was
           „Ja, der Mangel an arabischen Produkten im
                                                                                        die arabischen Läden dazu zwingen würde, ihre
           Vergleich zu denen sonstiger Herkunft ist ein
                                                                                        Preise herunterzuschrauben, um weiterhin
           großes Problem. Es kostet einen viel Mühe,
                                                                                        konkurrenzfähig zu bleiben.“
           arabische Produkte zu kaufen. Jemanden, der
                                                                                        (Arabischstämmiger Geflüchteter aus einem
           kein Auto hat, kann es manchmal zwei bis drei
                                                                                        süddeutschen, städtischen Kreis: Pos. 271)
           Stunden kosten, wenn man Hin- und Rückweg
           miteinbezieht.“
           (Arabischstämmiger Geflüchteter aus einem
           süddeutschen, städtischen Kreis: Pos. 272)




      6   Es lassen sich grundsätzlich zwei Arten von Food-Deserts beobachten: Zum einen handelt es sich um Gegenden, in denen es keine oder kaum
          Einkaufsmöglichkeiten gibt. Zum anderen fällt darunter der eingeschränkte Zugang zu bestimmten Produkten, weil diese nicht im Sortiment der ver­
          fügbaren Einkaufsläden enthalten sind („Sortiments-Deserts“).
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C Die Lage der V
               ­ erbraucherinnen und Verbraucher in ­zentralen B
                                                               ­ edarfsfeldern                                    191




Die arabischen Teilnehmer fordern hier ein Eingreifen         „Das Problem beschränkt sich doch nicht
des Staates. Ein paar von ihnen hegen die Annahme,            nur auf das Schweinefleisch, d. h. ob das
der Staat würde für einheitliche Preise in Deutschland        Fleisch halal oder haram ist, weil bei vielen
sorgen, aber bei arabischen Händlern keine Preisüber­         Nahrungsmitteln Schweineprodukte verwendet
wachung durchführen, weil es die deutsche Kundschaft          werden, wie z. B. bei Kartoffelchips und anderen
nicht betreffe:                                               Produkten. So ist es auch sehr schwer, sich
                                                              beim Einkauf zu vergewissern, dass keine
    „Die Konkurrenz ist frei, das kann ich verstehen.
                                                              Schweineprodukte enthalten sind, das ist
    Der Staat jedoch muss da sein, er muss in
                                                              das Problem.“
    Betracht ziehen, dass der Syrer nun ein Mitglied
                                                              (Arabischstämmiger Geflüchteter aus einem
    der Gesellschaft ist, in jeder Hinsicht. […]
                                                              süddeutschen, städtischen Kreis: Pos. 163)
    Zwar hat der Staat syrische und libanesische
    Geschäfte zugelassen, das ist aber nicht alles.
                                                              „Ja also, dass Schwein oder Alkohol in einem
    Diese Geschäfte müssten unter staatlicher
                                                              Produkt enthalten sind, muss manchmal aus
    Aufsicht betrieben werden.“
                                                              bestimmten Informationen erschlossen werden.
    (Arabischstämmiger Geflüchteter aus einem
                                                              So steht bei manchen Produkten nicht drauf,
    süddeutschen, städtischen Kreis: Pos. 351)
                                                              dass es Schwein enthält, aber auf dem Etikett
                                                              ist der Code ‚E 626‘ zu lesen, und viele wissen
    „Der deutsche Staat könnte sich in diesem
                                                              nicht, was das bedeutet, wofür dieser Code
    Zusammenhang einfach einschalten, genauso
                                                              also steht.“
    wie er das in Bezug auf den deutschen Markt
                                                              (Arabischstämmiger Geflüchteter aus einem
    tut, wo er die Preise bestimmt hat. Da siehst du
                                                              süddeutschen, städtischen Kreis: Pos. 245)
    auf den Cent bestimmte Preise, zum Beispiel
    liegt der vorgeschriebene Preis für ein Produkt
                                                              „Bei uns in Syrien habe ich sehr oft Restaurants
    bei 17,97 Euro und das gilt dann überall. […]
                                                              besucht, aber hier traue ich mich nicht alleine
    Es gibt also keinerlei Eingreifen seitens des
                                                              ohne einen Freund oder jemanden, dem ich
    deutschen Staates bzw. jeglicher Seite, die sich
                                                              vertrauen kann, in Restaurants zu gehen, und
    dafür zuständig betrachtet, um die Preise bei
                                                              zwar wegen der Fleischarten, nämlich was im
    den Arabern zu überwachen. Das liegt daran,
                                                              Islam erlaubt und was verboten ist. Selbst wenn
    dass der Staat diese Läden als eher unwichtig
                                                              ich in ein türkisches Restaurant gehe, denn
    betrachtet, weil deutsche Konsumenten da nicht
                                                              dort schreiben sie auch beim Fisch ‚erlaubt‘
    einkaufen werden. Sie kaufen nämlich in den
                                                              (halal). Alle Fischarten sind halal es gibt keine
    deutschen Supermärkten ein, wo die Preise
                                                              verbotenen (haram) Fische. Man hat Zweifel,
    bestimmt und vereint sind. Nehmen wir mal Aldi
                                                              ob diese Türken wirklich die Bestimmungen
    als Beispiel, da sind die Preise gleich, egal ob in
                                                              des islamischen Rechts kennen. Es gibt immer
    Berlin oder am teuersten Ort Deutschlands.“
                                                              solche Gefahren.“
    (Arabischstämmiger Geflüchteter aus einem
                                                              (Arabischstämmiger Geflüchteter aus einem
    süddeutschen, städtischen Kreis: Pos. 276)
                                                              süddeutschen, städtischen Kreis: Pos. 161)


Neben der Verfügbarkeit und den hohen Kosten von          Ein Teilnehmer aus der Gruppe in Heidelberg berich­
Halal-Produkten stehen muslimische Verbraucherin­         tet, dass er aus diesem Grund Lämmer sogar selber
nen und Verbraucher, die sich halal ernähren wollen,      schlachtet:
vor der Herausforderung, dass sie nicht wissen, ob sie
                                                              „Die religiösen Aspekte sowieso, ich bin jemand,
entsprechenden Kennzeichnungen immer vertrauen
                                                              der lieber auf Nummer sicher geht, was Fleisch
können – wenn überhaupt welche vorhanden sind –,
                                                              angeht, kaufe ich mir einfach ein Lamm und
was zu teils erheblichen Einschränkungen im Alltags­
                                                              schlachte es mit eigener Hand.“
leben führt:
                                                              (Arabischstämmiger Geflüchteter aus einem
                                                              süddeutschen, städtischen Kreis: Pos. 343)
193

192   2021 GUTACHTEN ZUR LAGE DER V
                                  ­ ERBRAUCHERINNEN UND VERBRAUCHER




      Für muslimische Verbraucherinnen und Verbraucher ist                        Einstufung von Fleischprodukten. Aus diesem Grund
      es also mitunter ziemlich schwierig einzuschätzen, ob                       gibt es weder weltweit noch in Deutschland eine ein­
      ein Produkt den religiösen Anforderungen entspricht.                        heitliche Halal-Zertifizierungsnorm für Lebensmittel,
      Ein Blick auf das Zutatenverzeichnis hilft nicht unbe­                      sondern zahlreiche Anbieter, die sich eigene Standards
      dingt immer weiter. Abgesehen von etwaigen Sprach­                          setzen.
      problemen gibt es zahlreiche Anlässe für Unsicherheit:
      Bei der Herstellung von Käse kann beispielsweise Lab                        In Deutschland gibt es derzeit sechs Halal-Zertifizie­
      zum Einsatz kommen, der von Rindern stammt, wel­                            rungsstellen (Calkara, 2019). Das Problem ist, dass die
      che nicht halal geschächtet wurden. Der Ursprung des                        Zertifikate und die Kriterien, die dahinter zur Anwen­
      Labs ist im Zutatenverzeichnis nicht erkennbar. Auch                        dung kommen, nicht offen und transparent kommuni­
      bestimmte Emulgatoren können unbekannterweise tie­                          ziert werden. Für Verbraucherinnen und Verbraucher
      rischen Ursprungs sein. Manchen Aromen, die in Le­                          ist nicht nachzuvollziehen, ob und wenn ja von welcher
      bensmitteln enthalten sind, wurde Alkohol als Lösungs­                      zuverlässigen islamischen Institution sie vergeben
      mittel zugesetzt, auch dies ist im Zutatenverzeichnis                       wurden. Um die Akzeptanz eines Siegels zu erhöhen,
      nicht immer gekennzeichnet (Dau, 2017).                                     ist es wichtig, dass einschlägige religiöse Organisa­
                                                                                  tionen die entsprechende Zertifizierungsnorm aner­
      Ein Teilnehmer berichtet von einen Halal-Siegel, das er                     kennen (Bornkesssel et al., 2017). Die hier skizzierte
      als vertrauenswürdig einstuft, das aber nur selten Ver­                     Problematik gilt gleichermaßen für Produkte, die jüdi­
      wendung findet. Gefordert wird die Durchsetzung eines                       schen Glaubensmitgliedern als „koscher“ erlaubt sind
      solchen Siegels durch den Staat:                                            (Eggers, 2017).

          „Meines Wissens haben Halal-Produkte in
          Deutschland immer das Halal-Siegel drauf, das
          nicht gefälscht werden kann, da der Hersteller
                                                                                  3.6 Kosten der Ernährung
          für das Siegel haftet. Es gibt aber auch
                                                                                  Wie bereits erwähnt, fällt ein großer Anteil der Kon­
          Produkte, zum Beispiel Hähnchen oder Ente,
                                                                                  sumausgaben privater Haushalten auf den Bereich Le­
          wo kein Halal-Siegel drauf ist.“
                                                                                  bensmittel. Nach Wohnkosten (35 Prozent) geben Ver­
          (Arabischstämmiger Geflüchteter aus einem
                                                                                  braucherinnen und Verbraucher den zweithöchsten Teil
          süddeutschen, städtischen Kreis: Pos. 245)
                                                                                  ihres Budgets für Ernährung aus (14 Prozent) (Destatis
                                                                                  & WZB, 2018). Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer
          „Wenn der Staat die Muslime in Deutschland
                                                                                  über alle Fokusgruppen hinweg achten beim Lebens­
          als einen Teil der deutschen Bevölkerung
                                                                                  mitteleinkauf auf die Kosten. Sie vergleichen Preise,
          betrachtet, dann muss jedes Halal-Produkt
                                                                                  vermeiden teurere Markenprodukte, studieren Ange­
          auch ein entsprechendes Halal-Siegel durch
                                                                                  botsprospekte oder wählen gezielt günstige Lebens­
          eine deutsche Behörde tragen.“
                                                                                  mittelhändler aus:
          (Arabischstämmiger Geflüchteter aus einem
          süddeutschen, städtischen Kreis: Pos. 264)
                                                                                        „Weil das Angebot ist natürlich verschieden,
                                                                                        wenn ich zum Beispiel bei Aldi einige Sachen, ist
      Einheitliche Gesetze für die Bezeichnung „Halal“ gibt es                          natürlich günstiger, ich habe nicht so viel Geld,
      in der EU nicht.7 Eine große Herausforderung stellt die                           ich muss schon sehr darauf achten, aber einige
      Tatsache dar, dass unterschiedliche Auffassungen und                              Sachen bekomme ich einfach nicht bei Aldi und
      Auslegungen der religiösen Texte durch verschiedene                               bei Penny und dann weiche ich zu Edeka aus.“
      Islamschulen eine einheitliche Definition erschweren.                             (30- bis 60-jährige Person aus einer
      Besonders häufige Meinungsunterschiede bestehen                                   norddeutschen Großstadt: Pos. 346)
      im Hinblick auf die Auswirkung der Betäubung auf die




      7   Auch wenn die genauen Kriterien für die Bezeichnung „Halal“ nicht gesetzlich geregelt sind, dürfen Unternehmen den Begriff nicht zur Produktkenn-
          zeichnung oder -bewerbung nutzen, wenn die Angabe irreführend ist (Art. 7 Abs. 1 a LMIV).
194

C Die Lage der V
               ­ erbraucherinnen und Verbraucher in ­zentralen B
                                                               ­ edarfsfeldern                                                                           193




     „[I]ch gucke dann wirklich, wo Angebote sind.                           Auch für viele der arabischen Geflüchteten sind die
     Die schreibe ich mir raus.“                                             Kosten für Lebensmittel ein großes Thema. Schwierig­
     (Person über 70 Jahre aus einem ostdeutschen,                           keiten machen ihnen z. B. die hohen Preise arabischer
     dünn besiedelten ländlichen Kreis: Pos. 391)                            Lebensmittelhändler, wo sie Halal-Produkte kaufen
                                                                             (siehe Abschnitt 3.5). Die Teilnehmenden kaufen Pro­
     „Ich kaufe nun mal sehr gerne auch Marken,                              dukte im Angebot oder in großen Mengen und schlie­
     aber auch nur, wenn sie so günstig sind wie die                         ßen sich sogar zusammen, um im über 600 Kilometer
     Eigenmarken oder die No-Name Dinger, und                                entfernten, aber günstigeren Berlin Großeinkäufe zu
     dann kaufe ich sie halt auch nur im Angebot.“                           tätigen und nach Baden-Württemberg zu bringen:
     (30- bis 60-jährige Person aus einer
                                                                                   „Geld spielt dabei eine große Rolle, das ist
     norddeutschen Großstadt: Pos. 352)
                                                                                   Nummer eins. Ich sage Ihnen ganz ehrlich,
                                                                                   obwohl wir uns grenzenlos bemühen, jede
Die mit Lebensmittelpreisen verbundenen Herausfor­
                                                                                   mögliche Arbeit anzunehmen, sind wir nach wie
derungen stellen sich für manche Verbrauchergruppen
                                                                                   vor auf staatliche Hilfe angewiesen. Und so ist
schwerwiegender dar als für andere. Teilnehmende in
                                                                                   der Preis immer Thema Nummer eins. Alles
der Gruppe in Dresden, die über ein durchschnittlich
                                                                                   dreht sich in erster Linie um den Preis.“
geringeres Einkommen verfügen, achten besonders
                                                                                   (Arabischstämmiger Geflüchteter aus einem
auf die Kosten ihrer Ernährung. Einige kaufen z. B. mit
                                                                                   süddeutschen, städtischen Kreis: Pos. 376)
einem festen Budget oder gezielt zu bestimmten Zeiten
ein, zu denen mit besonderen Preisreduzierungen zu
                                                                                   „Vor Kurzem habe ich eine zwei Kilogramm
rechnen ist:
                                                                                   Dose Margarine gekauft. Für mich als
     „[I]ch rechne vorher schon auf dem Zettel aus,                                Familienvater ist es sinnvoll, nach großen
     was ich einkaufen kann.“                                                      Sparprodukten zu schauen.“
     (Person mit niedrigem Bildungsniveau aus                                      (Arabischstämmiger Geflüchteter aus einem
     einer ostdeutschen Großstadt: Pos. 410)                                       süddeutschen, städtischen Kreis: Pos. 351)


     „Ich gehe auch ganz gerne kurz vor Ladenschluss                               „Manchmal müssen wir [undeutlich] uns
     ins Kaufland, da ist dann Gemüse 70 Prozent runter                            zusammentun, fünf Leute auswählen, die
     und dann mache ich mal einen großen Batzen.“                                  dann nach Berlin fahren, und dort die Preise
     (Person mit niedrigem Bildungsniveau aus                                      beobachten, es ist dort sicher um die Hälfte
     einer ostdeutschen Großstadt: Pos. 398)                                       billiger […]. Die Jungs hier sammeln sich und
                                                                                   fahren dorthin und kaufen dort ein, wenn man
     „Fleisch holt man generell Montagvormittag im                                 so viel einkauft, dann ist es der Hinreise wert.“
     Kaufland, weil die da die Preise runter setzen um                             (Arabischstämmiger Geflüchteter aus einem
     50 Prozent, weil ja übers Wochenende […] und das                              süddeutschen, städtischen Kreis: Pos. 203–205)
     kann man dann auch noch nachmittags vorbereiten
     und dann langt das Fleisch die Woche über.“
                                                                             Fehlende finanzielle Möglichkeiten sind auch bei den
     (Person mit niedrigem Bildungsniveau aus
                                                                             jungen Erwachsenen im Kreis Emsland ein besonde­
     einer ostdeutschen Großstadt: Pos. 400)
                                                                             res Thema und haben Einfluss auf das Ernährungsver­
                                                                             halten der Teilnehmenden in den Fällen, in denen sie
     „[I]ch bin ein Angebotskäufer. Wenn es irgendwo
                                                                             für ihre Mahlzeiten selber sorgen.8 Eine Person würde
     im Angebot ist, kaufe ich nicht nur einmal was
                                                                             beispielsweise gerne öfter kochen, hält dies aber für
     davon, sondern kaufe dann halt fünf.“
                                                                             zu teuer. Es wird berichtet, dass ab und zu manche
     (30- bis 60-jährige Person aus einer
                                                                             Lebensmittel in den nahegelegenen Niederlanden ge­
     norddeutschen Großstadt: Pos. 283)




8   Größtenteils leben die Teilnehmer dieser Gruppe noch zu Hause und sind für den regulären Lebensmitteleinkauf nicht verantwortlich. Drei Teilnehmer
    leben unter der Woche in einem Internat, wo sie überwiegend durch eine Mensa ernährt werden, sie müssen nur für einzelne Mahlzeiten selber sorgen.
195

194   2021 GUTACHTEN ZUR LAGE DER V
                                  ­ ERBRAUCHERINNEN UND VERBRAUCHER




      kauft werden, wo sie günstiger seien. Einige Teilnehmer        „Ja, die gesunden Sachen. Man will ja vielleicht
      schildern Konflikte mit ihren Freundinnen, die aus dem         … Wie gesagt, ich hatte ja auch schon mal eine
      Umstand entstehen, dass für Mahlzeiten zu viel Geld            Freundin mit Kindern, dass da wirklich die
      ausgegeben werden muss (beispielsweise, wenn auf               gesunden Sachen doppelt so teuer sind wie die
      Wunsch der Freundin bei Lieferdiensten bestellt wird):         Billigwurst oder so was.“
                                                                     (Person mit niedrigem Bildungsniveau aus einer
          „Ich liebe es zu kochen, das einzige Problem,
                                                                     ostdeutschen Großstadt: Pos. 778)
          was ich besprochen habe, ist, dass ich kein Geld
          habe und deswegen nicht koche, aber wenn ich
                                                                     „Ja, regionale Herkunft ist doch schon wichtig.
          das Geld habe, koche ich für mein Leben gerne.“
                                                                     Manchmal ist es auch nicht zu verstehen, dass
          (18- bis 20-jährige Person, ohne Abitur, aus
                                                                     Äpfel aus Südafrika einen Euro kosten und
          einem norddeutschen, dünn besiedelten
                                                                     vom Bauern nebenan fünf Euro oder so. Es ist
          ländlichen Kreis: Pos. 255)
                                                                     immer schwierig, dann sich fürs Regionale zu
                                                                     entscheiden, aber, naja.“
          „Und oft holen wir Sachen aus Holland, fahren
                                                                     (Person mit niedrigem Bildungsniveau aus einer
          da einmal hin, holen Kaffee oder so was in
                                                                     ostdeutschen Großstadt: Pos. 635)
          der Richtung.“
          (18- bis 20-jährige Person, ohne Abitur, aus
                                                                     „Mir fehlt ein guter Ort, wo ich Bio, Regionales
          einem norddeutschen, dünn besiedelten
                                                                     kaufen kann, auch zu einem angemessenen
          ländlichen Kreis: Pos. 312)
                                                                     Preis. Wir haben in der Stadt so einen Laden, wo
                                                                     ich mich aber nicht reintraue, weil der einfach
          „Man sitzt abends im Bett oder so was, hat die
                                                                     zu luxuriös ist. Das könnte ich mir sowieso nicht
          ganze Schublade voller Süßigkeiten, 30 Euro bei
                                                                     leisten, wenn ich reingehe.“
          Lidl gelassen, ‚Schatz, wollen wir bestellen?‘
                                                                     (18- bis 20-jährige Person, ohne Abitur, aus
          Was? So, also das ist ganz …“
                                                                     einem norddeutschen, dünn besiedelten
          (18- bis 20-jährige Person, ohne Abitur, aus
                                                                     ländlichen Kreis: Pos. 340)
          einem norddeutschen, dünn besiedelten
          ländlichen Kreis: Pos. 220)
                                                                Der Eindruck der Verbraucherinnen und Verbraucher in
                                                                den Fokusgruppen, dass hochwertige und gesunde Le­
      Über alle Fokusgruppen hinweg herrscht bei vielen         bensmittel mit höheren Preisen einhergehen, ist wis­
      Verbraucherinnen und Verbrauchern die Meinung, ge­        senschaftlich belegt: energiedichte, ernährungsphy­
      sunde und qualitätsvolle Lebensmittel, vor allem Bio­     siologisch ungünstige Lebensmittel (z. B. mit hohem
      produkte, seien im Vergleich zu anderen Lebensmitteln     Zucker- und Fettanteil) sind durchschnittlich preis­
      zu teuer:                                                 werter als gesunde Lebensmittel wie Obst und Gemü­
                                                                se (Rao et al., 2013; Spiller et al., 2020). Thiele (2014)
          „Bio ist aber auch eine finanzielle Sache.“
                                                                zeigte beispielsweise, dass ein Lebensmittelwaren­
          (Frau mit türkischem Migrationshintergrund
                                                                korb mit geringerer Energiedichte und einer höheren
          aus einem westdeutschen, städtischen Kreis:
                                                                Dichte von Vitaminen und Spurenelementen als durch­
          Pos. 850)
                                                                schnittliche Warenkörbe von Personen mit niedrigem
                                                                Ein­kommen bis zu 11 Prozent höhere Kosten generiert,
          „Dass man aber nur Bio-Gemüse kauft,
                                                                und empfahl basierend auf diesen Erkenntnissen eine
          das könnte bestenfalls vielleicht für einen
                                                                Neuberechnung des Arbeitslosengeld-II-Regelsatzes.
          Alleinstehenden mit durchschnittlichem
                                                                Der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik, Ernäh­
          Einkommen funktionieren, keineswegs aber
                                                                rung und gesundheitlichen Verbraucherschutz (WBAE)
          für eine mittelgroße Familie.“
                                                                wies zuletzt ebenfalls auf die geschilderte Problematik
          (Arabischstämmiger Geflüchteter aus einem
                                                                hin und empfahl eine adäquate Berücksichtigung der
          süddeutschen, städtischen Kreis: Pos. 377)
                                                                Kosten einer gesundheitsfördernden Ernährung in der
                                                                Berechnung staatlicher Grundsicherungsleistungen
                                                                (Spiller et al., 2020, S. 666).
196

C Die Lage der V
               ­ erbraucherinnen und Verbraucher in ­zentralen B
                                                               ­ edarfsfeldern                                                                            195




                                                                             Da dieses Problem kein neues ist, sondern schon seit
4       Zentrale verbraucher­                                                Jahrzehnten besteht, lässt sich im Lebensmittelmarkt

        politische Handlungsfelder                                           eine „Vertrauenserosion“ (Zühlsdorf, Nitzko & Spiller,
                                                                             2013) beobachten, die sich empirisch nachweisen lässt
        im Bedarfsfeld Ernährung                                             (vgl. Abschnitt 3.2) und auch etablierte Marktsegmen­
                                                                             te betrifft. Sie führt dazu, dass viele Verbraucherinnen
Die oben dargestellten Herausforderungen und Pro­                            und Verbraucher zwar qualitätsorientiert sind, den An­
blemlagen sind nicht erschöpfend – und allein diese                          gaben und Produktkennzeichnungen der Hersteller
Herausforderungen anzugehen, ist ein komplexes Un­                           aber nicht trauen. Obwohl den Verbraucherinnen und
terfangen für die Politik. Dennoch lassen sich aus den                       Verbrauchern bei Lebensmitteln Qualität wichtiger ist
oben genannten Themenfeldern aus der Sicht der Ver­                          als der Preis, hat dies die paradoxe Nebenfolge, dass
braucherinnen und Verbraucher sowie als Ergebnis der                         sie mangels Vertrauen bei Lebensmitteln vor allem auf
Gespräche mit Expertinnen und Experten drei zentrale                         den niedrigen Preis achten. Um dieses Vertrauen wie­
Handlungsfelder für die Politik ableiten. Diese Hand­                        derherstellen zu können und tatsächlich auch fundierte
lungsfelder können nur im Gesamtpaket ihre Wirksam­                          Qualitätsentscheidungen zu ermöglichen, ist eine Ver­
keit entfalten.                                                              besserung der Verbraucherinformationen erforderlich.
                                                                             Insbesondere leicht verständliche, zugängliche, voll­
                                                                             ständige und verlässliche Verbraucherinformationen
4.1 Verbesserung der                                                         sind in diesem Spannungsfeld zwischen Wahrnehm­

    Verbraucherinformationen                                                 barkeit und Glaubwürdigkeit unentbehrlich.


                                                                             Gütesiegel und Label spielen vor diesem Hintergrund
Die meisten der oben genannten Herausforderungen                             eine bedeutende Rolle, denn sie signalisieren den Ver­
und Problemlagen betreffen die Interaktion der Ver­                          braucherinnen und Verbrauchern Produkteigenschaf­
braucherinnen und Verbraucher mit dem Lebensmit­                             ten und Prozessqualitäten und versetzen sie in die
telhandel und mit Lebensmittelproduzenten. Diese er­                         Lage, Informationsasymmetrien abzubauen. Weiterhin
zeugen eine große Angebotsvielfalt und Komplexität.                          machen Label Problemschwerpunkte erkennbar und
Demgegenüber stehen Verbraucherinnen und Verbrau­                            tragen so zur Aufklärung der Bevölkerung über nega­
cher mit begrenzten Informationsverarbeitungskapa­                           tive externe Effekte des Konsumverhaltens bei (Bauhus
zitäten, die zugleich – wie in Abschnitt 3 gezeigt – mit                     et al., 2012), vor allem wenn sie im richtigen Rahmen
verschiedenen Ansprüchen und Konsummotiven eine                              eingesetzt werden und die gewünschten Zielgruppen
Produktauswahl treffen wollen. Hinsichtlich vieler Pro­                      richtig adressieren (Lorenz-Walther et al., 2019)
dukteigenschaften gibt es Informationsasymmetrien,
man kann einem Lebensmittel schlicht nicht ansehen,                          Damit Gütesiegel zur Entscheidungsfindung beitragen
ob es aus ökologischer Erzeugung stammt oder fair                            können, muss allerdings gewährleistet sein, dass Ver­
gehandelt wurde. Lebensmittelproduzierende Unter­
                      9
                                                                             braucherinnen und Verbraucher nicht mit einer Flut an
nehmen und Lebensmittelhändler verwenden u. a. am                            undurchschaubaren Labels überfordert werden und
Point-of-Sale sowie in der Markenwerbung oft geziel­                         dann nur noch preisorientiert kaufen. Das Problem des
te Taktiken der Imagebildung und Verschleierung, um                          „Information-Overload“ ist empirisch gut belegt (siehe
Massenproduktion als hochpreisiges Qualitätsprodukt                          Abschnitt 3.2 sowie auch Bauhus et al., 2012). Nicht
zu positionieren, wie etwa Pütz et al. (2020) am Bei­                        zu vernachlässigen ist weiterhin, dass es sich auch
spiel von Wein zeigen (vgl. auch Baur, 2013 e).                              bei Gütesiegeln um Vertrauensgüter handelt, denn für
                                                                             Verbraucherinnen und Verbraucher ist es ohne externe




9   Zu Verhaltensstrategien von Verbraucherinnen und Verbrauchern zur Überwindung von Informationsasymmetrien siehe auch Kenning und Wobker
    (2012). Gezeigt wird, dass sowohl kognitive als auch affektive Prozesse bei der Entscheidungsfindung eine Rolle spielen. Dies bedeutet, dass sowohl
    dargebotene oder selbst beschaffte Produktinformationen verarbeitet werden, als auch von Gefühlen (z. B. auch Vertrauen) und Routinen geleitet
    gehandelt wird. Insbesondere Verbraucherinnen und Verbraucher mit wenig Vertrauen in den Lebensmitteleinzelhandel suchen öfter nach Informa-
    tionen über ein Produkt als solche mit höherem Vertrauen. Vertrauen ist demnach ein effizienter Mechanismus der Komplexitätsreduktion.
197

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