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Dieses Dokument ist Teil der Anfrage „Gutachten des Sachverständigenrats für Verbraucherfragen“
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ERBRAUCHERINNEN UND VERBRAUCHER
nanzielle Absicherung im Alter aufbauen. Dieses kommt
1 Gut Wohnen: allerdings nach wie vor lediglich für weniger als die Hälf
Eine Annäherung te der Menschen in Deutschland in Betracht, was an dem
nur sehr gering ausgefallenen Anstieg der Eigentums
quote seit dem Jahr 1995 deutlich wird (siehe Abbildung
Rund zwei Drittel eines Tages verbringen die Menschen C.I-1; für eine Darstellung der Datengrundlage siehe den
in Deutschland im Durchschnitt in den eigenen vier folgenden Abschnitt).3 Außerdem unterscheidet sich die
Wänden, so zeigt es jedenfalls eine Zeitverwendungs Eigentumsquote in der Bevölkerung in unterschiedlichen
studie des Statistischen Bundesamts (Destatis, 2015).2 Regionen zum Teil erheblich und auch systematisch, wie
Für diesen hohen Anteil spielen auch Nicht-Erwerbs bereits der Vergleich zwischen Ost
tätige eine große Rolle. Da in der COVID-19-Krise sehr und West zeigt (siehe Abbildung „Eine spartanisch ein
viele Menschen im Homeoffice arbeiteten, dürfte dieser C.I-2). Dieser Vergleich zeigt auch, gerichtete Wohnung mit
Anteil im Jahr 2020 gestiegen sein – und selbst wenn dass die Wohneigentumsquote in grundlegenden Sachen.“
das Homeoffice nach der Pandemie nur zum Teil bei Ostdeutschland seit 1995 kons
Eigentümer, 34 Jahre
behalten wird, wird die in den eigenen vier Wänden tant ziemlich genau 12 Prozent
verbrachte Zeit dauerhaft höher liegen als zuvor (Dem punkte unterhalb des Werts von
melhuber et al., 2020). Westdeutschland liegt. Für eine tiefergehende Analyse
der räumlichen Unterschiede der Wohneigentumsquo
Wer sich früh im Leben für eine te siehe Lerbs & Oberst (2014). Aber auch Vergleiche
„Ruhe, keine nervigen
Investition in Wohneigentum ent unterschiedlicher Altersgruppen deuten auf struktu
Nachbarn, ein bisschen
scheidet und über die erforder relle Unterschiede hin, nämlich zu Ungunsten jüngerer
Natur ringsherum.“
lichen finanziellen Mittel verfügt, Menschen, weil sich diese heutzutage ein Eigenheim oft
Eigentümerin, 53 Jahre um einen Immobilienkredit ge finanziell nicht leisten können, zum Teil aber auch nicht
währt zu bekommen, kann für leisten wollen, da sie – zumindest vor der COVID-19-Pan
sich mit der eigenen abbezahlten Wohnung oder dem demie – oft Präferenzen für andere Ausgaben, wie z. B.
eigenen abbezahlten Haus eine tragende Säule für die fi Reisen hatten (Sagner, Stockhausen & Voigtländer, 2020).
Abbildung C.I-1: Entwicklung der Eigentumsquote 1995 –2018
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1995 2000 2005 2010 2015 2018
Gewichtete Werte, gemessen als Anteil der (selbstnutzenden) Eigentümerhaushalte an allen Haushalten in Prozent (eigene Berechnung und Darstellung;
Datenquelle: SOEP v35).
2 Berücksichtigt wurden die folgenden Aktivitäten: „Persönlicher Bereich“ (einschl. z. B. Schlafen, Essen und Trinken) mit 11:07 Stunden, „Haushalts-
führung und Betreuung Familie“ (einschl. z. B. Zubereitung von Mahlzeiten, Wäsche waschen, Aufräumen der Wohnung) mit 3:07 Stunden und „Me-
diennutzung“ (hier nur Fernsehen, Video und DVD) mit 2:07 Stunden. Die Streuung um den Durchschnittswert 2/3 ist natürlich sehr groß. Die Werte
beziehen sich auf die letzte Erhebung für die Jahre 2012/13.
3 Auch eine aktuelle, im Auftrag der Landesbausparkassen durchgeführte Studie blickt skeptisch auf eine künftige Steigerung der Quote (bisher nur als
Pressemitteilung veröffentlicht auf https://www.presseportal.de/pm/35604/4801708; abgerufen am 30. Dezember 2020).
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Vier beispielhafte Belege dafür, dass die meisten Menschen in Deutschland gut wohnen:
• Im Durchschnitt gaben Haushalte im Jahr 2019 rund 26 Prozent ihres Einkommens für Wohnkosten (einschl.
Nebenkosten und Strom) aus (Destatis, 2020e). Die sogenannte Wohnkostenbelastungsquote liegt damit im
Durchschnitt weit unterhalb des oft zitierten Grenzwerts von 40 Prozent. Das Kriterium der Bezahlbarkeit (eine
unserer elf Facetten guten Wohnens) ist damit für den deutschlandweiten Durchschnitt erfüllt, allerdings mit
z. T. erheblichen Unterschieden zwischen einzelnen Gruppen.
• Weniger als ein Prozent der deutschen Bevölkerung (in absoluten Zahlen 678.000 Personen) waren im Jahr
2018 laut ungefähren Schätzungen wohnungslos (BAG Wohnungslosenhilfe, 2019; Destatis, 2020a). Ohne Ein
bezug wohnungsloser anerkannter Geflüchteter beträgt der Anteil sogar nur 0,2 Prozent (237.000). Da uns
einige Befragte die Befriedigung von Grundbedürfnissen als Kriterium für gutes Wohnen genannt haben, ist
dieses Kriterium für die allermeisten Menschen in Deutschland erfüllt.
• Nur 1,4 Prozent der Haushalte hatten im Jahr 2019 – vor der COVID-19-Pandemie – einen Rückstand bei Hypo
theken- oder Mietzahlungen (Destatis, 2020f).
• Drei Viertel aller Haushalte verfügen über finanzielle Rücklagen für Notfälle, die es den Haushalten grundsätz
lich erlauben, die Folgen von Krisen wie der COVID-19-Pandemie finanziell zumindest teilweise durch Erspartes
abzumildern (Groß, Göbler & Wagner, 2020). Allerdings haben sich seit Ausbruch der COVID-19-Pandemie bis
in den Januar 2021 hinein Arbeitslosigkeit und Langzeitarbeitslosigkeit verfestigt (Bundesagentur für Arbeit,
2021), was eine künftige Verschärfung der finanziellen Situation vieler Haushalte mit sich bringen könnte.
Vier beispielhafte Belege dafür, dass einige Menschen in Deutschland noch besser wohnen könnten:
• Die Menschen in Deutschland geben im Schnitt pro Monat für Wohnen etwa genauso viel aus wie für Nah
rungsmittel, Mobilität und Freizeit (einschließlich Kultur) zusammen (Destatis, 2019). Dabei gehen sehr hohe
Wohnkosten (und damit ein zu geringes verfügbares Nettoeinkommen für weitere Konsumausgaben, wie z. B.
Urlaubsreisen) für viele Menschen mit einer geringeren Lebenszufriedenheit einher (DeLeire & Kalil, 2010).
• Weniger als 13 Prozent aller Gebäude in Deutschland sind energetisch vollsaniert bzw. sind Neubauten mit
hohem energetischen Standard (Metzger et al., 2019).
• Weniger als die Hälfte der Gebäude (45 Prozent) ist gegen Naturgefahren wie Starkregen versichert (Gesamt
verband der Deutschen Versicherungswirtschaft, 2020) – und das, obwohl insbesondere Starkregen überall
auftreten kann und viele Expertinnen und Experten zum Abschluss einer Versicherung raten (vgl. auch die
Hintergrundinformation „Maßnahmen für eine zukunftsgerechte Naturgefahren-Absicherung“).
• Die meisten Wohnungen in Deutschland sind Mietwohnungen, einschließlich vermieteter Eigentumswohnun
gen. Die Eigentümerquote (d. h. der Anteil von Eigentümerhaushalten an allen Haushalten, auch: Wohneigen
tumsquote) betrug im Jahr 2018 rund 46 Pozent (Destatis, 2020c).4 Der Anteil der Personen, die im Eigentum
wohnen, ist jedoch höher als 46 Prozent, da im Schnitt mehr Personen im Eigentum wohnen als in einem an
gemieteten Objekt. Natürlich ist Wohneigentum nicht für jede Person zwingend mit gutem Wohnen verbunden,
das zeigen auch unsere Ergebnisse. Für Menschen, denen beispielsweise Flexibilität ein wichtiges Gut ist, ist
Wohneigentum nicht unbedingt geeignet; sie sollten vielmehr die Möglichkeit haben, sich adäquat am Miet-
Wohnungsmarkt zu versorgen. Anders sieht es bei Menschen aus, die gerne Wohneigentum hätten und denen
dieser Wunsch aufgrund von eventuellen Problemen im Markt für Eigenheime verwehrt bleibt.
4 Es gibt eine Vielzahl von amtlichen und nichtamtlichen statistischen Erhebungen, die die Eigentümer- bzw. Wohneigentumsquote erfassen. Aus
konzeptionellen Gründen und aufgrund von stichprobenbedingten Zufallsfehlern liefern die Erhebungen leicht unterschiedliche Ergebnisse. Kleine
Differenzen und kleine Änderungen dürfen daher nicht überbewertet werden.
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Abbildung C.I-2: Entwicklung der Wohneigentumsquote in Ost- und Westdeutschland 1995 –2018
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1995 2000 2005 2010 2015 2018
Westdeutschland Ostdeutschland
Gewichtete Werte, gemessen als Anteil der (selbstnutzenden) Eigentümerhaushalte an allen Haushalten in Prozent (eigene Berechnung und Darstellung;
Datenquelle: SOEP v35).
Gleichzeitig gilt jedoch, dass Wohneigentum nicht Befunde und Empfehlungen siehe die Hintergrund
nur die Bewohnerinnen und Bewohner finanziell ab information auf Seite 51–52].
sichert – auch das Wohneigentum selbst gilt es abzu
sichern, beispielsweise gegen zunehmende Gefahren Während nur rund 10 Prozent
aufgrund des Klimawandels. „Eigentum verpflichtet“ der Eigentümerinnen und Ei „Altbau vor 1914, ruhiges
gilt daher auch und besonders, seitdem der Klima gentümer als armutsgefähr Umfeld, Balkon, Aufzug,
wandel auch in Deutschland stärker zu spüren ist, det gelten, also über ein Ein Stuck und Parkett.“
insbesondere mit Blick auf den Schutz vor Naturge kommen verfügen, welches Eigentümer, 74 Jahre
fahren wie Starkregen und Hochwasser, die grundsätz unter 60 Prozent des Durch
lich überall in Deutschland auftreten können. In dem schnittseinkommens der
Papier „Maßnahmen für eine zukunftsgerechte Natur Haushalte in Deutschland liegt (genauer: Nettoäqui
gefahren-Absicherung“ (Groß, Schwarze & Wagner, valenzeinkommen), gilt ein Viertel aller Haushalte von
2019), das der SVRV in Vorbereitung auf dieses Gutach Mieterinnen und Mietern in Deutschland als armutsge
tens veröffentlicht hat,5 weist der SVRV auf steigende fährdet (vgl. Abbildung C.I-3). Während die Armutsrisi
finanzielle Risiken durch zunehmende Unwetterschä koquote unter Eigentümerinnen und Eigentümern seit
den hin: Die Bevölkerung sollte besser vor den Folgen 1995 stagniert, ist sie bei Mieterinnen und Mietern um
des Klimawandels geschützt werden und sich auch rund fünf Prozentpunkte gestiegen. Mit Blick auf die
selbst besser schützen. Neben der zentralen Frage Armutsrisikoquote hat sich die Schere zwischen diesen
„Wie schützen wir das Klima?“ wird sich die Politik in Gruppen also weiter geöffnet.
Zukunft verstärkt mit der Frage beschäftigen müssen:
„Wie schützen wir uns vor den Folgen des Klimawan
dels?“ Für eine Zusammenfassung der wesentlichen
5 Der Policy Brief „Maßnahmen für eine zukunftsgerechte Naturgefahren-Absicherung“ bezieht die Ergebnisse zweier Expertisen mit ein, die der SVRV
in Auftrag gegeben hat und die auf der Homepage des SVRV dokumentiert sind (https://www.svr-verbraucherfragen.de/dokumente/massnahmen-
fuer-eine-zukunftsgerechte-naturgefahren-absicherung/, abgerufen am 27. Januar 2021): „Kommunikationsproblem Naturgefahren: Wie lassen
sich Hochwasserrisiken transparent und verständlich darstellen?“ von Nadine Fleischhut (Forschungsbereich Adaptive Rationalität, Max-Planck-Ins-
titut für Bildungsforschung, Berlin, und Hans-Ertel-Zentrum für Wetterforschung, Berlin und Offenbach) und Mirjam A. Jenny (zur Zeit der Veröffent-
lichung Harding-Zentrum für Risikokommunikation, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin) sowie „Institutionenökonomischer Vergleich
der Risikotransfersysteme bezüglich Elementarschäden in Europa“ von Reimund Schwarze (Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, Leipzig).
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Maßnahmen für eine zukunftsgerechte • Es gibt zahlreiche Informationsangebote, die die
Naturgefahren-Absicherung Bevölkerung für Naturgefahren und Gefahrenvor
sorge sensibilisieren sollen – jene sind oft aber
Im globalen Vergleich befindet sich Deutschland in der von Expertinnen und Experten für Expertinnen und
komfortablen Ausgangslage, dass zur Umsetzung ei Experten geschrieben und damit für Laien wenig
ner wirksamen Naturgefahren-Absicherung für Wohn transparent und verständlich.6
gebäude das Rad nicht neu erfunden werden muss,
sondern pragmatisch an Bestehendes angeknüpft und Im Sinne einer zukunftsgerechten Naturgefahren-Ab
dieses sinnvoll weiterentwickelt werden kann (Groß, sicherung empfiehlt der SVRV die Durchführung der
Schwarze & Wagner, 2019). Ähnlich wie in Teil E die folgenden Maßnahmen:
ses Gutachtens dargestellt, gilt aber auch hier, dass
Maßnahmen der adressatengerechten Verbraucher • Einführung einer verpflichtenden „Katastrophen-
information oftmals nur eine notwendige, aber keine Versicherung für Wohngebäude“ (dazu ein Vor
hinreichende Voraussetzung für eine Verbesserung der schlag für ein realisierbares Prämienmodell in
Lage der Verbraucherinnen und Verbraucher sind: Tabelle C.I-1)
• So können Eigentümerinnen und Eigentümer von • Fördermaßnahmen für Wohngebäude bezüglich
Wohngebäuden sich schon heute gegen Naturgefah Prävention und „Build Back Better“ in der Resili
ren wie Starkregen und Hochwasser versichern – die enz-Strategie des Sendai Rahmenwerks verankern
Mehrheit tut es aber nicht. und an die Vereinten Nationen berichten
• Das Sendai Rahmenwerk für Katastrophenvorsorge • Naturgefahren verstärkt im Baurecht berücksichtigen
der Vereinten Nationen sieht Maßnahmen zur Resi
lienzsteigerung von Städten vor (u. a. nach Vorgabe • Starkregenrisiko systematisch für ganz Deutsch
des „Build Back Better“ bei der Zerstörung eines land erfassen
Gebäudes durch ein Unwetterereignis) – doch bis
lang ist unklar, für welche Zwecke die vorgesehe • Informationen über Naturgefahren evidenzbasiert,
nen Fördergelder ausgegeben werden sollen. transparent und leicht verständlich gestalten. Ein
konkreter Vorschlag für die Gestaltung einer laien
• Das Baurecht sieht grundsätzlich Schutzmaßnah gerechten Hochwasserkarte zur Information über
men gegen Naturgefahren vor – ist aber bislang Hochwasserrisiken, und damit zur Einschätzung
unzureichend auf zunehmende Hochwasserrisiken des eigenen Hochwasserrisikos, wird in dem Policy
ausgerichtet. Brief vorgestellt.
• Hochwasserrisiken durch Überschwemmungen
sind deutschlandweit systematisch erfasst – das
selbe gilt trotz jüngster Bestrebungen jedoch nicht
in gleichem Maße für Starkregen.
6 Verbesserungen sind auch deswegen nicht einfach zu erreichen, da die Gefahrenvorsorge gem. Art. 30, 70 GG Ländersache ist und gewollt nicht
einheitlich erfolgt. Nur für spezifische Gefahren gibt es bundesweite Vereinheitlichungen, so z. B. für die Warnung vor Unwettern den Deutschen
Wetterdienst (DWD), für den Gezeiten-, Wasserstands- und Sturmflutwarndienst das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) sowie
für die Warnung in Fragen der Sicherheit in der Informationstechnik das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI).
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Tabelle C.I-1: Realisierbare Prämienhöhen für eine verpflichtende Naturgefahren-Versicherung für Wohngebäu-
de in Abhängigkeit von Gefährdungsklasse und Selbstbehalt für ein Standard-Einfamilienhaus
Gefährdungs- Selbstbehalt Monatliche Art der Abdeckung
klasse (GK) je Schaden Prämie
GK 1 500 Euro 5 Euro Katastrophen-Versicherung als „Rundum-sorglos-Paket“
GK 2 500 Euro 10 Euro Katastrophen-Versicherung als „Rundum-sorglos-Paket“
GK 3 5.000 Euro 25 Euro Katastrophen-Versicherung im Basistarif mit möglichst
niedriger Prämie und Schutz im Katastrophenfall; notwen
dige Voraussetzung: Ergreifen präventiver Maßnahmen
GK 4 Richtwert 1/10 50 Euro Katastrophen-Versicherung im Basistarif mit möglichst
des Gebäude niedriger Prämie und Schutz im Katastrophenfall; notwen
werts dige Voraussetzung: Ergreifen präventiver Maßnahmen
Das gestiegene Armutsrisiko hat insbesondere für sie als finanziell überlastet. Mögliche Folgen einer an
Mieterinnen und Mieter zur Folge, dass die monat haltenden finanziellen Überlastung sind Verschuldung
lichen Mietzahlungen zu einer hohen Belastung wer und Überschuldung.
den können (z. B. Sagner, Stockhausen & Voigtländer,
2020). Aktuell liegt in Deutschland die sogenannte Als finanziell durch Wohnkosten überlastet galten im
Wohnkostenbelastungsquote, die den Anteil der Wohn Jahr 2019 insgesamt 14 Prozent aller Haushalte (De
kosten am Haushaltsnettoeinkommen misst (auch be statis, 2020g). Darunter sind insbesondere Bewoh
zeichnet als „Ratio Approach“ in Stone, 2006) im Jahr nerinnen und Bewohner von Großstädten (Baldenius,
2019 im Schnitt bei rund 26 Prozent (Destatis, 2020e), Kohl & Schularick, 2020), Menschen im Rentenalter
wobei die Spreizung des Werts erheblich ist und theo (Romeu Gordo et al., 2019) und armutsnahe Haushalte,
retisch von nahe null (z. B. im Falle von Wohneigen deren Anteil in den vergangenen Jahren weiter zuge
tümerinnen und -eigentümern mit abbezahltem Im nommen hat (Dustmann & Fitzenberger, 2018; Grabka
mobilienkredit und niedrigen & Goebel, 2018).8
Neben- und Stromkosten) bis
„Ruhe, Erschwinglichkeit,
zur Hälfte des Haushaltsein Vergleicht man den Anteil, den die Ausgaben für Woh
Entspannung.“
kommens reicht (Destatis, nen an den gesamten Konsumausgaben ausmachen,
Mieter, 32 Jahre
2019). Nach einer breit ak so wird deutlich, dass diese den mit Abstand größten
zeptierten – wenn auch recht Posten bekleiden (Destatis, 2019): So ist deren Anteil
willkürlich gewählten (Praum, 2016) – Daumenregel mehr als doppelt so hoch im Vergleich zu den Ausga
gilt, dass (je nach Berechnungsgrundlage7) Haushalte benanteilen für Verkehr (einschließlich Ausgaben für
nicht mehr als 30 bis 40 Prozent ihres verfügbaren mo öffentliche Verkehrsdienstleistungen und für das eige
natlichen Einkommens für Wohnkosten ausgeben soll ne Fahrzeug) und für Nahrungsmittel, gefolgt von Frei
ten (Groß, Göbler & Wagner, 2020) – ansonsten gelten zeit, Bekleidung und sonstigem Konsum.
7 Die auch immer wieder genannte 30-Prozent-Regel (z. B. Destatis, 2020d) basiert auf dem Verhältnis von bruttowarmen Wohnkosten zum Haus-
haltsnettoeinkommen (genau: Haushaltsnettoäquivalenzeinkommen), auch Mietbelastungsquote, wohingegen die 40-Prozent-Regel die gesamten
Wohnkosten (d. h. inklusive Ausgaben für Strom) abdeckt. Der Konvention der European Union Statistics on Income and Living Conditions (EU-SILC)
von Eurostat (2020) folgend, gehen wir – die Datenverfügbarkeit vorausgesetzt – im Folgenden von der 40-Prozent-Regel aus.
8 Weiter vertieft wird die Debatte zur Betroffenheit von Wohnkostenüberlastung auch in der Literatur zu Bezahlbarem Wohnen (z. B. BBSR, 2018;
Lebuhn et al., 2017) sowie in der internationalen Literatur zu Housing Affordability (z. B. Wetzstein, 2017).
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Abbildung C.I-3: Entwicklung des Anteils armutsnaher Haushalte nach Wohnverhältnis 1995 –2018
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1995 2000 2005 2010 2015 2018
Mieterinnen und Mieter Eigentümerinnen und Eigentümer
Gewichtete Werte, gemessen als Anteil derjenigen Haushalte, deren Haushalts-Äquivalenzeinkommen unterhalb der Armutsrisikoschwelle von 60 Prozent
des Medianeinkommens liegt, in Prozent (eigene Berechnung und Darstellung; Datenquelle: SOEP v35).
Gutes Wohnen ist eine zentrale Determinante einer Skala von 0 („ganz und gar unzufrieden“) bis 10 („ganz
guten Lebensqualität. Ebenso ist der Verlust an Le und gar zufrieden“) eine durchschnittliche Wohnzufrie
bensqualität aufgrund zu hoher Ausgaben für das denheit von rund 8 ergeben (Abbildung C.I-4), wobei die
Wohnen hinreichend in der Literatur zum subjektiven weit überwiegende Mehrheit der
Wohlempfinden (engl. Subjective Well-Being) belegt Befragten im oberen Bereich der „Ländliches Wohnen.“
und wird z. B. durch die entgangene Freude durch den Zufriedenheit (6 und mehr Punk
Eigentümerin, 27 Jahre
Konsum von Freizeitdienstleistungen und anderen Gü te) liegt. Nicht überraschend
tern erklärt (z. B. DeLeire & Kalil, 2010) – es sei denn, dürfte sein, dass die Wohnzu
das eigene Haus dient in erster Linie als Prestigeobjekt friedenheit von Eigentümerinnen
(siehe hierzu die Diskussion zu Prestigekonsum, engl. und Eigentümern mit 8,8 Punkten deutlich über der von
Conspicuous Consumption, z. B. in Brown & Gather Mieterinnen und Mietern liegt (7,3 Punkte). Allerdings
good, 2020). Aber auch andere Faktoren wie z. B. die weisen Odermatt und Stutzer (2020) darauf hin, dass
Lage der Wohnung oder Nachbarschaft können dazu die Lebenszufriedenheit von Eigentümerinnen und Ei
beitragen, dass Menschen mit ihrer Wohnung zufrieden gentümern nach einem Immobilienkauf zwar höher ist
sind, oder eben nicht. als zuvor, aber nicht so hoch wie sie es erwartet hatten.
Die eigens für dieses Gutachten im Auftrag des SVRV Der Vergleich der Zeitreihen mit den aktuellen Werten
durchgeführte repräsentative Erhebung hat für Sep (zur Methodik siehe Abschnitt 2.2 in diesem Kapitel)9
tember 2020 (also in einer Zeit zwischen den beiden zeigt, dass die COVID-19-Pandemie die hohe durch
Lockdowns im Jahr 2020) auf einer vielfach genutzten schnittliche Wohnzufriedenheit nicht hat kurzfristig ab
9 Der SOEP-Wert von 7,9 in 2018 liegt unter Berücksichtigung des Zufallsfehlers auf derselben Höhe wie der Wert unserer Befragung (8,0). Da bei
einer erstmaligen Befragung die Befragten leicht höhere Zufriedenheiten angeben als bei einer wiederholten Befragung (wie das beim SOEP der Fall
ist) wurden hier nur die von uns Befragten ausgewertet, die vor der Frage nach der Wohnzufriedenheit eine offene Frage beantwortet haben, bei
der sie Gutes Wohnen beschreiben sollten (vgl. Abschnitt 3). Durch diese offene Frage haben sie ihre Wohnsituation bewusst reflektiert und dadurch
ergaben sich – erwartungsgemäß – niedrigere Zufriedenheitsangaben, die mit denen des SOEP gut vergleichbar sind. Denn bei der Wiederholungs-
befragung des SOEP erfolgt ja immer wieder eine Reflexion der gesamten Lebensumstände.
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Abbildung C.I-4: Verteilung der Wohnzufriedenheit im September 2020
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0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10
ganz und gar ganz und gar
unzufrieden zufrieden
Gewichtete Werte, gemessen als relative Häufigkeit der Nennung von Antwortmöglichkeiten auf einer Skala von 0 („ganz und gar unzufrieden“) bis
10 („ganz und gar zufrieden“) in Prozent, Fragestellung: „Wie zufrieden sind Sie gegenwärtig mit Ihrer Wohnung?“ (Eigene Berechnung und Darstellung
auf Basis der SVRV-Erhebung für diejenigen Befragten, die vor Beantwortung der Frage nach der Zufriedenheit eine offene Antwort zu „Gut Wohnen“ ge-
geben haben (vgl. Abb. C.I-6), n = 458).
sacken lassen (zumindest nicht in der hier untersuchten denheit mit der Wohnung nahm im Vergleich zum Wert
Zeit zwischen dem ersten und zweiten harten Lockdown 7,9 in 2018 bzw. 8,0 im Sommer 2020 Ende November/
ab Dezember 2020). Vergleichbare Daten zur Wohnzu Anfang Dezember 2020 auf 7,7 ab, um im Januar 2021
friedenheit während des harten Lockdowns im Frühjahr auf 7,6 nochmals leicht abzusinken. Von allen erfrag
2020 lagen zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses ten Zufriedenheiten ist auch zum Jahresanfang 2021
noch nicht vor. nach über einem Monat härterem Lockdown die Wohn
zufriedenheit immer noch die höchste. Nicht überra
Auch während der verschieden schend ist, dass die Wohnzufriedenheit während der
„Dach überm Kopp,
intensiven Lockdowns Ende 2020 Lockdowns für Haushalte mit Kindern niedriger ist als
warm und trocken.“
und Anfang 2021 blieb die Zufrie für Haushalte ohne Kinder (7,5 zu 7,8). Die niedrigere
Mieter, 66 Jahre denheit mit der Wohnung hoch, Zufriedenheit bei Kindern im Haushalt wird dabei von
während die allgemeine Lebens Haushalten mit Kindern im Kita-Alter getrieben; von
zufriedenheit deutlich abgenommen hat, wie die On diesen Haushalten wird eine Wohnzufriedenheit von
line-Erhebung COMPASS zeigt.10 Auf der Skala von 0 nur rund 7 angegeben.
(„ganz und gar unzufrieden“) bis 10 („ganz und gar zu
frieden“) nahm die allgemeine Lebenszufriedenheit im Ohne Übertreibung kann die Wohnung als „Anker der
Vergleich zu 7,4 im Jahr 2018 auf 6,9 Ende November/ Zufriedenheit“ bezeichnet werden. Nicht unerwähnt
Anfang Dezember 2020 ab und blieb auch im Zeitraum bleiben soll an dieser Stelle allerdings, dass sich auch
vom 6. bis 19. Januar 2021 auf diesem Wert. Die Zufrie in der Pandemie zeigt, dass ökonomischer Status, und
10 Die von Infratest-Dimap durchgeführte COMPASS-Befragung zu Themen rund um die COVID-19-Pandemie ist nach Gewichtung für die Online-Be-
völkerung mit deutscher Staatsangehörigkeit repräsentativ (vgl. https://www.infratest-dimap.de/umfragen-analysen/bundesweit/coronacom-
pass/coronacompass/, abgerufen am 5. Februar 2021, und Wegwarth et al., 2020). Die Daten für 2018 stammen aus SOEP v35 und beziehen sich
hier ebenfalls nur auf Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit. Für das Frühjahr 2020 werden SOEP-Daten erst im Laufe des Jahres 2021
auswertbar sein.
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Abbildung C.I-5: Entwicklung der Wohnzufriedenheit nach Migrationshintergrund 1995 –2018
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1995 2000 2005 2010 2015 2018
Kein Migrationshintergrund Direkter Migrationshintergrund Indirekter Migrationshintergrund
Gewichtete Werte, gemessen auf einer Skala von 0 („ganz und gar unzufrieden“) bis 10 („ganz und gar zufrieden“), Fragestellung: „Wie zufrieden sind Sie
gegenwärtig mit den folgenden Bereichen Ihres Lebens? Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer Wohnung?“, „direkter Migrationshintergrund“ bedeutet, dass die
befragte Person nicht in Deutschland geboren ist, „indirekter Migrationshintergrund“ bedeutet, dass die Eltern bzw. Großeltern der befragten Person nicht
in Deutschland geboren sind (eigene Berechnung und Darstellung; Datenquelle: SOEP v35).
damit verbunden die Möglichkeit, eine große Wohnung men sowie Haushaltseinkommen, Kinderbetreuung)
zu bewohnen, reale Konsequenzen sogar für das In zeigt sich, dass es keinen anderen Lebensbereich gibt,
fektionsrisiko haben: So leben rund 6,4 Millionen Men der regelmäßig mit einem solch hohen Mittelwert der
schen in Deutschland (bzw. 7,8 Prozent der Bevölkerung Zufriedenheit bewertet wird wie die Zufriedenheit mit
laut der sogenannten Überbelegungsquote) in einer zu der Wohnung (Priem, Kaiser & Schupp, 2020). Sollte
kleinen Wohnung, was wiederum mit einem höheren während des harten Lockdowns im Frühjahr 2020 die
Risiko verbunden ist, sich mit dem COVID-19-Virus zu Wohnzufriedenheit zurückgegangen sein, hat dies
infizieren. Das gilt insbesondere für armutsgefährdete wahrscheinlich am Vergleich wenig geändert, da auch
Menschen und auch Menschen mit ausländischem Pass die allgemeine Lebenszufriedenheit im Laufe der Pan
(Schmiedendorf, 2020). Für Zeitreihen-Darstellungen demie zurückging, wie eigens von März bis Juni erho
sind SOEP-Daten verfügbar,11 die aufgrund einer hohen bene Daten für den „Glücksatlas 2020“ zeigen (Grimm
Fallzahl auch für vertiefte Analysen sehr gut geeignet & Raffelhüschen, 2020).
sind. Das SOEP zeigt zum Beispiel, dass die Zufrieden
heit mit der Wohnung auch bei Menschen mit Migra Der vorliegende Bericht beschäftigt sich nicht mit
tionshintergrund gestiegen ist, wobei sie aber immer möglicher Diskriminierung beim Wohnen, insbeson
unterhalb der Zufriedenheit von Menschen ohne Migra dere nicht mit Diskriminierung bei der Anmietung und
tionshintergrund liegt (Abbildung C.I-5). dem Kauf von Immobilien sowie in der Nachbarschaft
(vgl. dazu z. B. Dill & Jirjahn, 2014; Dill, Jirjahn & Tsert
Im Vergleich zu den auch mit dem SOEP erhobenen vadse, 2015). Diese Frage wird nicht ausgeklammert,
Zufriedenheitswerten in anderen Lebensbereichen weil der SVRV sie für unwichtig halten würde, son
(z. B. Arbeit, Freizeit, Gesundheit, eigenes Einkom dern weil das Kapitel Wohnen zunächst andere Fragen
11 Europaweit wurde die Wohnzufriedenheit 2013 statistisch dargestellt. Es hat sich gezeigt, dass im europäischen Vergleich damals die Wohnzufrie-
denheit in Deutschland genau im EU-Durchschnitt lag (vgl. Eurostat 2015).
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ERBRAUCHERINNEN UND VERBRAUCHER
prioritär behandelt; deswegen wird auch Wohnen und Meinungen aus der Bevölkerung zu beiden Ausprä
Leben in Pflege- und Altenheimen, Krankenhäusern, gungen guten Wohnens darzustellen und ausgewählte
Gemeinschaftsunterkünften und anderen Formen kol langfristige Trends sowie kurzfristige Herausforderun
lektiver Unterbringung an dieser Stelle nicht unter gen zu diskutieren.
sucht, insbesondere auch im Hinblick auf geflüchtete
Menschen. Auch auf die Probleme, die durch Lärm
entstehen (vgl. z. B. Eibich et al., 2015), wird nicht
vertieft eingegangen (nur knapp im Kasten „Zur Be
deutung und zu den Gründen hoher Wohnzufrieden
heit“), obwohl Ruhe sich als eine wichtige Dimension
des Wohnens erweisen wird. Bei Ruhe sollte es sich
nicht um ein Luxusgut handeln, denn Umgebungslärm
(konkret u. a. Verkehrslärm) kann krank machen und
wird in zunehmendem Maße zu einem Problem, so
eine aktuelle Studie der Weltgesundheitsorganisation
(2018). Ähnliches gilt für weitere Umwelteinflüsse, wie
z. B. Luftverschmutzung (Holm, 2020).
Insgesamt lässt sich sagen:
„Die Wohngemeinschaft, Wie und wo wir wohnen, wie
Wohnung ohne Schimmel, viel Geld nach Abzug der
Fenster gut und Wohnkosten verbleibt und viele
brauchbare Küche.“ weitere Faktoren sind wesent
Mieterin, 67 Jahre liche Determinanten der Le
bensqualität der Menschen in
Deutschland. Die Steigerung der Lebensqualität der
Menschen in Deutschland wurde daher von der Regie
rungsstrategie „Gut leben in Deutschland“ (Die Bun
desregierung, 2016) in den Fokus genommen. Diese
enthält Vorschläge zur Messung der Lebensqualität
in Deutschland anhand von insgesamt 46 Indikato
ren – die zuvor genannte Wohnkostenbelastungsquo
te ist hier der wichtigste Indikator für gutes Leben in
Deutschland im Bereich Wohnen. Wird der zuvor be
schriebene Grenzwert von 40 Prozent überschritten, so
sinkt die Lebensqualität der Menschen in Deutschland,
so die Annahme.
Gewissermaßen als Weiterentwicklung und Vertiefung
von Gut Leben untersuchen wir in diesem Gutachten
Gut Wohnen, mit einem Schwerpunkt auf der subjek
tiven Wahrnehmung des guten Wohnens. Wie Sagner,
Stockhausen und Voigtländer (2020) es in einem ähn
lichen Zusammenhang beschreiben, hat gutes Woh
nen sowohl eine objektive Dimension (gemessen z. B.
durch den Anteil der Wohnkosten am Haushaltsnetto
einkommen – die sogenannte Wohnkostenbelastungs
quote) als auch eine subjektive Dimension, welcher in
diesem Gutachten ebenso viel Raum gegeben wird.
Ziel dieses Gutachtens ist es daher, aktuelle Daten und
C Die Lage der V
erbraucherinnen und Verbraucher in zentralen B
edarfsfeldern 57
Zur Bedeutung und zu den Gründen hoher Dem Wohnraummietrecht in Deutschland kommt im
Wohnzufriedenheit internationalen Vergleich eine Sonderstellung zu. Es
zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass Wohnraum
Eine aktuelle und vertiefte Analyse des Zusammen mietverträge grundsätzlich13 auf unbefristete Zeit ge
hangs von Wohn- und Lebenszufriedenheit auf Basis schlossen werden müssen14 und für Mieterinnen und
der SOEP-Daten durch Raffelhüschen und Renz (2020, Mieter zudem ein besonderer Kündigungsschutz be
S. 86 ff.) zeigt, dass Wohn- und Lebenszufriedenheit steht. Eine ordentliche Kündigung der Mieterin bzw.
eng miteinander verbunden sind und z. B. Verände des Mieters ist der Vermieterin oder dem Vermieter
rungen der Wohnzufriedenheit etwa 20 Prozent der nur bei Vorliegen eines berechtigten Interesses, wie
Schwankungen der Lebenszufriedenheit statistisch insbesondere im Fall sogenannten Eigenbedarfs oder
erklären können.12 bei einer schuldhaften, nicht unerheblichen Pflichtver
letzung der Mieterin oder des Mieters, möglich (§ 573
Der empirische Befund einer durchschnittlich sehr ho Absatz 1 und 2 BGB). Insbesondere ist eine sogenann
hen Wohnzufriedenheit in Deutschland mag vor dem te Änderungskündigung, also eine Kündigung mit dem
Hintergrund der immer wieder kontroversen öffentli Zweck, bei Neuverhandlungen eine höhere Miete zu
chen Debatten um die Entwicklungen am Wohnungs verlangen, gesetzlich verboten (§ 573 Absatz 1 Satz 2
markt verwundern. Diese Debatten widersprechen BGB). Das Bundesverfassungsgericht (Beschluss vom
jedoch keineswegs dem empirischen Befund einer ho 26.5.1993, BVerfGE 89, 1) hat sogar festgestellt, dass
hen Wohnzufriedenheit. Diese Zufriedenheit ist nicht der berechtigte Mietbesitz ein eigentumsähnliches
zuletzt Ausdruck des sozialen Wohnraummietrechts in Recht im Sinne von Artikel 14 des Grundgesetzes dar
Deutschland auf der einen Seite, das Mieterinnen und stellt. Die Vermietern oder der Vermieter hat allerdings
Mieter im internationalen Vergleich sehr weitgehend im Gegenzug in gewissen zeitlichen Abständen einen
schützt, sowie der (auch) die Verbraucherinnen und Anspruch auf Zustimmung zu einer Mieterhöhung bis
Verbraucher vor Übereilung schützenden Regelungen zur sogenannten ortsüblichen Vergleichsmiete (§ 558
beim Kauf bzw. Verkauf einer Immobilie, insbesondere Absatz 1 BGB). Mieterhöhungen während des Mietver
dem Erfordernis einer notariellen Beurkundung (§ 311b hältnisses sind jedoch insgesamt nur in den gesetz
Absatz 1 BGB). Zugleich zeigt der empirische Befund lich vorgesehenen Fällen und innerhalb der festge
das nicht unerwartete Ergebnis, dass Eigentümerinnen legten Grenzen möglich. Diese starke Rechtsstellung
und Eigentümer noch einmal deutlich zufriedener mit von Wohnraummieterinnen und -mietern dürfte einer
ihrer Wohnsituation sind als Mieterinnen und Mieter. der Gründe dafür sein, dass in Deutschland und ins
Aber auch die Zufriedenheit Letzterer liegt über dem besondere in größeren Städten und Ballungsräumen
Niveau ihrer allgemeinen Lebenszufriedenheit. Dies besonders viele Menschen zur Miete wohnen.
dürfte u. a. zweierlei Gründe haben: das deutsche Miet
recht und der Wunsch, sich gute Wohnverhältnisse zu
schaffen.
12 Die analysierten Zufriedenheiten beruhen auf subjektiven Angaben und sind deswegen grundsätzlicher methodischer Kritik bezüglich interperso-
neller Vergleichbarkeit ausgesetzt. Allerdings hat sich inzwischen weltweit die interpersonell vergleichende Analyse der entsprechenden Zufrieden-
heitsangaben als aussagekräftig durchgesetzt. Für eine jüngst vorgelegte Analyse der Robustheit der Ergebnisse vgl. Kaiser und Vendrik (2020), die
auch weitere Forschungsmöglichkeiten skizzieren. Die Aussagekraft subjektiver Zufriedenheiten wird auch dadurch unterstrichen, dass profitorien-
tierte Unternehmen dieses Instrument einsetzen um Kundenzufriedenheit zu messen (vgl. dazu z. B. https://www.servicebarometer.net/kundenmo-
nitor/de/, abgerufen am 14. Januar 2021, und Anderson, Fornell & Lehmann, 1994).
13 Befristungen sind allein aus den in § 575 Absatz 1 BGB aufgeführten Gründen möglich, insbesondere wenn die Vermieterin oder der Vermieter die
Räume nach Ablauf der Mietzeit für sich, seine Familienangehörigen oder Angehörige seines Haushalts nutzen will.
14 Nach französischem Recht können Mietverträge über Wohnräume ohne besondere Begründung befristet werden und sie werden regelmäßig auch
befristet abgeschlossen, vgl. Barthélemy (2018). Auch in Spanien ist die Befristung des Mietvertrags die Regel, vgl. Arroyo Amayuelas (2018). Ähnli-
ches gilt für Italien, vgl. Scaramuzzino (2018).