svrv-verbrauchergerechtes-scoring
Dieses Dokument ist Teil der Anfrage „Gutachten des Sachverständigenrats für Verbraucherfragen“
Anhang 243
Tabelle IV.89
Sehen Sie Bedarf, den Gesetzes- und Regulierungsrahmen in Bezug auf Bonusprogramme oder
verhaltensbasierte Tarife anzupassen (z. B. im Bereich des Datenschutz- oder Gesundheitsrechts)?
Falls ja, in welcher Hinsicht?
ANTWORT BESCHREIBUNG ANZAHL (n=62)
Nein Kein Anpassungsbedarf 41
Ja Anpassungsbedarf wird gesehen 17
Gewünscht wird mehr Gestaltungsspielraum für Auswahl der Ak-
Mehr Gestaltungsspiel- tivitäten im Bonusprogramm, z. B. in Hinblick auf gemeinnütziges
raum bei Ausgestaltung Verhalten oder Fitness-Tracker; unterschiedliche Aufsichtspraxis zw. 13
des Bonusprogramms Ländern und BVA wird erwähnt; weniger Einfluss der Aufsichtsbehör-
de/Deregulierung gewünscht
Kalkulationsvorgaben Änderung der Kalkulationsvorgaben gewünscht 2
Lockerung Daten-
Datenschutz sollte gelockert werden 1
schutz
Wunsch nach Verknüp-
Die Verknüpfung von Datenpools sollte ermöglicht werden 1
fung von Daten
Abschaffung von Bo-
Bonusprogramme sollten abgeschafft werden 1
nusprogrammen
Schutz der Solidar Die Solidargemeinschaft muss stärker geschützt werden; zu hohe
1
gemeinschaft Boni verhindern
Datensouveränität Kunde sollte selbst über seine Daten entscheiden dürfen 3
Mehr Regulierung Mehr Regulierung soll z. B. Missbrauch verhindern 2
Ausweitung datenba- Neue datenbasierte Angebote, z. B. Beratungsangebote, sollten
1
sierter Angebote ermöglicht werden
Keine Antwort 4
244 Anhang
Tabelle IV.90
Sollten elektronische Patientenakten und die damit potenziell zur Verfügung stehenden Gesundheits-
daten von Versicherten für den Bereich Bonusprogramme und/oder verhaltensbasierte Tarife in der
Krankenversicherung nutzbar sein?
ANTWORT BESCHREIBUNG ANZAHL (n=62)
Gesundheitsdaten aus der elektronischen Patientenakte sollten
Ja 22
nutzbar sein
Betonung, dass dies nur auf Wunsch/nach Zustimmung der Versicher-
Datensouveränität 13
ten geschehen sollte
KV versprechen sich durch die Nutzung von Daten aus elektronischen
Service und Information Patientenakten besseren Service bzw. bessere Informationen für ihre 1
Kunden
KV versprechen sich durch die Nutzung von Daten aus elektronischen
Bessere Versorgung 4
Patientenakten bessere Versorgung
Weniger Verwaltungsauf- KV versprechen sich durch die Nutzung von Daten aus elektronischen
1
wand Patientenakten weniger Verwaltungsaufwand
Die Akzeptanz der elektronische Patientenakte durch die Versicherten
Höhere Akzeptanz 1
würde erhöht
Kundenwunsch Es wäre im Interesse der Kunden 1
Gesundheitsdaten aus der elektronischen Patientenakte sollten nicht
Nein 32
nutzbar sein
Benachteiligung verhin-
Kranke Versicherte dürfen nicht benachteiligt werden 1
dern
Datenschutzrechtliche
Bedenken in Bezug auf Datenschutz („gläserner Patient“) 4
Bedenken
Nur anonymisiert, für Keine persönlichen Gesundheitsdaten, nur die anonymisierte Daten-
1
statistische Zwecke basis sollte nutzbar sein, um Angebote weiterzuentwickeln
Keine Antwort 1
Anhang 245
Tabelle IV.91
Welche Vorteile sehen Sie im potenziellen Einsatz von verhaltensbasierten Tarifen für Ihre Branche?
ANTWORT BESCHREIBUNG ANZAHL (n=62)
Verhaltensbasierte Tarife werden von der Versicherung abgelehnt; es
keine 28
gibt keine Vorteile
Erhöhung von Gesund-
Anreiz zu gesundheitsförderlichem Verhalten/Steigerung Gesund-
heitsverhalten und Ge- 17
heitsbewusstsein
sundheitsbewusstsein
Kostenersparnis Senkung der Leistungsausgaben/Krankheitskosten 7
Geschäftsmodell & Wett-
Vorteile im Wettbewerb 2
bewerb
Kundenbindung 2
Besseres Leistungsan- Mehr Leistungen/bessere Portfolios werden geboten; Versicherer
1
gebot werden vom Kostenerstatter zum Gesundheitsmanager
Boni für gesundheitsbe-
Die Versicherten können Boni erhalten 1
wusste Kunden
Keine Antwort 11
246 Anhang
Tabelle IV.92
Welche Nachteile sehen Sie im potenziellen Einsatz von verhaltensbasierten Tarifen für Ihre Branche?
ANTWORT BESCHREIBUNG ANZAHL (n=62)
Verletzung/Gefährdung des Solidaritätsprinzips; bestimmte, z. B.
Solidarprinzip/Diskrimi-
(genetisch bedingt) kranke Kunden oder Kunden in bestimmten 30
nierung
Lebenssituationen werden benachteiligt und stigmatisiert
Datenschutz Datenschutzrechtliche Bedenken 5
Risikoselektion Auswirkung auf Risikoselektion/Risikoentmischung 12
Kosten/Verwaltungsauf- Höherer Verwaltungsaufwand/höhere Kosten; Verhaltensweisen sind
15
wand schwer nachzuweisen
Marketinginstrument Missbrauch als Marketinginstrument 2
Vergleichsmöglichkeiten &
Erschwerter Vergleich und Kassenwechsel für die Versicherten 2
Kassenwechsel
Monopolbildung Kleinere Kassen können nicht mithalten, große setzen sich durch 2
Mitnahmeeffekte 1
Fehlsteuerung Vermeidung von Arztbesuchen für Prämien führt zu Risiken 1
Manche Kunden könnten durch verhaltensbasierte Tarifierung negati-
Negativerlebnisse 2
ve Erlebnisse haben
keine Es gibt keine Nachteile 5
Skandalanfälligkeit z. B. Datenskandale; der Versicherte verliert so das Vertrauen 2
Keine Antwort 12
Anhang 247
Tabelle IV.93
Wie schätzen Sie die Zukunft von verhaltensbasierten Tarifen in Ihrer Branche ein? Gibt es Trends (z. B.
aus dem Ausland), die Sie für die Weiterentwicklung Ihrer Krankenversicherung für relevant halten?
ANTWORT BESCHREIBUNG ANZAHL (n=62)
Zukunftseinschätzungen
Verhaltensbasierte Tarife werden in den Gesundheitsmarkt Einzug
halten, sich weiter verbreiten; es gibt bereits erste Formen verhal-
Tendenziell positive tensbasierter Tarifierung, z. B. in andere Versicherungsarten oder
9
Markttendenz durch Wahltarife; Versicherung bewertet verhaltensbasierte Tarife
positiv und würde deren Verbreitung begrüßen; Verhaltensbasierte
Tarife kann es nur in der PKV geben
Verhaltensbasierte Tarife wird es nicht geben; verhaltensbasierte Ta-
Keine Markttendenz rife nicht möglich, auch weil die gesetzliche Regulierung in Deutsch- 19
land sehr stark ist
Versicherung lehnt verhaltensbasierte Tarife ab; Entsolidarisierung/
Ablehnung 20
Benachteiligungen werden dadurch befürchtet
Beobachtete/interessante Trends
Das Gesundheitsbewusstsein der Versicherten nimmt zu; der Umgang
mit Gesundheitsdaten wird sich ändern, Skepsis abnehmen; Kunden
Kundenerwartungen 2
werden verhaltensbasierte Versicherungen und personalisierte Ange-
bote erwarten
Telemedizin wird als wichtiger Trend gesehen; die Digitalisierung und
Technischer Fortschritt
damit verbundene Datennutzungsmöglichkeiten werden als wichtiger 4
(z. B. Telemedizin)
Trend gesehen
Neue Geschäftsmodelle, neue Versicherungsprodukte werden ent-
Geschäftsmodelle & Wett-
stehen und verhaltensbasierte Tarife zum Unterscheidungsmerkmal 2
bewerb
werden
Der Präventionsgedanke wird stärker werden; KV nicht nur als Kosten
Ausbau Prävention 3
erstatter, sondern als Gesundheitsmanager
Keine Trends Es sind keine Trends erkennbar 4
Keine Antwort 11
248 Anhang
V. orstudie und Bevölkerungsbe-
V
fragung: Detaillierte Darstellung
der Methode und Ergebnisse
1. Dokumentation der des anderen in Echtzeit erfahren. Denken und Handeln
drehen sich nahezu ausschließlich um den Score. Die
Vorstudie 2017 junge Protagonistin des Films braucht einen höheren
Score, um eine bessere Wohnung mieten zu können. Sie
Im November 2017 wurde eine Vorstudie in Berlin hofft durch den hoch gerankten Freundeskreis einer al-
durchgeführt, um Teile des für die repräsentative Befra- ten Freundin ihren eigenen Score zu steigern, denn der
gung entwickelten Fragebogens zu testen (Rebitschek et Umgang mit Personen, die einen höheren Score haben,
al., 2018). Die Studie wurde in einem Berliner Kinosaal wirkt sich positiv auf den eigenen Score aus und ein Ab-
mit 91 Teilnehmern (52 % Frauen), im Alter zwischen 17 sinken gilt es um jeden Preis und mit allen Mitteln zu
und 75 Jahren durchgeführt (Rebitschek et al., 2018). vermeiden, da sozialer Abstieg und Ausgrenzung drohen.
Teilnehmer wurden aus einem Probandenpanel des
Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung (MPIB) so- Im Anschluss an die Gruppenvorführung im Kinosaal
wie über die Geschäftsstelle des Sachverständigenrats wurden die Einstellungsfragen ein zweites Mal vorge-
für Verbraucherfragen, über das DIW Berlin, das SIBIS legt und mit offenen Fragen nach Hintergründen ge-
Institut für Sozialforschung, die Humboldt Law Clinic, fragt. Die Akzeptanz von neuartigen Scoring-Verfahren,
das Alexander von Humboldt Institut für Internet und welche Merkmale aus verschiedenen Scoringbereichen
Gesellschaft sowie in der Oberstufe eines Gymnasiums kombinieren, war vor und nach der Intervention durch
(Katholische Schule Salvator) mit einer themenspezifi- die Filmvorführung für alle Szenarien auf eine Minder-
schen Einladung rekrutiert. 68 % der Teilnehmer hatten heit beschränkt (Tabelle V.1), wobei das Szenario „Bür-
mindestens ein Hochschulstudium abgeschlossen, 25 % ger-Scoring“ von 92 % (vorher) bzw. 96 % (nachher) der
hatten eine Hochschulzugangsberechtigung (Fachhoch- Teilnehmer abgelehnt wurde, das „Strafzettel-Scoring“
schulabschluss oder Abitur), nur 7 % hatten keine (Real-, hingegen von 31 % bzw. 25 % befürwortet wurde. Knapp
Haupt- oder Volksschulabschluss). 28 % der Teilnehmer befürworteten mindestens eines
der drei Szenarien. Dieser Anteil lag vor der Filmvorfüh-
Eingesetzt wurden Paper-and-Pencil-Fragebögen (Re- rung noch etwas höher; dies war zu erwarten, da die
bitschek et al., 2018) mit Fragen u. a. zu Wissen (Merk- meisten TeilnehmerInnen vor der Filmvorführung über
male, die in etablierte Bonitätsscorings eingehen) und ein solches Szenario nicht vertieft nachgedacht haben
der Akzeptanz von Scoring-Szenarien zu kombinierter werden.
Kfz-Krankenversicherung (kombiniertes Versicherungs
scoring), Telematikmeldung an die Polizei (Strafzet- Die Intervention, die den TeilnehmerInnen zusätzliches
tel-Scoring) sowie einem umfassenden Bürger-Scoring Wissen brachte, hat die erwarteten Ergebnisse gezeigt,
in verschiedenen Lebensbereichen. nämlich mehr Skepsis bei mehr Wissen. Freilich sind die
Effekte so klein, dass man davon ausgehen kann, dass
Als Intervention, die das Erleben eines fiktiven Social- die Ergebnisse einer Repräsentativ-Befragung ohne In-
Credit-Systems darstellt, wurde die Episode „Nosedive“ tervention aussagekräftiger sind.
der Netflix-TV-Serie Black Mirror gezeigt. In diesem Film
wird von den Menschen ständig jede Dienstleistung so-
wie nahezu jede soziale Interaktion bewertet, jeder hat
einen persönlichen Score und kann zugleich den je-
Anhang 249
Tabelle V.1
Anteil der Personen, die Scoring-Szenarien vor bzw. nach der Medienpräsentation befürworten (in %).
SZENARIO ANTEIL DER PERSONEN, DIE PRÄ POST
Kombiniertes Versi-
nutzen würden 15 11
cherungsscoring
Strafzettel-Scoring einführen würden 31 25
Bürger-Scoring einführen würden 8 4
Selektives Scoring mindestens eins der Szenarien befürworten 39 28
2. Dokumentation der 2.1.1 Aufbau und Inhalt der Telefonbefragung
Im Anschluss an einen Einstiegsblock, in dem kurz das
Repräsentativbefragung Ziel der Befragung erläutert, die Teilnahmebereitschaft
abgeklärt sowie Einstiegsfragen u. a. zu den Themen
Fortbewegung und Gesundheit (siehe 2.1.5) gestellt wur-
2.1 Methodik den, erfolgten Fragen zu den drei Themenkomplexen
Ziel der repräsentativen Bevölkerungsbefragung war es, Bonität (siehe 2.1.2), Kfz-Versicherung und Gesundheit
einen Einblick bezüglich der Einstellungen zu und der (siehe 2.1.3). Im Kontext von potenziellem neuartigem
Akzeptanz von etablierten und (potenziellen) neuarti- Scoring wurde zudem die Akzeptanz eines umfassenden
gen Scoring-Verfahren in den drei Bereichen Bonität, sozialen Bürger-Scorings (siehe 2.1.4) erfasst. Abschlie-
Kfz-Versicherung und Gesundheit der in Deutschland ßend wurden soziodemographische Angaben erhoben
lebenden Bevölkerung zu erlangen. Zu diesem Zweck (siehe 2.1.6).
wurde eine Telefonbefragung (so genanntes compu-
ter-assisted telephone interview, CATI) im Zeitraum von
Anfang Februar bis Ende April 2018 mit einer durch- 2.1.2 Wissen zu etabliertem Bonitäts-Scoring
schnittlichen Dauer von 22,5 min durchgeführt. An der Obgleich das Wissen über Scoring mehr als die Merkma-
repräsentativen Bevölkerungsbefragung nahmen n = le, die dafür genutzt werden, umfasst, wurde aus Prakti-
2.215 Personen im Alter zwischen 16 und 94 Jahren teil kabilitätsgründen scoringbezogenes Wissen ausschließ-
(1.123 Frauen, 1.092 Männer). Die Struktur und der In- lich über die Kenntnis der Merkmale, die zur Beurteilung
halt des standardisierten, strukturierten Fragebogens, der Bonität von Privatpersonen von in Deutschland eta-
anhand dessen die Telefonbefragung durchgeführt wur- blierten Auskunfteien herangezogen werden, erfasst.
de, ist nachfolgend beschrieben.
250 Anhang
Zunächst sollten die Befragten für die Merkmale (1) eige- gezogen werden können, orientierte sich daran, welche
nes Zahlungsverhalten, (2) Alter, (3) laufender Kredit, (4) Merkmale in verhaltensbasierte Kfz-Versicherungstarife
Vorhandensein von Vermögen, (5) Verhalten in sozialen bereits gegenwärtig einfließen können (z. B. Brems- und
Netzwerken, (6) Beruf und (7) Nationalität jeweils ent- Beschleunigungsverhalten, Stadt- vs. Landfahrt, Tag- vs.
scheiden, ob dieses Merkmal bei der Berechnung des Nachtfahrt, Geschwindigkeit) bzw. welche Merkmale bei
Bonitäts-Scores Berücksichtigung findet oder nicht. Um Gesundheits-Apps und Fitnesstrackern und auch (teils)
einem Reihenfolgeeffekt entgegenzuwirken, wurde die bei Bonusprogrammen von gesetzlichen Krankenver-
Abfolge der Präsentation über alle Teilnehmer randomi- sicherungen (z. B. Schrittzahl (AOK Nordost, Techniker
siert. Darüber hinaus wurde die Zustimmung bzw. Ab- Krankenkasse), Krebsfrüherkennungsuntersuchungen)
lehnung bezüglich einer Veröffentlichung des eigenen berücksichtigt werden.
Bonitäts-Scores (im Internet) bzw. des Bonitäts-Scores
aller Personen in Deutschland erfragt. Der Themenkom-
plex Bonität endete mit der Erfragung, ob der eigene Bo- Kfz
nitäts-Score in den letzten fünf Jahren erfahren und ob Für den Split Kfz-Versicherung sollte jeweils für die
dieser für korrekt gehalten wurde. Merkmale (1) Geschwindigkeit, (2) Nachrichtenversen-
dung bzw. Lesen von Nachrichten auf dem Handy wäh-
rend der Fahrt, (3) Tag- vs. Nachtfahrt, (4) Stadt- vs.
2.1.3 Akzeptanz potenzieller neuartiger Scorings Landfahrt und (5) Beschleunigungs- und Bremsverhalten
Die Einstellung bzw. Akzeptanz bezüglich (potenzieller) angegeben werden, für wie gerechtfertigt die Befragten
neuartiger Scoring-Verfahren wurde für die Bereiche Ge- die Berücksichtigung dieser Merkmale für die Höhe des
sundheit und Kfz-Versicherung erfasst. Hierbei erhielt Kfz-Versicherungstarifs halten. Beim Split Bonus, den je-
die Hälfte (n = 1.111) der Befragten Fragen zum Thema weils die Hälfte der Befragten im Split Kfz erhielt, wurde
Gesundheit (Split Gesundheit) und die andere Hälfte für bestimmtes Fahrverhalten bzw. Umstände der Fahrt
(n = 1.104) zum Thema Kfz-Versicherung (Split Kfz). Zu- eine positive Konsequenz im Sinne einer Verringerung
nächst ging es darum, in Erfahrung zu bringen, inwie- des Tarifs der Kfz-Versicherung in Aussicht gestellt. Im
fern bestimmte verhaltens- bzw. situationsabhängige Einzelnen sollte jeweils in Erfahrung gebracht werden,
Merkmale bei der Ausgestaltung des Versicherungsta- wie die Befragten es bewerteten, dass die Einhaltung
rifs nach Meinung der in Deutschland lebenden Bevöl- der zulässigen Höchstgeschwindigkeit, kein Lesen oder
kerung eine Rolle spielen sollten. Dafür erhielt je die Schreiben von Nachrichten auf dem Handy, Fahrten bei
Hälfte der Befragten im Split Gesundheit (n = 570) und je Tag und auf dem Land sowie ein vorsichtiges Beschleu-
die Hälfte im Split Kfz-Versicherung (n = 536) Fragen mit nigen und Bremsen mit einer Preisersparnis assoziiert
verhaltens- bzw. situationsabhängiger positiver Kon- sind. Umgekehrt sollte beim Split Malus, den die ande-
sequenz im Sinne einer Ersparnis bei einem Versiche- re Hälfte der Befragten im Split Kfz präsentiert bekam,
rungstarif (Split Bonus), während die andere Hälfte im jeweils bewertet werden, wie gerechtfertigt es von den
Split Gesundheit (n = 541) und im Split Kfz-Versicherung Befragten empfunden wird, wenn das Überschreiten
(n = 568) die Fragen mit negativer Konsequenz im Sinne der zugelassenen Höchstgeschwindigkeit, das Lesen
einer Erhöhung bei einem Versicherungstarif präsen- und Schreiben von Nachrichten auf dem Handy, Fahr-
tiert bekam (Split Malus). Mit Hilfe der Antwortkatego- ten bei Nacht und in der Stadt sowie unvorsichtiges
rien, die die Abstufungen „voll und ganz gerechtfertigt“, Beschleunigen und Bremsen zu einer Preiserhöhung
„eher gerechtfertigt“, „eher nicht gerechtfertigt“ und der Kfz-Versicherung führt. Im Anschluss an den Bonus-
„überhaupt nicht gerechtfertigt“ umfassten, sollte in und Malus-Split erhielten alle Personen im Split Kfz die
den Splits Gesundheit bzw. Kfz-Versicherung angegeben nachfolgend beschriebenen Fragen.
werden, für wie gerechtfertigt die Berücksichtigung des
jeweiligen Merkmals für die Ausgestaltung des Versiche- Anknüpfend an die Fragen, bei denen die Berücksichti-
rungstarifes gehalten wird. Um einem Reihenfolgeeffekt gung von verhaltens- bzw. situationsabhängigen Merk-
entgegenzuwirken, wurden die Merkmale über alle Be- malen für den Kfz-Tarif bewertet werden sollte, wurden
fragten randomisiert. Die Auswahl von Merkmalen, die alle Befragten im Split Kfz danach gefragt, ob sie es sich
für die Ausgestaltung eines Versicherungstarifs heran- vorstellen könnten, einen derartigen Kfz-Versicherungs-
Anhang 251
tarif selbst zu nutzen, und wurden zudem gebeten, ihre Gesundheit
Entscheidung kurz zu begründen. Darüber hinaus wurde Für den Split Gesundheit sollte jeweils bewertet wer-
erfragt, wie häufig die Befragten bei Nutzung eines sol- den, wie gerechtfertigt es die Befragten finden, wenn
chen verhaltensbasierten Tarifs Rückmeldung zu ihrem die Höhe des Krankenversicherungstarifs vom eige-
Fahrverhalten haben wollen würden, wobei zwischen nen gesundheitsbezogenen Verhalten abhängt. Dafür
den Antworten „täglich“, „wöchentlich“, „monatlich“, sollte jeweils für die Merkmale (1) Schrittzahl pro Tag,
„bei starken Änderungen meines Fahrverhaltens“ und (2) Schlafdauer, (3) Alkoholkonsum, (4) Körpergewicht,
„ich würde keine Rückmeldung dazu haben wollen“ ge- (5) Teilnahme an Krebsfrüherkennungsuntersuchungen
wählt werden konnte. Zudem wurde nach der Zustim- und (6) Zigarettenkonsum angegeben werden, für wie
mung bzw. Ablehnung in Bezug auf die Einführung eines gerechtfertigt die Befragten die Berücksichtigung des
persönlichen Punktwerts für das Fahrverhalten und des- Merkmals für die Höhe des Krankenversicherungsta-
sen Veröffentlichung im Internet gefragt. rifs halten. Hierbei wurde beim Split Bonus jeweils als
positive Konsequenz in Aussicht gestellt, weniger für
Um einem bereits im Ausland zu beobachtenden Trend den Krankenversicherungstarif zu zahlen, wenn ein
Rechnung zu tragen (z. B. Social Credit Score in China), bestimmtes gesundheitsbezogenes Verhalten wie (1)
wurde im Weiteren nach der Akzeptanz bezüglich der eine vorgegebene Schrittanzahl pro Tag zu gehen, (2)
Verknüpfung von Scores aus verschiedenen Bereichen eine bestimmte Schlafdauer pro Nacht einzuhalten,
gefragt. Hierbei sollten die Befragten angeben, ob sie ei- (3) nur geringe Mengen an Alkohol zu trinken, (4) nor-
nen Kombinationstarif nutzen würden, der zu einer Kos- malgewichtig zu sein, (5) Teilnahme an Krebsfrüher-
tenersparnis bei der Kfz-Versicherung führt, sofern sie kennungsuntersuchungen und (6) Nichtraucherstatus
dem Unternehmen auch Daten über das Gesundheits- nachgewiesen wird. Umgekehrt wurde für den Split
verhalten zur Verfügung stellten. Mit Hilfe der Antworten Malus als negative Konsequenz bei Nichteinhaltung der
„ja, mit Sicherheit“, „ja, möglicherweise“, „nein, eher gesundheitsbezogenen Verhaltensweisen in Aussicht
nicht“ und „nein, sicher nicht“ sollte die Bereitschaft gestellt, mehr für die Krankenversicherung zu zahlen.
bzw. Ablehnung bezüglich der Nutzung eines Kombi- Im Anschluss an die Fragen im Bonus- und Malus-Split,
nationstarifs signalisiert werden und diese zudem kurz in denen jeweils nach der Akzeptanz bezüglich der Be-
begründet werden. Der Fragenkomplex zum Thema rücksichtigung von verhaltensabhängigen Merkmalen
Kfz endete mit der Präsentation eines fiktiven Szena- für den Krankenversicherungstarif gefragt wurde, er-
rios, bei dem eine allgemeine Aufzeichnungspflicht der hielten alle Befragten die nachfolgend beschriebenen
Fahrgeschwindigkeit in allen Autos einschließlich einer Fragen im Split Gesundheit.
obligatorischen Übermittlung von Geschwindigkeits-
übertretungen direkt an die Polizei postuliert wurde. Anknüpfend an die Fragen, bei denen die Berücksich-
Zunächst wurde die Zustimmung bzw. Ablehnung be- tigung von verhaltensabhängigen Merkmalen für den
züglich der Einführung eines solchen Systems erfragt. Krankenversicherungstarif bewertet werden sollte, wur-
Im Anschluss daran sollten die potenziellen Konsequen- den alle Befragten im Split Gesundheit danach gefragt,
zen eingeschätzt werden. Dabei sollte unter Zuhilfenah- ob sie sich die Nutzung so eines Krankenversicherungs-
me der Antwortvorgaben „stimme voll und ganz zu“, tarifs vorstellen könnten, und wurden zudem gebeten,
„stimme eher zu“, „stimme eher nicht zu“ und „stimme ihre Entscheidung kurz zu begründen. In diesem Zusam-
überhaupt nicht zu“ angegeben werden, ob durch so ein menhang wurde weiter erfragt, wie häufig die Befragten
System (1) die Sicherheit auf den Straßen erhöht wer- bei Nutzung eines solchen Tarifs Rückmeldung zu ihrem
den könnte, (2) die Gerechtigkeit erhöht werden könnte Gesundheitsverhalten haben wollen würden. Hierfür
und (3) die persönliche Freiheit eingeschränkt werden sollte zwischen den Antworten „täglich“, „wöchentlich“,
würde. Die Reihenfolge der Präsentation der drei poten „monatlich“, „bei starken Änderungen meines Gesund-
ziellen Konsequenzen eines solchen Systems wurde heitsverhaltens“ und „ich würde keine Rückmeldung
über alle Befragten des Kfz-Splits randomisiert. dazu haben wollen“ gewählt werden. Darüber hinaus
wurde nach der Zustimmung bzw. Ablehnung in Bezug
auf die Einführung eines persönlichen Punktwerts für
252 Anhang
das Gesundheitsverhalten und dessen Veröffentlichung persönlichen Freiheit unter Verwendung der Antwort
im Internet gefragt. kategorien „stimme voll und ganz zu“, „stimme eher zu“,
„stimme eher nicht zu“ und „stimme überhaupt nicht
Auch im Split Gesundheit wurde die Akzeptanz der Ver- zu“ indiziert werden.
knüpfung von Scores aus unterschiedlichen Bereichen
in Erfahrung gebracht. Unter Verwendung der Antwort-
kategorien „ja, mit Sicherheit“, „ja, möglicherweise“, 2.1.5 Einstellungen
„nein, eher nicht“ und „nein, sicher nicht“ sollten die Um zu erfassen, inwiefern die individuelle Betroffenheit
Befragten angeben, ob sie sich die Nutzung eines Kom- sowie Verhaltensweisen und bestimmte Einstellungen
binationstarifs vorstellen könnten, der zu einer Koste- im Zusammenhang mit der Einstellung und Akzeptanz
nersparnis bei der Krankenversicherung führt, sofern zu etabliertem und potenziell neuartigem Scoring ste-
dem Unternehmen auch Daten über das Fahrverhalten hen, erhielten alle Befragten zum Einstieg in das Tele-
zur Verfügung gestellt werden würden. Diese Entschei- foninterview Fragen zu den Themen Fortbewegung und
dung sollte zudem kurz begründet werden. Der Fragen- Gesundheit inklusive der Erfahrung mit der Selbstver-
komplex zum Thema Gesundheit endete mit der Präsen- messung von gesundheitsbezogenem Verhalten. Zudem
tation eines fiktiven Szenarios, bei dem eine allgemeine wurden die Risikobereitschaft, Kontrollüberzeugungen,
Aufzeichnungspflicht der Schrittzahl pro Tag postuliert sportliche Betätigung und Einstellungen zu den Themen
wurde. Bei zu wenigen Schritten würde eine stärkere Technik, Datenschutz, Preisbewusstsein bei Produkten
Beteiligung an Arztkosten drohen. Zunächst wurde er- und Dienstleistungen und Solidarität exploriert.
fragt, ob die Befragten für oder gegen die Einführung ei-
nes solchen Systems wären. Im Anschluss daran sollten
die potenziellen Implikationen eines solchen Systems 2.1.6 Soziodemographie
eingeschätzt werden. Dabei sollte unter Zuhilfenahme Zum Abschluss der Telefonbefragung wurden soziode-
der Antwortvorgaben „stimme voll und ganz zu“, „stim- mographische Informationen erfasst. Diese umfassten
me eher zu“, „stimme eher nicht zu“ und „stimme über- Geschlecht, Alter, Staatsbürgerschaft, Schul- bzw. Hoch-
haupt nicht zu“ angegeben werden, ob durch so ein schulabschluss, Erwerbstätigkeit, Beziehungsstatus,
System (1) die Gesundheit der Bevölkerung verbessert Kfz- und Krankenversicherung, Fitness, Anzahl der im
werden könnte, (2) die Gerechtigkeit erhöht werden Haushalt lebenden Personen, Bundesland sowie Ein-
könnte und (3) die persönliche Freiheit eingeschränkt wohnerzahl des Wohnorts.
werden würde. Die Reihenfolge der Präsentation der
drei potenziellen Konsequenzen eines solchen Systems
wurde über alle Befragten des Gesundheits-Splits ran- 2.1.7 Codierung offener Antworten
domisiert. Die offenen Fragen wurden innerhalb des Kfz- und Ge-
sundheits-Splits nur zufällig jedem dritten Befragten
gestellt. Zur Auswertung der Antworten auf die offenen
2.1.4 Soziales Bürger-Scoring Fragen, ob sich die Befragten die Nutzung eines tele-
In Anlehnung an das chinesische soziale Kreditsystem matikabasierten Kfz- bzw. Gesundheitstarifs vorstellen
wurde ein fiktives Szenario präsentiert, bei dem alle in können sowie ob sie einen Kombinationstarif nutzen
Deutschland lebenden Bürger einen sozialen Punktwert würden, wurde ein Kategoriensystem erstellt. Für das
erhalten, dessen Höhe vom Verhalten (z. B. Fahrverhal- Vorgehen zur Entwicklung des Kategoriensystems sie-
ten, Gesundheitsverhalten, Zahlungsverhalten, Sozial- he infas (2018). Nach Erstellung des Kategoriensystems
verhalten) abhängig ist. Bei allen Teilnehmern wurde wurden die offenen Antworten von zwei unabhängigen
zunächst erfragt, ob sie die Einführung eines solchen Beurteilern den einzelnen Kategorien zugeordnet. In
Systems befürworten oder ablehnen würden. Daran an- Fällen nicht zufriedenstellender Übereinstimmung zwi-
knüpfend sollte das Ausmaß der Zustimmung bzw. Ab- schen den beiden Beurteilern wurde darüber hinaus ein
lehnung zu den möglichen Implikationen eines sozialen dritter unabhängiger Beurteiler hinzugezogen.
Punktwertes, nämlich (1) Erhöhung der Sicherheit, (2)
Erhöhung der Gerechtigkeit und (3) Einschränkung der