svrv-verbrauchergerechtes-scoring

Dieses Dokument ist Teil der Anfrage „Gutachten des Sachverständigenrats für Verbraucherfragen

/ 290
PDF herunterladen
Anhang                                                                                                                243




Tabelle IV.89


 Sehen Sie Bedarf, den Gesetzes- und Regulierungsrahmen in Bezug auf Bonusprogramme oder
 verhaltensbasierte Tarife anzupassen (z. B. im Bereich des Datenschutz- oder Gesundheitsrechts)?
 Falls ja, in welcher Hinsicht?


 ANTWORT                       BESCHREIBUNG                                                           ANZAHL (n=62)

 Nein                          Kein Anpassungsbedarf                                                  41


 Ja                            Anpassungsbedarf wird gesehen                                          17


                               Gewünscht wird mehr Gestaltungsspielraum für Auswahl der Ak-
      Mehr Gestaltungsspiel-   tivitäten im Bonusprogramm, z. B. in Hinblick auf gemeinnütziges
      raum bei Ausgestaltung   Verhalten oder Fitness-Tracker; unterschiedliche Aufsichtspraxis zw.   13
      des Bonusprogramms       Ländern und BVA wird erwähnt; weniger Einfluss der Aufsichtsbehör-
                               de/Deregulierung gewünscht


      Kalkulationsvorgaben     Änderung der Kalkulationsvorgaben gewünscht                            2


      Lockerung Daten-
                               Datenschutz sollte gelockert werden                                    1
      schutz


      Wunsch nach Verknüp-
                               Die Verknüpfung von Datenpools sollte ermöglicht werden                1
      fung von Daten


      Abschaffung von Bo-
                               Bonusprogramme sollten abgeschafft werden                              1
      nusprogrammen


      Schutz der Solidar­      Die Solidargemeinschaft muss stärker geschützt werden; zu hohe
                                                                                                      1
      gemeinschaft             Boni verhindern


      Datensouveränität        Kunde sollte selbst über seine Daten entscheiden dürfen                3


      Mehr Regulierung         Mehr Regulierung soll z. B. Missbrauch verhindern                      2


      Ausweitung datenba-      Neue datenbasierte Angebote, z. B. Beratungsangebote, sollten
                                                                                                      1
      sierter Angebote         ermöglicht werden


 Keine Antwort                                                                                        4
245

244   Anhang




      Tabelle IV.90


       Sollten elektronische Patientenakten und die damit potenziell zur Verfügung stehenden Gesundheits-
       daten von Versicherten für den Bereich Bonusprogramme und/oder verhaltensbasierte Tarife in der
       Krankenversicherung nutzbar sein?


       ANTWORT                   BESCHREIBUNG                                                           ANZAHL (n=62)

                                 Gesundheitsdaten aus der elektronischen Patientenakte sollten
       Ja                                                                                               22
                                 nutzbar sein


                                 Betonung, dass dies nur auf Wunsch/nach Zustimmung der Versicher-
       Datensouveränität                                                                                13
                                 ten geschehen sollte


                                 KV versprechen sich durch die Nutzung von Daten aus elektronischen
       Service und Information   Patientenakten besseren Service bzw. bessere Informationen für ihre    1
                                 Kunden


                                 KV versprechen sich durch die Nutzung von Daten aus elektronischen
       Bessere Versorgung                                                                               4
                                 Patientenakten bessere Versorgung



       Weniger Verwaltungsauf-   KV versprechen sich durch die Nutzung von Daten aus elektronischen
                                                                                                        1
       wand                      Patientenakten weniger Verwaltungsaufwand



                                 Die Akzeptanz der elektronische Patientenakte durch die Versicherten
       Höhere Akzeptanz                                                                                 1
                                 würde erhöht


       Kundenwunsch              Es wäre im Interesse der Kunden                                        1


                                 Gesundheitsdaten aus der elektronischen Patientenakte sollten nicht
       Nein                                                                                             32
                                 nutzbar sein



       Benachteiligung verhin-
                                 Kranke Versicherte dürfen nicht benachteiligt werden                   1
       dern



       Datenschutzrechtliche
                                 Bedenken in Bezug auf Datenschutz („gläserner Patient“)                4
       Bedenken


       Nur anonymisiert, für     Keine persönlichen Gesundheitsdaten, nur die anonymisierte Daten-
                                                                                                        1
       statistische Zwecke       basis sollte nutzbar sein, um Angebote weiterzuentwickeln


       Keine Antwort                                                                                    1
246

Anhang                                                                                                           245




Tabelle IV.91


 Welche Vorteile sehen Sie im potenziellen Einsatz von verhaltensbasierten Tarifen für Ihre Branche?

 ANTWORT                   BESCHREIBUNG                                                          ANZAHL (n=62)

                           Verhaltensbasierte Tarife werden von der Versicherung abgelehnt; es
 keine                                                                                           28
                           gibt keine Vorteile


 Erhöhung von Gesund-
                           Anreiz zu gesundheitsförderlichem Verhalten/Steigerung Gesund-
 heitsverhalten und Ge-                                                                          17
                           heitsbewusstsein
 sundheitsbewusstsein


 Kostenersparnis           Senkung der Leistungsausgaben/Krankheitskosten                        7


 Geschäftsmodell & Wett-
                           Vorteile im Wettbewerb                                                2
 bewerb


 Kundenbindung                                                                                   2


 Besseres Leistungsan-     Mehr Leistungen/bessere Portfolios werden geboten; Versicherer
                                                                                                 1
 gebot                     werden vom Kostenerstatter zum Gesundheitsmanager


 Boni für gesundheitsbe-
                           Die Versicherten können Boni erhalten                                 1
 wusste Kunden


 Keine Antwort                                                                                   11
247

246   Anhang




      Tabelle IV.92


       Welche Nachteile sehen Sie im potenziellen Einsatz von verhaltensbasierten Tarifen für Ihre Branche?

       ANTWORT                     BESCHREIBUNG                                                         ANZAHL (n=62)


                                   Verletzung/Gefährdung des Solidaritätsprinzips; bestimmte, z. B.
       Solidarprinzip/Diskrimi-
                                   (genetisch bedingt) kranke Kunden oder Kunden in bestimmten          30
       nierung
                                   Lebenssituationen werden benachteiligt und stigmatisiert


       Datenschutz                 Datenschutzrechtliche Bedenken                                       5


       Risikoselektion             Auswirkung auf Risikoselektion/Risikoentmischung                     12


       Kosten/Verwaltungsauf-      Höherer Verwaltungsaufwand/höhere Kosten; Verhaltensweisen sind
                                                                                                        15
       wand                        schwer nachzuweisen


       Marketinginstrument         Missbrauch als Marketinginstrument                                   2


       Vergleichsmöglichkeiten &
                                   Erschwerter Vergleich und Kassenwechsel für die Versicherten         2
       Kassenwechsel


       Monopolbildung              Kleinere Kassen können nicht mithalten, große setzen sich durch      2


       Mitnahmeeffekte                                                                                  1


       Fehlsteuerung               Vermeidung von Arztbesuchen für Prämien führt zu Risiken             1


                                   Manche Kunden könnten durch verhaltensbasierte Tarifierung negati-
       Negativerlebnisse                                                                                2
                                   ve Erlebnisse haben


       keine                       Es gibt keine Nachteile                                              5


       Skandalanfälligkeit         z. B. Datenskandale; der Versicherte verliert so das Vertrauen       2


       Keine Antwort                                                                                    12
248

Anhang                                                                                                               247




Tabelle IV.93


 Wie schätzen Sie die Zukunft von verhaltensbasierten Tarifen in Ihrer Branche ein? Gibt es Trends (z. B.
 aus dem Ausland), die Sie für die Weiterentwicklung Ihrer Krankenversicherung für relevant halten?

 ANTWORT                     BESCHREIBUNG                                                            ANZAHL (n=62)

 Zukunftseinschätzungen



                             Verhaltensbasierte Tarife werden in den Gesundheitsmarkt Einzug
                             halten, sich weiter verbreiten; es gibt bereits erste Formen verhal-
 Tendenziell positive        tensbasierter Tarifierung, z. B. in andere Versicherungsarten oder
                                                                                                     9
 Markttendenz                durch Wahltarife; Versicherung bewertet verhaltensbasierte Tarife
                             positiv und würde deren Verbreitung begrüßen; Verhaltensbasierte
                             Tarife kann es nur in der PKV geben



                             Verhaltensbasierte Tarife wird es nicht geben; verhaltensbasierte Ta-
 Keine Markttendenz          rife nicht möglich, auch weil die gesetzliche Regulierung in Deutsch-   19
                             land sehr stark ist


                             Versicherung lehnt verhaltensbasierte Tarife ab; Entsolidarisierung/
 Ablehnung                                                                                           20
                             Benachteiligungen werden dadurch befürchtet


 Beobachtete/interessante Trends


                             Das Gesundheitsbewusstsein der Versicherten nimmt zu; der Umgang
                             mit Gesundheitsdaten wird sich ändern, Skepsis abnehmen; Kunden
 Kundenerwartungen                                                                                   2
                             werden verhaltensbasierte Versicherungen und personalisierte Ange-
                             bote erwarten



                             Telemedizin wird als wichtiger Trend gesehen; die Digitalisierung und
 Technischer Fortschritt
                             damit verbundene Datennutzungsmöglichkeiten werden als wichtiger        4
 (z. B. Telemedizin)
                             Trend gesehen


                             Neue Geschäftsmodelle, neue Versicherungsprodukte werden ent-
 Geschäftsmodelle & Wett-
                             stehen und verhaltensbasierte Tarife zum Unterscheidungsmerkmal         2
 bewerb
                             werden


                             Der Präventionsgedanke wird stärker werden; KV nicht nur als Kosten­
 Ausbau Prävention                                                                                   3
                             erstatter, sondern als Gesundheitsmanager


 Keine Trends                Es sind keine Trends erkennbar                                          4


 Keine Antwort                                                                                       11
249

248   Anhang




      V.              orstudie und Bevölkerungsbe-
                     V
                     fragung: Detaillierte Darstellung
                     der Methode und Ergebnisse

      1.	Dokumentation der                                       des anderen in Echtzeit erfahren. Denken und Handeln
                                                                  drehen sich nahezu ausschließlich um den Score. Die
          Vorstudie 2017                                          junge Protagonistin des Films braucht einen höheren
                                                                  Score, um eine bessere Wohnung mieten zu können. Sie
      Im November 2017 wurde eine Vorstudie in Berlin             hofft durch den hoch gerankten Freundeskreis einer al-
      durchgeführt, um Teile des für die repräsentative Befra-    ten Freundin ihren eigenen Score zu steigern, denn der
      gung entwickelten Fragebogens zu testen (Rebitschek et      Umgang mit Personen, die einen höheren Score haben,
      al., 2018). Die Studie wurde in einem Berliner Kinosaal     wirkt sich positiv auf den eigenen Score aus und ein Ab-
      mit 91 Teilnehmern (52 % Frauen), im Alter zwischen 17      sinken gilt es um jeden Preis und mit allen Mitteln zu
      und 75 Jahren durchgeführt (Rebitschek et al., 2018).       vermeiden, da sozialer Abstieg und Ausgrenzung drohen.
      Teilnehmer wurden aus einem Probandenpanel des
      Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung (MPIB) so-       Im Anschluss an die Gruppenvorführung im Kinosaal
      wie über die Geschäftsstelle des Sachverständigenrats       wurden die Einstellungsfragen ein zweites Mal vorge-
      für Verbraucherfragen, über das DIW Berlin, das SIBIS       legt und mit offenen Fragen nach Hintergründen ge-
      Institut für Sozialforschung, die Humboldt Law Clinic,      fragt. Die Akzeptanz von neuartigen Scoring-Verfahren,
      das Alexander von Humboldt Institut für Internet und        welche Merkmale aus verschiedenen Scoringbereichen
      Gesellschaft sowie in der Oberstufe eines Gymnasiums        kombinieren, war vor und nach der Intervention durch
      (Katholische Schule Salvator) mit einer themenspezifi-      die Filmvorführung für alle Szenarien auf eine Minder-
      schen Einladung rekrutiert. 68 % der Teilnehmer hatten      heit beschränkt (Tabelle V.1), wobei das Szenario „Bür-
      mindestens ein Hochschulstudium abgeschlossen, 25 %         ger-Scoring“ von 92 % (vorher) bzw. 96 % (nachher) der
      hatten eine Hochschulzugangsberechtigung (Fachhoch-         Teilnehmer abgelehnt wurde, das „Strafzettel-Scoring“
      schulabschluss oder Abitur), nur 7 % hatten keine (Real-,   hingegen von 31 % bzw. 25 % befürwortet wurde. Knapp
      Haupt- oder Volksschulabschluss).                           28 % der Teilnehmer befürworteten mindestens eines
                                                                  der drei Szenarien. Dieser Anteil lag vor der Filmvorfüh-
      Eingesetzt wurden Paper-and-Pencil-Fragebögen (Re-          rung noch etwas höher; dies war zu erwarten, da die
      bitschek et al., 2018) mit Fragen u. a. zu Wissen (Merk-    meisten TeilnehmerInnen vor der Filmvorführung über
      male, die in etablierte Bonitätsscorings eingehen) und      ein solches Szenario nicht vertieft nachgedacht haben
      der Akzeptanz von Scoring-Szenarien zu kombinierter         werden.
      Kfz-Krankenversicherung (kombiniertes Versicherungs­
      scoring), Telematikmeldung an die Polizei (Strafzet-        Die Intervention, die den TeilnehmerInnen zusätzliches
      tel-Scoring) sowie einem umfassenden Bürger-Scoring         Wissen brachte, hat die erwarteten Ergebnisse gezeigt,
      in verschiedenen Lebensbereichen.                           nämlich mehr Skepsis bei mehr Wissen. Freilich sind die
                                                                  Effekte so klein, dass man davon ausgehen kann, dass
      Als Intervention, die das Erleben eines fiktiven Social-    die Ergebnisse einer Repräsentativ-Befragung ohne In-
      Credit-Systems darstellt, wurde die Episode „Nosedive“      tervention aussagekräftiger sind.
      der Netflix-TV-Serie Black Mirror gezeigt. In diesem Film
      wird von den Menschen ständig jede Dienstleistung so-
      wie nahezu jede soziale Interaktion bewertet, jeder hat
      einen persönlichen Score und kann zugleich den je-
250

Anhang                                                                                                                  249




Tabelle V.1


 Anteil der Personen, die Scoring-Szenarien vor bzw. nach der Medienpräsentation befürworten (in %).


 SZENARIO                ANTEIL DER PERSONEN, DIE                                 PRÄ               POST

 Kombiniertes Versi-
                         nutzen würden                                            15                11
 cherungsscoring

 Strafzettel-Scoring     einführen würden                                         31                25


 Bürger-Scoring          einführen würden                                         8                 4


 Selektives Scoring      mindestens eins der Szenarien befürworten                39                28




2.	Dokumentation der                                       2.1.1 Aufbau und Inhalt der Telefonbefragung
                                                            Im Anschluss an einen Einstiegsblock, in dem kurz das
    Repräsentativbefragung                                  Ziel der Befragung erläutert, die Teilnahmebereitschaft
                                                            abgeklärt sowie Einstiegsfragen u. a. zu den Themen
                                                            Fortbewegung und Gesundheit (siehe 2.1.5) gestellt wur-
2.1 Methodik                                                den, erfolgten Fragen zu den drei Themenkomplexen
Ziel der repräsentativen Bevölkerungsbefragung war es,      Bonität (siehe 2.1.2), Kfz-Versicherung und Gesundheit
einen Einblick bezüglich der Einstellungen zu und der       (siehe 2.1.3). Im Kontext von potenziellem neuartigem
Akzeptanz von etablierten und (potenziellen) neuarti-       Scoring wurde zudem die Akzeptanz eines umfassenden
gen Scoring-Verfahren in den drei Bereichen Bonität,        sozialen Bürger-Scorings (siehe 2.1.4) erfasst. Abschlie-
Kfz-Versicherung und Gesundheit der in Deutschland          ßend wurden soziodemographische Angaben erhoben
lebenden Bevölkerung zu erlangen. Zu diesem Zweck           (siehe 2.1.6).
wurde eine Telefonbefragung (so genanntes compu-
ter-assisted telephone interview, CATI) im Zeitraum von
Anfang Februar bis Ende April 2018 mit einer durch-         2.1.2 Wissen zu etabliertem Bonitäts-Scoring
schnittlichen Dauer von 22,5 min durchgeführt. An der       Obgleich das Wissen über Scoring mehr als die Merkma-
repräsentativen Bevölkerungsbefragung nahmen n =            le, die dafür genutzt werden, umfasst, wurde aus Prakti-
2.215 Personen im Alter zwischen 16 und 94 Jahren teil      kabilitätsgründen scoringbezogenes Wissen ausschließ-
(1.123 Frauen, 1.092 Männer). Die Struktur und der In-      lich über die Kenntnis der Merkmale, die zur Beurteilung
halt des standardisierten, strukturierten Fragebogens,      der Bonität von Privatpersonen von in Deutschland eta-
anhand dessen die Telefonbefragung durchgeführt wur-        blierten Auskunfteien herangezogen werden, erfasst.
de, ist nachfolgend beschrieben.
251

250   Anhang




      Zunächst sollten die Befragten für die Merkmale (1) eige-     gezogen werden können, orientierte sich daran, welche
      nes Zahlungsverhalten, (2) Alter, (3) laufender Kredit, (4)   Merkmale in verhaltensbasierte Kfz-Versicherungstarife
      Vorhandensein von Vermögen, (5) Verhalten in sozialen         bereits gegenwärtig einfließen können (z. B. Brems- und
      Netzwerken, (6) Beruf und (7) Nationalität jeweils ent-       Beschleunigungsverhalten, Stadt- vs. Landfahrt, Tag- vs.
      scheiden, ob dieses Merkmal bei der Berechnung des            Nachtfahrt, Geschwindigkeit) bzw. welche Merkmale bei
      Bonitäts-Scores Berücksichtigung findet oder nicht. Um        Gesundheits-Apps und Fitnesstrackern und auch (teils)
      einem Reihenfolgeeffekt entgegenzuwirken, wurde die           bei Bonusprogrammen von gesetzlichen Krankenver-
      Abfolge der Präsentation über alle Teilnehmer randomi-        sicherungen (z. B. Schrittzahl (AOK Nordost, Techniker
      siert. Darüber hinaus wurde die Zustimmung bzw. Ab-           Krankenkasse), Krebsfrüherkennungsuntersuchungen)
      lehnung bezüglich einer Veröffentlichung des eigenen          berücksichtigt werden.
      Bonitäts-Scores (im Internet) bzw. des Bonitäts-Scores
      aller Personen in Deutschland erfragt. Der Themenkom-
      plex Bonität endete mit der Erfragung, ob der eigene Bo-      Kfz
      nitäts-Score in den letzten fünf Jahren erfahren und ob       Für den Split Kfz-Versicherung sollte jeweils für die
      dieser für korrekt gehalten wurde.                            Merkmale (1) Geschwindigkeit, (2) Nachrichtenversen-
                                                                    dung bzw. Lesen von Nachrichten auf dem Handy wäh-
                                                                    rend der Fahrt, (3) Tag- vs. Nachtfahrt, (4) Stadt- vs.
      2.1.3 Akzeptanz potenzieller neuartiger Scorings              Landfahrt und (5) Beschleunigungs- und Bremsverhalten
      Die Einstellung bzw. Akzeptanz bezüglich (potenzieller)       angegeben werden, für wie gerechtfertigt die Befragten
      neuartiger Scoring-Verfahren wurde für die Bereiche Ge-       die Berücksichtigung dieser Merkmale für die Höhe des
      sundheit und Kfz-Versicherung erfasst. Hierbei erhielt        Kfz-Versicherungstarifs halten. Beim Split Bonus, den je-
      die Hälfte (n = 1.111) der Befragten Fragen zum Thema         weils die Hälfte der Befragten im Split Kfz erhielt, wurde
      Gesundheit (Split Gesundheit) und die andere Hälfte           für bestimmtes Fahrverhalten bzw. Umstände der Fahrt
      (n = 1.104) zum Thema Kfz-Versicherung (Split Kfz). Zu-       eine positive Konsequenz im Sinne einer Verringerung
      nächst ging es darum, in Erfahrung zu bringen, inwie-         des Tarifs der Kfz-Versicherung in Aussicht gestellt. Im
      fern bestimmte verhaltens- bzw. situationsabhängige           Einzelnen sollte jeweils in Erfahrung gebracht werden,
      Merkmale bei der Ausgestaltung des Versicherungsta-           wie die Befragten es bewerteten, dass die Einhaltung
      rifs nach Meinung der in Deutschland lebenden Bevöl-          der zulässigen Höchstgeschwindigkeit, kein Lesen oder
      kerung eine Rolle spielen sollten. Dafür erhielt je die       Schreiben von Nachrichten auf dem Handy, Fahrten bei
      Hälfte der Befragten im Split Gesundheit (n = 570) und je     Tag und auf dem Land sowie ein vorsichtiges Beschleu-
      die Hälfte im Split Kfz-Versicherung (n = 536) Fragen mit     nigen und Bremsen mit einer Preisersparnis assoziiert
      verhaltens- bzw. situationsabhängiger positiver Kon-          sind. Umgekehrt sollte beim Split Malus, den die ande-
      sequenz im Sinne einer Ersparnis bei einem Versiche-          re Hälfte der Befragten im Split Kfz präsentiert bekam,
      rungstarif (Split Bonus), während die andere Hälfte im        jeweils bewertet werden, wie gerechtfertigt es von den
      Split Gesundheit (n = 541) und im Split Kfz-Versicherung      Befragten empfunden wird, wenn das Überschreiten
      (n = 568) die Fragen mit negativer Konsequenz im Sinne        der zugelassenen Höchstgeschwindigkeit, das Lesen
      einer Erhöhung bei einem Versicherungstarif präsen-           und Schreiben von Nachrichten auf dem Handy, Fahr-
      tiert bekam (Split Malus). Mit Hilfe der Antwortkatego-       ten bei Nacht und in der Stadt sowie unvorsichtiges
      rien, die die Abstufungen „voll und ganz gerechtfertigt“,     Beschleunigen und Bremsen zu einer Preiserhöhung
      „eher gerechtfertigt“, „eher nicht gerechtfertigt“ und        der Kfz-Versicherung führt. Im Anschluss an den Bonus-
      „überhaupt nicht gerechtfertigt“ umfassten, sollte in         und Malus-Split erhielten alle Personen im Split Kfz die
      den Splits Gesundheit bzw. Kfz-Versicherung angegeben         nachfolgend beschriebenen Fragen.
      werden, für wie gerechtfertigt die Berücksichtigung des
      jeweiligen Merkmals für die Ausgestaltung des Versiche-       Anknüpfend an die Fragen, bei denen die Berücksichti-
      rungstarifes gehalten wird. Um einem Reihenfolgeeffekt        gung von verhaltens- bzw. situationsabhängigen Merk-
      entgegenzuwirken, wurden die Merkmale über alle Be-           malen für den Kfz-Tarif bewertet werden sollte, wurden
      fragten randomisiert. Die Auswahl von Merkmalen, die          alle Befragten im Split Kfz danach gefragt, ob sie es sich
      für die Ausgestaltung eines Versicherungstarifs heran-        vorstellen könnten, einen derartigen Kfz-Versicherungs-
252

Anhang                                                                                                                  251




tarif selbst zu nutzen, und wurden zudem gebeten, ihre       Gesundheit
Entscheidung kurz zu begründen. Darüber hinaus wurde         Für den Split Gesundheit sollte jeweils bewertet wer-
erfragt, wie häufig die Befragten bei Nutzung eines sol-     den, wie gerechtfertigt es die Befragten finden, wenn
chen verhaltensbasierten Tarifs Rückmeldung zu ihrem         die Höhe des Krankenversicherungstarifs vom eige-
Fahrverhalten haben wollen würden, wobei zwischen            nen gesundheitsbezogenen Verhalten abhängt. Dafür
den Antworten „täglich“, „wöchentlich“, „monatlich“,         sollte jeweils für die Merkmale (1) Schrittzahl pro Tag,
„bei starken Änderungen meines Fahrverhaltens“ und           (2) Schlafdauer, (3) Alkoholkonsum, (4) Körpergewicht,
„ich würde keine Rückmeldung dazu haben wollen“ ge-          (5) Teilnahme an Krebsfrüherkennungsuntersuchungen
wählt werden konnte. Zudem wurde nach der Zustim-            und (6) Zigarettenkonsum angegeben werden, für wie
mung bzw. Ablehnung in Bezug auf die Einführung eines        gerechtfertigt die Befragten die Berücksichtigung des
persönlichen Punktwerts für das Fahrverhalten und des-       Merkmals für die Höhe des Krankenversicherungsta-
sen Veröffentlichung im Internet gefragt.                    rifs halten. Hierbei wurde beim Split Bonus jeweils als
                                                             positive Konsequenz in Aussicht gestellt, weniger für
Um einem bereits im Ausland zu beobachtenden Trend           den Krankenversicherungstarif zu zahlen, wenn ein
Rechnung zu tragen (z. B. Social Credit Score in China),     bestimmtes gesundheitsbezogenes Verhalten wie (1)
wurde im Weiteren nach der Akzeptanz bezüglich der           eine vorgegebene Schrittanzahl pro Tag zu gehen, (2)
Verknüpfung von Scores aus verschiedenen Bereichen           eine bestimmte Schlafdauer pro Nacht einzuhalten,
gefragt. Hierbei sollten die Befragten angeben, ob sie ei-   (3) nur geringe Mengen an Alkohol zu trinken, (4) nor-
nen Kombinationstarif nutzen würden, der zu einer Kos-       malgewichtig zu sein, (5) Teilnahme an Krebsfrüher-
tenersparnis bei der Kfz-Versicherung führt, sofern sie      kennungsuntersuchungen und (6) Nichtraucherstatus
dem Unternehmen auch Daten über das Gesundheits-             nachgewiesen wird. Umgekehrt wurde für den Split
verhalten zur Verfügung stellten. Mit Hilfe der Antworten    Malus als negative Konsequenz bei Nichteinhaltung der
„ja, mit Sicherheit“, „ja, möglicherweise“, „nein, eher      gesundheitsbezogenen Verhaltensweisen in Aussicht
nicht“ und „nein, sicher nicht“ sollte die Bereitschaft      gestellt, mehr für die Krankenversicherung zu zahlen.
bzw. Ablehnung bezüglich der Nutzung eines Kombi-            Im Anschluss an die Fragen im Bonus- und Malus-Split,
nationstarifs signalisiert werden und diese zudem kurz       in denen jeweils nach der Akzeptanz bezüglich der Be-
begründet werden. Der Fragenkomplex zum Thema                rücksichtigung von verhaltensabhängigen Merkmalen
Kfz endete mit der Präsentation eines fiktiven Szena-        für den Krankenversicherungstarif gefragt wurde, er-
rios, bei dem eine allgemeine Aufzeichnungspflicht der       hielten alle Befragten die nachfolgend beschriebenen
Fahrgeschwindigkeit in allen Autos einschließlich einer      Fragen im Split Gesundheit.
obligatorischen Übermittlung von Geschwindigkeits-
übertretungen direkt an die Polizei postuliert wurde.        Anknüpfend an die Fragen, bei denen die Berücksich-
Zunächst wurde die Zustimmung bzw. Ablehnung be-             tigung von verhaltensabhängigen Merkmalen für den
züglich der Einführung eines solchen Systems erfragt.        Krankenversicherungstarif bewertet werden sollte, wur-
Im Anschluss daran sollten die potenziellen Konsequen-       den alle Befragten im Split Gesundheit danach gefragt,
zen eingeschätzt werden. Dabei sollte unter Zuhilfenah-      ob sie sich die Nutzung so eines Krankenversicherungs-
me der Antwortvorgaben „stimme voll und ganz zu“,            tarifs vorstellen könnten, und wurden zudem gebeten,
„stimme eher zu“, „stimme eher nicht zu“ und „stimme         ihre Entscheidung kurz zu begründen. In diesem Zusam-
überhaupt nicht zu“ angegeben werden, ob durch so ein        menhang wurde weiter erfragt, wie häufig die Befragten
System (1) die Sicherheit auf den Straßen erhöht wer-        bei Nutzung eines solchen Tarifs Rückmeldung zu ihrem
den könnte, (2) die Gerechtigkeit erhöht werden könnte       Gesundheitsverhalten haben wollen würden. Hierfür
und (3) die persönliche Freiheit eingeschränkt werden        sollte zwischen den Antworten „täglich“, „wöchentlich“,
würde. Die Reihenfolge der Präsentation der drei poten­      „monatlich“, „bei starken Änderungen meines Gesund-
ziellen Konsequenzen eines solchen Systems wurde             heitsverhaltens“ und „ich würde keine Rückmeldung
über alle Befragten des Kfz-Splits randomisiert.             dazu haben wollen“ gewählt werden. Darüber hinaus
                                                             wurde nach der Zustimmung bzw. Ablehnung in Bezug
                                                             auf die Einführung eines persönlichen Punktwerts für
253

252   Anhang




      das Gesundheitsverhalten und dessen Veröffentlichung        persönlichen Freiheit unter Verwendung der Antwort­
      im Internet gefragt.                                        kategorien „stimme voll und ganz zu“, „stimme eher zu“,
                                                                  „stimme eher nicht zu“ und „stimme überhaupt nicht
      Auch im Split Gesundheit wurde die Akzeptanz der Ver-       zu“ indiziert werden.
      knüpfung von Scores aus unterschiedlichen Bereichen
      in Erfahrung gebracht. Unter Verwendung der Antwort-
      kategorien „ja, mit Sicherheit“, „ja, möglicherweise“,      2.1.5 Einstellungen
      „nein, eher nicht“ und „nein, sicher nicht“ sollten die     Um zu erfassen, inwiefern die individuelle Betroffenheit
      Befragten angeben, ob sie sich die Nutzung eines Kom-       sowie Verhaltensweisen und bestimmte Einstellungen
      binationstarifs vorstellen könnten, der zu einer Koste-     im Zusammenhang mit der Einstellung und Akzeptanz
      nersparnis bei der Krankenversicherung führt, sofern        zu etabliertem und potenziell neuartigem Scoring ste-
      dem Unternehmen auch Daten über das Fahrverhalten           hen, erhielten alle Befragten zum Einstieg in das Tele-
      zur Verfügung gestellt werden würden. Diese Entschei-       foninterview Fragen zu den Themen Fortbewegung und
      dung sollte zudem kurz begründet werden. Der Fragen-        Gesundheit inklusive der Erfahrung mit der Selbstver-
      komplex zum Thema Gesundheit endete mit der Präsen-         messung von gesundheitsbezogenem Verhalten. Zudem
      tation eines fiktiven Szenarios, bei dem eine allgemeine    wurden die Risikobereitschaft, Kontrollüberzeugungen,
      Aufzeichnungspflicht der Schrittzahl pro Tag postuliert     sportliche Betätigung und Einstellungen zu den Themen
      wurde. Bei zu wenigen Schritten würde eine stärkere         Technik, Datenschutz, Preisbewusstsein bei Produkten
      Beteiligung an Arztkosten drohen. Zunächst wurde er-        und Dienstleistungen und Solidarität exploriert.
      fragt, ob die Befragten für oder gegen die Einführung ei-
      nes solchen Systems wären. Im Anschluss daran sollten
      die potenziellen Implikationen eines solchen Systems        2.1.6 Soziodemographie
      eingeschätzt werden. Dabei sollte unter Zuhilfenahme        Zum Abschluss der Telefonbefragung wurden soziode-
      der Antwortvorgaben „stimme voll und ganz zu“, „stim-       mographische Informationen erfasst. Diese umfassten
      me eher zu“, „stimme eher nicht zu“ und „stimme über-       Geschlecht, Alter, Staatsbürgerschaft, Schul- bzw. Hoch-
      haupt nicht zu“ angegeben werden, ob durch so ein           schulabschluss, Erwerbstätigkeit, Beziehungsstatus,
      System (1) die Gesundheit der Bevölkerung verbessert        Kfz- und Krankenversicherung, Fitness, Anzahl der im
      werden könnte, (2) die Gerechtigkeit erhöht werden          Haushalt lebenden Personen, Bundesland sowie Ein-
      könnte und (3) die persönliche Freiheit eingeschränkt       wohnerzahl des Wohnorts.
      werden würde. Die Reihenfolge der Präsentation der
      drei potenziellen Konsequenzen eines solchen Systems
      wurde über alle Befragten des Gesundheits-Splits ran-       2.1.7 Codierung offener Antworten
      domisiert.                                                  Die offenen Fragen wurden innerhalb des Kfz- und Ge-
                                                                  sundheits-Splits nur zufällig jedem dritten Befragten
                                                                  gestellt. Zur Auswertung der Antworten auf die offenen
      2.1.4 Soziales Bürger-Scoring                               Fragen, ob sich die Befragten die Nutzung eines tele-
      In Anlehnung an das chinesische soziale Kreditsystem        matikabasierten Kfz- bzw. Gesundheitstarifs vorstellen
      wurde ein fiktives Szenario präsentiert, bei dem alle in    können sowie ob sie einen Kombinationstarif nutzen
      Deutschland lebenden Bürger einen sozialen Punktwert        würden, wurde ein Kategoriensystem erstellt. Für das
      erhalten, dessen Höhe vom Verhalten (z. B. Fahrverhal-      Vorgehen zur Entwicklung des Kategoriensystems sie-
      ten, Gesundheitsverhalten, Zahlungsverhalten, Sozial-       he infas (2018). Nach Erstellung des Kategoriensystems
      verhalten) abhängig ist. Bei allen Teilnehmern wurde        wurden die offenen Antworten von zwei unabhängigen
      zunächst erfragt, ob sie die Einführung eines solchen       Beurteilern den einzelnen Kategorien zugeordnet. In
      Systems befürworten oder ablehnen würden. Daran an-         Fällen nicht zufriedenstellender Übereinstimmung zwi-
      knüpfend sollte das Ausmaß der Zustimmung bzw. Ab-          schen den beiden Beurteilern wurde darüber hinaus ein
      lehnung zu den möglichen Implikationen eines sozialen       dritter unabhängiger Beurteiler hinzugezogen.
      Punktwertes, nämlich (1) Erhöhung der Sicherheit, (2)
      Erhöhung der Gerechtigkeit und (3) Einschränkung der
254

Zur nächsten Seite