policy-brief-faire-co2-bepreisung
Dieses Dokument ist Teil der Anfrage „Gutachten des Sachverständigenrats für Verbraucherfragen“
3. ERGEBNISSE DER REPRÄSENTATIVEN BEVÖLKERUNGSBEFRAGUNGEN 2020 UND 2022 … 19
Von der Möglichkeit, den eigenen CO2-Fußabdruck be-
3.2 Der eigene CO2-Fußab- rechnen zu können, haben hingegen rund 57 Prozent
druck ist den Allermeisten nicht der Befragten gehört (ohne Tabelle).
bekannt – rund ein Sechstel Die Berechnung des eigenen CO2-Fußabdrucks kann
möchte ihn ausdrücklich nicht auf unterschiedlichen Wegen erfolgen, zum Beispiel
auf der Internetseite des Umweltbundesamts mit ei-
erfahren nem dort hinterlegten CO2-Rechner (UBA, 2022). Ob
sich eine Person tatsächlich freiwillig damit befasst
und die Berechnung durchführt, setzt aber natürlich
In Abschnitt 3.1 wurde gezeigt, dass die befragten ein gewisses intrinsisches Interesse an den Themen
Personen ein stark ausgeprägtes eigenes Umweltbe- Klimaschutz voraus sowie die Bereitschaft, sich kri-
wusstsein angeben. Danach gefragt, ob sie ihren eige- tisch mit dem eigenen potenziell umweltschädlichen
nen CO2-Fußabdruck schon einmal berechnet haben, Verhalten auseinandersetzen zu wollen. Die Aller-
gibt nur knapp jede zehnte befragte Person an, dieses meisten haben dieses jedoch, wie oben ausgeführt,
bereits schon einmal getan zu haben (siehe Tabelle 3). nicht getan.
Tabelle 3: Vorkenntnis über eigenen CO2-Fußabdruck und Verweigerung, diesen zu erfahren, im Herbst 2020
CO2-Fußabdruck war schon Mitteilung des CO2-
im Vorfeld der Befragung Fußabdrucks in der
bekannt Befragung abgelehnt
Alle 9 % (108) 16 % (134)
Nach höchstem Hauptschul- / 4 % (13) 20 % (76)
Bildungsabschluss Realschulabschluss
Abitur / 14 % (23) 9 % (30)
Fachhochschulreife
Bachelor / Master / 34 % (71) 9 % (26)
Diplom / Promotion
Nach Einkommens- 1. (Ärmste 20 Prozent) 3 % (8) 25 % (40)
quintilen
2. 6 % (12) 14 % (27)
3. 12 % (20) 22 % (27)
4. 13 % (22) 7 % (22)
5. (Reichste 20 Prozent) 15 % (46) 10 % (18)
Nach Altersgruppen Bis 34 Jahre 17 % (22) 11 % (109)
35 bis 54 Jahre 9 % (40) 16 % (273)
55 bis 69 Jahre 5 % (36) 15 % (347)
Ab 70 Jahren 5 % (7) 21 % (244)
Gewichtete Werte; Anteile (gerundet in Prozent, absolute ungewichtete Zahlen in Klammern) der Befragten, die die folgende Frage mit „ja“ beantwor-
teten: „Haben Sie Ihren eigenen ökologischen Fußabdruck schon einmal errechnet, zum Beispiel durch einen sogenannten CO2-Rechner?“ bzw. die
folgende Frage mit „nein“: „Wir haben Ihnen im Interview Fragen zu den Lebensbereichen Wohnen, Mobilität, Ernährung, Konsum und Freizeit gestellt.
Aufgrund dieser Angaben wurde für Sie durch eine wissenschaftlich abgesicherte Rechenformel ein jährlicher ökologischer Fußabdruck errechnet, der in
Tonnen CO2-Emission pro Jahr gemessen wird. Möchten Sie jetzt erfahren, wie hoch Ihr Wert ist und wie dieser im Vergleich zur Bevölkerung allgemein
einzuordnen ist?“, n = 1.103.
20 EINE FAIRE CO 2-BEPREISUNG MACHT ES VERBRAUCHER*INNEN LEICHT, SICH KLIMAFREUNDLICH ZU ENTSCHEIDEN
Die Antworten auf die Frage dieser zum Zeitpunkt, zu dem
„Ich habe schon „Es ist mir eigentlich
nach der bereits erfolgten Be- die Frage gestellt wurde, voll-
genug Informationen völlig egal.“
schäftigung mit dem eigenen ständig berechnet vorlag und
zu verkraften und
CO2-Fußabdruck hängen stark den Befragten gesagt wurde,
daher möchte ich das
von der formalen Bildung der dass ihnen der Wert unmittelbar mitgeteilt werden
eigentlich nicht wissen.“
befragten Person ab: Je h
öher könne. Im Detail zeigt sich auch hier, dass das Interes-
die formale Bildung, desto hö- se desto höher ausfällt, je höher die formale Bildung
her der Anteil derjenigen, die sich nach eigenen An- der befragten Person ist. Weniger klar ist der Zusam-
gaben schon einmal mit ihrem CO2-Fußabdruck be- menhang zwischen dem Interesse, den Fußabdruck zu
schäftigt haben. Ähnlich, da stark bildungsabhängig, erfahren, und dem Einkommen sowie dem Alter der
verhält es sich mit dem Einkommen: Je höher das befragten Person.
Einkommen, desto höher der Anteil derjenigen, die
angeben, sich schon einmal mit ihrem CO2-Fußab- Diejenigen Personen, die sich
druck beschäftigt zu haben. Mit Blick auf das Alter geweigert haben, ihren persön- „Was soll ich damit
fällt auf, dass Personen unter 34 Jahren deutlich lichen CO2-Fußabdruck zu er- anfangen? Ich halte
häufiger angeben, sich mit ihrem CO2-Fußabdruck fahren, wurden daraufhin nach mich an die Vorgaben,
beschäftigt zu haben, während das bei Personen über dem Grund für ihre Verweige- ich trenne den Müll. Das
55 Jahren deutlich seltener der Fall ist. rung gefragt. Die Antworten auf spielt keine Rolle, ob
die dahingehend offen gestellte ich den Fußabdruck weiß
Danach gefragt, ob eine be- Frage wurden von den Inter- oder nicht weiß.“
„Weil ich das nicht
fragte Person den persönlichen viewer*innen erfasst und im
möchte, ich bin alt
Fußabdruck, der im Zuge der Anschluss transkribiert und codiert. Der jeweils erst-
genug.“
Befragung aufgrund ihres Ant- genannte Verweigerungsgrund ist in Abbildung 2 an-
wortverhaltens ermittelt wur- teilsmäßig dargestellt. Die Gründe dafür, dass rund ein
de, erfahren möchte, weigerte sich ein Sechstel der Sechstel der Befragten den eigenen Fußabdruck nicht
Befragten ausdrücklich, diesen zu erfahren – obwohl erfahren mochte, sind demnach vielfältig.
17 % (30)
Abbildung 2: Verweigerungsgründe, den ökologischen Fußabdruck nicht erfahren zu wollen, im Herbst 2020
Gewichtete Werte; Anteile (gerundet in Prozent, absolute Zahlen in Klammern) der erstgenannten Antworten von Befragten, die ihren CO2-Fußabdruck
nicht erfahren wollen, auf die offen gestellte Frage: „Würden Sie uns verraten, warum Sie Ihren ökologischen Fußabdruck nicht erfahren möchten?“; die
Antworten wurden transkribiert und codiert, n = 176.
3. ERGEBNISSE DER REPRÄSENTATIVEN BEVÖLKERUNGSBEFRAGUNGEN 2020 UND 2022 … 21
Fast die Hälfte (47 Prozent) der Tabelle 4: Selbsteinschätzung des persönlichen
„Weil ich die Umstände
16 Prozent der Befragten, die CO2-Fußabdrucks im Herbst 2020
nicht ändern kann.“
ihren Fußabdruck nicht erfah-
Selbsteinschätzung des
ren wollen, gibt an, dass ihnen Anteil
CO2-Fußabdrucks
ihr persönlicher CO2-Fußabdruck schlichtweg egal
sei – bezogen auf die Gesamtstichprobe sind das Sehr klein 5 % (48)
knapp acht Prozent aller Befragten. Zweifel an der
Eher klein 27 % (309)
Berechnungsmethode haben nur 4 Prozent der Ver-
weigernden. Eher durchschnittlich 54 % (609)
Eher groß 10 % (103)
Weitere angegebene Gründe kann man als ein durch-
Sehr groß 2 % (16)
aus „gewolltes Nichtwissen“ („deliberate ignorance“
in der Fachliteratur, vgl. zum Beispiel Hertwig et al., Weiß nicht 3 % (18)
2021) bezeichnen: Wer seinen CO2-Fußabdruck nicht
Gewichtete Werte; Anteile gerundet in Prozent, ungewichtete absolute
kennt, kann beispielsweise kein schlechtes Gewissen Zahlen in Klammern; die Fragestellung lautete: „Wie würden Sie Ihren
entwickeln, falls dieser zu groß ausfällt, oder sich auch persönlichen ökologischen Fußabdruck alles in allem einschätzen, haben
Sie Ihrem Gefühl nach …“, n = 1.103.
nur in die Nähe einer Situation, in der die Verkleine-
rung beim Konsumverhalten handlungsleitend werden
könnte, begeben. Und in der Tat: Ein häufig genannter Wie in Tabelle 3 dargestellt,
„Ich würde ihn gerne
Grund ist die Haltung, allgemein oder konkret aufgrund zeigten 84 Prozent der befrag-
reduzieren. Sozusagen
hohen Lebensalters nichts am eigenen CO2-Fußab- ten Personen Interesse daran,
im Durchschnitt zu sein
druck (mehr) ändern könnten. Ein weiterer diesbezüg- den im Rahmen der Befragung
oder knapp unter dem
licher, wenn auch weniger häufig genannter Grund ist auf der Basis ihres Antwortver-
Durchschnitt zu sein,
die konkrete Nennung der Vermeidung eines schlech- haltens errechneten CO2-Fuß-
ist ja nichts Gutes, weil
ten Gewissens. Hinzu kommt die Überzeugung, auch abdruck zu erfahren. Da die al-
der Durchschnitt der
ohne Wissen über den eigenen CO2-Fußabdruck einen lermeisten befragten Personen
deutschen Gesellschaft
umweltbewussten Lebensstil zu pflegen. 9
erstmals in ihrem Leben mit
ist ja sehr hoch im
diesem Wert konfrontiert wur-
Vergleich zu anderen
Danach gefragt, wie groß sie den, war für uns von Interesse,
„Möchte ich nicht, da es Gesellschaften. Und
ihren persönlichen Fußabdruck wie sie auf diese Angabe reagie-
wissenschaftlich nicht darauf sollte man sich
einschätzen (Tabelle 4), gibt et- ren würden. Daher wurde die
möglich ist nach dieser nicht ausruhen.“
was mehr als die Hälfte der Be- spontane Reaktion der befrag-
Befragung.“
fragten (54 Prozent) an, ihren ten Personen als offene Antwort
persönlichen Fußabdruck als von den Interviewer*innen erfasst und im Anschluss
durchschnittlich einzuschätzen. Rund ein Drittel der transkribiert und codiert. Die anteilsmäßige Nennung
Befragten (32 Prozent) schätzt diesen als unterdurch- der jeweils zuerst geäußerten Reaktion ist in Abbildung 3
schnittlich ein. Dem gegenüber stehen nur 12 Prozent dargestellt.
der Befragten, die ihren Fußabdruck als überdurch-
schnittlich einschätzen.
9 Hierzu sei angemerkt, dass nach unseren Berechnungen der CO2-Fußabdruck dieser Gruppe mit 11,8 t CO2, entgegen der eigenen Bekundung, tat-
sächlich nicht unterhalb des Durchschnitts aller befragten Personen liegt. Überdies ist es so, dass der CO2-Fußabdruck derjenigen, die ihren Abdruck
nicht erfahren wollen, mit rund 11 t CO2 leicht unterhalb des Werts derjenigen, die diesen erfahren wollen, liegt (in dieser Gruppe liegt er bei rund 11,3 t).
22 EINE FAIRE CO 2-BEPREISUNG MACHT ES VERBRAUCHER*INNEN LEICHT, SICH KLIMAFREUNDLICH ZU ENTSCHEIDEN
Abbildung 3: Spontane Reaktionen auf die Höhe des eigenen CO2-Fußabdrucks im Herbst 2020
Gewichtete Werte; Anteile (gerundet in Prozent, absolute Zahlen in Klammern) der erstgenannten Antworten von Befragten, denen kurz zuvor ihr
CO2-Fußabdruck mitgeteilt wurde, auf die offen gestellte Frage: „[Und] was sind Ihre spontanen Reaktionen oder Kommentare hierzu?“; n = 923.
Die meistgeäußerte Reaktion (19 abdruck ins Verhältnis zur Selbsteinschätzung der
„Man kann Stadt und
Prozent) ist die Absicht, den eige- Größe des eigenen CO2-Fußabdrucks, so ergibt sich
Land nicht vergleichen,
nen CO2-Fußabdruck reduzieren ein erstaunlich konsistentes Bild – allerdings bis auf
das alte große Haus
zu wollen, gefolgt von Freude bzw. diejenigen, die ihren CO2-Fußabdruck als sehr groß
habe ich geerbt. Ich
positiver Überraschung über den einschätzen (Abbildung 4):10 Je höher der selbstein-
kann das Haus nicht
ermittelten und aus Sicht der be- geschätzte CO2-Fußabdruck, desto höher ist dieser
sanieren und ich
treffenden Person überraschend tatsächlich auch entsprechend der in der Befragung
brauche ein Auto, weil
niedrigen Wert (16 Prozent). 15 verwendeten Rechenformel. Diejenigen mit einem sehr
hier kein Bus fährt.“
Prozent der Personen, die die großen Fu0abdruck wollen dies
Größe ihres Fußabdrucks erfah- aber offensichtlich im Durch- „Ist interessant zu
ren haben, äußern lediglich, dass der ermittelte Wert schnitt nicht wahrhaben. Ein wissen, aber ich
erwartungsgemäß sei, 13 Prozent gaben an, ihnen sei ganz ähnliches Bild (hier nicht werde daraufhin keine
der Wert egal, und 10 Prozent halten ihn für zu hoch be- dargestellt) zeigt sich, wenn Maßnahmen ergreifen.“
rechnet. Die weiteren Reaktionen verteilen sich auf eine man, analog zu Abbildung 4, den
Rechtfertigung der ermittelten Höhe des Fußabdrucks, CO2-Fußabdruck in Abhängigkeit „Ich bin mir meiner Schuld
Zweifel an der verwendeten Me- zum Umweltbewusstsein (vgl. bewusst, ich bin aktiv bei
„Scheiß auf CO2 .“ thodik, eine Anregung zum Nach- Tabelle 2) darstellt. Fridays for Future.“
denken sowie Verbesserungsvor-
schläge an die Politik. Über einen großen Teil der be-
„Finde es schwach „Ich denke, ich bin
fragten Personen hinweg hat die
sinnig, solange es eigentlich ein sparsamer
Setzt man den im Rahmen der Selbsteinschätzung der Größe
Länder wie China gibt.“ Mensch.“
Befragung ermittelten CO2-Fuß- des eigenen CO2-Fußabdrucks
10 Allerdings ist die Anzahl der Befragten, die ihren CO2-Fußabdruck als sehr groß einschätzen, mit 16 Befragten (ungewichtet) sehr gering, Gleiches gilt
für diejenigen, die „weiß nicht“ als Antwort auf die Frage nach der Selbsteinschätzung ihres CO2-Fußabdrucks angeben. Diese beiden Antwortkatego-
rien werden hier daher nicht weitergehend interpretiert.
3. ERGEBNISSE DER REPRÄSENTATIVEN BEVÖLKERUNGSBEFRAGUNGEN 2020 UND 2022 … 23
Abbildung 4: Verhältnis von geschätzter und berechneter Größe des persönlichen CO2-Fußabdrucks im Herbst 2020
CO2-Fußabdruck: in Tonnen CO2-Äquivalenten (gewichtete und gerundet), die rote Linie stellt die durchschnittliche Größe aller gemessenen CO2-Fußabdrücke
dar; Einschätzung des CO2-Fußabdrucks: absolute ungewichtete Zahlen in Klammern; n = 1.103.
also eine gewisse Vorhersa-
„Das ist wieder der
Nachteil, wenn man
gekraft für die Verteilung der 3.3 Es gilt (noch) die
auf dem Land lebt und
CO2-Fußabdrücke. Mit anderen
Worten: Die befragten Personen
Daumenregel: Je höher das
ein Auto braucht. Der
öffentliche Verkehr ist
können mit einer erstaunlichen Einkommen, desto größer
auf dem Land nicht
Treffsicherheit ihre relative Po-
sition (relativ zu anderen befrag-
der CO2-Fußabdruck
so gut ausgebaut wie
ten Personen) auf einer 5er-Ska-
in der Stadt.“
la möglicher Fußabdrücke von Jeder ausgegebene Euro verursacht zu einem gewissen
„sehr klein“ bis „groß“ angeben. Ausmaß Treibhausgasemissionen. Abbildung 5 zeigt
„Die Ölheizung Absolut betrachtet verhält es dementsprechend die Größe des gesamten CO2-Fuß-
muss weg.“ sich natürlich so, dass selbst abdrucks der befragten Personen in Abhängigkeit von
der Fußabdruck derjenigen, die deren Nettoäquivalenzeinkommen. Dieser fällt desto
„Ich finde die Fragen ihn als sehr klein einschätzen, höher aus, je höher das Einkommensquintil. Das dritte
nicht differenziert genug.“ vor dem Hintergrund des ange- Einkommensquintil liegt mit knapp 11 t etwa auf dem
strebten Ziels der Treibhausgas- für das gesamte Sample errechneten Mittelwert aller
neutralität mit rund 8,5 Tonnen CO2-Fußabdrücke. Der am stärksten mit dem Einkom-
CO2 noch sehr groß ist. Allerdings ist es extrem schwer, men zunehmende Bereich ist der Konsum in absolu-
den Fußabdruck unter aktuell herrschenden Rahmen- ten Größen. Des Weiteren nehmen Emissionen sowohl
bedingungen auf einen deutlich niedrigeren Wert zu für Autobesitz und -nutzung mit steigendem Einkom-
reduzieren. Vorschläge für einen „1,5-Grad-Lebensstil“ men zu. Emissionen aufgrund von Flugreisen spielen
liegen jedoch seit Kurzem umfassend aufgearbeitet vor in den unteren drei Einkommensquintilen kaum eine
(Akenji, et al., 2021). Rolle. Über alle befragten Personen hinweg scheint
daher die Daumenregel zu gelten: Je höher das (Net-
toäquivalenz-)Einkommen einer Person, desto höher
ihr CO2-Fußabdruck. Der statistische Zusammenhang
zwischen der Höhe des Einkommens und der Größe des
24 EINE FAIRE CO 2-BEPREISUNG MACHT ES VERBRAUCHER*INNEN LEICHT, SICH KLIMAFREUNDLICH ZU ENTSCHEIDEN
Abbildung 5: CO2-Fußabdruck nach Einkommensquintil im Herbst 2020
CO2-Fußabdruck: in Tonnen CO2-Äquivalenten (gewichtete und gerundet), die rote Linie stellt die durchschnittliche Größe aller gemessenen CO2-Fußabdrücke
dar; Einkommensquintil (Nettoäquivalenzeinkommen): absolute ungewichtete Zahlen in Klammern; n = 1.103.
CO2-Fußabdrucks ist allgemein als statistisch hochsig- Heizens, wie aus Tabelle 5 hervorgeht: Menschen mit
nifikant bekannt (Oehlmann, Klaas, Nunes-Heinzmann, höherem Einkommen wohnen tendenziell auf grö-
Kahlenborn & Ciroth, 2020). ßerem zu beheizenden Wohnraum als Menschen mit
niedrigerem Einkommen – allerdings wohnen Men-
Interessant mit Blick auf die CO2-Emissionen durch schen mit höherem Einkommen im Schnitt tendenziell
Heizen ist, dass sich diese nur unwesentlich zwischen in emissionsärmeren Gebäuden und auch der Anteil
den Einkommensquintilen unterscheiden. Allerdings von emissionsärmeren Heizungsanlagen ist tendenziell
variieren die Einflussfaktoren der CO2-Emissionen des höher bei Menschen mit höherem Einkommen.
Tabelle 5: Dekomposition der Einflussfaktoren der CO2-Emissionen durch Heizen im Herbst 2020
Einkommensquintil
1. (ärmste 2. 3. 4. 5. (reichste
20 Prozent) 20 Prozent)
Wohnfläche (in qm) 90 101 106 117 127
Energiebedarf beim Heizen aufgrund 2,3 2,1 2,3 2,4 2,5
des Gebäudetyps (je höher die Zahl,
desto geringer der damit verbundene
Energiebedarf; z. B. 1 = unsanierter
Altbau, 4 = Passivhaus)
Heizart (Anteil emissionsarmer 12 % 6% 10 % 10 % 17 %
Heizarten an allen Heizarten)
Anzahl der Personen im Haushalt 2,5 2,6 2,3 2,4 2,2
Gewichtete und gerundete Werte (die jeweilige Maßeinheit ist je Tabellenzeile angegeben); Heizart: Zu den emissionsarmen Heizarten zählen hier Pellet-
oder Holzheizung, Wärmepumpe, Solarthermie; n = 1.103.
3. ERGEBNISSE DER REPRÄSENTATIVEN BEVÖLKERUNGSBEFRAGUNGEN 2020 UND 2022 … 25
Diese Ergebnisse deuten an, dass Menschen mit höhe-
rem Einkommen – trotz höheren Heizbedarfs aufgrund 3.4 Wo man wohnt, hat Einfluss
größeren Wohnraums – einen Teil ihrer Emissionen
durch emissionsärmere Heizungsanlagen sowie Ge-
auf Größe und Zusammen
bäude mit niedrigerem Energiebedarf vermeiden kön- setzung des CO2-Fußabdrucks
nen. Weitere Vermeidungsstrategien und Gründe für
deren Für und Wider werden in Abschnitt 3.9 diskutiert.
Vereinfacht dargestellt, berechnen sich die CO2-Emissi- Es gibt strukturelle Unterschiede beim CO2-Fußab-
onen durch Heizen pro Person wie folgt: druck zwischen Personen, die in der Stadt oder auf
dem Land oder in weiteren Siedlungstypen wohnen,
CO2-Emissionen durch Heizen = auch die Größe der Stadt spielt dabei eine Rolle. Dif-
(Wohnfläche x Energiebedarf des Gebäudetyps x ferenziert man zusätzlich nach Kreistypen (Abbildung
CO2-Emissionen nach Heizungsart) / Haushaltsgröße 6 und Abbildung 7), so zeigt sich, dass die Emissionen
Abbildung 6: Siedlungsstrukturelle Kreistypen in 2018
Kreisfreie Großstädte: Kreisfreie Städte mit mind. 100.000 Einwohnern; Städtische Kreise: Kreise mit einem Bevölkerungsanteil in Groß- und M
ittelstädten
von mind. 50 % und einer Einwohnerdichte von mind. 150 E./km²; sowie Kreise mit einer Einwohnerdichte ohne Groß- und Mittelstädte von mind. 150 E./km²;
Ländliche Kreise mit Verdichtungsansätzen: Kreise mit einem Bevölkerungsanteil in Groß- und Mittelstädten von mind. 50 %, aber einer Einwohnerdichte
unter 150 E./km²; sowie Kreise mit einem Bevölkerungsanteil in Groß- und Mittelstädten unter 50 % mit einer Einwohnerdichte ohne Groß- und Mittel-
städte von mind. 100 E./km²; dünn besiedelte ländliche Kreise: Kreise mit einem Bevölkerungsanteil in Groß- und Mittelstädten unter 50 % und Einwohner
dichte ohne Groß- und Mittelstädte unter 100 E./km²; Quelle: BBSR, 2018; die Darstellung wurde grafisch angepasst.
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Abbildung 7: CO2-Fußabdruck nach siedlungsstrukturellem Kreistyp im Herbst 2020
CO2-Fußabdruck: in Tonnen CO2-Äquivalenten (gewichtete und gerundet), die rote Linie stellt die durchschnittliche Größe aller gemessenen CO2-Fußabdrücke
dar; Siedlungsstruktureller Typ: ungewichtete Zahlen in Klammern; n = 1.082 (für 21 befragte Personen liegen keine Daten vor).
Abbildung 8: CO2-Fußabdruck nach Gemeindegröße im Herbst 2020
CO2-Fußabdruck: in Tonnen CO2-Äquivalenten (gewichtete und gerundet), die rote Linie stellt die durchschnittliche Größe aller gemessenen CO2-Fußabdrücke
dar; Gemeindegröße: ungewichtete Zahlen in Klammern; n = 1.082 (für 21 befragte Personen liegen keine Daten vor).
3. ERGEBNISSE DER REPRÄSENTATIVEN BEVÖLKERUNGSBEFRAGUNGEN 2020 UND 2022 … 27
durch Automobilität in städtischen Kreisen (also Krei-
sen um Umfeld von kreisfreien Großstädten) sowie in 3.5 Politische Präfenzen
dünn besiedelten ländlichen Kreisen am höchsten aus-
fallen. Mit Blick auf den gesamten CO2-Fußabdruck un-
spielen eine untergeordnete
terscheiden sich dessen Niveaus nach siedlungsstruk- Rolle bezüglich der Größe
turellem Kreistyp allerdings nur um maximal rund eine
Tonne, da die Zusammensetzung des CO2-Fußabdrucks
des CO2-Fußabdrucks
variiert und die Emissionen der jeweiligen Bereiche
sich teilweise aufwiegen. Fragen des umweltfreundlichen Konsums und der Be-
preisung von CO2-Emissionen haben eine politische
Mit Blick auf die Gemeindegröße scheint es keinen ein- Dimension und werden von den politischen Parteien in
deutigen Trend zwischen Größe des CO2-Fußabdrucks Deutschland mit unterschiedlich stark ausgeprägter
und der Gemeindegröße zu geben, abgesehen von den- Intensität verfolgt und teilweise zu einem wesentlichen
jenigen Befragten, die in einer Gemeinde mit weniger politischen Schwerpunkt erklärt. Ebenso ist bekannt,
als 2.000 Einwohner*innen leben – hier ist die Größe dass Umwelteinstellungen, grundlegende politische
des CO2-Fußabdrucks weitaus geringer (Abbildung Einstellungen und letztlich auch das Wahlverhalten in
10).11 Deutlich unterschiedlich ist jedoch die Zusam- einem Zusammenhang stehen.
mensetzung der Fußabdrücke, welche aller Voraus-
sicht Ausdruck von infrastrukturellen Gegebenheiten Mit Blick auf umwelt- und klimapolitische Maßnah-
sowie Präferenzen bezüglich der eigenen Lebenswei- men im Bereich des umweltfreundlichen Konsums
se sind: Je höher die Einwohnerzahl einer Gemeinde, sowie der Bepreisung von CO2-Emissionen sollen hier
desto geringer fallen die Emissionen für Autofahren schwerpunktmäßig zwei Fragen näher untersucht wer-
aus – schließlich bestehen hier attraktivere Optionen, den, nämlich erstens die Akzeptanz einer CO2-Beprei-
auf den öffentlichen Nahverkehr und das Fahrrad als sung unter anderem nach Wahlverhalten der befragten
Verkehrsmittel auszuweichen. Allerdings fallen in grö- Personen (dazu vertieft Abschnitt 3.10) sowie zweitens
ßeren Gemeinden die Emissionen durch Konsum höher der Zusammenhang zwischen grundsätzlicher politi-
aus (aufgrund des allgemein höheren Einkommensni- scher Ausrichtung (hier konzeptualisiert als die Selbst-
veaus in Ballungszentren) und es gibt einen geringfü- einstufung der befragten Personen auf einer Skala von
gig höheren Hang zu Flugreisen. 0 („politisch links“) bis 10 („politisch rechts“)) und der
Größe des individuellen CO2-Fußabdrucks. Aufgrund
geringer Stichproben-Fallzahlen für die politischen
Extreme wurde die politische Selbsteinordnung geclus-
tert, und zwar in die Gruppen „eher links“, „Mitte“ und
„eher rechts“: Als „eher links“ wurden die Werte 0 bis
4 zusammengefasst, als „Mitte“ der Wert 5, als „eher
rechts“ die Werte 6 bis 10. Diese gewählte Gruppierung
wurde auf deren Robustheit hin mit variierender Grup-
pierung (zum Beispiel 0 bis 3 als „eher links“, 4 bis 6
als „Mitte“ und 7 bis 10 als „eher rechts“) geprüft. Die
für Abbildung 9 benutzte Gruppierung wurde letztlich
gewählt, da sie eine große Fallzahl im eher linken wie
rechten Spektrum aufweist.
11 Es kann sich aber hierbei auch um statistische Outlier handeln, da nur rund zwei Prozent der Befragten in einer Gemeinde mit weniger als 2.000
Einwohner*innen wohnen.
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Abbildung 9: CO2-Fußabdruck nach politischer Selbsteinordnung im Herbst 2020
CO2-Fußabdruck: in Tonnen CO2-Äquivalenten (gewichtete und gerundet), die rote Linie stellt die durchschnittliche Größe aller gemessenen CO2-Fußabdrücke
dar; politische Selbsteinordnung (absolute ungewichtete Werte): die Fragestellung lautete: „Wenn von Politik die Rede ist, hört man immer wieder die
Begriffe ,links‘ und ,rechts‘. Wir hätten gerne von Ihnen gewusst, ob Sie sich selbst politisch eher links oder eher rechts einstufen. 0 bedeutet sehr links,
10 bedeutet sehr rechts. Mit den Werten dazwischen können Sie abstufen“, die Werte wurden gruppiert in „eher links“ (Werte von 0 bis 4), „Mitte“ (Wert 5)
und „eher rechts“ (Werte 6 bis 10); n = 1.103.
Diejenigen, die sich als politische Mitte einordnen, lie- Tabelle 6: Monatliches (Nettoäquivalenz-)Einkommen
gen mit im Schnitt 11,4 t etwa auf dem Durchschnitt des nach politischer Selbsteinordnung im Herbst 2020
gesamten Samples. Diejenigen, die sich eher politisch
Politische Selbst- Standard
links einordnen, weisen einen leicht überdurchschnitt- Einkommen
einordnung abweichung
lichen Fußabdruck von im Schnitt 11,9 t auf, wohinge-
gen diejenigen, die sich politisch eher rechts einord- Eher links 2.074 Euro (439) 1.347
nen, einen leicht unterdurchschnittlichen Fußabdruck
Mitte 2.028 Euro (403) 1.534
von im Schnitt 10,8 t aufweisen. Das Links-Rechts-Bild
wird von dem höheren Bildungs- und Einkommensni- Eher rechts 1.727 Euro (179) 1.021
veau im linken politischen Bereich im Vergleich zum Gewichtete und gerundete Werte, ungewichtete absolute Zahlen in Klam-
rechten Bereich getragen. mern; politische Selbsteinordnung (absolute ungewichtete Werte): die Fra-
gestellung lautete: „Wenn von Politik die Rede ist, hört man immer wieder
die Begriffe ,links‘ und ,rechts‘. Wir hätten gerne von Ihnen gewusst, ob Sie
sich selbst politisch eher links oder eher rechts einstufen. 0 bedeutet sehr
links, 10 bedeutet sehr rechts. Mit den Werten dazwischen können Sie
abstufen“, die Werte wurden gruppiert in „eher links“ (Werte von 0 bis 4),
„Mitte“ (Wert 5) und „eher rechts“ (Werte 6 bis 10); n = 1.103 (die Antwort-
kategorien „weiß nicht“ und „verweigert“ sind nicht aufgeführt).
Mit Blick auf die Unterschiede im Detail fällt auf, dass
diejenigen, die sich als politisch eher links einordnen,
eine höhere Autonutzung angeben, außerdem wurden
für diese Gruppe höhere absolute Konsumausgaben er-
mittelt. Ursächlich hierfür ist vermutlich das für diese
Gruppe ermittelte höhere Einkommen (Tabelle 6).