policy-brief-faire-co2-bepreisung
Dieses Dokument ist Teil der Anfrage „Gutachten des Sachverständigenrats für Verbraucherfragen“
24 EINE FAIRE CO 2-BEPREISUNG MACHT ES VERBRAUCHER*INNEN LEICHT, SICH KLIMAFREUNDLICH ZU ENTSCHEIDEN
Abbildung 5: CO2-Fußabdruck nach Einkommensquintil im Herbst 2020
CO2-Fußabdruck: in Tonnen CO2-Äquivalenten (gewichtete und gerundet), die rote Linie stellt die durchschnittliche Größe aller gemessenen CO2-Fußabdrücke
dar; Einkommensquintil (Nettoäquivalenzeinkommen): absolute ungewichtete Zahlen in Klammern; n = 1.103.
CO2-Fußabdrucks ist allgemein als statistisch hochsig- Heizens, wie aus Tabelle 5 hervorgeht: Menschen mit
nifikant bekannt (Oehlmann, Klaas, Nunes-Heinzmann, höherem Einkommen wohnen tendenziell auf grö-
Kahlenborn & Ciroth, 2020). ßerem zu beheizenden Wohnraum als Menschen mit
niedrigerem Einkommen – allerdings wohnen Men-
Interessant mit Blick auf die CO2-Emissionen durch schen mit höherem Einkommen im Schnitt tendenziell
Heizen ist, dass sich diese nur unwesentlich zwischen in emissionsärmeren Gebäuden und auch der Anteil
den Einkommensquintilen unterscheiden. Allerdings von emissionsärmeren Heizungsanlagen ist tendenziell
variieren die Einflussfaktoren der CO2-Emissionen des höher bei Menschen mit höherem Einkommen.
Tabelle 5: Dekomposition der Einflussfaktoren der CO2-Emissionen durch Heizen im Herbst 2020
Einkommensquintil
1. (ärmste 2. 3. 4. 5. (reichste
20 Prozent) 20 Prozent)
Wohnfläche (in qm) 90 101 106 117 127
Energiebedarf beim Heizen aufgrund 2,3 2,1 2,3 2,4 2,5
des Gebäudetyps (je höher die Zahl,
desto geringer der damit verbundene
Energiebedarf; z. B. 1 = unsanierter
Altbau, 4 = Passivhaus)
Heizart (Anteil emissionsarmer 12 % 6% 10 % 10 % 17 %
Heizarten an allen Heizarten)
Anzahl der Personen im Haushalt 2,5 2,6 2,3 2,4 2,2
Gewichtete und gerundete Werte (die jeweilige Maßeinheit ist je Tabellenzeile angegeben); Heizart: Zu den emissionsarmen Heizarten zählen hier Pellet-
oder Holzheizung, Wärmepumpe, Solarthermie; n = 1.103.
3. ERGEBNISSE DER REPRÄSENTATIVEN BEVÖLKERUNGSBEFRAGUNGEN 2020 UND 2022 … 25
Diese Ergebnisse deuten an, dass Menschen mit höhe-
rem Einkommen – trotz höheren Heizbedarfs aufgrund 3.4 Wo man wohnt, hat Einfluss
größeren Wohnraums – einen Teil ihrer Emissionen
durch emissionsärmere Heizungsanlagen sowie Ge-
auf Größe und Zusammen
bäude mit niedrigerem Energiebedarf vermeiden kön- setzung des CO2-Fußabdrucks
nen. Weitere Vermeidungsstrategien und Gründe für
deren Für und Wider werden in Abschnitt 3.9 diskutiert.
Vereinfacht dargestellt, berechnen sich die CO2-Emissi- Es gibt strukturelle Unterschiede beim CO2-Fußab-
onen durch Heizen pro Person wie folgt: druck zwischen Personen, die in der Stadt oder auf
dem Land oder in weiteren Siedlungstypen wohnen,
CO2-Emissionen durch Heizen = auch die Größe der Stadt spielt dabei eine Rolle. Dif-
(Wohnfläche x Energiebedarf des Gebäudetyps x ferenziert man zusätzlich nach Kreistypen (Abbildung
CO2-Emissionen nach Heizungsart) / Haushaltsgröße 6 und Abbildung 7), so zeigt sich, dass die Emissionen
Abbildung 6: Siedlungsstrukturelle Kreistypen in 2018
Kreisfreie Großstädte: Kreisfreie Städte mit mind. 100.000 Einwohnern; Städtische Kreise: Kreise mit einem Bevölkerungsanteil in Groß- und M
ittelstädten
von mind. 50 % und einer Einwohnerdichte von mind. 150 E./km²; sowie Kreise mit einer Einwohnerdichte ohne Groß- und Mittelstädte von mind. 150 E./km²;
Ländliche Kreise mit Verdichtungsansätzen: Kreise mit einem Bevölkerungsanteil in Groß- und Mittelstädten von mind. 50 %, aber einer Einwohnerdichte
unter 150 E./km²; sowie Kreise mit einem Bevölkerungsanteil in Groß- und Mittelstädten unter 50 % mit einer Einwohnerdichte ohne Groß- und Mittel-
städte von mind. 100 E./km²; dünn besiedelte ländliche Kreise: Kreise mit einem Bevölkerungsanteil in Groß- und Mittelstädten unter 50 % und Einwohner
dichte ohne Groß- und Mittelstädte unter 100 E./km²; Quelle: BBSR, 2018; die Darstellung wurde grafisch angepasst.
26 EINE FAIRE CO 2-BEPREISUNG MACHT ES VERBRAUCHER*INNEN LEICHT, SICH KLIMAFREUNDLICH ZU ENTSCHEIDEN
Abbildung 7: CO2-Fußabdruck nach siedlungsstrukturellem Kreistyp im Herbst 2020
CO2-Fußabdruck: in Tonnen CO2-Äquivalenten (gewichtete und gerundet), die rote Linie stellt die durchschnittliche Größe aller gemessenen CO2-Fußabdrücke
dar; Siedlungsstruktureller Typ: ungewichtete Zahlen in Klammern; n = 1.082 (für 21 befragte Personen liegen keine Daten vor).
Abbildung 8: CO2-Fußabdruck nach Gemeindegröße im Herbst 2020
CO2-Fußabdruck: in Tonnen CO2-Äquivalenten (gewichtete und gerundet), die rote Linie stellt die durchschnittliche Größe aller gemessenen CO2-Fußabdrücke
dar; Gemeindegröße: ungewichtete Zahlen in Klammern; n = 1.082 (für 21 befragte Personen liegen keine Daten vor).
3. ERGEBNISSE DER REPRÄSENTATIVEN BEVÖLKERUNGSBEFRAGUNGEN 2020 UND 2022 … 27
durch Automobilität in städtischen Kreisen (also Krei-
sen um Umfeld von kreisfreien Großstädten) sowie in 3.5 Politische Präfenzen
dünn besiedelten ländlichen Kreisen am höchsten aus-
fallen. Mit Blick auf den gesamten CO2-Fußabdruck un-
spielen eine untergeordnete
terscheiden sich dessen Niveaus nach siedlungsstruk- Rolle bezüglich der Größe
turellem Kreistyp allerdings nur um maximal rund eine
Tonne, da die Zusammensetzung des CO2-Fußabdrucks
des CO2-Fußabdrucks
variiert und die Emissionen der jeweiligen Bereiche
sich teilweise aufwiegen. Fragen des umweltfreundlichen Konsums und der Be-
preisung von CO2-Emissionen haben eine politische
Mit Blick auf die Gemeindegröße scheint es keinen ein- Dimension und werden von den politischen Parteien in
deutigen Trend zwischen Größe des CO2-Fußabdrucks Deutschland mit unterschiedlich stark ausgeprägter
und der Gemeindegröße zu geben, abgesehen von den- Intensität verfolgt und teilweise zu einem wesentlichen
jenigen Befragten, die in einer Gemeinde mit weniger politischen Schwerpunkt erklärt. Ebenso ist bekannt,
als 2.000 Einwohner*innen leben – hier ist die Größe dass Umwelteinstellungen, grundlegende politische
des CO2-Fußabdrucks weitaus geringer (Abbildung Einstellungen und letztlich auch das Wahlverhalten in
10).11 Deutlich unterschiedlich ist jedoch die Zusam- einem Zusammenhang stehen.
mensetzung der Fußabdrücke, welche aller Voraus-
sicht Ausdruck von infrastrukturellen Gegebenheiten Mit Blick auf umwelt- und klimapolitische Maßnah-
sowie Präferenzen bezüglich der eigenen Lebenswei- men im Bereich des umweltfreundlichen Konsums
se sind: Je höher die Einwohnerzahl einer Gemeinde, sowie der Bepreisung von CO2-Emissionen sollen hier
desto geringer fallen die Emissionen für Autofahren schwerpunktmäßig zwei Fragen näher untersucht wer-
aus – schließlich bestehen hier attraktivere Optionen, den, nämlich erstens die Akzeptanz einer CO2-Beprei-
auf den öffentlichen Nahverkehr und das Fahrrad als sung unter anderem nach Wahlverhalten der befragten
Verkehrsmittel auszuweichen. Allerdings fallen in grö- Personen (dazu vertieft Abschnitt 3.10) sowie zweitens
ßeren Gemeinden die Emissionen durch Konsum höher der Zusammenhang zwischen grundsätzlicher politi-
aus (aufgrund des allgemein höheren Einkommensni- scher Ausrichtung (hier konzeptualisiert als die Selbst-
veaus in Ballungszentren) und es gibt einen geringfü- einstufung der befragten Personen auf einer Skala von
gig höheren Hang zu Flugreisen. 0 („politisch links“) bis 10 („politisch rechts“)) und der
Größe des individuellen CO2-Fußabdrucks. Aufgrund
geringer Stichproben-Fallzahlen für die politischen
Extreme wurde die politische Selbsteinordnung geclus-
tert, und zwar in die Gruppen „eher links“, „Mitte“ und
„eher rechts“: Als „eher links“ wurden die Werte 0 bis
4 zusammengefasst, als „Mitte“ der Wert 5, als „eher
rechts“ die Werte 6 bis 10. Diese gewählte Gruppierung
wurde auf deren Robustheit hin mit variierender Grup-
pierung (zum Beispiel 0 bis 3 als „eher links“, 4 bis 6
als „Mitte“ und 7 bis 10 als „eher rechts“) geprüft. Die
für Abbildung 9 benutzte Gruppierung wurde letztlich
gewählt, da sie eine große Fallzahl im eher linken wie
rechten Spektrum aufweist.
11 Es kann sich aber hierbei auch um statistische Outlier handeln, da nur rund zwei Prozent der Befragten in einer Gemeinde mit weniger als 2.000
Einwohner*innen wohnen.
28 EINE FAIRE CO 2-BEPREISUNG MACHT ES VERBRAUCHER*INNEN LEICHT, SICH KLIMAFREUNDLICH ZU ENTSCHEIDEN
Abbildung 9: CO2-Fußabdruck nach politischer Selbsteinordnung im Herbst 2020
CO2-Fußabdruck: in Tonnen CO2-Äquivalenten (gewichtete und gerundet), die rote Linie stellt die durchschnittliche Größe aller gemessenen CO2-Fußabdrücke
dar; politische Selbsteinordnung (absolute ungewichtete Werte): die Fragestellung lautete: „Wenn von Politik die Rede ist, hört man immer wieder die
Begriffe ,links‘ und ,rechts‘. Wir hätten gerne von Ihnen gewusst, ob Sie sich selbst politisch eher links oder eher rechts einstufen. 0 bedeutet sehr links,
10 bedeutet sehr rechts. Mit den Werten dazwischen können Sie abstufen“, die Werte wurden gruppiert in „eher links“ (Werte von 0 bis 4), „Mitte“ (Wert 5)
und „eher rechts“ (Werte 6 bis 10); n = 1.103.
Diejenigen, die sich als politische Mitte einordnen, lie- Tabelle 6: Monatliches (Nettoäquivalenz-)Einkommen
gen mit im Schnitt 11,4 t etwa auf dem Durchschnitt des nach politischer Selbsteinordnung im Herbst 2020
gesamten Samples. Diejenigen, die sich eher politisch
Politische Selbst- Standard
links einordnen, weisen einen leicht überdurchschnitt- Einkommen
einordnung abweichung
lichen Fußabdruck von im Schnitt 11,9 t auf, wohinge-
gen diejenigen, die sich politisch eher rechts einord- Eher links 2.074 Euro (439) 1.347
nen, einen leicht unterdurchschnittlichen Fußabdruck
Mitte 2.028 Euro (403) 1.534
von im Schnitt 10,8 t aufweisen. Das Links-Rechts-Bild
wird von dem höheren Bildungs- und Einkommensni- Eher rechts 1.727 Euro (179) 1.021
veau im linken politischen Bereich im Vergleich zum Gewichtete und gerundete Werte, ungewichtete absolute Zahlen in Klam-
rechten Bereich getragen. mern; politische Selbsteinordnung (absolute ungewichtete Werte): die Fra-
gestellung lautete: „Wenn von Politik die Rede ist, hört man immer wieder
die Begriffe ,links‘ und ,rechts‘. Wir hätten gerne von Ihnen gewusst, ob Sie
sich selbst politisch eher links oder eher rechts einstufen. 0 bedeutet sehr
links, 10 bedeutet sehr rechts. Mit den Werten dazwischen können Sie
abstufen“, die Werte wurden gruppiert in „eher links“ (Werte von 0 bis 4),
„Mitte“ (Wert 5) und „eher rechts“ (Werte 6 bis 10); n = 1.103 (die Antwort-
kategorien „weiß nicht“ und „verweigert“ sind nicht aufgeführt).
Mit Blick auf die Unterschiede im Detail fällt auf, dass
diejenigen, die sich als politisch eher links einordnen,
eine höhere Autonutzung angeben, außerdem wurden
für diese Gruppe höhere absolute Konsumausgaben er-
mittelt. Ursächlich hierfür ist vermutlich das für diese
Gruppe ermittelte höhere Einkommen (Tabelle 6).
3. ERGEBNISSE DER REPRÄSENTATIVEN BEVÖLKERUNGSBEFRAGUNGEN 2020 UND 2022 … 29
3.6 Größe und Zusammen- ter von Mitte 60 haben – als Grund dafür werden die
setzung des CO2-Fußabdrucks hohen Konsumausgaben in diesem Alter in den USA
angeführt. Trotz methodischer Unterschiede lässt sich
ändern sich mit dem Lebens verallgemeinernd festhalten, dass der CO2-Fußabdruck
alter – erst ab dem 60. Lebens- bis zum Alter von etwa 60 Jahren im Schnitt tendenziell
größer ausfällt als in den Altersklassen darüber.
jahr ist er deutlich kleiner
Die Unterschiede hinsichtlich der Größe des CO2-Fuß-
abdrucks liegen für die hier berichteten Altersgrup-
Die Entwickler des hier verwendeten CO2-Rechners pen im Wesentlichen darin, dass mit zunehmendem
gehen davon aus, dass der CO2-Fußabdruck im Al- Alter die Mobilität abnimmt, während die Emissionen
tersbereich von 40 bis 60 Jahren im Schnitt am höchsten im „immobilen“ Bereich (Heizen, Strom) zunehmen:
ist (Schmidt, 2019), was sich auch in unseren Daten Jüngere Menschen weisen höhere Emissionen durch
zeigt. Sie zeigen zusätzlich hohe Werte im Altersbe- Flugzeugreisen und Autofahren auf, wohingegen ältere
reich von 24 bis 29 Jahren (Abbildung 10). Andere Studi- Menschen deutliche höhere Emissionen im Bereich des
en wie beispielsweise die Umweltbewusstseinsstudie Heizens (pro Kopf) aufweisen. Ein wesentlicher Grund
2020 (UBA, 2022) finden – ohne Berücksichtigung des für die höheren Emissionen durch Heizen (pro Kopf) ist
„sonstigen“ Konsumverhaltens – keinen eindeutigen die mit dem Alter abnehmende Anzahl von Haushalts-
Trend bezüglich des Zusammenhangs zwischen Al- mitgliedern, so dass auf eine befragte Person mehr
ter und CO2-Fußabdruck – allerdings wurde hier eine Emissionen pro Kopf entfallen, je höher das Alter.
andere Altersklassifikation verwendet. Die Entwickler
des CO2-Rechners des Umweltbundesamts gehen vom Inwieweit das Alter eine Rolle dabei spielt, dass sich die
größten CO2-Fußabdruck im Alter zwischen 40 und 60 oft langlebigen Investitionen in klimaneutrale Anlagen oft
Jahren aus. Zagheni (2011) findet für die USA, dass die aus finanzieller Sicht nicht mehr amortisieren (tatsächlich
Pro-Kopf-Emissionen ihren Höhepunkt im Mittel im Al- oder wahrgenommen), dazu mehr in Abschnitt 3.9.
Abbildung 10: CO2-Fußabdruck nach Lebensalter der befragten Personen im Herbst 2020
CO2-Fußabdruck: in Tonnen CO2-Äquivalenten (gewichtete und gerundet), die rote Linie stellt die durchschnittliche Größe aller gemessenen CO2-Fuß
abdrücke dar; Lebensalter: Die Befragten wurden in einheitliche Altersgruppen eingruppiert; n = 1.087 (die Kategorie „weiß nicht“ und „verweigert“ ist in
der Abbildung nicht aufgeführt).
30 EINE FAIRE CO 2-BEPREISUNG MACHT ES VERBRAUCHER*INNEN LEICHT, SICH KLIMAFREUNDLICH ZU ENTSCHEIDEN
Mit Blick auf die Ernährung zeigen sich nur geringe Un- Zunächst wurden die Ausgaben für CO2, die für Ver-
terschiede über die Altersgruppen hinweg. Menschen braucher*innen im Rahmen des nationalen Emissi-
im jüngeren Erwachsenenalter haben insgesamt einen onshandels anfallen (Heiz- und Kraftstoffe), berechnet.
höheren Kalorienbedarf als ältere Menschen (DGE, Hierfür wurden die im Rahmen der Befragung ermittel-
2015), wodurch der CO2-Fußabdruck ceteris paribus ten Emissionswerte für Automobilität und Heizen mit
grundsätzlich größer ausfällt. einem Preis von 55 Euro pro Tonne belegt, dem CO2-
Preis für das Jahr 2025. Die jährlichen Ausgaben einer
Nachdem bis zu dieser Stelle einige grundlegende In- Person für CO2-Emissionen im Bereich Automobilität
formationen zum CO2-Fußabdruck dargestellt wurden, und Heizen wurden dementsprechend berechnet als
sollen im Folgenden einige damit verbundene ökono-
mische Aspekte in den Blick genommen werden. Ausgaben für CO2 für Automobilität und Heizen
(p. P. pro Jahr in €) =
(tCO2 Auto + tCO2 Heizen) × 55 €⁄t
Die relative finanzielle Belastung (das heißt der Anteil
3.7 Untere und mittlere Ein- der CO2-Ausgaben am jährlichen Nettoäquivalenzein-
kommen zahlen in Absolut kommen) wurde berechnet als
beträgen weniger für CO2 als Finanzielle Belastung
hohe Einkommen, sind im Ver- (p. P. in % des jährlichen Nettoäquivalenzeinkommens) =
(tCO2 Auto + tCO2 Heizen ) × 55 €⁄t
hältnis zu ihrem Einkommen monatliches Nettoäquivalenzeinkommen (€)×12
aber f inanziell stärker belastet Im Mittel gibt eine befragte Person unter Annahme ei-
nes Preises von 55 Euro pro Tonne CO2 rund 204 Euro
3.7.1 Ausgaben für und finanzielle Belastung durch im Bereich Automobilität und Heizen aus, wovon rund
CO2-Bepreisung im Bereich Automobilität und Heizen 117 Euro auf Automobilität und rund 87 Euro auf Heizen
(„nationaler Emissionshandel“) entfallen (ohne Tabelle). Die Belastungsquote durch die
CO2-Bepreisung beträgt im Schnitt rund 1,2 Prozent
Der Preispfad des nationalen Emissionshandels sieht des Nettoäquivalenzeinkommens. Aus Abbildung 11
prospektiv für das Jahr 2025 einen CO2-Preis in Höhe wird jedoch deutlich, dass die Ausgaben des obersten
von 55 Euro pro Tonne CO2 vor. Dieser Preis wurde bei Einkommensquintils knapp doppelt so hoch liegen wie
der Durchführung der folgenden Berechnungen ange- die Ausgaben des ersten Einkommensquintils, auch
nommen. wenn die finanzielle Belastung relativ zum Einkom-
men im untersten Quintil gut drei Mal so hoch ausfällt
wie diejenige im höchsten Quintil. Zunächst wirkt die
CO2-Bepreisung bekanntermaßen regressiv, das heißt,
Personen mit niedrigem Einkommen werden prozentu-
al höher belastet als Personen mit hohem Einkommen
(Öko-Institut, 2021). Für eine Entlastung niedriger und
mittlerer Einkommen stünden durch die Einnahmen
der CO2-Bepreisung insbesondere aufgrund der Zah-
lungen hoher Einkommen finanzielle Mittel bereit, um
die Ausgaben niedriger Einkommen in hohem Maße zu
entlasten (dazu mehr in Abschnitt 3.8).
3. ERGEBNISSE DER REPRÄSENTATIVEN BEVÖLKERUNGSBEFRAGUNGEN 2020 UND 2022 … 31
Abbildung 11: Ausgaben für und finanzielle Belastung durch CO2-Bepreisung im Bereich Automobilität und
Heizen („nationaler Emissionshandel“) bei einem Preis von 55 Euro pro Tonne CO2 nach Einkommensquintil
Werte sind gewichtet und gerundet; Ausgaben für CO2-Bepreisung in Euro, Finanzielle Belastung durch CO2-Bepreisung in Prozent entspricht den Ausgaben
für CO2-Bepreisung (in Euro) im Verhältnis zum Nettoäquivalenzeinkommen (in Euro); der rote Balken gibt die Standardabweichung (einfach) an; n = 1.103.
3.7.2 Ausgaben für und finanzielle Belastung durch Die relative finanzielle Belastung wurde berechnet als
Bepreisung sämtlicher Emissionen entsprechend dem
individuellen CO2-Fußabdruck Finanzielle Belastung
(p. P. in % des jährlichen N
ettoäquivalenzeinkommens) =
Für die folgende Darstellung wurde nun angenommen, (tCO2 gesamt × 55 €⁄t)
dass der gesamte Fußabdruck einer Person einheitlich monatliches Nettoäquivalenzeinkommen (€) × 12
mit einem Preis von 55 Euro pro Tonne CO2 belegt wird.12
Damit soll dem Umstand Rechnung getragen werden, Die durchschnittliche finanzielle Belastung beträgt
dass der Emissionshandel in den Bereichen Energiewirt- rund 3,4 Prozent des jährlichen Nettoäquivalenzein-
schaft, energieintensive Industrie und innereuropäischer kommens bei vollständiger Bepreisung sämtlicher
Luftverkehr bereits auf europäischer Ebene besteht und Emissionen entsprechend dem individuellen CO2-Fuß-
kontinuierlich auf weitere Sektoren ausgeweitet wird – abdruck. Die durchschnittlichen jährlichen Ausgaben
mit dem theoretischen Maximum einer Bepreisung des pro Person würden dann rund 620 Euro betragen.
gesamten CO2-Fußabdrucks, den eine Person hat (siehe
hierzu die Ausführungen zu derzeitigen und geplanten Auch hier wird deutlich, dass die relative finanzielle
Umfang des Emissionshandels in Kapitel 1). Belastung im ersten Einkommensquintil zwar um das
2,3-Fache über der relativen finanziellen Belastung des
Die jährlichen Ausgaben einer Person für CO2-Emissio- fünften Einkommensquintils liegt – in Absolutwerten
nen wurden dementsprechend berechnet als würden Menschen mit geringem Einkommen aller-
dings deutlich weniger zahlen als Menschen mit ho-
Ausgaben für CO2 bei vollständiger Bepreisung hem Einkommen. Ohne Rückverteilung der Einnahmen
(p. P. pro Jahr in €) = tCO2 gesamt × 55 €⁄t aus der CO2-Bepreisung zeigt sich dieselbe regressive
12 Die Preise, die sich für eine Tonne CO2, die im Rahmen des europäischen Emissionshandels ergeben, sind nicht fix, sondern unterliegen Schwankun-
gen durch den Handel mit Emissionszertifikaten. Für die Darstellung in diesem Kapitel wurde daher zum Zwecke einer einheitlichen Darstellung ein
fixer Preis von 55 Euro pro Tonne für sämtliche auf eine Person entfallenden CO2-Emissionen angenommen.
32 EINE FAIRE CO 2-BEPREISUNG MACHT ES VERBRAUCHER*INNEN LEICHT, SICH KLIMAFREUNDLICH ZU ENTSCHEIDEN
Abbildung 12: Ausgaben für und finanzielle Belastung durch CO2-Bepreisung sämtlicher Emissionen entsprechend
dem individuellen CO2-Fußabdruck bei einem Preis von 55 Euro pro Tonne CO2 nach Einkommensquintil
Werte sind gewichtet und gerundet; Ausgaben für CO2-Bepreisung in Euro, Finanzielle Belastung durch CO2-Bepreisung in Prozent entspricht den Ausgaben
für CO2-Bepreisung (in Euro) im Verhältnis zum Nettoäquivalenzeinkommen (in Euro); der rote Balken gibt die Standardabweichung (einfach) an; n = 1.103.
Verteilungswirkung durch die Bepreisung. Allerdings In der wissenschaftlichen und öffentlichen Debatte
stünden durch die Einnahmen aus der CO2-Bepreisung werden derzeit unterschiedliche Ansätze diskutiert,
umfangreiche finanzielle Mittel bereit, um niedrige und in welcher Form eine Rückverteilung der Einnahmen
mittlere Einkommen gezielt zu entlasten (dazu mehr in an Personen mit geringen und mittleren Einkommen
Abschnitt 3.8). („Klimageld“) ausgestaltet werden könnte. Eine faire
Bepreisung von CO2-Emissionen muss für die meisten
Menschen keine spürbare finanzielle Last darstel-
len, sondern sie könnte für einkommensschwache
Haushalte sogar eine finanzielle Entlastung mit sich
3.8 Bei CO2-Bepreisung mit bringen (Kalkuhl, Knopf, Edenhofer, 2021). Und selbst
Rückverteilung können untere Haushalte mit mittlerem Einkommen würden nach
Rückverteilung mit einer „schwarzen Null“ aus der
Einkommensgruppen vollständig Bepreisung gehen.
entlastet werden – insbesondere Häufig in die Diskussion eingebracht wird eine
bei gezielter Rückverteilung an Pro-Kopf-Rückverteilung (Zerzawy & Fischle, 2021),
untere und mittlere Einkommen welche eine pauschale Rückerstattung in Höhe der
durchschnittlichen Einnahmen aus der CO2-Bepreisung
wäre eine weitgehende Abfede- pro Kopf an alle Verbraucher*innen vorsieht (vgl. auch
rung von Härten bis hin zu einer die dahingehende Interpretation des Ampel-Koalitions-
vertrags durch die FDP, zum Beispiel Stratmann und
Nettoentlastung möglich Greive, 2022). Ansätze, die auf eine Pro-Kopf-Rückver-
teilung setzen, werden aber auch kritisch diskutiert,
unter anderem weil sie Haushalte mit hohem Einkom-
3.8.1 Beispiele für Rückverteilung im nationalen men ebenso begünstigen wie Haushalte mit geringen
Emissionshandel: Pro-Kopf-Rückerstattung vs. und mittleren Einkommen (Barckhausen et al., 2022;
einkommensorientierte Rückerstattung Matthes, 2020). Dennoch ist eine Pro-Kopf-Rückvertei-
lung anschaulich (und vergleichsweise einfach admi-
3. ERGEBNISSE DER REPRÄSENTATIVEN BEVÖLKERUNGSBEFRAGUNGEN 2020 UND 2022 … 33
nistrativ zu implementieren) und zeigt die fiskalische Die Einkommensquintile lassen sich demnach in „Net-
Dimension einer potenziellen Rückverteilung auf. Aus toprofitierende“ (Netto-Entlastung nach Rückvertei-
diesem Grund wird sie hier näher betrachtet. lung) und (klar) „Nettozahlende“ (Netto-Zahlung auch
nach Rückverteilung) einteilen, wobei die ersten beiden
In Abschnitt 3.7.1 wurde gezeigt, dass niedrige Ein- Quintile unter Nettoprofitierende fallen und die Quintile
kommen durch den nationalen Emissionshandel zwar vier und fünf unter Nettozahlende (aufgrund der insge-
relativ zu ihrem Einkommen deutlich stärker finanziell samt kleinen Fallzahl unserer Erhebung sind die Kon-
belastet werden – andererseits zahlen höhere Einkom- fidenzintervalle alle überlappend, das heißt, die Stich-
men deutlich höhere Absolutbeträge, woraus sich bei probe lässt keine robusten Ergebnisse im Detail zu). Das
einer aufkommensneutralen Ausgestaltung des nati- 3. Quintil wird für die weitere Darstellung als neutral
onalen Emissionshandels Gestaltungsmöglichkeiten bezüglich der Rückverteilung angenommen (auch weil
für eine Umverteilung der Einnahmen hin zu niedrigen das 3. Quintil bei voller Bepreisung leicht in die Gruppe
Einkommen ergeben. der Nettoprofitierenden rutscht). Das Rechenbeispiel
mit einer einheitlichen Rückerstattung aus dem natio-
Wie aus Abbildung 13 hervorgeht, ist bei einer bei- nalen Emissionshandel pro Kopf soll zeigen, dass eine
spielhaften Pro-Kopf-Erstattung der Einnahmen aus grundsätzlich soziale Ausgestaltung – unter den hier
der Bepreisung von CO2-Emissionen in den Bereichen getroffenen Annahmen – innerhalb des Systems der
Heiz- und Kraftstoffe i. H. v. 204 Euro im Rechenbei- CO2-Bepreisung selbst dann möglich ist, wenn die Rück-
spiel eine Nettoentlastung der untersten beiden Ein- erstattung nicht einkommensabhängig erfolgt.
kommensquintile möglich. Von eventuell anfallenden
Transaktionskosten bei der Rückverteilung (zum Bei- Zielgerichtete weitere Maßnahmen erfordern darüber
spiel bürokratischer Aufwand) wurde hier allerdings hinaus Kenntnisse über die Situation der Personen, die
abstrahiert (für eine Vertiefung dieses Aspekts siehe unter diejenigen fallen, die über ein geringes Einkom-
Kellner et al., 2022). men verfügen und trotz Umverteilung in die Gruppe der
Nettozahlenden fallen. Die Eigenschaften dieser Grup-
pe sind im Abgleich mit den anderen hier diskutierten
Gruppen in Tabelle 7 dargestellt.
Abbildung 13: Ausgaben für CO2-Bepreisung im Bereich Automobilität und Heizen („nationaler Emissionshandel“)
nach Pro-Kopf-Rückverteilung bei einem Preis von 55 Euro pro Tonne CO2 nach Einkommensquintil
Werte sind gewichtet und gerundet; Ausgaben für CO2-Bepreisung in Euro; der rote Balken gibt die Standardabweichung (einfach) an; n = 1.103.