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Dieses Dokument ist Teil der Anfrage „Gutachten des Sachverständigenrats für Verbraucherfragen“
Geld anlegen mit und im Schwarm – Chancen und Risiken für Verbraucherinnen und
Verbraucher
4 Analyse der Chancen und Risiken für Verbraucherinnen und Verbraucher
In diesem Abschnitt erfolgt die Analyse der Chancen und Risiken aus Sicht der Ver-
braucherinnen und Verbraucher bei einer Anlage im Rahmen von Schwarmfinanzie-
rungen und beim gemeinschaftlichen Börsenhandel. Hierbei wird auch diskutiert, in-
wieweit Möglichkeiten für Verbraucherinnen und Verbraucher bestehen, den Risiken
zu begegnen.
Potentielle Chancen für Verbraucherinnen und Verbraucher
Für Verbraucherinnen und Verbraucher als Anleger bieten Schwarmfinanzierungen
und gemeinschaftlicher Börsenhandel eine Erweiterung ihres Anlagespektrums durch
Zugang zu Anlagemöglichkeiten, zum Beispiel unbesicherte Fremdfinanzierung oder
Beteiligungen an Start-ups, die ihnen ansonsten nicht67 oder nur mit erheblichem
zusätzlichen Informationsaufwand zur Verfügung stünden, und damit vermeintlich
zusätzliche Diversifikationsvorteile. Durch die Erweiterung des Anlagespektrums wird
zudem bei Schwarmfinanzierungen die Hoffnung geweckt, in junge Unternehmen be-
ziehungsweise neue Konzepte zu investieren, die sich zu außergewöhnlich erfolgrei-
chen Unternehmen entwickeln werden, womit eine besonders hohe Rendite verbun-
den wäre.68 Jedoch fällt es selbst institutionellen Investoren und Venture Capitalists
schwer, Start-ups zu identifizieren, die sich später als besonders erfolgreich heraus-
stellen.69
Darüber hinaus werden diese Plattformen mit geringeren Transaktionskosten asso-
ziiert als traditionelle Anlageformen, da sie standardisierte Algorithmen nutzen und
keiner lokalen Präsenz zum Kundenkontakt bedürfen.70 Inwieweit die neuen Anlage-
möglichkeiten tatsächlich zur Verbesserung der Rendite-Risiko-Struktur in den Port-
folios der Verbraucher beitragen, ist bislang kaum untersucht. Im Vordergrund der
Diskussion stehen bislang zumeist einzelne erfolgreiche Projekte.71
Als vorteilhaft wird häufig zudem die ständige Verfügbarkeit der Plattformen ohne
Beschränkung der Geschäftszeiten angeführt. Zudem können einzelne Anleger von
den in der Gruppe über die Plattformen beziehungsweise sozialen Netzwerke ausge-
tauschten Informationen und von der Expertise weiterer Gruppenmitglieder profitie-
ren. Letztendlich wird auch der durch die Plattformen gestiegene Wettbewerb als vor-
teilhaft für Anleger, im Sinne höherer Renditen, herausgestellt. Trotz einer gewissen
Anzahl existierender Plattformen liegt jedoch eine hohe Marktkonzentration bei weni-
gen Plattformen und damit eher wenig Wettbewerb vor.72
67
Vgl. Younkin und Kashkooli (2016).
68
Vgl. Fleming und Sorenson (2016).
69
Vgl. Agrawal, Catalini und Goldfarb (2016).
70
Vgl. Kirby und Worner (2014); zu geringeren Transaktionskosten im digitalen Kontext vgl. auch
Oehler und Reisch (2008).
71
Vgl. Younkin und Kashkooli (2016).
72
Vgl. Kirby und Worner (2014).
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Geld anlegen mit und im Schwarm – Chancen und Risiken für Verbraucherinnen und
Verbraucher
Chancen zeigen sich dahingehend, dass durch Schwarmfinanzierungen und
gemeinschaftlichen Börsenhandel zusätzliche Anlagemöglichkeiten bestehen,
die auch zu weiteren Diversifikationseffekten im Portfolio führen können, gerin-
gere Transaktionskosten als bei traditionellen Formen der Geldanlage erreicht
und Informationen zwischen Anlegern einfacher und schneller ausgetauscht
werden können sowie mehr Wettbewerb möglich erscheint.
Risiken hinsichtlich der Einschätzung der eigenen finanziellen Situation
Bei Anlagen im Zuge von Schwarmfinanzierungen und beim gemeinschaftlichen Bör-
senhandel obliegt es Verbraucherinnen und Verbrauchern als Anleger weitgehend
selbst, die eigene finanzielle Situation einzuschätzen. Ähnlich zu anderen finanziellen
Entscheidungen, die über das Internet und typischerweise ohne Nutzung von Bera-
tungsmöglichkeiten getroffen werden, besteht daher das Risiko der Fehleinschätzung
der eigenen finanziellen Situation, insbesondere der Risikotragfähigkeit, und der Aus-
wirkung der Anlage auf das gesamte Anlageportfolio (Portfolioeffekte). Die poten-
ziellen Ursachen hierfür liegen in (1) mangelndem Bewusstsein über das bestehende
Portfolio; (2) fehlenden oder qualitativ unzureichenden Informationen über die Geeig-
netheit der Anlagemöglichkeit für bestimmte Bedarfssituationen; (3) begrenzten
Fähigkeiten, auch hinsichtlich der Ermittlung der Portfolio-Effekte; (4) der Fehlein-
schätzung der eigenen Motivation bei Geldanlagen:
Mangelndes Bewusstsein über das bestehende Portfolio: Da es sich bei
Schwarmfinanzierung und beim gemeinschaftlichen Börsenhandel um Anlagen
handelt, bei denen zumeist ein erhebliches Risiko hinsichtlich des Totalausfalls
besteht, wäre von den Verbraucherinnen und Verbrauchern zunächst einzu-
schätzen, ob ihr bestehendes Portfolio eine ausreichende Absicherung grund-
legender Risiken sowie darüber hinaus eine ausreichende Absicherung des
Einkommenszahlungsstroms auch im Sinne der Vorsorge bietet (vgl. auch den
folgenden Punkt zur Geeignetheit). Außerdem wären eventuell bestehende
Schulden in die Betrachtung einzubeziehen, da diese getilgt werden sollten,
bevor spekulative Anlagen eingegangen werden.73 Es ist jedoch davon auszu-
gehen, dass Verbraucherinnen und Verbraucher nicht ständig über sämtliche
bestehenden Finanzkontrakte informiert sind und auch nicht informiert sein
können.74 Zudem zeigen Forschungsergebnisse, dass Verbraucherinnen und
Verbraucher im Sinne eines Mental Accounting gegebenenfalls zwar einzelne
Portfoliobestandteile beziehungsweise Gruppen dieser kennen, jedoch eine se-
parate Betrachtung und Einschätzung vornehmen, das heißt eine Gesamtport-
foliobetrachtung inklusive Einschätzung der Gesamtrisikoposition unterbleibt.75
Ein mangelndes Bewusstsein über die eigene Portfoliozusammensetzung dürfte
insbesondere dann vorliegen, wenn Verbraucherinnen und Verbraucher zuvor
73
Vgl. Oehler (2012b).
74
Vgl. Oehler und Reisch (2008); Oehler (2012a).
75
Zum Mental Accounting vgl. z.B. Thaler (1999).
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Geld anlegen mit und im Schwarm – Chancen und Risiken für Verbraucherinnen und
Verbraucher
bei Entscheidungen bezüglich Anlagen und/oder Versicherungen weitgehend
Beratern gefolgt sind und sich selbst wenig damit auseinandergesetzt haben.
Informationen zur Geeignetheit: Grundlegend lässt sich die Einschätzung der
Geeignetheit von Finanzprodukten für bestimmte Bedarfssituationen anhand
der Überlegungen zur Sortierung von Anlagemöglichkeiten und weiteren Fi-
nanzprodukten (zum Beispiel Versicherungen) im Rahmen einer Staffelung aus
Basis-, Zusatz- und Spekulationsportfolio vornehmen. Die Anlage im Rahmen
von Schwarmfinanzierungen und beim gemeinschaftlichen Börsenhandel wäre
dabei einem Spekulationsportfolio zuzuordnen, welches Anleger überhaupt erst
in Betracht ziehen sollten, wenn Basis- und Zusatzportfolio, das heißt die Ab-
sicherung existenzieller Risiken und Liquiditätsreserve sowie die Einkommens-
sicherung und Vorsorge, entsprechend aufgestellt sind.76 Bislang erstrecken
sich Informationen zur Geeignetheit eher auf allgemeine Risikohinweise.
Jedoch kann der Eindruck entstehen, dass aufgrund der insbesondere bei
Schwarmfinanzierungen vorherrschenden Idee der Anlage „kleiner“ Beträge das
diesbezügliche Risiko eher gering ist. Eine mögliche Fehleinschätzung der
Geeignetheit wird dabei durch drei Aspekte befördert: (1) Die Ausnahmen im
VermAnlG für Schwarmfinanzierungen beziehen sich gerade auf kleine Anlage-
beträge, wodurch der Eindruck entstehen kann, dass diese weniger riskant
seien. (2) Die zuvor genannten Ausnahmen können Anreize für die Plattformen
und Kapitalnachfrager bieten, insbesondere auf kleine Einzelanlagebeträge ab-
zustellen, um beispielsweise nicht der Prospektpflicht zu unterliegen. Dies kann
insbesondere Verbraucherinnen und Verbraucher mit kleinen Anlagebeträgen
beziehungsweise geringem Gesamtvermögen dazu verleiten, in Schwarmfinan-
zierungen zu investieren, obwohl dies nicht ihrer Risikotragfähigkeit entspricht.
(3) Schwarmfinanzierungen werden zum Teil mit einer „Demokratisierung des
Finanzmarktes“77 assoziiert, was den Eindruck entstehen lassen kann, dass
diese Anlage für alle geeignet wäre, wodurch die eigentliche Einschätzung der
Geeignetheit in den Hintergrund tritt.
Begrenzte Fähigkeiten:78 Bereits aus der Situation heraus, dass Verbraucherin-
nen und Verbraucher nicht in allen Lebensbereichen Experte sein können (und
wollen), wird offensichtlich, dass nicht alle Verbraucherinnen und Verbraucher
in der Lage sind, die Qualität der Finanzprodukte und die Portfolioeffekte einzu-
schätzen, selbst wenn vollständige Transparenz hinsichtlich der Informationen
über die Finanzprodukte existierte. In der verhaltenswissenschaftlichen For-
schung folgt diese Überlegung aus der begrenzten Rationalität von Menschen
mit den daraus folgenden Problemen wie beispielsweise Information und
Choice Overload.79 Die Konsequenzen dieser nicht zu umgehenden Situation
76
Vgl. Oehler (2012b).
77
Hüttich (2015). Vgl. auch Beck et al. (2016)
78
Zu den zugrunde liegenden Überlegungen zur begrenzten Rationalität (Bounded Rationality) vgl.
Simon (1955, 1956, 1957).
79
Vgl. Oehler (2013a).
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Geld anlegen mit und im Schwarm – Chancen und Risiken für Verbraucherinnen und
Verbraucher
sind bei Schwarmfinanzierungen und gemeinschaftlichem Börsenhandel beson-
ders offensichtlich, da es gerade hier den Verbraucherinnen und Verbrauchern
selbst obliegt, die Einschätzung vorzunehmen. Zudem sind bei Schwarmfinan-
zierungen nicht nur die grundlegenden mit den Anlageformen verbundenen As-
pekte einzuschätzen, sondern vielmehr auch die Qualität von Businessplänen
(sofern vorhanden), Projektskizzen etc. Maßnahmen zur Steigerung der Fähig-
keiten und Kompetenzen im Sinne einer Stärkung von Financial Literacy sind
zwar grundsätzlich begrüßenswert, stoßen jedoch schnell an Grenzen, da ne-
ben dem Problem der eingeschränkten Rationalität auch zu berücksichtigen ist,
dass Verbraucher nicht ständig mit entsprechenden Anlageentscheidungen
konfrontiert werden, eventuell erlangte Informationen und Kenntnisse damit
nicht regelmäßig genutzt werden und zudem ein ständiges Weiterbilden erfor-
derlich wäre, um die Kenntnisse auf dem neuesten Stand zu halten.80
Motivation: Häufig wird der Eindruck vermittelt, es gehe nicht nur um monetäre
Anlageziele. Selbst wenn man unterstellt, dass Verbraucherinnen und Verbrau-
cher bei der Anlage (auch) nicht-monetäre Ziele verfolgen, besteht die Gefahr,
dass Rendite-Risiko-Aspekte nicht ausreichend berücksichtigt werden. Hierzu
kann auch beitragen, dass sowohl Schwarmfinanzierungen als auch gemein-
schaftlicher Börsenhandel Gruppeneffekte fokussieren und ein Zugehörigkeits-
gefühl vermitteln wollen, beispielsweise im Sinne der oben genannten „Demo-
kratisierung“. Verstärkt wird dies durch die Ausnutzung des noch verhältnis-
mäßig großen Neuigkeitsgrads sozialer Netzwerke. Neben einer potentiellen
Fehleinschätzung der finanziellen Situation und Risikotragfähigkeit kann somit
auch die mentale Risikotragfähigkeit81 dahingehend beeinflusst werden, dass
Anleger eine größere Bereitschaft aufweisen, (finanzielle) Risiken einzugehen,
da ihnen diese durch den Fokus auf nicht-monetäre Ziele als weniger bedeut-
sam erscheinen.82
Grundsätzliche Risiken bestehen für Verbraucherinnen und Verbraucher hin-
sichtlich einer Fehleinschätzung der eigenen finanziellen Situation, insbeson-
dere der Risikotragfähigkeit, und der Auswirkung der Anlage im Rahmen von
Schwarmfinanzierungen und gemeinschaftlichem Börsenhandel auf das ge-
samte Anlageportfolio (Portfolioeffekte). Ursächlich hierfür können mangeln-
des Bewusstsein über das bestehende Portfolio, fehlende oder qualitativ
unzureichende Informationen über die Geeignetheit der Anlagemöglichkeit,
begrenzte Fähigkeiten und Fehleinschätzungen der eigenen Motivation sein.
80
Vgl. Oehler (2013a).
81
Zur Unterscheidung zwischen finanzieller und mentaler Risikotragfähigkeit vgl. Oehler und Reisch
(2008).
Eine vergleichbare Problematik besteht bei sozial-ökologischen („nachhaltigen“) Geldanlagen, bei
82
denen häufig unterstellt wird, die Einhaltung sozialer und/oder ökologischer Standards führe zu einer
Verschlechterung des Rendite-Risiko-Verhältnisses, obwohl dies sowohl aus theoretischen
Überlegungen heraus als auch auf Grundlage empirischer Ergebnisse nicht notwendigerweise der
Fall ist. Vgl. Oehler (2013b, 2014).
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Geld anlegen mit und im Schwarm – Chancen und Risiken für Verbraucherinnen und
Verbraucher
Spezifische Risiken bei der Anlage in Schwarmfinanzierungen
Eines der zentralen Risiken für Verbraucherinnen und Verbraucher als Anleger be-
trifft die Informationen hinsichtlich der Anlageentscheidung. Zu berücksichtigen sind
dabei zunächst die Informationsnachteile der Verbraucherinnen und Verbraucher
hinsichtlich83
des Projekts, in das investiert wird: Seitens der Plattformen gibt es zumeist nur
Anforderungen hinsichtlich weniger, grundlegender Informationen, die von den
Kapitalnachfragern zum Projekt zur Verfügung zu stellen sind. Vielmehr wird
lediglich dazu angeregt, dass potentielle Kapitalnehmer entsprechend mehr
Informationen bereitstellen, um bessere Chancen auf eine erfolgreiche Finan-
zierung zu haben. Dies erfolgt vor dem Hintergrund, dass unterstellt wird, dass
das Zusammenführen der Erfahrungen und Fähigkeiten vieler potenzieller Ka-
pitalgeber und der digitalen Kommunikationsmöglichkeiten beispielsweise in
sozialen Netzwerken eine entsprechend realistische Einschätzung der Qualität
des Projekts ermöglicht und Projekte mit geringer Qualität nicht die erforder-
liche Finanzierungssumme erreichen.84 Inwieweit es hierbei tatsächlich zu
einer „korrekten“ Einschätzung kommt, bleibt – auch mangels systematischer
und längerfristiger Untersuchungen – fraglich. Zudem besteht die Idee der
Schwarmfinanzierungen darin, dass die Finanzierungsbeträge einzelner Anle-
ger in absoluten Beträgen betrachtet eher klein sind. Für einzelne Anleger er-
scheint eine weitergehende Informationsrecherche aufgrund der Informations-
kosten ökonomisch wenig sinnvoll. Damit ist nicht sichergestellt, dass in der
Gruppe der Anleger tatsächlich eine ausreichende Informationsgrundlage
zusammengetragen wird.85
des Kapitalnehmers: Über die mit dem Projekt direkt verbundenen Informa-
tionsrisiken hinsichtlich des Kapitalnehmers wie Qualifikation und Fähigkeiten
zur Durchführung des Projekts hinaus besteht ein Betrugsrisiko im Sinne der
Falschdarstellung der Informationen über das Projekt und den Kapitalnehmer
selbst oder grundsätzlich über die beabsichtigte Kapitalverwendung. Aufgrund
der Anonymität des Internet ist dabei von einem höheren Betrugsrisiko
auszugehen als bei traditionellen Anlageformen.
der Plattform: Potenziellen Anlegern liegen zumeist nur sehr wenige Informa-
tionen über die Qualität der Plattform selbst vor. Je nach dem, inwieweit
83
Vgl. Kirby und Worner (2014); Agrawal, Catalini und Goldfarb (2016).
Wirksam kann dies jedoch nur sein, wenn die Schwarmfinanzierung nach dem sog. „All-Or-
84
Nothing“-Modell erfolgt, da der Kapitalnehmer hierbei nur über den Betrag verfügen kann, wenn die
erreichte Gesamtsumme dem Finanzierungsziel entspricht oder dieses übersteigt, und die Kapital-
geber ihr Geld ansonsten zurück erhalten. Beim „Keep-It-All“-Modell hingegen kann der Kapitalneh-
mer über den mit dem Crowdfunding erreichten Betrag verfügen, selbst wenn der Zielbetrag nicht
erreicht wurde; Anleger tragen damit das Risiko, dass das Projekt aufgrund unzureichender
finanzieller Mittel weniger erfolgreich ist oder scheitert. Vgl. Cumming, Leboeuf und Schwienbacher
(2015). Plattformen in Deutschland nutzen in der Regel das „All-Or-Nothing“-Modell.
85
Diese Situation ist damit ähnlich zum von Grossman und Stiglitz (1980) beschriebenen
Informationsparadoxon.
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Geld anlegen mit und im Schwarm – Chancen und Risiken für Verbraucherinnen und
Verbraucher
Dienstleistungen der Plattformen selbst genutzt werden, kann ein zeitweiser
oder vollständiger Ausfall der Plattform, entweder aus ökonomischen oder aus
technischen Gründen, bis hin zu einem Totalausfall der Investition führen. So
können die von der Plattform angebotenen Dienstleistungen, zum Beispiel die
Abwicklung der Zins- und Tilgungszahlungen, nicht mehr erbracht werden.
Von Bedeutung ist im Fall des Ausfalls der Plattform auch, inwieweit Informa-
tionen über vermittelte Kontrakte und Kontraktparteien weiterhin zur Verfü-
gung stehen. Da die Plattformen zum Teil eine eigene einfache Bonitätsein-
schätzung über die Kapitalnehmer vornehmen, besteht zudem die Gefahr,
dass es zu einer Risikoeinschätzung über die Kapitalnehmer kommt, die nicht
dem tatsächlichen Ausfallrisiko entspricht.
Die vorliegenden Informationen sind jenseits der im Rahmen eines eventuellen VIB
bereitzustellenden Informationen zumeist nicht standardisiert/reguliert, sodass ein
Vergleich zwischen zu finanzierenden Projekten/Kapitalnehmern kaum oder nur mit
großem Aufwand möglich ist. Anleger sind aufgrund der Vielzahl an möglichen An-
lageobjekten und der Unterschiedlichkeit der Informationen zu einzelnen Anlage-
objekten und Kapitalnehmern dabei potenziell den aus der verhaltenswissenschaft-
lichen Forschung bekannten Phänomenen des Information Overload und Choice
Overload ausgesetzt.86
Aufgrund der Informationsnachteile der Anleger folgen damit Anreize für die Kapital-
nehmer zu opportunistischem Verhalten.87 Außerdem bestehen gegebenenfalls kon-
fligierende Anreize innerhalb der Gruppe der Anleger88 sowie die Gefahr – insbeson-
dere wenn keine automatisierten Services genutzt werden, sondern die Retail-Inves-
toren manuell einzelne Projekte auswählen –, dass Verbraucherinnen und Verbrau-
cher im Sinne von Crowding-out-Effekten lediglich risikoreichere Investitionen erhal-
ten, da institutionelle Investoren auch aufgrund ihrer besseren Fähigkeiten zur Due
Diligence zunächst in die risikoärmeren beziehungsweise qualitativ höherwertigeren
Projekte investieren.89
Besondere Bedeutung haben die beschriebenen Risiken vor dem Hintergrund, dass
das Risiko eines Totalausfalls besteht, insbesondere auch aufgrund der Nachrangig-
keit und fehlenden Besicherung der Ansprüche aus den meisten Anlageformen, die
bei Schwarmfinanzierungen genutzt werden. Bei eigenkapitalorientierten Schwarm-
finanzierungen von Start-ups gehen Schätzungen von einer Ausfallwahrscheinlichkeit
von 50% innerhalb der ersten 5 Jahre aus. Die Ausfallhäufigkeit beim fremdkapital-
orientierten Formen scheint zwar deutlich geringer, jedoch liegen auch aufgrund des
erst kurzen Zeitraums und des häufig noch nicht erreichten Laufzeitendes der Dar-
lehen nur wenig Daten vor, die aussagekräftige Schlussfolgerungen zuließen. Zudem
86
Vgl. Oehler (2011).
87
Vgl. Klafft (2009).
88
Vgl. Hildebrand, Puri und Rocholl (2014).
89
Vgl. Kirby und Worner (2014).
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Geld anlegen mit und im Schwarm – Chancen und Risiken für Verbraucherinnen und
Verbraucher
fehlen zumeist Daten von Plattformen, die mittlerweile ihren Geschäftsbetrieb einge-
stellt haben.90
Über die Risiken hinsichtlich der eigentlichen Anlage unter Nutzung der Plattformen
hinaus bestehen Risiken für Anleger in Bezug auf die grenzübergreifende Durch-
setzung der vertraglichen Ansprüche, wenn Plattformen im Ausland genutzt und/oder
Projekte im Ausland finanziert werden. Hierbei sowie auch im nationalen Kontext er-
scheint es für einzelne Verbraucherinnen und Verbraucher aufgrund der zumeist klei-
nen Anlagebeträge ökonomisch nur bedingt attraktiv, juristische Schritte einzuleiten.
Des Weiteren besteht ein (Markt-) Liquiditätsrisiko im Sinne kaum bestehender Han-
delbarkeit aufgrund eines praktisch gar nicht oder nur kaum existenten Sekundär-
markts.
Spezifisch bei einer Anlage in Schwarmfinanzierungen bestehen für Verbrau-
cherinnen und Verbraucher Informationsrisiken hinsichtlich der zu finanzieren-
den Projekte, der (potenziellen) Kapitalnehmer und der Internet-Plattformen,
Risiken in Bezug auf das Verhalten der Kapitalnehmer während der Projektlauf-
zeit und potenzielle Interessenkonflikte innerhalb der Gruppe der Anleger.
Auch in Bezug auf die rechtliche Durchsetzung und die Handelbarkeit der Anla-
gen bestehen Risiken bzw. potenzielle Nachteile für Verbraucherinnen und Ver-
braucher.
Spezifische Risiken bei der Anlage im Rahmen des gemeinschaftlichen
Börsenhandels
Beim gemeinschaftlichen Börsenhandel bestehen insbesondere Informationsrisiken
hinsichtlich der Qualität der Signalgeber. Zwar wird Social-Trading-Prozessen eine
höhere Transparenz als traditionellen Formen des Portfoliomanagements zugespro-
chen, da einzelne Investitionsentscheidungen der Signalgeber veröffentlicht werden,
jedoch bleiben Probleme dahingehend bestehen, dass auch ex-post nicht immer
offensichtlich ist, ob der Erfolg der Strategien durch die Fähigkeiten der Signalgeber
oder durch Zufall erreicht wird. Zudem lässt sich nicht ableiten, ob aus einer im
Nachhinein betrachtet erfolgreichen Strategie ein entsprechender zukünftiger Erfolg
ableitbar ist. Die letztendliche Einschätzung der Qualität der Anlageentscheidung ob-
liegt damit wiederum den Verbraucherinnen und Verbrauchern als Anleger. Zudem
hängen potenzielle Interessenkonflikte zwischen Signalnehmern und Signalgebern
essentiell vom Vergütungsmodell für die Signalgeber ab.91
Beim gemeinschaftlichen Börsenhandel besteht bei der Nutzung von Zertifikaten zu-
dem ein Emittentenrisiko im Sinne des Risikos des Ausfalls des Emittenten der Zerti-
fikate. Auch können Risiken hinsichtlich der Rechtsdurchsetzung im internationalen
Kontext bestehen.
90
Vgl. Kirby und Worner (2014).
91
Vgl. Döring, Neumann und Paul (2015).
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Geld anlegen mit und im Schwarm – Chancen und Risiken für Verbraucherinnen und
Verbraucher
Der gemeinschaftliche Börsenhandel birgt für Verbraucherinnen und Verbrau-
cher insbesondere Risiken hinsichtlich der Auswahl geeigneter Signalgeber
und der laufenden Einschätzung der Qualität ihrer Entscheidungen. Aufgrund
der unterschiedlichen Ansätze zur Umsetzung des gemeinschaftlichen Börsen-
handels können zudem weitere Risiken wie Emittentenrisiken oder rechtliche
Risiken bedeutsam werden.
Hinsichtlich der Nutzung der Online-Plattformen und, damit meist verbunden, der
sozialen Netzwerke ist auch vor dem Hintergrund unterschiedlicher Zugangskanäle,
zum Beispiel unter Nutzung mobiler Endgeräte wie Smartphones oder Tablet-PCs,
sowohl bei Schwarmfinanzierungen als auch beim gemeinschaftlichen Börsenhandel
für Verbraucherinnen und Verbraucher zumeist nicht ersichtlich, inwieweit ausrei-
chende Maßnahmen bezüglich der Datensicherheit ergriffen wurden oder welche
Maßnahmen die Verbraucherinnen und Verbraucher ergreifen müssen, zum Beispiel
zur Abwehr von Cyber-Angriffen.92
Gesamtbetrachtung der Chancen und Risiken
In der Gesamtbetrachtung der Chancen und Risiken für Verbraucherinnen und Ver-
braucher bei der Anlage im Rahmen von Schwarmfinanzierungen und beim gemein-
schaftlichen Börsenhandel zeigt sich, dass mit der Erweiterung des Anlagespektrums
Chancen auf zusätzliche Diversifikation im Anlageportfolio bestehen. Die Möglichkeit
der Nutzung dieser Chancen wird jedoch dadurch konterkariert, dass für Verbrauche-
rinnen und Verbraucher Risiken hinsichtlich der Einschätzung der Qualität der Anla-
gealternativen und deren Geeignetheit im Portfoliokontext sowie des diesbezüglichen
Vergleichs zwischen den Alternativen bestehen. Dies betrifft bei Schwarmfinanzie-
rungen sowohl die Einschätzung der zu finanzierenden Projekte als auch der
entsprechenden Kapitalnehmer, also derjenigen, die diese Projekte durchführen.
Beim gemeinschaftlichen Börsenhandel bestehen ähnlich gelagerte Risiken hinsicht-
lich der Einschätzung der Signalgeber und deren Anlagestrategien sowie der Finanz-
instrumente, die zur Umsetzung des (automatischen) Folgens der Entscheidungen
der Signalgeber genutzt werden.
Den Chancen, die sich aus der Nutzung der Internetplattformen ergeben, also vor-
nehmlich mögliche geringere Transaktionskosten und einfacherer und schnellerer In-
formationsaustausch insbesondere zwischen den Anlegern, stehen Risiken hinsicht-
lich der Einschätzung der Qualität der Internetplattformen selbst gegenüber sowie
Datensicherheitsrisiken im digitalen Kontext. Zudem bestehen bei der Nutzung der
Plattformen potenzielle Risiken dahingehend, dass die Entscheidungen typischer-
weise ohne Anlageberatung erfolgen. Zusätzlich zu den oben genannten Risiken
bezüglich der Qualitätseinschätzung betrifft dies auch die Einschätzung der eigenen
finanziellen Situation und Risikotragfähigkeit.
92
Zu Sicherheit und Datenschutz bei Finanzdienstleistungen im digitalen Kontext vgl. Oehler (2016).
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Geld anlegen mit und im Schwarm – Chancen und Risiken für Verbraucherinnen und
Verbraucher
Hinsichtlich potenzieller Chancen, die sich aus dem Wettbewerb sowohl gegenüber
traditionellen Anlageformen als auch zwischen verschiedenen Internetplattformen er-
geben, sind neben den dargelegten Problemen hinsichtlich der Verständlichkeit und
Vergleichbarkeit der verfügbaren Informationen rechtliche Risiken zu berücksichti-
gen, insbesondere im internationalen Zusammenhang, wenn beispielsweise Plattfor-
men außerhalb Deutschlands genutzt werden beziehungsweise in Projekte investiert
wird, die nicht in Deutschland angesiedelt sind.
Zu schlussfolgern ist insgesamt, dass die Chancen einer Geldanlage bei
Schwarmfinanzierungen und beim gemeinschaftlichen Börsenhandel für Ver-
braucherinnen und Verbraucher momentan aufgrund der erheblichen Risiken
ökonomisch kaum oder gar nicht sinnvoll nutzbar sind.
5 Handlungsempfehlungen und Regulierungsbedarf
Ausgehend vom momentan noch geringen Volumen, das auf Anlagen im Rahmen
von Schwarmfinanzierungen und beim gemeinschaftlichen Börsenhandel im Ver-
gleich zum Gesamtvermögen der privaten Haushalte in Deutschland entfällt, er-
scheint die Bedeutung dieser Anlagemöglichkeiten auf den ersten Blick und auf ag-
gregierter Basis sehr gering. Wird die Betrachtung jedoch um die Berücksichtigung
einzelner Verbraucherinnen und Verbraucher oder Gruppen dieser erweitert und wer-
den außerdem die erwarteten zunehmenden Anlagevolumina in diesen Anlagefor-
men berücksichtigt, erscheint sinnvoll, die aus Verbrauchersicht bestehenden Risi-
ken frühzeitig aufzugreifen und entsprechende regulatorische Maßnahmen zu ergrei-
fen.
Da die Einschätzung der eigenen finanziellen Situation, inklusive der Risikotragfähig-
keit, sowie der Qualität dieser Anlageformen und der Auswirkungen auf das Gesamt-
portfolio den Verbraucherinnen und Verbrauchern selbst obliegt, sind zunächst
Anforderungen an die bereitzustellenden Informationen zu thematisieren. Ausgehend
von einer grundlegend erforderlichen vollständigen Transparenz über die Projekte, in
die investiert wird, das heißt hier die durch Schwarmfinanzierungen zu finanzieren-
den Projekte sowie die Anlagestrategien der Signalgeber beim gemeinschaftlichen
Börsenhandel, die Kapitalnehmer und die Plattformen ist die Qualität der Informa-
tionen zu thematisieren, um die Einschätzung der zu erwartenden Rendite und der
Risiken sowie der Geeignetheit im Portfoliokontext zu erleichtern. Dies betrifft die Re-
levanz und Verständlichkeit der Informationen und deren Vergleichbarkeit über ver-
schiedene Anlageformen und Plattformen hinweg.93 Zudem wäre ein expliziter Hin-
weis dahingehend erforderlich, dass eine Anlage im Rahmen von Schwarmfinanzie-
rungen und beim gemeinschaftlichen Börsenhandel nicht geeignet ist für Verbrau-
cherinnen und Verbraucher, die über unzureichende Liquiditätsreserven und keine
ausreichenden Absicherungen essentieller finanzieller Risiken sowie unzureichende
Vorsorge verfügen.
93
Vgl. Oehler (2012a).
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Geld anlegen mit und im Schwarm – Chancen und Risiken für Verbraucherinnen und
Verbraucher
Zu unterstützen sind die Anforderungen hinsichtlich der zur Verfügung stehenden In-
formationen durch eine Vereinheitlichung der Regulierung in Bezug auf:
Anlageformen: Die erfolgte Änderung des VermAnlG durch das Kleinanleger-
schutzgesetz mit der Hinzunahme von partiarischen Darlehen, Nachrangdar-
lehen und sonstigen Anlagen erscheint dabei als Schritt in die richtige Richtung.
Eine Vergleichbarkeit mit weiteren Finanzprodukten ist damit unter anderem
aufgrund der unterschiedlichen Regulierung weiterer grundsätzlich vergleichba-
rer Anlageformen bezüglich zum Beispiel Produktinformationsblättern (PIB),
Vermögensanlagen-Informationsblättern (VIB) und wesentlichen Anlegerinfor-
mationen (WAI beziehungsweise KIID/KID) jedoch auch weiterhin nur bedingt
gegeben. Unterschiede hinsichtlich der Anlageformen selbst, die sich daraus
ergeben, dass die Anlage über das Internet oder auf traditionellem Wege
erfolgt, erscheinen ebenfalls nicht förderlich im Sinne der Vergleichbarkeit.94
Plattformen: Damit für Verbraucherinnen und Verbraucher keine Unsicherheit
dahingehend besteht, ob einzelne Plattformen der Aufsicht durch die BaFin un-
terliegen, ist für sämtliche Plattformen, die in Bezug auf Schwarmfinanzierun-
gen beziehungsweise gemeinschaftlichen Börsenhandel aktiv sind, eine
Erlaubnispflicht und entsprechende Aufsicht durch die BaFin anzustreben.
Unterschiedliche Anlagebeträge: Ausnahmen für vermeintlich kleine Anlage-
beträge und Projekte erscheinen aus Verbrauchersicht nicht zielführend, da
hierdurch potentiell der Eindruck entsteht, dass die entsprechende Anlage weni-
ger riskant wäre und daher weniger Anforderungen zu erfüllen hat. Durch eine
einheitliche Regulierung ließe sich zudem die Gefahr reduzieren, dass Platt-
formen und/oder potentielle Kapitalnehmer insbesondere bei riskanteren Pro-
jekten auf die Nutzung der Ausnahmen abzielen.
Eine Vereinheitlichung der Regulierung kann zudem zu einer Stärkung des Wettbe-
werbs führen, da für alle Anbieter die gleichen Anforderungen gelten, wodurch wie-
derum Verbraucherinnen und Verbraucher als Anleger profitieren können.
Zwar erscheint das Gesamtvolumen, das auf Anlagen im Rahmen von
Schwarmfinanzierungen und beim gemeinschaftlichen Börsenhandel entfällt,
sehr gering, jedoch ist es sinnvoll, frühzeitig die aus Verbrauchersicht beste-
henden Risiken aufzugreifen und entsprechende regulatorische Maßnahmen zu
ergreifen. Hierzu zählen insbesondere Anforderungen an die Qualität der Infor-
mationen zu den Anlageformen, den Kapitalnehmern beziehungsweise Signal-
gebern und den Plattformen. Die Qualität bezieht sich insbesondere auf die
Verständlichkeit und die Vergleichbarkeit der Informationen und auf Aussagen
zur Geeignetheit der Anlageform. Zudem sollte die Regulierung zu verschiede-
nen Anlageformen weiter vereinheitlicht werden; ebenso sollten Plattformen
94
Vgl. auch Oehler (2012a). Dies schließt jedoch nicht aus, dass spezifische Regelungen getroffen
werden, die explizit Risiken adressieren, die sich aus dem spezifischen Zugangskanal zu den Platt-
formen ergeben, wie beispielsweise IT-Sicherheitsrisiken.
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