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Dieses Dokument ist Teil der Anfrage „Gutachten des Sachverständigenrats für Verbraucherfragen

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Digitale Welt und Gesundheit.
        eHealth und mHealth –
        Chancen und Risiken der Digitalisierung
        im Gesundheitsbereich
        Gerd Gigerenzer, Kirsten Schlegel-Matthies und Gert G. Wagner
Hayat




                                                               Januar 2016
          Veröffentlichungen des Sachverständigenrats für Verbraucherfragen
1

Berlin, 19. Januar 2016
ISSN: 2365-919X


Herausgeber:
Sachverständigenrat für Verbraucherfragen
beim Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz
Mohrenstraße 37
10117 Berlin


Telefon: 030/ 18 580-0
Fax: 030/ 18 580-9525
E-Mail: info@svr-verbraucherfragen.de
Internet: http:// www.svr-verbraucherfragen.de


Diese Veröffentlichung ist im Internet abrufbar. ©SVRV 2016
2

Inhaltsverzeichnis
Executive Summary ............................................................................................................ 1
I Einführung ......................................................................................................................... 5
   Hintergrund zu Entwicklungen und Herausforderungen des Gesundheitssektors .............. 5
   Fragestellung und Zielsetzung ......................................................................................... 10
   Methode und Vorgehen ................................................................................................... 11
II Digitalisierung im Gesundheitsbereich – Wie verändert sich der Gesundheitssektor?
............................................................................................................................................ 12
    Nutzung von digitalen Angeboten für Gesundheitsfragestellungen .................................. 13
    Effekte bestehender Angebote auf das gesundheitliche Verbraucherverhalten ............... 16
    Neue digitale Gesundheitsangebote und das Potenzial für die Verbraucher .................... 17
III Chancen und Risiken für Verbraucherinnen ............................................................... 21
    Big Data im Gesundheitsbereich ..................................................................................... 24
    Qualifizierte Information und Selbstbestimmung .............................................................. 36
V Literatur .......................................................................................................................... 40
VI Zentrale Studien ............................................................................................................ 47




Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Pharma 4.0: Angebote "beyond the pill".............................................. 19
Abbildung 2 AAL- und eHealth-Geschäftsmodelle .................................................. 19
Abbildung 3 Absolute Zahl an Kriterien, die Expertenforen im Bereich Qualität erfüllt
haben (n = 9) ............................................................................................................ 23
Abbildung 4 Verflechtungen Alphabet Inc. .............................................................. 34
3


                                            
                                                
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Executive Summary

Gesundheitsbezogene Entscheidungen werden heute nicht allein im traditionellen
Kernbereich der medizinischen Versorgung getroffen, sondern auch hinsichtlich der
individuellen Lebensführung und Gesundhaltung (z.B. Ernährung, Fitness und Woh-
nen). Die Zunahme von Gesundheitsleistungen, die an Marktleistungen erinnern
(IGeL, Zusatzversicherungen) verlangt Verbraucherinnen und Verbrauchern zuneh-
mend Eigenverantwortung ab. Auf sog. „Gesundheitsmärkten“1 agieren diese angeb-
lich als „Einkäufer unterschiedlicher im Angebot befindlicher Leistungen“.2 Gesund-
heitsleistungen – im weitesten Sinn – sollen demnach wie auf einem Marktplatz aus-
gehandelt werden. Dennoch gibt es einen wesentlichen Unterschied: Bei Gesundheit
sollte es in erster Linie um die Gesundheit der Bevölkerung gehen, also um ein ge-
sellschaftliches Gut, nicht um einzelwirtschaftliche ökonomische Gewinne oder ande-
re Interessen.
Unter Digitalisierung des Gesundheitsbereichs werden im wesentlichen eHealth (also
die Anwendungen elektronischer Geräte zur medizinischen Versorgung und Wahr-
nehmung anderer Aufgaben im Gesundheitswesen), mHealth (mobile eHealth-
Lösungen) und Telemedizin (den professionellen Medizinern vorbehalten3) verstan-
den.4 Die Telemedizin wird in diesem Papier nicht behandelt.
Die fortschreitende Digitalisierung erleichtert es, schnell und umfassend Informatio-
nen zu erhalten, sich untereinander oder mit Leistungsträgern (zum Beispiel Kran-
kenkassen, Ärzten, Versicherungen, Krankenhäusern) über Erkrankungen und The-
rapien auszutauschen und Ärzte, Pflege- und Reha-Einrichtungen zu bewerten. Ne-
ben diesem „ersten Markt“ des gesetzlich dicht regulierten Systems der Krankenver-
sicherungen und der Krankenversorgung ist der sich schnell entwickelnde und kaum
regulierte zweite Gesundheitsmarkt 5 von besonderer Bedeutung. Tragbare Geräte
zur Auswertung von Körperfunktionen wie Puls, Schlaf, Blutzucker, Blutdruck oder
Schrittzahl, haben mittlerweile eine neue Dimension der Selbstvermessung eröffnet.6
Ob verdeckt in der Kleidung (Wearables, Smart Clothes) oder mit sog. Fitnessarm-
bändern oder Smartwatches werden Daten über Körper und Geist gesammelt, ge-
speichert und verwertet. Bei ihrer Entwicklung fließen selten wissenschaftliche Er-
kenntnisse ein, nichtsdestotrotz besitzen sie ein großes kommerzielles Potenzial.
Während die Nutzenden mit spielerischen Anreizen animiert werden, die Technik
möglichst oft zu nutzen, arbeiten die Unternehmen an Geschäftsmodellen zur kom-
merziellen Verwertung der erfassten Daten. Der Marktführer Fitbit etwa wirbt öffent-
lich mit Angeboten für smarte, gesundheitsdatengetriebene Versicherungen und ar-
beitet bereits mit vielen Unternehmen im Rahmen betrieblicher Gesundheitspro-
gramme zusammen.

1
  Vgl. http://www.bmg.bund.de/themen/gesundheitssystem/gesundheitswirtschaft/
gesundheitswirtschaft-im-ueberblick.html [abgerufen am 08.12.2015]
2
  Etgeton (2009)
3
  Deutsche Gesellschaft für Medizinrecht, 2001). Telemedizin ist kein eigenständiges Fachgebiet, wie
etwa die Umweltmedizin oder die Arbeitsmedizin. Telemedizin kann viel mehr als die Integration der
Telematik in Gebiete der Medizin begriffen werden, wobei je nach Eigenart der Disziplin unterschiedli-
che Anwendungsfälle entstehen (Dierks, 2006).
4
  GVG, 2015.
5
  Zu den Begrifflichkeiten: Kapitel II Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlichen Entwicklungen
und Digitalisierung
6
  Vgl. E Patient Survey 2015


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Fragen zu personalisierten Angeboten, zu Informations- und Gestaltungsasymmet-
rien sowie zum „Privacy Paradox“, wie sie im Papier zum Online-Handel behandelt
werden, lassen sich auf den Gesundheitsbereich übertragen, ebenso wie die Fragen
zu Datenschutz und (IT-)Sicherheit aus der digitalen Welt der Finanzen. Andererseits
hat die Digitalisierung den Gesundheitsbereich noch bei weitem nicht so durchdrun-
gen wie z. B. den Bereich der Finanzdienstleistungen. Mögen Vorkehrungen getrof-
fen worden sein, die derzeit wenigen Daten, die auf der elektronischen Gesundheits-
karte gespeichert werden, gut zu sichern, so kann dies zum Beispiel für die durch
Wearables und Smartphones erhobenen gesundheitsbezogenen Daten nicht be-
hauptet werden.
Digitalisierung bringt nicht nur neue Chancen und Risiken, sondern auch die Chance,
die alten Probleme des Gesundheitswesens, die Verbraucher belasten, zu minimie-
ren oder gar zu lösen. Diese Probleme sind: mangelnde Patientensicherheit, Über-
behandlung und ungerechtfertigte Versorgungsunterschiede. Beispielsweise sterben
in Deutschland jedes Jahr geschätzt fast 20.000 Patienten an vermeidbaren Fehlern
in Krankenhäusern7 und Überbehandlungen könnten für die gesetzlichen Kranken-
kassen 11 bis 16 Milliarden Euro unnötige Ausgaben in 2014 bedeutet haben.8
An diesem Schnittpunkt von alten, persistenten kostspieligen Problemen für gesund-
heitsbewusste oder kranke Verbraucher und neuen, sich schnell entwickelnden
Techniken wird in der vorliegenden Stellungnahme versucht, die Chancen und Risi-
ken der Digitalisierung für Verbraucherinnen und Verbraucher zu bewerten. Für diese
Analyse werden folgende Fragen gestellt:

     •   Welche Chancen entstehen durch die Digitalisierung, die Verbraucher betref-
         fenden Kernprobleme – mangelnde Patientensicherheit, Überbehandlung und
         ungerechtfertigte Versorgungsvariabilität – des analogen Gesundheitswesens
         zu lösen?
     •   Welche Chancen und Risiken entstehen durch neue Techniken der Selbst-
         vermessung wie Wearables oder Implantate für gesunde Verbraucherinnen?
     •   Welche Chancen und Risiken ergeben sich durch die digitale Sammlung und
         Auswertung von großen Mengen gesundheitsbezogener Daten (Big Data)?
     •   Welche Chancen ergeben sich für die Verbesserung des Gesundheitswissens
         und damit für eine bessere Aufklärung der Verbraucher?

Diese Fragen stellen sich sowohl für den traditionellen Bereich der medizinischen
Versorgung aber auch für den sogenannten zweiten Gesundheitsmarkt. Aus unserer
Analyse ergeben sich folgende Antworten:

    i.   Die Digitalisierung bietet die Chance, Probleme zu lösen, welche die Gesund-
         heit der Verbraucherinnen in der analogen Welt bisher beeinträchtigt haben:
         Erstens kann die Patientensicherheit durch vernetzte Erhebung und Bereitstel-
         lung von Patienten- und Behandlungsinformationen (Gesundheitskarte) erhöht
         und Fehler vermieden werden. Hier sind jedoch Fragen des Datenschutzes
         aus Sicht der Patientinnen zu beachten. Auch eine digital etablierte Sicher-
         heitskultur mit Fehlerberichtssystemen in medizinischen Einrichtungen und di-
         gitale Pflegeplanung in der ambulanten Pflege können die Patientensicherheit

7
 AOK-Bundesverband & WidO, 2014
8
 Übertragung der Ergebnisse von Berwick & Hackbarth, 2012, für die USA auf Deutschland unter
Verwendung der Leistungsausgaben, vgl. GKV-Spitzenverband, 2015


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        stärken. Zu beachten ist hier, dass die Komplexität digitaler Systeme das Risi-
        ko für Systemstörungen erhöhen kann. Zweitens lassen sich Überdiagnosen
        und Überbehandlungen durch die Digitalisierung adressieren, indem digital
        kommunizierte wissenschaftliche Evidenz zu medizinischen Angeboten die
        Verbraucherinnen und Verbraucher transparent über deren potentielle Nutzen
        und Folgeschäden aufklärt. Damit ändert sich das Arzt-Patienten-Verhältnis:
        Ärzte müssen ggf. ihre Verordnungen und Behandlungsvorschläge den infor-
        mierten Patientinnen gegenüber rechtfertigen. Unnötigen medizinischen Leis-
        tungen kann so im Idealfall vorgebeugt werden.
  ii.   Durch neue Techniken der Selbstvermessung (Apps, Wearables) besteht das
        Potenzial für ein kontinuierliches, hochaufgelöstes Bild des Individuums, bei
        dem Überschreitungen von individuellen Grenzwerten frühzeitig, unabhängig
        von einem Arztbesuch, erkannt werden und präventiv Verhalten geändert
        werden kann. Hierbei bestehen aber Risiken, da die Messwerte nicht nur zu-
        verlässig erhoben, sondern hinsichtlich der Reichweite ihrer Aussagen auch
        verstanden werden müssen. Insbesondere müssten die Nutzenden die Häu-
        figkeit von falschen Alarmen einschätzen und zufällige Variation der Messwer-
        te verstehen können. Soweit diese Kompetenz nicht vorhanden ist, besteht die
        Gefahr von unnötiger Angst und, als Folge, einer Belastung des ersten Ge-
        sundheitssystems durch Überdiagnose und Überbehandlung. Hinzu kommt,
        dass für den Verbraucher vielfach nicht ersichtlich ist, welche gesundheitsbe-
        zogenen Daten von wem für welchen Zweck gesammelt und mit anderen Da-
        ten zusammengeführt werden.
 iii.   Die Sammlung und Auswertung gesundheitsbezogener Daten auf der Ebene
        der Big-Data-Analysen bietet das Potenzial, neue Hypothesen über medizini-
        sche Kausalzusammenhänge zu generieren, Krankheitsentwicklungen auf
        Bevölkerungsebene zu verfolgen, Betrugsfälle im System zu identifizieren
        welche auf Kosten der Verbraucherinnen gehen, aber auch individuelle Fälle
        zu charakterisieren und personalisierte Therapieoptionen vorzubereiten. Ein
        Missbrauchspotenzial der Daten besteht und ist eng mit der Frage nach Zu-
        griffsrechten und Datensicherheit verbunden.
 iv.    Die angestrebte Partizipation der Patienten verlangt Verbraucherkompeten-
        zen, die mittels der Digitalisierung im Gesundheitswesen angestrebt werden.
        Transparente Aufklärung zu konkreten medizinischen Angeboten könnte flä-
        chendeckend allgemeinverständlich und geräteunabhängig über zuverlässige
        Quellen bereitgestellt werden. Verbraucherinnen müssten allerdings zuverläs-
        sige Quellen von der Vielzahl interessengeleiteter und oft irreführender Infor-
        mationen im Netz unterscheiden können. Es besteht die Gefahr, dass digitale
        Informationen gerade diejenigen Verbraucher nicht erreichen, welche die insti-
        tutionelle Bildung ebenfalls kaum zu erreichen vermag, und dass diese damit
        langfristig benachteiligt werden.

Die Chancen der Digitalisierung können nicht verwirklicht werden, bevor zwei Vo-
raussetzungen geschaffen werden, die bisher nur teilweise erfüllt sind: transparente
und verlässliche (evidenzbasierte) Verbraucherinformation und Stärkung der Alltags-
kompetenzen der Verbraucherinnen. Dazu geben wir die folgenden Empfehlungen:




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1. Klare Kennzeichnung und Versorgung mit verlässlichen und transparenten
    Gesundheitsinformationen mittels eHealth und mHealth.
Derzeit sind viele Verbraucher ratlos, wo sie verlässliche digitale Gesundheitsinfor-
mation finden könnten. Solche Informationen existieren derzeit verstreut im Netz (z.
B. gesundheitsinformation.de vom IQWIG; igel-monitor.de), sind aber vielen Ver-
braucherinnen unbekannt und gehen in der Masse der Webseiten unter. Die Digitali-
sierung bietet die Chance, dieses Problem zu lösen. Wir empfehlen der Regierung,
ein (kleines) Institut einzurichten, das Wege findet, mit Hilfe digitaler Technologien
wie sozialer Netzwerke diese verlässlichen Quellen auch der Mehrheit der Bevölke-
rung bekannt zu machen. Dies könnte in zwei bis vier Jahren geleistet werden und
durch sogenannte „Faktenboxen“ unterstützt werden, wie sie in Sektion 3507 des
Patient Protection and Affordable Care Acts (2010) vorgesehen und in Deutschland
auf aok.de gezeigt sind. Diese Information kann durch ein Qualitätssiegel (z.B. durch
das IQWIG) gekennzeichnet werden.

2. Stärkung der Kompetenz der Verbraucher
Die Chancen der Digitalisierung werden vergeben, wenn man nicht zugleich die digi-
tale Kompetenz der Verbraucherinnen stärkt. Konsumentinnen und Konsumenten
benötigen Bildungsangebote auf verschiedenen Ebenen. Erstens sollte die Gesund-
heits-Kompetenz der Verbraucher gestärkt werden. Studien des Max-Planck-Instituts
für Bildungsforschung zeigen übereinstimmend, dass wir diese in Deutschland nicht
genügend haben und im internationalen Vergleich eher hinten liegen. Ohne deutliche
Steigerung ihrer Kompetenz sind Verbraucherinnen nicht in der Lage, nutzlose oder
gar gesundheitsschädliche Produkte von qualitätsgeprüften Angeboten zu unter-
scheiden, insbesondere im zweiten Gesundheitsmarkt. Zweitens geht es aber auch
darum, Kompetenzen zum Umgang mit eigenen und fremden Daten zu erwerben
und Handlungsroutinen zum alltäglichen Umgang mit digitalen Angeboten zu entwi-
ckeln.
Hierfür müssen für alle Verbrauchergruppen im gesamten Lebenszyklus – von der
frühkindlichen Bildung bis hin zur Erwachsenenbildung – Angebote entwickelt wer-
den. Kompetenz ist ein Schlüssel zu Selbstbestimmung. Verbraucherbildung kann
und darf aber nicht allein stehen, sondern benötigt einen Ordnungsrahmen, damit
Verbraucherinnen und Verbraucher nicht überfordert werden.

3. Datenschutz ernst nehmen
Es ist offensichtlich, dass Gesundheitsdaten höchst sensibel sind und besonders
gesichert werden sollten (Stichwort: Big Data). Der Zweck und die Kriterien von Algo-
rithmen sollten transparent gemacht werden, wenn diese für die Entscheidungsfin-
dung z. B. bei der Festlegung einer Therapie usw. genutzt werden. Nur so können
betroffene Patienten dann auch Widerspruch einlegen. Bei der Nutzung von Online-
Diensten, Wearables, Smartphones und weiteren digitalen Geräten sollten Verbrau-
cherinnen das Recht haben, zu wissen, wer personenbezogene Gesundheitsdaten
verwertet. Außerdem müssten die Privatsphäre- und Datenschutz-Einstellungen der
Endgeräte im Sinne der Verbraucher eingestellt werden können. Eine individuelle
Diskriminierung von Versicherten und Patienten mit Hilfe von „Big Data“ ist derzeit
den solidarisch organisierten gesetzlichen Krankenversicherungen verboten, und es
sollte darauf geachtet werden, dass diese Solidarität auch in der Zukunft bestehen
bleibt und nicht der Individualisierung mittels Big Data preis gegeben wird.




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I Einführung9
Hintergrund zu Entwicklungen und Herausforderungen des Gesundheitssek-
tors
„Gesundheit ist die erste Pflicht im Leben“10, schrieb Oscar Wilde 1895, und tatsäch-
lich scheint Gesundheit heute in bestimmten Kreisen eine Bürgerpflicht zu sein: Re-
gelmäßige sportliche Betätigung, Kalorien zählen, auf gesunde Ernährung achten
und auf Alkohol, Nikotin sowie andere Drogen verzichten – all das sind Verhaltens-
weisen, die gesellschaftlich bedeutsamer werden und zugleich der Gesunderhaltung
dienen sollen. Was aber Gesundheit genau ist, darüber gehen die Meinungen weit
auseinander, zumal die Bedeutung von Gesundheit einem stetigen gesellschaftlichen
Konstruktionsprozess unterliegt.11
Gesundheit – so lautet beispielsweise die Definition der Weltgesundheitsorganisation
– „ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlerge-
hens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen“.12 Dies ist wohl die
umfassendste und zugleich auch die am wenigsten konkrete Definition von Gesund-
heit. Hinzu kommt für nahezu jeden Menschen die Unerfüllbarkeit der Definition:
Wem geht es schon „vollständig“ – wie die Definition fordert – wohl?
Je nach Wissenschaftsdisziplin werden Gesundheit (und Krankheit) sehr unter-
schiedlich verstanden. Aus schulmedizinischer Perspektive wird Gesundheit z.B. „als
das ‚normale’ Funktionieren des Organismus verstanden. Abweichungen davon gel-
ten als Krankheitssymptome.“13 Diese wiederum können nur von medizinisch ausge-
bildeten Personen erkannt und behandelt werden. Aus rechtlicher Sicht kann Krank-
heit als Zustand eines Menschen definiert werden, der ihn – in Abhängigkeit von der
nationalen Gesetzgebung – vom gesunden Menschen rechtlich unterscheidet. So gilt
Krankheit in Deutschland u.a. als Unfähigkeit am Erwerbsleben teilzunehmen (zeit-
lich begrenzt oder endgültig). Bei entsprechender Rechtsgrundlage begründet
Krankheit dann einen Anspruch auf eine Leistung.14 Gesundheit kann darüber hinaus
auch aus volkswirtschaftlicher Perspektive vor allem als ein zentraler Beitrag für ein
produktives Erwerbspersonenpotenzial verstanden werden.15
In Deutschland haben die Sicherung der Gesundheit und die Absicherung des
krankheitsbedingten Armutsrisikos der Bürgerinnen und Bürger nicht nur einen öko-
nomischen, sondern vor allem einen sozialpolitischen Ursprung, und zwar in der
Bismarck’schen Sozialpolitik, die mit ihrem Solidaritätsprinzip Vorbild für andere
Staaten wurde. Diese Solidarität wird auf eine Probe gestellt, da die Ausgaben im




9
  Die Autoren danken Felix G. Rebitschek (MPI für Bildungsforschung, Berlin) für zentrale Mitarbeit bei
der Auswertung der Literatur und der redaktionellen Fertigstellung des Manuskripts.
10
   www.aphorismen.de
11
   Vgl. z. B. Briesen, D. (2010). Das gesunde Leben. Ernährung und Gesundheit seit dem 18. Jahr-
hundert, Frankfurt am Main; Hahn, D. (2010). Prinzip Selbstverantwortung? Eine Gesundheit für alle?
In: Jahrbuch für Kritische Medizin und Gesundheitswissenschaften: Verantwortung – Schuld – Sühne.
46, S. 29 – 50.; Hoefert, H.-W., C. Klotter (2011). Gesunde Lebensführung – kritische Analyse eines
populären Konzepts, Bern, Göttingen.
12
   WHO (2014) Verfassung der Weltgesundheitsorganisation. AS 1948 1015; BBl 1946 III 703
13
   Beivers, A. (2014). Was ist Gesundheit und wer soll sie erhalten? In: S. Harzog (Hg.). Betriebliche
Gesundheitsförderung. Wiesbaden, S.14
14
   Vgl. ebd.
15
   Vgl. ebd.


                                                                                                      5
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Gesundheitswesen rascher wachsen als die Finanzierungsgrundlagen.16 Dies ist in-
soweit bedeutsam, da aufgrund des demografischen Wandels nicht nur die Nachfra-
ge nach Gesundheitsdienstleistungen in besonderem Maße ansteigen wird, sondern
auch die Finanzierung demografieanfällig ist, solange alte Menschen auf Transfer-
zahlungen angewiesen sind (egal ob im Umlage- oder Kapitaldeckungsverfahren
organisiert), weil sie nicht mehr erwerbstätig sein können und wollen.17
Die zahlreichen Gesundheitsreformen der vergangenen Jahrzehnte waren vor allem
der Finanzierungsproblematik geschuldet und versuchten, den Spagat zwischen der
Sicherung einer guten Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger und der Sicherung
der Finanzierung des Gesundheitssystems zu bewältigen. Durch die Koproduktion
von Gesundheitsleistungen und gesundheitsförderlichen Lebensstilen soll eine Sen-
kung der Gesundheitsausgaben erzielt werden.18 „Individuelle Verhaltensprävention
erhält in modernen Gesundheitswesen eine deutliche Aufwertung gegenüber dem
Einfluss äußerer Lebens-, Arbeits- und Umweltbedingungen.“ 19 Bürgeraktivierung,
Koproduktion, Selbstbestimmung und Beteiligung sind in diesem Zusammenhang
Stichworte, die seit ungefähr 20 Jahren diskutiert werden.20 Mit der Digitalisierung
könnten sie eine neue sachliche Grundlage erhalten.
Mit der wachsenden Bedeutung der Prävention wird Verbrauchern zunehmend mehr
(Eigen-)Verantwortung für Gesundheitszustand und Gesundheitshandeln zuge-
schrieben. Die Deutsche Gesellschaft für bürgerorientiertes Versorgungsmanage-
ment (DGbV)21 betont beispielsweise: „In den kommenden zehn Jahren wird sich die
aktive und mitverantwortliche Einbindung der Bürger zu einer tragenden Säule des
gesundheitlichen Versorgungsmanagements“ entwickeln.“ 22 Kompetentes Gesund-
heitsverhalten gilt zunehmend als individuell zu bewältigende „doability“, darauf ver-
weist mit Bezug zu Kickbusch23 Benjamin Ewert in seiner Dissertation zum Thema
„Vom Patienten zum Konsumenten?“24. So hat sich innerhalb des letzten Jahrzehnts
auch der deutsche Gesundheitssektor zu einem – wenn auch stark regulierten –
„Markt“ mit wettbewerblichen Elementen, dem sogenannten ersten Gesundheits-

16
   Vgl. Neubauer, G. (2007). Auswirkungen der demographischen Veränderungen auf die Gesund-
heitsversorgung in Deutschland. In X. Feng, A. Popescu (Hg.). Infrastrukturprobleme bei Bevölke-
rungsrückgang. Berlin S. 233 – 251.
17
   Vgl. Kurscheid, C., Beivers, A. (2012). Vernetzte Versorgung – Modell für die Gesundheitsversor-
gung im demografischen Wandel. In W. Hellmann (Hg.). Handbuch Integrierte Versorgung, Strategien
Konzepte Praxis, 38. Aktualisierung. Heidelberg
18
   Vgl. Ewert, B. (2013). Vom Patienten zum Konsumenten? Nutzerbeteiligung und Nutzeridentitäten
im Gesundheitswesen. Wiesbaden, S. 36
19
   Ewert, B. (2013). Vom Patienten zum Konsumenten? Nutzerbeteiligung und Nutzeridentitäten im
Gesundheitswesen. Wiesbaden, S. 96
20
   Vgl. dazu u.a. Badura, B., Hart, D., Schellschmidt, H. (1999): Bürgerorientierung des Gesundheits-
wesens: Selbstbestimmung, Schutz und Beteiligung [Gutachten im Auftrag des Ministeriums für Arbeit,
Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen], Baden- Baden, Badura, B. (2004): Akti-
vierender Staat und aktive Bürgergesellschaft im deutschen Gesundheitswesen, Soz.-Präventivmed.
49, S. 152–160
21
   Die Deutsche Gesellschaft für bürgerorientiertes Versorgungsmanagement [DGbV] ist ein Zusam-
menschluss von Leistungserbringern, Verbünden, Managementgesellschaften, Verbänden, Kranken-
kassen und Industrie, vgl. Ewert, 2013, S. 96
22
   Vgl. Deutsche Gesellschaft für bürgerorientiertes Versorgungsmanagement (DGbV). Fünf Forde-
rungen.
http://dgbv-online.de/positionen/f-nf-forderungen.html
23
   Kickbusch, I. (2006). Die Gesundheitsgesellschaft. Gamburg S. 90.
24
   Ewert, B. (2013). Vom Patienten zum Konsumenten? Nutzerbeteiligung und Nutzeridentitäten im
Gesundheitswesen. Wiesbaden, S. 97


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