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Dieses Dokument ist Teil der Anfrage „Berichte im Rahmen der Ressortforschungspläne“
2 Zukunftsthemen des zweiten Horizon Scanning-Zyklus
Vulnerabilitäten sind häufig strukturell bedingt und S. 5; siehe dazu auch Europäische Kommission 2022).
können, auch durch den Einfluss weiterer massiver Beispielsweise stellen solide Staatsfinanzen eine
Krisenentwicklungen wie des Klimawandels oder re- wichtige Grundlage für Investitionen in die Erfor-
gionaler Konflikte, signifikante Behinderungen nach schung von Umwelttechnologien dar. Gleichzeitig be-
sich ziehen. wirkt der Ausbau von Umwelttechnologien langfristig
Kosteneinsparung durch die Vermeidung von Um-
Zur Stärkung der Resilienz des Wirtschaftssystems weltschäden. Zwischen 1994 und 2014 wurden durch
auf allen angesprochenen Ebenen bedarf es geeigne- den Ausbau erneuerbarer Energien in Deutschland
ter Strategien (Europäische Kommission 2021a). In Umweltschäden in Höhe von rund 11,6 Mrd. Euro
Bezug auf globale Liefer- und Wertschöpfungsketten vermieden (Kahlenborn et al. 2019, S. 10). Diese Ein-
kommen beispielsweise die stärkere Abkehr von der sparungen stabilisieren wiederum das Wirtschafts-
Globalisierung und die Rückverlagerung auf eine system und schaffen Freiräume für Investitionen.
lokale Wertschöpfung infrage (Liedtke et al. 2020).
Dies geht einher mit dem Bestreben nach Technolo- Umso wichtiger ist es, dass Umwelt- und Nachhaltig-
giesouveränität (Walz et al. 2022, S. 7 f.; Europäische keitspolitik auf der politischen Agenda bleiben. Die
Kommission 2021b), also der staatlichen Fähigkeit, Corona-Krise hat gezeigt, dass der Fokus der Um-
als kritisch erachtete Technologien selbst herstellen weltpolitik durch gesundheitliche und ökonomische
und weiterentwickeln zu können (Edler et al. 2020). Krisen in den Hintergrund rücken kann. Es besteht
Allerdings birgt die Rückverlagerung von Wertschöp- ein ständiges Risiko, dass Umwelt- und Nachhal-
fung auf die lokale Ebene wiederum Risiken, insbe- tigkeitspolitik durch andere Krisen von der Agenda
sondere länderspezifische oder lokale Abhängigkei- verdrängt werden (Fischedick und Schneidewind
ten, die nicht unbedingt die Versorgungssicherheit 2020, S. 4). Daher betont auch die aktuelle Deutsche
erhöhen. Daher sollte nicht Versorgungssicherheit im Nachhaltigkeitsstrategie an diversen Stellen, dass po-
Kern einer wirtschaftlichen Resilienzstrategie stehen, litische Maßnahmen in Reaktion auf die Corona-Krise
sondern vielmehr die wechselseitigen Abhängigkei- Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt stellen müssen und
ten zwischen verschiedenen Wirtschaftssystemen vermieden werden müsse, dass Nachhaltigkeit aus
(Rudloff 2022, S. 35). dem Blick gerät (Die Bundesregierung 2021, S. 366).
Eine lokale Wertschöpfung und kurze Transportwe- 2. Resiliente Infrastrukturen als stabilisierende
ge können zum Umweltschutz bzw. allgemein zur Elemente in Versorgungskrisen
Nachhaltigkeit beitragen, indem Emissionen einge- Resilienz spielt im Kontext von Infrastrukturen
spart und eine ökologisch und sozial nachhaltige immer dann eine besonders hervorzuhebende Rolle,
Produktion von Gütern kontrolliert werden kann wenn ebendiese zu den sogenannten „kritischen
(Energieagentur Rheinland-Pfalz GmbH 2018, S. 78). Infrastrukturen“ zählen. Hierbei bezieht sich „kri-
In diesem Sinne stärkt die Kreislaufwirtschaft die tisch“ nicht darauf, dass solche Strukturen besonders
Unabhängigkeit von Rohstoffen und reduziert glei- anfällig für Ausfälle o. Ä. sind. Vielmehr gehen Stö-
chermaßen Rohstoffabbau sowie damit verbundene rungen solcher Infrastrukturen mit weitreichenden
negative Umweltauswirkungen (Eisenriegler 2020, bis katastrophalen Folgen für Gesellschaft, Staat und/
S. 15). Materialflüsse sollten zudem regionalisiert oder Wirtschaft einher.
werden und regionale Akteure kooperativ miteinan-
der verbunden sein. Laut Liedtke et al. zeichnen sich Auf europäischer Ebene werden gegenwärtig drei
resiliente Lieferketten zwischen solchen kooperativen kritische Infrastrukturen (EKIs) identifiziert: Die
Regionalwirtschaften dadurch aus, „dass sie auch Energieversorgung sowie der Transport und die
bei plötzlich veränderten Rahmenbedingungen, etwa Verkehrsinfrastruktur. Aktuell werden die Richtlinien
durch Krisen, richtungssicher die Versorgungssicher- zum Schutz der EKIs reformiert und zukünftig sollen
heit zur Deckung von Grundbedürfnissen sicherstel- acht weitere kritische Infrastrukturen adressiert
len können“ (Liedtke et al. 2020, S. 15). werden: das Banken- und Finanzmarktsystem, die
Gesundheitsversorgung, Trinkwasser- und Abwas-
Erst eine resiliente und stabile Wirtschaft ermöglicht sernetze, digitale Infrastrukturen, die öffentliche
die Auseinandersetzung mit systemischen Krisen Verwaltung und die Raumfahrt. In Deutschland
wie dem Klimawandel (World Economic Forum 2021, werden bereits heute kritische Infrastrukturen weiter
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ausgelegt. Zu ihnen werden Informationstechnolo- Um zukünftige (kritische) Infrastrukturen mit hohem
gien, Energieversorgung, Transport und Verkehr, Digitalisierungsgrad gegen Vulnerabilität zu schüt-
Telekommunikation, Wasser- und Nahrungsmittelver- zen, sind Resilienzstrategien unumgänglich, welche
sorgung, Finanz- und Versicherungswesen sowie das die Identifikation von Risiken und Schwachstellen,
Gesundheitssystem gezählt (Rudloff 2022, S. 11 f.). die robuste und vorsorgende Systemgestaltung adres-
So verschieden die genannten Infrastruktursysteme sieren sowie Absorptions- und Adaptionsansätze um-
bezüglich ihres Anwendungskontextes sowie auch fassen. Die Messbarkeit der Resilienz von Infrastruk-
technischer Sicht sind, verbindet sie ein Megatrend, turen steht hierbei besonders im Fokus. Resilienz
welcher bereits heute wirkt und zukünftig eine immer kann auf Basis von Indikatoren bestimmt werden, die
wesentlichere, die Systeme bestimmende Rolle spie- beispielsweise die Eintrittswahrscheinlichkeit von
len wird: die Digitalisierung. Ausfallsituationen, das Alter oder den Wartungsgrad
spezifischer Infrastrukturen abbilden. Die Güte der
Neben klassischen Bedrohungsszenarien der (kriti- Indikatorik sowie die Qualität der verfügbaren Daten
schen) Infrastrukturen – hierzu gehören Naturgefah- spielen eine wesentliche Rolle bei der Resilienzbewer-
ren (infolge des Klimawandels), Rohstoffknappheit tung (Dunn, Cavelty und Prior 2013).
durch internationale Konflikte oder einfach unge-
eignete Infrastrukturen aufgrund falscher Investiti- Maßnahmen zur Anpassung bestehender bzw. Vor-
onsanreize – wird zukünftig die Verwundbarkeit der aussetzungen zukünftiger digitaler Infrastrukturen
explizit digitalen Infrastrukturen etwa durch Cy- sind vielfältig und müssen von Fall zu Fall bewertet
berangriffe eine wesentliche Rolle spielen. Sabotage werden. Eine auf verschiedene Infrastrukturen über-
und Anschläge verlagern sich, nicht erst seit gestern, tragbare Möglichkeit zur Erhöhung der Resilienz in
zunehmend in den digitalen Raum. So warnte das FBI Bezug auf Vulnerabilitäten, die in der Digitalisierung
in den USA bereits im Frühjahr 2016, dass die digi- begründet liegen, sind dezentrale Inselnetze. Sie wur-
tale Agrarinfrastruktur und insbesondere Smart Far- den als eine Kernkomponente der Ausfallsicherheit
ming-Systeme im Visier von Cyberangriffen stünden im Kontext der digitalen Landwirtschaft identifiziert
(Reuter et al. 2019). Aktuell ist die hybride Kriegsfüh- (Reuter et al. 2019). Hierbei werden „Betriebsdaten“
rung Russlands, einschließlich massiver Cyberangrif- nicht auf Cloud-Rechenzentren gespeichert, sondern
fe auf die Stromnetze der Ukraine, eines der medial auf eigenen Datenbanken hinterlegt, die notfalls
am weitesten kommunizierten Beispiele (Kolvenbach auch ohne Internetanbindung funktionieren können.
2022). Aber auch die Verkehrssysteme werden mit Der Austausch von Daten ist über Schnittstellen von
größerem Ausmaß an Digitalisierung zunehmend Rechner-zu-Rechner möglich. Hierbei sind Inselnetz-
vulnerabel (Schelewsky und Canzler 2017). fähigkeiten des Betriebes und Datenaustauschstan-
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dards, auf die sich alle Beteiligten einigen müssen, nachhaltigkeitsbezogene Aspekte erweitert und in
wesentliche Kernkomponenten. Die Systeme sind Instrumente wie die Subventionspolitik integriert.
internetfähig, können aber bei einem Ausfall weiter Der globale Nahrungsmittelanbau bewirkt u. a. den
genutzt werden. Ein wesentlicher Vorteil: Das System Anbau von Monokulturen in verschiedenen Regio-
fällt nicht aus, wenn eine große, zentrale Datenbank nen. Diese Anbauform schwächt die Agrarwirtschaft,
erfolgreich angegriffen wurde. Die dezentralen Da- da sie von der Fruchtbarkeit der Erde abhängt. Trotz
tenbanken müssen jedoch auch gegen Cyberattacken chemischer Optimierungsversuche ist die Boden-
geschützt werden. fruchtbarkeit durch eine abwechselnde Fruchtfolge
resilienter, ertragreicher und gesünder (Macholdt
Die Diskussion um resiliente Infrastrukturen und 2021, S. 13). Die Rückbesinnung auf eine regionale
Versorgungssicherheit lässt sich mit Blick auf um- und saisonale Landwirtschaft hat u. a. das Ziel, die
weltpolitische Auswirkungen und Zusammenhänge Ernährungssicherheit der Gesellschaft zu fördern
beispielhaft für die Agrarpolitik darstellen. Durch sowie die nachhaltige Landwirtschaft zu stärken. Das
den russischen Krieg gegen die Ukraine wird die Verständnis von Resilienz, das sich traditionell auf
Abhängigkeit der Gesellschaft von einzelnen Infra- die Sicherstellung der Nahrungsmittelversordnung
strukturen bzw. Systemen deutlich, wie beispielswei- fokussierte, wurde um Umwelt- und Nachhaltigkeits-
se vom Weizenanbau in der Ukraine. Eine Umstellung erwägungen erweitert, u. a. um Folgeschäden (Rud-
auf nachhaltige Infrastrukturen kann die Resilienz loff 2022, S. 20) zu vermeiden.
dieser Systeme stärken.
3. Funktionsfähige, demokratische Staatsordnungen
In der Agrarpolitik zeigt sich die Verbindung aus Re- ermöglichen die Entstehung resilienter Gesellschaften
silienz- und Umwelt- bzw. allgemein Nachhaltigkeits- Eine resiliente Gesellschaft zeichnet aus, dass sie
bezügen bereits sehr deutlich (Rudloff 2022, S. 17). eine hohe Bereitschaft zum gemeinsamen Tragen von
Der anfängliche Fokus der europäischen Agrarpo- Risiken wie die Fähigkeit zur Aushandlung und das
litik wurde mit der Zeit um umwelt- bzw. allgemein Vertrauen in die maßgeblichen Akteure besitzt; und
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zwar sowohl in informierender als auch in steuernder es keine hundertprozentige Sicherheit bzw. Gewiss-
Funktion. Für eine resiliente Gesellschaft ist daher heit gibt: „Resilienz ist ein verändertes Leitbild der
eine funktionierende, auf demokratischen Prinzipien Sicherheit, bei dem weniger die vollkommene Abwe-
basierende Staatsordnung ebenso erforderlich wie senheit von Gefahren angestrebt wird, sondern der
zivilgesellschaftliches, ehrenamtliches Engagement erfolgreiche Umgang mit Risiken im Vordergrund
und Diskurs- und Kompromissfähigkeit. steht“ (Folkers 2017, S. 11). Damit wird der Staat
gleichsam zum dynamischen Risikomanager, der
In der Covid-19-Pandemie wurde die gesellschaftliche abwägend zwischen den von sich überlagernden
Resilienz, die bereits durch die Krisenerfahrungen Krisen (Polykrise) ausgehenden Gefährdungen
der vergangenen Jahre (siehe Kapitel 2.7) stark bean- agiert. Dabei ist das Management typischerweise mit
sprucht war, vor große Herausforderungen gestellt: unterschiedlichen Risiken konfrontiert, die mitein-
Die Frage der Triage in Krankenhäusern war ebenso ander konkurrieren – aktuell etwa die energetische
ungewohnt für die Bevölkerung wie der Umgang mit Versorgungssicherheit im Wechselspiel mit Außen-
der Impfung gegen Covid-19 – von der Entwicklung und Sicherheitspolitik, dem Klimaschutz oder dem
über die Zulassung bis zur Frage einer Impfpflicht. Naturschutz. Dies führt dazu, dass die Minimierung
Dabei wurde auch deutlich, dass der Staat in diesen des einen Risikos häufig andere Risiken nach sich
Themen a.) keine alleinige und allgemein akzeptier- zieht (Reckwitz 2020).
te Deutungshoheit besitzt und b.) der fortgesetzte
„Meinungskampf“ – hier insbesondere betrieben von Es ist daher naheliegend, dass Strategien zur Stär-
„Corona-Leugner*innen“ und „Impfgegner*innen“– kung der Resilienz, wie etwa die im Juli 2022 ver-
zu einer Erosion und Delegitimierung staatlicher/ öffentlichte „Deutsche Strategie zur Stärkung der
öffentlicher Institutionen und Ämter führen kann. Resilienz gegenüber Katastrophen“ (kurz: Resilienz-
strategie; vgl. Bundesministerium des Innern und
Als Krise von globalem Ausmaß und schweren für Heimat (BMI) 2022), einen ganzheitlichen Ansatz
Auswirkungen kann die Covid-19-Pandemie als zugrunde legen. Darin wird eine gesamtgesellschaft-
Trainingsfall für die Herausforderungen beim Um- liche Perspektive eingenommen. Gleichzeitig sollen
gang mit den Ursachen und Folgen des Klimawandels alle möglichen Gefahren berücksichtigt werden. Die
angesehen werden. Resilienz im Sinne von Flexibili- Einbeziehung zivilgesellschaftlicher Vertreter*innen
tät und situativer Angepasstheit kann dabei für die (NGOs, Verbände etc.) kann vor diesem Hintergrund
Politik bedeuten, auf starre Vorgaben zu verzichten zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts
und stattdessen auch auf eine gemeinschaftlich führen, denn auch dadurch ist eine resiliente Gesell-
orientierte und mit den notwendigen Kompetenzen schaft gekennzeichnet.
ausgestattete Selbstverantwortung zu setzen – was
mit Blick auf die Durchsetzung verbindlicher Kli- Ein aus Resilienz- und Umweltsicht positiver Ne-
maziele ebenso widersprüchlich erscheinen muss beneffekt der Coronakrise war der für die Resilienz
wie die Vermeidung von transformationsbedingter typische „Build back better“-Ansatz, der über die
sozialer Ungleichheit. Dabei ist zu erwarten, dass sich Wiederherstellung der Vor-Krisen-Konstellation hin-
die Fähigkeit zur gesellschaftlichen Resilienz und ausgeht und die Krise auch als Gelegenheit begreift,
damit zur Aufrechterhaltung sozialer, inklusiver und um bisherige Entwicklungshemmnisse zu über-
demokratischer Gemeinschaften sowohl aus kollek- winden. Der Ansatz benötigt das Vertrauen in die
tiven Lern- und Kompetenzentwicklungsprozessen handelnden Akteure, aber auch das Vertrauen in die
als auch aus der Schaffung permeabler gesellschaftli- eigenen Fähigkeiten, um mit der neuen Konstellation
cher Strukturen und variabler Mechanismen speisen erfolgreich umgehen zu können (Walz et al. 2022,
wird. Insbesondere aber der Staat selbst hat in der S. 17). Dies gilt für den sowohl gesellschaftlichen als
Covid-19-Pandemie gezeigt, dass er ein handlungsfä- auch individuellen Umgang mit dem Klimawandel
higer und handlungsmächtiger Akteur ist, der in der ebenso wie etwa für die Gestaltung der Umbrüche
Lage ist, die (ökonomischen) Krisenfolgen abzumil- im Zuge der digitalen Transformation. In allen Fällen
dern. müssen die Menschen dazu befähigt werden, auf die
Krisen zu reagieren, gemeinschaftliche Antworten
Für das Sicherheitsversprechen des Staates bedeutet auf die Herausforderungen zu finden und sodann
die Betonung der Resilienz das Eingeständnis, dass auch individuell passfähig umzusetzen.
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Mit Blick auf die gesellschaftliche Resilienz ange- kungen mit den Maßnahmen und Zielen der Umwelt-
sichts des Klimawandels drücken sich seine Gestal- politik aufweist.
tungsmöglichkeiten darüber hinaus in Ansätzen wie
der „Just Transition“ (International Labour Organiza- Die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie nimmt die
tion [ILO] 2015) für den Wandel in von traditionellen Stärkung der gesellschaftlichen Resilienz in die
und fossilen Industrien geprägten Regionen oder Vision für ein nachhaltiges Deutschland auf (Die
auch in der aktuellen Diskussion um Energiearmut Bundesregierung 2021, S. 28). Auch in der Wirtschaft
(Wiggenbröker 2022) der durch den Ukraine-Krieg wird der Begriff mittlerweile im Zusammenhang mit
ausgelösten Preissteigerungen bei fossilen Rohstoffen Nachhaltigkeit häufig verwendet. Unternehmen oder
aus. Der Sozialstaat muss hierbei den Anspruch ha- Kapitalanleger beschreiben Resilienz als wichtigen
ben, Ausgleichsmechanismen, z. B. ein Klimageld für Faktor für resiliente Geschäftsmodelle oder Invest-
geringe und mittlere Einkommen, zu implementieren ments wird von Unternehmen wie Kapitalanlegern
(Felschen 2022), um den sozialen Frieden als Voraus- propagiert.
setzung einer funktions- und wandlungsfähigen und
somit resilienten Gesellschaft nicht zu gefährden. Die Nutzung des Begriffes durch diverse Akteu-
re bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass sich
Die aktuellen Krisen – darunter Naturkatastrophen, dahinter ein einheitliches Verständnis und daraus
Pandemien und Flüchtlingsströme - sind die Auswir- kohärent abgeleitete Handlungskonsequenzen bzw.
kungen menschlicher Eingriffe in die Natur, die nun Ziele ergeben (Rudloff 2022, S. 31f.). Die Frage nach
auch für die breitere Gesellschaft wahrnehmbar sind. den gemeinsamen Zielkriterien von Resilienz und
Die Handlungsnotwendigkeit wird immer deutlicher, Umweltpolitik- bzw. Nachhaltigkeitspolitik ist aber
wodurch Menschen zum Teil selbst zu Einschnitten zentral, denn sofern man Resilienz als Leitkonzept
bereit sind, um dem Klimawandel entgegenzuwirken betrachtet, bedarf es einer umfassenden systemati-
(Gellrich et al. 2021, S. 17). Gleichzeitig kann die schen normativen Ausrichtung des Konzepts sowie
Abfolge von Krisen jedoch die Verzichtbereitschaft entsprechender Operationalisierungen.
der Gesellschaft minimieren (Barchet et al. 2021,
S. 13), was wiederum langfristig gesehen die An- Dies beinhaltet u. a. eine klare Abgrenzung zu ähn-
häufung solcher Krisen zur Folge hat. Dass aktuelle lichen Ansätzen und Konzepten wie beispielsweise
Katastrophen wie die Flut in Teilen Deutschlands im dem Risikomanagement, damit das Resilienzkonzept,
Jahr 2021 mit mehr als 180 Toten nur Symptome des dass insbesondere strukturelles und systemisches
Klimawandels sind, ist in Deutschland der Mehrheit Denken sowie Interdependenzen in den Vordergrund
bewusst (RedaktionsNetzwerk Deutschland [RND] rücken (Rudloff 2022, S. 31). Ebenso umfasst es eine
2021). Die Bekämpfung des Klimawandels ist bei der offene Auseinandersetzung mit Zielkonflikten, die
Schwere der Auswirkungen jedoch nur schwer im durch den Resilienzbegriff vordergründig aufgelöst
Blick zu behalten – und so rücken aktuelle Krisen in erscheinen bzw. überlagert werden. Beispielsweise ist
der individuellen Priorität häufig vor die Klimakrise in Bezug auf regionalere Lieferketten, die aus Resili-
(Gellrich et al. 2021, S. 10). enzsicht sinnvoll erscheinen, keinesfalls gesichert,
dass diese auch aus Umweltperspektive die bessere
Fazit für Umweltpolitik und -forschung: Option sind.
Der Resilienzbegriff findet sich in einer Vielzahl um-
welt- und nachhaltigkeitspolitischer Strategien und
Diskurse wieder und bietet zahlreiche Anknüpfungs-
punkte für umwelt- und nachhaltigkeitspolitische
Handlungsfelder. Das Konzept der Resilienz ist für
das Umweltressort relevant – wie die Emerging Issues
zeigen –, da die Resilienz in vielen Handlungsfeldern
der Umweltpolitik Zusammenhänge und Wechselwir-
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2.6 Mobile Arbeit, mobile Arbeitnehmer*innen und mobile Organisationen
Trend: Digitale Technologien ermöglichen mitt-
lerweile für viele Arbeitnehmer*innen das mobile, ständnis, neue Vereinbarungen für die
ortsunabhängige Arbeiten. Im Zuge dessen verän- Zusammenarbeit von Teams, die Anpas-
dern sich Mobilitätsverhalten, Arbeitsorganisation, sung von organisationalen Prozessen
Siedlungsstrukturen und auch die Grenzen zwischen und Strukturen sowie eine Reihe indivi-
Arbeit und Privatleben. Für betroffene Unternehmen dueller Kompetenzen, damit sie nicht zu
und Organisationen ergeben sich zahlreiche Anpas- Konflikten, Ungleichgewichten bzw. zur
sungsbedarfe, etwa bzgl. der technischen Infrastruk- psychischen Erschöpfung führt.
tur oder der Büroorganisationen und -kapazitäten.
Doch auch Arbeitsbeziehungen und andere soziale ▸ Durch den Wegfall ständiger physischer
Aspekte des beruflichen Alltags werden sich verän- Anwesenheit in den Ballungsgebieten
dern. wird der ländliche Räum für Arbeitneh-
mende als Wohnort attraktiver, Cowor-
Emerging Issues: king erfreut sich zunehmender Beliebt-
▸ Standortverlagerungen durch mobiles Arbeiten heit und Workations (work & vacations)
▸ Dynamische Weiterentwicklungen der virtuellen bieten eine willkommene Abwechslung
Zusammenarbeit zur mobilen Arbeit in den eigenen vier
▸ Virtualisierung von Unternehmen Wänden. Durch den Einsatz von Aug-
mented Reality- und Virtual Reality-Tech-
nologien entstehen neue, virtuelle
In Kürze: Arbeitsumgebungen, die ortsunabhän-
gige Zusammenarbeit in immersiven,
▸ Digitale Technologien erlauben es, Büro- digitalen Räumen ermöglichen. Hybri-
und Wissensarbeit zunehmend mobil des Arbeiten wird zur neuen Norm und
und ortsunabhängig zu erledigen. Durch bringt organisatorische Veränderungen
die Covid-19-Pandemie wurden beste- wie u. a. neue Raumkonzepte, digitale
hende, Einzelentwicklungen plötzlich Tools für Zusammenarbeit sowie einen
zwangsweise in der Breite eingeführt anderen Umgang mit Dienstreisen mit
und einem Realitätscheck unterzogen. sich.
Mobiles Arbeiten bringt für Arbeit-
nehmer*innen und Arbeitgeber*innen ▸ Mobiles Arbeiten birgt verschiedene
sowohl eine Reihe von Chancen als auch Potenziale für den Umweltschutz, ein
Herausforderungen mit sich. Insbe- wichtiger Aspekt ist dabei die berufliche
sondere die potenzielle zeitliche und Mobilität. Das Arbeiten im Homeoffice
örtliche Entgrenzung der Arbeit erfor- reduziert die Emissionen des motori-
dert u. a. ein angepasstes Führungsver- sierten Pendelverkehrs. Zudem kann
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vor Ort arbeiten, was mit Einkommen und Bildungs-
die Zusammenarbeit über virtuelle niveau korreliert (Alipour et al. 2021).
Kanäle Dienstreisen ersetzen und so
verkehrsbedingte Emissionen einspa- Die deutsche Erwerbsbevölkerung wird aufgrund
ren. Bei Standortverlagerungen von des demografischen Wandels bis 2035 um rund 10 %
Arbeitnehmenden ist es aus der Umwelt- sinken (Michelsen 2020). Um das gesamtwirtschaft-
perspektive essenziell, dass dadurch liche Wachstumspotenzial weiterhin realisieren zu
nicht der motorisierte Individualverkehr können, ist es daher wichtig, mehr Menschen ein
oder gar Flugreisen wachsen und dass Erwerbsleben zu ermöglichen, die bislang nicht auf
umweltschonend und flächensparend dem Arbeitsmarkt aktiv sind – etwa, weil sie fami-
gebaut wird und Freiräume vor Zersiede- liäre Sorgearbeit leisten. Flexibleren Arbeitszeitmo-
lung geschützt werden. dellen, die eine bessere Vereinbarkeit von Familie
und Beruf ermöglichen, wird vor diesem Hintergrund
zukünftig eine größere Bedeutung zukommen und
das Homeoffice dürfte intensiver genutzt werden (Mi-
Hintergrund:
chelsen 2020). Ortsflexibel arbeiten zu können, wird
Büro- und Wissensarbeiten lassen sich mit den
ein zunehmend wichtiger Faktor für die Bewertung
fortschreitenden digitalen Möglichkeiten zuneh-
der Arbeitgeberattraktivität und den Wettbewerb um
mend ortsunabhängig und zeitlich flexibel erledigen.
qualifiziertes Personal.
Da Wissensarbeit mehr und mehr ohne physische
Medien wie Papier auskommt, wird das Büro als Ort
Herausforderungen für Arbeitnehmer*innen und
der „industriellen Wissensproduktion“ überflüssig
Arbeitgeber*innen
(Florian 2021). Mobiles Arbeiten bedeutet, die Arbeit
Umfragen ergeben, dass jeder Zweite nach dem Ende
kann von unterschiedlichen Orten erbracht werden,
der Pandemie weiterhin mobil arbeiten möchte. Die
die außerhalb der ersten Arbeitsstätte liegen (Verein-
Vorteile für Arbeitnehmer*innen liegen auf der Hand:
te Dienstleistungsgewerkschaft [ver.di] 2022). Das
Freie Arbeitseinteilung, weniger soziale Kontrolle,
kann die eigene Wohnung sein – Homeoffice/Heimar-
bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, keine
beit – oder ein anderer Standort des Unternehmens,
Anfahrt und Fahrtkosten. Aber es gibt auch Schat-
aber z. B. ebenso ein Café, ein Coworking-Space in
tenseiten: Der Wegfall von sozialen Kontakten bis hin
Wohnortnähe, eine eigens dafür ausgebaute Hütte
zur sozialen Isolation, keine spontanen Gespräche
im Garten (Garden Office) (Cogley 2020), eine gemie-
mit Kolleg*innen und das Verpassen von informellen
tete Finca in Spanien (Workation) oder ein zum Büro
Absprachen, räumliche Enge, fehlendes technisches
umgebauter Van (Vanoffice).
Equipment, Entgrenzung von Arbeit und Privatle-
ben, psychische Belastung und mögliche emotionale
Aufgrund der Covid-19-Pandemie und den damit
Erschöpfung, Mehrfachbelastung, die überwiegend
einhergehenden Ausgangssperren bzw. Abstandsre-
Frauen trifft (Hans-Böckler-Stiftung 2020; Jung 2020;
gelungen sowie Schulschließungen fanden sich viele
Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft [ver.di] 2022),
Arbeitnehmer*innen freiwillig oder notgedrungen in
ständige Erreichbarkeit bis hin zu „Zoom Fatigue“
den eigenen vier Wänden wieder. Vor der Pandemie
(Videokonferenzerschöpfung; Sklar 2020), fehlende
waren es lediglich 4 % der Beschäftigten, die über-
ergonomische Ausstattung mit potenziellen Gesund-
wiegend oder ausschließlich von zuhause arbeiteten,
heitsschäden (Sawatzki 2021) sowie die Verlagerung
im Januar 2021 waren es 24 % (Statista GmbH 2021,
von Mehrkosten für z. B. Internet, Heizung und Strom
S. 2). Laut dem ifo Institut können in Deutschland
auf Arbeitnehmer*innen. Damit einhergehend steigen
potenziell 56 % der Tätigkeiten von zuhause erledigt
auch die Anforderungen an den Wohnraum, so zum
werden. Ob ein Arbeitsplatz „homeofficefähig“ ist,
Beispiel der Wunsch nach einer größeren Wohnflä-
unterscheidet sich regional und je nach Branchen-
che und einem separaten Arbeitszimmer, sowie einer
struktur, wobei vor allem hohe Dienstleistungsanteile
schnellen Internetverbindung.
und städtische Lagen dafür günstiger geeignet sind.
Darüber hinaus zeigt sich, dass Arbeitnehmer*innen
Für die Arbeitgeber*innen ist die Ermöglichung des
im Homeoffice deutlich öfter in formal gehobenen
Mobilen Arbeitens ebenfalls mit Chancen und Risiken
Verantwortungsbereichen tätig sind als Befragte, die
verbunden. Positiv ist vor allem, dass der Bedarf
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an Büroflächen sinkt, wodurch eine Senkung der Pandemie fortgesetzt werden. Die Befragten wün-
Betriebskosten möglich ist und ggf. auch eine Um- schen sich hybrides Arbeiten, d. h. eine Kombination
nutzung geprüft werden kann, beispielsweise durch aus Präsenzzeit im Büro und mobiler Arbeit. Zudem
Umwandlung von Büroflächen in Wohnraum. Her- zeigt die Studie bei denjenigen, die wieder in voll-
ausfordernd wiederum kann die u. U. doppelt erfor- ständiger Präsenz arbeiten, einen Produktivitätsrück-
derliche Bereitstellung der Infrastruktur wie Rechner, gang von 12 % und einen Anstieg in der gefühlten,
Software, Telefon, Büromöbel etc. sein sowie die Ge- psychischen Belastung gegenüber denjenigen, die
währleistung des Datenschutzes (Franzka 2021) und weiter mobil arbeiten (Kunze 2021).
der IT-Sicherheit. Auch arbeitsrechtlich, insbesondere
hinsichtlich Arbeitsschutz und -sicherheit, gibt es Die zeitliche und räumliche Flexibilisierung, die
Herausforderungen, etwa die Durchführung einer mobiles Arbeiten ermöglicht, birgt viele Freiheiten,
Gefährdungsbeurteilung oder die Bereitstellung eines bringt jedoch auch neue Anforderungen an Arbeit-
ergonomisch gestalteten Arbeitsplatzes zur Gesund- nehmer*innen, Teams und Führungskräfte mit sich.
heitssicherung (Bergmann 2020). Letztlich bestehen Das sogenannte „Work-Life-Blending“ meint dabei die
auch Herausforderungen, die mit der Arbeitsqualität komplette Verschmelzung von Arbeits- und Privatle-
zusammenhängen. Die Erzeugung einer Unterneh- ben. Die Kehrseite der Singularisierung und Subjekti-
menskultur, die Sicherstellung hybrider Kommunika- vierung von Arbeit, d. h. der gesteigerten Bedeutung
tions- und Austauschformate, die Koordination einer des Individuums in der Arbeitswelt, besteht darin,
hybrid arbeitenden Belegschaft sowie die Sicherstel- dass die ehemals äußere Kontrolle – z. B. durch sozia-
lung von Zusammenhalt und die Unterstützung von le Kontexte wie Büros und kollektive Auszeiten – sich
Kreativität – all diese Aspekte hängen nicht nur von zunehmend in die Verantwortung des Individuums
technischen Unterstützungssystemen wie geeigne- verlagert. Selbstdisziplinierung und Zeitmanagement
ten Videokonferenzsystemen oder zukünftig mögli- werden so zu Kernkompetenzen. Die moderne Idee
cherweise auch VR-Anwendungen ab, sondern auch der strikten Trennung von Arbeit/Freizeit, Öffentlich-
an der aktiven Gestaltung der Arbeitsbedingungen keit/Privatheit und Arbeiten/Wohnen ist in Auflö-
durch systematische Auseinandersetzung mit den sung begriffen. Die Balance zwischen verschiedenen
genannten Herausforderungen (Haas 2022). Sphären muss immer wieder ausgehandelt und durch
aktive Abgrenzung bewusst hergestellt werden.
Work-Life-Blending: Die zeitliche und örtliche Ent-
grenzung erfordert neue Kompetenzen, damit sie nicht Emerging Issues:
zur psychischen Erschöpfung führt Der aktuelle und durch die Covid-19-Pandemie
Laut Konstanzer Homeoffice-Studie wird mobiles verstärkte Diskurs zur Zukunft der (mobilen) Arbeit
Arbeiten auch nach Ende der Pandemie mit hoher ist facettenreich, die Entwicklung nach dem Ende der
Wahrscheinlichkeit deutlich öfter als noch vor der Pandemie offen. Dennoch dürften Standortverlage-
rungen durch mobiles Arbeiten künftig ebenso eine
Rolle spielen wie die Etablierung neuer Formen der
virtuellen Zusammenarbeit oder organisatorische
Veränderungen.
1. Standortverlagerungen durch mobiles Arbeiten
Wenn der Einsatz der Arbeitskraft durch digitale
Technologien keine ständige, physische Anwesen-
heit in städtischen Ballungsgebieten mehr erfordert,
eröffnen sich für Arbeitsnehmer*innen neue Möglich-
keiten der Wohnortwahl. Bislang hat der industrielle
Strukturwandel hin zu wissensintensiveren Dienst-
leistungen vor allem Städte und das gut angebundene
Umland – den „Speckgürtel“ – attraktiv gemacht
(Wiedemann 2020). Durch mobiles Arbeiten rücken
ländliche Räume wieder zunehmend in den Fokus.
44 % der Deutschen wünschen sich ein Leben auf
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dem Land, 39 % bevorzugen eine kleinere Stadt und
16 % favorisieren die Großstadt als Wohnort. Derzeit
leben 31 % der Deutschen in Großstädten mit mehr
als 100.000 Einwohner*innen (ZDF-Presseportal
2018). Seit dem Frühjahr 2020 steigen die Suchanfra-
gen nach Eigenheimen im Umland von Großstädten
auf Immobilienplattformen erheblich an (Michelsen
2020).
Betrachtet man die innerdeutschen Wanderungsbe-
wegungen, zeigt sich ein Überschwappeffekt: Die
Kapazitäten der Großstädte sind vielerorts erschöpft
und das Umland der zehn größten Städte zieht konti-
nuierlich Menschen an. Doch nicht nur in der klassi-
schen „Speckgürteln“ der großen Städte sind Zuwan-
derungsbewegungen zu verzeichnen. Mittlerweile ist
ebenso die Rede von „urbanen Dörfern“ oder „Speck- Arbeitgeber (gemeinsame) Workations, z. B., um das
würfeln“. Das sind Orte, die ähnlich wie „Speckgür- Teamgefühl in digitalen Zeiten zu fördern oder die
tel“ neue Bewohner*innen aus den Metropolen an- Firmenkultur erlebbar zu machen (Gode 2021).
ziehen. Engagierte Kommunen erkennen die Chance
für die Wiederbelebung strukturschwacher Regionen Mobiles Arbeiten ist auch aus der Perspektive des Um-
und setzen sich gezielt dafür ein, ihren Standort für weltschutzes interessant. Ein besonderes Augenmerk
ein urbanes, mobil arbeitendes Milieu attraktiv zu liegt dabei auf der Frage, wie der Weg zur Arbeit nor-
machen. Dabei sind (1) eine sehr gut funktionieren- malerweise zurückgelegt wird und wie viele Emissi-
de digitale Infrastruktur, (2) eine gut ausgebaute onen eingespart werden, wenn die Arbeit stattdessen
Verkehrsinfrastruktur sowie (3) ein Grundgerüst an im Homeoffice erbracht wird. Arbeiten mehr Men-
Wissensinfrastruktur – d. h. Kitas und Schulen im schen im Homeoffice, reduzieren sich auch die Emis-
Ort, Hochschulen in erreichbarer Nähe – ausschlag- sionen, die beim Pendeln mit dem Auto entstehen.
gebend für die Attraktivität einer Kommune für mobil Eine konservative Schätzung geht von Emissionsein-
Arbeitende (Wiedemann 2020). sparungen von 1,6 Millionen Tonnen CO2e (CO2-Äqui-
valente) pro Jahr aus, sofern 25 % der Arbeitnehmen-
Darüber hinaus ist Coworking mittlerweile nicht nur den an einem Tag in der Woche zuhause arbeiten und
in den Großstädten ein Begriff, sondern wird mit dadurch rund 10,9 Milliarden Personenkilometer ein-
einem bunten Angebot auch in ländlichen Räumen sparen. Ein großzügigeres Szenario rechnet sogar mit
im In- und Ausland praktiziert: seien es neue Co- Einsparungen von 5,4 Millionen Tonnen CO2e, wenn
working-Spaces, die sich an beliebten Pendlerrouten 40 % der Arbeitnehmenden an zwei Tagen in der Wo-
etablieren, in kleinstädtischen Ladenlokalen, in che telearbeiten und so 35,9 Milliarden Personenkilo-
beliebten Urlaubsregionen oder auf dem Bauernhof meter entfallen (Büttner und Breitkreuz 2020). Es gilt
am Dorfrand (Schmied 2020). jedoch auch die Emissionen, die im Büro entstehen,
zu berücksichtigen und die zusätzlichen häuslichen
Fast die Hälfte der Deutschen, die im Homeoffice Emissionen gegenzurechnen. Prinzipiell überwiegen
arbeiten, würden ab und zu gern von einem anderen die vermiedenen Emissionen des Arbeitsweges und
Ort aus arbeiten (Hirth 2020). Das Phänomen, seine des Bürobetriebs jedoch die zusätzlichen häuslichen
Arbeit mobil von einem Urlaubsort aus zu erledigen, Emissionen (Acerini et al. 2021). Allerdings ist dies
wird auch „Workation“ genannt – eine Wortneu- stark abhängig von der Saison. Gerade im Winter ist
schöpfung aus den englischen Begriffen „Work“ es in Deutschland effizienter, im Büro zu arbeiten,
(Arbeit) und „Vacation“ (Urlaub). Anders als „digitale wenn der Wärmeverbrauch am höchsten ist und die-
Nomaden“, die ihren Arbeitsort dauerhaft flexibel ser typischerweise von Heizöl und Gas bedient wird
wählen, geht es bei der Workation um eine temporäre (Acerini et al. 2021).
Abwechslung. Da mobiles Arbeiten zunehmend eine
Rolle im Employer Branding spielt, finanzieren auch
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2 Zukunftsthemen des zweiten Horizon Scanning-Zyklus
Bei einer zunehmenden Standortverlagerung von eine immersive Umgebung, in der kollaborative
Arbeitnehmenden in ländliche Regionen gilt es zu Zusammenarbeit mittels verschiedener Werkzeuge
beachten, inwiefern dies potenziell die Umweltwir- ermöglicht wird, wie u. a. Mixed-Reality (MR)-Tische,
kung beeinflusst, wenn der öffentliche Nahverkehr Tracking von Keyboards und Händen, Bildschir-
in diesen Regionen nicht gut ausgebaut ist. In Folge mübertragung und virtuelle Avatare (Oculus-Blog
wird sowohl für Freizeit- als auch für Arbeitswege 2021). Dabei könnten MR-Umgebungen noch allge-
vermehrt das Auto genutzt. Selbst unter der Annah- genwärtiger werden und nicht nur auf das Berufs-
me, dass sich das Modell des hybriden Arbeitens leben beschränkt sein. Mit der Umfirmierung des
durchsetzt und die Arbeit nicht ausschließlich mobil Unternehmens Facebook unter neuem Namen „Meta“
erfolgt, muss weiterhin ein Teil der Arbeitszeit im geht die Ankündigung einher, ein sogenanntes Meta-
Büro in der Innenstadt erbracht werden, was zu versum entwickeln zu wollen, in dem Nutzer*innen
einem erhöhten Pendelverkehr führen kann. Zentral mit Nutzung von VR- und AR-Technologien immersive
ist hierbei, mit welchem Verkehrsmittel der Weg zur Umgebungen besuchen können. Der Meta-Konzern
Arbeit zurückgelegt wird und ob Alternativen zum sieht MR-Umgebungen sogar als nächste Generation
Auto existieren, sodass verkehrsbedingte Emissionen des Internets an (Blug 2021; Heckel 2021). Noch gibt
reduziert werden können. Ländliche Coworking-Spa- es Hürden bei der Diffusion von VR-Technologien, da
ces oder Satellite Offices bieten hier das Potenzial, vor allem VR-Brillen bisher keine dauerhafte Nutzung
Pendelverkehr zu reduzieren, denn so haben die ermöglichen. Hinsichtlich des Tragekomforts und
Arbeitnehmenden zumindest einen kürzeren Arbeits- weiterer, auch technischer Aspekte, sind hier noch
weg und müssen nicht in das städtische Büro fahren Entwicklungsschritte zu gehen, ehe eine breite Nut-
(Bähr et al. 2020). Ein weiterer wichtiger Aspekt im zung erwartet werden kann.
Zusammenhang mit der Standortverlagerung von Ar-
beitnehmenden ins Umland ist die Flächennutzung, Erfolgt die Zusammenarbeit zwischen Arbeitneh-
denn die Zunahme der Siedlung- und Verkehrsflä- mer*innen zunehmend virtuell anstatt analog im
che geht häufig zulasten von landwirtschaftlichen Büro, steigt das Datenvolumen von Anwendungen
Flächen, die wichtige Boden- und Lebensraumfunkti- für Videokonferenzen, aber auch der erwähnten VR-
onen innehaben (Bundesministerium für Ernährung und AR-Technologien. In Deutschland stieg 2020,
und Landwirtschaft [BMEL] 2020). während der Covid-19-Pandemie, das festnetzbasierte
Internet-Datenvolumen für private wie berufliche
2. Dynamische Weiterentwicklungen der virtuellen Zwecke auf 76 Milliarden Gigabyte und war damit 16
Zusammenarbeit Milliarden Gigabyte höher als im Jahr 2019 (Bundes-
Schon heute gibt es Angebote, die ein hybrides Ar- netzagentur 2020). Durch neue Technologien und
beiten ermöglichen. Neben Tools für die (Gruppen-) Kühlungsmethoden werden Rechenzentren, und
Kommunikation wie Videokonferenzen gibt es eine somit auch der Energieverbrauch pro übertragenem
Reihe an Tools für die digitale Zusammenarbeit, Gigabyte, zwar immer effizienter, gleichzeitig steigt
z. B. Cloud-Speicher für Dokumente und Daten, aber der Bedarf und die Nachfrage nach Rechen-
Cloud-Software, Wiki-Systeme oder Online-White- kapazitäten an (Masanet et al. 2020). Die Menge an
boards. Diese können einen leichteren Austausch jährlich erzeugten, erfassten und replizierten Daten
zwischen hybrid arbeitenden Menschen ermöglichen könnte von 64,2 Zettabyte18 im Jahr 2020 auf 181 Zet-
(Grzegorczyk et al. 2021). tabyte bis 2025 anwachsen (Tenzer 2022) – das wäre
fast eine Verdreifachung in nur fünf Jahren. Ideen wie
Zukünftig könnte der Nutzung von Virtual Reality das Metaversum sind ein gutes Beispiel dafür, wie
(VR)- und Augmented Reality (AR)-Technologien eine immersiv und umfassend, und damit auch datenin-
besondere Bedeutung zukommen. Die ursprünglich tensiv, das virtuelle Zusammenleben und -arbeiten
aus der Computerspieleindustrie getriebene Entwick- aussehen kann. Wie lange die Effizienzsteigerungen
lung hat mittlerweile auch Einzug in das Berufsleben noch den Zuwachs an Datenvolumen in Bezug auf
gefunden (Jetzke et al. 2020, S. 24 ff.). So gibt es den Energieverbrauch ausgleichen können, ist jedoch
beispielsweise den Horizon Workroom von Oculus, umstritten (Freitag et al. 2021). Die CO2-Intensität
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