20200902unterrichtungdrs7-6547bericht

Dieses Dokument ist Teil der Anfrage „Sonderbericht im Fall Oury Jalloh

/ 305
PDF herunterladen
Landtag Sachsen-Anhalt




                              Bericht

     der vom Ausschuss für Recht, Verfassung und Gleichstellung
             des Landtags Sachsen-Anhalt beauftragten




                              Berater

                              Rechtsanwalt
                             Jerzy Montag
                          MdB von 2002 – 2013
nichtberufsrichterlicher Richter am Bayerischen Verfassungsgerichtshof

                                 und

                         Manfred Nötzel
                Generalstaatsanwalt in München i. R.




                    Magdeburg, den 26.08.2020




                                                                         1
3

Vorbemerkung




Am 07.01.2005 ist ein Mensch im polizeilichen Gewahrsam des Polizeireviers Dessau
unter tragischen Umständen zu Tode gekommen. Er hieß Ouri Jallow, stammte aus
Guinea oder Sierra Leone und lebte 6 Jahre, zuletzt geduldet, in Sachsen-Anhalt.

Er war kein besonders gesetzestreuer Mensch und hatte bereits mehrfach gegen
Strafgesetze verstoßen. Er konsumierte und handelte mit illegalen Drogen und war
bereits mehrfach im polizeilichen Gewahrsam und in Untersuchungshaft eingesessen.
Immer wieder, auch an seinem Todestag, war Ouri Jallow erheblich alkoholisiert.

Das alles nimmt der Tragik, dass er im staatlichen Gewahrsam und im Feuer sterben
musste nichts von ihrer Wucht. Denn den staatlichen Organen des Landes Sachsen-
Anhalt ist es nicht gelungen, Ouri Jallow vor dem Feuer in der Gewahrsamszelle, in
der er starb, zu schützen. Seit nunmehr 15 Jahren scheint der Tod Ouri Jallows,
wenn auch juristisch, so doch nicht gesellschaftlich aufgearbeitet. Denn Ouri Jallow
war, obwohl er kein Staatsbürger war und keinen legalen Aufenthaltsstatus besaß,
wie jeder Mensch Träger von Grundrechten, die zu schützen die staatlichen Organe
des Landes Sachsen-Anhalt nicht vermochten.

Ministerin für Justiz und Gleichstellung Keding sagte hierzu in der Plenumsdebatte
vom 29.09.2017:


      „Ein Mensch wurde in Gewahrsam genommen und kam in der Obhut der
      Polizei ums Leben. Stirbt ein Mensch im Zusammenhang mit Feuer, noch dazu
      in einem öffentlichen Gebäude, so ist die Aufklärung der Ursachen besonders
      wichtig. Denn es gilt dann nicht nur bestehende persönliche Verantwortlich-
      keiten aufzuklären, sondern auch mögliche technische Ursachen zu ermitteln,
      um weitere Personen in gleicher Lage zukünftig vor einem ähnlich grausamen
      Schicksal zu bewahren“.


                                                                                       2
4

Der frühere Ministerpräsident Prof. Dr. Böhmer erklärte am 11.12.2008 im Landtag
von Sachsen-Anhalt:

      „Der nicht natürliche Tod einer im staatlichen Gewahrsam befindlichen Person
      hat uns nachhaltig betroffen gemacht. Der Vorgang beschämt uns alle.

      Die Landesregierung kann das Unverständnis der Angehörigen und Freunde
      des Verstorbenen über die noch nicht endgültig aufgeklärten Vorgänge nach-
      vollziehen.

      Der Vorgang und seine öffentliche Diskussion belasten uns alle in Sachsen-An-
      halt. Deshalb sind wir gemeinsam daran interessiert, diesen Vorgang
      vollständig aufzuklären. Unabhängig von dem in Rede stehenden Ereignis sieht
      die Landesregierung in der Stärkung der interkulturellen Kompetenz innerhalb
      der Polizei sowie innerhalb unserer Gesellschaft und damit auch im Abbau von
      Fremdenfeindlichkeit eine fortbestehende Aufgabe und Verpflichtung“.




Nachdem nunmehr die Justiz des Landes Sachsen-Anhalt den Todesfall Ouri Jallow
abgeschlossen hat, beschloss der Ausschuss für Recht, Verfassung und Gleichstellung
des Landtags von Sachsen-Anhalt sämtliche Akten zu diesem Fall von neutralen und
sachkundigen Beratern nochmals überprüfen zu lassen.

Der vorliegende Bericht ist das Ergebnis dieser Untersuchung.




                                                                                   3
5

Inhaltsverzeichnis


A. Beauftragung und Arbeitsweise der Berater                        12


   I. Vorbefassung in parlamentarischen Gremien und Beauf-
       tragung der Berater                                          12


   II. Rechtliche Grundlagen für die beauftragten Berater -
      Werkvertrag                                                   14


   III. Verlauf der Begutachtung                                    15


      1. Erste Vorgespräche                                         15
      2. Wissenschaftlicher Mitarbeiter                             15
      3. Ansprechpartner in den Ministerien                         15
      4. Verpflichtung zur Verschwiegenheit                         15
      5. Technische Ausstattung und Zusammenarbeit mit den
          Landtagsmitarbeiterinnen und Mitarbeitern                 16
      6. Arbeitsräume im Landtag                                    16
      7. Gespräche                                                  16
      8. Besichtigungen                                             16
      9. Akten                                                      18
          a) Vorbemerkung                                           18
          b) Akten der Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau             19
          c) Akten der Staatsanwaltschaft Magdeburg                 21
          d) Akten der Generalstaatsanwaltschaft Naumburg           22
          e) Akten der Staatsanwaltschaft Halle                     21
          f) Akten des Ministeriums für Justiz und Gleichstellung   22
      10. Asservate                                                 23
          a) Asservate bei den Akten                                23
          b) Bei der GenStA Naumburg lagernde Asservate             24
      11. Hinweise zum Bericht                                      24



                                                                         4
6

B. Feststellungen der Berater und Einzelbewertungen               26


   I. Begutachtung der Akten, Informationen und parlamen-
       tarischen Vorgänge zum Tod von Ouri Jallow am
       07.01.2005 im Polizeigewahrsam des PRev Dessau             26


       1. Zur Person Ouri Jallow                                  26
          a) Personalien                                          26
          b) Meldeadressen                                        27
          c) Altersbestimmung                                     30
          d) Duldungen                                            31
          e) Strafrechtliche Ermittlungen und Verurteilungen      33
          f) Ingewahrsamnahmen                                    34
          g) Erkennungsdienstliche Behandlungen                   35


       2. Das Geschehen am 07.01.2005                             35
          a) Polizeiliches Einschreiten gegen Ouri Jallow         35
          b) Ingewahrsamnahme zur Identitätsfeststellung          43
          c) Gewahrsamsfähigkeit und Fixierung                    54
          d) Anordnung und Durchführung der Blutentnahme          67
          e) Tod von Ouri Jallow                                  69


       3. Äußerungen von Polizeibeamten zum Tod Ouri Jallows
          und ihre Bewertung durch die Berater                    80
          a) Telefonat zwischen Dipl. Med. B2. und DGL Schubert   80
          b) Telefonat zwischen PHM W4. und POMin H3.             81
          c) Bewertung der Telefonate durch PPräs‘in
             Scherber-Schmidt                                     83
          d) Vernehmungen der Polizeibeamten des PRev Dessau
             am 07.01.2005                                        84
          e) Äußerungen auf der Führungskräftebesprechung
             am 10.02.2005                                        85




                                                                       5
7

4. Versäumnisse im PRev Dessau, bei vorgesetzten
   Stellen und der Justiz - Missachtung geltenden Rechts    87
   a) Fehlende Konsequenzen aus dem Fall Bichtemann         87
   b) Bauliche Zustände im PRev Dessau                      89
   c) Fehlender Brandschutz                                 90
   d) Unkenntnis gesetzlicher Vorschriften                  91
   e) Gewahrsam ohne richterliche Anordnung                 92
   f) Verhalten der Justiz                                  93
   g) Bewertung durch das LG Magdeburg                      94


5. Reaktionen der Landesregierung und nachgeordneter
   Behörden                                                 95
   a) Aktivitäten der Landesregierung nach dem Tod
       Ouri Jallows                                         95
   b) Ergebnisse der Arbeitsgruppe Gewahrsam               100
   c) Fachhochschule LSA                                   105


6. Justizielle Aufarbeitung                                111
   a) Der Verfahrensgang der Hauptverfahren                111
   b) Die Nebenverfahren                                   123



7. Vergleich der einschlägigen gesetzlichen Regelungen
   für polizeiliche Maßnahmen und Gewahrsamseinrich-
   tungen in Sachsen-Anhalt                                130
   a) SOG LSA                                              130
   b) AB SOG LSA                                           134
   c) Polizeigewahrsamsordnung                             134
   d) Richtlinien für den Bau und die Einrichtung von
       Polizeigewahrsamen NRW                              136




                                                                 6
8

C. Beantwortung der Fragen des REV                                    137


   I. Gibt es aus Sicht der Berater noch offene Ermittlungsansätze?   137
      1. Vorbemerkung                                                 137
      2. Bisherige Kritik an den Ermittlungen                         140
      3. Einzelne Ermittlungen                                        147
      4. Bewertung durch die Berater                                  153


   II. Wurden die zuständigen Ermittlungsbehörden bei der Auf-
       klärung unzulässig beeinflusst?                                153
      1. Gesetzliche Grundlagen des Weisungsrechts                    153
      2. Sonstige Einflüsse                                           154
      3. Feststellungen und Bewertung der Berater                     155
          a) Erklärung von Herrn Isensee im INN am
             01.06.2005                                               155
          b) Übertragung der Ermittlungen an die
             Staatsanwaltschaft Halle                                 156
          c) Bitte von StS Böning um ein Gespräch zur
             strategischen Ausrichtung der Ermittlungen               156
          d) Übertragung der Ermittlungen an die
             Generalstaatsanwaltschaft Naumburg                       161
          e) Keine weiteren Einflussnahmen                            162


   III. Gibt es Unstimmigkeiten oder Widersprüche im Betreiben
       der jeweiligen Ermittlungsverfahren?                           163
       1. Vorbemerkungen                                              163

       2. Änderung der rechtlichen Bewertung durch die StA
          Dessau-Roßlau                                               164

       3. Abweichende Anträge in der Hauptverhandlung vor
          dem LG Dessau-Roßlau                                        164




                                                                            7
9

4. Erneut abweichende Rechtsauffassung in der
         Hauptverhandlung vor dem LG Magdeburg                   166

      5. Die zweite Revision der StA Dessau-Roßlau               168

      6. Die Sachbehandlung nach dem Urteil des LG
         Magdeburg                                               168

      7. Die Eintragung als UJs-Sache                            170

      8. Die Sachbehandlung der Strafanzeige der IOJ             171

      9. Doppeleinleitung von Verfahren und Aktenführung         171

      10. Der Versuch der Abgabe an den GBA                      175

      11. Die Rückgabe an die StA Dessau-Roßlau                  176

      12. Die Bearbeitung durch die StA Halle                    176

      13. Sachbehandlung durch die GenStA Naumburg               178

      14. Bewertung durch die Berater                            179


IV.    Wurden Erkenntnisse aus Gerichtsverfahren im Rahmen
       der Ermittlungen in ausreichender Weise berücksichtigt?   180
       1. Vorbemerkung                                           180
       2. Äußerungen des Vorsitzenden Steinhoff                  182
       3. Urteilsfeststellungen zur Brandursache                 182
       4. Weitere Feststellungen des LG Dessau-Roßlau            184
       5. Feststellungen des LG Magdeburg                        184
       6. Erkenntnisse aus der Hauptverhandlung vor dem LG
          Magdeburg                                              188
       7. Berücksichtigung gerichtlicher Erkenntnisse durch
          andere Staatsanwaltschaften                            189
       8. Bewertung durch die Berater                            189




                                                                       8
10

V.    War die Abgabe des Verfahrens von der Staatsanwaltschaft
      Dessau an die Staatsanwaltschaft Halle im Mai 2017 aus
      rechtlicher und fachlicher Sicht nachvollziehbar?          190
      1.   Vorbemerkung                                          190
      2.   Abgabe und Übertragung                                190
      3.   Weisungsrecht                                         191
      4.   Fehlerhafte Berichterstattung                         192
      5.   Strafanzeige der Initiative zum Gedenken an Oury
           Jalloh und deren Bewertung durch den GBA              193
      6.   Ermittlungen der StA Dessau-Roßlau nach dem Urteil
           des LG Magdeburg                                      194
      7.   Einleitung neuer Ermittlungsverfahren 2017 und
           versuchte Abgabe an den GBA                           194
      8.   Übertragung der Ermittlungen an die StA Halle         196
      9.   Gründe für die Übertragung                            197
      10. Entscheidung nach § 145 GVG vom 19.05.2017             199
      11. Ergebnisoffene Prüfung durch die StA Halle             200
      12. Bewertung durch die Berater                            201


VI.   Lässt sich insbesondere die Einstellung des Verfahrens
      durch die Staatsanwaltschaft Halle vom 12.10.2017
      unter Berücksichtigung des Vermerks des OStA Folker
      Bittmann vom 04.04.2017 aus rechtlicher und fach-
      licher Sicht nachvollziehen?                               201
      1. Sachverhalt                                             201
      2. Verfahrensbearbeitung durch die StA Halle               202
      3. Prüfung durch die GenStA und das OLG                    206
      4. LOStA Bittmanns Ausführungen                            206
      5. Bewertung durch die Berater                             208




                                                                       9
11

VII. Sind die potenziellen Beweismittel/Asservate zu jeder
     Zeit sachgerecht erfasst, gesichert gelagert und gegen
     unbefugte Einflussnahme gesichert worden? Wurde die
     Übergabe von potenziellen Beweismitteln/Asservaten an
     andere Behörden jeweils ausreichend dokumentiert?          209
     1. Vorbemerkung                                            209
     2. Asservate                                               210
        a) Asservatengruppen                                    210
        b) Die Gegenstände in der Gewahrsamszelle               211
        c) Asservate von der Leiche                             212
        d) Ouri Jallows Habe                                    212
        e) Sonstige Asservate aus dem PRev Dessau               214
        f) Asservate und Beweismittel bei der Gerichtsmedizin   215
        g) Medienasservate                                      219
        h) Sonstige Asservate                                   221
        i)   Ausgewählte Asservate und Beweismittel             222
     3. Bewertung durch die Berater                             242


VIII. Wurde der Landtag von Sachsen-Anhalt über den Stand
     der Ermittlungen stets wahrheitsgemäß und vollständig
     informiert?                                                242
     1. Zusammenstellung der Berichte                           242
     2. Unterrichtung durch Herrn Martell - Innenministerium    244
         a) Unterrichtung des INN am 02.02.2005                 244
         b) Unterrichtung des REV am 16.02.2005                 246
         c) Bewertung der Berater                               252
     3. Unterrichtung durch Ministerin Keding                   253
         a) Einstellung der Ermittlungen durch die Staatsan-
              waltschaft Halle                                  253
         b) Anfrage KA 7/1054 und Beantwortung durch die
              Landesregierung am 21.09.2017                     254

                                                                      10
12

Zur nächsten Seite