zmsbwfb133bevlkerungsumfrage2022
Dieses Dokument ist Teil der Anfrage „Verteidigung“
15 Öffentliche Wahrnehmung der Bundeswehr
Die Bürgerinnen und Bürger nehmen die Bundeswehr Die Wahrnehmung der Bundeswehr fällt bei per-
bei verschiedenen Gelegenheiten wahr – persönlich sönlichen Begegnungen sehr viel positiver aus als
wie medial. Die Befragten nehmen die Bundeswehr bei medialen Berichten. Allerdings kommen die
deutlich öfter in den Medien wahr als bei Gelegenhei- Bürgerinnen und Bürger auf diesen Wegen am sel-
ten, die einen persönlichen Kontakt ermöglichen. tensten mit der Bundeswehr in Kontakt. Umgekehrt
Im Vergleich zum Vorjahr hat die Bevölkerung die heißt das: Die Bundeswehr wird über die Medien zwar
Bundeswehr ähnlich häufig wahrgenommen (vgl. häufiger, aber nicht ganz so positiv wahrgenommen
Abbildung 18). Einzig in Gesprächen im sozialen wie bei persönlichen Begegnungen.
Umfeld der Befragten wird die Bundeswehr häufiger Mit der allmählichen Aufhebung der pandemiebe-
wahrgenommen als im Vorjahr (+8 Prozentpunkte). dingten Restriktionen können öffentliche Veranstal-
Der persönliche Eindruck von der Bundeswehr hat tungen der Bundeswehr, wie z.B. der Tag der Bundes-
sich im Vergleich zum Jahr 2021 insgesamt leicht ver- wehr, wieder als Präsenzveranstaltungen stattfinden
bessert; am stärksten beim Bahnfahren (+14 Prozent- und wertvolle Gelegenheiten für einen persönlichen
punkte) und bei Tagen der offenen Tür (+12 Prozent- Kontakt zwischen der Bevölkerung und den Soldatin-
punkte). Obwohl nur ein geringer Teil der Bevölkerung nen und Soldaten schaffen. Auch das Tragen der Uni-
die Bundeswehr bei Übungen und Hilfeleistungen form im öffentlichen Raum (z.B. beim Bahnfahren)
wahrgenommen hat (8 Prozent; +2 Prozentpunkte), kann zu einer positiven Wahrnehmung in der Bevöl-
war der persönliche Eindruck bei diesen Gelegenhei- kerung beitragen.
ten insgesamt am positivsten (91 Prozent; +3 Prozent-
punkte).
Abbildung 18: Öffentliche Wahrnehmung der Bundeswehr
„Haben Sie die Bundeswehr in den letzten 12 Monaten bei den folgenden Gelegenheiten
wahrgenommen? Und wie war bei diesen Gelegenheiten Ihr persönlicher Eindruck von der
Bundeswehr?“
(Angaben in Prozent, n = 2.741) Veränderung
zu 2021
-2 64
11
Bei Sendungen im Fernsehen
0 59
+1 44
10
Bei Berichten in Zeitungen und Zeitschriften
+1 56
+8 33
9
Bei Gesprächen mit Freunden, Verwandten oder Kollegen
+2 60
-3 27
8
Bei Beiträgen im Internet
-1 49
0 25
7
Bei Sendungen im Radio
-1 51
Im Alltag, da wo Sie wohnen, also zum Beispiel +3 22
6
auf der Straße oder beim Einkaufen -3 72
+2 8
5
Bei Übungen und Hilfeleistungen der Bundeswehr +3 91
+2 8
4
Bei öffentlichen Veranstaltungen
+3 76
+1 6
3
Bei einer Fahrt mit dem Zug
+14 77
+1 3
2
Beim Tag der Bundeswehr oder einem Tag der offenen Tür +12 81
0 1
1
Bei einem feierlichen Gelöbnis +1 69
Wahrnehmung: Antwortanteil „ja“
Persönlicher Eindruck: Antwortanteile „sehr positiv“ und „eher positiv“zusammengefasst
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16 Attraktivität des Arbeitgebers Bundeswehr
Die Mehrheit der Befragten (58 Prozent; -2 Prozent- Einbindung in die Gesellschaft und die Vereinbarkeit
punkte im Vergleich zu 2021) ist der Auffassung, dass von Familie und Dienst beurteilt werden, umso attrakti-
die Bundeswehr für junge Menschen ein sehr oder ver ist die Bundeswehr als Arbeitgeber für die Befragten
eher attraktiver Arbeitgeber ist, während 34 Prozent selbst. Diese Zusammenhänge sind bei Männern grund-
gegenteiliger Meinung sind (+1 Prozentpunkt). Seit sätzlich stärker ausgeprägt als bei Frauen.
2018 nimmt der Anteil derjenigen, die die Bundeswehr Abschließend wurden alle Teilnehmerinnen und Teil-
für einen attraktiven Arbeitgeber für junge Menschen nehmer bis 50 Jahre gefragt, ob sie sich zumindest für
halten, kontinuierlich ab (vgl. Abbildung 19). eine gewisse Zeit eine berufliche Tätigkeit bei der Bun-
Alle Befragten, die zum Zeitpunkt des Interviews nicht deswehr vorstellen könnten. Von denjenigen Befrag-
älter als 50 Jahre waren (n = 1.377), wurden zusätzlich ten, die noch nie bei der Bundeswehr beschäftigt waren,
gefragt, wie attraktiv die Bundeswehr als Arbeitgeber können sich 22 Prozent (keine Veränderung) vorstel-
für sie selbst ist. Für 35 Prozent (+2 Prozentpunkte) ist len, eine zivile Tätigkeit auszuüben, und 12 Prozent
die Bundeswehr ein attraktiver Arbeitgeber, für 61 Pro- (+2 Prozentpunkte), Soldatin oder Soldat zu werden.
zent (-3 Prozentpunkte) ist sie das nicht. Am attrak- Unter den ehemaligen Soldatinnen und Soldaten kön-
tivsten ist die Bundeswehr als Arbeitgeber für Män- nen sich 32 Prozent (-1 Prozentpunkt) vorstellen, erneut
ner unter 30 Jahren: 47 Prozent sehen in der als Soldat bzw. Soldatin bei der Bundeswehr zu dienen
Bundeswehr einen attraktiven Arbeitgeber für sich und für 34 Prozent wäre eine zivile Verwendung denk-
selbst (keine Veränderung zum Vorjahr). Bei den bar.
Frauen unter 30 Jahren beträgt dieser Anteil nur 22 Pro- In der Gruppe der unter 30-Jährigen, die noch nicht in
zent (keine Veränderung). der Bundeswehr gedient haben, können sich 25 Prozent
Die Attraktivität der Bundeswehr als Arbeitgeber für die eine zivile und 13 Prozent eine militärische Verwen-
Befragten selbst steht in einem positiven und statistisch dung vorstellen. Von den Männern in dieser Gruppe
signifikanten Zusammenhang mit der subjektiven Be- können sich 29 Prozent vorstellen, als Zivilist zu arbei-
wertung unterschiedlicher Aspekte: Je positiver die Leis- ten, und für 19 Prozent ist der Dienst als Soldat denk-
tungen der Bundeswehr bei ihren Einsätzen im Inland bar. In der weiblichen Vergleichsgruppe betragen die
und im Ausland, die Ausrüstung und Bewaffnung, die jeweiligen Anteile 20 bzw. 6 Prozent.
Abbildung 19: Wahrgenommene Attraktivität des Arbeitgebers Bundeswehr für junge Menschen
„Wie attraktiv ist Ihrer Meinung nach der Arbeitgeber Bundeswehr für junge Menschen?“
(Angaben in Prozent, 2022: n = 2.741)
80
68 69 69
70 65
62 63
60
58
60
Attraktiv
50
40 34
33
30 29 Unattraktiv
28
30 26 25
24
20
9 8 9 8 8
10 7 7
5 Weiß nicht/k.A.
0
2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022
Anmerkung: Die Antwortanteile „sehr attraktiv“ und „eher attraktiv“ sowie „sehr unattraktiv“ und „eher unattraktiv“ wurden jeweils zusammengefasst.
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17 Aufgaben der Bundeswehr
Die Bundeswehr hat ein sehr breites Aufgabenspek- deutschen Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern aus
trum, das im Weißbuch der Bundesregierung definiert Krisengebieten (83 Prozent; +2 Prozentpunkte) die
wird. Vorrangig dient die Bundeswehr dem Schutz der höchsten Zustimmungswerte (vgl. Abbildung 20).
Bürgerinnen und Bürger. Diese wurden gefragt, wel- Auch humanitäre Aufgaben bzw. Interventionen, wie
che Aufgaben die Bundeswehr aus ihrer Sicht über- Nothilfe in Krisensituationen (80 Prozent; unverän-
nehmen sollte. Die abgefragten Aufgabenbereiche dert) oder die Verhinderung eines Völkermords (74
lassen sich in zwei Gruppen unterteilen: Aufgaben, Prozent; +2 Prozentpunkte), und der militärische Bei-
die der Abwehr von „äußeren“ Gefahren dienen, und stand für Verbündete, die angegriffen (73 Prozent;
solche, bei denen die Bundeswehr im Inland einge- +1 Prozentpunkt) oder bedroht (72 Prozent; +2 Pro-
setzt wird. Insgesamt lässt sich feststellen: Der Ein- zentpunkte) werden, finden die Unterstützung einer
satz der Bundeswehr wird im kompletten Aufga- großen Mehrheit. Den vergleichsweisen geringsten
benspektrum von einer absoluten Mehrheit der Zuspruch erfahren die Bekämpfung gegnerischer
Bürgerinnen und Bürger akzeptiert. Kräfte bei Auslandseinsätzen (51 Prozent; -2 Prozent-
Von jenen Aufgaben, die der Abwehr von „äußeren“ punkte), die Ausbildung ausländischer Sicherheits-
Gefahren dienen, erhalten die Abwehr eines militäri- kräfte (58 Prozent; keine Veränderung) und die Betei-
schen Angriffs auf Deutschland (86 Prozent; keine ligung am Kampf gegen die transnationale
Veränderung zum Vorjahr) und die Evakuierung von organisierte Kriminalität (59 Prozent; -2 Prozent-
Abbildung 20: Einstellungen zu den Aufgaben der Bundeswehr
„Welche Aufgaben sollte die Bundeswehr Ihrer Meinung nach übernehmen? Die Bundeswehr sollte
eingesetzt werden, …“
(Angaben in Prozent, n = 2.741) Vgl.
2021
um einen militärischen Angriff auf Deutschland 86 10 3 0
abzuwehren.
um deutsche Staatsbürgerinnen und Staatsbürger aus
83 13 4 +2
Krisengebieten zu evakuieren.
um humanitäre Hilfe in Krisensituationen zu leisten. 80 15 5 0
um gegen Länder, die Deutschland bedrohen, militärisch
75 17 8 +1
vorzugehen.
um einen Völkermord zu verhindern. 74 18 6 +2
um einem Verbündeten zu helfen, der angegriffen wird. 73 20 6 +1
um einem Verbündeten zu helfen, der bedroht wird. 72 22 6 +2
um internationale Handels- und Versorgungswege zu sichern. 69 22 8 +2
um die Lage in einer Krisenregion zu stabilisieren. 65 24 11 +2
um sich am Kampf gegen den internationalen Terrorismus zu
63 24 12 -4
beteiligen.
um sich am Kampf gegen die transnationale organisierte
59 24 15 -2
Kriminalität zu beteiligen.
um die Sicherheitskräfte anderer Staaten auszubilden. 58 27 14 0
um in Auslandseinsätzen gegnerische Kräfte zu bekämpfen. 51 26 22 -2
Zustimmung Teils/teils Ablehnung Weiß nicht/k.A.
Anmerkung: Die Antwortanteile „stimme eher zu“ und „stimme völlig zu“ sowie „lehne eher ab“ und „lehne völlig ab“ wurden jeweils zusammengefasst.
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punkte). Weitere Aufgaben im Rahmen des interna- Neben der Wahrnehmung der Kernaufgaben der Bun-
tionalen Krisenmanagements, wie die Sicherung in- deswehr begrüßt die Mehrheit der Bevölkerung den
ternationaler Handels- und Versorgungswege (69 Pro- Einsatz der Streitkräfte bei besonderen Lagen
zent; +2 Prozentpunkte) oder die Bekämpfung des oder zur Wahrnehmung besonderer Schutzaufga-
internationalen Terrorismus (63 Prozent; -4 Prozent- ben im Inland (vgl. Abbildung 21). Wie bereits im
punkte), liegen im „Mittelfeld“ der Zustimmungs- Vorjahr erhalten der Einsatz der Bundeswehr zur Ka-
werte. Insgesamt erfährt der Kernauftrag der Bundes- tastrophenhilfe (86 Prozent; +1 Prozentpunkt) sowie
wehr, die Landes- und Bündnisverteidigung, mehr zum Schutz des deutschen Luftraums und der deut-
Unterstützung als jene Aufgaben, die dem Bereich des schen Küsten vor Terroranschlägen (79 Prozent; un-
internationalen Krisenmanagements zuzuordnen sind. verändert) den größten Zuspruch der Befragten. Die
Dieser grundsätzlichen Präferenz entsprechend wer- vergleichsweise geringste Zustimmung erfahren der
den die konkreten Missionen der Bundeswehr im Rah- Einsatz der Bundeswehr bei der Aufnahme von
men der Landes- und Bündnisverteidigung deutlich Flüchtlingen (57 Prozent; +6 Prozentpunkte) sowie
positiver bewertet als die Auslandseinsätze im Rah- zur Verhinderung von Internetangriffen auf die Infra-
men des internationalen Krisenmanagements (vgl. struktur (60 Prozent; +7 Prozentpunkte) und auf öf-
Abschnitt 6). Die Rückkehr der Bundeswehr zur fentliche Einrichtungen in Deutschland (61 Prozent;
Landes- und Bündnisverteidigung als ihrem +2 Prozentpunkte). Dabei wird der Einsatz der Bun-
Hauptauftrag kommt dem eher traditionellen Auf- deswehr zur Abwehr von Cyberangriffen stärker
gabenverständnis in der Bevölkerung entgegen. begrüßt als im Vorjahr, womit sich die positive Ent-
wicklung der Zustimmungswerte zu diesem Aufga-
benbereich fortsetzt.
Abbildung 21: Einstellungen zum Einsatz der Bundeswehr im Inland
„Welche Aufgaben sollte die Bundeswehr Ihrer Meinung nach in Deutschland übernehmen?
Stimmen Sie einer Übernahme der folgenden Aufgaben durch die Bundeswehr zu oder lehnen Sie
diese ab? Die Bundeswehr sollte eingesetzt werden, …“
(Angaben in Prozent, n = 1.366)
Vgl.
2021
um Katastrophenhilfe innerhalb Deutschlands zu leisten. 86 11 3 +1
um den deutschen Luftraum und die deutsche Küste zur
79 15 5 0
Verhinderung von Terroranschlägen zu überwachen.
um in Deutschland Vermisste zu suchen oder zu retten. 75 18 7 -1
um öffentliche Gebäude in Deutschland vor Terroranschlägen zu
71 19 9 -4
schützen.
um die deutschen Grenzen gegen illegale Einwanderung zu sichern. 71 18 10 -3
um Unterstützung bei der Eindämmung einer gefährlichen
69 22 8 -7
Krankheit oder Seuche zu leisten.
um Internetangriffe auf öffentliche Einrichtungen in Deutschland
61 22 13 +2
zu verhindern.
um Internetangriffe auf die Infrastruktur in Deutschland zu verhindern. 60 23 14 +7
um Unterstützung bei der Aufnahme von Flüchtlingen zu leisten. 57 25 18 +6
Zustimmung Teils/teils Ablehnung Weiß nicht/k.A.
Anmerkungen: Die Antwortanteile „stimme eher zu“ und „stimme völlig zu“ sowie „lehne eher ab“ und „lehne völlig ab“ wurden jeweils zusammengefasst.
Diese Frage wurde nur der Hälfte der Befragten gestellt (Split-Half).
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18 Fazit
Nach Schätzungen der Vereinten Nationen (Stand all diesen Punkten bildet sich die Zeitenwende im ver-
Juni 2022) sind seit Beginn von Russlands Angriffs- teidigungspolitischen Meinungsbild deutlich ab.
krieg gegen die Ukraine über 5.000 Zivilisten in der Ein grundlegender Wandel der strategischen Kultur
Ukraine getötet und über 6 Millionen ukrainische der deutschen Bevölkerung ist dies aber (noch) nicht.
Flüchtlinge allein in der EU registriert worden. Die Deren Grundzüge, z.B. die Zurückhaltung beim Ein-
ukrainische Regierung gab im Juni 2022 offiziell über satz von Waffengewalt als Mittel in der Außen- und
10.000 gefallene ukrainische Soldaten bekannt. Sicherheitspolitik, haben sich im Vergleich zum Vor-
Russland hat mit seinem Angriffskrieg gegen die Uk- jahr nicht verändert. Der strategische Kulturwandel
raine die europäische Sicherheitsordnung zerstört und lässt also auf sich warten und macht gerade deshalb
viele europäische Regierungen zu einem Kurswechsel eine fortlaufende Untersuchung erforderlich. Aller-
in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik gezwun- dings waren andere Dimensionen der strategischen
gen, allem voran Deutschland. So erhält die Bundes- Kultur, etwa das Bekenntnis zum Multilateralismus,
wehr ein Sondervermögen in Höhe von 100 Mrd. bereits vor dem Ukraine-Krieg derart stark (positiv)
Euro, um lange aufgeschobene Investitionen in die ausgeprägt, dass hier keine allzu großen Veränderun-
Ausrüstung tätigen zu können. Auch liefert Deutsch- gen zu erwarten waren bzw. (noch) zu erwarten sind.
land erstmals schwere Waffen, z.B. die Panzerhau- Das Gleiche gilt für das Verhältnis der Deutschen zu
bitze 2000, in ein Kriegsgebiet. Nachdem die Bundes- ihren Streitkräften. Die Grundhaltung der Bevölke-
wehr 20 Jahre lang auf Auslandseinsätze im Rahmen rung zur Bundeswehr als staatlicher Organisation und
des internationalen Krisenmanagements ausgerichtet gesellschaftlicher Institution ist bereits seit Jahrzehn-
war, kehrt sie nun zu ihrem Hauptauftrag zurück: Lan- ten positiv, sodass der Raum für weitere Steigerungen
des- und Bündnisverteidigung. All diese Entscheidun- weitaus kleiner ist als bei umstrittenen Fragen, wie
gen sind Aspekte und Ausdruck einer umfassenden z.B. dem Umgang mit Russland. Die Rückkehr der
Zeitenwende in der deutschen Verteidigungspolitik. Bundeswehr zur Landes- und Bündnisverteidigung in-
Wie reagiert die Bevölkerung auf den Ukraine-Krieg? folge des Krieges gegen die Ukraine könnte in einem
Führt dieser auch zu einer Zeitenwende im Meinungs- anderen Punkt jedoch zu einer Verbesserung der Be-
bild? Auf der Grundlage der Ergebnisse der ZMSBw- ziehungen zwischen Bundeswehr und Gesellschaft
Bevölkerungsbefragung ist festzustellen, dass sich das führen: Ihr Auftrag wird von den Menschen wieder
verteidigungspolitische Meinungsbild infolge des Uk- verstanden und mitgetragen. Die Bürgerinnen und
raine-Kriegs in vielen Punkten signifikant verändert Bürger haben die Bundeswehr nämlich schon immer
hat. Waren bis 2021 außen- und sicherheitspolitische vorrangig als eine Verteidigungsarmee gesehen und
Risiken die geringste Sorge der Deutschen, beein- weniger als das Werkzeug einer interventionistischen
trächtigen sie nun das Sicherheitsgefühl der Bürgerin- Außen- und Sicherheitspolitik.
nen und Bürger am stärksten. Hatte die deutsche Be- Die Bundeswehr-Missionen im Rahmen der Landes-
völkerung in den letzten Jahren ein ambivalentes und Bündnisverteidigung mögen vielleicht weniger
Russlandbild, so ist dieses der Erkenntnis gewichen, erklärungsbedürftig sein und auch mehr Zustimmung
dass Russland eine Gefahr für die Sicherheit Deutsch- genießen als die Auslandseinsätze im Rahmen des in-
lands ist. Zudem bestand über viele Jahre ein Missver- ternationalen Krisenmanagements, aber sie sind des-
hältnis zwischen einer großen Zustimmung zum Prin- halb nicht selbsterklärend. Die öffentliche Zustim-
zip der Bündnisverteidigung und einer geringen mung zu den Einsätzen im Ausland hängt maßgeblich
Bereitschaft zur konkreten militärischen Unterstüt- vom Kenntnisstand über diese ab. Der ist in der Be-
zung der östlichen NATO-Partner. Diese Lücke ist im völkerung jedoch gering und zwar zu allen Bundes-
laufenden Jahr geschlossen worden. Darüber hinaus wehr-Engagements im Ausland. Die Bundeswehr
begrüßen mehr Befragte als jemals zuvor eine finan- sollte den Bürgerinnen und Bürgern deshalb künftig
zielle und personelle Aufstockung der Bundeswehr. In ein noch umfangreicheres Informationsangebot unter-
breiten.
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19 Methodologie
Die jährliche Bevölkerungsbefragung des Zentrums der Befragten zu identifizieren. Der Pretest umfasste
für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der 54 Interviews, die vom 1. bis 7. Juni 2022 unter realen
Bundeswehr (ZMSBw) existiert seit 1996 und stellt Feldbedingungen stattfanden, d.h. die Teilnehmerin-
damit die längste Zeitreihe sicherheits- und verteidi- nen und Teilnehmer wurden zufällig in ganz Deutsch-
gungspolitischer Umfragen in Deutschland dar. Mit land ausgewählt und beantworteten die Fragen in ei-
seiner Bevölkerungsbefragung leistet das ZMSBw als nem computergestützten persönlichen Interview
Ressortforschungseinrichtung im Geschäftsbereich (CAPI) in ihrem Haushalt. Infolge des Pretests ergab
des Bundesministeriums der Verteidigung einen Bei- sich am Fragebogen kein inhaltlicher Veränderungs-
trag zur wissenschaftsbasierten Politikberatung, lie- bedarf. Jedoch betrug die durchschnittliche Dauer der
fert empirisch fundierte Beiträge zu sicherheits- und Interviews im Pretest 65 Minuten, was eine Incentivie-
verteidigungspolitischen Debatten und bietet die Da- rung erforderlich gemacht hätte. Um die durchschnitt-
tenbasis für vielfältige Grundlagenforschung. liche Dauer der Interviews auf eine Stunde zu begren-
Die Erarbeitung des Studienkonzepts, der Ausschrei- zen, wurden mehrere Splits in den Fragebogen
bungsunterlagen und des Fragebogens der Bevölke- eingebaut, d.h. bestimmte Fragen bzw. Fragebatterien
rungsbefragung erfolgten ebenso am ZMSBw wie die wurden nur der Hälfte der Befragten gestellt (Split-
Auswertung der erhobenen Daten. Mit der Überprü- Half).
fung des Fragebogens (Pretest) und der Datenerhebung Die Daten der Bevölkerungsbefragung wurden vom
wurde 2022 im Rahmen einer öffentlichen Ausschrei- 13. Juni bis 17. Juli 2022 erhoben. Für die Untersu-
bung das externe Meinungsforschungsinstitut Ipsos chung wurde die Grundgesamtheit (d.h. alle Personen,
GmbH beauftragt, das eines der größten Markt- und die für die Analyse von Interesse sind und über die im
Meinungsforschungsinstitute ist. Ein wesentliches Rahmen der Untersuchung Aussagen getroffen wer-
Merkmal der Qualitätssicherung ist die Vorgabe, dass den sollen) definiert als die deutschsprachige und in
das beauftragte Meinungsforschungsinstitut über un- Privathaushalten lebende Bevölkerung ab 16 Jahren.
abhängige ISO-Zertifizierungen nach ISO 9001 und Da nicht alle Personen der Grundgesamtheit befragt
ISO 20252 (internationale Qualitätsstandards in der werden können, wurde eine repräsentative Stichprobe
Markt-, Meinungs- und Sozialforschung) verfügen gezogen. Die Auswahl der Personen in der Stichprobe
muss. Mit diesen Zertifizierungen werden die Quali- erfolgte zufällig durch ein mehrstufig geschichtetes
tätsstandards und Prozesse transparent und regelmä- Verfahren, sodass jedes Element der Grundgesamtheit
ßig von unabhängigen Stellen überprüft. Darüber hin- dieselbe Chance hatte, in die Stichprobe zu gelangen.
aus müssen die beauftragen Befragungsinstitute die Befragt wurden 2.741 zufällig ausgewählte Bürgerin-
Einhaltung der berufsständischen Qualitätskriterien nen und Bürger. Die Interviews dauerten im Mittel
gewährleisten, wie sie vom Arbeitskreis Deutscher 60 Minuten und die Ausschöpfungsquote lag bei
Markt- und Sozialforscher (ADM), der Arbeitsge- 54 Prozent. Die erhobenen Daten wurden durch das
meinschaft Sozialwissenschaftlicher Institute e.V. Umfrageinstitut im Anschluss an die Erhebung nach
(ASI) und der Deutschen Gesellschaft für Online For- den Merkmalen Alter, Geschlecht, Bildung und Orts-
schung e.V. (DGOF) verabschiedet wurden. Insbeson- größe gewichtet, um die realisierte Stichprobe der de-
dere schließt dies die „Standards zur Qualitätssiche- mografischen Struktur der Grundgesamtheit anzupas-
rung in der Markt- und Sozialforschung“ ein, die vom sen. Nach Aufbereitung der erhobenen Daten durch
ADM, ASI und vom Berufsverband Deutscher Markt- die Ipsos GmbH erhielt das ZMSBw am 25. Juli 2022
und Sozialforscher e.V. herausgegeben wurden. den Datensatz, der Grundlage der vorstehenden Aus-
Im Zuge der Qualitätssicherung wurde der Fragebogen wertungen ist.
einem Pretest unterzogen, um Fehler in der Program-
mierung und mögliche Verständnisprobleme seitens
26
Der vorliegende Bericht präsentiert die Ergebnisse der Bevölkerungsbefragung 2022. Zentrale The- men sind das Sicherheitsgefühl und die Bedrohungswahrnehmungen der Bürgerinnen und Bürger so- wie deren Einstellungen zum außen- und sicherheitspolitischen Engagement Deutschlands und den Auslandseinsätzen der Bundeswehr. Die öffentliche Wahrnehmung, die Arbeitgeberattraktivität sowie die gesellschaftliche Akzeptanz der Bundeswehr sind weitere Themenbereiche. Autor: Dr. Timo Graf, Forschungsbereich Militärsoziologie, Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissen- schaften der Bundeswehr, Potsdam.