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Dieses Dokument ist Teil der Anfrage „Zuwendungsbescheid an FGZ

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1. Projekttitel

A06: Beschäftigtenbefragung in Behörden des öffentlichen Diensts

2. Projektleitung

Prof. Dr. Holger Lengfeld, holger.lengfeld@uni-leipzig.de, Universität Leipzig, Institut für So-
ziologie, Beethovenstraße 15, 04107 Leipzig

3. Untersuchungsgegenstand

Wir wollen eine modularisierte standardisierte Beschäftigtenbefragung in Behörden des Bun-
des durchführen. Es werden Einstellungen, Erfahrungen, Praktiken und Entscheidungen von
Beschäftigten in öffentlichen Institutionen unter dem Gesichtspunkt ethnischer Vorurteile und
Diskriminierung in Hinblick auf Ausmaß und Ursachen analysiert, Mobilitätsverläufe von Per-
sonen unterschiedlicher ethnischer Herkunft aufgezeigt und der Zusammenhang von sozialer
Netzwerkeinbettung, Homophilie und ethnischen Vorurteilen untersucht.
Eine solcherart inhaltlich angelegte und methodisch kontrollierte Befragung existiert unseres
Wissens in Deutschland nicht. Zwar wurde 2019 eine repräsentative Beschäftigtenbefragung
der Bundesverwaltung in Deutschland durchgeführt, an der über 47.000 Beschäftigte aus 55
verschiedenen Bundesbehörden teilgenommen haben (Beauftragte der Bundesregierung für
Migration, Flüchtlinge und Integration; Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (2020).
Schwerpunkt der Befragung war kulturelle Diversität Repräsentation von Personen nicht-deut-
scher Herkunft in der Bundesverwaltung. Daneben wurden auch Diskriminierungserfahrungen
innerhalb der Arbeit in Behörden erfragt. Die Befragung hatte damit einen anderen themati-
schen Fokus als die von uns geplante. Da die Grundgesamtheit in Beschäftigten der Bundes-
verwaltung bestand, wurde auch keine Eingrenzung auf Personen mit Bürger:innen- bzw. Kli-
ent:innenkontakt vorgenommen. Außerdem wurden darin weder Arbeitsgruppen befragt noch
Netzwerkwerkstrukturen oder Entscheidungsverhalten erhoben. Derzeit soll im Rahmen des
BMI-geförderten Projekts MEGAVO unter anderem eine Online-Befragung (Vollerhebung) al-
ler Polizeibeamt:innen der Landespolizeien und der Bundespolizei stattfinden (Schiemann,
o.J.). Schwerpunkt des Projekts sind Berufsmotivation und -erfahrungen (u.a. zu Arbeitsbelas-
tungen). Daneben sollen Erfahrungen von Gewalt gegen Polizeibeamt:innen während der
Dienstausführung untersucht werden. Damit weist MEGAVO eine Schnittstelle zu unserem
Vorhaben auf, hat aber einen anderen Schwerpunkt, da Einstellungen der ethnischen Diskri-
minierung, Netzwerke und Mobilitätsverläufe laut Projektskizze nicht Teil der Untersuchung
von MEGAVO sind. Aufgrund der methodischen Ähnlichkeiten werden wir jedoch die Koope-
ration mit diesem Projekt suchen, um von den dortigen Erfahrungen bei der Befragung zu
profitieren. Zugleich werden wir auf Basis der dortigen Befragung (Instrumente und erste Er-
gebnisse) entscheiden, inwieweit Beschäftigte der Bundespolizei zu einem geeigneten späte-
ren Zeitpunkt in unsere Stichprobe mit aufgenommen werden sollten, wenn die Untersuchung
von MEGAVO fortgeschritten ist.

4. Zielsetzung/Forschungsfragen

Diese Befragung umfasst fünf inhaltliche Module, die aneinander anschließen. Sie stellt damit
Daten für Fragestellungen bereit, die in fünf Teilprojekten des Gesamtprojekts analysiert wer-
den.


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Modul „Einstellungen und Erfahrungen“ (TP B11): Inwieweit halten Beschäftigte von Bundes-
behörden ethnisch diskriminierende Einstellungen, welche Ursachen haben diese Einstellun-
gen, und inwieweit machen sie im direkten Kontakt mit den Bürger:innen selbst Erfahrungen
mit ethnischer Diskriminierung und Abwertung bzw. wurden einer solchen durch Bürger:innen
bezichtigt? Dieses Modul basiert auf klassischen itembasierten Befragungsinstrumenten. So-
weit möglich, greifen wir auf Instrumente zurück, die in der am FGZ durchgeführten Bevölke-
rungsbefragung „FGZ-Zusammenhaltspanel“ 2021 eingesetzt werden. Dies erlaubt einen di-
rekten Vergleich zwischen den Beschäftigten der ausgewählten Behörden und der Bevölke-
rung in Deutschland.
Modul 2 "Intergruppenkontakt" (TP B01): Inwieweit führen dienstliche Kontakte von Beschäf-
tigten in Bundesbehörden zu Personen mit Migrationshintergrund dazu, dass gruppenbezo-
gene Abwertungen, rassistisch orientierte Einstellungen und Diskriminierungsbereitschaft be-
fördert oder reduziert werden, und welche Faktoren mediieren und moderieren diese Zusam-
menhänge? Dieses Modul greift auf Befragungsinstrumente zurück, die im Rahmen der Biele-
felder Langzeitstudie "Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" eingesetzt wurden. Mittels
faktoriellen Designs (Vignettenstudie) werden unterschiedliche Kontaktsituationen modelliert,
die die Befragten bewerten sollen.
Modul „Netzwerkstrukturen“ (TP B09): Inwieweit befördert ethnische Diversität in der Zusam-
mensetzung von Arbeitsgruppen die Offenheit der Mitglieder gegenüber ethnischen Minder-
heiten, und korrespondieren ethnisch diskriminierende Einstellungen mit den Einstellungen
von Personen aus dem sozialen Netzwerk (Homophilie)? Dieses Modul untersucht die Netz-
werkstrukturen der Beschäftigten. Es zielt darauf ab, dass die Arbeitsgruppen möglichst voll-
ständig erfasst werden und soziodemografische Informationen über die Netzwerkmitglieder
erhoben werden.
Modul „Einstellungen und Aufstiege im öffentlichen Dienst“ (TP B10): Inwieweit kommt es auf-
grund beruflicher (Im)Mobilität in Familien und den Berufswünschen Jugendlicher im öffentli-
chen Dienst zur (Selbst)Selektion bestimmter sozialer und politischer Gruppen? Das Modul
erhebt Daten zu beruflicher Mobilität der Beschäftigten und ihrer sozialen Herkunft. Vernet-
zung und Aufstieg sozialer und politscher Gruppen im öffentlichen Dienst werden beleuchtet
und mit Analysen vorhandener längsschnittlicher Bevölkerungsdaten (Mikrozensus, Sozio-oe-
konomisches Panel) verglichen.
Modul „Diskriminierung im Behördenalltag“ (TP B12): Inwieweit neigen öffentlich Beschäftigte
dazu, Entscheidungen gegenüber Bürger:innen unter dem Gesichtspunkt der Bewertung der
ethnischen Herkunft zu treffen? Zur Beantwortung dieser Frage setzen wir experimentelle Be-
fragungsinstrumente ein, um diskriminierendes Verhalten zu ermitteln. In diesen Experimenten
(Listenexperimente, Conjointexperimente) werden Situationen aus dem Behördenalltag be-
schrieben, die von den Befragten bewertet werden oder die von ihnen eine Entscheidung er-
fordern.

5. Beitrag zum Gesamtvorhaben „Rassismus in Institutionen und gesellschaft-
   licher Zusammenhalt“

Zentral für die Analyse des gesellschaftlichen Zusammenhalts sind auf ethnischen Unterschei-
dungen beruhende diskriminierende Einstellungen, Verhaltensweisen und Erfahrungen. Be-
schäftigte in Behörden sind Repräsentant:innen des Staates gegenüber der Gesellschaft.
Viele von ihnen treffen Entscheidungen auf Antrag der Bürgerinnen und Bürger, oder sie üben



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ihnen gegenüber hoheitliche Aufgaben aus. Im direkten Kontakt mit den Bürgern und Bürge-
rinnen können öffentlich Beschäftigte Erfahrungen von ethnischer Diskriminierung und damit
sozialer Desintegration machen. Sie können auch selbst ethnische Vorurteile gegenüber den
Bürger:innen halten, und sie können in der Ausübung ihrer Dienstaufgabe Entscheidungen
über die Anträge der Bürger:innen oder über diese selbst treffen, in die Vorurteile einfließen
und die damit in diskriminierende Handlungen münden.
Der Datenausschuss des FGZ wird methodisch beratend die Beschäftigtenbefragung beglei-
ten. Zudem werden die Daten mit denen der im FGZ durchgeführten Bevölkerungsbefragung
systematisch verglichen.

6. Methoden, empirischer Zugang, Vorgehen

Untersuchungseinheit der Befragung sind Beschäftigte in Bundesbehörden mit Bürger:innen-
kontakt. Für Bundesbehörden entscheiden wir uns, weil die Untersuchung von Landesbehör-
den methodische Unterschiede zwischen den Ländern mit sich bringen kann. Wir gehen weiter
davon aus, dass die direkte Interaktion mit den Bürger:innen die maßgebliche Schnittstelle der
Erfahrung von ethnischen Vorurteilen und Diskriminierung aus Sicht der Bürger:innen und der
Beschäftigten darstellt. Deshalb sollen innerhalb der Behörden Mitglieder von Arbeitsgruppen
befragt werden, die direkte Interaktion mit Bürger:innen haben. Entsprechend wählen wir Be-
hörden aus, die entweder 1) Entscheidungen über die Zuweisung von für Antragsteller:innen
wichtige individuelle Ressourcen oder 2) Entscheidungen über die Zubilligung von individuel-
len Rechten treffen oder die 3) gegenüber den Bürger:innen hoheitliche Ordnungsaufgaben
der Bundesrepublik Deutschland ausführen. Innerhalb dieser Bundesbehörden sollen die Mit-
glieder der Arbeitsgruppen in den lokalen Behörden befragt werden. Die Auswahl dieser Ar-
beitsgruppen kann aufgrund der Vielzahl behördlicher Einrichtungen in Deutschland nicht für
alle Behörden und Arbeitsgruppen repräsentativ sein. Als möglich zu untersuchende Bundes-
behörden identifizieren wir:
      Sicherheit: Zoll (41 Hauptzollämter mit 250 Zollämtern, ca. 43.000 Beschäftigte),
      Migration/Flucht: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (ca. 85 Außenstellen,
       ca.8.100 Beschäftigte),
      Wirtschaft & Arbeit: Bundesagentur für Arbeit (156 Agenturen für Arbeit mit 600 Ge-
       schäftsstellen und 303 Jobcentern, ca. 96.000 Beschäftigte),
      Wie oben beschrieben wird über die Aufnahme des Bereiches Sicherheit (11 Polizeidi-
       rektionen mit ca. 90 Polizeiinspektionen und ca. 140 Revieren, ca. 51.000 Beschäftigte)
       erst zu einem späteren Zeitpunkt entschieden, wenn die Abstimmung mit dem Projekt
       MEGAVO erfolgt ist).
Dies ergibt für die drei bzw. vier Behördentypen weit über 1.000 lokale Behördeneinheiten.
Aus Kapazitätsgründen können wir keine Vollerhebung durchführen. Wir zielen daher an, aus
dieser Grundgesamtheit eine Stichprobe von zwischen 200 bis 400 lokalen Behörden zufällig
auszuwählen. In diesen lokalen Behörden sollen zwischen 3.000 bis zu 10.000 Beschäftigte
befragt werden, die in Arbeitsgruppen mit Bürgerkontakt tätig sind. Der Umfang der Nettostich-
probe ergibt sich aus der Teilnahmebereitschaft und der Größe der lokalen Behörden.
Die Beschäftigtenbefragung soll als Onlinebefragung durchgeführt werden. Hierzu wird den
Befragten ein Link zu einer Umfragewebsite überstellt. Aufgrund von Datenschutzbestimmun-
gen gehen wir davon aus, dass die Distribution des Zugangs zur Befragung idealerweise über
die Personalreferate der Behörden stattfindet. Sollte dies nicht möglich sein, würde den Be-
fragten der Zugang auf klassischem schriftlichen Weg per Einladungsschreiben zugehen.


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Wir streben zumindest für einen Teil der Behörden innerhalb der Projektlaufzeit eine Wieder-
befragung an, um kausale Zusammenhänge zu ermitteln und damit belastbare Grundlagen für
Interventionsmaßnahmen gewinnen zu können.

7. Kriterien für die Messung der Zielerreichung

Bereitstellung eines Umfragedatensatzes mit vollendeten Interviews von 3.000 bis 10.000 Be-
fragten, die in Behörden des öffentlichen Diensts mit Kontakt zu Bürger:innen tätig sind. Die
Befragung soll in 2022 abgeschlossen sein. Die Erreichung dieses Ziels ist unabhängig von
der Frage der Aufnahme des Sicherheitsbereiches in das Sample (siehe Punkt 3).

8. Output

1) Bereitstellung eines Umfragedatensatzes, der die oben genannten Fragemodule enthält,
   an die beteiligten Teilprojekte B01, B09, B10, B11, B12. Die Daten werden für Sekun-
   därnutzung nach Abschluss der Teilprojekte dem FGZ zur Verfügung gestellt.
2) Bereitstellung und Vorstellung eines (beschreibenden) anonymisierten Ergebnisberichts
   über zentrale Befunde der Befragung. Zielgruppe: Beteiligte Behörden, Befragte, allge-
   meine Öffentlichkeit.
3) Soweit erforderlich: Bereitstellung eines anonymisierten Berichts über Arbeitszufriedenheit
   an die teilnehmenden Behörden als Incentivierung zur Teilnahme an der Befragung.

9. Feldzugänge

Die möglichst systematische Befragung von Beschäftigten in Behörden setzt folgende Schritte
voraus: 1) Die Einverständniserklärung der zuständigen zentralen Behördenleitung und deren
ausdrückliche Unterstützung des Zugangs der Forschergruppe zu den lokalen Behörden; (2)
ein Datenschutzkonzept zur Erhebung, Anonymisierung und Archivierung personen- und or-
ganisationsbezogener Daten; (3) die strichprobenkontrollierte Identifikation und Gewinnung
der lokalen Behörden; (4) innerhalb der lokalen Behörden: die Identifikation der Arbeitsgrup-
pen mit Bürgerkontakt, (5) die Identifikation der potentiellen Befragten, Informationen und
Übermittlung des Zugangs zur Befragung.
Wir müssen davon ausgehen, dass die Bereitschaft zur Teilnahme an der Befragung auf allen
Ebenen (zentrale, dezentrale und lokale Behördenleitung sowie Beschäftigte) gering ist, weil
es sich um eine politisch sensible Thematik handelt, deren Erforschung als nachteilig für die
Behörden und Beschäftigten interpretiert werden kann. Da wir Beschäftigte in lokalen Behör-
den mit Bürger:innenkontakt befragen wollen, sind wir auf die Zustimmung der lokalen Behör-
denleitungen angewiesen. Mit Unterstützung der zentralen Verantwortlichen des BMI wollen
wir Kontakt zu den Leitungen der Bundesbehörden aufnehmen und für Unterstützung werben.
Liegt diese vor, ziehen wir eine Stichprobe der lokalen Behörden und nehmen schriftlich sowie
telefonisch Kontakt zu den dortigen Behördenleitungen auf. Soweit erforderlich, muss diesem
Schritt eine Klärung des Feldzugangs auf der mittleren Ebene der Behörden vorangehen (Zoll-
amt, Bundesagentur für Arbeit, Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, ggfls. Polizeidirek-
tion). In der telefonischen Kontaktaufnahme holen wir das Einverständnis der lokalen Behör-
denleitung ein, klären die Bedingungen des Feldzugangs und die Identifikation der zu befra-
genden Arbeitsgruppen und Beschäftigten. Die telefonische Akquise wird aufgrund der not-
wendigerweise umfangreichen Kontaktierung von bis zu 1.000 Behörden von einem kommer-
ziellen Meinungsforschungsinstitut in enger Abstimmung mit der Forschungsgruppe durchge-
führt. Um die Teilnahmebereitschaft der Behörden zu erhöhen, planen wir, als Incentivierung

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der Behörde einen Bericht zur Arbeitszufriedenheit der Befragten anzubieten. Ziel ist es, 200-
400 lokale Behörden für die Befragung zu gewinnen.
Zur Unterstützung der Akquise, zur Programmierung des Befragungsinstruments sowie der
Organisation der Durchführung der Befragung ist es notwendig, mit einem Meinungsfor-
schungsinstitut zu kooperieren.
Falls es nicht möglich sein sollte, die lokalen Behörden über die mittlere Hierarchie der Bun-
desbehörden zu rekrutieren, oder falls die ausgewählten Bundesbehörden keine Möglichkeit
zur Kooperation mit dem Projekt sehen, wollen wir die Befragung über zentrale Adressregister
durchführen, so wie es 2019 in der oben erwähnten Befragung erfolgte (Beauftragte der Bun-
desregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration; Bundesinstitut für Bevölkerungsfor-
schung (2020). Mit dem vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) und der Integra-
tionsbeauftragten durchgeführten Diversität und Chancengleichheit Survey (DuCS) und sei-
nen periodischen Wiederholungsbefragungen in 55 Bundesbehörden (Stand 2019) stimmen
wir uns ab.
Für eine mögliche Befragung von Angehörigen der Polizei werden wir in Abstimmung mit dem
Projekt MEGAVO (Schiemann, o.J.) die Möglichkeit des Feldzugangs über dort gesammelte
Email-Adressen unter Einhaltung der Datenschutzbestimmungen prüfen.

10. Bezüge zu bestehenden FGZ-Projekten

Die Befragung wird in Abstimmung mit dem FGZ-Datenausschuss durchgeführt. Zudem be-
stehen zahlreiche Bezüge zu Teilprojekten zu Themen wie ethnischer Diskriminierung, Isla-
mophobie, Rassismus und Rechtspopulismus in der Bevölkerung u.a. an den Standorten
Bielefeld, Bremen, Leipzig, Frankfurt a.M. und Jena, sodass ausreichend Expertise und Bedarf
für Sekundärnutzung der Daten besteht.

11. Einbeziehung von externen Kooperationspartner:innen/-projekten

Für den Feldzugang werden wir die Leitungen der ausgewählten Bundesbehörden sowie die
zuständigen Referatsleitungen in den Bundesministerien um Kooperation bitten.
Weiterhin werden wir die Kooperation mit dem Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung
(BiB), der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration und
dem BMI-Projekt MEGAVO suchen (siehe Punkt 3).
Wir stimmen uns zudem mit dem Deutschen Zentrum für Migrations- und Integrationsfor-
schung (DeZIM) ab, um Synergien mit dort laufenden Projekten zu nutzen. Hierzu stehen wir
im engen Austausch mit Prof. Andreas Zick (TP A05), der zugleich Mitglied der DeZIM-For-
schungsgemeinschaft ist.

12. Beantragte Projektkosten gesamt

Siehe separaten Kostenansatz.

13. Laufzeit

01/22 – 12/24




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14. Arbeitsplan


                   Arbeitsschritte                        2021    2022      2023       2024


Akquise der teilnehmenden Behörden

Entwicklung des Befragungsinstruments zus. mit Teilpro-
jekten B01, B09, B10, B11, B12


Organisation des Feldzugangs zus. mit Umfrageinstitut


Durchführung der Befragung zus. mit Umfrageinstitut

Aufbereitung und Bereitstellung der Daten an TP B01,
B09, B10, B11, B12

Erstellung und Verbreitung eines allgemeinen Ergebnis-
berichts

Erstellung und Verbreitung von Ergebnisberichten an die
beteiligten Behörden (Incentivierung)

Optional: Wiederholungsbefragung in einem Teil der Be-
hörden



15. Literaturverzeichnis

Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration; Bundesinstitut für
Bevölkerungsforschung (2020): Kulturelle Diversität und Chancengleichheit in der Bundesver-
waltung. Ergebnisse der ersten gemeinsamen Beschäftigtenbefragung der Behörden und Ein-
richtungen im öffentlichen Dienst des Bundes, https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/down-
loads/DE/veroeffentlichungen/themen/heimat-integration/integration/bericht-fk-integrationsfa-
ehigkeit.pdf;jsessionid=172036B3D3B7234965C928CF5192CC1E.1_cid287?__blob=publi-
cationFile&v=2, (zuletzt abgerufen am 8.3.2021)
Schiemann, Anja (o.J.): Projektskizze „Motivation, Einstellung und Gewalt im Alltag von Poli-
zeivollzugsbeamten – MEGAVO“, https://www.bmi.bund.de/DE/themen/sicherheit/megavo-
polizeistudie/megavo-node.html;jsessio-
nid=C51440783F47E75498B48E9C254D4C7D.2_cid287; (zuletzt abgerufen am 10.7.2021)




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1. Projekttitel

B01: Intergruppenkontakte und ethnische Vorurteile bei Beschäftigen in öffentlichen Institutio-
nen

2. Projektleitung

Jost Reinecke, jost.reinecke@uni-bielefeld.de, Universität Bielefeld, Fakultät für Soziologie,
Postfach 100 131, 33501 Bielefeld

3. Untersuchungsgegenstand

Ausgangspunkt des Projektes ist die Überlegung, dass sich ethnische Vorurteile durch ein
Zusammenspiel von individuellen, institutionellen und kulturellen Faktoren ergeben. Die indi-
viduelle und institutionelle Ebene soll mit empirisch gestütztem Datenmaterial stärker verzahnt
werden und Vergleiche von Einstellungs- und Handlungsmustern zwischen Bevölkerungs- und
Beschäftigtenstichproben erlauben.
Die Bedeutung interkultureller Kontakte für ethnische Vorurteile (und entsprechende Einstel-
lungsmuster) ist in diesem Teilprojekt der zentrale Untersuchungsgegenstand. Der theoreti-
sche Hintergrund stützt sich auf die Überlegungen von Allport (1954), nach denen Kontakte
zwischen Mitgliedern unterschiedlicher Gruppen vorurteilsreduzierende Wirkungen auf die ge-
genseitigen Einstellungen und Verhaltensweisen haben. Die Bedingungen hierfür sind optimal,
wenn die beteiligten Personen kooperieren (Zusammenarbeit an gemeinsamen Zielen), die
Begegnungen auf Augenhöhe stattfinden (ähnlicher Status zwischen den Personen) und wenn
die Kontakte durch Autoritäten (z. B. Vorgesetzte, Politiker:innen) unterstützt werden. In einer
Metaanalyse konnte gezeigt werden, dass selbst wenn nicht alle Bedingungen erfüllt sind,
Kontakte zu Personengruppen, denen man selbst nicht angehört, Vorurteile reduzieren kön-
nen (Pettigrew und Tropp 2006).
Auf individueller Ebene werden ethnische Vorurteile breit im Sinne aller Arten der Diskriminie-
rung und Abwertung von Menschen aufgrund zugeschriebener Gruppenmerkmale aufgefasst,
die mit einer Ideologie der Ungleichwertigkeit von Gruppen einhergehen. Dieses Begriffsver-
ständnis orientiert sich weitgehend am Konzept der „Gruppenbezogenen Menschenfeindlich-
keit“ (GMF), wobei beispielsweise Rassismus als ein Element des GMF verstanden wird und
Einstellungsmuster erfasst, die die Abwertung von Gruppenangehörigen fremder Herkunft auf
der Basis der eigenen, wahrgenommenen Höherwertigkeit vornimmt (Heitmeyer 2002). Dane-
ben sind als weitere Elemente des GMF die Fremdenfeindlichkeit, die Islamfeindlichkeit, der
Antisemitismus, die Etabliertenvorrechte und weitere Einstellungsmuster gegenüber Minder-
heiten und spezifischen Gruppen zu nennen. Ergebnisse zu den Einflüssen von interkulturellen
Kontakten (Wagner et al. 2002; Christ und Wagner 2008), von Diskriminierungstendenzen
(Asbrock et al. 2006), von Dominanzorientierungen (Küpper/Zick 2008) und Orientierungslo-
sigkeit (Hüpping/Reinecke 2007) sind im Hinblick auf die Untersuchung ethnischer Vorurteils-
strukturen bei Beschäftigten in öffentlichen Institutionen bedeutsam.
Die bisherigen Forschungsergebnisse stützen sich im Wesentlichen auf inhaltlich spezifische
Befragungsstudien (vgl. Woll 2017) oder wie in den GMF-Studien auf repräsentative Bevölke-
rungsbefragungen. Bei Letzteren wird der vorurteilsreduzierende Effekt durch die Häufigkeit
der Kontakte mit Ausländer:innen deutlich, wobei soziale Distanz zwischen den beteiligten
Personen eine erhebliche Rolle spielt: Kontakte zu Ausländer:innen im eigenen Freund:innen-
und Bekanntenkreis haben hier eine deutliche stärkere vorurteilsreduzierende Wirkung als

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Kontakte am Arbeitsplatz und in der Nachbarschaft (vgl. Wagner et al. 2002). Des Weiteren
zeigen Studien im Kontext der Flüchtlingskrise, dass Menschen mit Fluchthintergrund von je-
nen Personen, die bereits Kontakt zu Geflüchteten hatten, positiver wahrgenommen werden
als von Personen, die noch keinen begegnet waren (Kotzur et al. 2018, 2019).

4. Zielsetzung/Forschungsfragen

Das Ziel dieses Teilprojekts besteht darin zu untersuchen, inwieweit dienstliche Kontakte von
Beschäftigten des öffentlichen Diensts zu Ausländer:innen bzw. Personen mit Migrationshin-
tergrund dazu führen, dass gruppenbezogene Abwertungen, ethnische Vorurteile und Diskri-
minierungsbereitschaft befördert oder reduziert werden, und welche Faktoren diese Zusam-
menhänge mediieren und moderieren.
Es soll untersucht werden, ob die Kontaktsituationen positiv oder negativ zu bewerten sind und
wie diese Kontakterfahrungen sich auf die Einstellungen der Beschäftigten auswirken. Darüber
hinaus wird eine genaue Evaluation der vermittelnden (mediierenden) und interagierenden
(moderierenden) Faktoren angestrebt. Hierbei kann auf Operationalisierungen aus den GMF-
Studien zurückgegriffen werden, die episodische bzw. chronische Intergruppenemotionen er-
fassen (Kauff et al. 2017).

5. Beitrag zum Gesamtvorhaben „Rassismus in Institutionen und gesellschaft-
   licher Zusammenhalt“

Das Teilprojekt ist in der Lage, das Verhältnis von Kontakten zu Ausländer:innen bzw. Perso-
nen mit Migrationshintergrund und ethnischen Vorurteilen systematisch zu untersuchen und
Maßnahmen gegen Praktiken der Ausgrenzung aufgrund ethnisch bedingter Motive zu entwi-
ckeln.

6. Methoden, empirischer Zugang, Vorgehen

Im Rahmen von Sekundäranalysen aus vorhandenen empirischen Untersuchungen (z. B.
GMF-Studien, ALLBUS, ESS) werden zunächst bestehende Konzepte und Messungen (Ska-
len und Items) zu Intergruppenkontakten aufgearbeitet, analysiert und für die Eignung in einer
Primärerhebung (Beschäftigtenstichprobe, Projekt A06) geprüft. Des Weiteren wird auf Daten
des „FGZ-Zusammenhaltspanels“ zurückgegriffen, die ab 2022 zur Verfügung stehen. Hierbei
wird eine Zusammenarbeit mit dem Projekt B11 (Lengfeld) angestrebt. Ergänzende Konzepte
und Skalen (z. B. Skalen zur Messung von Intergruppenemotionen, vgl. Kauff et al. 2017; Ska-
len zur Messung von Motivationen, nicht vorurteilsbehaftet zu reagieren, vgl. Plant und Devine
1998) werden auf Eignung für die Primärerhebung geprüft.
Innerhalb eines Vignettendesigns (Rossi 1979) sollen den befragten Personen der Beschäf-
tigtenstichprobe Vignetten, d.h. kurze verbale Darstellungen von hypothetischen Kontaktsitu-
ationen, angesichts derer die Befragten über ihre Einstellungen, Handlungsintentionen oder
Entscheidungen Auskunft geben sollen, präsentiert werden. Hierbei stehen keine experimen-
tellen Designs im Vordergrund, sondern die Simulation von Ausschnitten der alltäglichen Er-
fahrungen in der jeweiligen Behördensituation (vgl. Eifler et al. 2015). Klassifikationsverfahren
(vgl. Reinecke/Tarnai 2008) werden für die Auswertungen der Kontaktsituationen herangezo-
gen, um typische Interaktionsmuster im Intergruppenkontakt zu identifizieren. Für experimen-
telle Designs zur Erfassung von Entscheidungssituationen wird eine Zusammenarbeit mit Pro-
jekt B12 (Traunmüller) angestrebt. In Bezug auf Zusammenhänge zu den Einstellungen in
Beschäftigen-Netzwerken ist eine Zusammenarbeit mit Projekt B09 (Windzio) geplant. Neben

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den deskriptiven Auswertungen werden multivariate Auswertungen mit Strukturgleichungsmo-
dellen (vgl. Reinecke 2014) erfolgen, um direkte und indirekte Einflußstärken der relevanten
Größen zur Erklärung von ethnischen Vorurteilen bestimmen zu können. Für die Analysen
sollen auch Daten der Projekte B09 (Windzio), B10 (Kühne/Kroh) und B11 (Lengfeld) verwen-
det werden.

7. Kriterien für die Messung der Zielerreichung

Es gibt bisher keine Studie, die Intergruppenkontakte in Institutionen des öffentlichen Dienstes
im Rahmen einer Beschäftigtenbefragung untersucht hat. Es liegt eine ausreichende Anzahl
von empirisch getesteten Fragestellungen, Items und Skalen vor, die sich für eine solche Un-
tersuchung eignen. Die geplanten Sekundäranalysen stellen sicher, dass reliabel und valide
Messinstrumente für die Primärstudie (Projekt A06) eingesetzt werden können, so dass auf
langwierige und zeitraubende Instrumentenentwicklungen verzichtet werden kann. Für die Ent-
wicklung von Vignetten sind kognitive Pretests vorgesehen, die in Zusammenarbeit mit der
GESIS (Mannheim) durchgeführt werden sollen.

8. Output

Aus der systematischen Betrachtung der Intergruppenkontakte (positiver Kontakt, negativer
Kontakt) und deren Einflüsse auf ethnische Vorurteile lassen sich mögliche Veränderungen
auf die Organisationseinheiten in den Institutionen des öffentlichen Dienstes ableiten. Wenn
es die Konzeption der Beschäftigtenstichprobe zulässt, dann könnten mit einer zweiten Erhe-
bung (Wiederbefragung) die Wirkung von Interventionsmaßnahmen zusätzlich geprüft wer-
den. Neben Publikationen sind Workshops unter Beteiligung der untersuchten Institutionen
des öffentlichen Dienstes geplant, die eine Reflexion der Untersuchungsergebnisse ermögli-
chen sollen.

9. Feldzugänge

Der Feldzugang erfolgt für die Primärerhebung und den Einsatz mit der geplanten Beschäftig-
tenstichprobe (Projekt A06). Die konsequente Einhaltung des Datenschutzes und die Verar-
beitung vollständig anonymisierter Befragungsdaten sind hierbei zu gewährleisten.

10. Bezüge zu bestehenden FGZ-Projekten

In dem FGZ-Projekt BIE_F_02 (Reinecke/Verneuer) werden Item- und Skalenanalysen zu
Konstrukten vorgenommen, die in die Konzeption des FGZ-Panels einfließen. Des Weiteren
sollen im Rahmen von Online-Pretests Vignettendesigns getestet werden, deren Erkenntnisse
hier berücksichtigt werden können.

11. Einbeziehung von externen Kooperationspartner:innen/-projekten

Prof. Dr. Ulrich Wagner (Universität Marburg) als Experte für kontakttheoretische Konzepte,
Modelle sowie deren empirische Umsetzung.
Dr. Lena Verneuer (RWTH Aachen) als Expertin für die Konzeption von Vignettendesigns fak-
torieller Surveys und den Einsatz von Scenario-Techniken in Umfragen.




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12. Beantragte Projektkosten gesamt

Siehe separaten Kostenansatz.

13. Laufzeit

01/22 – 09/24

14. Arbeitsplan

                   Arbeitsschritte                        2021     2022       2023      2024


Sekundäranalysen (z. B. GMF-Studien, ALLBUS, ESS)


Auswahl der Instrumente für die Beschäftigtenberatung

Entwicklung eines Vignettendesigns, Pretests, Aufarbei-
tung aller Instrumente für die Beschäftigtenbefragung

Feldphase der Beschäftigtenbefragung, Zusammenarbeit
mit den Projekten A06, B09, B10, B11 und B12

Aufbereitung des Datenmaterials und Auswertung der
projektspezifischen Instrumente

Publikationen, Workshops, Berichte an die Institutionen
(Transfer), Abschlussbericht



15. Literaturverzeichnis

Allport, Gordon W. (1954): The nature of prejudice. Oxford, UK.
Asbrock, Frank/Wagner, Ulrich/Christ, Oliver (2006): Diskriminierung. Folgen der Feindselig-
keit. In: Heitmeyer, Wilhelm (Hrsg.): Deutsche Zustände. Folge 4. Frankfurt/M., S. 146–175.
Christ, Oliver/ Wagner, Ulrich Wagner (2008): Interkulturelle Kontakte und Gruppenbezogene
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