2022-03-31-rkiabteilung2-planungs-undumsetzungskonzept-ifg

Dieses Dokument ist Teil der Anfrage „IFG-Antrag Strategiekonzept für Abt. 2

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- bedient Abteilung 2 aus einer Hand. Das Verständnis dafür, dass diese Bereiche eng ver-
zahnt agieren müssen, um die Adressatinnen und Adressaten kontinuierlich und aktuell mit
qualitativ hochwertigen Informationen zu versorgen, ist Voraussetzung für die Ergebnisdis-
semination als eine Säule des HIS. Über ein HIS werden handlungsrelevante Informationen
und Erkenntnisse zeitnah an die relevanten Nutzergruppen und Public-Health-Akteure kom-
muniziert, was eine Voraussetzung für die Entwicklung geeigneter Maßnahmen zum Errei-
chen übergeordneter Public-Health-Ziele darstellt. Zur Steuerung des HIS bedarf es einer
Governance-Struktur, welche die Strategie der adressatengerechten Dissemination der In-
formationen festlegt und kontinuierlich weiterentwickelt. Dazu gehören auch die Themen-
planung und die Planung der wissenschaftlichen Publikationen der Abteilung. Die Dissemi-
nationsstrategie umfasst die drei Kernbereiche Inhalt, Zielgruppen bzw. Adressatinnen und
Adressaten und Formate (einschließlich deren Evaluation).

Das HIS soll kontinuierlich weiterentwickelt werden. Dabei wird die Skalierbarkeit und An-
schlussfähigkeit an ein übergreifendes RKI-Public-Health-Informationsangebot berücksich-
tigt, das sich derzeit noch in einer frühen Konzeptionsphase befindet. Ebenso werden
Schnittstellen zu bereits bestehenden Informationsangeboten wie z.B. des Statistischen
Bundesamtes (Informationssystem der GBE des Bundes, www.gbe-bund.de), der BZgA, des
IQWiG (www.gesundheitsinformation.de) und des BMG (Nationales Gesundheitsportal,
www.gesund.bund.de) geschaffen. Die Schnittstellen werden dabei so operationalisiert,
dass Redundanzen weitgehend vermieden werden und das Informationsangebot für die
Zielgruppen optimiert wird.

Die Zusammenarbeit zwischen der GBE des Bundes und der GBE der Länder und Kommunen
sowie dem ÖGD spielt im Rahmen der HIS-Konzeptentwicklung eine wichtige Rolle und soll
ausgebaut werden. So werden bei den Daten- und Informationsangeboten Auswertungsop-
tionen für die Länder und, soweit von der Datenlage her möglich, auch gegliederte regionale
Stratifizierungen implementiert. Zudem soll auch die Vernetzung mit den internationalen
Akteuren wie WHO und OECD vernetzt werden. Durch die Mitarbeit des RKI an einem nach-
haltigen EU-HIS wird sich die im Bereich der Infektionskrankheiten gut etablierte Koopera-
tion mit europäischen Organisationen ebenfalls für die nicht-übertragbaren Krankheiten
verstärken.

Den inhaltlichen Rahmen des HIS bilden das Indikatorensystem der Public Health Sur-
veillance am RKI (siehe Abschnitt 2 Public Health Surveillance) und im internationalen Kon-
text beispielsweise die European Core Health Indicators (ECHI), auf deren Basis Daten aufbe-
reitet und analysiert werden. ECHI ist ein in enger europäischer Zusammenarbeit entwickel-
tes, kohärentes und vielfach konsentiertes Indikatorensystem. Über das Indikatorensystem
der Public Health Surveillance werden die inhaltlichen Schwerpunkte der Abteilung abgebil-
det. Ergänzt werden diese durch die nationale Krankheitslastberechnung der GBE, die abtei-
lungsübergreifend Informationen zu übertragbaren und nicht-übertragbaren Erkrankungen
in die Public Health Surveillance einspeist. Inhaltliche Aufgaben des HIS bestehen u. a. in der
redaktionellen Auswahl von Themen im Abgleich mit den Anforderungen der Zielgruppen,
der Sicherung von Kontinuität und Vergleichbarkeit der Indikatoren sowie der Überprüfung
der Indikatoren in Absprache mit Fachexpertinnen und -experten. Um alle Public-Health-re-
levanten Themen im HIS abbilden zu können, werden neben den in Abteilung 2 erhobenen
Daten - vor allem aus der bereits beschriebenen Public Health Surveillance - auch weitere



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Datenquellen (z.B. GKV-Daten, amtliche Statistik, Ergebnisse publizierter Studien) ggf. durch
die Entwicklung von Auswertungsroutinen erschlossen und genutzt.

Das geplante HIS richtet sich an ein breites Spektrum von Zielgruppen. Zu diesen gehören
(Gesundheits-)Politik, Wissenschaft (epidemiologische und Public-Health-Forschung und -
Lehre), Akteure im Gesundheitswesen (z.B. Krankenkassen, Wohlfahrtsverbände, Gesund-
heitsberufe, Selbsthilfeorganisationen), Vertreterinnen und Vertreter der Zivilgesellschaft
(z.B. NGOs, Medien). Das HIS kann dabei von allen Gruppen der Bevölkerung für Informati-
onszwecke genutzt werden.

Entsprechend werden im HIS adressatenorientiert unterschiedliche Informationsangebote
unterbreitet - von Datentabellen über Visualisierungen und die Formulierung zentraler Aus-
sagen bis zu längeren Texten - und damit die bisherigen Angebote deutlich erweitert und
verbessert. Die Demokratisierung von Health Reporting, d.h. die Einbindung der Nutzerin-
nen und Nutzer sowie von jenen sozialen Gruppen, über die berichtet wird, in die Konzep-
tion und Weiterentwicklung des HIS, erhöht die Nutzerfreundlichkeit im Hinblick auf Dar-
stellungsweise und Inhalte. Gemeinsame zu implementierende Arbeitsformen wie Work-
shops oder Konsultationen mit Politik, Praxis und Betroffenen selbst können auch für die ge-
meinsame Entwicklung von Empfehlungen genutzt werden.

Das Informationsangebot des HIS besteht im Kern aus einem interaktiven, thematisch aufge-
bauten Online-Informationsangebot als zentrale Anlaufstelle, in die verschiedene Formate
integriert werden können. Dadurch ist ein niedrigschwelliger Zugang zu den Informationen
gewährleistet und die schnelle Erfassung relevanter Informationen wird ermöglicht. Gleich-
zeitig ist vorgesehen, auf vertiefende Informationen zuzugreifen und je nach Inhalt und Ziel-
gruppe unterschiedliche Formate auszuwählen. Zwei Formate spielen dabei eine herausge-
hobene Rolle: ein übergreifendes Dashboard zur Datenvisualisierung und das JoHM für ver-
tiefende Analysen.

Die transparente und schnelle Darstellung der Ergebnisse der Abteilung 2 wird durch die Vi-
sualisierung in einer umfassenden digitalen Webplattform in Form eines Dashboards unter-
stützt. Das Dashboard fokussiert auf die Darstellung einer Anzahl von Indikatoren aus den
thematischen Schwerpunkten der Abteilung 2 und wird von einordnenden Texten begleitet.
Zukünftig soll dieses Dashboard in ein zu entwickelndes RKI-weites Dashboard („RKI Daten-
portal“) integriert werden. Nutzerinnen und Nutzer sollen die Möglichkeit erhalten Inhalte
herunterzuladen. Durch eine übersichtliche, schnell erschließbare Umgebung und einen ein-
fachen Zugriff auf Ergebnisse soll die Nutzerfreundlichkeit gesteigert werden. Hierbei soll
auch geprüft werden, inwieweit Elemente eines automatisierten Reportings genutzt werden
können.

Weiterhin sollen spezifische Themen mittels „Visual Storytelling“ im Detail dargelegt wer-
den. Anhand einer Ausgangsfrage können in kurzen Texten unter Zuhilfenahme von interak-
tiven Visualisierungen komplexe Sachverhalte erklärt werden. Hierbei sollen die Nutzenden
auch die Möglichkeit erhalten, selbstständig online Basis-Analysen zu eigenen Fragestellun-
gen durchzuführen. Nicht zuletzt sollen ausgewählte Informationen auch in Leichter Sprache
zugänglich sein, ggf. auch über Verknüpfungen mit anderen Anbietern.




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Das JoHM ist die von der GBE am RKI herausgegebene Fachzeitschrift, die online und open
access zur Verfügung gestellt wird. Es enthält vertiefende Analysen zur Gesundheit der Be-
völkerung in Deutschland und ihren Einflussfaktoren, die eine umfassende Einordnung von
Forschungsergebnissen umfasst. Alle Beiträge durchlaufen ein externes Peer Review und er-
scheinen zeitgleich auf Deutsch und Englisch. Das Layout des Journals wurde für die Lesbar-
keit auf mobilen Endgeräten optimiert, und alle Artikel werden barrierearm angeboten. Das
JoHM existiert seit 2016 und ist seit 2021 in PubMedCentral gelistet, so dass es in Zukunft
noch stärker in der Wissenschaft sichtbar sein wird. Das JoHM verfügt über ein Editorial
Board, das als beratendes Gremium u.a. eine „Themenscouting“-Funktion wahrnimmt und
neue Impulse aus den Arbeits- und Forschungsfeldern der Mitglieder einbringt. Eine strate-
gische Weiterentwicklung des JoHM beinhaltet neben der Integration in das HIS auch eine
Profilschärfung. Dabei sollen die Begleitgremien sowie die Nutzerinnen und Nutzer des Jour-
nals einbezogen werden. Weiterhin ist die Anpassung der Rubriken an die Erfordernisse der
Public Health Surveillance der Abteilung geplant, z.B. ein Ausbau des Bereichs „Concepts &
Methods“ für Studienprotokolle, Datensatzbeschreibungen und Bioprobenbeschreibungen
sowie eine Erhöhung der Reichweite und Verstärkung der internationalen Sichtbarkeit z.B.
durch Listung in PubMed mit entsprechenden Impact-Parametern. Um diese Erweiterungen
realisieren zu könne, soll das JoHM zukünftig mittels eines Zeitschriftenmanagementsys-
tems (Editorial Management System) unterstützt werden.

Über das Dashboard und das JoHM hinaus sollen weitere Formate für das HIS entwickelt
werden, die sich vorrangig an bestimmte Zielgruppen richten. Um die Sichtbarkeit bei poli-
tisch Entscheidenden zu erhöhen, sind beispielsweise sogenannte Policy Briefs denkbar, die
als kurzes Informationsangebot für die Politik wichtige Eckdaten mit konkreten Empfehlun-
gen verknüpfen. Diese können auch um Szenarien erweitert werden, welche sich auf ver-
schiedenen Entwicklungen von Einflussfaktoren in der Bevölkerung gründen und die Not-
wendigkeit von politischen Entscheidungen verdeutlichen. Zur Evidenzsynthese sollen ver-
schiedene Formen von Übersichtsarbeiten (Reviews) erstellt (z.B. Scoping Reviews, Rapid
Reviews oder Realist Reviews) und regelmäßig aktualisiert werden (Living Reviews). Bei der
Erstellung dieser neuen Produkte ist eine enge Zusammenarbeit mit extern Einrichtungen
und Expertinnen und Experten geplant.

Eine begleitende Kommunikation aktueller Inhalte des HIS über soziale Medien und Presse-
arbeit soll der Erhöhung der Reichweite des HIS und der Sensibilisierung der Öffentlichkeit
für wichtige Gesundheitsthemen dienen. Eine wichtige Zielgruppe stellen hier Datenjouna-
listinnen und -journalisten dar, die sich beispielweise bei Twitter über aktuell bereitgestellte
Daten informieren. Weiter sollen Tweets und Threads zur anlassbezogenen Verbreitung von
Nachrichten, wie zum Beispiel zum Weltdiabetestag genutzt werden. Zudem können Erklär-
filme auf YouTube eingestellt werden, welche spezifische Themen näher erläutern und zu-
sammenfassen. Die Nutzung eines eigenen Twitterkanals wird erwogen.

Bei der Auswahl, Weiterentwicklung und Vorbereitung dieser Formate werden Erkenntnisse
aus anderen internationalen Best-Practice-Beispielen und Systemen miteinbezogen (siehe
Abbildung 7).




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Abbildung 7: Best-Practice-Beispiele für Digitalformate




In diesem Kontext ist beispielweise das „Storytelling“ der Public Health Foresight Study aus
den Niederlanden zu nennen. Mittels Fragen in Kombination aus Text und interaktiven Gra-
fiken wird der Inhalt gut strukturiert für eine breite Leserschaft zur Verfügung gestellt
(https://www.vtv2018.nl/en/life-expectancy). Das Schweizerische Gesundheitsobservato-
rium offeriert ein Tool zur Datenvisualisierung von Indikatoren zu bestimmten Gesundheits-
themen mit relativ kurzer Beschreibung des Hintergrundes und der Methodik
(https://www.obsan.admin.ch/de/indikatoren/diabetes-mellitus). Im Bereich von Datenban-
ken bildet die Fingertips Platform von Public Health England ein schönes Beispiel für eine
umfassende Datenbank inklusive visualisierter Datenabfrage (https://finger-
tips.phe.org.uk/profile/diabetes-ft/data). Weitere beispielsgebende interaktive Angebote
werden vom RIVM in den Niederlanden bereitgestellt (https://www.rivm.nl/games.eenge-
zondernederland). Im Bereich Social Media bietet das CDC vielfältige Aktivitäten, welche
von Twitter und Facebook hinzu Podcasts und weiteren Tools reichen.

Eine regelmäßige formative Evaluation der Ergebnisdissemination ist ein wichtiger Bestand-
teil der digitalen GBE, um die kontinuierliche Weiterentwicklung sicherzustellen. Ziel ist es,
zum einen die Nutzung und Wirkung des HIS zu überprüfen und zum anderen die sich wan-
delnden Anforderungen der Adressatinnen und Adressaten sowie neue Erkenntnisse aus der
Wissenschaft zur Informationsaufbereitung in der Weiterentwicklung zu berücksichtigen.
Aufbauend auf wissenschaftlichen Vorarbeiten können quantitativ wie qualitativ erfassbare
Indikatoren für die kurzfristige und langfristige Bewertung der Reichweite und Wirkung defi-
niert werden. Beispielsweise soll die Dissemination in wissenschaftlichen Netzwerken in
Form von Zitationen sowie der Verbreitung über Social Media-Kanäle (z.B. Altmetric scores)
gemessen werden. Darüber hinaus soll die Umsetzung in die Praxis die Berücksichtigung der




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Publikationen in systematischen Reviews und Leitlinien und auch in politischen Entscheidun-
gen analysiert werden. Nicht zuletzt soll hierbei auch ein kontinuierlicher Dialog mit wichti-
gen Stakeholdern und Adressatengruppen geführt werden.

Ressourcenbedarfsschätzung

Personal- und Sachmittel

 RKI Health Information System        2023        2024          2025            Dauerhaft p.a.
 (HIS)

 Personalstellen                      24          26            28              28

 Personalstellen beantragt über                                                 14,5
 “RKI 2025”

 Sachmittel                           300.000     300.000       300.000         300.000



Maßnahmen und Zeitplanung

 #      Maßnahmenbeschreibung                               Ergebnis                 Umsetzung
                                                                                     bis Ende:

 I4.1   Entwicklung eines Anforderungsprofils (Lasten-      Lastenheft und           Q3/2022
        heft) sowie einer Aufbau- und Ablaufstruktur (Be-   Betriebskonzept
        triebskonzept) für das HIS in einer fachgebiets-    für das HIS lie-
        übergreifenden Arbeitsgruppe (siehe Anhang 1).      gen vor

 I4.2   Ausschreibung von durch externe Dienstleister zu    Externe Partner          Q4/2022
        erbringenden Teilleistungen                         vertraglich fest-
                                                            gelegt

 I4.3   Umsetzung und Probebetrieb des HIS, Übergang        Regelbetrieb HIS         Q2/2023
        in den Regelbetrieb

 I4.4   Laufende Evaluation und Weiterentwicklung des       Jährlich aktuali-        Erstmalige
        Betriebskonzepts des HIS in einer fachgebiets-      siertes Betriebs-        Revision
        übergreifenden Arbeitsgruppe (siehe Anhang 1)       konzept                  Q4/2023,
                                                                                     dann jährlich
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3.4. Distribution: RKI Biobank

Ausgangssituation

Von den Teilnehmenden der bevölkerungsbezogenen Untersuchungsstudien des RKI-Ge-
sundheitsmonitorings (BGS98, KiGGS-Basiserhebung, DEGS, KiGGS Welle 2) wurden Blut-
und Urinproben erbeten und im Epidemiologischen Zentrallabor analysiert. Ziel war die Be-
stimmung wichtiger laborgestützter Indikatoren zum Gesundheitsverhalten oder zum Ge-
sundheitsstatus. Als objektive messbare, aber zumeist eher kurzzeitig gültige Indikatoren
können Laborwerte einerseits Befragungsdaten verifizieren (z.B. zum Rauchverhalten oder
Alkoholkonsum). Andererseits können sie Informationen liefern über gesundheitsbezogene
Merkmale, die den Betroffenen nicht bewusst sind und daher über Befragungen nicht ge-
wonnen werden können (z.B. Blutzuckerspiegel, Blutfette, Antikörperstatus).

Die Studienteilnehmenden wurden nicht nur um ihre Einwilligung in das jeweils studienbe-
zogen definierte Labormessprogramm gebeten, sondern auch um eine optionale Teileinwil-
ligung, dass Teile ihrer Bioproben langfristig eingelagert und für spätere, noch nicht genau
definierte Forschungsfragen genutzt werden dürfen. Da die überwiegende Mehrheit der
Teilnehmenden dieser Langzeitlagerung zugestimmt hat, ist über die Jahre eine umfangrei-
che Biobank an Blutserum- und Urinproben entstanden, die bei -80°C im Epidemiologischen
Zentrallabor eingelagert sind. Auch in der aus aktuellem Anlass initiierten Studie CORONA-
MONITORING lokal wurden Serum-Langzeitlagerproben gewonnen.

Diese Proben sind durch ihren Bevölkerungsbezug und die Verknüpfbarkeit mit den sehr
umfangreichen studienbezogen erhobenen Befragungs- und Untersuchungsdaten ausge-
sprochen wertvoll. Um diese einmalige und unwiederbringliche Ressource vor leichtfertigem
Verbrauch zu schützen, hat das RKI ein striktes Reglement für die Beantragung und Bewilli-
gung einer Nutzung dieser Langzeitproben durch interne und externe Wissenschaftlerinnen
und Wissenschaftler erarbeitet (Dokument „Verfahren Survey-Rückstellproben.pdf“) und
die Existenz der Bioproben in Fachkreisen nicht aktiv beworben.

Infolge dieser zurückhaltenden Öffentlichkeitsarbeit erfolgten Nutzungsanfragen bislang e-
her sporadisch, so dass die Biobank über die Jahre immer mehr angewachsen ist. Der ei-
gentliche gesellschaftliche Nutzen der Bioproben jedoch, nämlich ein Erkenntnisgewinn
durch neue oder weitergehende Laboranalysen mit nachfolgender wissenschaftlicher Aus-
wertung der Messergebnisse unter Verwendung der vorhandene Erhebungsdaten, konnte
bislang nur in relativ geringem Umfang erreicht werden. Es sollen daher Strukturen und Ver-
fahren etabliert werden, um nicht nur die Gewinnung und Lagerung, sondern auch die regel-
mäßige wissenschaftliche Nutzung der Bioproben sicherzustellen.

Zielbeschreibung

Es soll eine professionalisierte Biobank (RKI Biobank) mit historischen und zukünftigen Bi-
oproben aus dem bevölkerungsbezogenen RKI-Gesundheitsmonitoring aufgebaut und be-
trieben werden. Die Biobank soll nicht nur Proben sammeln und kontrolliert lagern, sondern
als Forschungsinfrastruktur dem wissenschaftlichen Erkenntnisprozess durch interne und



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externe Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gezielt nutzbar machen. Zur Erreichung
dieser Ziele sind folgende Schritte notwendig:

   ● Dokumentation aller eingelagerten Proben mit Lagerungsort und -bedingungen (fort-
     laufendes Temperaturmonitoring, ggf. Um-/Auslagerungen und Auftau-/Einfrierzyk-
     len) in einem professionellen Probenmanagementsystem
   ● Verschlankung des Reglements zur Beantragung und Bewilligung einer Probennut-
     zung durch interne und externe Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
   ● Bekanntmachung und Beschreibung der vorhandenen Proben (Material, Menge,
     Stichprobe, Zeitraum der Gewinnung, bereits gemessene Laborwerte, verknüpfte Er-
     hebungsdaten) in einschlägigen wissenschaftlichen Biobank-Portalen und Veröffent-
     lichungen
   ● Jährliche Ausschreibungen mit Freigabe eines Teils der Proben unter inhaltlichen
     Vorgaben zur Nutzung oder als freier Ideenwettbewerb

Unter der Maßgabe, dass auch in zukünftigen Studien des RKI-Gesundheitsmonitorings Blut-
proben in ausreichender Menge venös gewonnen und zu Serum oder Plasma aufgearbeitet
werden können, wird mittelfristig ein Fließgleichgewicht zwischen eingehenden und ausge-
henden Bioproben angestrebt. Da die Proben auch bei -80 °C mit der Zeit altern, könnte un-
ter Annahme einer beispielsweise zehnjährigen Nutzungszeit jedes Jahr 10 % der Proben ei-
ner Studie zur wissenschaftlichen Nutzung ausgelobt werden. Über diese Maßnahme
könnte die Biobank mit einer konstanten Lagerkapazität betrieben werden, ohne dass die
Gesamtprobenmenge ständig anwächst.

Die Urin- und Serumproben der RKI Biobank stellen nicht nur für wissenschaftliche Frage-
stellungen mit zwingendem Bevölkerungsbezug eine wertvolle Ressource dar (z.B. zur Schät-
zung der Seroprävalenz von Antikörpern gegen ein scheinbar neuartiges Virus in Bevölke-
rungsgruppen der Vergangenheit). Denn aus dem umfangreichen Probenmaterial können
zudem maßgeschneiderte Kontrollgruppen für Patientenstudien über definierte Gesund-
heitsstörungen ausgewählt werden (z.B. alters- und geschlechts-„gematchte“ Kontrollgrup-
pen für Studienpatientinnen mit Brustkrebs oder Demenz). Daher verspricht die verstärkte
Öffnung und aktive Bewerbung der Probennutzung einen außerordentlich hohen wissen-
schaftlichen Ertrag in ganz unterschiedlichen inhaltlichen und institutionellen Kontexten.

Um einen wissenschaftlichen Nutzen auch für das RKI sicherzustellen, soll die externe Pro-
bennutzung an ein Kooperationsgebot mit dem RKI geknüpft werden. Dadurch sollen auch
die Expertise des RKI und das Wissen über die Bedingungen der Probengewinnung und La-
gerungshistorie in die Ergebnisinterpretation mit einfließen, damit z.B. Fehlschlüsse auf-
grund von Störfaktoren, die den Auswertenden nicht bekannt sind, vermieden werden.

Die Mittel für die Laboranalytik wären vom Nutzer aufzubringen. Die Analysen selbst könn-
ten im Falle freier Valenzen und etablierter Methoden vorzugsweise im Epidemiologischen
Zentrallabor des RKI, andernfalls in externen Laboren (forschende Universitätsinstitute,
kommerzielle Labore) durchgeführt werden.




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Ressourcenbedarfsschätzung

Personal- und Sachmittel

 RKI Biobank                         2023         2024          2025        Dauerhaft p.a.

 Personalstellen                     5            5             5           5

 Sachmittel                          275.000      275.000       275.000     275.000



Maßnahmen und Zeitplanung

 #      Maßnahmenbeschreibung                                Ergebnis           Umsetzung
                                                                                bis Ende:

 I5.1   Erarbeitung und Abstimmung verschlankter Bean-       Neue Beantra-    Q1/2022
        tragungs- und Entscheidungsregeln zur Proben-        gungs- und Ent-
        nutzung, Pilotpromotion von Serumproben aus          scheidungsre-
        dem Corona-Monitoring                                geln zur Proben-
                                                             nutzung, JoHM-
                                                             Veröffentlichung
                                                             zur Probennut-
                                                             zung

 I5.2   Entscheidung und Vereinbarung zur Probennut-         Probennutzungs- Q2/2022
        zung, Aliquotierung und Versand der Proben, Pro-     vereinbarung ab-
        zess-Evaluation, ggf. Nachjustierung der Beantra-    geschlossen,
        gungs- und Entscheidungsregeln zur Probennut-        Proben versandt,
        zung                                                 ggf. überarbeite-
                                                             tes Regulatorium

 I5.3   Promotion weiterer Serumproben aus dem RKI-          Erneute JoHM-     Q3 - Q4/2022
        Gesundheitsmonitoring, Entscheidung und Ver-         Veröffentlichung
        einbarung zur Probennutzung, Aliquotierung und       zur Probennut-
        Versand der Proben, gemeinsame Ergebnisaus-          zung, Einträge in
        wertung, ggf. erste Veröffentlichung, Prozess-Eva-   einschlägigen
        luation                                              Probenportalen,
                                                             erste Ergebnis-
                                                             publikation

 I5.4   Verstetigung und laufende Evaluation des Prozes-                        ab Q1/2023
        ses zur Gewinnung und Nutzung von Bioproben




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Synergiepotenziale und Schnittstellen zu anderen RKI-Abteilungen und -Organisations-
einheiten

Alle beschriebenen Vorhaben sollen innerhalb der Abteilung im Rahmen von fachgebiets-
übergreifenden Arbeitsgruppen weiterentwickelt werden (siehe Anhang 1 zu den Beiträgen
der Fachgebiete). Hierbei sollen Synergiepotenziale innerhalb der Abteilung, zu anderen RKI-
Abteilungen und -Organisationseinheiten sowie zur wissenschaftlichen Fachöffentlichkeit
systematisch identifiziert und weiterentwickelt werden. Im Rahmen dieses Strategiekon-
zepts werden lediglich drei denkbare Schnittstellen und Synergiepotenziale aufgeführt:

   ● Die in der Abteilung zu entwickelnde Public Health Surveillance ist um Infektions-
     krankheiten erweiterbar und kann zu einer fruchtbaren Kooperation mit Abteilung 3
     führen.
   ● Ein Datenerhebungsprotokoll soll im JoHM Studienregister veröffentlicht werden
     und führt - falls alle fachlichen, operativen und finanziellen Voraussetzungen erfüllt
     sind - zu einer Datenerhebung im RKI Panel. Innerhalb der Abteilung aufbereitete
     Datensätze werden an das Forschungsdatenzentrum (MF 4) des RKI übergeben und
     von dort aus intern wie extern distribuiert.
   ● Aus dem RKI Panel heraus soll es eine Anbindung an das Zentrum für Künstliche In-
     telligenz in der Public-Health-Forschung (ZKI-PH) geben, so dass gemeinsame Frage-
     stellungen bearbeitbar sind. Besonders interessant für diese Kooperation dürften die
     multiplen Datenquellen des RKI Panel sein, also die Kombination aus Befragungs-,
     Untersuchungs-, Labor- und Trackingdaten.




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4. Forschungs- und Drittmittelstrategie

Ausgangssituation

Das bisherige Forschungsprogramm der Abteilung 2 ist zugleich als Anwendungs- und in ge-
ringerem Umfang als Grundlagenforschung angelegt. Es nimmt relevante Fragestellungen
aus dem wissenschaftlichen Public-Health-Diskurs, der Public-Health-Praxis sowie der Ge-
sundheitspolitik auf, die der Bearbeitung aktueller und antizipierter Amtsaufgaben dienen.
Aktuelle öffentliche Erkenntnisbedarfe, wie z.B. Forschungsfragen zur COVID-19-Pandemie,
nehmen eine große Rolle ein und binden erhebliche Teile der Forschungskapazitäten der
Abteilung.

Allen in der Abteilung verfolgten Forschungsthemen ist gemein, dass sie jeweils essentiell
für die Planung von Präventionsmaßnahmen und Versorgungsstrukturen und somit von
höchster Public-Health-Relevanz sind. Darüber hinaus adressiert die Abteilung 2 mehrere in
der Forschungsagenda 2018-2025 des RKI spezifizierte Forschungsprioritäten. Im Einzelnen
werden aktuell folgende Forschungsthemen verfolgt:
    ● Körperliche Gesundheit (FG 25)
    ● Psychische Gesundheit (FG 26)
    ● Gesundheitsverhalten (FG 27)
    ● Soziale Determinanten der Gesundheit (FG 28)
    ● Befragungs- und Untersuchungsmethodik (FG 21, 23)
    ● Optimierung laboranalytischer Methoden (FG 22)
    ● Begleitforschung zur zielgruppenadäquaten Gesundheitsberichterstattung (FG 24)
    ● Forschung mit Krebsregisterdaten (ZfKD)

Nachfolgend werden diese Forschungsthemen skizziert.

Analysen zur körperlichen Gesundheit im Lebensverlauf adressiert das Fachgebiet 25. Die
Forschungsagenda des Fachgebiets fokussiert auf ausgewählte nicht-übertragbare chroni-
sche Krankheiten (NCD) von hoher Public-Health-Relevanz (z.B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen
und Diabetes mellitus) und lebensphasenspezifische Aspekte gesundheitlicher Ressourcen
und Risiken (z.B. Gesundheit von Kindern und Jugendlichen, jungen Erwachsenen sowie älte-
ren und hochaltrigen Menschen). Forschungslinien umfassen:
    ● Die Weiterentwicklung von Konzepten und Indikatoren für eine systematische und
       fortlaufende Erhebung, Analyse und Bewertung epidemiologischer Kerninformatio-
       nen zu wichtigen körperlichen NCD (Krankheitshäufigkeiten, ursachenspezifische
       Mortalität und vorzeitige Sterblichkeit, Verbreitung von Krankheitsvorstufen und be-
       einflussbaren biologischen Risikofaktoren) als fester Bestandteil des bundesweiten
       RKI-Gesundheitsmonitorings.
    ● Die Weiterentwicklung von Konzepten und Indikatoren für eine geschlechter- und
       lebensphasensensible Erfassung und Analyse von zentralen Aspekten der körperli-
       chen Gesundheit (subjektive Gesundheit, gesundheitsbezogenen Lebensqualität,
       körperliche und kognitive Funktionsfähigkeiten, Teilhabe, Risikofaktoren) unter Ein-
       schluss bislang unzureichend in das RKI-Gesundheitsmonitoring integrierter älterer
       Menschen in der häuslichen oder stationären Langzeitpflege.



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